Theorie, die praktisch wird. Thomas Wagner „Die Angstmacher“

Wer erkennen will, wie eine Sache wurde, wie sie ist, wird sich mit Geschichte befassen müssen. Das gilt insbesondere für das Phänomen der Neuen Rechten, wie wir sie neuerdings mit der AfD, Götz Kubitscheks Antaios Verlag oder der Identitären Bewegung vorfinden. Der Soziologe Thomas Wagner zeigt in seinem Buch Die Angstmacher, daß wir es mit einer intellektuell gut gerüsteten Rechten zu tun haben. Sie kennt die Theorie, nicht nur die eigene, sondern auch die des Gegners – etwa Gramscis Gedanken zur kulturellen Hegemonie, die hergestellt werden muß, um sich politisch zu etablieren: über kleinere und größere Skandale, über Präsenz in den Medien, egal wie, Hauptsache im Gespräch und je lauter das Geschrei desto besser. Und was das Gefährliche ist: diese Rechte vertritt Positionen, die mehrheitsfähig sind und die nicht bloß aus dem Arsenal des Dumpfnazis stammen, wie wir ihn mit Hakenkreuz, Springerstiefel oder Seitenscheitel als bequemes Klischee uns ausmalen.

Wenn ich etwa das Interview lese, das Wagner mit Ellen Kositza über den Feminismus führt, sehe ich in Kositzas Äußerungen ein entspanntes Denken, deutlich unangestrengter als bei Wizorek sowie dem Mädchen- und Hashtag-Feminismus, der sich in Überspanntheit kundtut. Im Grunde vertritt Kositza einen Differenzfeminismus, wie wir ihn in seinen avancierten Positionen auch in den 70er Jahren fanden – damals eben. Kein Bund deutscher Mädels mehr, keine Hausfrauensentimentalität, sondern ein moderner Feminismus, von dem Stokowski, Wizorek und Mädchenmannschaft Lichtjahre entfernt sind. Was für ein studentisches Milieu oder für Frauen in Weddingblasen, die auf Tinder daten, funktionieren mag, taugt nicht für Berufstätige in München oder für Frauen, die Silvester ungestört über die Domplatte spazieren wollen und denen ein Kompliment kein sexueller Übergriff oder gar struktureller Sexismus bedeutet, sondern schlicht ein Kompliment ist – mal gelungen, mal nicht so.

Die Dinge haben sich eigentümlich verdreht. In vielfacher Hinsicht:

„Die politische Rechte greift auf Sprüche und Aktionsformen zurück, die man seit den Tagen der Achtundzechziger-Studentenrevolte vor allem mit der Linken in Verbindung bringt.“

Es tat sich ein Wandel, nicht nur in Deutschland. Theoretiker wie Alain de Benoist bemühten sich darum, rechtes Denken zu modernisieren und an die aktuelle Theorie anschlußfähig zu machen. Im Unterschied zu alten Rechten, so erläutert Benoist in einer E-Mail an Wagner, habe er dem Mai 68 nicht feindlich gegenüber gestanden. Die Hauptgegner Benoists waren in ökonomischer Hinsicht der Kapitalismus, in philosophischer der Liberalismus und in soziologischer das Bürgertum. Einige Parallelen also zur linken Politik. Die differentia specifica freilich zu links liegt im Begriff des eigenen Volkes. Hier vertreten Denker wie Benoist, aber auch Kubitschek, dessen Haltung zu 68 deutlich kritischer ausfällt, einen dezidierten Ethno-Pluralismus. Also im Grunde, wenn wir schon in Frankreich sind, eine Theorie der Differenz, einen auf rechts gedrehten Grobschnitt-Derrida, der das Eigene als Eigenes und das Fremde als Fremdes in seiner Eigenart und seinem Eigenwert belassen möchte – aber bitte jedes an seinem Platze und in seiner kulturellen Verwurzelung. Auch hier sieht man also, daß die vorgeblich sauber trennenden Schematisierungen nicht mehr gut greifen. Allenfalls sind sie Schablonen, damit Denkfaule bequeme ins Briefmarkenalbum sortieren können.

