Wien, Böhmen und Mähren

Mit dem Nationalismus kommen die Herrschenden, kommen Regierungen immer dann, wenn sie nichts weiter mehr anzubieten haben und der Arsch auf Grundeis geht. Trotzdem halte ich die postnationale Konstellation, wie sie etwas Habermas im Hinblick auf die EU vorschwebt, für problematisch. Der Kulturraum ist für ein solches Projekt zu groß angelegt, wenngleich diese Idee politisch nicht uninteressant ist, sofern es sich nicht bloß um eine wirtschaftsliberale Jean-Claude-Juncker-EU handelt. Ich selbst bin eher ein Freund der antiken Polis, aber in diesem Konzept von Gemeinschaft und Gesellschaft steht zugleich zu befürchten, daß dieser Verbund zu weit mehr Kriegen und Verheerungen führt als stabile (demokratische) Nationalstaaten. Auf absehbare Zeit wird der Nationalstaat mit intakten Grenzen weiterhin das Paradigma abgeben. Wer zu einem solchen Staat dazugehört und wer nicht, wird eine Frage der gesellschaftlichen Debatten bleiben und sich dort entscheiden. Ius soli oder ius sanguinis: Recht des Bodens oder Recht des Blutes, was die Einbürgerung betrifft. Frankreich ist nicht in allem ein gutes Vorbild, und wer das Ius soli favorisiert, sollte sich gut überlegen, wie solche Einbürgerungen bewerkstelligt werden,  daß ein gelungenes Gemeinwesen entsteht. Mit Ghettos und Banlieus als No-go-Areal ist nicht viel gewonnen. Anyway, das sind lange Prozesse, die in den öffentlichen Diskursen ausgetragen werden. Viel Für-und-Wider.

Im übrigen denke ich, daß Verfassungspatriotismus allein für einen solchen Staat nicht ausreicht. Denn der ist eine Sache eher für Intellektuelle und für die Freunde geistiger Konstrukte. Zur Frage des Nationalstaates interessant zu lesen auch Karl Heinz Bohrer in „Jetzt“ und natürlich sehr polemisch im Essayband „Provinzialismus“.

Soviel nur als kleines Anteasern. Da ich in den nächsten Tagen teils freudig-ausflüglerisch, teils freudig-akademisch beschäftigt bin, kann ich meine Rezension von „Mit Linken leben“ von Sommerfeld/Lichtmesz und „Mit Rechten reden“ von Leo/Steinbeis, Zorn erst ab dem 11.12. hier bringen. Da es zu diesen Texten vermutlich Kommentare geben wird und ich, da ich im Denken anderswo weile, nicht antworten kann, verschiebe ich lieber. Stattdessen Photographien von Wien.

Ja, die Zeit ist im Augenblick knapp und wenn man für einen Kolloquiums-Vortrag in Budweis über Hegels These vom Ende der Kunst mühsam alles ins Englische übersetzen muß, obwohl früher dort „mein geliebtes Deutsch“ (Faust) gesprochen wurde, dann wallen in mir nationale Wogen, und viel denke ich an Kafka und die Prager Juden, die in ihrer Heimat lieber Deutsch als Tschechisch sprachen. Vielleicht sollte ich das Vortragsthema ändern: „Hegel und die Wiedereroberung des Sudentenlandes unter Berücksichtigung von Böhmen und Mähren“. (Mal sehen, ob ich in meiner Englisch-Aussprache Slavoj Žižek übertreffe. Zumindest aber werde ich mich hüten, solche T-Shirts zu tragen.)

 

6 Gedanken zu „Wien, Böhmen und Mähren

  1. Eins ihrer Wien-Bilder, das mit einem Tupfer Rot, habbich ganz ähnlich auch mal gemacht.

    Ds mit den orangenen Dächern (das erste der beiden) hätte ich auch gerne gemacht, gefällt. Aha – das Wiener Licht. Ich meine, Wien habe auch ein schönes Licht. Komisch, Wien ist nicht so die Stadt der Fotografen.

    Aha – Hegeln auf Englisch – in Böhmen. Da ist der Euro-Pudding. Ich bin immer erstaunt, was die Leute dann mitnehmen. Darüber sag ich jetzt nichts.

    Vor paar Tagen habbich auf einem kalifornischen Blog auf Meister Eckhart Bezug genommen. Ein glaubich asiatischstämmiger Mensch hat sich meine länglichen Episteln zur Brust genommen und – kam dann mit der Kritik hervor: Den new-age-Guru (!) Eckhart halte er für oberflächlich!

