Von den Kulturräumen. Der freie Gebrauch des Eigenen

„Was ist deutsch?“ lautete jüngst der Titel eines Buches von Peter Trawny. Darin ging es um das Verhältnis Adornos zur Frage der nationalen Identität. Adorno betitelte seinen Aufsatz aus dem Jahre 1965 derart: „Auf die Frage: Was ist deutsch“. Also inmitten der Auschwitzprozesse, zwei Jahre nach deren Beginn. Eine Frage zudem, auf die sich umstandslos kaum antworten läßt, weil in der Art, wie sie überhaupt formuliert wird, bereits ein Problematisches liegt. Diese Schwierigkeiten thematisiert Adorno: nicht einfach auf eine Frage zu antworten, sondern überhaupt erst die Frage und deren Sinn zu reflektieren. Und genau dieses Verfahren meint immanente und dialektische Kritik. Die aus der Pistole geschossene Antwort ist meist falsch: Deutsch oder Englisch oder Französisch als eine Ansammlung von Eigenschaften oder historischen Fakten.

„Die Bildung nationaler Kollektive jedoch, üblich in dem abscheulichen Kriegsjargon, der von dem Russen, dem Amerikaner, sicherlich auch dem Deutschen redet, gehorcht einem verdinglichenden, zur Erfahrung nicht recht fähigen Bewußtsein. Sie hält sich innerhalb jener Stereotypen, die von Denken gerade aufzulösen wären. Ungewiß, ob es etwas wie den Deutschen, oder das Deutsche, oder irgendein Ähnliches in anderen Nationen, überhaupt gibt. Das Wahre und Bessere in jedem Volk ist wohl vielmehr, was dem Kollektivsubjekt nicht sich einfügt, womöglich ihm widersteht. Dagegen befördert die Stereotypenbildung den kollektiven Narzißmus.“ (Adorno, Auf die Frage: Was ist deutsch)

Darin liegt einiges an Wahrheit. Kollektivsingulare sind zwar bequem, aber auch problematisch. Manchmal aber sind sie ebenso nötig. Auschwitz gab es, weil auch Esten, Litauer, Franzosen, Niederländer und insbesondere Polen mittaten. Dennoch ist Auschwitz-Birkenau ein deutsches Vernichtungslager, kein polnisches. Trotz des erheblichen Antisemitismus der Polen. Dennoch mordeten in Auschwitz und anderswo wesentlich Deutsche. Sie organisierten diesen Massenmord, er ging von Deutschland aus. Insofern sind solche Kollektivsingulare zugleich nötig, um Zuschreibungen vorzunehmen und Dinge zu benennen. Man sieht: Es ist nicht ganz einfach. (Auf den Aspekt Adorno und die Frage, was deutsch sei, gehe ich demnächst noch genauer ein.)

Was also ist Kultur? Eine Frage von ähnlicher Sprengkraft, zumal wenn darin der eigene Referenzrahmen (mit)gemeint ist, von dem her gedacht wird, gleichsam als blinder Fleck, und nicht bloß ein abstrakter Kulturbegriff angenommen wird – heute gerne in der nichtssagenden Floskel von der Kulturwissenschaft geronnen, die es sogar bis hin zu einem eigenen Studiengang geschafft hat. Mit der eigenen Kultur ist es nicht viel anders als mit dem Körper – um es in ein Bild der Analogie zu fassen: Wer keinen Bezug zum eigenen Körper hat, wird keinen zum fremden herstellen können. Das ist – ich wiederhole es: im Sinne einer Analogiebildung – mit der eigenen Herkunft nicht anders. Im Begriff der Kultur stecken einerseits notwendige Momente, ein Ensemble von Regeln, Ritualen, Denkmustern, die sich herausgebildet haben, ebenso gehört eine gemeinsame Sprachform dazu. Doch dem Reich der Notwendigkeiten gesellt sich zugleich ein Reich der Freiheit bei. Jenseits dieser rahmenden und regelnden Zwänge und also darüber hinaus.

Mit dem Begriff Kultur ist gleichzeitig ein Versprechen von Freiheit assoziiert. Zwänge, Regeln und Konventionen erzeugen Enge, im Feld der Kunst aber hat jede Kultur die Möglichkeiten, solche Regelwerke frei zu erweitern, indem in einem fiktionalen Rahmen andere Möglichkeiten erzählerisch oder bildlich vergegenwärtigt werden und vermittels solcher Permanenz in eine Gesellschaft einsickern. Tragend wäre hier etwa der Liebesbegriff seit der Goethezeit, der wesentlich vom „Werther“ und den „Wahlverwandtschaften“ konstituiert wurde.

Die Betonung beim Begriff Kultur liegt auf dem Wort „frei“. Zu rekurrieren wäre in diesem Kontext auf die antiken Griechen, die mittels ihrer Philosophie und Kunst (wie auch der Wissenschaft) zum ersten Mal in der Geschichte ein solches Ensemble freier Menschen heraus- und auszubilden versuchten. In diesem Sinne finden wir in der griechischen Antike bis heute den Maschinenraum Europas. Das aber, im Hinblick auf das Griechentum, bedeutet zugleich: in einem emphatischen Sinne von Kultur ist diese Kultur noch gar nicht, sondern wäre erst herzustellen – Adornos Vorbehalte gegen den Kulturbegriff, insbesondere in seinem Essay Kulturkritik und Gesellschaft, sind bekannt. (Wobei dieses Moment aktiven Herstellens qua Geschichte wiederum eine teleologische Perspektive impliziert, den geschichtsphilosophischen Blick vom Heute aus: daß das, was ist, nicht vollkommen ist und seinen Zweck bisher nur marginal erreichte. Ob diese Zielperspektivierung ebenso aus einem anderen Blickwinkel heraus und weniger teleologisch gedacht, im Sinne eines blinden Spiels von Kräften in dieser Weise zu betrachten ist, scheint mir fraglich. Dialektik des Kulturbegriffes. Nietzsche und die Griechen.) Der „freie Gebrauch des Eigenen“, so formulierte es Martin Heidegger in seiner Interpretation von Hölderlins Gedicht „Andenken“.  Diesen freien Gebrauch zu lernen, dieses „Eigene eigentlich anzueignen, war für die Griechen das Schwerste.“ So schreibt Heidegger in seiner Andenken-Vorlesung (GSA 52). Und weiter heißt es da:

„Dieses Eigene und die Art seiner Aneignung kann nicht das Eigene sein, das ‚der deutsche Dichter‘ im heimatlichen Lande finden muß. Dieses Finden verlangt ein eigenes Suchen und dieses ein eigenes Lernen. Im Finden, Aneignen und Gebrauchenkönnen des Eigenen besteht die Freiheit eines Menschentums zu sich selbst. Darin ruht die Geschichtlichkeit der Geschichte eines Volkes.“ (Heidegger, Hölderlins Hymne ‚Andenken‘)

Komplex sicherlich und schwierig zu durchdringen. Aber wer seine eigene Kultur nicht begreift und zu ihr kein Verhältnis entwickelt: da bin ich skeptisch, daß er andere Kulturen bzw. andere Kulturräume angemessen schätzen kann. Es ist lediglich eine Flucht (über deren Gründe man sich Gedanken machen sollte) sowie ein Anhimmeln und Beschwärmen des Fremden als Fremdes. Paradox ist dabei, daß diese fremdgeschätzten Kulturen meist ein sehr ausgeprägtes Selbstwertgefühl besitzen. Nie kämen jene Kulturen auf die Idee, die Präferenz fürs Eigene zu leugnen. (Zu solchem nämlich ist erst der kritische Geist der Moderne fähig.) Das Andere ist deshalb ein Anderes, weil es ein Eigenes gibt. Simple Hegelsche Anerkennungsdialektik. Der Knecht ist Knecht, weil der Herr existiert. Ohne den Begriff vom Herrn ist auch der Begriff des Knechtes sinnlos.

