Die sonnenabgewandte Seite der Erde – Sven Heuchert „Dunkels Gesetz“

„‚Die Wahrheit, oder ich schlag dir den Schädel ein‘, …“

So ein Jungsding ist das schon, denke ich mir, während ich die ersten Seiten von Sven Heucherts Romandebüt lese. Ein düsteres Szenario, es spielt irgendwo im Westen Deutschlands, nahe der belgischen Grenze. Arme, öde Region, Finsterwald. Männergespräche zum Beginn. Runtergerockte Hunde. The waste land auf Deutsch oder irgendwas dazwischen, nur weniger lyrisch-verklärt als T.S. Eliots Kritik der Moderne und das Elegische ist handfester Art. Schon das Vorlaufzitat von Ulf Miehe („Ein ödes Land“) deutet aufs Düstere. Da ist kein Gott, nirgends. „It would be easier to believe in God“, so zitiert Sven Heuchert weiterhin noch Don Carpenter.

Aber diese Geschichte könnte genauso anderswo spielen, es muß nicht der alte Westen der alten BRD sein, was in Sven Heucherts Roman geschieht, könnte in irgendeiner gebirgigen Gegend in Ostdeutschland passieren, im Randgebiet, Erzgebirge vielleicht oder Harz. Karge Landschaft, Typen, die allenfalls das nötigste sagen, und das auch nicht immer in der netten Variante. „‚Die Wahrheit, oder ich schlag dir den Schädel ein‘, sagte er und schob ihr zwei Finger in dem Mund.“ Das ist durchaus philosophisch zu nehmen, denn die Wahrheit ist manchmal handfester, konkreter Art.

Das ist das Milieu, in dem der klassische US-Western angesiedelt ist, und ganz sicherlich ist Heuchert von der amerikanischen Erzählweise, von den Großen der düsteren Literatur inspiriert: Cormac McCarthy, Denis Johnson, Raymond Carver oder der in der BRD spätentdeckte John Williams oder ganz einfach Autoren, die wir Nicht-Spezialisten der US-Literatur gar nicht mehr kennen. Es ist auch ganz egal, wie und woher. Denn Heuchert ahmt nicht einfach nach, was andere erzählten, sondern vielmehr verbindet er die Elemente zu einer ganz eigenen Mischung. Heuchert erzählt, indem er loslegt und in der Sprache einen Takt schlägt. Keine umständlichen Beschreibungen, sondern wir sind mitten in der Geschichte drin. Ein Western, im Land der Normalen.

Nach zehn Seiten denke ich mir „Gut, ein Krimi“. Knapp gehalten, die Hard-boiled-Variante – auch in der Sprache –, wortarm wie der Westmann, der bereits zu viel in seinem Leben sah. Aber das Reduzierte langweilt nicht. Von Seite zu Seite baut der Roman eine Spannung auf, die nicht nur mit dem Genre und dem Lokalkolorit, mit Stoff und Motiv zu schaffen hat, sondern es ist die Form, wie Heuchert das Sujet darstellt, es ist die Sprache, die ins Minimale, ins Puristische sich verdichtet. Heuchert erklärt nichts, sondern führt seine Figuren ein, indem er sie sprechen läßt. Insofern ist dieses Verfahren nicht bloß Reduzieren um der Reduktion willen. Und vom Sujet her handelt es sich nicht bloß um Heimatliteratur mit Lokalkolorit – das also, was man gerne mit dem Begriff Regionalkrimi abhakt. Diese Sprache leuchtet die Prosa der Wirklichkeit so aus wie sie ist. Karg, schroff, alles steht für sich, dinghaft, die Grenze zur Verdinglichung schon lange überschritten. Entstelltes und ein Blick ins Innere:

„Nach dem dritten Schlag zersprang Hallers Schädel wie eine überreife Frucht.

