Zeit und Erzählung

Für die schönen Künste, für die Dichtung ist die Sache ausgemacht: Der Künstler soll sich eines guten Stils bedienen – nicht zu manieriert, wo nicht erforderlich, nicht zu nüchtern, selbst im kargen – so wirke der Literat. Stimmig muß es sein. Dem Gegenstand, der Sache gemäß geschrieben. Der Stil muß zur Form passen, genauer gesagt: Der Stil erst erzeugt die Form – also eine Dialektik bzw. ein Spiel von Ausdruck, Inhalt und Form, nachdem der Künstler das ästhetische Material beackerte. In der Prosa eine komplizierte Sache. Noch schwieriger aber ist dies für den Wissenschaftler, den Historiker, der in gewissem Sinne ja ebenfalls eine unerhörte Begebenheit erzählt. Wenn wir ein wenig in den Maschinenraum der Kunsttheorie hinabsteigen, nämlich zu Aristoteles‘ „Poetik“, können wir zum Verhältnis von schöner Dichtung und wissenschaftlicher Prosa folgendes finden:

„Aus dem Gesagten ergibt sich auch, daß es nicht Aufgabe des Dichters ist mitzuteilen, was wirklich geschehen ist, sondern vielmehr, was geschehen könnte, d. h. das nach den Regeln der Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit Mögliche. Denn der Geschichtsschreiber und der Dichter unterscheiden sich nicht dadurch voneinander, daß sich der eine in Versen und der andere in Prosa mitteilt – man könnte ja auch das Werk Herodots in Verse kleiden, und es wäre in Versen um nichts weniger ein Geschichtswerk als ohne Verse -; sie unterscheiden sich vielmehr dadurch, daß der eine das wirklich Geschehene mitteilt, der andere, was geschehen könnte. Daher ist Dichtung etwas Philosophischeres und Ernsthafteres als Geschichtsschreibung; denn die Dichtung teilt mehr das Allgemeine, die Geschichtsschreibung hingegen das Besondere mit.“ (Aristoteles, Poetik)

Und noch Hegel beruft sich in seinen Vorlesungen zur Ästhetik auf dieses aristotelische Prinzip, wenn er die literarische Prosa von der Geschichte scheidet und Dichtung sowie Wahrheit gleichsam als zwei Bezirke nennt:

„Der Geschichtsschreiber nun hat nicht das Recht, diese prosaischen Charakterzüge seines Inhalts auszulöschen oder in andere, poetische zu verwandeln; er muß erzählen, was vorliegt und wie es vorliegt, ohne umzudeuten und poetisch auszubilden. Wie sehr er deshalb auch bemüht sein kann, den inneren Sinn und Geist der Epoche, des Volks, der bestimmten Begebenheit, welche er schildert, zum inneren Mittelpunkte und das Einzelne zusammenhaltenden Bande seiner Erzählung zu machen, so hat er doch nicht die Freiheit, die vorgefundenen Umstände, Charaktere und Begebnisse sich zu diesem Behuf, wenn er auch das in sich selbst ganz Zufällige und Bedeutungslose beiseite schiebt, zu unterwerfen, sondern er muß sie nach ihrer äußerlichen Zufälligkeit, Abhängigkeit und ratlosen Willkür gewähren lassen.“ (Hegel, Vorlesungen über die Ästhetik)

Sollen Historiker genauso wie Dichter schreiben? Sollen sie ähnlich verfahren? Bei Louis-Sébastien Mercier (6. Juni 1740 – 25. April 1814) finden wir spannend fabulierte Geschichtsschreibung bereits im Anfang. Geschichte, die in dieser Form beginnt, ist erzählte Geschichte, und es zeigt solcher Auftakt, was für eine Sprachkraft Wissenschaftsprosa birgt, wenn man sie läßt und sofern der Autor es will:

„Philipp der zweite ist Staub. Zwei Jahrhunderte trennen ihn von uns, und sein Name lebt nur durch die Gerechtigkeit der Zeit. Ich will ein Gemälde seines abergläubischen und schrecklichen Despotismus entwerfen – alle Bestandteile dieses grausamen Charakters, die uns in der Geschichte durchschauern, will ich in ein Bildnis zusammen schmelzen, und den Abscheu, der mich durchdrungen hat, allgemein machen.“ (Louis-Sébastien Mercier, Philipp der Zweite)

Von Louis-Sébastien Mercier, im Februar 1786 in Schillers „Thalia“ erschienen. Wie gewaltig da einer das Wort führte. Freilich, freilich, Mercier ist Schriftsteller und Journalist, und der subjektive Blick verstellt meist die Strukturen. Wie also Geschichte erzählen?