Der von mir geschätzte Blogger und Kommentator che schrieb hier in einem Kommentar:

„Das Problem ist, dass mir bestimmte fremde Regionen nicht fremd sind. Aufgrund der Dinge die ich dort erlebt habe empfinde ich bei bestimmten Alpenregionen aber auch beim Duft ägyptischen Tees oder bei bestimmten Winkeln von Kairo ein Vertrautheitsgefühl das Heimatgefühlen zumindest ähnlich ist. Es gibt hingegen durchaus Gegenden Deutschlands, da, wo die männliche Jugend kahlköpfig einhergeht, die für mich Feindesland sind. Und grundsätzlich sehe ich mich als Weltbürger. Nicht nur Internationalist sondern auch Kosmopolit, um da zwei alte Gegensätze miteinander zu versöhnen.“

Die Art des Denkens, die hier beschrieben wird, ist in der Tat die des Historikers. Aber auch die eines Weltbürgers. Ob man einer ist, hängt sicherlich zu einem guten Teil von der eigenen Mentalität ab. Goethe war ein Weltbürger (einerseits, andererseits eben doch ein weimaranischer Frankfurter), sein Westöstlicher Divan ist das Dokument dazu, wie Kulturen sich durch den Austausch befruchten könnten. Dieses Weltbürgertum kann man so oder in anderer Art leben. Ästhetisch oder reisend. Doch ist es zugleich, wie auch der global vergleichende Blick des Historikers, eine Spezialperspektive, die die wenigsten einnehmen. Und daran scheitern dann auch – das freilich ist nebenbei gesprochen – die von der Sozialphilosophie bemühten Konstrukte einer postnationalen Konstellation, die uns Europa als Quasi-Nation ans Herz legen, wie dies etwa Jürgen Habermas Bestreben ist und wie es Karl Heinz Bohrer nicht müde wird zu kritisieren. Überdehnte Kulturräume funktionieren nur bedingt – auch wenn uns Europäer manches in der Geschichte eint. Um solche Überdehnungen zu stabilisieren bedarf es eines überzeugenden Narrativs oder einer starken medialen Inszenierung. Stichwortesind hier: Populär-Pop und Hollywood.

Interessant bei dieser Fokussierung aufs Europäische, daß die Lage Europas sich ändern kann. Wer in die Welt der Antike blickt, sieht ein Europa, das sich um den Mittelmeerraum gruppiert. Erst jüngst schlug der Carl Schmitt-Leser und Philosoph Giogio Agamben diese Umpolung von Kulturräumen vor, um sich von jenem nordischen Merkel-Europa positiv abzusetzen und an Tradition anzuknüpfen. Und auch ein Buch von Wolf Lepenies dreht die Perspektive nach Frankreich und läuft in diese Richtung eines lateinischen Reiches, der levantische Kulturraum: Die Macht am Mittelmeer. Französische Träume von einem anderen Europa.

Die eigene Kultur und Herkunft zu durchdenken und sich als Teil dieses Prozesses zu begreifen, bedeutet nicht, die Teilnehmer der eigenen Kultur allesamt zu schätzen, wie che dies kritisch anmerkte. Unangenehme Menschen gibt es in Kairo nicht minder als in Berlin. Mir sind deutsche Glatzkopf- und Stiernackennazis nicht minder fragwürdig – und doch sind sie der schlechte Bestandteil einer Kultur, wie auch die aggressiven Macho-Allüren in südlichen Kulturräumen. Solches ist mir genauso suspekt wie mir Islam-Fundamentalisten und Burka-Frauen in Paris suspekt sind.

Kultur ist ein Komplex aus langsam Gewachsenem, man legt ihn nicht einfach ab wie eine Sommerjacke an schlechten Tagen, zumal dann nicht, wenn man sich mit kulturellen Phänomenen wie Literatur, bildender Kunst, Philosophie und eben auch Geschichte beschäftigt. Dieses Bewußtsein für Kultur mag bei einem kosmopolitisch Reisenden sicherlich anders ausgeprägt sein als bei jemandem, der seine Region weniger gerne verläßt und zuweilen gerne durch Weimar, Jena, Bayreuth oder Bamberg spaziert Und ein Gräzist wird sicherlich ein anderes Verhältnis zum antiken Griechentum besitzen als einer, der sich intensiv mit der Epoche um 1800 in Deutschland befaßt. (Mit Glück geht beides.)

Keineswegs handelt es beim Denken der eigenen Kultur zwangsläufig und primär um identitäre Konstrukte, wie man es als Kritik und Hebel gerne ansetzt. Ganz gut kann man das an Brechts Text der Kinderhymne sehen. [Wobei man immer fragen kann: Wozu Nationen? Eine relativ moderne „Erfindung“. Ich selbst plädiere eher für Kulturräume. Deshalb auch meine Präferenz für ein Deutschland, wie es im 17. und 18. Jhd existierte. Denn Kultur in einem emphatischen Sinne ist eine plural verfaßte Sache, die sich aus Diversem zusammensetzt. Dazu gehört eben genauso die WM 1954, wie auch die 68er, wie auch Bratwurst mit Sauerkraut – wir denken da an ein schönes Rammstein-Lied wie „Pussy“ –, die Loreley, der wunderbare deutsche Rhein. Schön übrigens, daß im Badischen in den 70ern erstmals bei Anti-AKW-Protesten Franzosen und Deutsche gemeinsam kämpften. Walter Mossmann singt davon in seiner „Anderen Wacht am Rhein“.]

Zu dieser Kultur gehören der Kyffhäuser, die Externsteine genauso wie die Proteste in Wackersdorf, genauso wie der Deutsche Herbst und Gelsenkirchener Barock (wunderbare, schöne Möbel übrigens), von Auschwitz nicht zu schweigen und ebenso von der deutschen Romantik. Vor allem aber gehört dazu die gemeinsam erlebte gegenwärtige Geschichte wie auch die Vergangenheit. Interessant zu diesem Komplex Herfried Münkler: Die Deutschen und ihre Mythen (auf den Komplex Mythos, Narrativ und Erzählung wäre genauer noch einzugehen, auch als Literaturwissenschaftler) und ebenso in Ausführlichkeit Dieter Borchmeyer, Was ist deutsch? Der Germanist Borchmeyer will den Wandel von kultureller Identität begreifen. Eine, wie ich finde spannende Frage. Denn die nationale oder regionale Kultur ist einerseits nichts Starres und bedeutet andererseits doch Tradition. Interessant in diesem Sinne sind die Briten, die sich niemals als Briten verstehen, sondern als Waliser, Schotten, Engländer und Nordiren, und zugleich doch ein ausgeprägtes Nationalbewußtsein besitzen. (Karl Heinz Bohrer berichtet in seiner Biographie „Granatsplitter“ und insbesondere in „Jetzt“ über dieses seltsame Konstrukt, das vor allem von Engländern gepflegt wird. Schotten sind da schon sehr viel widerständischer. Sie sehen sich als eigenständige Kultur, teils sogar unter der Zwangsherrschaft der Engländer geraten.)

Darin liegt die Spannung und zugleich die Dialektik des Kulturbegriffes und für die Kulturräume. Und dies macht es wiederum so schwierig, in diesem Feld zu denken. In dieser Dialektik von Kultur sind wiederum ein Münchener und ein Bayer unterschiedlich in der Prägung. Bei allem anderen, was sie zugleich eint. Angefangen bei den geschichtlichen Daten der letzten 100 Jahre. Die Einheit und Differenz des Verschiedenen und eine prinzipiell funktionale Offenheit. Kulturen sind veränderbar und beruhen zugleich auf Traditionen und Überlieferungen.

