Von der neuen Unsichtbarkeit über Guillaume Paoli zum NetzDG – der kulturalistischen „Linken“ ins Stammbuch geschrieben

Ein instruktives wie auch gutes Interview gibt es im „Freitag“ dieser Woche, und zwar mit dem Philosophen Guillaume Paoli. Es trägt den Titel „Die Armen sind Gegner“. Zu Beginn des Marx-Jahres bereits vom Titel her ein guter Auftakt.

Wer sind jene Unsichtbaren und aus wessen Perspektive wird da jeweils gedacht? Das ist ja der eigentliche Clou dieser ganzen Geschichte von den Marginalisierten: Sie dienen einer kulturalistischen Linken, genauer gesagt einer neoliberalen Elite, die sich selbst als progressiv wahrnimmt, als Projektionsfläche oder als Deckmäntelchen oder sie werden, weil politisch nicht genehm, dem rechten Rand zugeschlagen. In deren Namen verrichtet man in die eine, wie in die andere Richtung sein politisches Geschäft. Manche dieser scheinbar Marginalisierten sind inzwischen als Schwule, als Farbige, als sogenannte LGBT bereits selbst in prominente Position gerutscht und alles andere als marginalisiert. Sie sind mit Medienmacht, mit Sprache und all dem Rüstzeug, um kulturell sich zu positionieren, bestens ausgestattet, verkaufen aber ihre Privilegien im Jammerton als Repression der Gesellschaft. Diese Leute arbeiten in Medien, in Agenturen, haben Buchverträge mit arrivierten Verlagen wie Bertelsmann, sie wohnen in Vierteln, aus denen die alten Bewohner längst verdrängt wurden. (Auf diese Widersprüche wies in den 60er Jahren bereits Pier Paolo Pasolini hin, wenn er schrieb, daß die wahren Underdogs nicht die damals protestierenden Studenten aus dem bürgerlichen Milieu waren, sondern die Arbeiter bei der Polizei, denen diese Jugend gegenüberstand.)

Solche Verdrängung der Alteingesessenen aus Wohnvierteln ist in Kreuzberg, Kreuzkölln nicht anders als im Schanzen- und Karoviertel in Hamburg der Fall. Der Protest dieses Milieus neoliberaler Linker gegen Gentrifizierung hat etwas seltsam Bigottes, wie auch ansonsten ihre politische Haltung. Vorgebliche Toleranz dient als kulturelle Währung, als kulturelles Kapital. Die sogenannte Diversity ist in Wahrheit das alte Identitäre, der Einheitsbrei, nur in einem neuen, einem vorgeblich linken Gewand. Oder wie es Adorno in bezug auf die Ideologie des „Melting pots“ in den Minima Moralia unter dem Titel Melange schrieb:

