Avenidas, Avenidas!

Noch ein Nachklapp, heute zum letzten. Denn eine schöne Interpretation zum Gedicht liefert Melusine Barby unter der Überschrift „DUMMHEIT OHNE POESIE. Und: Wovor ich mich konkret fürchte“ So ist es! Ganz wesentlich in dieser Sache ist der Hinweis darauf, daß diese Dinge zum Fürchten sind, weil mit solchen Aktionen ein Auftakt gesetzt ist, beliebige Textstellen in Poesie und Prosa zu moralisieren und dem Diktat der persönlichen Gesinnung zu unterwerfen, die für alle verbindlich zu sein hat: in diesem Falle, indem ein Gedicht vernichtet wird. Die Kontexte solcher Aktionen sind beliebig ausweitbar, heute ist es eine Fassade, wo dieses Gedicht angeblich nichts zu suchen habe, morgen sind es Literaturseminare, wo, wie in den USA bereits Mode, Triggerwarnungen gefordert werden, damit Studenten bei Baudelaire sich nicht erschrecken. Immerhin aber kann man an solchen Aktionen bemerken, daß die Literatur fürs Leben wohl doch eine gewisse Relevanz besitzt. Allerdings ist es hier das falsche Leben eines Astas im gesellschaftlich Falschen.

Zu finden ist der Text von Melusine Barby auf dem Blog „Gleisbauarbeiten“. In der Tat könnte sich an diese Pose und Posse im Osten Berlins eine Debatte zur Lyrik anknüpfen, aber eben nicht in der moralisierenden Weise, wie M. Stokowski es sich im bei SpOn in ihrer seltsamen Kolumne vorstellt.

Denn das Problem dieses Asta ist es, Gedichte nicht lesen zu können, Gefühl mit Interpretation zu verwechseln: Gefühl, Kunst und konkrete Textarbeit nicht trennen zu können. Wer diese spezifische Differenz nicht ausmachen kann oder will, sollte die Finger von der Kunst lassen. Und im übrigen auch von der Politik, denn ich vermute, daß es dort nicht anders und genauso schlusig abgeht. Aus einem Text wird ein Subtext konstruiert, der sich dem Gedicht nicht entnehmen läßt, nämlich die Gewalttätigkeit eines Blickes. Daß es solche Gewalt im realen Leben zu Hauf gibt, sollte man dabei nicht vergessen. Und es sind nicht die Blicke, sondern konkret Übergriffe, wie wir sie etwa in der Silvesternacht zu Köln miterleben mußten. Mich würde da – aber das ist ein anderes Thema – die Reaktion dieser Astaleute interessieren. Es gab in dieser Sache in gewissen Kreisen ein unüberhörbar lautes, geradezu brüllendes Schweigen in den Avenidas und in den Diskursen. Frau Stokowski twitterte damals zur Sicherheit lieber Katzenbilder. Und auch wenn Frauen hier in der BRD in Burkas gezwängt und unters Kopftuch gepreßt werden, finde ich dies wenig amüsant und deutlich gewalttätiger als irgendein Blick eines Mannes in einer U-Bahn. Auch da höre ich viel Schweigen aus bestimmten Kreisen, die ihren Mund nicht schnell genug aufbekommen, sobald in der U-Bahn ein Mann breitbeinig sitzt. Von jenem fernen Land Afghanistan ganz zu schweigen. Dort haben Frauen keinen Namen, sie tragen den Namen ihres Mannes oder werden ganz einfach als leblose Sache benannt, die sich als irgendein Anhang des Mannes erweist. Ich möchte so etwas nicht, und ich möchte solche Männer nicht in diesem Land haben. Lesenswert hierzu der Text von Veronika Eschbacher aus der „Berliner Zeitung“ nennen: „Der Aufstand der Namenlosen“.

Was ich über Afghanistan lese, macht wütend. Und hier spielen ein paar Bürgersöhnchen und -töchterchen Revoluzzer, indem sie ihre Machtlosigkeit symbolisch an einem Gedicht kompensieren. Doch ich komme vom Text ab.

„Eine ironische Kritik am männlichen Schauen und Dichten. Auch.“ Das eben kann ebenso eine Pointe des Gedichts sein. Daß ein Gedicht selbstreflexiv den Akt des männlichen Sehens und Betrachtens sich zum Thema macht, der abseits stehende Betrachter, der Zuschauer. Insofern auch ein Stück Phänomenologie und auch ein protokolarisches, nüchternes Registrieren, dessen, was ist. (Und sicherlich sind Texte auch vom Geschlecht aufgeladen.)