    Ich hab‘ ihn dann zurück auf Fromm (sehr schöne Eckhart-Interpretationen) und Bloch geschickt. Hegel wäre aber noch um einen Tick aparter gewesen, hehe. nächstes Mal, Herr Zi*b*iochi, sind sie dran: Nächstes Mal dräut Die Wissenschaft der Logik (hahaha!).

    (Also ich hoffe ja im Stillen, dass Sie die Eckhart-Bezüge bei Hegel sauber rauspräparieren. Die Böhmischen Brüder haben Eckhart jedenfalls sehr geschätzt. Hehe! – Gute Reise!

  2. Man könnte diese Folge auch als eine Variation über ein Thema begreifen:
    Cherchez la femme!
    Hat sie der Blick im ersten Bild einmal eingefangen und festgehalten, taucht sie dann unter und ab, erscheint nur noch abstrakt, versteckt, gewissermaßen wie ein symbolisches Signal oder pars pro toto als Farbfleck bzw. -fläche auf Ampeln, Fassaden, Buden, Schriftzügen.
    Unterbewusst leitet sie aber die Wahrnehmung weiter, denn anders lässt sich die Vielheit der Rottöne auf fast all diesen Fotos kaum deuten. Vielleicht wäre es gar nicht gewagt zu sagen: Die Wiederkehr der schönen Unbekannten in Rot sollte beschworen werden, mit jedem Druck auf den Auslöser, gemäß der surrealistischen Maxime, nach der hinter jeder Wahrnehmung die Lust und der Wunsch steckt: „Die Aufmerksamkeit ließe sich eher die Handgelenke brechen, als sich auch nur eine Sekunde dem zuzuwenden, womit die Begierde des Betreffenden nichts zu schaffen hat.“ (André Breton)
    Doch sie bleibt verschwunden, und so muss am Ende der Alkohol her, ironischerweise aber kein Rotwein, sondern ein kühler Weißer: Kein Tag ohne Triebstoff! ;-)
    Wenn ich auch mit all dem weit daneben liege kann, so war es doch eine Freude, dem Rot auf seiner Wanderung durch die Fotos zu folgen und gerade in ihren Farbkontrasten auch eine Hommage an die New Color Photography zu erkennen.
    Gruß, Uwe

  3. Auf alle Fälle vielen Dank und es sind beim Betrachten von Photographien alle Assoziationen erlaubt. Mir ging es übrigens nach Krzysztof Kieślowskis „Drei Farben: rot“ so, daß ich überall plötzlich das Rot dominieren sah.

    Ansonsten: die US-amerikanische New Color-Photographie damals hat mich in der Tat immer schon angeregt. Nur war zu den guten alten analogen Zeiten das Entwickeln und Abziehen von Farbbildern doch um einiges zeitaufwändiger als ein feiner s/w-Abzug in der Dunkelkammer.

  4. Der Blick von der Albertina hinüber zur Kärntner Straße – Innere Stadt – feistes Bürgertum.
    Kontrastierendes Favoriten – Arbeiterbezirk – Vktor-Adler-Markt – Böhmischer Prater (keine zwei Km Luftlinie entfernt) – „Ziaglbehm“ – Sozialdemokratie – Halal Fleisch – FPÖ (die ihre großartigsten Wahlkampfauftritte am Viktor-Adler-Markt inszeniert). Welch unheimlicher Wandel! Der Markt so seelenlos wie die blinde Abwehr alles Fremden.

    Die Verbindungen zwischen Wien und Böhmen sind wohl zahlreich. Prager Kanzleideutsch, zum Beispiel, weil ich mich aus gegebenem Anlass sehr ausgiebig daran erfreue (Kafka muss auch darin Meisterschaft erlangt haben, bin ich mir sicher). Ihre Fotografien, Bersarin, wie auch deren Zusammenstellung sind hochgradig geladen. Als ein hier Lebender betreffen sie mich ganz besonders.
    Gruß, Hans

  5. Die österreichische Stadt die ich am Besten kenne ist Lienz, wo meine Bergführerin lebt, hat mit Wien oder Prag wenig zu tun, ist wahrscheinlich die nördlichste Stadt der Toskana oder die westlichste von Kroatien….

  6. @ hans
    Das freut mich. Ich schätze das schöne Wien sehr.

    Ihr Eindruck in bezug auf Kafka trügt nicht. Das ist auch meine Interpretation. Kafkas Amtsschreiben kann man in der Kritischen Gesamtausgabe bei Fischer nachlesen, und auch in Berlin gab es vor Jahren im Literaturhaus in der Fasanenstraße dazu eine Ausstellung.

    @che: Wien ist nicht nur eine Reise wert. Aber die Berge liegen doch etwas weiter entfernt, nicht unmittelbar vor der Haustür. Und ich gehe mal davon aus, daß Du mit Bergen nicht den schönen Kahlenberg meinst.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.