„Das geläufige Argument der Toleranz, alle Menschen, alle Rassen seien gleich, ist ein Bumerang. Es setzt sich der bequemen Widerlegung durch die Sinne aus, und noch die zwingendsten anthropologischen Beweise dafür, daß die Juden keine Rasse seien, werden im Falle des Pogroms kaum etwas daran ändern, daß die Totalitären ganz gut wissen, wen sie umbringen wollen und wen nicht. Wollte man demgegenüber die Gleichheit alles dessen, was Menschenantlitz trägt, als Ideal fordern, anstatt sie als Tatsache zu unterstellen, so würde das wenig helfen. Die abstrakte Utopie wäre allzu leicht mit den abgefeimtesten Tendenzen der Gesellschaft vereinbar. Daß alle Menschen einander glichen, ist es gerade, was dieser so paßte. Sie betrachtet die tatsächlichen oder eingebildeten Differenzen als Schandmale, die bezeugen, daß man es noch nicht weit genug gebracht hat; daß irgend etwas von der Maschinerie freigelassen, nicht ganz durch die Totalität bestimmt ist. Die Technik der Konzentrationslager läuft darauf hinaus, die Gefangenen wie ihre Wächter zu machen, die Ermordeten zu Mördern. Der Rassenunterschied wird zum absoluten erhoben, damit man ihn absolut abschaffen kann, wäre es selbst, indem nichts Verschiedenes mehr überlebt. Eine emanzipierte Gesellschaft jedoch wäre kein Einheitsstaat, sondern die Verwirklichung des Allgemeinen in der Versöhnung der Differenzen. Politik, der es darum im Ernst noch ginge, sollte deswegen die abstrakte Gleichheit der Menschen nicht einmal als Idee propagieren. Sie sollte statt dessen auf die schlechte Gleichheit heute, die Identität der Film- mit den Waffeninteressenten deuten, den besseren Zustand aber denken als den, in dem man ohne Angst verschieden sein kann. Attestiert man dem Neger, er sei genau wie der Weiße, während er es doch nicht ist, so tut man ihm insgeheim schon wieder Unrecht an. Man demütigt ihn freundschaftlich durch einen Maßstab, hinter dem er unter dem Druck der Systeme notwendig zurückbleiben muß, und dem zu genügen überdies ein fragwürdiges Verdienst wäre. Die Fürsprecher der unitarischen Toleranz sind denn auch stets geneigt, intolerant gegen jede Gruppe sich zu kehren, die sich nicht anpaßt: mit der sturen Begeisterung für die Neger verträgt sich die Entrüstung über jüdische Unmanieren. Der melting pot war eine Einrichtung des losgelassenen Industriekapitalismus. Der Gedanke, in ihn hineinzugeraten, beschwört den Martertod, nicht die Demokratie.“ (Th. W. Adorno)

Diesen Aphorismus kann man in alle möglichen Richtungen hin abwandeln. Das Negative bleibt negativ bis es verging. Solange dies so ist, bleiben Dissens und Widerstreit.

Diese gesellschaftlichen Widersprüche zwischen denen da unten, jenen Unsichtbaren, und den kulturell Arrivierten, die zunehmend auch in der Kunst verschleiert und zugedeckt werden, spricht Guillaume Paoli in dem Interview an. Eine Kunst der gesunden Mittelschichtkinder, mit gesunden Mittelschichtproblemen. Flüchtlinge sind ihre Objekte, aber keine Akteure wie es eigentlich sein sollte: Jenen eine Stimme zu geben, indem man sie sprechen läßt, statt über sie zu sprechen. Eine um sich selbst kreisende Kunst, die kaum noch weh tut, deren innovative oder avantgardistische Potentiale sich längst abgenutzt haben zugunsten einer fetten Rendite, als kulturelles Kapital, wie Bourdieu es formulierte, oder aber als moraliner Mehrwert. Gesellschaftliche Widersprüche geraten kaum noch auf die Bühne oder aufs Papier und wenn, dann so seicht, daß es nichtssagend wirkt. (Ich befürchte sehr, daß Juli Zehs neuer Roman sehr gut gemeint, aber in der Ästhetik eher simpel gestrickt ist.)

Überhaupt: das, was wir benötigen, ist eine Kultur, eine Kunst des Konflikts, des Disputes, der Verschiedenheiten, des Widerstreits. Die Meinung des Gegenübers nicht gleich als Hatespeech zu verbieten oder als Nazisprech zu denunzieren, sogar dort, wo es sich um eine dezidiert kritische Ansicht handelt, wie etwa bei Sloterdijk oder Safranski, sondern zunächst einmal zu begreifen, was eigentlich gemeint ist, um dann gegebenenfalls mit Argumenten zu reagieren.