Hier in den Avenidas wird das Geschehen eingedampft auf ein paar Substantive samt einem Wort, das koppelt. (Die Studenten vom Asta haben vermutlich gerade „kopuliert“ gelesen und reißen weinerlich die Hände vors Gesicht: Triggeralarm in Lummerland.) Natürlich kann jeder bei einem Gedicht empfinden, was er mag, das spricht niemand diesen Helden ab. Nur spielen solche Empfindungen für eine Interpretation kaum eine Rolle. Auch diese Differenz sollte Stokowski eigentlich kennen. Weil in Kafkas „Strafkolonie“ Grausamkeiten geschildert werden, die manche verstören könnten, ist der Text deshalb kein Manifest der Gewalt. Weder offiziell, noch subtil in den Tiefen des Subtextes. Literatur ist keine Handlungsanweisung. Selbst die futuristischen und surrealistischen Manifeste von Marinetti und Breton sind als Literatur zu lesen. Selbst dort, wo es um ganz Reales geht, handelt es sich um etwas, das sich zunächst im Raum des Vorstellens abspielt. Selbst der Mann, der mit dem Revolver in die Menge schießt und den Breton nicht als literarischen Scherz meint, sondern ganz real, ist zunächst eine Sache des Vorstellens.

Ob es sich bei dem, was der Asta betreibt, um Zensur handelt, darüber kann man sich streiten, es ist eine semantische Frage, Melusine Barby schreibt:

„Zensur ist das (noch) nicht. (Weil das Gedicht ja damit nicht verboten ist) Aber es ist dumm.“

Da hat sie recht. Andererseits ist der Akt dieses Astas hart an der Grenze. Und für diese Haltung wähle ich den Begriff „Zensur“, auch wenn hier keine staatlichen Akteure auftreten, die einen Text im ganzen verbieten. Und es zeigt sich wieder einmal, welchen Schaden ein seichtes Agieren anrichtet, wenn es Moralisierungen und politische Korrektheit noch auf das Feld der Kunst ausdehnt. Symbolisch sollen hier die Siege eingefahren werden, die in der Realität nicht errungen werden. Fürchten freilich muß man sich vor den Folgen, die solche Aktionen zeitigen

11 Gedanken zu „Avenidas, Avenidas!

  1. Danke für den Hinweis auf Melusine Barby. Ein wirklich gelungener Beitrag zu der Debatte. Diese Form der Kritik ist so bitter nötig, da sie sich an der Sache selbst (in diesem Fall dem Gedicht) abarbeitet und nicht die üblichen Grabenkämpfe führt. Sie versucht zu vermitteln und aufzuklären, kann möglicherweise den Blick für Neues öffnen und ist gleichzeitig eine starke Gegenposition gegenüber den kunstfeindlich gesinnten Befindlichkeitspolitiker*innen. Aufklärung im besten Sinne, die die Hoffnung auf Versöhnung aufrecht erhält. Nichts anderes sollte gelten in Debatten wie diesen, denn mit schlichten Vorwürfen und polemischen Abkotzen ist die Abwehrhaltung und die krude Weltsicht des Gegenübers kaum zu durchdringen. Ich hätte mir auch von dir, Bersarin, einen Beitrag auf diesem Niveau gewünscht, schließlich bringst du das nötige theoretische Rüstzeug mit. Doch mit der Besonnenheit scheint es bei dir leider nicht weit her zu sein. Statt in die Tiefen des Textes abzutauchen und in seinem Auftrag Strukturen, Sinn und Sinnliches zu Tage zu fördern, driftest du ab in Empörung und Wut. Das du es tatsächlich schaffst, von der Auseinandersetzung um das Gedicht zu der Ablehnung asylsuchender Afghanen zu kommen, zeigt aus welchem Holz deine Kritik geschnitzt ist. Klar hast du hier und da ein paar richtige und wichtige Dinge gesagt, aber die gehen in meinen Augen unter in der Polemik und der Angriffslust des besorgten Bürgers. Ich will nicht zu sehr von Melusine Barbys Beitrag und der Debatte um das Gedicht ablenken, aber wie du von einem Land bzw. einer Gesellschaft mit ihren spezifischen kulturell-religiösen Herrschaftsverhältnissen („Afghanistan“ „Dort haben Frauen keine Namen,…“) so völlig unvermittelt auf das einzelne Individuum („Ich möchte solche Männer hier nicht…“) schließen kannst, müsstest du mir bitte einmal erklären. Und überhaupt, was haben Männer die aus Afghanistan geflohen sind mit der Auseinandersetzung um das Gedicht Avenidas zu tun?
    Ich denke, es ist genau diese Form des emotionalen Abreagierens die eine Debatte unfruchtbar macht bzw. in die falsche Richtung lenkt und welche am Ende höchsten (kurzfristig) den Psychohaushalt der vermeintlichen Kritiker reguliert. Um angestauten Druck abzulassen, wird der Gegenstand völlig aus dem Blick verloren, ist nur noch Mittel zum Zweck. Sehr schade, da doch soviel Potenzial in der Sache liegt und der Beitrag eines kunsttheoretisch versierten Gesellschaftskritikers enormen Erkenntnisgewinn versprechen würde. Ganz eben so wie jene Beiträge von Nora-Eugenie Gomringer und Melusine Barby, welche den Gegenstand für mich überhaupt erst greifbar gemacht haben.
    Wer weiß, vielleicht braucht es hier einfach die weibliche Kritikerin, welche sich, durch ihre strukturelle Benachteiligung und ihren prekären und keinesfalls selbstverständlichen Stand in der öffentlichen Sphäre, selten selbstvergessen und aufbrausend über die Gegenpartei hermacht, sondern sich, insbesondere in Debatten, bei denen es um Kritik an fehlgeleitetem Anti-Sexismus geht, eines feineren, überlegteren, vermittelderen Tons bedient.

