„Gras auseinandergeschrieben“ – in Nürnberg, ein Akt des Photographierens vom Ereignis

Nürnberg, im September 1936. Es ist Reichsparteitag. Wehrmachtstruppen hatten im März dieses Jahres das Rheinland besetzten, und so heißt das Motto diesmal: Reichsparteitag der Ehre. Hitler spricht. Vor Zehntausenden von Menschen:

„Ihr habt einst die Stimme eines Mannes vernommen, und sie schlug an eure Herzen, sie hat euch geweckt, und ihr seid dieser Stimme gefolgt. Ihr seid ihr jahrelang nachgegangen, ohne den Träger der Stimme auch nur gesehen zu haben … Das ist das Wunder unserer Zeit, daß ihr mich gefunden habt … unter so vielen Millionen! Und daß ich euch gefunden habe, das ist Deutschlands Glück!“

Was für ein unheimlicher Satz, ging es mir durch den Kopf, als ich ihn zum ersten Mal vor Jahrzehnten in einer Dokumentation hörte: „Das ist das Wunder unserer Zeit, daß ihr mich gefunden habt … unter so vielen Millionen!“ Nicht einfach nur bedrohlich oder aggressiv, sondern vereinnahmend. Eine schicksalhafte unabwendbare Verbindung wird da angezeigt – das ist es, was dieser Satz Hitlers aussagen sollte. Fast als Drohung zu nehmen. Sätze, die aus einer finsteren Zone stammten, bedrohlich, dieses Moment des Sich-Findens zweier unterschiedlicher Seinsbereiche. Und auch noch unter Millionen, das ist die bekannte Nadel im Heuhaufen. Schicksalhaft solche Kombination. Hitlers läppische Rede von der Vorsehung. Nazi-Esoterik und Trivialmystik, die am Ende des Prozesses als wenig trivial sich erwies. Ein Volk und ein Einzelner. (Aber Geschichte ist eben komplizierter, als es der Führer Glauben machen wollte. Denn zu dieser Amalgamierung gehören viele Faktoren.)

Wenn ein Besucher heute über das ehemalige Reichsparteitagsgelände in Nürnberg spaziert, so sieht er nicht mehr viel von den ausufernden Triumphbauten, allenfalls kann man ahnen, wie dieser Aufmarschplatz mit seiner monumentalen Architektur einmal aussah, um den Einzelnen in der Masse unsichtbar zu machen. Es empfiehlt sich also, um diesen Ort zu begreifen bzw. um nicht mehr Sichtbares in den Gedanken doch wieder wahrzunehmen, an einer der Führungen teilzunehmen.

Wer den Sog der Propaganda noch einmal erleben will und zugleich das Lächerliche dieser Massenaufmärsche gewahr werden möchte, der sehe sich Leni Reifenstahls „Triumph des Willens“ an, darin Riefenstahl den Reichsparteitag von 1934 in dem ihr eigenen und von ihr perfekt beherrschten Medium noch einmal aufleben läßt. Gezeigt wurde die Propaganda-Dokumentation 1935. Der Politisierung der Ästhetik wird sozusagen die Ästhetisierung der Politik entgegengesetzt. Und zugleich wieder wirkt die Ästhetik politisierend, um hier Walter Benjamin zu ergänzen. Gleichsam reinszeniert und wiederholt das Medium Film ein einmaliges Ereignis, schafft nachträglich eine Aura und überhöht damit eine Show als einmaligen und zugleich unendlich wieder aufführbaren, reproduzierbaren Akt.

Filmisch sind diese Szenen teils genial dokumentiert, weil neue Techniken zum Einsatz kamen: Die Art des Schnittes, die Kameraführung, Teleobjektive und insbesondere die Technik der Montage war etwas, das es im Film so nicht gab. Das Dokument als Propaganda. Der „Triumph des Willens“ verleugnet den „Willen zur Macht“ nicht – jener Nietzsche verfälschende Titel, unter dem Elisabeth Förster-Nietzsche die Fragment- und Notizsammlungen ihres Bruders herausgab und in entstellender Weise neu komponierte. Der Wille jedoch, der hier in Nürnberg mittels führerlicher Aura triumphieren soll, ist ein manipulativ gelenkter; mittels ästhetisch-politischer Suggestion demonstriert sich die Einheit des Volkes. Das Ergebnis dieses Ereignisses läßt sich bis heute betrachten.

Andererseits wirken die Reden und die Propaganda des Filmes samt der untermalenden Musik heute öde, wenn nicht lächerlich. Allenfalls als historische Anmutung bedeutsam. Bilder aus einer fernen Zeit. Ich frage mich, weshalb dieser Film so lange verboten war und wen diese Feier des Sterilen heute noch hinterm Ofen hervorlocken sollte, geschweige denn, verhetzen könnte. Zumal eingefleischte Nazis sowieso im Besitz dieser Filmszenen sind und sich am Bilderreigen berauschen werden. Und doch steckt in diesen Aufmärschen das Prinzip der Massensuggestion. Einst wirkte es. So zumindest suggerieren die Bilder des Films. Daß Menschen nicht mehr als kritische Zuhörer die Reden beurteilen und kommentieren, wie es der Sinn von Politik und der Sinn einer Agora wäre, sondern es werden Worte aufgesaugt, Ideen inhaliert. Eine heilige Handlung, Politik ist Gottesdienst.

Wenn ich an diesem Ort bin, es war im Juli 2013, dann zeigen sich kaum noch Spuren dieser Szenarien von Masse und Macht. Die Photographien sind zwar Tatort-Bilder. Aber es sind keine Dokumente mehr, die diese Epoche irgendwie gegenwärtig halten. Indirekt höchstens zeitigen Photos solche Wirkung, es bedarf dazu des Reflexionsabstands. Doch wie man es dreht: die Photos zeigen letztendlich eine andere Zeit, ein ganz anderes Szenario. Dieser Kontrast von einst und heute freilich ist ästhetisch, im Sinne der Photographie als Dokument, eine reizvolle Sache. Mancher Photokünstler legte über das Grauen eines Ereignisses die Portraits der Gegenwart. In direkter Weise im Hinblick auf den Atombombenabwurf auf Nagasaki (am 9.8. um 11 Uhr 2), photographierte diesen Schrecken Shomei Tomatsu: anschaulich zu machen, was noch zu sehen ist.

Ebenso die Landschaften des Ersten Weltkrieges an der Westfront, die Chloe Dewe Mathews knapp 100 Jahre später ablichtete. Neutrale Landschaftsbilder sehen wir. Digitales im Großformat. Ruhig, freundlich, friedlich heute, eine Natur, die sich ausbreitete, wo vor knapp 1916 Materialschlachten sich zutrugen. Prinzipiell könnte jede Landschaft ein Tatort und ein Kriegsort sein, an dem Grausames geschah, Menschen schlicht verreckten.

In anderer Form photographierte dieses Historische Eva Leitolf in ihrer Serie „Deutsche Bilder – eine Spurensuche in Rostock, Thale, Solingen und Bielefeld, 1992-94“. Ebenso die Tatorte der NSU-Morde, die Regina Schmeken gegenwärtig in der Ausstellung „Blutiger Boden. Die Tatorte des NSU“ in Berlin im Martin-Gropius-Bau zeigt. Die (notwendige) Banalität des Alltags legt sich über das grausame Ereignis. Diese Landstraße mit Landschaft, der Ort z.B., an dem Enver Şimşek mit nur 39 Jahren am 9.9.2000 in Nürnberg hingerichtet und ermordet wurde, wirkt im Bild beim Betrachten so harmlos. Heute. Aber dieses Phänomen des Verschlierens und Verwischens einerseits und der Phantasieaufsteigerung andererseits ist allen Tatort-Bildern gemeinsam, insbesondere wenn ein Einzelschicksal an dem Ort hängt, fachen diese Photographien unsere Imagination an. Das Grauen, das über der Szenerie schwebt und sich in die Photographie einfraß. Die Frage. Was war? Was trug sich zu? Ist dies bereits Voyeurismus, was wir da im Betrachten der Photographien betreiben oder ist es schon das Normale, das Nivellieren des Blickes?: Eben der Lauf der Zeit, daß sich Harmloses über den Schrecken eines Ereignisses wie einen Mord lagert.

