Von den Moralisierungen der bürgerlichen Gesellschaft oder die Tyrannei der Werte

Kurz vor der Französischen Revolution, eine Zeit des Umbruchs war es, wilde Gedanken trieben durch die Epoche – von Paris bis Königsberg. Über jene Jahre  schreibt der Historiker Reinhart Koselleck:

„Der hohe Gerichtshof der Vernunft, zu dessen natürlichen Beisitzern sich die aufsteigende Elite selbstbewußt zählte, verwickelt in verschiedenen Etappen alle Bereiche des Lebens in seine Prozeßführung. Die Theologie, die Kunst, die Geschichte, das Recht, der Staat und die Politik, schließlich die Vernunft selber, werden früher oder später vor seine Schranken zitiert und haben sich zu verantworten. Die bürgerliche Geistigkeit fungiert in diesem Rechtshandel als Ankläger, als oberste Urteilsinstanz und – was für die Geschichtsphilosophie von entscheidender Bedeutung werden sollte – als Partei zugleich. Der Fortschritt war immer schon auf seiten der bürgerlichen Richter. Niemand und nichts konnte dieser neuen Gerichtsbarkeit entrinnen, und was jeweils im Urteil der bürgerlichen Kritiker nicht standhielt, wurde der moralischen Zensur überantwortet, die das ihrige tat, den Verurteilten zu diskriminieren und so den Urteilsspruch zu vollstrecken. ‚Wer dieses nicht erkennen kann / den seh‘ man mit Verachtung an.‘“ (Koselleck, Kritik und Krise)

Schöner kann man Mozarts „Die Entführung aus dem Serail“ nicht in den kritischen Kontext bringen. Uraufgeführt wurde diese Oper 1782 in Wien. 1781 erschien die erste Auflage von Kants „Kritik der reinen Vernunft“ und 1787 die zweite Auflage, darin wir insbesondere jenen legendären Paragraphen 16 „Von der ursprünglich-synthetischen Einheit der Apperzeption“ finden:

„Das: Ich denke, muß alle meine Vorstellungen begleiten können, denn sonst würde etwas in mir vorgestellt werden, was gar nicht gedacht werden könnte, …“

Auch die Ausbildung eines solchen transzendentalen Ichs, das Descartes zum Dualismus treibendes Cogito übersteigt, gehört zum Zeitalter der Kritik: Allein der kritische Weg ist noch offen, so Kant. Was gerade nicht bedeutet: Probleme und Fragen zu eskamotieren, indem man sie moralisiert – wie das heute bei der kulturalistischen Linken beliebt ist. Was jenes „Ich denke“ für die Gesellschaftstheorie, die Politik wie auch für die Ästhetik der nachkantischen Zeit bedeutete, läßt sich an den unterschiedlichen Positionen des Deutschen Idealismus wie auch der literarischen Romantik ablesen. Zwischen Fichte, Schelling, Hölderlin, Novalis, den Gebrüdern Schlegel und später dann kulminierend in Hegel. Jene Zeit um 1800 herum gehört, so denke ich mir, zu den spannendsten und wirkungsmächtigsten Epochen der Geschichte. Und vergessen wir nicht, daß hier ebenfalls das Maschinenzeitalter seinen Anfang nahm.

Diese von Kant eingeläutete Epoche der Kritik, die nach jenem Prinzip eines Gerichtshofs arbeitet, so wie Kant ihn am Ende seiner „Kritik der reinen Vernunft“ und auch in der Vorrede konzipiert, wird im Prozeß der Philosophie zu so etwas wie einer romantischen aber ebenso zu einer dialektischen Vereinigungsphilosophie und verschiedenen Modellen dialektischer wie auch undialektischer Synthesen führen.

Daß meine Position eher bei der litararischen Romantik und bei Hegels dialektischer Geschichts- und Geistesphilosophie zu finden ist, dürfte niemanden überraschen. Und auch für die Gegenwart gilt: Mehr Hegel lesen, um die List der Vernunft im Kreuz der Gegenwart zu begreifen.