Und manchmal ist es sogar so, daß man eine andere Meinung eben ertragen muß. Meinungsfreiheit bedeutet nicht, nur das eigene Theorem gelten zu lassen. Meinungsfreiheit gilt uneingeschränkt, unbedingt und überall, auch für solche Ansichten, die nicht mit der eigenen Gesinnung kompatibel sind, selbst wenn sich Menschen beleidigt fühlen. Ansonsten regeln näheres die Strafgesetze, die bei bestimmten Äußerungen, wie etwa der Schmähkritik oder unwahren Behauptungen eine Grenze setzen. Gefühlter Rassismus ist eine private Sache, jeder kann annehmen, was er mag, aber das rechtfertigt kein Verbot. Und in diesem Sinne ist auch das Netzwerkdurchsetzungsgesetz verhängnisvoll. Wer heute über die Sperrung der Beatrix Storch jubelt, sollte bedenken, daß er morgen der nächste sein könnte – Stichwort Indymedia. Und wer allzuforsch auf Facebook über die G20-Riots schreibt, riskiert eben eine im vorauseilenden Gehorsam ausgeübte Sperrung. So geht das nämlich, wenn man am Eingang zur Hölle rüttelt. Zensur ist keine Einbahnstraße.

Nun aber zu Auszügen aus dem instruktiven Interview, erschienen im Freitag der Ausgabe 1/2018.

Frage: Schuld am Elend ist also der Relativismus der Poststrukturalisten!

Guillaume Paoli: Mitschuld, würde ich sagen. Mit dieser Haltung schaut alles wahnsinnig tolerant aus, wer aber diese Pose nicht annimmt, wird als Ewiggestriger gebrandmarkt. Übrigens spielen die aktuellen Rechten dieses Spiel gekonnt mit, wenn sie sagen, sie seien keine Nazis. Sie berufen sich eben auf ihre Identität, nicht umsonst heißt eine Bewegung „Die Identitären“. Das ist in den Zeiten von identity politics konsequent modern.

Das bringt uns zu Themen wie Trump und Brexit. Haben einfach die Ewiggestrigen gewonnen?

Nein, ich denke, die eigentliche Sensation bestand darin, dass plötzlich Menschen sichtbar wurden, die bis dato unsichtbar waren.

Wie wurden sie unsichtbar?

Nehmen wir Seattle. Das ist eine wunderbare Stadt, alle fahren Fahrrad, es gibt nur noch Bioläden, Hühner laufen durch die Stadt. In Seattle sitzen Microsoft, Amazon und Starbucks, die Bewohner im Zentrum sind gut bezahlte Mitarbeiter der genannten Firmen. Die alte Bevölkerung, die noch vor 15 Jahren in Seattle wohnte, wohnt jetzt außerhalb. Die können nicht mit dem Fahrrad zur Arbeit. Die müssen weit anreisen, um den hippen Bewohnern die Sandwiches zu machen, im Stadtleben aber sind sie vollkommen unsichtbar. Seattle hat übrigens mit 87 Prozent Clinton gewählt, darauf ist man dann stolz.

Was ist denn an 87 Prozent Clinton so schlecht?

Zumindest ist es bedenklich. Denn diese Leute, die so vorbildlich leben und Clinton wählen, sie rümpfen verächtlich die Nase über die anderen. Sie merken nicht, dass sie damit eine Klassenverachtung wie im schlimmsten 19. Jahrhundert reproduzieren. Damals schimpfte die Bourgeoisie über die stinkenden Arbeiter, jetzt aber – und das ist das Perfide – mit einem guten Gewissen.

Jetzt reden wir endlich über Klassenkampf. Also auch über Marx?

Jaja, aber es gibt da eine Pointe: Im Kommunistischen Manifest lobt Marx die Bourgeoisie dafür, dass sie starre Institutionen wie Nation, Tradition oder das Patriarchat hinwegfegen würde, um den Kapitalismus vollends zu entfesseln. Wenn sich moderne Linke heute für ihren Kampf gegen konservative Traditionen rühmen, vervollständigen sie im Grunde das Projekt der Bourgeoisie von 1848. Ich meine, kann man machen, aber ich frage mich doch, wo bleibt da der Antikapitalismus? (Lacht.)

Sagen Sie’s uns!

Das weiß ich nicht. Aber dieser Logik zufolge sind die Gegner der Emanzipation plötzlich nicht mehr die Reichen wie früher, sondern die Armen und die Arbeiter. Sie wählen Trump, kaufen nicht im Bioladen und sind wahrscheinlich sexistisch.