Nürnberg 2013, unter der prallen Sonne des Sommers, nur im Schatten war diese Führung und Wanderung auszuhalten, die Weite dieses historischen Feldes ist die Weite eines Platzes, auf dem ein Jahrmarkt genausogut stattfinden könnte wie auch eine Oldtimershow oder ein Rockkonzert. Geschichte wird beliebig, historische Orte erhalten einen neuen Sinn. Nach dem Sieg der Alliierten über die Nazis machten die Amerikaner aus diesem Ort der Propaganda einen Flugplatz für ihre Versorgungsflugzeuge. Aus dem Beton wächst das Gras.

 

 

Über Bersarin

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47 Antworten zu „Gras auseinandergeschrieben“ – in Nürnberg, ein Akt des Photographierens vom Ereignis

  1. Dieter Kief schreibt:

    1) Bissl nigglisch: Ein Film ist keine Reinszenierung, es ist (immer) ein Film.

    2) Regina Schmekens NSU-Fotos sind Kitsch nach Art des „Prantlhausener Beobachters“ (der Ausdruck stammt von Don Alphonso, wenn mas recht is).

    3) Wenn man sich zurücklehnt,/ und den eigenen Worten zuhört, wie sie dröhnen im Kopf,/ dann möchte man sich die Ohren zustopfen/ wie ein Kind und am liebsten gar nichts mehr sagen,/ aber das wäre falsch
    (aus dem Kopf, also ein wenig windschief, aber nichtsdestotrotz – Enzensberger)

    4) „…forget („fergitt“) the dead you’ve left // They will not follow you/ (…)
    Yonder stands your orphan with his gun/
    And he’s crying like a fire in the sun/
    Look out kid- four saints are coming through/
    and it’s all over now, baby blue“

    (Auch windschief*)

    Bob Dylan – der auf dem Nürnberger ex- NS-Aufmarschfeld gesungen hat.
    Aber auch das ist ja schon wieder Geschichte…

    * is blowing in the …

  2. Bersarin schreibt:

    So wie sich Geschichte auch als Begriffsgeschichte und in der Konstellation ihrer Begriffe samt den Bedeutungen niederschlägt, so transformiert auch ein (Dokumentar-)Film historische Ereignisse. (Hollywoodfilme wie auch Guido Knopp-Dokumentationen nutzen gleichermaßen diese Transformationsprozesse. Genauso, von der anderen Seite her, Eisenstein.) Film macht zunächst für die Anschauung ein Ereignis wiederholbar. Sicherlich ist ein Film ein Film und nicht die Sache selbst. Aber das Medium ist bekanntlich die Massage und eben auch die Message. Was zugleich die Sache verändert, und so bläst der Wind durch die Geschichte, mal als laues Lüftchen, mal als Orkan oder als Sturm, der vom Paradiese her weht, wie Benjamin wußte. (Ob Dylan an diese Passage dachte und ob er sie kannte?)

    Was an den Photographien von Regina Schmeken ist für Sie konkret Kitsch? Könnten Sie das ausführen?

  3. Dieter Kief schreibt:

    Von denen Winden allen

    1) Dylans Wind kommt – wie der Benjamins – aus der Bibel. Zwei Bibelkundige. Aber in der Bibel wehen viele Winde – und Dylans ist mir erheblich lieber als der Benjamins, zumal Dylan den – wie soll ich sagen: Zupackenderen Windtyp thematisiert, und das liegt mir an sich schon mehr – aber das ist Geschmackssache.
    Wie hier schon gesagt – tausche jederzeit x Walter Benjamin gegen einen Kurt Tucholsky.

    Die blind herumfliegende Mücke – reinkarniert als Medienarbeiterin (=Arbeitsbiene) neueren Typs

    2) Kitsch ist künstlerisch drapierte Gefühligkeit. „Prantlhauser Beobachter“ halt. Schmeken realisiert die – (auch) gefühlsmäßige – SZ-Überwertigkeit, die das Neue-Länder Mord-Duo (ich lasse Zschäpe mal weg – noch ist nichts entschieden) unter dem Kürzel NSU dort (und nicht nur dort) erfährt, mit ihren ansonsten völlig leeren (=belanglosen) und daher langweiligen Fotos. Regina Schmeken ist – das nun auch noch gesagt, eine Fotogafin, die sehr wenig sieht. Das unterscheidet sie übrigens von Leni Riefenstahl. Von Riefenstahls Arbeiten kann man deshalb eine Menge lernen. Dass das jemals auf Schmekens Tatort-Fotos zutreffen wird, glaube ich nicht. Belanglose Alltagsszenen sind (und bleiben) belanglose Alltagsszenen. Sie kapiert nicht, was sie kann, und was sie (als Fotografin) nicht kann. Das fleissige Lieschen als „blindi Mugg“ (badisch- blinde Mücke).

    PS – Wenn immer ich über das o. a. Mörder-Duo nachdenke, habe ich ein Echo von Wolfram Schüttes Satz im Kopf, wonach der NSU-Prozess der wichtigste Prozess in Deutschland seit den Auschwitz-Prozessen sei. Zu meiner Entlastung sei gesagt, dass ich direkt nachdem Schütte diesen falschen Gedanken geäußert hatte, an ihn schrieb, dass er sich täusche.

  4. Bersarin schreibt:

    Mit Tucholsky kann ich wenig anfangen – liegt vielleicht daran, daß ich von Karl Kraus herkomme. Und insofern ziehe ich naturgemäß den Krausbewunderer Benjamin bei weitem dem Tucholsky vor. (Wobei Kraus wiederum gegenüber Benjamins Essay verhalten sich verhielt: „Ich hatte diese Arbeit, die sicherlich gut gemeint war und wohl auch gut gedacht ist, im wesentlichen nur entnehmen können, daß sie von mir handelt, daß der Autor manches von mir zu wissen scheint, was mir bisher unbekannt war, obschon ich es auch jetzt noch nicht klar erkenne, und ich kann bloß der Hoffnung Ausdruck geben, daß sie die andern Leser besser verstanden haben als ich. (Vielleicht ist es Psychoanalyse)“

    Was Regina Schmekens Photographien betrifft, kann ich Ihre Kritik nicht ganz nachvollziehen. Kitsch ist, wenn Gesinnung trieft, das ist richtig. Hier aber wurde ein Szenario inszeniert, das mit der Zeit als Faktor spielt. Es wurden Tatorte abgelichtet. Das Bild von Nürnberg ist schon eine gelungene Aufnahme. Keine Hochkunst der Photographie, das sicherlich nicht, und der Einsatz des starken Weitwinkels mindert zudem die Wirkung. Aber von der Idee doch nicht schlecht. Aber ich warte die Ausstellung ab und schaue mir die Bilder im Martin Gropius-Bau an, um genauer zu prüfen.

    Riefenstahl und Schmeken zu vergleichen, ist nicht zielführend, so wie man auch Ute und Werner Mahler und Riefenstahl sinnvoll nicht vergleichen kann, außer um zu sehen, daß alle vier völlig unterschiedlich arbeiten und photographisch andere Mittel und Methoden einsetzen.

    Den NSU-Prozeß halte ich schon für wichtig, frage mich aber, ob darin tatsächlich alles zum Vorschein kommen wird, was zum Vorschein und ans Licht kommen müßte. Die in Listen und Rankings einordnenden Gewichtungen halte ich für problematisch. Es hängt immer von den Kontexten ab. (Die Auschwitzprozesse sind zweifellos ein Meilenstein und wichtig gewesen.) Bei den NSU-Tätern würde ich persönlich von einem Trio sprechen, aber das wird am Ende ein Gericht feststellen, wieweit Zschäpe direkt oder indirekt an den Terrortaten bzw. den Morden beteiligt war.

  5. Dieter Kief schreibt:

    Ich habe gestern gebangt, ob ein Kommentar von mir bei der LARB freigeschaltet würde (er wurde sehr spät, dann doch), weil ich Steve Sailer (isteve blog auf unz.com und taki’s mag) mit Karl Kraus verglich und gegen die Alt-Right in Stellung brachte.

