Deutscher Buchpreis 2017 – die lange, aber feine Liste

Die Spannung stieg und stieg, „o reine Übersteigung“, nun ist sie da: Die Longlist #dbp17 steht im Netz. Hoher Männeranteil, etwa 2/3, wie Andreas Platthaus süffisant in der FAZ feststellt. Da könnte doch der „Merkur“ gleich einen weiteren Aufschrei starten (siehe dort im Blog die Serie „Sexismus an Hochschulen“). Überhaupt: Wie schaut es beim „Merkur“ eigentlich mit der Frauenquote aus? Hat da schon mal jemand nachgefragt? Nach meinen Berechnungen nicht so gut. Wie viele der Herausgeber sind weiblich? Wie steht es um das Verhältnis Männer und Frauen bei der Textproduktion? Nach meinen groben Berechnungen etwa 7 Männer zu 3 Frauen für die Hefte des Jahrgangs 2017. Jaja, Hildesheim, die Selbst- und die Fremdreferentialität unter Ausblendung des Eigenen, das Glashaus und die Spur der Steine. Aber das ist ein anderes Thema. Buchpreise zumindest sollten nicht nach einer Quote funktionieren. Der geniale und wie immer komische Harald Martenstein schrieb zu solchen Quoten vor eingigen Wochen eine feine Satire:

„In Berlin gibt es den Bezirk Lichtenberg. Im Bezirksparlament sitzen annähernd gleich viele männliche und weibliche Abgeordnete, es steht 32 zu 23. Vor einigen Wochen hat dieses Gremium auf Antrag der Grünen beschlossen, bei der Rednerliste die Frauenquote einzuführen.
(…)
Der Versuch, eine totale Gerechtigkeit bis ins letzte Detail herzustellen, stellt offenbar eine Art Autobahn in den Wahnsinn dar. Wenn man so denkt, muss man aber auch dorthin gehen, wo es wehtut. Falls bei einer Demo drei Polizisten verprügelt wurden, dann müssen sie sofort in die erste Reihe nur noch Polizistinnen stellen, so lange, bis auch drei von denen im Krankenhaus sind. So funktioniert dieses Denken doch. Am Ende steht eine Gesellschaft, in der es morgens beim Bäcker zwei Schlangen gibt, eine mit Frauen, eine mit Männern. In einem Kommentar regte ein Kollege an, die Reform noch gerechter zu machen, weil es Leute gibt, die ein Sprachproblem haben, etwa Stottern, oder die nur schlecht Deutsch sprechen. Die müssten als Erste auf die Rednerliste, weil ein Sprachfehler ein noch größeres Handicap darstelle als das Frausein. Es geht nämlich immer noch gerechter, der Kampf um Gerechtigkeit hört nie auf.“

Aber das sind meist Wellenreiter-Themen. Morgen ist das wieder weg. Nicht anders als die im Betrieb immer einmal wieder aufkeimenden Debatten zur Literaturkritik, die freilich doch um einiges sinnvoller, weil inhaltlicher sind.

Andreas  Platthaus sprach in seinem Artikel zudem ein Buch an, das nicht auf der Liste steht: Barbara Zoeke: Die Stunde der Spezialisten, es erscheint im August in „Die Andere Bibliothek“, was bedeutet: wunderschön ausgestattete Bücher, jedoch zu einem sehr hohen Preis: EUR 42,– zu berappen ist nicht wenig. Egal aber. Der Klappentext zum Buch zumindest klingt spannend, vom Sujekt und von der Idee her fein gebaut. Insofern teile ich Platthaus‘ Sicht:

„1940 ist Max Koenig Professor für Kunstgeschichte. Ein vererbtes Nervenleiden reißt ihn aus seinem beruflichen Leben und fort von seiner italienischen Frau und der kleinen Tochter. Er kommt in eine Heilanstalt nach Berlin-Wittenau. Trotz seiner Hinfälligkeit wird er zum Mittelpunkt einer kleinen Gruppe: einem Schizophrenen, der eine Litanei auf die Farbe »Schwarz« komponiert, einer jungen Pianistin, einer zierlichen Alzheimerfrau und schließlich Oscar, einem Jungen mit Trisomie 21. Der Alltag auf der Station und die rassenhygienischen Kommentare der medizinischen »Spezialisten« werden nur durch kleine Freuden, wie die gelegentlichen Besuche von Frau und Schwägerin, erträglich. Als die Patienten erfasst und klassifiziert werden, schließt sich die kleine Gruppe noch enger zusammen. Alle hoffen darauf, sich nach dem Krieg im Traumland Italien wiederzufinden. Doch Max Koenig und Oscar werden verlegt und ihren Angehörigen entzogen. Töten wird sie Dr. Friedel Lerbe, Mediziner und SS-Mann. Als Leiter einer Tötungsanstalt führt er das NS- »Euthanasie«-Programm mit bürokratischer Präzision aus – jedes Detail des Ablaufs wird von ihm kontrolliert. Ein ganzer Stab von »Pflegern«, Sekretärinnen, Technikern und Leichenbrennern steht diesem »Spezialisten« bei seinem Handwerk zur Seite.“

Gespannt bin ich vor allem auf Sven Regeners „Wiener Straße“. Als Verächter von Kreuzberg und dem Ranz dort muß ich das Buch einfach lesen. Zumal ich mich bisher immer vor Herrn Lehmann gedrückt habe – obwohl eigentlich seit den frühen 90ern Element of Crime zugeneigt, was dann mit der Romantik-Platte abebbte und so vergaß ich den Mann. Gut aber, daß Sven Regener auf die Liste kam, zumal die humoristische Literatur in der Kritik keinen so guten Stand hat. Die Neue Frankfurter Schule um Henscheid und Gernhardt bekam das regelmäßig zu spüren: ob das wohl noch Literatur im hohen Sinne sei, die da produziert würde. Besonders der überstrenge Fritz J, Raddatz konnte in dieser Sache nerven – was sicherlich auch daran lag, daß die Titanic in den 80er Jahren kein gutes Haar an ihm ließ. Und in Ralf Schnells ansonsten lesenswerter Literaturgeschichte zur BRD (und in Ansätzen auch zur DDR) kommen in meiner Auflage jene Autoren leider nicht vor. Das ist ein grober Fehler.

Wenn ich die Langliste mir betrachte, sehe ich: ich muß noch viel, sehr viel lesen, die letzten Monate waren der Theorie und dem Sachbuch gewidmet, die gerade mein Gebiet sind. Lüschers „Kraft“ steht dort auf der Liste zu Recht. Ein großartiger und – nun ja – kraftvoller Roman, eine Prosa in einer besonderen Sprache und mit einer erschütternden Wendung wie es einer brillanten Gelehrtenexistenz ergehen kann. Beim übrigen schaue ich und freue mich: Franzobel, Schulze, Julia Wolf, Zaimoglu, Poschmann und vor allem Thomas Lehr interessieren mich. Eigentlich (fast) alle Bücher, wenn ich mir die Themen betrachte. In diesem Sinne wurde von der Jury eine kluge Auswahl getroffen. Die diesjährige Longlist gibt eine interessante und vor allem anregende Leseliste, ein kleiner Kanon sozusagen, verschafft einen Überblick darüber, was in der deutschsprachigen Literatur möglich ist. Sehen wir mal, was davon bleiben wird. Literaturgeschichte ist schließlich ein offener Prozeß.