Warum fällt es Schriftstellern, Journalisten und Künstlern so schwer, die Unsichtbaren sichtbar zu machen?

Die große Frage. Wo ist heute jemand wie John Steinbeck, der in den 30er Jahren das Elend in der Gesellschaft beschrieben hat, wo sind die Hollywood-Filme, die beispielsweise das Drogenelend der weißen Unter- und Mittelschicht in Amerika zeigen oder die Ausbeutung von Leihmüttern durch wohlhabende Frauen, die sich ihre Körper nicht mit einer Schwangerschaft ruinieren wollen? Es gäbe so viele unerzählte Geschichten aus der Wirklichkeit.

(…)

Sie sagen außerdem, wir leben in einer Zeit der andauernden Gegenwart. Was meinen Sie damit?

Da ist die Volksbühne wieder ein gutes Beispiel. Es hieß immer, ein Vierteljahrhundert Castorf reiche jetzt, denn nun komme das Zeitgenössische! Ganz so, als hätte das Zeitgenössische an sich einen Wert. Das Erstaunliche ist, niemals zuvor wurde so viel über Kreativität gesprochen, doch das einzig Neue sind Updates. Ich frage mich, ob bei diesem ständigen Drang nach Innovation und Selbstoptimierung überhaupt noch etwas Neues möglich ist.

Ist das die dialektische Pointe im späten Kapitalismus?

Was ich als Mutation beschrieben habe, das ist eine Form der Gesellschaft, in der es keine Gegenkräfte mehr gibt: Arbeiterklasse, Sozialismus, Gewerkschaften, alle unsichtbar oder irrelevant. Die Pointe aber ist, dass die größte Gefahr für den Kapitalismus der Kapitalismus selbst ist, seine Selbstzerstörungskraft. Das merken wir jetzt anhand der ökologischen Katastrophen, und es sind – wie damals die Arbeiter mit den Gewerkschaften – heute im Grunde die Kapitalismusgegner, die versuchen, den Kapitalismus zu retten.“

19 Gedanken zu „Von der neuen Unsichtbarkeit über Guillaume Paoli zum NetzDG – der kulturalistischen „Linken“ ins Stammbuch geschrieben

  1. Das alles enthält viel Wahrheit, bildet die Realität aber nur teilweise ab. Der Kampf gegen Gentrifikation in den Kiezen ist nur teilweise der Kampf akademischer Mittelschichtler gegen Wohnraumspekulanten, da kämpfen auch immer noch Junkies und Stadtarme um ihre Rückzugsräume. Das Beispiel Pasolini offenbart diese ganze Dychotomie: Bezogen auf bürgerliche studentische Demonstrantinnen ist das absolut richtig. Aber die Zeit in der er das schrieb ist auch die der wilden Streiks bei FIAT, getragen von Arbeitern die aus Sizilien stammten und innerhalb Italiens migriert waren und für die Arbeitskämpfe Kämpfe gegen die Arbeit waren (entfremdete Arbeit an Maschinen wurden als eine aufgezwungene Gewalt erlebt, Sabotage im Werk galt ebenso wie Meister verprügeln als selbstverständlicher Bestandteil des Arbeitskampfs), und die ersten Autonomen in Turin und Bologna rekrutierten sich u. a. aus nach den wilden Streiks in die Arbeitslosigkeit entlassenen Arbeitern dieses Typs. Die Flüchtlingskämpfe auf die ich mich so beziehe werden von Selbstorganisationen der hier lebenden Flüchtlingen und ihren deutschen Unterstützerinnen getragen, sie sind keine karitativen Projekte hiesiger Mittelschichtslinker. Ich bezweifle auch stark, dass diese sich mit dem Ausdruck „neoliberal“ etikettieren lassen. Die, die ich kenne, sind noch immer linksradikal in einem marxistischen, anarchistischen oder diffus systemfeindlichen Sinne. Da hat sich freilich in den letzten 20 Jahren einiges verschoben, aber dieser Prozess ist noch im Fluss, nichts abgeschlossenes. Viele St.Pauli-Fans die wie ein schwarzer Block umherlaufen haben gutbezahlte Jobs als Werber. In den 90er war mal eine der Parolen des Fanblocks „Wir kriegen Sozi und ihr nicht!“, und ich kannte Punks mit der Ansage „Wir Asos kämpfen Seite an Seite mit den Kanaken gegen die Bonzen!“. Völlig verschwunden sind solche Ansätze nicht. Es gilt, sie wieder sichtbar zu machen.