In diesem Sinne von pluraler Einheit oder aber von einheitlicher Pluralität scheint mir übrigens die neue Biographie zu Maria Theresia von Barbara Stollberg-Rillinger interessant und ebenso von Pieter M. Judson: Habsburg, Geschichte eines Imperiums. Ein Kulturraum, der es über hunderte von Jahren vermochte, unterschiedlichste Gebiete und auch unterschiedlichste Kulturen in einem nationalen Raum zu vereinen. Mal zusammenzuhalten, mal zusammenzuschweißen mit der Gewalt von Waffen. Nicht jeder übrigens in Galizien war glücklich darüber, daß das Reich der Habsburger zerbrach. Wie die Geschichte zeigt, sind solche Identitäten fragil.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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32 Antworten zu Von den Kulturräumen. Der freie Gebrauch des Eigenen

  1. Es sucht sich ja niemand aus, wo er auf die Welt kommt, mit welcher Hautfarbe, welche Sprache er erlernt und wer ihn wie erzieht. In sofern werden einem die kulturellen Prägungen gewissermaßen übergestülpt, und sie sitzen entsprechend tief; Kosmopoliten sollten sich da keine Illusionen machen.

    ich habe schon in der Schule Spanisch gelernt (statt Französisch) und bin viel gereist in Spanien und Südamerika. Ich war inzwischen mindestens zehn mal in Medellín in Kolumbien (wo meine Schwiegereltern wohnen) und fühle mich dort nicht mehr fremd. Ich weiß wie der öffentliche Verkehr funktioniert (beste Metro in Südamerika), in welchen Gegenden man besser seine Uhr abnimmt und wo man gut essen kann. Aber ich spüre dort sehr intensiv, dass ich Deutscher bin und von deutscher Kultur geprägt. Es ist mir einfach sehr unangenehm, zu spät zu einer Verabredung zu kommen, während Südamerikaner schon mal eine Stunde später eintreffen, und es stört sich niemand daran. ich spreche gerne mit den Leuten, Kellnern, Taxifahrern, und erzähle was über mich und über Deutschland. Meine Frau wird dann immer wütend und macht mir Vorhaltungen: Warum erzählst du denen das alles? Den Taxifahrern kann man nicht trauen usw.
    Südamerikaner sind extrem misstrauisch und erwarten eigentlich immer, dass andere versuchen, sie abzuziehen; das ist mir ganz fremd, ich habe nie so schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht. Dafür kann ich nicht gut tanzen, während Latinos das schon als Kind lernen und meist ziemlich gute Tänzer sind. Usw.usw.

    Ich denke, man sollte ein positives Verhältnis zur eigenen Kultur entwickeln, und gleichzeitig offen für andere Kulturen sein. Nationen sind die größten funktionierenden sozialen Einheiten, sie können Milliarden Menschen umfassen und (mehr oder weniger stark) binden, und man sollte das nicht gering schätzen.

    Es würde z.B. bei Südamerikaner großes Befremden erregen, wenn man die eigen Fußball-Nationalmannschaft nicht unterstützt. ich bringe regelmäßig T-Shirts der deutschen Mannschaft mit, die großen Anklang finden, und habe selber auch eines der kolumbianische Auswahl, das ich hier gelegentlich trage.

  2. Bersarin schreibt:

    Ob man ein positives Verhältnis zur eigenen Kultur entwickeln muß bezweifle ich. Vielmehr sollte man ein kritisches Verhältnis sowohl zu den Begrifflichkeiten wie zur Sache ausbilden. Das impliziert, sowohl das Gute wie das Schlechte bzw. Problematische in den Blick zu bekommen. (Das eben meint ja der freie Gebrauch des Eigenen.) Bildete sich kein kritisches Verhältnis aus, in dem die Sache durchdacht wird, wären ansonsten restriktive Kulturen wie die Wahhabiten in den arabischen Großräumen restlos verloren. Ich halte Wandel jedoch für möglich. Er geht freilich langsam vonstatten. Der Geist ist ein Wühler. (Von den Verquickungen hinsichtlich der Produktionsverhältnisse mal ganz abgesehen. Kultur ist ein Komplex aus vielen Faktoren, die vom Geopgraphischen, von Klimalagen bis hin zum Stand der Produktivkräfte reichen. Insofern gehört zur Kultur ebenso die Ausprägungen von Wissenschaft und Technik. Zu letzterem lesenswert Martin Heidegger „Die Frage nach der Technik“.)

    Was Du zum Fußball schreibst, da stimme ich Dir zu. Wobei mich dieser Sport kaltläßt. Weshalb ich aber bei einem Spiel für die Italiener sein soll, erschloß sich mir noch nie. Außer vielleicht, daß sie die schönere, nein schöner nicht, die leidenschaftlichere Nationalhymne haben und beim Singen eine ungeheure Fröhlichkeit und Leidenschaft ausstrahlen. (Die aber kann man eben nicht verordnen. Sie ist oder sie ist nicht).

  3. mark793 schreibt:

    Mich hat die italienische Hymne bei aller Sympathie für die Italiener doch stets eher kalt gelassen, es ist gewissermaßen der Kirmes-Techno unter den Nationalhymnen. Da reißt mich die Marseillaise schon mehr mit, aber den Goldstandard haben die Sowjets/Russen mit ihrer Hymne gesetzt. Mehr Power geht nicht. Vielleicht meldet sich da bei mir das genetische Erbe meiner slawischen Vorfahren väterlicherseits, aber tatsächlich verschafft mir die Russen-Hymne (ganz egal, ob da Rossia oder die glorreiche Sowjetunion besungen wird) mehr Gänsehaut als das Deutschlandlied.

  4. Bersarin schreibt:

    Ich kann das verstehen, aber ich mag dieses Operettenhafte mit dem Hang zum Fröhlichen samt Pathos. Vielleicht deshalb, weil es mir entgegengesetzt ist. Vielleicht aber auch wegen Herrn Lodovico Settembrini, der in Thomas Manns Beschreibung ein wenig wie ein italienischer Drehorgelspieler aussah. Die Marseillaise ist mir natürlich auch lieb, vor allem, weil sie politisch ist und natürlich wegen jener legendären Szene in „Casablanca“.

  5. mark793 schreibt:

    Mit Settembrini haben Sie mich natürlich wieder, ich hatte bei der FAZ ja unter dem Pseudonym Marco Settembrini gebloggt. Kollege Don Alphonso hat mich auch angesteckt mit der Begeisteung für italienische Rennräder und die L’Eroica-Radveranstaltung, für die ich zweimal im Jahr in die Toskana kessle. Aber ich bin mir auch dessen bewusst, dass diese Italien-Begeisterung etwas spezifisch Deutsches ist. womit wieder beim Ausgangsthema wären, der (ewigen) Frage, was spezifisch deutsch ist.

  6. Bersarin schreibt:

    Tja, italienisch-deutsch, ich habe da schon einen Faible für. Eine alte Liebe, langes Thema. Deutsch ist für mich eine der schönsten Opern: Webers „Freischütz“. Wie wunderbar! Bei gleichzeitiger Liebe zu Rossini, die auch Schopenhauer teilte, und zu Verdi. („Verdi ist der Mozart Wagners“. Eckhard Henscheid) Kulturell übergreifend sozusagen. Es lassen sich viele Achsen ziehen und Geschichte unterliegt dem Wandel.

  7. Bersarin schreibt:

    Aber eben auch sowas hier, 100 Jahre immerhin her:

  8. mark793 schreibt:

    Dieses jiddische Anarchistenlied ist der Knaller, danke fürs Posten!

  9. Bersarin schreibt:

    Keine Ursache, kam mir gestern im Assoziationsreigen zum Begriff der Kultur in den Sinn.

  10. che2001 schreibt:

    Es ist keine Frage, dass ich in eine kulturelle Identität hinein sozialisiert wurde die deutsch ist. Und es stimmt natürlich auch dass Westeuropäer in vielerlei Hinsicht anders ticken als Orientalen. Nur, gerade als Vielgereister würde ich die mentalitätsmäßigen Unterschiede zwischen provinziellem Polen und, sagen wir, den mondänen Städten Tunesiens für gravierender halten als zwischen Deutschland und Tunesien. Tel Aviv gehört zum europäischen Westen, Jerusalem zum sehr traditionellen Orient. Die Bruchlinien gehen da quer durch die Gesellschaften.