Solche Synthesen reichen bis zu den politischen Aktionen, wie Wagner zeigt. Einst linke Protestformen werden von Rechten gekapert, die Identitäre Bewegung interveniert im Sinne der „Subversiven Aktion“: Theateraufführungen werden gestört – einst eine Domäne linken Protest, die Tempel des konservativen Kulturbürgers in Beschlag zu nehmen. Öffentlicher Protest wie ihn Gruppen wie Greenpeace veranstalten, indem sie Gebäude von Bedeutung mit Transparenten versahen, geschieht nun auch durch die Identitären: Sie behängen das Brandenburger Tor mit einem Spruchband: „Sichere Grenzen – sichere Zukunft“. Sie stürmen Heiko Maas‘ Justizministerium medienwirksam bzw. blockieren es, nachdem der Sturm mißlang. Sie marschieren – in Anspielung auf Anetta Kahanes Stasi-Vergangenheit – in die Amadeu-Antonio-Stiftung mit NVA-Uniformen. Das produziert Bilder in den Medien. Protest, den man eigentlich von links kennt.

Aber auch im bürgerlichen Lager rumort es: „Gestandene rechts-konservative Politiker und Professoren rennen gegen das Establishment an. 50 Jahre zuvor waren es noch linke Studenten.“ Die Koordinaten haben sich empfindlich verschoben, und Theorie wird wieder praktisch – diesmal jedoch von rechts-außen. Wagners Die Angstmacher zeigt, wie es dazu kam und welche Formen des Protests und welche Theoriestränge und Ansätze linken Denkens aufgegriffen wurden. „1968“ (als Geschichtszeichen und als Metapher, die Proteste begannen ja weit früher) war nicht nur „die Geburtsstunde einer neuen Linken jenseits der Sozialdemokratie, sondern auch die einer Neuen Rechten.“ Wagner führt uns Leser ohne schwerfälliges Theoriegerüst in die Szene ein, anders als man es bei der Chiffre 68 zunächst vermuten könnte. Wer wissen will, wie diese Neue Rechte tickt, kann das in Wagners Buch anschaulich nachlesen.

Dabei rührt Wagner an Schichten, die durchaus weite Teile der Öffentlichkeit bewegen. Etwa wenn Ellen Kositza in einem Interview mit Wagner sagt:

„Das Gefühl des Verlusts an Kultur war für uns überhaupt ein Grund, uns als rechts zu empfinden. Mich macht es traurig, wenn Vertrautes, Sprache, Sitte, Feste, ihren Charakter verlieren und von so einer Hyperidentität verdrängt werden.“

Das geht nicht nur Rechten so, sondern ebenso Konservativen und sogar manchem Linken. In solchen Sätzen kristallisieren sich die Probleme einer Moderne, die jegliches verfügbar gemacht hat. Solche Diskurse und diese Form der Kulturkritik den Rechten zu überlassen, ist sträflich und leichtsinnig. Ich trommele und pauke das bereits seit Jahren – auch in Bezug auf den Begriff der Heimat, den Linke grundlos preisgaben. Kürzlich las ich, man könne Heimat auch durch das Wort „Zuhause“ ersetzen. Ein Wort, das gewiß viele Menschen überzeugt. Allein der poetische Klang, im Preissegment zwischen Ikea und Möbel Höffner angesiedelt.

Wer zudem noch, weiterführend, die Sicht auf die Geschichte der Rechten vertiefen will, kann das mit Stefan Breuers Studien ergänzen. Dazu seien drei Bücher genannt: Ordnung der Ungleichheit – die deutsche Rechte im Widerstreit ihrer Ideen, dann in einer Ausfahrt zur Kunst Ästhetischer Fundamentalismus. Stefan George und der deutsche Antimodernismus und schließlich Anatomie der Konservativen Revolution. Diese seltsam heterogene Konservative Revolution, die über Götz Kutischek, aber auch Benoist zum Kanon der Neuen Rechten gehört, streift Wagner lediglich, was keine Kritik an seinem Buch bedeutet, denn die Konservative Revolution ist nicht explizit sein Thema. Wer also die Hintergründe noch ein Stück weiter vertiefen möchte, ist zusätzlich mit Breuer im Gepäck gut gerüstet.

