Marxens „Kapital“

Vor 150 Jahren, genauer gesagt am 14. September 1867 erschien eines der zentralen philosophischen wie auch ökonomischen Werke des 19. Jahrhunderts. Die Bedeutung wie auch der inspirierende Einfluß dieses Buches auf Kritische Theorie der Gesellschaft hält bis heute an und ist zu recht ungebrochen. Nicht nur finden wir eine Analyse der Gesellschaft, sondern gleichzeitig auch deren Kritik. Dialektisches Verfahren heißt, daß sich Analyse und Kritik in der Methode und in der Durchführung wechselseitig durchdringen.

Was hat Marx mit heute zu tun? Eine im Grunde polemische Frage und aus dem Baukasten der konventionellen und leider auch vorhersehbaren Marx-Kritik. Christoph Henning – lesens wert auch sein Buch „Philosophie nach Marx“ – betont die Aktualität von Marx und schreibt in seinem lesenswerten Essay in der NZZ:

„Im ‚Kapital‘ dagegen wird der Kapitalismus als Wirtschaftssystem verstanden, zu dessen normalem Funktionieren Wirtschaftskrisen gehören. Krisen sind für viele Menschen grausam, für den Kapitalismus aber nicht ungewöhnlich. Ihre Analyse war für Marx wichtig, weil Krisenzeiten Gelegenheit zum politischen Umsteuern bieten. Darauf hoffte die Arbeiterbewegung – und mit ihr die Frauen- und Umweltbewegung sowie die weltweite Dekolonisierung, die lange mit dem Marxismus liiert waren.
(…)
Marx wäre daher von den heutigen Krisenerscheinungen kaum überrascht gewesen – weder vom Phänomen der Working Poor, von der Zunahme an Depressionen durch Überarbeitung, der Erosion des Zusammenlebens und des Klimas noch von den verheerenden Wirtschaftskrisen. Eine traurige Aktualität eines Klassikers also. Schöner wäre es, dieses Buch wäre veraltet.“

Marx‘ „Kapital“ brachte das, was in unserer Gesellschaft geschieht und was sie in ihrem Wesen zusammenhält, in einer komplexen ökonomischen Analyse auf den Begriff. Nicht immer leicht zu lesen. Aber das eben ist kein Kriterium. Was damals einfachen Arbeitern in Lesekreisen möglich war, sollte auch heute noch Studenten möglich sein. Obwohl, wenn man an manche Exemplare denkt, hege ich meine Zweifel. Man muß dazu nicht in den Osten Berlins fahren, um mangelnde Lesekompetenz zu erleben.

Man kann es in bezug auf den praktisch-pragmatischen Gehalt dieses Buches gar nicht oft genug herausstreichen: „Das Kapital“ ist keine Handlungstheorie, nicht als Handlungsanweisung zu lesen, wie nach einem Regelkatalog Revolution zu fabrizieren sei, vielmehr analysiert „Das Kapital“ zunächst, was eine Gesellschaft in ihrem Wesen strukturiert.

„…, und alle Wissenschaft wäre überflüssig, wenn die Erscheinungsform und das Wesen der Dinge unmittelbar zusammenfielen …“