Tageslicht drang in die Werkstatt und zeigte die Dinge, wie sie wirklich waren. Achim stand auf, schloss das Tor ab und ging rüber zum Haus.“

Auch bei den Dialogen wird kein Wort zu viel gesprochen. Dieses Reduzierte in der Prosa ist keine bloße Marotte. Es paßt zu den Figuren dieses Romans, denn schließlich arbeitete der Protagonist als Söldner, Richard Dunkel, inzwischen ausgedient, eine harter Bursche, der an den Krisenherden dieser Welt sein Werk tat, Bilder aus dem Tschad, aus Beirut, aus Haiti, die manchmal im Kopf aufglimmen, da trägt einer was mit sich, das deutet sich in dieser Story Schicht für Schicht an. „Gesichter ohne Augen, Nase, Mund – Gesichter, die nur aus Löchern bestehen.“ Und nun bewacht der Söldner eine stillgelegte Chemiegrube. Die Story ist, ohne zu viel zu verraten, im Klappentext gut auf den Punkt gebracht. Dort heißt es:

„Ein Exsöldner, ein geplatzter Drogendeal und ein junges Mädchen: Altglück ist ein verlassenes Nest in der Nähe der belgischen Grenze, hier träumt es sich schlecht vom sozialen Aufstieg. Achim, der Tankstellenbesitzer, heuert bei der Lokalgröße Falco an und steigt gemeinsam mit seinem Knacki-Kumpel in den Drogenhandel ein. Seine letzte Chance auf ein gutes Leben, glaubt er – für sich, seine Geliebte und deren Tochter Marie. Doch ein Mann droht alles kaputtzumachen: Richard Dunkel, Exsöldner. Um über die Runden zu kommen, arbeitet er als Security für eine Chemiefirma. Eines Nachts stößt er dort auf Achims Drogenversteck. Er setzt Falco und Achim mächtig unter Druck – und bringt so, ohne es zu wollen, Marie in tödliche Gefahr.“

Dazu ein toter Junge, umgebracht, und eine seltsame Witwe namens Frau Pollozek. Rätselhaft zunächst, aber im Lauf der Geschichte zählt sie doch zum Prinzip des Guten, obwohl auch die seltsame Witwe etwas auf dem Kerbholz hat. So wie die Sprache sind folglich auch die Figuren knapp gezeichnet, aber doch genau. Charaktere, die man sich sofort vorstellt. Man kloppt miteinander Karten, trinkt im dubiosen „Walterchen“ seinen Alkohol. Kein Schnickschnack, im Beschreiben keine Orgien in Ornament. Knappheit auch bei den Sätzen ist Heucherts Stilmittel. Kein Adjektiv zuviel, kein Wort im Überfluß, lyrisches Schwelgen ist Heucherts Sache nicht. Das Düstere der Landschaft ist düster, aber nicht verzückt, gezuckert oder so geartet, daß es durch die Schönheit der Sprache am Ende anheimelnd ausfiele. Man kann diese karge Sprache kritisieren, schließlich ist ein schroffer Stil kein Selbstzweck. Aber in dieser Story paßt es, insofern folgt die Form hier im guten Sinne der Funktion, ohne daß der Roman und damit die Geschichte samt ihrem Personal zum Design mutiert. Heucherts Stil dampft aufs Nötigste ein, reduziert bis nur noch ein Bild bleibt:

„Dunkel bemerkte den Schatten, der am Fenster vorbeihuschte, und nahm das Messer vom Tisch. Er stand auf und öffnete die Tür mit der Fußspitze. Sonnenlicht blendete ihn. Er drehte die Klinge um und hielt das Messer auf Brusthöhe.“

Das Bedrohliche dieses Szenarios bemerken wir sofort. In solchen Bildern zieht Heuchert uns in den Bann der Geschichte. Suspense auf eine ausgeklügelte Art, auch wenn es am Ende nur ein scheues Reh ist, das die Alarmglocke des Söldners schrillen ließ.