    Ich meine, sie hätten mir zugestimmt, als ich einen ähnlichen Gedanken über Tucholsky und Benjamin wie oben schon einmal hier artikulierte. Kraus‘ Reserve ist ja schon sehr deutlich – für Kraus-Kenner – – wie Sie! – – überdeutlich, no? – Da er die Psychoanalyse für Hokuspokus hält, ist dieser Verweis praktisch die letzte Stufe vor der offenen (verbalen, ok) Aggression.

    Meiner Meinung nach ist Leni Riefenstahl erheblich näher bei den Mahlers als bei Schmeken.
    Schlichter gesagt: Die Mahlers sehen besser als Schmeken, die nicht besonders gut (hin)sieht. Ihre Überlegungen zu Schmekens Weitwinkel-Einsatz teile ich – to say the least.

    Benns Idee des sozusagen genuinen Zugangs zum Wort, den man habe, und den man nicht lernen könne, geht mir noch durch den Kopf – wenn Regina Schmeken eine Autorin wäre, so würde ich sagen: Sie hat diesen genuinen Zugang nicht, den – ich stand letzte Woche vor der Siebgebirgsshilhoutte, deshalb fahre ich nun fort: – August Sander z. B. hatte. Und den Moriyama auch hat.

    (Kürzlich habe ich ein Bilanz-Interview mit dem – nach rund fünfzig Jahren im Tran – explizit drogenabstinenten Neil Young gesehen. Neil Young dreht den Benn-Gedanken (mit Blick auf Dylan, insbesondere) noch einen Zacken weiter: Man könne dieses Vermögen auch nicht kontrollieren, so man es habe – es – – wehe gleichsam – – durch einen hindurch.
    (Ich weiß nicht, ob man hier noch auf diskursfähigem Gebiet weilt, aber schön ist das jedenfalls, wie er das sagt (von Dylan gibt es ähnliche Aussagen))).

    Ah naja, diskursfähig, doch doch. Was Dylan und Young offenlegen, ist die Hippie-Version der Kreativität. Es gibt Leute, die auf dem Geländer des Zaunes das Gleichgewicht halten zwischen dieser warmen (Bloch) Hippie-Tradition und dem kalten produktionsästhetischen Rationalismus. Das wäre dann Benn durchaus – und, sage ich Enzenberger (und Rühmkorf) auch.

  6. Bersarin schreibt:

    Ich kenne Regina Schmekens Werk nicht gut genug. Das was ich sah: Nun ja, erst Liga der Photographie ist es sicherlich nicht, sie ist Reporterin und das merkt man ihrem Werk an. Insofern wäre es besser, wenn sie sich nicht zu sehr auf die Seite der Hippie-Tradition neigt, sondern mehr hin zum kalten Rationalismus zu schwenken. Ansonsten aber: Sure und d’accord – es gilt den Spagat zu schaffen, die Balance zu halten und austariert zu komponieren. Dionysisches und Apollinisches müssen im Lot sein, würde ich jetzt als alter Nietzsche-Leser (und passend zu Benn) sagen.

  7. ziggev schreibt:

    Oooch, mnja ! Nur noch die übliche Überrezeption Benjamins als solche zu rezeptieren ist ja nun auch nur noch n alter Hut. Nee,damit gebe ich mich nicht zufrieden. Gehen wir lieber zurück zu seinem Haschisch-Buch und gestehen wir uns ein, dass Niel Young, unbekifft, eine peinliche Witzfigur ist. Da wehen keine Winde, das ist eher Atem(oder Geist und Synonyme)-Apnoe, weil ohne Tradition, also Geschichte, letztlich Charlie Parker, auch die Pop-Musik nicht funktioniert.

    Und popmusikgeschichtlich sind nun mal Deep Purple bedeutsamer, die da (i. d. 80ern?) gespielt haben. Wenn die sich heute (mit dem überhaupt gar nicht verächtlichen Steve Morse an der Git) noch kopieren, dann kopieren sie nicht ein Image (Young hielt sich schon i.d. 70ern vollbekifft für die Zukunft), nein, mit Ian Paste an den Drumms wird das wirklich Ton-für-Ton nachgespielt.

    Es gibt eine pop- nein, ich möchte sagen – pop-musikalische Realgeschichte, weshalb Deep Purple so wichtig ist. Aber das werde ich euch mal an längeren Herbst- und Winterabenden einmal erklären.

  8. Dieter Kief schreibt:

    @Bersarin
    Die ging mir gestern dauernd durch den Kopf, als ich Ihnen antwortete: Die Reporterin Barbara Klemm. Erste Liga. Keinerlei Schwäche für Gedankenkunst. Dann ist mir gestern noch eingefallen, dass ich ihr letztes Jahr in ihrer Geburtsstadt Karlsruhe in ihrer grandiosen Ausstellung im ZKM zufällig (= an einem ganz normalen Sonntagnachmittag) begegnet bin, ihr aber nichts gesagt habe. Das kam mir jetzt ein bisschen träge vor.

    @ Ziggev

    Die Geschmäcker sind sind vergänglich; aber die Kunst dauert, und die Gedanken, die Künstler äußern, beziehen sich nicht notwendigerweise auf ihr Werk allein.

    PS
    Gerhard Henschels „Arbeiterroman“ ist interessant und gedankenreich.

  9. Bersarin schreibt:

    Na ja, ziggev, für gewisse Aspekte, etwa das Verhältnis von Politik, Ästhetik, Technik und Geschichte, ist Benjamin ein Standard. Das dispensiert natürlich nicht, sich ebenfalls mit dem Flaneuer und Beobachter Benjamin auseinanderzusetzen, der auch die (mystischen) Drogenerfahrungen in sein Denken hob. Zwei Pole also, die sich bei ihm durchdringen. Ob dialektisch oder eher in einer wilden Melange, sei dahingestellt.

    Ich bin überhaupt kein Fan von Deep Purple, im Gegenteil. Aber bei Deep Purple fällt mir der Film „23“ ein: wenn im Auftakt des Filmes „Sweet Child in Time“ erklingt und dazu die Bilder aus Brockdorf, die Kämpfe dieser Zeit in den frühen 80er Jahren. Da passen Musik und Bild und Szenerie gut ineinander und diese Musik bringt geradezu genial den Geist dieser Zeit zum Ausdruck. (Auf eine unterhaltsame Weise, nicht dumm, aber auch nicht überambitioniert elaboriert.)

    @ Dieter Kief: Ja, auf alle Fälle. Der Hinweis aus Barbara Klemm ist gut! Große Photographie! (Zur Schmeken-Ausstellung schreibe ich halt noch was.)

  10. ziggev schreibt:

    bin ja nicht gerade ein fan, kenne mich aber hinreichend aus in der causa Deep Purple. Also kein Fan im herkömmlichen Sinne, ich meine, ich gehe nicht soweit wie einige meiner Freunde, die jeden Schlagzeugwirbel von Ian Paste auswendig können oder jedes Solo von Richie Blackmore – d.h. spielen können. Niemand verlangt, dass jeder, der Proust lesen kann, auch so schreiben kann, wie Proust. Aber all solche Gemeinplätze haben mich nie davon abgehalten, fast alle Breaks von Deep Purple zu kennen. Einfach aus Gewissenhaftigkeit und aus Ehrfurcht vor der Geschichte der Pop-Musik, Hausaufgeben müssen einfach erledigt worden sein.

    Nicht unerwähnt wollte ich aber mein Erstaunen lassen: es ist ja eigentlich rührend, wie Du „Sweet Child in Times“ nochmal erwähnst. Unter Rock-Kennern gilt es als die Ur-Sünde, als der Peinlichste (pseudo-Dylan) Fehltritt der Rockgescichte. Aber irgendwie versöhnt es mich mit Benjamin, dass Du diesbetreffs dergestalt ahnungslos bist.

  11. Bersarin schreibt:

    „Smoke on the water“ und „Hotel California“ ist auf jeden Fall besser. (Nein, war ein Scherz, ich kenne Deep Purple eigentlich nicht. Man sagt, sie machten Musik.)