Wagner zeigt, wie bereits Anfang der 70er Jahre rechte Studenten Protestformen der 68er aufgriffen und sich an die Gründung einer rechten APO machten, die schwarze Fahne als Symbol des Widerstands. Jenseits der völkischen NPD, teils als autonome Nationale mit neuen Ideen, wie etwa dem Bewußtsein für die Umwelt, so z.B. Henning Eichberg, dessen seltsamen Lebensweg und dessen unorthodoxes Pendeln zwischen Rechts und Links dieses Buch (unter anderem) nachzeichnet – und so kann man auch hier implizit schreiben, daß die heute gerne als Etikett benutzten Slogans wie Querfront, um Gegner per se zu diskreditieren, keine so ganz neue Sache sind.

Später begriff sich Eichberg, der im April 2017 verstarb, als antiautoritärer Sozialist. Durchaus gab es über den Individualismus mancher dieser rechten Protestler Anknüpfungen zum anarchistischen Milieu oder zu dem der Situationisten. Solche Geschichte und Bezüge wie die von Benoist und Eichberg auf der einen Seite und strammen Rechten, denen 68 ein Graus war, so Sellner, Lichtmesz oder Kubitschek, sind interessant zu lesen, sie zeigen Verquickungen und Grenzgänge, ohne dabei zu parallelisieren. Wagner führt das ohne Kommentare oder Belehrungen aus. Das liest sich ungemein spannend. Auch vom Tonfall des Buches her: so gar kein Soziologendeutsch.

Und auch von manchem Wechsel von links nach rechts können wir lesen – wie etwa bei Bernd Rabehl oder Frank Böckelmann, der zum Kreis der Subversiven Aktion gehörte. Die Aktivisten dieser Künstlergrupp wollten im wilden München der frühen 60er Jahre die Gesellschaft mittels Kunst, Protest und Revolte dadurch verändern, daß sie eine „revolutionäre Situation“ herstellte. Im Anschluß an die Ideen der Situationistischen Internationale wollte die Gruppe etablierte Institutionen provozieren und sie so zum Handeln zwingen. Das Establishment sollte aus der Reserve gelockt und dessen Reaktionen dann entlarvt werden. Mit den Mitteln der Kunst.

In diesem Sinne ist das Buch zugleich eine kleine Reflexion auf die politischen Potentiale der Modernen Kunst samt ihrem Souveränitätsdiskurs: Kann sie? Kann sie nicht? Sollte Kunst statt gespreizter Souveränität doch besser in der Autonomie und in den freien Gestaltungen sich galant bewegen? Das waren die Fragen, die Ende der 60er Jahre heftig diskutiert wurden und die auch das ästhetische und theorielastige Klima jener Jahre bestimmten. Nicht  nur die Theorie, auch die Kunst wurde praktisch. Man denke nur an die Aktionen von Joseph Beuys, auf den Wagner hinweist. Eignet Kunst sich, um revolutionäre Veränderungen einzuleiten? Propaganda der Tat oder Reflexion des Tuns? Das Theorieblatt der Subversiven Aktion hieß mehrdeutig-provokant „Anschlag“. Das konnte manches bedeuten. Und solche semantischen Mehrdeutigkeiten machten sich die Künstler zu eigen. Aus diesem Fundus bedienen sich auch die neuen Rechten. Aus gutem Grund heißt eines von Kubitscheks Büchern Provokation.

Wagner Buch beschreibt in diesem Sinne genauso die Geschichte der linken Bewegungen. Ohne zu werten, ohne Statements, ohne betreutes Denken. Das Denken muß der Leser schon selber leisten. Heute leider keine Selbstverständlichkeit mehr. Und der – linke! – Soziologe scheut sich auch nicht, das zu tun, was in der Soziologie eigentlich üblich sein sollte, wenn sie im Feld forscht: mit den Rechten zu sprechen und nicht bequem vom Sessel aus über sie. So finden sich in dem Buch zum Beispiel aufschlußreiche Interviews mit Götz Kubitschek und Ellen Kositza. Solche Gespräche sind für Wagner nicht bloßer Selbstzweck, um den rechten Akteuren eine Bühne zu bieten, sondern die Sichtung beruht auf Inhalten, etwa wenn es um Kubitscheks Buch Provokation geht:

„Kubitscheks Buch gehört zu den einflussreichsten Publikationen der radikalen Rechten in der jüngsten Zeit. In ‚Provokation‘ verschmolz der ehemalige Oberleutnant der Reserve Elemente linker und rechter Widerstandstheorie und begründete damit die politische Praxis der von ihm ins Leben gerufenen ‚Konservativen Subversion‘“

Es ist gut, seine Gegner bzw. sein Gegenüber zu kennen. Dazu leistet Thomas Wagners Buch einen wichtigen Beitrag. Ohne den üblichen Entlarvungsgestus, ohne steile und durchschaubare Rhetorik oder den Predigerton Sermon für die eigene Gemeinde, sondern klar, sachlich und ohne Wertungen schreibt Wagner von der Geschichte der Neuen extremen Rechten.

Dennoch verfolgt das Buch eine Absicht, denn sonst könnte man in der Tat mutmaßen, daß es nur um eine Bühne für rechts geht. Ähnlich wie schon Didier Eribon mit seiner Rückkehr nach Reims kommt es Wagner mit seinem Buch darauf an, daß linke Politik wieder mehrheitsfähig wird. Geschieht dies nicht, bleibt diese Politik, wie bisher, in ihrer Blase, und so wird sie Wahlniederlage um Wahlniederlage einfahren. Da nützt alles Moralisieren und da nützt der Emckesche Pastorengestus nichts.

Um solche Transformation zu schaffen, ist es geboten, sich mit rechten Bewegungen auseinanderzusetzen – was bedeutet, ihre Positionen und ihre Geschichte zu kennen. So wie die Identitäre Bewegung linke Protestformen kaperte und kopierte.

„Wenn die Linke sich darauf besinnt, dass sie tatsächlich über die besseren Mittel zur Analyse der gesellschaftlichen Wirklichkeit verfügt und wenn sie sich bemüht, ihre Erkenntnisse und Lösungsvorschläge so zu formulieren, dass sie auch von Nichtakademikern verstanden werden, hätte sie auch in der Auseinandersetzung mit einem Götz Kubitschek oder mit einem Marc Jongen wenig zu fürchten. Eine hart geführte Diskussion, eine argumentative Auseinandersetzung mit Leuten wie ihnen wäre keine ‚Kapitulation vor dem Bösen‘, wie viele Linke zu meinen scheinen, sondern der Ausweis einer demokratischen Streitkultur, von der auch die fortschrittlichen Kräfte – etwa durch Schärfung ihrer Position, dem Kennenlernen ihnen unvertrauter Gesichtspunkte und Perspektiven – profitieren könnten.“ (Thomas Wagner, Die Angstmacher)

Zu solcher Streitkultur liefert Wagners Buch einen sinnvollen und wichtigen Beitrag.

Thomas Wagner: Die Angstmacher, Klappenbroschur, 352 Seiten, Aufbau Verlag 2017, 978-3-351-03686-7, EUR 18,95

11 Gedanken zu „Theorie, die praktisch wird. Thomas Wagner „Die Angstmacher“

  1. George Orwell, Arthur Koestler, H. L. Mencken, Tom Wolfe, Viktor Jerefejew, Alexander Solschenizyn, Martin Amis, Kurt Hiller, Gottfried Benn, Hans-Magnus Enzensberger, Rolf Peter Sieferle, Katharina Rutschky, Alice Schwarzer, Ernst Jünger, Carl Schmitt und einer seiner unwahrscheinlichsten Adepten, Mathhias Beltz (cf. sein Programm „Die paar Jährchen noch“) – naja: Das wäre noch 1 optatives Kapitelchen in wagners Buch. – Das alte Konkret-Schlachtross Jürgen Elsässer.
    Aktuell Jordan B. Peterson und Stefan Molyneux und Steve Sailer als die Kritiker des überbordenden Gender-Wahns -neuerdings auch der nahezu weltberühmte Sozialpsychologe Jonathan Haidt („I’ve never in my entire life voted Republican“), der gleichwohl sagt, die Gedankenpolizei und die Sprachbemächtigung in der linken Angloshpäre habe ein Maß erreicht, das längst jede Form von aufklärerischem Denken hinter sich gelassen habe und zur virulenten Gefahr geronnen sei.
    Schließlich der alte Herr Mentz, immer noch gratis online, wie er in seiner Titanic-Kolumne den kompletten Dekonstruktivismus/Poststrukturalismus verabschiedet – Siebene auf einen Streich.
    Zwanzig Jahre nach der legendären Philippika „Lacancan und Derridada“ zwar, aber immerhin.