  2. fabsefab, bei dem was Du so schreibst, würde ich Dir raten, intellektuell den Ball ein wenig flacher zu halten. Ich habe dargelegt, weshalb dieses Gedicht ein gelungenes Gedicht ist, und ich habe beschrieben, weshalb aus einem Gefühl abgeleitete Vernichtungswünsche von Kunst hochgradig gefährlich sind, weil sie Totalitärem Tür und Tor öffnen.

    Um es gedichtimmanent zu nehmen, ich schrieb dies bereits: Versuche doch mal, das Gedicht als eine Form der Phänomenologie und als Photographie zu lesen. Es geht darin nämlich ums Betrachten einer Straßenszene. Alles andere, was daraus abgeleitet wird, ist die Zutat einer (teils abstrusen) Phantasie. Diese Sicht führt deutlich weiter, als diese unsinnigen Aufgeregtheiten des Astas samt seiner Kunstvernichtung. (Worin ich allerdings etwas Gefährliches sehe, dem man oponieren muß. Und zwar mit polemischer Schärfe, damit gleich mal klar ist, wo der Hammer der Interpretation hängt. Schwachfugigem Schwafeln sollte in der Literatur und in der Kunstkritik nicht die Tür geöffnet werden.)

    Ansonsten halte ich es mit dem Satz von che:

    „Die benannte moralische Rigorosität ist indes ein Phänomen, das etwas zu tun hat mit der Noch-nicht-Ausbildung eines Erwachsenen-Ichs und der Bindung an straffe Moral als Mittel, mit kognitiven Dissonanzen umzugehen.Ich zitiere nochmal meine alte Genossin Anne: Dazu musst Du ein pädagogisches Verhältnis haben.“

  3. „Und überhaupt, was haben Männer die aus Afghanistan geflohen sind mit der Auseinandersetzung um das Gedicht Avenidas zu tun?“

    Fabse, es wäre schön, wenn Du meinen Text einfach und zunächst mal richtig liest, dann wirst Du darauf von alleine kommen, in welchem Zusammenhang ich diese Beispiele brachte und was diesen Bezug motivierte. Das steht da deutlich und ich bin nicht gewillt, Dir hier diese doch relativ einfache intellektuelle Arbeit abzunehmen. Es geht hier nicht um Emotionen, wie Du, recht emotional übrigens, schreibst, sondern um eine hochgefährliche Mischung aus Naivität und einem Spiel mit dem Feuer. Das nämlich sind Verbote und Kunstvernichtungen. Und wie wir aus den USA sahen, fängt mit solchen Verboten und Moralisierungen im öffentlichen Raum ein rigides Regime an. Triggerwarnungen auf Literatur etc. Man muß also diese Leute mit ihren eigenen Mitteln schlagen und ihre Redeverbote und das Geschwätz von Hatespeech einfach mal auf sie selber anwenden.

  4. „Mich würde da – aber das ist ein anderes Thema – die Reaktion dieser Astaleute interessieren.“

    Darum geht´s doch wohl. Diejenigen, die sich aus hypermorlaischen Gründen gegen solche Gedichte in der Öffentlichkeit aussprechen, haben gliechezitig Probleme mit der Abschiebung von Straftätern nach Afghanistan. Die Kreatur, die da grade wegen Ermordung und Vergewaltigung eines 19jährigen Mädchens vor Gericht steht, könnte sich auch mit ihrer Solidarität rechnen.