  12. Dieses Cover ist besser als das Original

  13. ziggev schreibt:

    @ El_Mocho: finde ich nicht. Nicht simplizistisch, pur genug Purple ist da einfach konsequenter. –
    Abgesehen davon, dass man fragen kann, ob das Original immer noch dieselbe Band ist, wenn wir uns die Besetzung anschauen (mit Ian Paste?). Typisch allerdings wieder der Fünfvierteltakt im Riff. Hier nicht bloße Spielerei, sondern stimmig komponiert.

    Im Übrigen ist Deep Purple aus verschiedenen Gründen interessant, ich meine nicht lediglich die Tatsache, dass die Heronymus Bosch für ihr erstes (eigentlich zweites oder drittes) Plattencover auswählten; oder dass gerade auf dieser LP etwa die Einflüsse aus der Klassik deutlich hörbar sind (das Netz ist voll von Analysen der Verwendung von barocken Komposittionstechniken bei Deep Purple). Oder dass die erste Schallplattenaufnahme von „Hey Joe“, dem berühmten Jimi Hendrix-Titel, von Deep Purple stammt

    Stilistisch müssen wir zunächst sehen, dass Richie Blackmore weit davon entfernt ist, sich nach afroamerikaneischem Blues-Idiom zu orientieren. Nicht dass er daraus als Solist viel gemacht hätte, nein, aber im Gesamtkonzept geht die Rechnung schon ganz gut auf. Wie gesagt, wir müssen bei Deep Purple immer die Komposition im Blick behalten. Insofern ist es ja eigentlich kein Pop im strengen Sinne. Und um hörbare Gitarrensoli zu finden, die sich nicht am genannten Idiom orientieren, diesem gerecht werden – oder letztlich von Deep Purple herstammen, muss man schon lange suchen. Aber Deep Purple ist ja eigentlich nicht Pop. Was viele immer nicht verstehen: Pop ist – eigentlich war – ebenso wie Jazz ein Stil.

    Deep Purple waren die ersten – ebenso konsequent wie die frühen Pink Floyd mit ihren Stockhausen-Anleihen -, die ein besonderes der musikalischen Parameter, hier die Dynamik, bewusst als Mittel auf bestimmte Weise gesondert von den anderen und gezielt einsetzten: Die Lautstärke! An diesem Punkt sogar ein Vorläufer von den Einstürzenden Neubauten, Industrial usw. Ein gewisser Kult um Verstärkeranlagen usw. Die beste Studio-LP „Machine Head“. Wirklich ganz unverspielt daran herangehen: was hole ich aus der Maschine raus? DP waren die ersten, die die Bühne mit Verstärkertürmen und all dem vollgestellt haben. Pete Townshed von The Who hatte schon ganz recht, die Verstärker auf der Bühne zu zertrümmern ! Wir machen jetzt mal richtig laut, mal sehen, wie das Publikum reagiert ! Und bei all dem Lärm hat es auch keinen Sinn mehr, die elegantesten Kapriziösen des besten Rolling Stones-Gitarristen nachzumachen. Und dadurch ergibt sich auch das besondere Zusammenspiel von Bass und Schlagzeug. Wenn es nur um Druck geht, muss ich einfach anders spielen. Wir können hier sogar einen Vorläufer vom Techno sehen. Desweiteren ist DP fast die einzige Rock-Band, deren Schlagzeuger einen gewissen Rum erlangte. Ian Paste setzte dann intelligent die Pause ein. Das finden wir nirgends in der gesamten Pop- und Rockgeschichte – sofern sich dieses Mittel nicht letztlich dem Blues-Idiom verdankt. Gegenbeweis: Led Zepplin kamen in ziemliche Schwierigkeiten, als sie,besonders live, beide Elemente, einerseits Blues-Virtuosität, andererseits die pure Lautstärke versuchten, miteinander zu verbinden.

    Wir nehmen das als normales Stilmittel so hin: Lautstärke, besonders in den Bässen. Massenkonzerte, Riesenhallen. Deep Purple waren die ersten, die es ganz bewusst einsetzten. Deren Auftritt auf dem „Zeppelinfeld“ würde ich also weniger in Metaphern des Windes interpretieren, sondern eher in solchen der Lautstärke, des Drucks. Lautstärke setzt bestimmte psychische Affekte in Gang, Deep Purple waren die ersten, die ganz bewusst und absichtlich damit experimentierten. Und wenn Michael Jackson Van Halen für ein Gitarrensolo mit all den Bach-Arpeggios einsetzt, dann geht das letztlich auf das Wirken von John Lord und Richie Blackmore zurück. Hier geht es wirklich nicht um Fansein oder Geschmackfragen, wenn wir einen bestimmten späten Stil der „Pop“-Musik verstehen wollen.

  14. ziggev schreibt:

    PS: @ El_Mocho: und dann im Refrain noch mal ein Siebenviertel- oder Fünfvierteltakt.

  15. Ich bin eigentlich kein besonderer Fan von Deep Purple; als Schüler war meine Lieblingsband Pink Floyd. Führe das nur an weil es von Dream Theater gespielt wird, meiner aktuellen Lieblingsband dieser Richtung. Besonders der Sänger James Labrie ist aus meiner Sicht ein großer Künstler.

    Kennt jemand „Sexual Personae“ von Camille Paglia?

    https://en.wikipedia.org/wiki/Sexual_Personae

    Recht interessante Sichtweise auf Ästhetik.

    „Paglia argues that Christianity did not destroy paganism, which flourishes in art, eroticism, astrology, and popular culture. She examines antiquity, the Renaissance, and Romanticism from the late eighteenth century to 1900, contending that „Romanticism turns almost immediately into Decadence.“ She believes that the „amorality, aggression, sadism, voyeurism, and pornography in great art have been ignored or glossed over by most academic critics“ and that sex and nature are „brutal pagan forces.“ She also stresses the truth in sexual stereotypes and the biological basis of sexual difference, noting that her stance is „sure to cause controversy.“ Paglia sees the mother as an overwhelming force who condemns men to lifelong sexual anxiety, from which they fleetingly escape through rationalism and physical achievement. Portraying Western culture as a struggle between phallic, sky-religion on the one hand, and chthonic, earth-religion on the other, Paglia draws on the Greco-Roman polarity between the Apollonian and Dionysian. She associates Apollo with order, structure, and symmetry, and Dionysus with chaos, disorder, and nature. She analyzes literature and art from the premise that the primary conflict in Western culture has always been between these forces. In her view, the major patterns of continuity in western culture find their origin in paganism. Other sources of continuity include androgyny, sadism, and the aggressive „western eye,“ which seeks to refine and dominate nature’s ceaseless hostility and thus has created our art and cinema.“

    Sie sieht also eine heidnische, „dionysische“ Strömung in der westlichen Kultur, die nie ganz verschwunden ist und sich heute ausdrückt besonders in Rockmusik und Pornografie.
    Scheint mir plausibel.

  16. Dieter Kief schreibt:

    @ El Mocho
    Camille Paglia ist die Wildsau im akademischen Kleintiergehege. Daher würde sie auch bei Google mit Sicherheit rausgeschmissen!
    Und ja – sie ist produktiv und interessant. Z. B. ihre Kleist-Lektüre!

    PS – – an alle – –
    Die gesamte Rockwelt – einschließlich „Deep Purple“, hehe – lebt ebenfalls von biologischen Unterschieden – und ist nicht ganz zufällig männlich beherrscht. In der FAZ heute heißt das wieder: Sexismus! Es ist schon eine enorme Komödie das alles. Wo ist der Heinarich (M R-R) Heine unserer Tage, der das aufschreibt?! – Ok in den USA sehe ich einen: Steve Sailer – auf unz.com (kleine Bemerkung am Rande – schon seit Jahren sorgt Google dafür, dass sein Blog auf unz.com nicht direkt verlinkt wird. Doof sind sie nicht. Sailer, ganz Gentleman, sprach das gerade wieder an, sagte dann aber: Ok – es ist deren Suchmaschine, ich will mich nicht beklagen.