  2. Ein Kollektiv DIE FLÜCHTLINGE mit einer gemeinsamen Perspektive gibt es erstmal imho überhaupt nicht. Es gibt Leute die zunächst vor blanker Not flüchten und die zunächst mal nur Ruhe und Schutz ihrer körperlichen Unversehrtheit suchen, es gibt solche die hier Arbeit und eine neue Existenz anstreben, solche, die direkt in die sozialen Sicherungssysteme einwandern wollen und es gibt auch Flüchtlinge mit PKK, PUK, DFLP, Komalah- oder People´s-Fedayin- Hintergrund, die sehr wohl eine revolutionäre Perspektive verfolgen. Und Islamisten und die verschiedensten Sorten von Christen und Buddhisten. Alles mittenmang.

  3. In der Tat, che, Kollektivsingulare sind immer ein wenig problematisch. Und auch das, was Du zu Italien schreibst, ist völlig richtig. Man muß halt die Geschichte der Protestbewegungen kennen, was bei dieser neuen kulturalistisch-neoliberalen Linken ersichtlich nicht der Fall ist. Und mit meiner Bestandsaufnahme meinte ich auch genau solche Neu-St-Pauli-Fans und auch manch anderes Milieu, das es insbesondere hier in Berlin gibt und das auch Paoli gut benennt.

  4. „Die sogenannte Diversity ist in Wahrheit das alte Identitäre“, also nach Adorno „die schlechte Gleichheit heute, die Identität der Film- mit den Waffeninteressenten“. Worin liegt denn die Schwierigkeit, das „sogenannte“ in der „Diversity“ gerade im Sinne Adornos Negativer Dialektik explizit als Umschlagen eines an und für sich emanzipatorischen sozialen Prozesses in (vorerst linguistische) Barbarei zu analysieren – zum Beispiel als erwartbare Nebenfolge der in diesem Zusammenhang selten thematisierten erbitterten Konkurrenzverhältnisse an den Universitäten wie auch in „manch andere(m) Milieu, das es insbesondere hier in Berlin gibt“, welche am laufenden Band sogenannte „gescheiterte Existenzen“ produzieren?

    Ansonsten wird nämlich implizit die „sogenannte Diversity“ umstandslos mit dem „Zustand (…) in dem man ohne Angst verschieden sein kann“ a priori in eins gesetzt, anstatt a posteriori als etwas Verschiedenes bestimmt zu werden – auf Kosten der Kritischen Theorie im Ganzen.

    Eine solche In-Eins-Setzung praktiziert Pauli selbst im Interview:

    Freitag: „Einen Hauptfeind machen Sie in den französischen Poststrukturalisten der 70er Jahre aus. Sie nennen diese Denkschule despektierlich *pomo für Postmoderne… “

    Pauli: „Ich versuche eine Auseinandersetzung mit Behauptungen aus der postmodernen Ecke, die heute common sensesind, etwa: Es spiele keine Rolle mehr, was ein Autor mit einem Text sagen wollte.“

    Q.e.d.: Es spielt für ihn selbst keine Rolle mehr, was er mit seinem Text sagen wollte, ist alles nur unverbindliches rhetorisches „versuchen“, so als hätte es z.B. die Dekolonisation als Bedingung des Poststrukturalismus nie gegeben. Da sind andere politisch konsequenter und (nur) in diesem Sinne wahrhaftiger:

    René Scheu und Bassam Tibi in der NZZ: Die Barbaren berufen sich auf Adorno

  5. Von solcher, von Adorno noch ex negativo zumindest angedachten Emanzipation, sind wir dank einer kulturalistischen Linken, die von Stokowskis über Diez bis Mädchenmannschaft reicht, leider meilenweit entfernt und in diesem Sinne trifft die Bestandsaufnahme Paolis (nicht Pauli, wir sind ja nicht beim Fußball) zu. Für solches Denken einer unreflektierten Praxis, der jegliche Theorie fehlt, hätte Adorno einzig den Spott übrig gehabt. Was Paoli zur Postmoderne sagt, könnte man freilich differenzierter benennen. Denn an den heutigen Genderdödeln und der neoevangelikalen Inquisition ist ja nicht primär Derrida schuld. So wie an den Nazis eben auch nicht Nietzsche.

    Paolis Kritik einer bestimmten Sorte von Linken, die ja teils in eine ähnliche Richtung geht wie Eribon, trifft in dem Sinne zu, daß sich die divergierenden Interessen eines Antirassismus und eines Klassendenkens nicht mehr in Kongruenz bringen lassen. Der Stand der allgemeinen Vergesellschaftung, der dieses Zusammenspiel noch irgendwie ermöglichen könnte, ist nicht mehr.

    Bassam Tibi bringt auch nochmal einige der Probleme gut auf den Punkt. Insbesondere die mit dem Islam, den die kulturalistische Linke derart unkritisch begegnet, daß man sich angesichts solcher Regression im Denken nur noch verwundert die Augen reiben kann. Das Kopftuch als Befreiung zu feiern, wäre jemandem wie Adorno niemals in den Sinn gekommen. Bassam Tibi bringt solche gesellschaftlichen Widersprüche gekonnt in den Diskurs ein, wenngleich ihm vielleicht das gesellschaftskritische Vokabular eines Marx oder Adorno inzwischen verloren ging. Aber das ist auch gar nicht Tibis Thema, insofern kann man es ihm kaum vorwerfen.

    Ihr verlinkter Artikel ist leider etwas schmal und macht eigentlich genau das, was er Bassam Tibi vorwirft. Aber sei’s drum. „Der Faschismus in statu nascendi beruft heute auf Adorno sich.“ Das ist ziemlich wirres Zeug und eine Behauptung, die durch nichts bewiesen ist außer durchs Proklamieren. Sie klingt schmissig, wie die Slogans der Nazis, so könnte man darauf in derselben Diktion entgegnen, um dann dem Autor dieser Zeilen selber Faschismus unterzudekonstruieren. Ein wie ich finde ziemlich langweiliges und armseliges Prozedere. Und leider eine Kinderkrankheit der Linken, die sich inzwischen zur veritablen Erwachsenenkrankheit auswucherte. Im übrigen werden Sie im rechtsnationalen oder im rechts-konservativen Milieu eines Kubitscheks keinen einzigen finden, der sich ernsthaft auf Adorno beruft und mit diesem als Gewährsmann kommt. Da herrschen immer noch andere Autoren und ein anderes Denken vor.

  6. Nö, die berufen sich auf Ernst von Salomon, Alain de Benoist und solche. Ich glaube allerdimngs nicht, daß sich die divergierenden Interessen eines Antirassismus und eines Klassendenkens nicht mehr in Kongruenz bringen lassen. Dazu wiederum empfehle ich die Lektüre von Karl Heint Roth und Detlef Hartmann.

  7. In Konzepten von Theorie sicherlich, nur in der Praxis sehe ich eher schwarz und erhebliche Divergenzen.

  8. Ich sehe das erheblich optimistischer, für die Linken in meiner Umgebung ist auch die Verbindung von Antirassismus und klassischen Arbeiterbewegungspositionen noch immer eine Selbstverständlichkeit. Bei uns ist allerdings eine zentrale Sozialisationsinstanz für junge Leute, aus der sich auch der Antifa-Nachwuchs speist die IG Metall. Das ist schon ein anderer Schnack als das Berliner/Hamburger Kulturlinkentreibhaus. Zu Tibi mal auf der persönlichen Schiene mehr, bei dem habe ich ja studiert.