    Doch, Wagners Buch ist gut. Etwas obenhin ist seine SPD-Haue. Wagner dürfte zu denen gehören, die nicht wissen, wie sich die Hartz-Reformen in Mark und Fennje für das untere Fünftel tatsächlich ausgewirkt haben (Zuwächse des Netto-Transfairs gegenüber dem Status quo ante). Das ist kein arkanes Wissen, eigentlich, aber wenn man sich anschaut, was Leute wie Wagner schreiben, staunt man doch.

    (Das einzige wirkliche westliche Gegenbeispiel sind kleine Staaten wie Dänemark oder Österreich, die freilich nicht nur die Unterschicht im Weltmaßstab auf traumhafte Höhen anhoben, sondern auch ihre gesamten Volkswirtschaften. Ähnliches gilt für die Schweiz. Norwegen sowieso, zumal nun, nach dem Öl. Alle drei hatten auch keine DDR zu bezahlen (ca. 1,5 Billionen) – und im Vergleich zu Deutschland, auch sonst erheblich geringere Kriegsfolgelasten – was natürlich keine Regierung einfach abschaffen kann. Wagner sollte derlei mitreflektieren und ein wenig weniger uralt-linkes deutsches Genossen-Hauen betreiben, dann würde er mir noch besser gefallen. Aber wie gesagt: Muss er keineswegs, er ist auch so schon recht.

    Ahh, die Geschichte von Ellen Kositza, wie sie davon spricht, wie sie der Weltpresse, die gerade zu Gast ist in Schnellroda, sagt, was sie mit ihren Kindern macht, wenn sie ungezogen sind: Den Mund mit Seife auswaschen – und wie sehr sie das bedauert, mittlerweile – weil die Weltpresse so sehr auf Horrorstories fixiert ist, leider, dass sie dieser rechten Frau alles zutraut, nur keinen Spott über – eben sie: Ihre Majestät die Weltpresse. Tja. Eine jede blamiere sich, so gut sie (=die Weltpresse aus HH…) emt kann. Das ist schließlich nur fair.

  2. Na ja, der Poststrukturalismus ist nochmal eine Sache für sich. Das eine sind die Texte von Derrida und Lacan, das andere deren Adepten. Ich plädiere in den Fragen der Theorie dafür, die Texte zu nehmen und nicht, das, was daraus gemacht wurde. Gerade bei Derrida, dem proteushaften Antidogmatiker eigentlich absurd, aus seinen Texten ein Dogma zu zimmern.

    Na ja, die Hartz-IV-Sanktionen sind halt der Untergang der SPD gewesen. Bis heute nicht erholt davon. Der Seeheimer Kreis wird schon gewußt haben, was er damals tat. Sieht auch besser aus, wenn der Name der Sozen statt der CDU auf dieser neobliberalen Umverteilung daraufpappt und die Unterhosenschnüffler die Wohnungen durchsuchen. Die CDU hätte sowas niemals durchbekommen. Die und die FDP müssen in den Parteizentralen vor Lachen nicht mehr unter den Tischen hervorgekommen sein. Man kann fast ein wenig verschwörungstheoretisch werden, wenn man sich diesen Teil der SPD-Geschichte ansieht. Wäre eine Aufgabe und eine Arbeit für Journalisten.

  3. Wagner erzählt diese Hartz-Geschichte ja, und es ist gut, dass er sie erzählt, nur nicht ganz wie: Er erzählt sie so, als ob Deutschland Dänemark wäre. (Dänemark hat, das ist ein Echo unseres vorigen Austauschs, auch eine ethnische Seite, die Deutschland nicht hat, und die erhebliche Auswirkungen auf die Alimentierung und Förderung der unproduktiven DänInnen hat und danach: Die Folgen solcher Alimentierung e r h e b l i c h mitbetrifft.