So zitiert Arno Widmann in seinem Aufsatz „Das Drama beschreiben und verstehen“ in der „Berliner Zeitung“ einen Satz Marx‘ aus dem dritten Band im „Kapital“, postum erst erschienen, wie auch der zweite Band, herausgegeben von seinem Freund Friedrich Engels. Da aber Wesen und Erscheinung nicht in eins gehen und die unio mystica als Akt unverstellter Erkenntnis (bzw. im Schellingschen Sinne als intellektuelle Anschauung) lediglich den Imaginationen im Rausch der Drogen oder auch in dem der Poesie vorbehalten ist (und vielleicht in der Liebe ihren zentralen Ort hat), bleibt dem endlichen Wesen Mensch die Analyse übrig. Sie ist Aufgabe der Philosophie und im speziellen der Kritik der politischen Ökonomie. Ebenso wie der ästhetischen Theorie. Dafür reicht die Empirie alleine nicht aus. Engels Standardwerk teilnehmender soziologischer Beobachtung „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ ist eine gelungene Beschreibung der Lebensrealität von Arbeitern. Erschreckendes und Drastisches tritt da zutage, so wie man es heute vermutlich aus den Flüchtlingslagern dieser Welt berichten könnte. Das eine aber ist die Registrierung dessen, was der Fall ist und das andere, diese Fakten zu deuten. Marx hätte durch die reine Beobachtung von Fabriken nicht auf den Begriff bringen können, wie Kapitalismus funktioniert, was Wert ist, wie er entsteht und wie Kapital sich bildet und vermehrt. Wesen und Erscheinung decken sich nicht. Oder genauer geschrieben: aus den Erscheinungen muß das Wesen erst herausgelesen werden. „Kapitalismus verstehen heißt Karl Marx studieren“, wie die „Nachdenkenseiten“ ganz richtig titelten.

Kritische Theorie der Gesellschaft also und besser allemal, als in der Manier eines verklemmten deutschen Kleinbürgers Gedichte nach verstecktem Sexismus abzuklopfen, um symbolisch zu agieren, wo realiter kaum noch Chancen sind, überhaupt wahrgenommen zu werden. Also nicht die Partikularinteressen einer sexuell deformierten Studentenschaft, die in Prüderie ein neues 19. Jahrhundert uns auferstehen lassen will, mithin das Gegenteil marxschen emanzipierten Denkens. Sondern eine Kritik mit Lust und vor allem mit Kraft. Schiller brachte das Wesen solcher intellektuellen Finsterling gut zur ästhetischen Erscheinung: das, was heute bei einer bestimmten kulturalistischen Linken ausgeprägt ist – Greinen und Jammern:

„Der lohe Lichtfunke Prometheus‘ ist ausgebrannt, dafür nimmt man jetzt die Flamme von Bärlappenmehl – Theaterfeuer, das keine Pfeife Tabak anzündet. Da krabbeln sie nun, wie die Ratten auf der Keule des Herkules und studieren sich das Mark aus dem Schädel was das für ein Ding sey, das er in seinem Hoden geführt hat?. Ein französischer Abbé doziert, Alexander sei ein Hasenfuß gewesen; ein schwindsüchtiger Professor hält sich bei jedem Wort ein Fläschchen Salmiakgeist vor die Nase, und liest ein Kollegium über die Kraft. Kerls, die in Ohnmacht fallen, wenn sie einen Buben gemacht haben, kritteln über die Taktik des Hannibals – feuchtohrige Buben fischen Phrases aus der Schlacht bei Cannä, und greinen über die Siege des Scipio, weil sie sie exponieren müssen …“ (Friedrich Schiller, Die Räuber, 1. Akt, 2. Szene)

Wie eine immanente Kritik aussieht, kann man sich – rein formal gesehen – sowohl von Hegel als auch von Marx abschauen. Und wie man einen literarischen Text immanent sowohl dekonstruiert, als auch seine dialektische Struktur entfaltet, zeigen Adornos Essays etwa zu Kafka, Beckett, Goethes Iphigenie oder zu Hölderlin in „Parataxis“. Lehrstücke in dialektisch-materialer Literaturkritik.

Nicht anders Marx im Blick auf die Gesellschaft. Noch ganz abstrakt formulierte es Marx 1840 in seiner Dissertation, wie solche Analyse der Gesellschaft vorgeht.

„Es ist die Kritik, die die einzelne Existenz am Wesen, die besondere Wirklichkeit an der Idee misst.“

Der Begriff der bürgerlichen Freiheit ist an dem zu bemessen, was er konkret unter sich befaßt und was er im gesellschaftlichen Leben konkret einlöst. Die Arbeit der Kritik ist es, diese Widersprüche an den realen Ausprägungen des Lebens zu benennen. Hegel führte dieses Verfahren methodisch in seiner „Rechtsphilosophie“ vor.