    Den Begriff Kulturraum würde ich nicht mit der Zange anfassen, der ist NS-kontaminiert. Die Kulturraumforschung entwickelte sich seit den Zwanzigern im Windschatten der Ostforschung, der es darum ging, anhand historischer, anthropologischer und archäologischer Feldstudien „germanischen Siedlungsraum“ oder „Volksboden“ in slawischostteuropäischen Ländern nachzuweisen, um daraus territoriale Ansprüche („Lebensraum im Osten“) abzuleiten.

    Es ist richtig dass die Kulturraumforschung durch ihre Interdisziplinarität (Geschichte, Anthropologie, Archäologie, Geographie, Biologie) die Grundlagen für die Wissenschaft in der ich selber ausgebildet wurde, die Alltagsgeschichte und Historische Anthropologie große Verdienste hat. Doch das ganze Konzept des Kulturraums ist rassenbiogisch begründet.

  11. Bersarin schreibt:

    Der Raumbegriff und speziell der der kulturellen Räume ist ja nicht per se schlecht, weil er in rassistischen Kontexten benutzt wurde. Ich denke, es kommt auf den Inhalt des Begriffes an und was er unter sich befaßt. Das können ganz unterschiedliche Konzepte sein, auch wenn der Begriff geschichtlich angeschlagen ist. Meinetwegen kann man auch von Kultursphären sprechen. Aber ich halte diesen Begriff für wenig geeignet, weil in ihm das Konzept des Politischen verschliert. Im Raumbegriff steckt zugleich etwas von Land und Landschaft, aber auch von Landnahme und vom Kampf zwischen Völkern, Religionen oder Ethnien. Für eine Analyse von Gesellschaften und für den Blick aufs Politische nicht ganz unerheblich. Sphäre ist mir, nun ja, zu sphärisch, mithin ein wenig mit dem idealistischen Touch behaftet. Allerdings bin ich bei diesem Begriff eher Hegelianisch inspiriert. Da fallen viele Aspekte hinein. Auch die der politischen Ökonomie. Wäre im Detail auszubuchstabieren.

  12. rcscherzy schreibt:

    Kultur, da hast du vollkommen Recht, ist gewachsen. Sie ist organisch, nicht organisiert wie Demonstrationen, Kampagnen, Weltmeisterschaften, Olympische Spiele und (Reichs-)parteitage. Eine tiefere Analyse des Worts „organisieren“ liefert Viktor Klemperer in LTI.

    Ich denke nicht, dass es eine „reine“ Kultur gibt, aber der Prozess des Verschmelzens von Einflüssen läuft in der Tat langsam ab, es bedarf oft mehrerer Generationen. Du erwähnst in deinem Beitrag die Engländer. Was zeichnet ihre Kultur aus? Wenn man es über 2000 Jahre betrachtet, wie das Stephen Inwood in „The History of London“ tut, wird mit ärchäologischer Präzision Schicht um Schicht freigelegt: eine römische Siedlung mit keltischem Namen an einem geographischen Punkt, der für die Kelten strategisch bedeutungslos, für die auf Handel bedachten Römer eine Schlüsselstellung war.

    In das keltisch-römische Gemenge stoßen Germanen, die Angelsachsen vor, ein paar Jahrhunderte später die Normannen (germanischer Stamm mit vulgärlateinischer Sprache) und anschließend, in immer kürzeren zeitlichen Abständen weitere Wellen von Migranten, die heute zum Teil vergessen sind. So gab es im 12. und 13. Jahrhundert eine Einwanderungswelle von Flamen mit weitreichenden Auswirkungen, die dieser Blog sehr gut beschreibt: http://s1.zetaboards.com/anthroscape/topic/1026992/1/

    Unter dem Strich ist die englische Kultur samt Hamlet, Prinz von Dänemark, was die Amerikaner „a good mixture“ nennen.

    Wie sehr sich eine Kultur fortentwickelt oder in ihren bestehenden Grenzen verharrt, hängt nach meinem Dafürhalten vor allem von den wirtschaftlichen Gegebenheiten ab. Ist die Wirtschaft in einer Wachstumsphase, werden Menschen toleranter, suchen Kontakt zu anderen Menschen auch außerhalb ihrer eigenen Kultur, und dann kommt dieser Input für das organische Wachstum.

    Es gab in Deutschland nach dem Ende des 1. Weltkriegs ein starkes Wirtschaftswachstum getrieben durch die Abwertung der Reichsmark, das von den Siegermächten mit dem Vertrag von Versailles brachial abgewürgt wurde. Auch das EINE Ursache für alles, was folgte.

    Die Blütezeit des Islam von seine Gründung bis zur Erstürmung Bagdads durch die Mongolen 1258 zeigt uns eine auch in religiösen Fragen überaus tolerante Kultur. Ebenso ein Blick in die arabischen Metropolen der 1950er und 1960 Jahre, als der Erdöl-Boom Geld in die Kassen der jungen Nationalstaaten spülte, die zuvor 500 Jahre lang Provinzen des Osmanischen Reiches waren: Syrien, Libanon, Saudi-Arabien, Jemen, Irak, …

    Es war die Zeit, als die europäischen Linken (Sozialisten, Kommunisten) ihre Wähler mit der Idee begeisterten, Araber und Afrikaner müssten nur ihre Zukunft selbst gestalten können, dann würde die Welt von selbst eine bessere, gerechtere werden. Wäre diese Theorie richtig gewesen, würden heute gewiß keine Menschen versuchen, in Schlauchbooten das Mittelmeer zu überqueren.

    Aber wie auch immer die Gemengelage der Motive im einzelnen ausschaut: der Migrant ist stets verdammt zu einem Leben zwischen der Angst vor dem Verlust von dem, was er kennt und der Hoffnung auf neue Entwicklungsmöglichekeiten, die ihm das Fremde, Unbekannte verspricht.

    Es wird immer wechselseitige Einflüsse geben. Nur die Hoffnung, Menschen „integrieren“ zu können in dem Sinne, sie nach dem eigenen Bild zu formen, wird sich meiner Meinung nach nicht erfüllen. Weil es für Menschen keinen Grund gibt, sich mehr als unbedingt nötig an neue Gegebenheiten anzupassen. Das zeigt uns z.B. die jüdische Diaspora.

  13. Bersarin schreibt:

    Interessante Überlegungen. Ergänzend vielleicht: Wodurch sich die heutige Migration von der damaligen jedoch unterscheidet, ist zum einen die Vielzahl der Menschen, die weltweit entweder auf der Flucht sind oder sich ein besseres und anderes Leben suchen und zudem die Mobilität, die heute eine andere ist als vor 1000 oder 100 Jahren – sieht man einmal von jener Epoche der Völkerwanderung ab, die das römische Reich am Ende zum Kollaps brachte.

    Kultur ist immer Veränderung, nichts Statisches – in der Tat. Und je nach Kulturraum oder je nach Nation gestaltet sich dies anders. Ich denke, daß sich Englands Bevölkerungsstrukturen wesentlich erst mit dem auslaufenden Kolonialismus des 20. Jhds änderte, als die Menschheit mobiler wurde und eine Reise aus Indien, der Karibik oder Afrika nach Großbritannien irgendwie erschwinglich und möglich. Selbst die Konfrontation der Sachsenstämme mit den Normanen sowie die darauf folgenden Migrationsbewegungen sind in einem anderen Raster angesiedelt. Die USA und auch GB sind von der Struktur her ein ganz anderes Einwanderungsland als die BRD. Sie ist in diesem Sinne kein traditionelles Einwanderungsland. Die ersten großen Ströme von Menschen waren die sogenannten Gastarbeiter, insbesondere aus der Türkei. (Die Migration der Hugenotten nach Preußen ist von der Struktur her und für die Eingliederung ins Land nochmal anders zu fassen. Zumal die Gesellschaftsform damals eine ganz andere war und auch die Gemeinschaftsverbände anders, d.h. weniger mobil lebten.) Aber das muß man sich vermutlich historisch alles im Detail anschauen.