    PPS
    Dieser aisthesis blog hier, fällt mir mal wieder ein, ist ja auch so eine männerdominierte Angelegenheit. Wo stickt (Goethe?!) eingentlich die aithesis-Gender-Beauftragte, die diesem Umstand mal endlich abhilft?!

  17. ziggev schreibt:

    nicht uninteressante Exkurse hier. Zunächst möchte ich festhalten, dass Dream Theater meine These bestätigen, dass es hier um eine Stilrichtung geht, die zuerst mit Lautstärke arbeitet. Um Lautstärke zu organisieren, kommt fast notwendig derartiges bei heraus. DP hat damit angefangen.

    Aber weiter: ich bin kein Anhänger von Neu-Heidentum oder dergleichen Abirrungen. Kierkegaards Verzweiflung ist mir da immer noch näher. Aber wenn wir schon – worauf mir ein Teil der Diskussion hinauszulaufen scheint – bei HR Giga sind, so scheint sich – scheint – tatsächlich die Frage nach einer ästhetisch-philosophischen Durchdringung des Phänomens dieser abscheulichen Heavy-Metal Richtung mit absichtlicher Schock-Wirkung und (paganer) Kokettiererei mit dem Bösen zu stellen. Paglia scheint mir hier etwas zu offensichtlich auf der Klaviatur der angeblichen Bosheitsvergessenheit des Abendlandes und der nicht gelingenden Theodizee zu spielen. Die Auskunft, ja, ich habe Nietzsche gelesen, ist noch nie über die Maßen aufregend gewesen (auch wenn sich das für den oder die Auskunft gebenden anders anfühlen mag).

    Und hier mag ich DP wegen ihrer Unschuld. Ein einziges gewaltsames Stilmittel, die Lautstärke, zum obersten Prinzip einer ganzen Stilrichtung zu erheben, ist gewissermaßen ein Werk des Teufels. Die sich daraus ergebende immer weiter aufsplitternde Zergliederung in Sub-Sparten ist nur ein Zeichen dafür. Das Oberste wird zum Untersten und umgekehrt. All das ist nur möglich, wenn nicht erkannt wird, dass Pop tatsächlich ein musikalisches Phänomen ist (oder war).

    Es ist die Hybris, gegen Gott (=Pop) oder jedenfalls ohne Gott einen Homunkulus eigener Schöpfung in Form eines Stils in die Welt zu setzen. Diese Irrationalität kann selbstverständlich nur durch eine weitere (einer weitere Sub-Sparte), durchs Mehrdesselben gerechtfertigt werden. (Genau die teuflisch beabsichtigte Abirrung.) Ich spreche nicht von einer nicht gelingenden Theodizee, sondern vom Verrat am Pop. Nur dadurch sind einige ästhetische Fehlleistungen erklärlich (z.B. letztlich Liedformen im Heavy Metal zu benutzen).

    Also: Um diese Abirrungen, diese Kokettiererei mit dem Bösen zu verstehen, brauchen wir tatsächlich eine Metaphysik des Bösen. Die lässt sich aber leicht haben. Denn es handelt sich einfach um eine Umkehrung des Gottesbegriffs. Oder genauer: des attributiven Begriffs des Guten. „Ich (Gott) bin das Gute.“ Bei Jesus noch metaphorisch gut gemeint und meine volle Zustimmung erntend, „ich bin der Weg, die Wahrheit“, so in etwa. Aus der Umkehrung dieses logischen Fehlers leitet sich nun aber die Idee der Verkörperung des Bösen ab. Welche Verlockung nun für alle, die Kierkegaard nicht gelesen haben, selber solche „Verkörperungen“ zu schaffen in der Lage zu sein ! Traurig verfehlte Existenzen, wir denken auch an Sartre.

    Daher, aus einem einfachen logischen Fehler, leitet sich die Sicherlichkeit des Satanismus her. Und hier finden wir vielleicht auch den umso erschreckenderen tieferen Sinn von Ahrends „Banalität des Bösen“. Dabei wusste bereits der Schopenhauer-Schüler W. Busch: „Das Gute, dieser Satz steht fest, ist stets das Böse, wenn man´s läßt.“

    @ Dieter Kief: Wir finden aber auch die Effimination von männlichen Gesagsstimmen im Falsett, und das fast ausschließlich im Hard Rock-Bereich. Die unvermeidlichen langen Haare … ich wäre da vorsichtig.

  18. Bersarin schreibt:

    In Parallele zu Walter Benjamin schreibe ich sogut wie nichts über Musik, zumindest nicht, wenn es um die Töne geht. Denn ich habe von diesem Medium schlicht keine Ahnung. Allerdings differenziere ich zwischen E- und U-Musik, kann dies freilich nicht musikästhetisch begründen, sondern eher bin ich an der sozialen Funktion von Musik interessiert. (Solche Differenzierung freilich heißt nicht, daß es keine fließenden Übergänge gibt. Die gesellschaftliche Dimension des Phänomens „Pop“ ist zudem nicht gering anzusetzen. Hierzu sei unbedingt Diedrich Diederichsen „Über Pop-Musik“ ans Herz gelegt.

    Die Sache mit dem Dionysischen ist nochmal ein Aspekt für sich. Ich bin im Rahmen von Popmusik dahingehend nur skeptisch und halte es für ein Produkt der Kulturindustrie, herabgesunkener, handhabbar gemachter Exzeß. Ein sozusagen entzaubert Dionysisches, als eine Art Tranquilizer. Aber das eben ist exakt das Gegenteil des Dionysischen. Da halte ich mich dann lieber an die griechische Antike. (Wobei ich nichts gegen diese Art von Pop und Musik sagen will. Aber sie gehört für mich doch wesentlich der Sphäre der Unterhaltung an, durchaus gelungen, und es gibt Stücke, die handwerklich brillant sein mögen. Aber darüber, wie geschrieben, kann ich inhaltlich nicht viel schreiben, da ich kein Musikästhetiker bin.

    @ Dieter Kief: ja wenig Frauen hier, leider. Früher schrieb hier ab und zu noch die Frau Wunder. Weshalb der Anteil der Frauen beim Kommentieren und Mitdenken so gering ist, darüber kann man nur spekulieren. Ein Aspekt ist sicherlich auch der, daß die wilden, großen Zeiten des Bloggens vorbei sind. Der Betrieb ist professioneller geworden, es sind sehr viel mehr Blogger am Start. Aber dennoch: eine Genderbeauftragte wird hier ganz sicher keinen Einzug halten.

    Von Sailor kenne ich aus meiner Kindheit nur “Girls Girls Girls“ aus dem Jahre 1976. Bei dem Lied muß ich immer an Mona, die Klassenschönste, denken.

  19. ziggev schreibt:

    PS Autokorrektur-Fehler: die Lächerlichkeit des Satanismus, sorry for that.

  20. Bersarin schreibt:

    Mein Feminismus geht so:

    Eine der besten deutschen Bands!

    Das Böse, tja, tja, das ist so eine Sache. Ich finde es meist lesend und steigere es dann auf. Aber in diesen Dingen geht es mir eh um die ästhetizistische Existenz im Grandhotel Abgrund. Baudelaire und Nietzsche. Und gerne auch was aus den finsteren Zeiten: Celine, Malaparte.

    Merkwürdigerweise mag ich übrigens, obwohl sonst kein Freund der Hippies, Jefferson Airplane, was vermutlich an der Sängerin liegt. So in etwa:

    Oder „White Rabbit“.

  21. @ziggev: Dream Theater können auch leise: https://www.youtube.com/watch?v=vOYjhbG_c2k

    Schöner Text übrigens.

    Stimmt schon, dass Rock (zuimndest der härteren Sorte) häufig mit demonstrativ präsentierter heterosexueller Männlichkeit einher geht. Es gibt in diesem Zusammenhang den Begriff „Rockism“.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Rockismus

    ich denke allerdings eher, dass es da den einschlägig Verdächtigen nicht passt, wenn weiße, heterosexuelle Männer (die i.d.R auch keine Intellektuellen sind) eine positive Identität und ein positives Selbstbild ausbilden.