    Das ist die Einsicht (=Erkenntnis) die Robert Putnam so schockiert hat, dass er seine eigenen Forschungsergebnisse ein geschlagenes Jahr unter Verschluss hielt: Nämlich wie sehr Neid, Missgunst und Destruktivität (cf. Enzensberger) aus purer Diversität erwachsen und die Wirkungen von staatlichen Zahlungen beeinflussen – so sehr, das sie sie sogar konterkarieren können.

    cf. das Beispiel von Baltimore (cf. Ellen Packer Letter from Baltimore – ist gratis online auf unz.com). Die SchuldirektorInnen dort sind überwiegend schwarz, und sie zählen zu den höchstbezahlten – nun ja: Der Welt. Soweit alles nach der Maßgabe von acht Jahren Schulreformen in Obama-Amerika.
    Alles ok und perfekt – bis auf die Leistungen der Schüler. Diese Absolventinnen eines der teuersten und gender- und rassengerechtesten Schulsysteme der Welt gehören zu den unfähigsten SchulabsolventInnen ever.

    Naja – und dann eben der Anstieg der Nettotransfers zu den Bezügern von Hilfeleistungen (= u. a. Hartz iV) unter Schröder. Das ist ja keine Kleinigkeit.
    Vielleicht dauert es noch ein bißchen, bis Wagner das mitreflektiert. Er muss es auch nicht, es macht keinen großen Unterschied. Strategisch war die ganze Veranstaltung dennoch (!) ein Fehler, da haben sie Recht.

    Was im Moment viel mehr zählt, ist die erhebliche Störung gesellschaftlicher Abläufe durch blauäugige (=unregulierte) Immigration.
    Das ziemlich Verwunderliche ist, dass die einschlägigen Infos von Fachleuten nicht in aller Munde sind: Collier, Putnam, Haidt, Peterson et. tutti quanti.
    Stattdessen werden vollkommen zweitrangige oder gleich arkane oder obskure oder irrelevante Dinge rauf und runter diskutiert wie etwa die leidigen Genderproblematiken und Pronomen der wundersamen Identitätsvermehrung usw.

    Bester Hinweis in Sachen Bildung in letzter Zeit, ein Artikel in den Stuttgarter Nachrichten – eine simple Reportage aus den Lehrerzimmern in und um Stuttgart – mit weinenden Lehrerinnen, verzweifelte junge Leute, deren Klassen überhaupt nicht mehr funktionieren (wg. zu viel Diversität (auch in Sachen Inklusion, eh kloa)).
    Das – diese wirklich schwerwiegenden Befunde, tauchen in irgendeiner Ecke des Landes kurz auf – und verflackern dann wieder. Diese Dinge werden aber sehr langfristige Folgen haben.
    Geistig nicht so topfitte Unterschichtler sind eins, aber geistig nicht so topfitte ungebildete Unterschichtler – das läuft – Gott mag ein Einsehen mit uns haben, bitte – im dümmsten Fall hinaus auf Städte wie Baltimore und Detroit. Mit Mordraten und Arbeitslosenraten, die Italien z. B. oder Neukölln von mir aus, aussehen lassen wie das Paradies selber.

  4. Natürlich kann niemand in die Zukunft sehen. Aber das, was Sie in den letzten Absätzen schildern, halte auch ich für problematisch. Vereinzelt nur kommen Lehrer zu Wort. Eine brenzlige Situation, in der Tat.