    Zudem gibt es innerhalb einer Kultur unterschiedliche Konzepte, wie man sich das Zusammenleben vorstellt. In diesem Sinne kann man auch von kulturinternen Kämpfen sprechen, wo innerhalb der eigenen Kultur (bzw. spezieller der Nationalkultur) verschiedene Konzepte aufeinanderprallen und in öffentlichen Diskursen gewissermaßen um Vorherrschaft ringen. Die einen stört die Burka im öffentlichen Raum nicht, die anderen sehen darin einen Angriff.

    Wieweit man andere in die eigene Kultur integrieren kann, ist ein schwieriges Thema. Allein eine Art Verfassungspatriotismus auszubilden und anzunehmen, wie Habermas das tut, im Sinne eines formalistischen Rechtsdenkens, reicht meines Erachtens nicht aus. Kultur ist mehr als nur ein Rechtssystem. Sich lediglich an bestehende Gesetze zu halten, erzeugt keine Kultur, sondern allenfalls Parallelwelten. Ich denke, ein wesentlicher Aspekt ist immer die Masse an Menschen, die nach Deutschland immigrieren bzw. flüchten. 20.000 Muslime sind sicherlich kein Problem für ein Land. Mehrere Millionen schon, insbesondere, wenn sie aus Regionen kommen, wo der Islam in streng traditioneller Gestalt ausgeübt wird.

    Interessant auch der Hinweis auf die arabischen Länder in den 50er, 60er Jahren und traurig, wie diese Entwicklung zu einem religiösen Fundamentalismus hin gebremst wurde. Besonders der Iran ist hier zu nennen.

  14. neumondschein schreibt:

    Weil sich welche über die italienische Nationalhymne beschweren: Es gibt auch eine inoffizielle:

    Darin ist mehr Freiheitsdrang enthalten. Jedoch von einem Komponisten, der gewöhnlich fröhliche operettenhafte Gassenhauer komponiert.

  15. Bersarin schreibt:

    Schön auch bei Sissi, ich glaube, es war der dritte Teil, beim Besuch des Kaisers und seiner Gattin in der Mailänder Scala.

  16. che2001 schreibt:

    @“Die USA und auch GB sind von der Struktur her ein ganz anderes Einwanderungsland als die BRD. Sie ist in diesem Sinne kein traditionelles Einwanderungsland. Die ersten großen Ströme von Menschen waren die sogenannten Gastarbeiter, insbesondere aus der Türkei. (Die Migration der Hugenotten nach Preußen ist von der Struktur her und für die Eingliederung ins Land nochmal anders zu fassen. Zumal die Gesellschaftsform damals eine ganz andere war und auch die Gemeinschaftsverbände anders, d.h. weniger mobil lebten.) Aber das muß man sich vermutlich historisch alles im Detail anschauen.“ —– Da muss ich ganz entschieden widersprechen. Aktuell sind 21% der hier Lebenden Leute mit Migrationhintergrund, sieht man das aber in the long run eher knapp die Hälfte. Von der Zeit der polnischen Teilungen bis 1914 gab es eine permanente Einwanderungswelle aus Polen, Galizien und dem Baltikum ins Reichsgebiet. Wohl alle Deutschen mit Nachnamen die auf ky, ski oder iak enden gehören dazu. Im Nordwolle-Museum in Delmenhorst ist wunderschön dokumentiert wie über Jahrzehnte Menschen aus Galizien nach Norddeutschland einwanderten und dort die Mehrzahl der Beschäftigten in der Textilindustrie stellten. Tradition hat auch der behördliche Rassismus, mit dem die deutsche Obrigkeit mit diesen Leuten umging. Die ersten deutschen KZs wurden in den frühen 1920ern unter einem Zentrums-Reichskanzler errichtet, um arbeitslos gewordene polnische ArbeitsmigrantInnen zu zernieren und bei passender Gelegenheit abzuschieben, sog. „Asoziale“ möglichst gleich mit.

    @“Zumal die Gesellschaftsform damals eine ganz andere war und auch die Gemeinschaftsverbände anders, d.h. weniger mobil lebten.“ —– Auch das ist so nicht ganz richtig. Die untersten Bevölkerungsschichten waren sehr mobil und wurden dies einige Generationen nach Friedrich noch viel stärker. Ein Unterschied zwischen dem ursprünglichen Proletariat in der frühen Phase der Industrialisierung und dem umherziehenden Bettel ist kaum möglich. Die ersten Arbeiter in deutschen Fabriken waren Wanderarbeiter, die bandenförmig mit Kind und Kegel durch die Lande zogen und sich verdingten wo es gerade ging. Die Oliver-Twist-Welt gab es auch in Deutschland (vgl. Büchners Woizeck). Die Transformation dieses hochmobilen Lumpenproletariats in eine disziplinierte gedrillte Arbeiterschaft war sowohl Ergebnis erfolgreicher Industrieansiedlung als auch hervorbringende Kraft des Entstehens der Sozialdemokratie und vollzog sich zwischen 1850 und 1870.

  17. che2001 schreibt:

    Danke für Nabucco, habe sofort auf ganz laut gedreht;-)

  18. neumondschein schreibt:

    Friedrich der Große konnte von den Hugenotten nicht genug bekommen. Das waren Protestanten. Sie brachten die Wirtshaft in Schwung. Sie waren überall gern gesehen. Auch in Preußen. Da hat er aber Glück gehabt, daß sein Land protestantisch ist! In sofern gibt es Unterschiede zwischen den Migrationswellen. Dem Kopftuchmädchen von heute entsprach zu Friedrichs Zeiten eher das katholische Mädchen vom Lande. Das Migrationsproblem stellte sich zu Friedrichs Zeiten ohnehin anders dar. Damals hat man die Leute nicht fortgelassen wie in der DDR. Heute will niemand sie reinlassen.

  19. Bersarin schreibt:

    „Aktuell sind 21% der hier Lebenden Leute mit Migrationhintergrund, sieht man das aber in the long run eher knapp die Hälfte.“ Ja, das sind allerdings Menschen, die sich hier inzwischen – sozusagen autochton – verwurzelt haben. Kultur ist insofern ein Diffusionsprozeß und funktioniert osmotisch, sofern die, die kommen gewillt sind, Teile ihrer eigenen Kultur aufzugeben oder im Prozeß der Entwicklung auch zu transformenieren. Die, die herkamen: Sie sprechen die Sprache, sie leben nicht in abgezirkelten Ethno-Gemeinden. Insofern mein Gedanke von den Kulturräumen, wo es für die einen leichter, für die anderen schwerer fällt hineinzugelangen. Kulturräume verschieben sich und insbesondere zwischen Ländern, die einander nahestehen, ist der Austausch leichter. Immigranten aus dem Osmanischen Reich waren selten. Polen und Deutsche trennt dazu im Verhältnis relativ wenig, lediglich die Sprache und in manchem Regionen die Religion. Zumal ab der zweiten Generation die Sprache gelernt und vor allem beherrscht wurde und Integration das Ziel war, nicht Parallelgesellschaft. Den Vietnamesen hier gelingt dies augenscheinlich sehr viel besser als vielen (nicht allen) Türken und Arabern. Mit Vietnam-Straßengangs haben wir in Berlin relativ wenig Probleme, sieht man von den Zigarettenbanden ab, die diese Dinge aber unter sich ausmachen.

    Am Ende aber sind immer die Zahlen von Bedeutung: Die Einwanderung in die USA ist quantitativ eine ganz andere Dimension, so vermute ich, als die ins Deutsche Reich. Die Kolonialgeschichte des Deutschen Reiches ist – insbesondere vom Ausgang nach dem ersten Weltkrieg her – eine ganz andere als in Frankreich und England, wo es mal gut mal schlecht funktionierende Ethno-Ghettos gibt. In Paris kann das reizvoll sein, aber genauso gibt es dort Viertel, wo man nicht hineingeht. Ob man solche Zustände will, darüber sind die Ansichten geteilt. Ich gehöre zu jenen, die das nicht erstrebenswert finden.