Hier geht es in der Theorie aufs Ganze, und man könnte meinen, Marx schriebe diese folgende Passage ex ante bereits als eine gallige Kritik der kulturalistischen Linken:

„Der Kritiker bildet sich … ein, daß seine moralische Forderung an die Menschen, ihr Bewusstsein zu verändern, dies veränderte Bewußtsein zustande bringen werde, und er sieht in den durch veränderte empirische Verhältnisse veränderte Menschen, die nun auch natürlich ein anderes Bewußtsein haben, nichts Anderes, als ein verändertes Bewußtsein. … Diese ganze Trennung des Bewußtseins von den ihm zugrunde liegenden Individuen und ihren wirklichen Verhältnissen … ist nur eine alte Philosophenmarotte.“ (Marx, Deutsche Ideologie)

Es ist die Klassenlage, die den Blick von Marx antreibt. Aber es gab im frühen 19. Jahrhundert sehr wohl eine Zeit, als diese Klasse des Proletariats dissoziiert und divers war. Es bedurfte einiger Arbeit eine solidarische Gemeinschaft zu schaffen. Edward P. Thompsen weist darauf in seinem Standardwerk „Die Entstehung der englischen Arbeiterklasse“ hin, indem er auch auf die vorrevolutionären Zustände weist:

„Ich versuche, den armen Strumpfwickler, den ludditischen Tuscherer, den ‚obsoleten‘ Handweber, den ‚utopistischen‘ Handwerker, sogar den verblendeten Anhänger von Joanna Southcott vor der ungeheuren Arroganz der Nachwelt zu retten. Ihre Berufe und Traditionen waren möglicherweise im Absterben, ihre Feindschaft gegen den neuen Industrialismus war vielleicht rückwärtsgerichtet, ihre kommunitären Ideale waren unter Umständen Phantasiegebilde und ihre rebellischen Verschwörungen tollkühn. Aber sie waren es, die diese Zeit akuter sozialer Unruhen erlebten, und nicht wir. Ihre Bestrebungen waren im Rahmen ihrer eigenen Erfahrungen berechtigt. Wenn sie auch die Gefallenen der Geschichte sind, so überdauern sie doch, verurteilt in ihrem eigenen Leben, als Gefallene.“

Diesen Aspekten geht Patrick Eiden-Offe in seiner im Juni erschienenen Studie „Die Poesie der Klasse. Romantischer Antikapitalismus und die Erfindung des Proletariats“ nach, und zwar im Hinblick auf die Literatur- und Sozialgeschichte, also anhand von literarischen Texten, in denen sich solche Tendenzen zeigen. In gewissem Sinne also Überbauphänomene zu analysieren.

Arbeiter, Handwerker, Wandergesellen, Vagabunden und Tagelöhner wirkten in jenen Jahren des frühen 19. Jahrhunderts noch unorganisiert in der Welt – eine Zeit, die heute längst Vergangenheit ist. Auch dies ist ein Blick auf die Formen von Pauperismus, die dann ebenso Marx analysierte und weitertrieb. Andererseits ist der Grad an Organisation solcher Arbeiter im Vergleich zum ausgehenden 19. Jahrhundert heute erheblich geschwunden.