17 Gedanken zu „Von den Moralisierungen der bürgerlichen Gesellschaft oder die Tyrannei der Werte

  1. Schönes Foto, mit der Ampel und irgendetwas mit Berlin.

    habe aber rein interessehalber mal die Stelle mit ‚es bleibe nur die Kritik‘ bei Kant nachgeschlagen. Kant macht sich zuerst lustig über das, was in seiner Zeit als „Naturalismus“ gegolten haben mag. Kann ihm heute natürlich niemand mehr vorhalten, da wir uns natürlich längst über naturalistische Konzeptionen, die bereits im antiken Indien entwickelt wurden und die mit modernen Konzeptionen desselben überraschende Parallelen aufweisen, informiert haben; geschweige denn über die modernen Diskussionen überhaupt. Kant fasst den Naturalismus offenbar als eine Art Arm-Chair-Philosophie auf, als eine Art übernaive Common-Sense-Auffassung.

    Also: Geschenkt! Mit meiner vielleicht etwas zu naiven Common Sense Auffassung habe ich aber nun an dieser Stelle Kant so gelesen, dass er sich (den Naturalismus, wie von ihm aufgefasst, beiseitelassend) eigentlich nur gegen zwei Positionen wendet: Die Dogmatik (wolff´scher Provenienz) und den Skeptizismus (Kant nennt Hume). Es bleibe nur die Kritik. Ich kann und will ja gar nicht versuchen, diese Sentenz im Kontext Kants oder Folgendem zu interpretieren. Nehmen wir aber allein diesen Satz, dass nur die Kritik (im kantschen Sinne) bleibe, so ist es wie nach 3500 Seiten der Recherche Prousts: Wir gehen nicht über „Los“, ziehen nicht 400 € ein. Offenbar müssen wir die KdrV, Satz für Satz, Wort für Wort, noch einmal ganz von vorne in Gänze lesen! Und wir dürfen natürlich dabei auch kein Vorwort, keine Ausgabe, A oder B, auslassen!

    In allem Ernst jetzt jedoch ohne Umstände bei Hegels lächerlichen Idee einer „List der Vernunft“ zu landen, ist selbst mir mir etwas Arm Chair Philosophie zuviel.

  2. Mit der List der Vernunft ist ein recht simpler Sachverhalt gemeint, den man auch vom Arm Chair aus verstehen kann. Nimm die Französische Revolution. Sie verlief blutig, sie mündete in Terror und endete mit der Herrschaft Napoleons. Trotzdem hat dieses Ereignis eine Verbesserung hervorgebracht, nämlich die Keime zur bürgerlichen Gesellschaft gelegt und den Code Napoleon hervorgebracht. Mithin: List der Vernunft.

    Kant wendet in seiner KdrV in der Tat gegen den Dogmatism und den Skeptizism – so ist es. Der kritische Weg also ist allein noch offen. Drum prüfe alles und das Gute behalte, wie es im Neuen Testament heißt.

  3. „Offenbar müssen wir die KdrV, Satz für Satz, Wort für Wort, noch einmal ganz von vorne in Gänze lesen! Und wir dürfen natürlich dabei auch kein Vorwort, keine Ausgabe, A oder B, auslassen!“

    „Hagenbuch hat jetzt zugegeben, dass er, je mehr er sich damit befasse, desto weniger davon verstehe. Sodass er, wenn er sich nur noch damit befasse, überhaupt nichts mehr davon verstehe.“ (…) Das alles habe er, Hagebuch, auf der Behelfsholzbrücke über dem Fluss die Etz stehend, und immer lauter in sie hineinsprechend, auch Wiesendanger und Fugger in aller Deutlichkeit – und wiederholt! – auseinandergesetzt. Wiesendanger und Fugger, so Hagenbuch weiter, hätten ihm gegenüber Antworten angedeutet, und er wolle zumindest die Möglichkeit, oder den Grund zu der Annahme, dass solche Antworten existierten = denkmöglich wären, hiermit ausdrücklich billigen, ja es sei durchaus in seinem Sinne, solchen Überlegungen im Philosophischen Diskurs der Moderne den ihnen zustehenden Platz zu konzedieren.