    Vergleichbar ist diese Einwanderung in die USA sicherlich mit jenem schweifenden Proletariat im Hinblick aufs Mobile: Pauperismus und eine immer gut verfügbare Reservearmee an Arbeitern. Auch heute gilt dies für die Flüchtlinge, weshalb in der Wirtschaft mancher jubilierte und von der Wichtigkeit der Flüchtlinge sprach. Auf reiner Menschenfreundlichkeit beruht diese sogenannte Willkommenskultur ganz sicherlich nicht. (Davon abgesehen, daß niemand freiwillig gerne seine Heimat verläßt. Darauf ist nochmals zu insistieren. Weshalb es wichtig ist, in Ländern wie Syrien et al. Frieden zu schaffen.) Von der Zahl der Menschen her aber gibt es gewichtige Unterschiede. Dazu müßte man auf die Statistiken schauen. In die USA strömten Tausende aus aller Herren Länder, für das damalige Deutschland blieb es überschaubar. Ein paar Hugenotten, ein paar Polen, ein paar Glaubensflüchtlinge aus Böhmen.

    Was die Mobilität betrifft, so gilt diese notwendige Beweglichkeit für das im frühen 19. Jhd in Deutschland sich ausbildende Proletariat und damit korrespondierende jene Stadtluft, die frei macht und es dann doch nicht tat. Allerdings gab es zu jener Zeit kaum schnelle Motoschiffe, Flugzeuge oder Autos, die Flüchtende und Reisende relativ flink von A nach B bringen konnten. Es war im Sinne des Wortes Wanderschaft.

    „Die Transformation dieses hochmobilen Lumpenproletariats in eine disziplinierte gedrillte Arbeiterschaft war sowohl Ergebnis erfolgreicher Industrieansiedlung als auch hervorbringende Kraft des Entstehens der Sozialdemokratie und vollzog sich zwischen 1850 und 1870.“ Ob Woyzeck wirklich ein passender Beleg für das Schweifende ist, weiß ich nicht. In diesem Sinne der Vorzeit scheint mir von Patrick Eiden-Offen ein gerade erschienenes Buch interessant „Die Poesie der Klasse. Romantischer Antikapitalismus und die Erfindung des Proletariats“. Allerdings ist dies eine eher kulturwissenschaftlich orientierte Studie, zwischen Literatur- und Sozialgeschichte angesiedelt.

    @Neumondschein: Zwischen dem Protestantismus Preußens sowie den dort genauso herrschenden Calvinistischen Strömungen wie auch noch hinzukommenden protestantisch-pietistischen Abspaltungen einerseits und andererseits den Hugenotten muß man aber unterscheiden.

    „Heute will niemand sie reinlassen.“ Ich glaube, mit Französischen Hugenotten und mit einreisenden Protestanten jeglicher Coleur hat hier niemand ein Problem. Diese liegen etwas anders gegründet.

  20. che2001 schreibt:

    @“Von der Zahl der Menschen her aber gibt es gewichtige Unterschiede. Dazu müßte man auf die Statistiken schauen. In die USA strömten Tausende aus aller Herren Länder, für das damalige Deutschland blieb es überschaubar. Ein paar Hugenotten, ein paar Polen, ein paar Glaubensflüchtlinge aus Böhmen.“ —– Bitte? Die Mehrheitsbevölkerung des Ruhrgebiets besteht aus diesen „ein paar Polen“.

    BTW was meinen Kundenkreis angeht habe ich sehr viel mit sogenannten Spätaussiedlern zu tun, und die sind weit russischer oder polnischer als die Mehrheit der hier lebenden Türken oder Araber. Als ich mal an einem Wolfsburger Gymnasium unterrichtete hatte ich das Problem, dass die Abiturarbeiten meiner Klasse in einem katastrophalen Deutsch formuliert waren. Ich fragte meinen Direktor ob ich die überhaupt werten könnte, eigentlich müsste ich wegen der Sprache in zweidrittel der Arbeiten mindestens zwei Noten abziehen. Da erwiderte der, „Na, seien sie nicht zu hart, die sprechen ja zu Hause nicht Deutsch“. Ich antwortete darauf, die syrischen,libanesischen, afghanischen und kurdischen Schülerinnen hätten dieses Problem nicht, deren Deutsch ist perfekt. Darauf entgegnete er: „Glauben Sie ja nicht, dass Winarske, Janszekwsi und Kolswoskaja deutsche Namen seien, bei Ihnen sitzt ganz Sibirien am Tisch.“

    In meinem kleinen Wirkungskreis habe ich die empirische Erfahrung, dass die sogenannten Deutschen aus Osteuropa sehr viel weniger integriert sind als Orientale. Und auch weniger integrationsbereit: Sie bestehen eher darauf, als Deutsche anerkannt zu werden mit einem Pauschalprogramm sozialer Leistungen, während ich von Leuten aus dem Orient eher so eine Haltung kenne „Ich finde es toll, in Deutschland akzeptiert zu werden, aber akzeptiert bitte auch meine Kultur“. Der Staníslaw, dem auf ausländerfeindliche Sprüche erwidert wurde, er sei doch selbst Ausländer schlug sofort zu.

  21. Bersarin schreibt:

    Na ja ich denke, daß sich die Zahlen der Menschen, die aus Polen ins Ruhrgebiet sogen und jene, die es aus aller Herren Länder in die USA trieb, um dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stehen, doch stark differieren.
    Im Wikipedia-Artikel zu den Ruhrpolen, der überhaupt lesenswert ist, heißt es:

    „Aufgrund des stark steigenden Bedarfs an Arbeitskräften wanderten viele Menschen ins Ruhrgebiet. Neben Menschen aus dem unmittelbaren ländlichen Umfeld zogen auch Menschen aus ferner gelegenen Regionen zu, um in der Industrie zu arbeiten. Darunter waren viele aus den Ostprovinzen Preußens, so dass auch unter den inländischen Zuwanderern in die industriellen Ballungszentren viele Menschen waren, die polnisch sprachen und sich als Polen fühlten. Ein Großteil der als „Ruhrpolen“ bezeichneten Einwanderer sprach indes Regionalsprachen wie Masurisch, Kaschubisch und Wasserpolnisch.

    Ab 1880 verstärkte sich die Ost-West-Wanderung aus dem preußischen Osten ins Ruhrgebiet. Die Arbeiter aus dem deutschen, österreich-ungarischen und russischen Polen sowie aus Masuren, das seit dem 13. Jahrhundert unter deutscher Herrschaft stand, und aus Oberschlesien, das seit dem 14. Jahrhundert zum Reichsgebiet gehörte, gewannen immer mehr an Attraktivität für Industrie und Landwirtschaft. Polnischsprachige Saisonarbeiter arbeiteten in der Industrie, vor allem in Bergbau, Hüttenwesen, Baugewerbe und Ziegelherstellung sowie im Osten in der Landwirtschaft. Insbesondere die ostelbischen Güter verlegten sich immer mehr auf die ca. 400.000 Billiglohnkräfte. Die Pendler waren ungelernt, saisonal, leisteten längere Arbeitszeiten und erhielten niedrigere Löhne als die deutschen Arbeitskräfte. Funktional dienten die polnischen Saisonarbeiter oft als Lohndrücker und Streikbrecher. 1890 führte die preußische Verwaltung das Regelwerk „Karenzzeit“ ein, das die Zuwanderer verbindlich zwang, nach Ablauf der Saison das Land zu verlassen.

    (…)

    Tatsächlich ist jedoch nur noch eine Minderheit der Nachkommen der Ruhrpolen in Deutschland ansässig. Etwa ein Drittel kehrte in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg in den wiederhergestellten polnischen Staat zurück. Ein weiteres Drittel der Ruhrpolen wanderte im Laufe der 1920er Jahre in die nordfranzösischen Kohlereviere von Lille und Lens ab.[2] Die Assimilation des verbliebenen Drittels gelang – auch wegen der stark antipolnischen Züge der staatlichen Politik – allerdings komplett. Da die polnische Sprache nicht gepflegt wurde, sind die Nachkommen der Einwanderer heute außer an den vielen polnischen Nachnamen im Ruhrgebiet und einigen letzten kulturellen Resten kaum noch von der angestammten Bevölkerung zu unterscheiden.