Was diese Separation sowie die Entsolidarisierung betrifft, befinden wir uns auf einem Stand, der weit hinter das späte 19. Jahrhundert zurückfällt. Was uns manche Soziologen als die Mobilität der Klassen andrehen, verdeckt einen Grundwiderspruch: Daß all diese so mobilen Menschen arbeiten müssen. Auflösung von Klassenidentität: Auch eine Frage, die zu klären ist und mit dem Verfall linker Politik ins Spartenressort zu tun hat. Ebenso campuflieren Begriffe wie Freizeit- oder der Risikogesellschaft die realen Verhältnisse. Sie zielen lediglich auf einen Aspekt ab. Immer noch beruht diese Gesellschaft wesentlich auf Arbeit. Didier Eribon schrieb darüber unter anderem in seiner Autobiographie „Rückkehr nach Reims“. Die Entkoppelung von Arbeiterklasse und linken Parteien sowie einer am Kulturbetrieb ausgerichteten Linke, der es wesentlich um Partialinteressen geht, die zu ihrem eigenen Vorteil gereichen. Der Kulturjournalist Ulrich Greiner brachte solche Widersprüche in seinem Buch „Heimatlos“ gut auf den Begriff:

„Und die Bewohner der zumeist gut ausgestatteten Wohnungen am Prenzlauer Berg oder Eppendorfer Baum müssen in der Regel die industrielle Reservearmee, die mit der Flüchtlingswelle ins Land kam, nicht fürchten.“

Das mag zwar aus einem konservativen Impuls formuliert sein, trifft aber einiges auf den Punkt, was man mit einem neuen Klassenantagonismus bezeichnen kann. Aporien allerorten. Auf diese gehen etwa so unterschiedliche Bücher wie Thomas Seiberts „Ökologie der Existenz“, aber auch Nick Srnicek und Alex Williams in „Die Zukunft erfinden. Ohne Arbeit“ ein. Srnicek etwa ist an den Akzeleratorischen Manifesten mitbeteiligt, und man kann sich fragen, wieweit darin lediglich eine Transformation neoliberalen Denkens stattfindet. Auch innerhalb der unterschiedlichen linken Theorieansätze gibt es Debatten und Grabenkämpfe, bis heute, und dies war auch zu Marxens Zeit nicht anders.

Daß der Widerspruch Motor des Denkens ist und es antreibt, ist eine Einsicht, die aus den Uranfängen der griechischen Philosophie stammt: Von den Vorsokratikern über Platon bis hin zu Hegels „Wissenschaft der Logik“ reicht diese Einsicht. Marx insbesondere insistierte auf der praktischen Bedeutung des Widerspruchs. Verhältnisse zu ändern, daß der Mensch als Gattungswesen es ist, der Gesellschaft machen kann. In diesem Sinne ist Marx‘ Theorie im besten Sinne und in der Tradition der Aufklärung.

Wesen und Erscheinung decken sich nicht – dies formulierte Giesela Wysocki in ihrem Roman „Wiesengrund“, und zwar im Hinblick auf Siegfried Kracauers soziologische Analyse „Die Angestellten“. Und darin weist sie auf einen Grundwiderspruch insbesondere im voll entfalteten Kapitalismus:

„In aller Ruhe kann ich darüber nachdenken, warum Fräulein Struff, die als Stenotypistin arbeitet und jeden Morgen schlechtgelaunt in ihre Firma aufbricht, kein gutes Wort für Kracauer finden würde. Sie hat Freundinnen und Liebhaber, sie geht ins Kino. Sie fühlt sich nicht deklassiert.“

Banal fast, aber daran krankt in den westlichen Ländern jegliche Revolutionstheorie. Auch die noch so schönen Multitude-Konzepte können das nicht fassen. Umgreifende Ereignisse, die als revolutionär zu setzen wären, gibt es in den hochentwickelten kapitalistischen Ländern nicht. Allenfalls eruptive Riots in Paris, London oder Straßburg, wo die Abgehängten sich die Waren aus den Schaufenstern nehmen, die ihnen die Werbung pausenlos verspricht. Angewandter Kapitalismus könnte man zynisch sagen, eine Anwendung zudem, der die Wirksamkeit wie auch die Ubiquität des Warensystems um so drastischer veranschaulicht.