  9. @ Bersarin u. undenkbar
    ‚ „Der Faschismus in statu nascendi beruft heute auf Adorno sich.“ ‚
    Das ist von Tibi in parodistischer Absicht gesagt – und mit Faschismus in statu nascendi sind u. a. die gemeint, die auch Houellebecq in „Unterwerfung“ meint. Auch Henscheid, der das postponierte „sich“ ja ebenfalls in parodistischer Absicht benutzt, haut hie und da wortgleich in dieselbe Kerbe – u. a. drolligerweise in der „Junge(n) Freiheit“. Henscheid, Tibi, Houellebecq – so geht diese Reihe, ickjloobe.

    „Im übrigen werden Sie im rechtsnationalen oder im rechts-konservativen Milieu eines Kubitscheks keinen einzigen finden, der sich ernsthaft auf Adorno beruft und mit diesem als Gewährsmann kommt. Da herrschen immer noch andere Autoren und ein anderes Denken vor.“

    Martin Lichtmesz traktiert wie Sie die „Minima Moralia“. Und er beackert sogar die nämliche Stelle. Weiß das Internet. Ich meine sogar, er tute das mit einem ähnlichen behagen wie Sie.

    PS
    Das ist eigentlich ein schönes Beispiel, wie Rechte und Linke auf doch ganz ordentliche Art – – miteinander reden. Insofern behagt mir das sehr.

  10. Na ja: Das eine ist es, wenn Rechte oder solche, die dafür gehalten werden, Adorno lesen, das andere ist es, wenn Faschisten sich auf ihn berufen – ein berufen, daß mich dann doch textlich interessieren würde. Und die Textstellen möchte ich dann doch mal gerne lesen bei Adorno und bitte um Belege. Mit Adornos Theorie und seinem Denken mag in der Theorie manches möglich und mancher Anschluß herstellbar sein. Aber Totalitarismus, egal in welche Richtung, ganz sicher nicht. Schon bei der Korrespondenz Adorno – Heidegger wird es schwierig, die manche herzustellen versuchen. Ich halte die Unterschiede doch für solche ums ganze. (Unabhängig von der Qualität auch des Heideggerschen Denkens.) Insofern taugt dieser Satz nicht einmal als Parodie. Daß auch bei Rechten, insbesondere bei Benoist, der den 68er, anders als viele Faschisten, offen gegenübersteht, eine Adorno-Lektüre möglich ist, ist erfreulich. Ich lese ja schließlich auch Benoist oder Lichtmesz. Nur dürfte es dennoch mit den Anschlüssen schwierig werden. Das müßte man mir anhand von Texten und Beispielen doch etwas genauer zeigen. Parodien sind ja gut und lustig. Aber wenn sie den Sachkern nicht treffen, sind sie dann irgendwie auch wieder überflüssig.

  11. Habe übrigens grade einen ersten Text von Sieferle gelesen („Finis Germaniae“). Kommt mir vor wie ein Adorno von rechts, der gleiche Kulturpessimismus, nur anders begründet.

  12. Kannst Du dann mal erläutern in welcher Hinsicht beide dasselbe schreiben bzw. den gleichen Kulturpessimisus frönen?

  13. Ich hatte das Buch ausgeliehen und habe es nicht mehr vorliegen, kann also nicht zitieren. Mein Eindruck war aber: Alles ist ganz schrecklich und wir werden sterben. Nicht wegen Kapitalismus und Naturwissenschaften, sondern wegen Migration und mangelndem Selbstbehauptungswillen.