  5. Ich unterrichte an einer Beruflichen Schule. „Qualitätssicherungsmaßnahmen“, Dokumentationspflichten, Evaluationen etc. ppp. nehmen stetig zu. Immer neue Projekte werden gestartet, Nachhaltigkeit steht stets in der Beschreibung, ist aber niemals – mangels Ressourcen – wirklich vorgesehen. Ich unterrichte trotz allem noch immer gern. Die Probleme, mit denen wir Lehrerinnen konfrontiert sind, haben aber enorm zugenommen: Immer mehr Schülerinnen und Schüler sind psychisch labil, kommen aus Elternhäusern, in denen keinerlei Fürsorge geleistet wird, haben einen kulturellen und sozialen Hintergrund, der mit „bildungsfern“ bestenfalls angedeutet werden kann (heißt z.B. dass sie weder Deutsch noch eine andere Sprache, etwa die ihrer Eltern, korrekt sprechen geschweige denn schreiben können). Die Kultusministerien sorgen dafür, dass sukzessive die Anforderungen an die Bildungsabschlüsse gesenkt werden. Wir entlassen Schülerinnen und Schüler mit Mittlerer Reife oder sogar Fachoberschulabschluss, die nicht in der Lage sind, einen Zeitungsartikel verstehend zu lesen oder eine einfache Zinsrechnung durchzuführen. Dass diese Schülerinnen und Schüler nicht ausbildungsfähig sind, wundert nicht. Im Grunde interessiert das aber niemanden, außer in Sonntagsreden. In den Schulen blättert der Putz ab, Heizungen sind dauerhaft defekt, Toiletten z.T. seit Jahren nicht benutzbar. Die jungen Menschen erleben so, was sie „wert“ sind. Eine Kollegin sagte neulich, sie habe den Eindruck, das unausgesprochene Ziel sei es nicht mehr, wie noch in einer „neoliberal“ geprägten Phase, willige Arbeitskräfte zu produzieren, sondern reine Konsumenten. „Kompetenzorientierte“ Lehrpläne kennen immer weniger Inhalte, stattdessen wird geübt, Fahrpläne zu lesen oder Preistabellen zu vergleichen. Noch gibt es immerhin Freiräume, die eine als einzelne Lehrkraft nutzen kann. Aber ingesamt sehe ich die Situation auch als komplett verfahren an. Das „Bildungssystem“ kann jedenfalls in seiner gegenwärtigen Verfassung und Ausstattung keine weitere Zuwanderung vertragen. Integration in und durch die Schule ist unmöglich, wenn sich Lerngruppen immer häufiger überwiegend oder ausschließlich aus Menschen zusammensetzen, denen Sprache und Kultur hierzulande fremd sind.
    PS. Collier habe ich kürzlich gelesen. Gegenwärtig scheint es mir aber unmöglich, Thesen wie die seinen in meinem politischen Umfeld auch nur zur Diskussion zu stellen. Die Fronten sind klar: Wer Zuwanderung nicht rückhaltlos befürwortet, ist Rassist_in.

  6. Großartiges Posting, das nicht nur auf ein hochinteressantes Buch Appetit macht sondern auch darlegt worum es der Neuen Rechten eigentlich geht – nachdem in Kleinbloggersdorf irrtümlicherweise schon radikale Wirtschaftsliberale absurderweise als Neue Rechte klassifiziert wurden.

  7. Dass Neue Linke und Neue Rechte bestimmte Schnittmengen hatten ist richtig, das geht aber noch viel weiter. In der alten Friedensbewegung, also der Anti-Atomraketenbewegung von 1980 bis 1985 gab es eine Strömung, die sich einsetzte für eine atomwaffenfreie Zone in Westeuropa und für einen gesamtdeutschen Neutralismus. Parolen wie „Besatzer raus!“ und „Raus aus der NATO, rein ins Vergnügen!“ einten antiimperialistische Linksradikale und Nationalrevolutionäre. Ein früherer enger Genosse von mir vertrat schon 1984 die Position, dass die DDR bald zusammenbrechen würde und forcierte die Forderung, dass die Linke das Thema deutsche Wiedervereinigung für sich entdecken müsste. Die Friedensbewegung, damals mit Anti-AKW-Häuserkampf- und Bürger/Menschenrechtsbewegung eng verzahnt brachte damals Hunderttausende auf die Straße und war die größte und stärkste demokratische außerparlamentarische Massenbewegung der westdeutschen Geschichte. Er kam aus einem explizit linksextremen Umfeld – Sympathisant der Bewegung 2. Juni, Haschrebell – und wollte seinen Hintergrund integrieren in eine Stoßrichtung, die auf deutsche Wiedervereinigung verbunden mit einem deutschen Friedensvertrag und einer neuen Verfassung anstelle des Grundgesetzes („Wiedererlangung der nationalen Souveränität, Ende des 4-Mächte Status“) hinauslief. Und auf ein neutrales oder blockfreies vereinigtes Deutschland, das sowohl demokratisch als auch sozialistisch und ohne Militärbasen fremder Mächte sein sollte („Der imperialistischen Kriegsmaschinerie die Aufmarsch- und Operationsbasis in Europa weghauen“). Sein Ziel war es, der Friedensbewegung diese Ausrichtung zu geben. Dafür wurde er, besonders von Antifas, extrem angefeindet als angebliches rechtes Uboot in der linken Szene. Tatsächlich leistete er Großes, schleuste etwa geheime Dokumente, die die Beteiligung von Bullenspitzeln an linken Scherbendemos belegten und Papiere aus NATO-Stäben, aus denen hervorging, dass ab 1988 der Islam als neues Feindbild gezielt aufgebaut wurde und Huntigton da zu den Lohnschreibern gehörte in die linke Szene. Gedankt wurde ihm das nicht.