    Der Rest, so Hagenbuch, immer noch über dem Fluss die Etz und immer noch in ihn hineinsprechend, sei dem Fleiß, Schweiß und Preis der Edlen geschuldet. Und auch dieses Factum gelte es zu würdigen, auch derlei rechne er, Hagenbuch, so Hagenbuch mit einem nachdenklichen, gelichsam abschließenden Seufzer wörtlich, – auch diesen Umstand rechne er – jetzt sprach er einen Hauch maliziös – „zu den eiserenen Beständen“ – keineswegs allein hiesiger geistiger Übungen und – nun ja: Gebräuche; sondern das gelte ‚cum grano salis‘ für alle, und praktisch überall.

  4. Es klingt wie Thomas Bernhard, ist es aber nicht. Hanns Dieter Hüsch. Mein Vater schätzte ihn sehr und mochte diesen Humor, der nicht bloß Humor ist, sondern zur Literatur gehört. Die Deutsche Literaturgeschichte der BRD rühmt oft den Heine, vergißt aber leider allzuoft Dichter wie Gernhardt oder Henscheid. (Leider auch in Ralf Schnells ansonsten äußerst lesenswerter Literaturgeschichte der Nachkriegszeit bis zur Gegenwart.)

  5. Edith Stein im Anhang von „Endliches und ewiges Sein. Versuch eines Aufstiegs zum Sinn des Seins“. „I. Martin Heideggers Existenzphilosophie. Sein und Zeit“, gleich zu Anfang:
    „Es ist nicht möglich, auf wenigen Seiten ein Bild vom Reichtum und der Kraft der oft wahrhaft erleuchtenden Untersuchungen zu geben, die in Heideggers großem Torso »Sein und Zeit« enthalten sind. Vielleicht hat kein anderes Buch in den letzten zehn Jahren das philosophische Denken der Gegenwart so stark beeinflußt wie dieses, wenn man vielfach auch den Eindruck bekommt, daß nur die neugeprägten Worte aufgegriffen wurden, ohne daß man ihren radikalen Sinn und ihre Unvereinbarkeit mit dem übrigen begrifflichen Rüstzeug, das unbedenklich daneben verwendet wird, erkannt hätte.“ (Hervorhebung von mir, zigg)

    Ganz ähnlich Henrich in „Hegel im Kontext“, ebenfalls gleich zu Anfang im kurzen Vorwort (und immerhin vor fast 50 Jahren): „Wer Hegel verstehen will, war über mehr als ein Jahrhundert mit sich allein. Er fand keinen Kommentar, der beim Lesen half, statt es nur ersetzen zu wollen. (…) Vor allem die Aufsätze zu Hegels Logik zielen darauf, die unbefriedigende Situation zu beenden, in der nicht mehr möglich ist als die Wiedergabe und die inspirierte Variation von Hegels Thesen oder ihre Kritik aus einer Distanz, die ihre Strukturen verschwimmen läßt.“ (Hervorh. von mir, zigg)

    Manchmal habe ich den Eindruck, dass wir nicht nur was Heidegger oder Hegel betrifft, sondern jetzt auch noch Kant (!), über die reine Montage von Zitaten nicht hinausgekommen sind. Das kanns doch nicht gewesen sein. Jedenfalls führt mich weder KdrV B 697 oder, wie oben schon angeführt, B 884 zurück in Dein obiges Blog. Qua Deinen Zitatmontagen, denen nur folgen kann, wer ohnehin bereits von Deinen nebulösen Vorstellungen überzeugt ist, soll offenbar zwanghaft der Schein eines Zusammenhangs hergestellt werden, dem zu unterliegen nur Kandidaten für neuerliche Dogmenggläubigkeit erliegen können.