  5. Na ja, Kreatur: das heißt auch: Geschöpf Gottes. Und als Menschen sollten wir auch einen Mörder noch wahrnehmen. Das gebietet der Rechtsstaat. Eine andere Frage ist es, weshalb ein Land solche Leute einreisen läßt und die Angaben von Flüchtlingen nicht kontrolliert und nicht schaut, ob in anderen Ländern bereits Straftaten vorliegen. Denn der Mann war ja kein unbeschriebenes Blatt. Er hätte schon lange Hilfe von Psychologen benötigt.

  6. @ Bersarin: Leider erschließt sich mir der Zusammenhang afghanischer Flüchtling/Avenidas auch bei genauerem lesen nicht. Aber ich versuchs mal zusammen zu bringen: Also das Gedicht Avenidas ist einigen Menschen im Asta der ASH ein Dorn im Auge. Und diese Kunstfeinde der ASH entspringen vermutlich einem linken Milieu, welches seine politische Haltung aus, möglicherweise falsch verstandener (da bin ich mir nicht sicher, kenne mich mit Butler, Foucault und Co. nicht gut genug aus), poststruktureller Theorie speist. Dieses poststrukturalistische Denken geht häufig mit einem naiv-romantisierenden Verhältnis zum Islam und einem dementsprechend unkritischen/ fehlgeleitetem Antirassismus einher, welcher die krasse Frauenverachtung in islamischen Kulturkreisen nicht sehen will und somit auch bei Übergriffen von islamisch geprägten Männern auf Frauen, wie z.B. in der Silversternacht in Köln, die Augen verschließt, diese duldet oder gar entschuldigt. Diese Haltung verharmlost die potenziellen Gefahren, welche von Männern aus islamischen Kulturkreisen, in diesem Fall afghanischen Geflüchteten, für diese Gesellschaft und insbesondere Frauen ausgehen können. Und deshalb fühltest Du Dich berufen ein Machtwort zu sprechen und Einreiseverbote für und Abschiebungen von „solchen Männern“ zu fordern. Kurz: Weil der Asta der ASH mit arabischen Frauenhassern und Vergewaltigern gemeinsame Sache macht, musst Du Dich nicht nur am Asta, seiner Querfront und seiner fehlgeleitete Kunstkritik abarbeiten bzw. „denen zeigen wo der Hammer hängt“, sondern auch noch gegen den Wilden aus Afghanistan ins Feld ziehen. Überall drohen die Dämme der Zivilisation zu brechen und nur mit harter, rechts-konservativer Gangart Marke CSU („In München ist ja alles so viel besser, sauberer und sicherer…“) ist dem Untergang beizukommen. Stimmt das soweit? Korrigiere mich bitte, wenn ich es falsch verstanden habe.

    @ El Mocho: Aus welchen Tiefen deines Innersten speist sich so eine absurde Behauptung? Bring mir bitte einen einzigen Beleg dafür, dass sich linke Befindlichkeitspolitiker*innen ,mögen sie auch noch so verblendet, infantil und regressiv sein, mit Vergewaltigern und Mördern solidarisieren? Wer schuldig spricht sollte auch Beweise liefern…

    Ich will hier echt nicht den Anwalt für einen poststrukturell verseuchten, linken Sumpf spielen (der mir selber Bauchschmerzen bereitet und nichts Gutes Ahnen lässt für die weitere Entwicklung linker Gesellschaftskritik), aber wie hier die Sachlage teilweise übertrieben wird und alles völlig undifferenziert und widerspruchslos in einen Topf geworfen wird, nur um mal so richtig, in bester Stammtischmanier vom Leder ziehen zu können, ist schon hart. Tut der ganzen Debatte nicht gut, finde ich. Aber vielleicht ist das auch einfach so ein Kommentarspaltending. Ich bin ja auch nicht ganz unemotional bei der Sache. Wie sagte noch Bersarin: „Fast ließe sich die These aufstellen, daß die Subjekte, je ohnmächtiger sie in den realen politischen Zusammenhängen und in den praktischen Entscheidungen bereits sind, dann umso mehr in anderen Rahmungen – gleichsam virtuell – rebellisch werden und den gestauten Druck abdampfen.“

  7. Dieses Emotionalisieren des Asta speist sich aus gar nichts. Außer einer Angst vor Weiblichkeit und einer Unsicherheit, wie man sie bei jungen Menschen erlebt.

    Ansonsten fühle ich mich dazu nicht berufen ein Machtwort über Abschiebungen zu sprechen, sondern genaueres regelt § 53 AufenthG. Und wer meint, hier solche Leute aus einem solchen Kulturkreis gerne haben zu wollen, der kann das gerne meinen und glauben, daß es dem Land gut tut. Und genauso gibt es Leute, die meinen, daß dies der falsche Weg ist und die in Brüssel-Molenbeek nicht leben wollen. So ist das im Leben eben mit der Pluralität.