Da ich Hegelianer bin (so munkelt mancher, aber ich verberge mich gerne und oft in einer geschickten Lüge) und da Hegel den Friedrich Schiller schätzte, muß und möchte halt auch ich mich – einmal wieder nach 25 Jahren – intensiver mit Schillers Zeit insbesondere in Jena und in Weimar befassen. „Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?“ – Schillers Antrittsvorlesung in Jena. Und nicht ganz unpassend fürs nächste Jahr, eines der traurigen Jubiläen: 1618 bis 1648. Schiller schrieb über den Dreißigjährigen Krieg. Jenes Unheil über Europa und besonders auf deutschem Boden, was geschichtlich diese Region noch bis ins 20. Jahrhundert hin prägen sollte. Einige Studien werden dazu demnächst erscheinen: Von Herfried Münkler, „Der Dreißigjährige Krieg. Europäische Katastrophe, deutsches Trauma. 1618–1648“, ebenso von Andreas Bähr: „Der grausame Komet. Himmelszeichen und Weltgeschehen im Dreißigjährigen Krieg“.

Wie also erzählen und wie wissenschaftlich schreiben, ohne daß den Lesern der Kopf aufs Kissen fällt und Morpheus‘ bekannter Arm ihn sanft oder wild umschlingt? Zu Geschichte, Zeit und Erzählen überhaupt lesenswert von Paul Ricœur „Zeit und Erzählung“, in drei Bänden beim Fink-Verlag erschienen. Von der fiktiven und von der realen Zeiterfahrung. Wie solches Temporales sich literarisch amalgamiert, kann man gut in Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“ erlesen. Aber genauso in einer ganz anderen Schreibform – denn die literarische Moderne ist in ihrem Stil plural – in Alfred Döblins „Wallenstein“. Zwei passende Romane, die zwei der großen geschichtlichen Verwerfungen ästhetisch ausformen.

Abbildung: wikipedia, gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=454161

 

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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5 Antworten zu Zeit und Erzählung

  1. holio schreibt:

    An 2erlei mal Gelesenes erinnert mich das. Ricarda Huch, die so blank ihren 30-jährigen Krieg beginnt: „Im Jahre 1585 wurde im Schlosse zu Düsseldorf die Hochzeit des jungen Herzogs Jan Wilhelm mit Jakobe von Baden so pomphaft und majestätisch gefeiert, wie es dem Ansehen des reichen Jülicher Fürstenhauses entsprach.“ und Prokop, der seine Geheimgeschichte beginnt: „Was die Kriege bisher den Römern brachten, habe ich in meinen Werken unter Berücksichtigung der zeitlichen und örtlichen Zusammenhänge nach bestem Können behandelt; die weiteren Berichte erfolgen nicht mehr in der erwähnten Weise, denn jetzt soll zur Sprache kommen, was sich überall im Römischen Reiche zugetragen hat. Der Grund für mich ist folgender: Zu Lebzeiten der Täter konnte man deren Verbrechen nicht in gebührender Art und Weise schildern. Wäre man doch unmöglich den zahllosen Spähern entgangen und hätte im Falle der Entdeckung einen jammervollen Tod gewärtigen müssen; nicht einmal den nächsten Verwandten durfte ich ja trauen. Aber auch die Ursachen von vielem, was in meinen früheren Büchern steht, mußte ich verschweigen und bringe daher jetzt die bisher übergangenen Tatsachen zusammen mit den inneren Gründen der Ereignisse, von denen ich schon berichtete.“
    Beide Beginne wecken Interesse. Beim ersten ahnt man ungutes Ende nach so ausgestellt prächtigem Anfang voraus, denn wenn alles so einwandfrei weitergegangen wäre, was gäbe es zu erzählen? Beim zweiten macht er uns gleich heiß, pssst, ich werde Skandale verraten.

  2. Bersarin schreibt:

    Danke für diese schönen Ergänzungen, die ich nicht kannte.

  3. ziggev schreibt:

    ja, bersarin, das wäre schön, wenn Du hier etwas über Schillers Perspektiven auf den Dreißigjährigen Krieg schriebest ! Denn einerseits – wie Du weißt – bin ich eher anglophil. Vielleicht hab ich da aber bloß einen falschen Moment erwischt: Im TV waren da einst diese beiden Schauspielerinnen, die eine, grazil, hochgewachsen, rothaarig-gelockt (was für mich normalerweise zur hingebungsvollen Anbetung ausreicht), die andere, nicht minder hochgewachsen-schlank mit nicht weniger beeindruckender Haarpracht (nur nicht rot-gelockt), welche für mich aber leider zusammen über alle Maßen enttäuschend einen Dialog aus Schillers „Maria Stuart“ vortrugen ! … Ist schon etwas her; aber ich glaube, es hat sich um eine Art berliner Theater-Fest gehandelt. War alles vielleicht nur mehr oder weniger improvisiert (also nicht ins Konzept einer Gesamtinszenierung integriert), aber ich war sehr enttäuscht !