  14. Ja, aber das schreibt ja nun Adorno nicht. Und seine Kritik ist nicht nur aus einer ganz anderen Zeit heraus, nämlich auf dem Höhepunkt von Faschismus und Stalinismus, sondern sie wird zudem von ganz anderen Motiven getragen. Diese sind teils materialistischer Natur. Und schon gar nicht findet sich bei Adorno irgendwelches nationales Gedöns. Während Sieferle seinen Mythosbegriff flach ansetz und ihn als Relativierung von Auschwitz verwendet, geschieht bei Adorno genau das Gegenteil: Er verschränkt Mythos und Aufklärung und zeigt zugleich innerhalb der Prozesse der Aufklärung den Umschlag von Aufklärung in Mythologie an. Und zwar auf eine dialektische und das heißt auf eine vermittelte Weise. Zudem gibt es, anders als bei Klages, bei Adorno kein Urraunen und kein Ursprungsdenken: Etwas zu dem wir nur zurückzukehren bräuchten und dann würde alles schon wieder gut. Für Adorno ist die entfesselte Moderne samt ihrer Technik etwas Unhintergehbares. Allerdings ist für ihn durchaus auch die Frage relevant, wie man die Produktivkräfte unter welchen Produktionsverhältnissen zu nutzen weiß.

  15. In genau diesem materialistischen Motiv liegt ja die Crux Adornoscher Kritik.Und die Negativität seiner Kritik in der DA und in den Minima Moralia muß man eben aus jener Zeit heraus, zwischen Stalinismus, Faschismus und einem entfesselten Kapitalismus, der in den USA totalitäre Züge annahm, herauslesen. In der BRD geriet seine Kritik nicht weniger scharf, aber in der Tonlage der objektiven Verzweiflung doch ein wenig ausgewogener, während er dem Modell BRD zugleich auch mißtraute und immer die Mögllichkeit sah, ins Nazitum wieder zurückzufallen. Insofern lesenswert auch Adornos Aufsatz „Was bedeudet: Aufarbeitung der Vergangenheit.“ Und auch „Auf die Frage: Was ist deutsch“.

  16. @ El Mocho u Besarin wg. Sieferle

    Der Stellen sind viele, an denen Sieferle (ein Kenner und Liebhaber Spinozas) zu Gelassenheit rät – und sie auch praktiziert. Sein Punkt ist, wie eine falsche Indienstnahme von Auschwitz heute aussieht. Dass man nämlich den Nationalstaat umstandlos mit Hitler gleichsetzt, insbesondere den deutschen Nationalstaat.

    Die Probe auf dieses geistige Exempel kann man täglich machen: Wer Grenzsicherung fordert und geregelten (!) Zuzug, wird ruck-zuck ausgegrenzt, gerne unter Hinweis auf – – – Hitler.

    Lichtmesz hat sich ausführlich mit genau der Stelle der Minima Moralia beschäftigt, mit der Sie sich oben beschäftigen, Bersarin. Wie ich schrieb: Man findet es im Internet.
    https://sezession.de/38704/adorno-und-die-idee-der-abstrakten-gleichheit-fundstucke-16

  17. Ja, nur sich mit demselben beschäftigen heißt nicht, zu denselben Ergebnissen zu kommen. Weil sich Rechtsnationale mit Nietzsche und Hölderlin beschäftigen, sind diese beiden Denker deshalb noch lange nicht rechtsnational. Und Texte sind nun einmal interpretatorisch offen.

    Natürlich ist das Konzept des Nationalstaates nicht gleich Hitler. Und gleiches gilt für die Politik der Grenzkontrollen: wer für Kontrollen sich ausspricht, ist deshalb kein Nazi. Ich denke auch, in diesem Punkt sind wir uns relativ einig. Mich hat Sieferles Finis Germania nicht besonders überzeugt. Ausgenommen der Jünger-Teil, da waren interessante Aspekte.

  18. Lichtmesz‘ Beitrag prüfe ich mal und schaue, was er so schreibt. Ich vermute aber, daß da zwischen ihm und mir wenig Einigkeit bestehen wird.

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