    In der Tat aber hast Du den Analogieschluß zwischen extremer Moralisierung samt der Sexualisierung bei einem Gedicht, also Aktionen auf der symbolischen Ebene, und real auftrettendem und tatsächlich gefährlichem Sexismus, über den laut geschwiegen wird, nicht realisiert.

  8. @ Bersarin: „Und wer meint, hier solche Leute aus einem solchen Kulturkreis gerne haben zu wollen, der kann das gerne meinen und glauben, daß es dem Land gut tut.“ Du bist ja lustig. Das hat doch nichts mit wollen oder nicht wollen zu tun. Als ob sich die objektive Tatsache, dass in Afghanistan Krieg, Terror, Hunger und Elend herrschen und die Menschen von dort mit gutem Grund reiß aus nehmen, mal eben so subjektivistisch in Luft auflösen lässt. Die Menschen kommen doch nicht hier her, weil dass ein paar Linke gerne so hätten und es dem paternalistischen Anti-Ra-Grüppchen ne nette Beschäftigung gibt. Nee, nee, die haben ganz andere, handfeste Gründe und fliehen völlig zu recht vor Armut, Perspektivlosigkeit und auch vor genau dem islamistischen Terror, den Du und ich und die ganze westliche Welt (von ein paar Spinnern abgesehen) so fürchten. Damit muss man doch irgendwie umgehen und kann davor nicht einfach die Augen verschließen. Und wenn nicht in eines der reichsten und weit entwickeltsten Länder der Erde, wohin sollen die Menschen denn dann? Klar ist das nicht einfach und da müssen globale Lösungen her, aber sich stumpf hinstellen und sagen: Ich will solche Leute hier nicht! Ist ignorant und menschenverachtend. Es ist in meinen Augen auch schlimmer als das poststrukturalistische Aufbegehren gegen die Kunst und Sexualität und ihr naives Verhältnis zum Islam, denn dieses ist meist nicht mehr als ein Sturm im Wasserglas (wenn auch durchaus besorgniserregend), während jenes zur Konsequenz hat, dass unschuldige Menschen in den Tod zurückgeschickt werden.

    @ El Mocho: Wie den Transparenten, den Sprechchören und auch dem Statement der Demoteilnehmerin zu entnehmen ist, zeigt das Video eine Protestdemo gegen die AfD. Eine Partei die sich eigentlich einen Dreck um Vergewaltigungen, Sexismus und Frauenrechte schert, wenn sie sich nicht zufällig dafür nutzen lassen auf dem rassistischen Ticket ein paar Wählerstimmen abzugreifen. Dagegen und auch gegen den Rassismus und die Rückwärtsgewandheit dieser Partei im Allgemeinen zu protestieren, ist mehr als legitim und mitnichten eine Solidarisierung mit Mord und Vergewaltigung. Wenn ich mich einem Lynchmob in den Weg stelle oder gegen die Todesstrafe protestiere, legitimiere ich doch auch nicht automatisch die Taten der Verbrecher. Dieser Beweis ist also nichtig und solange Du mir keine linke Solidaritätserklärung mit Hussein K. präsentieren kannst, ist und bleibt Deine Aussage Resultat Deiner Phantasie bzw. Deines Wunschdenkens.

  9. @ fabsefab: Die Gründe, weshalb Menschen fliehen, sind vielfältig. Wie Zuwanderung aussieht darüber entscheidet die Gesellschaft in den öffentlichen Diskursen. Und wer hierher kommt, wird ein paar Regeln akzeptieren müssen, da er zunächst als Fremder kommt. Ich kenne eine afghanische Frau, die floh 1979. Und es bereitete ihr keinerlei Probleme hier im Westen anzukommen, weil sie nämlich westlich erzogen war. Herzlich Wilkommen sage ich da. Gleiches gilt für Familien, die hier ihr Glück versuchen wollen und ein paar Regeln und Gesetze akzeptieren.

    Die Meinungen zur Zuwanderung sind ansonsten sehr unterschiedlich. Ich meine: Es gibt ein Asylrecht, das ist gut, und was wir brauchen, ist ein Einwanderungsrecht. Aber das ist in diesem Kontext meines Beitrages nicht das primäre Thema gewesen, sondern das war ein Nebenstrang im Blick auf eine moralisierende Linke. Insofern wollte ich hier nicht den Rassismus oder die Flüchtlingsfrage thematisieren.

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