    Nur das das klar ist: Es ist nicht so, dass, weil ich mich in der englischen Geschichte über die Maßen auskennen würde, ich Schillers Text (desh.) unbefriedigend finden würde. Nein! Umgekehrt: Anglophil, wie ich nun mal as a matter of facts bin – und da könnten Entnazifizierungsmaßnahmen, die direkt auf meine Familie eingewirkt haben könnten, eine Rolle gespielt haben (eigentlich ja ´ne Chance, dass Deine Erzieher dann i.d. Nachkriegszeit in England und nicht in Deutschland erzogen wurden) – befürchte ich, bei Schiller nicht das über die englische Gesichte zu lernen, was ich lieber aus angelsächsischer Perspektive am Liebsten gehört hätte. – Ohne hier Schiller eine Perspektivverengung unterstellen zu wollen – mein Wissen ist hier einfach imperfekt, und hier würde ich aus Gründen der Sorgfalt und der Systematik immer eher nach England hinhören. … Was Schiller betrifft, bin ich also eher skeptisch. Wenn Du dazu noch ´was bringst – ich bin gespannt …

    Andererseits – wie Du weißt – ist der Dreißigjährige Krieg für mich ein Thema seit der Kindheit. Die Mahnung, die Geschichte auch aus der Perspektive der „einfachen Leute“ (Grimmelshausen ) zu betrachten !

    Ich habe also – zugegebenermaßen – einen solcherart simplen Zugriff auf die Geschichte des Abendlandes: Deutschland würde sich „abschaffen“ ? – Lächerlich, lachhaft ! Die (hochgerühmte, athenische) Demokratie hat sich selbst bereits vor c.a. 2300- 2400 Jahren selbst abgeschafft (Syrakus-Abenteuer, Thukydides); der Irak-Krieg USA vers. Saddam leitete den Dreißigjährigen Krieg fürs 21. Jahrhundert ein (habe ich damals genau so, und nicht anders, gesehen).

    Und Du musstest einfach nur arm genug sein, um zu erkennen, dass die immer weiter fortschreitenden EU-Osterwetrungen nach den IKEA-Prinzip hier letztlich die Mindestlöhne zerstören würden, also Deine letzte Lebensgrundlage, um Mauern un Zäune gen Osten zu imaginieren, und das bereits i.d. 90ern. Die Mittelmeerkatastrophe ist nur die logische Fortsetzung.

    Davon – also meinem historischen Weitblick, Grimmelhausen- Thukydides-bedingt – kann ich mir zwar nix kaufen (meine fiktive Erbschaft ging an Leute aus der Familie auf der Flucht vor der Nichtexistenz einer Krankenversicherung in den USA), ich glaube allerdings, dass z.B. Münklers Studien zum Dreißtigjährigen Krieg vielleicht weniger Aufregung verursachen jedoch umso mehr Erkenntnisse erbringen werden als Clarks „Schlafwandler“.

    Ich bin davon überzeugt: du musst die Geschichte die „von unten“ anschauen. Alles andere ist pure Zeitverschwendung.

  4. ziggev schreibt:

    PS: und Du kommst zu genau demselben Ergebnis, wie Gordon Ash, dem oxforder Professor, dass die Widersprüche des „Erfolgs“ Deutschlands die Zukunft Europas, die Risiken und Gefahren, bestimmen werden, wenn Du „ganz unten“ bist.

  5. Bersarin schreibt:

    Einerseits ist es richtig, Geschichte auch aus der Perspektive derer zu sehen, die unten bzw. die die Opfer der Geschichte sind. Da stimme ich Dir zu. Andererseits zeitigt Geschichte Wirkungen, die darüber hinausgehen. Und im Sinne einer hegelschen „List der Vernunft“ setzt sich der Weltgeist durch und in sein Recht; oder um es weniger metaphorisch zu sagen: Geschichte rollt im Lauf ihres Prozesses über die Opfer hinweg. Mehr als 220 Jahre nach der französischen Revolution fragt niemand mehr nach den unzähligen Opfern und wir erkennen die welt- und gesellschaftsbildende Leistung dieser großen Revolution an. Um beiden Seiten gerecht zu werden, würde ich also eine Mikro- und eine Makroperspektive vorschlagen. Hier liegt ja die große Leistung der Hegelschen und damit auch der Marxschen Theorie, diese Bereiche und Perspektiven zu vermitteln. Das Kapitalismus war – etwas groß formuliert – gegenüber dem Feudalismus für Marx ein großer Fortschritt, trotzdem dürfen und können deren Opfer nicht unter den Tisch gekehrt werden. Eine der ersten empirisch-soziologischen Studien, die das Milieu der Arbeiter zu Beginn der Industrialisierung schilderte, war Engels „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“.

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