    (…)

    Die Gesamtbevölkerung im Ruhrgebiet wuchs von etwa 375.000 um 1852 zunächst auf etwa 536.000 um 1871 an, dann erfolgte bis 1910 ein besonders deutlicher Anstieg auf etwa 3 Millionen und auf schließlich 3,7 Millionen um 1925. Damit war in etwa 70 Jahren eine Verzehnfachung der Gesamtbevölkerung des Ruhrgebiets eingetreten. Die Zahl der aus dem polnischen Kulturkreis stammenden Einwanderer (preußischer bzw. deutscher und polnischer Nationalität) in das Ruhrgebiet erreichte 1910 mit einer halben Million den höchsten absoluten Wert und zugleich den höchsten Anteil an der dortigen Gesamtbevölkerung.“ (Betonung hier eben auf preußischer bzw. deutscher und polnischer Nationalität)

    Bei aller Fremdheit zwischen Deutschen und Polen ist der Kulturraum des Polnischen ein ähnlicher, zumal viele der Zuwanderer eben doch schon mit deutscher, sprich preußischer Kultur in Berührung gekommen sind. Anders als bei vielen orientalen bzw. arabischen Kulturen und ebenfalls bei Menschen, die seit Jahrhunderten in Sibirien lebten. Am Ende aber hat diese Durchdringung von Deutschen und Polen ja ganz gut funktioniert. Wäre zu wünschen, daß das mit anderen Kulturkreisen auch in dieser Form gelingt. (Wobei das immer auch eine Frage der Anzahl der Menschen ist.)

    Diese Aufnahme von sogenannten Deutschrussen (ein seltsames Konstrukt überhaupt) wurde wohl mehr aus politischen Gründen getätigt. Eine unsinnige Aktion, zumal mit zweierlei Maß gemessen wurde. Und wieder einmal zeigt sich zudem, wie die Sprache prägend und wichtig ist. Die teils rechtsradikale Haltung vieler aus Rußland hierher Emigrierter ist in der Tat ein Problem. Mit Teilen der Leute aus dem arabischen Milieu gibt es andere Probleme. Es ist in der BRD lange nicht so schlimm wie in Frankreich oder gar in Brüssel- Molenbeek, was mir deutlich zeigt, wie wichtig es ist, in diesen Dingen klare Regeln und klare Ansagen zu treffen.

  22. Bersarin schreibt:

    Interessant nebenbei, aus dem Wikipedia-Artikel herauszulesen, daß die Integration der Polen auch deshalb am Ende gut funktionierte, weil die Repressionen und das antipolnische Ressentiment hoch waren. Ironie der Geschichte daran: So erhalten die Thesen des ehemaligen Neuköllner Bürgermeisters Buschkowsky doch einigen Aufwind. Sowieso ein kluger Mann. Ansprüche durchsetzend, ohne rassistische Narrative zu bedienen.

  23. aergernis schreibt:

    Ich finde in Bersarins Text bleibt der Begriff der Kultur schwammig und mystifiziert. Bevor du damit beginnst, zu definieren, was Kultur ist, hast du schon mit der Rede vom „Eigenen“ begonnen. Sofort ist das Moment der Identifikation darin, das du auch nicht los wirst, wenn du vom freien Bezug auf das Eigene sprichst.

    Für mich liegt etwas anderes nahe: Kultur ist Anpassung an die vorgefundenen Lebensbedingungen. Da diese einerseits vor allem von äußeren Faktoren (klimatische Bedingungen, die anderen Leute, die da sind) bestimmt sind und sich meistens als widrige Bedingungen darstellen, sind sie eben nicht das Eigene. Diese Definition würde auf einer anderen Ebene bedeuten: So lange Herrschaft das Leben bestimmt, ist Kultur Anpassung an Herrschaftsbedingungen. Und da sie also nicht Überwindung von Herrschaft ist, ist sie meistens Ideologie.

    Die Rede vom Eigenen finde ich auf einer weiteren Ebene fragwürdig – nämlich da sie dort eine Gemeinsamkeit behauptet, wo Gegensätze bestimmend sind. K.I.Z. haben es mal in einem Lied so ausgedrückt „Du und dein Boss ham nix gemeinsam bis auf das Deutschlandtrikot“. Wenn man genau hinschaut machen sich da auch innerhalb des Kulturraumes ziemlich große Unterschiede auf – nicht nur auf der Ebene der ökonomischen Situation: Ein Prolet entwickelt meistens keinen Geschmack für Austern.

    Wenn man statt auf Aneignung des Eigenen auf Überwindung der Herrschaft (also auf Emanzipation) setzt, hat man auch ein anderes Verhältnis zu den anderen Kulturen. Man findet den Sexismus in muslimischen Communities nicht deswegen problematisch, weil man ihn für ein Problem der Integration in die eigene Kultur hält, sondern weil man die Befreiung der Frau als Bedingung der eigenen Befreiung erkannt hat. Z.B. auf einer ganz basalen Ebene: Wer hier in Deutschland Arbeitskämpfe führen will, ist auf gleichberechtigt kämpfende Frauen angewiesen.

  24. Bersarin schreibt:

    Ja und nein. Omnes determinatio est negatio. Der Satz der Identität ist einerseits ein basaler Bezug, zugleich wäre er zu erweitern und dabei nicht stehenzubleiben. Das A = A ist einerseits trivial, andererseits eben auch notwendig. Ansonsten wären wir im Differenzlos-Amorphen.

    Wir setzen den Begriff von Kultur einerseits voraus, das ist richtig. Nicht anders als bei der Sprache: Beide Phänomene umgeben uns, noch bevor wir überhaupt beim Stoß in die Welt nur ein Wort gesagt und eine Regung getan haben. Wir müssen etwas voraussetzen und können es doch einerseits in seiner Funktion kritisch bestimmten und zugleich neu fassen. Und im Rahmen dieser Bezüglichkeit fragte ich zunächst im Text, was eigentlich oder eben uneigentlich Kultur sei. Definieren kann man es nicht. Das bereits wiederspricht dem Begriff von Kultur.

    Und dies genau vermeidet auch Adorno auch mit dem Begriff der Kultur und mit dem der Identität. Adorno widerspricht dem Satz der Identität nicht, genausowenig wie Hegel oder Marx, die diesen Satz als basal sehen. Insofern sind die Einwände, die manche aus der sprachanalytischen Ecke hegen, nicht richtig. Aber zugleich kommt es Adorno darauf an, bei den bloßen Bestimmungen, die immer auch etwas Abstraktes haben, stehenzubleiben. Insofern ist das Beispiel der kämpfenden Frauen ein gutes. Wobei man wiederum sagen kann, daß auch das natürlich Funktionalisierungen sind. In diesem Sinne eben ist Adornos Philosophie hilfreich, weil es solche Fixierungen, die ja notwendig sind, einerseits, benennt und andererseits zu ihrer Auflockerung und Verflüssigung beiträgt. In diesem Kontext steht auch Hölderlins „freier Gebrauch des Eigenen“. Heidegger mag ihn an einigen Stellen national festschreiben. In der Intuition jedoch, Identität nicht starr zu fassen, liegen beide ähnlich.

    Richtig ist, daß Kultur ein weiter Begriff ist. Die Kultur des Hochbetriebs ist eine ganz andere als die des Fußballfans oder von türkischen Migranten. Zu differenzieren ist also bereits im Begriff selbst. Ob damit eine Bindestrich-Kultur gemeint ist oder das „Ensemble gesellschaftlicher Verhältnisse“ (Marx) Grob kann man natürlich auch sagen, daß die herrschende Kultur immer die der Herrschenden ist. Also wiederum eine Frage von Überbauphänomenen und von Macht. In diesem Sinne fehlt in meinem Text sicherlich die Gegenkultur. Und auch das, was man das Phänomen Pop bezeichnen kann. Das ja nicht immer und per se Gegenkultur ist, sondern in dessen Rebellion bereits die Anpassung steckt.