  6. Ziggev – es ist irgendwie toll, dass Sie das alles schreiben. Es soll unbedingt Leute wie Sie geben.

    Nur – ehhh – : Sie sind, nehmen Sie mir das nicht übel, per Selbstdefinition ein Seitenkapitel im großen Buch der Verständigkeit. Denn dieses funktioniert nicht (mehr) über Substanzergründung/ Tiefenborung, wie Sie das offenbar glauben, sondern über den Austausch von Argumenten. Die Bücher sind in 99,99% aller Fälle bestenfalls Hilfsmittel, um vorhandene Problemlagen besser einschätzen/erkennen/ beheben/in Ruhe lassen (Odo Marquart) zu können, indem man sich mit pro und contra über sie austauscht.

  7. Ziggev, Philosophie ist keine Erlösung, sondern sie geht Probleme und Fragen an. Die Fragen von Hegel nun, zu seiner Zeit, sind konkret und arbeiten sich in der Philosophiegeschichte und insbesondere an Kants Dualismus ab. Insofern kann es hilfreich sein, sich Hegel nicht mit seinen eigenen Voraussetzungen zu nähern, sondern ihn – zunächst einmal – in seiner Zeit zu begreifen. Und von dorther dann zu interpretieren. Das kann in Montagen geschehen oder eben, indem man Hegel zu aktuellen Problemen befragt. Es gibt viele Möglichkeiten. Eine davon besteht in den Debatten und Diskursen, die man über Hegel führt.

    Weil Du übrigens, ziggev, einen Zusammenhang nicht verstehst, läßt sich daraus nicht mit logischer Stringenz ableiten, daß keiner besteht, sondern genauso, daß Du ihn nicht siehst. Wenn ein Blog und ein Kopf aneinanderstoßen und es klingt hohl, ist es dann allemal im Blog?

  8. Nein, nur weil es in meine Kopf kaum echot, ist ja nun nicht der Schluss zu ziehen, dass umgekehrt das Blog hohl sei. Montagen, solche Montagen, dürfen und sollen ja gerade im Blog stattfinden, ein Medium, wie dazu geschaffen. Nur: die einzelnen Stationen werden dann manchmal gewissermaßen wie in Siebenmeilenstiefeln absolviert. Und es manchmal oder immer wieder so zu halten, will ich Dir ja auch ausdrücklich gestatten (Du wirst es ja ohnehin weiter so machen). – Wie gesagt, so soll, so muss es wohl manchmal sein …

    Und so muss auch eine gewisse Kürzelsprache erlaubt sein, wie in der Geschichte von den drei Gelehrten, die sich nur noch Nummern zurufen, die für bekannte Termini oder Argumente oder Topoi stehen – und welche sich dabei köstlichst amüsieren. So habe ich es z.B. nicht selten erlebt, dass, wofern etwa von Familien die Rede war, sogleich das Kürzel von der Kleinfamilie als „Keimzelle der …. (kapiatlistischen) Gesellschaft“, so in etwa, angebracht wurde. Che hat eben gerade drüben bei sich erklärt, auf welche Schrift Engels sich es bezieht.

    Das Problem, das ich aber bei einer solchen Verfahrensweise sehe, ist, dass hierbei stillschweigend angenommen wird, dass alle potenziellen Teilnehmer an einem solchen Diskurs sich bereits innerhalb einer solchen Galaxie eines solchen Diskurses befinden. Was aber, was Heidegger betrifft, wenn selbst die (kein Witz: die heilige) Edith Stein bereits zehn Jahre nach dem Erscheinen von „Sein und Zeit“ eine solche „Kürzelsprache“ bemängelt? Wäre es dann nicht langsam an der Zeit (Heidegger für mich hier nur als pars pro toto), zu fragen, auch für jemanden, der in diese pulsierende und leuchtende Galaxie vielleicht eintreten und in ihr mitmachen will, ob die jeweiligen Teilnehmer, wirklich in der Lage sind, diese Kürzel auszubuchstabieren und zuende aus- und durchzudeklinieren?

    Etwas in der Art zu unternehmen, hat Che bei sich drüben, wo auch jene Kleinfamilie (die Schrift von Engels) Thema ist, ja gerade begonnen, und ich finde das über alle Maßen ehrenhaft !