In dieser Story ist kaum Platz für eine schweifende oder schwelgende Beschreibung von Landschaft. Und die Psyche der Figuren entwickelt sich nicht durch langes Schildern, sondern durch die Handlung oder durch das, was diese Menschen zu erzählen haben. Wenn Achim Maries Mutter demütigt:

„‚An dir nagt der Zahn der Zeit‘, sagte er und schob die Hand unter die Decke auf ihren Schenkel. ‚Kannst deine Muschi miauen lassen, versilbern wird sie dir keiner mehr.‘“

dann wissen wir, was für eine Art von Mann Achim ist. Es ist hart, drastisch, schonungslos. Aber es sagen solche kruden Sprüche alles über das Milieu, in dem diese Geschichte spielt, „als sei der Autohof der letzte Ort dieser Welt, …

Nicht immer freilich geht alles ganz glatt. Sätze wie „Über diesem Land lag lähmendes Vergessen“ erklären mir zu viel, sind zu deutlich, das hätte der Lektor streichen müssen. „Show, don’t tell!“ Aber es sind Kleinigkeiten. Anfangs fremdelte ich zwar mit dem Roman, auf den ersten 10 Seiten dachte ich: um wieviel besser ist „Asche“, Heucherts erster Erzählungsband. Aber dieser Eindruck verflog im Lauf der Geschichte. Trotzdem – auch „Asche“ lesen, denn es ist eine ganz und gar gewaltige Prosa! Man kann das gerne mit Clemens Meyer vergleichen, was ich als Kompliment meine, und doch ist in „Asche“ der Stil Heucherts ein völlig eigener – auch dort aber deutet sich schon das Reduzieren als Ausdrucksmittel an. Was ihn freilich mit Meyer verbindet, ist sein Blick in den Abgrund.

Auch in „Asche“ knapp und eingedampft, die einzelnen Geschichten sind schwarz-düster aus Paralleluniversen. Eine der schonungslosesten Vergewaltigungsszenen und ein Fall von Kindesmißbrauch, der – so beiläufig und beiseite erzählt – schlicht traurig ist. Insofern finden wir bei Sven Heuchert beides: Diese Härte und das Unmittelbare eines Gesetzes der Straße, aber auch einen sanften, manchmal schwermütigen Zug, der dem Vertanen des Lebens nachblickt und auf das Böse schaut, das Menschen anderen Menschen antun können. Manchmal geschieht solch Böses in „Asche“ aus der Gedankenlosigkeit heraus oder weil sich niemals eine bessere, eine andere Perspektive, geschweige eine Chance bot. Von solch verpfuschtem Leben wie von dem kurzen Aufflackern eines besseren, anderen Daseins erzählt auch „Dunkels Gesetz“. Vom Leuchten und Glitzern jedoch schweigt sich diese Prosa aus. Die Welt ist im Arsch wie sonst nur bei Beckett, Bernhard, Kafka oder Hilbig, den großen Schwarzschreibern der Literatur. Heucherts Prosa ahnt etwas davon. Und insofern dürfen wir gespannt sein auf das, was kommt.

Man kann Heucherts Buch als Krimi lesen und der Genreliteratur zuschlagen. Aber damit tut man dieser Prosa unrecht. So wie Clemens Meyer keine bloßen Milieugeschichten aus dem Osten der Republik schreibt, sondern uns von einem Deutschland berichtet, das nicht so häufig im Feuilleton der kulturalistischen Linken vorkommt und schon gar nicht in der arrivierten Mittelstandliteratur kulturalistisch Arrivierter und Gesättigter.

Diese Prosa von Sven Heuchert hat Aufmerksamkeit verdient. Zu wünschen wäre freilich auch, daß es nicht in eine Genreschiene rutscht und daß sich Heuchert seinen unkonventionellen und frischen Geist bewahrt. Wer nach diesem gelungenen Romandebüt noch eine Kostprobe vom Erzählen in Miniaturen erleben möchte, der greife unbedingt auch zu „Asche“. Es lohnt sich. Viele starke Geschichten lesen wir da.

Sven Heuchert: Dunkels Gesetz, Ullstein Verlag, 2017, 192 Seiten, 14,99 EUR, ISBN 978-3-550-08178-1
Sven Heuchert: Asche. Stories, Bernstein Verlag, 2016, 184 Seiten, 12,80 EUR, ISBN 978-3-945426-13-5

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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