  22. ziggev schreibt:

    Song-Beispiel 1: absolut durchgefallen. Zuerst kriegen sie sehr stimmig das Idiom des Originals (afroamerikanierscher Blues) für eine deutsche Band der Zeit bemerkenswert gut hin, alles stimmt, dann wird es schwächer, bevor der Gesang einsetzt, der sich auch als eine absolute Katastrophe herausstellt. Hier stimmt nichts mehr. Das zunächst stimmige Intro wird zum Plakathintergrund für ein musikalisch unterirdischen egogetriebenen Selbtunterbietungswettberwerb. Also: die Band fängt hoffnungsvoll an, hier sogar sehr gute Ansätze, sobald jedoch der Gesang droht einzusetzen oder wenn die Gesangsstimme endlich da ist, gerät alles musikalisch aus dem Ruder. Dasselbe peinliche Phänomen auch bei den eher frühen Tocotronic zu beobachten. Die Band schrammelt höchst anständig so vor sich hin, aber wenn der Gesang einsetzt, stimmt nicht mal mehr rudimentär das Timing. So gern ich ja den hochschätzenden Urteilen über Tocotronic zustimmen würde, musikalisch, also stilistisch und technisch, ist das ein Schrotthaufen zum weglaugen mit Potenzial für unvergessliche Alpträume.

    Song Beispiel 2 Ok., Jefferson Airplaine sind hier absolut magisch, keine Ahnung, warum. Es muss an dieser unterkühlten Stimme liegen, die einen wunderbaren Kontrapunkt zu dem – hier allerdings sehr stimmig im eigenen noch sehr jungen – Hippie-Idiom, das sich letztlich vom R&B herleitet, bildet. In der Tat, hier müssen Dichter her, oder Schriftstellerinnen, um dieses Phänomen zu beschreiben. Großes Lob für die Band; ohne taugliche Begleitung wäre diese Dominafunktion des weiblichen Gesangs ja gar nicht denkbar. Unerreicht, einzigartig. Fin de Siècle, Dekadenz, vielleicht kommen wir hier weiter.

    Im Übrigen bezweifle ich, dass wir die „gesellschaftliche Dimension des Phänomens ‚Pop'“ angemessen beschreiben können, wenn wir von vorneherein unfähig sind, dieses Phänomen aus seiner Eigengesetzlichkeit auch nur ansatzweise analysieren zu können, vielleicht zu verstehen oder auch nur in Ansätzen zutrefend zu beschreiben. Für D. Dietrichsen beginnt Pop mit dem Datum 1982. Das ist genau das Datum, mit ein paar Ausnahmen in der NDW und in England, genau zu Zeitpunkt an dem für D.D. die Popmusik beginnt, genau da ist sie gestorben.

    Ich wehre mich weiterhin vehement gegen diese Geschichtsfälschung aus einer deutschen Gesichtskreisverengung heraus.

  23. Bersarin schreibt:

    Ziggev, das ist Rockmusik als eine Art Pastiche und Patchwork. In diesem Sinne postmoderne Musik. Der Gesang ist das beste an dem Stück. Denn es geht ja um den Text und den Bruch zur Musik. Ansonsten würde nicht gesungen werden. Und weshalb sonst sollte eine Deutsche Band bloßen Negerblues machen? Gut, wegen der GIs in der BRD damals, deshalb auch ein Cover-Lied wie „I Wish I Could sprechen sie Deutsch“.

    Beim Pop muß man immer die Musik-Text-Schere bzw. -kombination mitlesen, sonst funktioniert es nicht.

  24. Bersarin schreibt:

    „Für D. Dietrichsen beginnt Pop mit dem Datum 1982.“ Wie kommst Du bitte darauf?

  25. Bersarin schreibt:

    Zudem, ziggev, kommt es doch beim Pop gerade nicht auf die Perfektion der Musik bzw. des Gesangs an, sondern ebenso auf die Performance. Wer hier rein mit dem Können argumentiert, verfehlt den Pop. Und mal ehrlich: Ist es bei Elvis den so viel anders, wenn der Gesang einsetzt?

  26. che2001 schreibt:

    Mal zurück zum Ausgangsposting: An den Worten Hitlers wird einmal deutlich, durch welche zeitläuftigen Ereignisse, bei allem frühzeit-mythologischen, Tolkien inspiriert war, als er Sauron erschuf.

    BtW:@“Dieser Kontrast von einst und heute freilich ist ästhetisch, im Sinne der Photographie als Dokument, eine reizvolle Sache. Mancher Photokünstler legte über das Grauen eines Ereignisses die Portraits der Gegenwart. In direkter Weise im Hinblick auf den Atombombenabwurf auf Nagasaki (am 9.8. um 11 Uhr 2), photographierte diesen Schrecken Shomei Tomatsu: anschaulich zu machen, was noch zu sehen ist.

    Ebenso die Landschaften des Ersten Weltkrieges an der Westfront, die Chloe Dewe Mathews knapp 100 Jahre später ablichtete. Neutrale Landschaftsbilder sehen wir. Digitales im Großformat. Ruhig, freundlich, friedlich heute, eine Natur, die sich ausbreitete, wo vor knapp 1916 Materialschlachten sich zutrugen.“ Das ist nicht anders, wenn man in Tunis das Gebiet des früheren Karthago besucht, nach Charkiw oder Kursk kommt oder aber die Stätte der jahrtausendealten Stadt Merw in Turkmenistan besucht, heute ein touristisches Ziel: Da wurde unter dem Dschingiskhaniden Tolui Khan eine Stadt komplett ausgelöscht. Er ritt mit dem blanken Säbel in der Hand vor die größte Moschee der Stadt, in der Tausende Betende versammelt waren und rief: „Ich schenke euch diese Stadt! Nehmt sie euch!“

    Und sah dann auf einem goldenen Thron sitzend zu, wie die komplette Bevölkerung enthauptet wurde, die Schädel sauber nach Männern, Frauen und Kindern getrennt zu drei Pyramiden aufgetürmt wurden. Die Mongolen waren so gründlich dass sie, nachdem sie mit den Menschen fertig waren, Jagd auf Hunde und Katzen machten. Und kamen noch dreimal wieder, um Jagd auf die Überlebenden zu machen, die sich in den Kellern verkrochen hatten. In Buchara leitete man zu diesem Zweck den Amudarya um, um in den Fundamenten die Verkrochenen zu ersäufen. Toluis Bruder Hülägü Khan ließ in Bagdad die größte Bibliothek der damaligen Welt plündern und die Manuskripte in den Tigris werfen,. Schädelpyramiden gab es auch hier. Ein vergessenes Kapitel der Geschichte.

  27. Bersarin schreibt:

    Natürlich kann man das auch an und mit anderen Gebieten machen. Nur stellt sich dieses Vorher-Danach nicht bei jedem Ort gleichermaßen ein: Was für viele Orte fehlt, ist der identitätsstiftende Bezug. Tunis und Karthago sind mir im Grunde nicht näher als Saurons Reich oder Mittelerde oder irgendeine Provinz in Indien, wo die Menschen aufeinander einschlugen. Und auch wenn man Geschichte als eine Kette von Begebenheiten sieht,die auf die Gegenwart weist, was ja bei der Antike des Mittelmeerraums durchaus angebracht ist, liegt jener Fall von Karthago doch zu weit zurück. Gleiches gilt für Bagdad: zu fern, zu fremd. in Relation dazu stellt sich diese Korrespondenz zwischen einst und heute selbst bei den Schlachtfeldern des Dreißigjährigen Krieges eher ein. Denn es ist unser Kulturraum, der hier ästhetisch und imaginativ bespielt wird. Und dieses Ereignis berührt bis heute die europäische und speziell die deutsche Geschichte besonders. Man muß schon ein ausgemachter Antiken-Kenner sein, um zu Karthago noch Beziehungen zu setzen. Andererseits ist das natürlich eine Frage der persönlichen Besetzungen. Ein Althistoriker oder ein Orientalist geht da vermutlich anders heran als ein normaler Betrachter.

    Hinzu kommt bei solchen Korrespondenzen der Aspekt des Kulturraums, und in diesem Sinne greift auch die Frage nach der kulturellen Identität. (Womit wir zugleich bei der Flüchtlingsfrage sind und weshalb Flucht und Vertreibung oft schlimme Folgen zeitigen. Es bricht nämlich die eigene Kultur und damit auch der Referenzrahmen weg. Selbst Adorno mußte diese Erfahrung von Leere und Abgeschittensein in den USA machen.)