    Solange aber sowas nicht hinsichtlich Heideggers, oder Hegels oder Schellings passiert, sorry, schaue ich nur verständnislos auf die linkischen Bewegungen, die sich innerhalb dieses Halos, der jene Galaxie umgibt, begeben, als ein PAL („Problem anderer Leute“ (Douglas Adams)).

    Frage ich nach der Idiotie einer teleologischen Geschichtsauffasung (Hegels), werde ich immer nur auf die französische Revolution von vor mehr als 200 Jahren verwiesen – immer dasselbe Kürzel. Wer sich aber in jenen immergleichen Halo hineinzwängen lässt, soll Aussagen dergestalt akzeptieren, dass Hegel letztendliche Aussagen getroffen hat. Wir haben aber mittlerweile noch viel interessantere Überlegungen in Bezug auf Schelling, oder was den Skeptizismus, an dem sich Kant abarbeitete, betrifft, bei Strawson, Nagel oder Markus Gabriel, um nur einige zu nennen.

    Aber „Hegel hat gesagt“ – ohne jene Ausbuchstabierung ist es, bei aller Sympathie für Montagen, oder, etwas boshafter, „Begriffslyrilk“ (kenne ich von El_Moche auf Adorno, den ich ja sehr schätze, gemünzt), nichts anderes als eine behauptete Autorität. Und wer nicht an sie glaubt, wäre außerhalb jenes Halos. Ja, gibt es denn jenes Außerhalb?

  9. und vergiss bitte nicht, dass bereits Jahrhunderte vor Nelson Mandela meine direkten Vorfahren ohne jeden militärischen Zwang die Christianiesirung in Süd-Afrika betrieben. Ich weiß nicht, ob Du das kennst, dass Deine Familie Weltgeschichte schreib, aber wenn Du es einmal gelernt hast, nach c.a. 250 Jahren, selbst wenn Dein Vater der erste ist in der Reihe, der seine Söhne radikal atheistisch erzieht, dann machst Du es, weil Du es kannst, ob es nun Syrier sind oder Afghanen.

    Du bringst denen einfach die deutsche Sprache bei.

  10. Ziggev, Du liest nicht richtig und baust, wie leider so häufig, Pappkameraden auf. Hier steht nirgends „Hegel hat gesagt“, sondern es geht um Kontexte, in denen Hegel aktuell ist. Und um dies zu erhellen, muß man zuweilen zitieren. Das einfache und dümmliche Abledern eines Philosophen ohne jede Textkenntnis,wie Du es hier betreibst, ist nicht Ausdruck von Philosophie, sondern das Gegenteil derselben. Da kannst Du dann gerne zehnmal Syrer oder Afghanen christianisieren – es macht die Sache nicht besser.

    Natürlich ist die Ehe und ist die Familie die Keimzelle von Gesellschaft. Der bürgerlichen wie auch der archaischen. Oder wie denkt einer, daß Kinder entstehen? Gewiß nicht durch gendersensibles Sprechen. Insofern interessieren mich diese innerlinken Diskurse nur am Rande.

    Was das Hermetische von Diskursen betrifft, denke ich, daß dieser Blog von mir bewußt so abgefaßt ist, daß auch der interessierte Laie wird mitlesen und verstehen können.

  11. Wie kann es der Fall sein, dass ich nicht richtig lese, wenn ich doch nur anmerke, dass ich manchmal Dir nicht in Deinem Zitatdschungel folgen kann? Ich räume ja ein, dass auch ich glaube, dass Hegel sich derart weitschweifig, ob eher positiv oder negativ verstanden, geäußert hat, dass in der Tat zu erwarten ist, dass er zeitgenössisch befragbar ist. Aber tust Du das denn? Zitat! Und es ist ja lächerlich, Du müsstest ja wissen, dass ich eigentlich bizarre, skurrile Zitatdurcheinander – etwa der Art Dieter Kiefs, der allerdings sein wunderbares Jean Paul-artiges Drauflosgequatsche manchmal in Ouspenky´scher bzw. Gurdjieff´scher Manier benutzt, um gewisse Subliminalbotschaften unterzubringen -, dass ich also eigentlich solche Zitatlabyrinthe lieben müsste.