Diese Arbeit zu leisten, Widersprüche in der Gesellschaft aufzuzeigen, ist die Arbeit Kritischer Theorie. Adornos Nichtidentisches als Form der Verweigerung ist ein solches Modell fürs Denken. Nicht jedoch, Gedichte oder winzigste Lebensregungen, Äußerungen oder von Weißen getragener Rastalook in neoevangelikalem Furor zu denunzieren. Nächstens zerschlagen diese Leute unter lautem Trara Porzellantassen, denn das  Porzellan stammt bekanntlich aus China und bedeute eine Form von cultural appropriation. Man fragt sich freilich, ob bei solchen Leuten nicht eher die Schranktassendiebe zu Hause waren als daß es sich hierbei um wirksames politisches Engagement handelt. Eher um Counter-Theorie, die die Linke ruhigstellt. Der Blogger che übrigens startet mit einer Serie und zeigt wo die Irrtümer jener Leute liegen, die sich fälschlicherweise auf Butler und Foucault berufen.

Der Blick Kritischer Theorie geht aufs Ganze. Er entzündet sich zwar an Details, aber er moralisiert dies nicht im Gestus evangelikaler Bigotterie. Auch diese Form von Kritik am Individuellen kann die kulturalistische Linke verschiedenster Couleur von Marx lernen. Man muß dabei nicht jede einzelne Fabrik aufsuchen, sondern erst im Denken entsteht solche Kritik an Gesellschaft. Dieses freilich setzt bereits eine Form von Befreiung voraus, um sich ins Ungeschützte zu wagen.

(Ansonsten: Einen detaillierteren Essay zu Marx brachte ich bereits im Mai dieses Jahres.)

8 Gedanken zu „Marxens „Kapital“

  1. In meinen Einsteigerseminaren zur Philosophie verweise ich immer auf diesen Block, wenn demonstriert werden soll was denn ein „Sophist“ ist und was Belletristik von sauberen Ausführungen unterscheidet (Gott bewahre! Den Aphorismus „Lückenlos“ habe ich bereits gelesen). Letzte wieder getan und Sie haben dem Verständnis beigetragen! Nun wollte ich mich noch einmal vergewissern und der Weihrauch steht doch schon schwer in der Luft.

  2. Wie gewußt wird, waren in der Antike die Sophisten eine Frühform der Aufklärung. Insofern ist das ein schönes Kompliment, und die Studenten tun gut daran, hier im Blog zu lesen.

    Die Differenz Belletristik/saubere Ausführung scheint mir nicht nur holprig, sondern inhaltlich auch ungenau. Wer sich je mit dem Verhältnis von Literatur und Philosophie auseinandersetzte und einige Dialoge Platons las, wird in etwa wissen, was ich meine. Und gottlob bringt man zuweilen den armen Studenten anderswo auch bei, daß Philosophie nicht (nur) darin besteht, als Seminarphilosoph zu schreiben. Philosophie ist eine Frage des Stils.

    Was hier raucht ist der Dunst der Zigaretten von uns Salonmarxologen im Grandhotel Abgrund. Die das übliche und meist wenig fundierte Marx-Bashing nicht so gerne mitmachen.

  3. Bei Ihnen geht an der Darstellung einfach die Sache zugrunde. Das kunstvolle dargestellte Material kann nicht darüber hinwegtäuschen, was auch Adorno nicht sonderlich rühmend „Sophismus“ nannte. Stil rechtfertigt sich nicht durch seine Überkomplexität, sondern seine Konstellation. Und die ist nicht nur ein 1-2 Stellen in ihren Texten als Bausch enttarnt worden. Auf der Terrasse des Grand Hotel wären sie wohl kaum willkommen gewesen. Es spricht auch für eine ungeheure Fehlstellung der Perspektive, wenn am Ende ein durchaus ernst zu nehmender kritischer Einwand – wie der von Lukaczs – als Flaschenöffner für die nächste Flasche Wein genutzt wird. Allein der historisch kaum haltbare Punkt die Möglichkeit des platonischen Stils in das Heute, ganz nebenbei und lax, übertragen zu wollen spricht so für die hohle Innerlichkeit ihrer Philosophie wie ihre Texte an Material keinen Mangel haben. Man streiche den Stuck und was bleibt ist substanzlos. Das schießt doch schon an die Oberfläche, wenn der Verweis auf Unklarheit im eigenen Gedanken nur als Referenz dadurch seine Existenzrecht erhält, dass er darauf geht sonst alles zu durchdringen. Das ist dann auch nicht nur ein formelles, sondern hier miteinander vermittelt, auch inhaltliches Problem. Und wie sie meinen ich wäre ein Freund von Marx Bashing ist mir vollkommen schleierhaft.