    Klar kann man, wenn man mit Kraft zur historischen Imagination begabt ist, diese Korrespondenz qua ästhetischem Bewußtsein evozieren. Andererseits kann dies selbst bei dem größten Liebhaber schieflaufen. Etwa bei Heidegger und der griechischen Antike. Als dieser in den 50er Jahren das moderne Griechenland bereiste, stellte sich trotz innerer Nähe zur (freilich nur noch geistigen) Antike nicht das gewünschte Erlebnis ein. Der Abstand in der Zeit war zu groß. Beim ersten Weltkrieg ist dies anders.

  28. che2001 schreibt:

    Nun ja, ich bin Historiker, und ich war im Nahen Osten. Mir ist Bagdad tatsächlich näher als Auschwitz, und ich vergleiche US-Präsidenten mit römischen Kaisern und die Karrieren heutiger PolitikerInnen mit dem cursus honoribus. Es gibt für mich auch nicht „unseren“ Kulturraum. Bzw. gehört dazu sagen wir mal die Welt westlich des Indus und nördlich der Sahara.

  29. che2001 schreibt:

    Nationalistisch blökende Sachsen-Anhaltiner sind für mich weiter weg als so manche Demonstrierende vom Tahrir-Square in Kairo.

  30. Bersarin schreibt:

    Vergleichen kann man vieles. Ich bin Philosoph, insofern sind Ferne, Fremde und Nahes mein täglich Geschäft. Aber wenn ich an den Rhein, Elbe und Weser denke, dann stellen sich bei mir andere Assoziationen ein als bei Euphrat und Tigris. In diesem Sinne bin ich wohl Nationalbolschewik. Das Problem der Linken, mit Heidegger gedacht: der freie Gebrauch des Eigenen. Man sollte, um die Fremde zu schätzen, zur Herkunft ein Verhältnis haben und es zu denken verstehen. Und das geht durchaus, ohne in tumben Nationalismus zu verfallen. Aber das ist ein weites Feld.

  31. ziggev schreibt:

    hallo ihr beiden ! jetzt grübelte ich die ganze Nacht darüber, wie ich möglichst etw. zurückrudernd, zugleich höflich-bestimmt, erklären könnte, dass es eben nicht eine Leichte Sache ist, einen neuen Stil mal so eben aus dem Boden zu stampfen, weshalb natürlich einige Fehlleistungen im deutschen Punk, NDW und Hamburger Schule nicht nur verzeihlich, sondern sogar begrüßenswert sind.

    Und jetzt äußerst sich Che zum eigentlichen Thema … Dazu nur einige wenig auf Wichtigkeit wertlegende Bemerkungen: (@che) Muss ich jetzt wirklich Tolkien kennen, um Hitlers Reden zu interpretieren? Ich pflege zwar eine große Sympathie für Nerds wie Shaldon Cooper und Typen dieses Schlags, aber gerade weil tolkiensche beabsichtigte oder unbeabsichtige Anspielungen auf die bewusste, jüngere deutsche Geschichte verdunkelt bleiben, es sei denn eins beschäftigt sich sehr intensiv mit Tolkien, der immerhin, wie ich lernte, auf den Inseln eine gewisse Wertschätzung genießt, habe ich es immer abgelehnt, mich mit ihm näher zu beschäftigen. Sobald da irgendwas ist mit Heldentum, Krieg usw., bedeutet das für mich das Ende der Beschäftigung. Star Wars? – Njente! Star Treck Voyager – vielleicht interessant, um die US-amerikanische, militaristische Machtideologie zu studieren … Das ist für mich eine Frage der seelischen Hygiene, sowas einfach zu lassen.

    Natürlich können wir zurück zu den Inseln gehen! Z.B. können wir in Anthony Powells „A Dance to the Musik of Time“ (würde ich empfehlen) einen Eindruck davon gewinnen, welche Rolle WW I & WW II im britischen Bewusstsein gespielt haben, Heldentum nicht ausgeschlossen, und immerhin waren das die Sieger. Und zu der dort seit einigen Jahrzehnten stattfindenden „Rückbesinnung“ auf keltische Traditionen (Crowley eingeschlossen).

    Ich brauch aber hier niemandem zu erklären, weshalb (Nazi-Okkultismus usw.) mir das alles suspekt ist. Natürlich haben die Briten jedes Recht, ein bisschen auf Kelten zu machen. Meine Befürchtung ist allerdings, dass sich da aus deutscher Perspektive, für Leute, die nicht gerade nen Doctor in Geschichte haben, sehr schnell Perspektivenverzerrungen ergebe könnten. Keltische Einflüsse im Bereich des Deutschlands der heutigen Grenzen finden sich übrigens hauptsächlich im „Stammesgebiet“ der Bayern, die sich nicht minder fröhlich mit den Hunnen vermischten. Es ist also nur entschiedenst vor keltischer Appropriation, vermeidlichem Neu-Heidentum und dergl. zu warnen.

  32. ziggev schreibt:

    @ ach, und bersarin: „Man sollte, um die Fremde zu schätzen, zur Herkunft ein Verhältnis haben und es zu denken verstehen.“ Falsch. Nur wenn ich die Forderung aufstelle, „zur Herkunft ein Verhältnis zu haben“ und dazu noch es „zu denken und zu verstehen“ – dazu also noch eine maximal-schwammige Aufforderung, die geradezu nach einer Autorität, die diese legitimiert, schreit – nur dann kann ich in dieser Denkfigur das „Andere“ konstruieren. Der Gebrauch des Eigenen, der es nötig hat, den Linken hier mangelnden Patriotismus vorzuwerfen, ist hier bedauerlicherweise alles andere als frei.

  33. che2001 schreibt:

    Das Problem ist, dass mir bestimmte fremde Regionen nicht fremd sind. Aufgrund der Dinge die ich dort erlebt habe empfinde ich bei bestimmten Alpenregionen aber auch beim Duft ägyptischen Tees oder bei bestimmten Winkeln von Kairo ein Vertrautheitsgefühl das Heimatgefühlen zumindest ähnlich ist. Es gibt hingegen durchaus Gegenden Deutschlands, da, wo die männliche Jugend kahlköpfig einhergeht, die für mich Feindesland sind. Und grundsätzlich sehe ich mich als Weltbürger. Nicht nur Internationalist sondern auch Kosmopolit, um da zwei alte Gegensätze miteinander zu versöhnen.

  34. che2001 schreibt:

    Nationalbolschewik bin ich in einem ganz anderen Sinne, in der Zielausrichtung auf ein neutrales und blockfreies Deutschland. Raus aus der NATO, rein ins Vergnügen, keine fremden Truppen in Deutschland, keine deutschen Truppen im Ausland.

  35. Bersarin schreibt:

    Was Esoterik betrifft, so ist mir dies in gesellschaftlich-sozialen Aspekten fremd. Interessant lediglich ist die soziale Funktion des Esoterischen. Die herabgesunkenen Formen von Keltentum und ähnlichem, wie sie auf Mittelaltermärkten und bei sonstigem Brimborium unterschiedlichster Colour zum Tragen kommt, ist mir mehr als suspekt. Wie sinnvoll es ist, auf Kelte oder Germane zu machen, muß man selbst entscheiden. Im Sinne der Kultur war der Einfall der Römer für beide Völker ganz sicher ein gewaltiger Fortschritt. Als eine Art ästhetisches Spiel der Kulturindustrie sind Filme wie „Herr der Ringe“, „Star Wars“ oder die zahlreichen Western naturgemäß bedeutsam. Auch hierprägt übrigens die Kultur das Bewußtsein. Erst langsam etablieren sich mediale Gegenkulturen wie Bollywood oder spezifisch asiatisches oder arabisches Kino. (Sofern dort noch Bilder erlaubt sind und nicht auch die Kunst unter die Burka gezwängt und unsichtbar gemacht wird, wie schon die Frau. Dinge, über die solche wie Judith Butler mit makroaggerssiver Beschwichtigung „antworten“, wo sie ansonsten ihren Mund nicht laut genug für Kritik öffnen können. Aber das ist ein anderes Thema)

    Für den Rest, den Bezug zur Kultur, gibt es einen eigenen Blogtext.