    Viel später fragte er nach seiner Stasi-Akte, erfuhr, dass es eine Solche gäbe, und als er bei der Birthler-Behörde vorstellig wurde teilte man ihm mit, dass die sich jetzt in Moskau befinde, in der Lubjanka.

  8. In der Tat schildert Wagner Analogien, manchmal auch Parallelen, ohne jedoch gleichzusetzen oder die gleichfalls bestehenden Unterschiede einzuebnen. Um zu wissen, wie die Neue Rechte tickt und wie sie sich konstituierte, ist dieses Buch ein wichtiger Baustein. Vor allem verzichtet es auf Moralisierungen. Und auch Wertungen tauchen nur minimal auf. Für einen mündigen Leser heutzutage eine Wohltat.

    Was Huntington betrifft, so mag da etwas dran sein – was deshalb allerdings noch nicht gegen seine Thesen sprechen muß. Und man kann hinzufügen, daß es der politische Islam den Nato-Stäben ausnehmend leicht machte, hier ein konsistentes Feindbild aufzubauen. Eigentlich mußten die USA gar nicht viel hinzutun. Nur einen Grund für die Intervention im arabischen Raum, den mußte man noch basteln. Ein kleines Pearl Harbor oder einen inszenierten Tonkin-Zwischenfall. Na ja, das gab es dann auch. Mit Folgen, die bis in die Gegenwart reichen.

  9. @ MelusineB: Dein Kommentar ist leider im Spam gelandet. Erst jetzt entdeckt. Danke!

  10. @ Melusine :

    Collier setzt sich langsam durch, wie ich hoffe.

    Dazu hofe ich auf Robert Putnams einschlägige Arbeiten.

    In welchem Bundesland arbetien Sie?

    Wenn sie den Nullpunkt der Entwicklung sehen wollen – es ist ein Blick in den Abgrund, lesen sie Ellen Packer auf unz.com : Letter from Baltimore. Dahin geht die reise, wenn die Basics weiterhin ignoriert werden.

    Einer der vollkommen irren Aspekte des imposanten Niedergangs in Baltimore besteht darin, dass der das Ergebnis von acht Jahren Reformpolitik unter Obama ist – unter anderem mit der sehr konkreten Folge, dass man die Direktorengehälter von öffentlichen Schulen auf absolutes Weltniveau angehoben hat – und dass man 2. dafür gesorgt hat, dass überwiegend Frauen – am besten schwarze Frauen, in diese Stellen kommen. Das Wichtigste und auf Dauer wahrscheinlich Alarmierendste dürfte aber darin bestehn, dass die US-Gesellschaft unter den Bedingungen des verschärften Hedonismus bei gleichzeitigem Gleichheits-Absolutismus keinen Weg mehr findet, die Unterschicht zu bilden.

    Der Gleichheits-Absolutismus ist deswegen so schädlich, weil so getan wird, als könnten alle Karriere machen als Anwalt oder in den Stem-Fächern. – Clintons prospektive Bildungministerin – eine Milliardärin, deren Nachnamen ich jetzt mal nicht hinschreibe… – hat als Agenda vertreten: Qulifikationsoffensiven für Höherqualifizierte – sie hatte die Unterschicht und die untere Mittelschicht gar nicht mehr auf ihrem Plan…bzw. allein als jene, denen man die Chance gibt, ebenfalls – nun ja: Milliardär zu werden…oder wenigstens Millionär – Multimillionär…

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