    Ich baue hier keinen Popanz auf, das tue ich nie. Mir fällt nur auf, dass Deine zu Papier gebrachten Wachträume (vielleicht verrätst Du ja irgendwann einmal Deine spezielle Technik der ècriture automatique?) gehäuft mit Hegel im Indikativ enden. Sollte Hegel denn tatsächlich damit Recht haben, dass qua der „List der Vernunft“ das Ursache-Wikrkungs-Verhältnis umzukehren ist oder dass damit in gewissem Sinne eine historische Gesetzmäßigkeit offengelegt worden ist, dann, naja, dann kann man das immer sagen. Denn entweder es ist einfach Unsinn oder gilt immer.

    Frage also (bitte im Indikativ und unter Verwendung eines Hegel-Zitats zu beantworten): In welchen Kontexten ist Hegel warum aktuell?

  12. Da ich im Urlaub bin, stehen mir keine Zitate zur Verfügung. Einen Aspekt nannte ich Dir bereits: Aktuell ist Hegel im Hinblick auf die List der Vernunft, im Sinne einer Theorie des historischen Fortschritts – auch im Hinblick auf den Stand der Produktivkräfte. Gleiches gilt für die Rechtsphilosophie, wo Hegel die Genese der bürgerlichen Gesellschaft beschreibt und ihr ihren Begriff liefert. Es ist in der Diktion Hegels und wenn man die komplette Rechtsphilosophie liest, eben keine Apologie Preußens.

    Gleiches gilt für die Phänomenologie des Geistes. Das drang inzwischen sogar bis hin zur sogenannten analytischen Philosophie durch: Stichwort Brandom und McDowell

  13. Na ja, für ziggev mache ich demnächst dann einen Blogtext: „Zur Aktualität Hegels“. Schönes Projekt.

  14. Ja, aber biite! – Auch wenn es meinethalben etwas zu viel der Eher wäre, nur meinetwegen einen solchen Text zu konzipieren: genau solch einen Versuch wünsche ich mir wie ein Verdurstender seit je. Warum, nur so eine Frage von jemandem, der diese immerwährenden Dokus in bestimmten Wissenschafts-Kanälen immerzu anschaut, warum also ging die Maya-Hochkultur unter? Vermissten sie einfach nur die pfingstwunder-artige Ausschüttung – etwa wie die des Heiligen Geists – jetzt aber als „List der Vernunft? Das Pfingstwunder fand nun mal in Palestina statt, oder da in der Nähe, also war es gerechtfertigt, dass päpstlicherseits die Waffen gesegnet wurden, mit denen alle Indios, sich nicht spontan zu „unserem Herrn“ bmal kurzerhand abgenurkst wurden?

  15. (sorry, das oben noch nicht zuendeformuliert aus Versehen abgeschickt)

    Bitte nun ! Ist es denn so einer absurde Vorstellung, dass nicht durch einen reinen Zufall sich diese Kulturen entgegen einer im Sinne einer rein aus der Luft gegriffenen Vortschrittsgläubigkeit einer solchen abstrusen hegelschen Teleologie sich einfach nicht weiterentwickelt haben, sondern einfach untergingen?
    Oder sprechen wir hier von einer „Notwendigkeit“, die nun mal es erforderlich machte, alle Indios, die sich nicht spontan zu „unsrem Herrn“ bekannten, mit päpstlich gesegneten Waffen mal ebenso abzumurksen?

  16. Was die Familie und die innerlinken Diskurse angeht – das Thema ist seit Engels absolut zentral für linkes Bewusstsein und linke Gesellschaftskritik überhaubt, nur machen aktuelle Onlineseminarlinke davon einen völlig verkürzten und selbstreferenziellen Gebrauch, der die Sache zuschanden werden lässt, vgl. dazu den aktuellen Thread auf meinem Blog.

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