    In diesem Sinne ist Adornos Frage „Was ist deutsch“ ungemein anregend und im Blick auf den Kontext von Kultur bereichernd, zumal er eben nicht auf nationale Kollektive setzt. So wie er überhaupt jene Kategorie des Kollektivs für fragwürdig hält. In dieser Individualisierung von Identität, die zugleich eine Freisetzung derselben ist, kann ich Adorno gut folgen.

  25. Bersarin schreibt:

    Den Ansatz zur „Überwindung der Herrschaft (also auf Emanzipation)“ zu setzen, teile ich ansonsten.

  26. aergernis schreibt:

    Es war irreführend, dass ich nach dem KIZ-Zitat selbst auf Kultur abgehoben habe. Es ist nicht nur so, dass der Chef und der Prolet jenseits der Fußball-WM keine gemeinsame Kultur haben – sie befinden sich darüber hinaus in einem antagonistischen Verhältnis zueinander. Das Interesse des einen negiert das des anderen – wenn der Staat diesen Gegensatz nicht einhegen würde, würde er sofort in einem offenen Kräftemessen ausbrechen. Angesichts dessen zu behaupten, die beiden verbindet etwas, was mehr wiegt als ihr Gegensatz, eine Kultur – und sei es auch eine „weit gefasste“, – ist eine Lüge. Ich habe das Gefühl, dass der philisophische Exkurs – A=A -, demgegenüber ausweicht.

    Kultur verpflichtet aufs Bestehende. Kein Wunder, dass es gerade die neurechten Identitären sind, die von der „Verteidigung des Eigenen“ schwadronieren. Kein Wunder, dass auch auf der Rechten heute keiner mehr von Rasse redet, um so mehr aber von Kultur geredet wird.

  27. Bersarin schreibt:

    Nein, Kultur in einem emphatischen Sinne verstanden, verpflichtet eben nicht aufs Bestehende. Zumindest dann, wenn sie mehr sein will als Schiller und Blockflöte. Es hängt also die Disposition sehr von dem zugrundegelegten Begriff von Kultur ab. Beide Begriffe, Kultur wie das Eigene, sind Differenzbegriffe. Gerade innerhalb der Kultur bzw. hier enger gefaßt der Kunst können solche Differenzen als Spiel und auch als harte Probe an der Gesellschaft entfaltet werden. Daß übrigens Adorno in den Minima Moralia schrieb, „In der Erinnerung der Emigration schmeckt jeder deutsche Rehbraten, als wäre er vom Freischütz erlegt worden.“ zeigt, daß die Differenz zwischen Eigenem und Fremdem nicht ganz unerheblich ist. Auch für die eigene Verortung. Selbst zwischen Kulturen,die relativ ähnlich organisiert zu sein scheinen.

    Etwas anderes wiederum sind die Klasseninteressen. Da hat ein Arbeiter aus Mexiko, aus Indien und aus dem Iran mehr mit einem solchen aus der BRD gemeinsam, was das Merkmal der Arbeit betrifft. In anderen Punkten wiederum werden sich hinreichende Differenzen auftun. In diesem Sinne ist das auch eine Frage der Bezugs- und Referenzrahmen, unter denen betrachtet oder analysiert wird. Und wenn man diese – als Perspektivität und Relationalität – nicht in den Blick mit hineinnimmt, denke ich, daß es in der Analyse schwierig wird.

  28. aergernis schreibt:

    Ja, es kommt sicher darauf an, welchen Begriff von Kultur man zugrunde legt und sicherlich kommen daher unsere Differenzen in der Frage, ob man sich affirmativ dazu stellt oder nicht. Ich glaube, dass man mit meiner Definition – Kultur ist Anpassung an die äußeren Lebensbedingungen, vielleicht noch erweitert: die damit verbundenen Gewohnheiten und Rituale, die sich jenseits unmittelbarer Produktion und Reproduktion etablieren – relativ weit kommt. Ansonsten müsstest du mehr ausführen, was dein Begriff von Kultur ausmacht – mein Vorwurf wäre wie gesagt, dass er mir unklar und mystifizierend vorkommt.

    Das Zitat von Adorno finde ich auch etwas mystizistisch. Was hat der Rehbraten denn konkret mit dem Freischütz zu tun? Die Exil-Erfahrung kann schmerzlich sein, weil jemand unfreiwillig aus seinen gewohnten Lebenserhältnissen entrissen worden ist, in denen er sich orientieren konnte – in der Exilsituation ist alles ungewohnt und weniger einfach zugänglich. Ja das ist eine Differenz. Aber daraus einen Schmus mit der ganzen deutschen Kultur zu machen, finde ich keine sinnvolle Schlussfolgerung.

    Bei den Arbeitern ist die Frage: Was prägt ihre Lebensverhältnisse entscheidender – die Kultur, oder ihre Arbeit? Ich würde letzteres sagen – ihre hierarchische Einordnung in die Produktion macht ihren Bereich der Notwendigkeit aus. Wenn tatsächlich kulturelle Differenzen den tunesischen, mexikanischen und indischen Arbeitern unversöhnlich voneinander trennen, sind sie Hindernisse der Emanzipation der Arbeiter von der Lohnarbeit und also als Ideologie zu kritisieren.

    Finde diese Diskussion tatsächlich lohnenswert – wobei ich mich mit meinen Grundannahmen auch relativ unsicher vorantaste.

  29. aergernis schreibt:

    Hab hier mal was Kleines zu Kultur(politik) geschrieben, wobei ich da einer Definition von Kultur auch ausweiche und dementsprechend alles etwas assoziativ aneinander gereiht ist: http://aergernis.blogsport.de/2016/03/01/vs-kultur-kontrakultur/

  30. Bersarin schreibt:

    Das Adorno-Zitat brachte ich, weil es auf einen Zusammenhang des Eigenen und des Heimatlichen verweist, der nicht national oder nationalistisch aufgeladen ist und in diesem Sinne auch nicht ausgrenzend funktioniert, sondern vielmehr eine Differenzerfahrung aufzeigt. Gerade bei Adorno kann man diesen Konnex von Kultur, Heimat, Kunst und Identität als Nicht-Identität gut veranschaulichen. Dieses Zitat muß man im Kontext mit seinem Aufsatz zu Amorbach und dem letzten Kapitel der „Negativen Dialektik“, den „Meditationen zur Metaphysik“ lesen. Solche von Adorno artikulierten Erfahrungen haben sicherlich auch etwas Mystisches an sich, wie auch der Begriff des Heimatlichen, wie man es gerade bei Eichendorff auch herauslesen kann, über den Adorno ja schrieb. Nicht anders als die ästhetische Erfahrung, die wir an Kunst machen. Allerdings ist diese bereits ein Privileg und der bürgerlichen Kultur geschuldet. Adorno wußte um diesen Widerspruch sehr genau. In seiner Episode zum gefesselten Odysseus und dem Gesang der Sirenen schrieb er darüber in der „Dialektik der Aufklärung“. Kultur wäre die Reflexion des Bewußtseins auch auf diesen Zustand. Kafka brachte ihn übrigens in einer Notiz in seinem Nachlaß auf den Punkt: Vom Schweigen der Sirenen nämlich.

    Danke auch nochmal für den Link.

  31. Bersarin schreibt:

    Walter Benjamin forumulierte es übrigens in seiner VII. Geschichtsphilosophischen These so: „Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein.“

  32. Dieter Kief schreibt:

    Benjamin, der Barbar.

    (Contraditio in adjecto „&“ regressum ad infinitum – Hohlformen der negativen Dialektik.

    ( cf. : Sapere – sappern – subtil – – infantil – – – Saptil).

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