  36. Bersarin schreibt:

    @ ziggev: „Der Gebrauch des Eigenen, der es nötig hat, den Linken hier mangelnden Patriotismus vorzuwerfen, ist hier bedauerlicherweise alles andere als frei.“ Das ist nun aber ein Pappkamerad. Oder aber aus der Rubrik „Thema verfehlt“. Denn hier in diesem Kommentar findet sich dazu nichts zum Patriotismus.

    Wer zu sich selbst und zur eignen Herkunft kein Verhältnis hat und dies nicht denkend zu reflekieren vermag, wird kaum zu anderem ein Verhältnis entwickeln. Zumal jene fremden Kulturen, die da – oft naiv- idealisiert werden (heute machen wir mal Schambala-Schambala-Tänze um den Indianerbaum), sehr wohl eine ausgeprägten Begriff von sich selbst besitzen.

  37. ziggev schreibt:

    Vorschlag: Wenn du das nächste Mal ne Jazz-Band hörst, dann achte mal alle 4, 8, 12, 16, 32 Takte auf die Tempounterschiede zw. Bass, Schlagzeug und Gesang ! Diese winzigen – freilich nur für den Kenner hörbaren – Unterschiede sind ein altbekanntes Stilmittel im Jazz. So alt, dass die Begleitmusiker von Elvis das automatisch gemacht haben. Achte wirklich mal darauf! 8 Takte lang wird das Schlagzeug schneller, der Bass langsamer, der Gesang verlangsamt seit 32 Takten … (wer sich auskennt, weiß natürlich, an wen ich denke)

    Dann wieder scheinbare Kongruenz usw. Aber das sind interne Temposchwankungen, die, wie gesagt, ganz bewusst eingesetzt werden. Und um das zu beherrschen, braucht es im Regelfall Jahrzehnte des Übens und gutes Zusammenspiel. Bei Oskar Peterson wurde zwar eine generelle Temposteigrung gemessen, bei Jimi Hendrix stellen wir zwar meistens(!) eine notorische Neigung zum Langsamerwerden fest, die nicht stilistisch als Stilmittel eingesetzt zu werden scheint. Und Prince zitiert dieses Phänomen ein paar Sekunden lang … Und Hendrix ist in der gesamten Popmusikgeschichte wirklich das einzige Beispiel.

    Aber Du kannst davon ausgehen, dass das Tempo oder das Metrum unter Musikern und erst recht unter solchen Leuten wie Prince oder Stevie Wonder als feststehendes musikalisches Parameter aufgefast wird.

    hier übrigens Jimi Hendrix ziemlich frisch (unbekifft?) ziemlich auf den Punkt:

    und der großartige Mich Mitschel (dr.). Seit Hendrix dann jedoch hinwiederum mit Buddy Miles zusammenspielte, haben wir wieder absolutes Timing. Das sich nur durch perfektes Beherrschen des Mikrotimings (Jazz, s.o.) herstellen lässt. Es ist mir ach so unverständlich, dass der Jazz unter Philosophen immer unterschätzt wird: durch Relationen wird Absolutes hergestellt. Wie kann man das nicht hören?

    Ein jedes hat seine Zeit :: im doppelten Sinne. Jeder Song kann seine eigene Zeiteigengestzlichkeit hervorbringen, in der wieder „absolutes“ Timig stattfindet. Es ist aber unendlich schwer, ein solches Timing aus dem Nichts immer wieder neu hervorzubringen. Und deswegen haben wir traditionelle Stille wie Jazz oder Pop. Und deswegen ist z.B. das erste Album von Fehlfarben dem zweiten um Lichtjahre überlegen.

  38. Bersarin schreibt:

    Danke für diese Hinweise. Ich bin für musikalische Aufklärung immer dankbar, weil ich auf diesem Gebiet schlicht ahnungslos bin. Pop ist für mich – ich schrieb – in diesem Sinne eher von seiner sozialen Funktion her interessant, weniger von der ästhetischen Binnenstruktur der gespielten und gehörten Musik.

  39. Bersarin schreibt:

    Die Bedeutung einer Platte – die erste von Fehlfarben sehe ich ebenso – hängt bei mir deshalb auch an ihrer sozialen Wirkung qua gespielter Musik und dem Text. Zudem ist ein Album immer auch als ein komponiertes Ensemble von Stücken zu begreifen. Das macht dann auch wieder den ästhetischen Reiz beim Hören aus – was ich eher intuitiv betreibe.

  40. Cooler Typ der Hendrix. Meines Wissens der einzige Schwarze, der Rock spielt bzw. spielte.

  41. ziggev schreibt:

    ja, stimmt, das Gefühl für die ästhetische Wirkung eines Albums insgesamt geht leider zunehmend verloren. Andererseits haben wir z.Z. ja eine ziemlich intensive Rerezeption des St Peppers-Albums der Beatles. Was hr-Bigband da gemacht hat, finde nicht allzusehr verachtenswert. Amie Winehouse ist übrigens durch ihre Stimme und ihr Timinggefühl in der Lage, die gesamte Rhythmus-Gruppe zu beherrschen. War sie. Deswegen ist sie so groß.——

    Eine wirklich gar nicht so wahrscheinliche würdige Beatles-Adaption der hr-Bigband:

  42. ziggev schreibt:

    @ El_Mocho, ich finde auch, dass es endlich aufhören muss, dass verpickelte weiße Heranwachsene mit ihren Behelfskategorien der Rockmusiik versuchen, die Popmusikgeschichte zu schreiben. – Anders, von einer tieferen Ebene her – und das lernen wir aus den USA oder aus Frankreich von der Community der schwarten Musiker – ist eines klar: Hendrix ist ein Rockmusiker gewesen. Ein zutreffendes Urteil.

  43. che2001 schreibt:

    „Meines Wissens der einzige Schwarze, der Rock spielt bzw. spielte.“ —– Bitte? Rock´n Roll, ursprünglich Rhythm and Blues war am Anfang eine genuin schwarze Musik. Abgesehen davon, dass manche AfroamerikanerInnen ein Problem damit hätten, den Puertoricaner Hendrix als „schwarz“ zu bezeichnen.

  44. che2001 schreibt:

    Ein Großteil der popkulturellen Litaneien eines Momorulez befasste sich damit, dass weiße Musiker sich selber die im Ursprung von Schwarzen bzw. POC (da gehört Hendrix dann mit rein) geschaffene Rockmusik sich selbst zuschreiben. Mir passt der moralinsaure Impetus und das damit verbundene Klischee-Freund-Feind (höhö, Schwarz-Weiß)Denken nicht, aber im Grundansatz hat er damit Recht. Du hast jahrelang an diesen Debatten teilgenommen – Willy, was kriegst Du überhaupt noch mit?

  45. Nun ja, Chuck Berry würde ich nur sehr bedingt in die gleiche Kategorie einordnen wie Deep Purple o.ä.

    Mag auch mein Unwissen sein, aber gibt es heute irgendwelche schwarzen Metal-Bands?

    Hendrix war meines Wissens Kind von indigenen Amerikanern und Schwarzen, was selten vorkommt, beide Gruppen mögen sich nicht besonders.

  46. Ansonsten spielen auch alle schwarzen Bands europäische Instrumente, in sofern machen diese Unterteilungen wenig Sinn. Stimmt schon.

  47. ziggev schreibt:

    Bad Braines, Living Colour Die ersteren eine echt krasse Rasta Punk-Band, Stagediving eingeschlossen und alles, Living Colour, eine Band, die ganz klar Einflüsse von Van Halen, also dem klassischen europäischen Rock verarbeiten.

    Bad Brains, Living Colour, die sich als „schwarze“ Bands ausdrücklich (=eindeutig hörbar) auf „weiße“ Traditionen beziehen. (nicht zuende recherchiert, ob der Bassist von den Bad Brains nicht doch bei Miles Davis – und dann schließlich bei den Rolling Stones – gespielt hat).

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