Reisebilder (5)

2 Gedanken zu „Reisebilder (5)

  1. Wie eigentlich fast immer bei Dir und Deinen Fotos: es fehlen die Menschen.
    Interessant ist nun, dass es sich hier aber um Motive von einem Ort handelt, der umfänglich touristisch erschlossen wurde, damit er die ferialen Bedürfnisse von Menschen befriedigt. Du zeigst den Ort aber nicht, wie er durch die Menschen und ihre Aktionen belebt wird, sondern den Ort, seine Einrichtungen und seine natürlichen Gegebenheiten selbst, wie er für sich besteht, gleichsam als leere Kulisse.
    Dies mag der nachsaisonalen Jahreszeit geschuldet sein, aber ich denke, da steckt ein Konzept dahinter, ein Plan. Während z. B. Martin Parr, etwa in seiner Serie „The last resort“ (1982-85), in fast Hopperesk anmutenden Szenen einen prominenten englischen Badeort und sein Personal während der Saison zeigt, den anekdotischen und menschlich-emotionalen Aspekt der touristischen Inbesitznahme mit hintersinnigem Humor offenlegt, ohne dabei die menschlichen Sehnsüchte und Wünsche zu diffamieren, verzichtest Du gänzlich aufs Personal und zeigst nur den Ort und seine natürlichen und architektonischen Gegebenheiten: aufgegebene Läden, geschlossene Geschäfte, leere Strände, aber – bis auf wenige Ausnahmen – keine Menschen, die zu dem Ort eine wie auch immer geartete Beziehung aufnehmen.
    Der Plan dahinter könnte ein paradoxer sein, nämlich mit einer subjektiven Perspektive den Ort selbst Bild werden lassen zu wollen, d.h., mit einem Stakkato von Einzelbildern eine Bestandsaufnahme zu bewerkstelligen, die zwar dokumentarisch daherkommt, nichtsdestoweniger aber doch einen idiosynkratischen Blick verrät. Dokumentarisch ist die Betonung des Sachlichen und die (weitgehende) Abwesenheit des Menschen; die Perspektiven, die Standpunkte, die Wahl der Ausschnitte und Details sowie die bewusste farbliche Entsättigung einiger Motive verraten dagegen den dezidiert subjektiven Zugriff. Alles Anheimelnde wird vermieden, die Motive transportieren keine Stimmung, die Fotos setzen nicht auf Affekte und beuten nicht die Schönheits- oder Erholungs-Effekte der naturgegebenen Situation aus. Für einen Tourismus-Flyer eignen sie sich also weniger. Was sie aber zeigen sind Aspekte eines Ortes, die nicht allein den Zurichtungen auf die menschlichen Freizeitdivertissements entsprechen. All das wäre im Sommer sicherlich nicht möglich gewesen. Da hätten sich die Massen ins Bild gedrängt und die Motive bestimmt und damit den Ort gewissermaßen besetzt gehalten. Im Herbst aber finden sich Bilder der Leere, der Verlassenheit, der Offenheit.
    Wie aber passen in diese Deutung die Fotos des Blässhuhns und des Fisches hinein?
    Gruß, Uwe

  2. Martin Parrs Photos schätze ich natürlich sehr. Eigentlich mache ich aber das Gegenteil von ihm. Oder vielleicht doch ähnliches, nur mit einem Ort? Nein, ich denke, ich zeige in all dem Rauen und Harten zugleich auch die Schönheit, die in solchen Szenen liegt. Eine Schönheit, die vielleicht auch ein wenig etwas mit der Schwermut zu schaffen hat. Das Menscheleere ist mir sehr wichtig. Ich habe schon Ender der 80er Jahre für meine Photographien den Satz ausgegeben, wenn ich in Städten Bilder schoß: Meine Stadt hat keine Menschen.

    In diesem Sinne sind die Photographien in der Tat subjektiv bei gleichzeitiger Beibehaltung einer kalten Sachlichkeit.

    Danke für Deine sehr anregende Deutung. Machmal können solche Blicke von außen ja auch wieder den eigenen Blick aufs eigene Photographieren schärfen – auch um zu sehen, wo ich noch an den Bildern arbeiten möchte.

    Grüße nach Hamburg

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