  4. Das hier ist wahrlich die treffenderes Version des Grand Hotel. Nur entledigt jeglicher Form Lukaczer Polemik. Hier wird Zeitgeistphilosophie betrieben.

  5. Ihre Argumente sind leider ein wenig zusammengestückelt. Zumindest wirken sie so. Oder zumindest haben Sie ungenau gelesen: Wie Sie meinem Platon-Bezug entnehmen können, geht es um verschiedene Schreibformen innerhalb der Philosophie, auf die ich anspielte. Die habe nicht ich, sondern, die haben Sie ins Spiel gebracht. Weiterhin ging es in meiner Antwort nicht darum Platon in irgendeiner Weise ins Heute zu etablieren – es sei denn, Sie können einen solchen Satz in meinem Kommentar anführen, der das belegt. (Sie wissen schon, daß Sie in diesem Kommentar belegpflichtig sind, wenn Sie etwas behaupten und als These aufstellen?) Sie bauen hier also einen Pappkameraden auf. Wie Ihnen geläufig sein wird oder zumindest geläufig sein sollte, gibt es Schreibweisen der akademischen Philosophie, die für einen Anfängerkur oder für das akademische Schreiben von Essays denkbar ungeeignet sind. In diesem Essay jedoch geht es um etwas anderes, es geht nicht darum, in luzider Weise Marx und den Begriff der Klasse dazustellen und dann verschiedene Positionen von Kritik aufzufahren. Das allerlangweiligste Seminargerausche verbeamteter Professoren interessiert mich in diesem Kontext nicht. Und da haben sie recht, ganz genau, es geht um den Stuck: es ist dieses Schreiben ein Form von Subjektivität, wie sie ein Essay zu leisten vermag. So läßt sich Verschiedenes in einen Kontext bringen: von einer auf Pawlow-Manier reagierenden Linken, die Gedichte nach Reiz-Reaktions-Schema abscannt, bis hin zu Eiden-Offes Buch „Poesie der Klasse“. Wo sonst als in einem solchen Blog-Essay kann einer solche Bögen schlagen? Das ist wie mit dem Reimzwang, wie Martin Seel einmal witzig in einem Essay anmerkte, wo Teetisch und Fetisch verbunden werden.

    Hier im Blog werden ansonsten in diesen (politischen oder sozialen oder auch ästhetischen) Fragen keine Lösungen angeboten, sondern es wird negiert, es werden Motive angespielt. Grandhotel Abgrund eben, genau deshalb wurde diese Figur gewählt. Was in einem wissenschaftlichen Essay, der von Lehrern benotet wird, nicht funktioniert, kann man anderswo sehr ganz gut betreiben.

    „Und wie sie meinen ich wäre ein Freund von Marx Bashing ist mir vollkommen schleierhaft.“ Da haben Sie etwas überlesen. Ich schrieb nirgends, daß Sie ein Freund von Marx-Bashing wären, es sei denn sie zeigten mir diesen Satz, wo ich schrieb: Lambert Wiesing ist ein Freund vom Marx-Bashing.

  6. Im übrigen weise ich darauf hin, daß die übliche Schreibweise von Georg Lukacz Georg Lukács ist

  7. @Das ist wie mit dem Reimzwang, wie Martin Seel einmal witzig in einem Essay anmerkte, wo Teetisch und Fetisch verbunden werden. —> Um des Reimes Willen könnt ich einen killen.

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