Meine Handvoll Dollar für Hamburg

Wenn es so wäre, wie die MoPo in einer Orgie des Möglichkeitssinnes mutmaßte, daß da (auch) Nazis am Werk waren, dann hätte die militante Linke auf noch viel größerem Fuße versagt: Daß sie den eigenen Leuten nicht Einhalt gebot, ist schlimm, schlimmer aber noch: nicht einmal Nazis aufhalten zu können, die das Viertel verwüsteten.

Sofern die Bewohner der Roten Flora bzw. die Hamburger Autonomen einen Arsch in der Hose hätten, nähmen sie Besenstiele und Knüppel zur Hand und prügelten die Randalierer aus dem Viertel hinaus. Und ein antibürgerlicher Akt wäre das allemal, weil man dann zugleich jenen aus Pinneberg und Elmshorn angereisten Bürgersöhnchen, die ein wenig die „Gesellschaft des Spektakels“ inszenieren wollten, eine Abreibung verpaßt hätte. Zumal die Randalierer in der Sicht mancher ja sowieso keine Linken waren. Da hätte es mal die Richtigen getroffen: Nazis, Bürgersöhne, Krawalltouristen, V-Männer, Provokateur-Agenten. Fünf Fliegen mit einer Klappe.

Ansonsten denke ich, daß man die Debatten über Gewalt in den verschiedenen Clustern analysieren muß: Das eine sind die Gewaltexzesse des Mobs, das andere Repressionen gegen die Presse und teilweise völlig unverhältnismäßig agierende Polizisten. Andererseits sollte man eben auch die Einsatzsituation bedenken, die Anspannung unter der die meisten Polizisten seit 3 Tagen standen, kaum mehr als zwei oder drei Stunden Schlaf. Wer nach den Motiven der Gewalttäter unter dem Protestierenden forscht, muß eben auch nach den Motiven der Polizisten fragen. Übrigens, wie der Querdenker Pier Paolo Pasolini einmal halb süffisant, halb böse an die Adresse der 68er gerichtet formulierte, der tatsächlichen Arbeiterklasse in diesen Konflikten.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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8 Antworten zu Meine Handvoll Dollar für Hamburg

  1. berndkasseler schreibt:

    Sehr schön angemerkt! Ich selbst war einer dieser damals im Dauereinsatz befindlichen, oft überforderten Polizisten. Wir stammten komplett aus unterpriviligierten Haushalten, hatten weniger Bildungszugang und Aufstiegschancen als die Protestanten der Gegenseite, selbst aber oft sehr progressive Gedanken im behelmten Kopf , der von der Gegenseite als hohl und Staatssklave beschimpft wurde – einer Gegenseite, aus der sich später u.a. unsere Politiker, Staatsanwälte und Richter rekrudierten.

  2. Bersarin schreibt:

    Auf den Punkt gebracht. Ich nenne dieses Milieu der Gegenseite die kulturalistische Linke.

  3. Dieter Kief schreibt:

    @ Bersarin Der MoPo Artikel gibt Ihre Lesart nicht her.

  4. Partyschreck schreibt:

    …Andererseits, überleg mal, ob es nicht ein bisschen viel verlangt ist, den Anwohnern in der Schanze zu empfehlen quasi mit Besen und Mistgabeln auf paramilitärisch agierende, vermummte Ausländer zuzugehen, deren Maskierungswundertüte ja quasi jede Art von Extremisten verbergen kann! Die Polizei hat sich das immerhin knappe vier Stunden nicht getraut, wenn ich richtig informiert bin…

  5. Bersarin schreibt:

    @ Dieter Kief: Welche Lesart? Der MoPo-Artikel spekuliert über Nazis: ich vermute schon, daß da in der Schanze auch Nazis mitmischten. Aber nichts Genaues weiß man eben nicht. Solche Krawalle ziehen die unterschiedlichsten Menschen an. Genauso widerlich wie solche Gewaltäter, die Tote in Kauf nehmen, sind die Glotzer und mit Mitläufer. Der menschliche Makel eben.

    @ Partyschreck: Ich sprach von den häuser- und polizeikampferprobten Hamburger Autonomen, nicht von den Anwohnern. Ich selber habe für solche Fälle einen Baseballknüppel hier im Keller, außerdem ein paar Japanstahlmesser in der Küche. Und wer in meine Wohnung eindringt oder in den Hausflur würde nofalls mit dem 35 cm Fleischermesser Bekanntschaft machen. Aber sicherlich wäre es Aufgabe der Polizei gewesen, das Viertel zu räumen bzw. es dazu gar nicht erst kommen zu lassen.

  6. Dieter Kief schreibt:

    Bisssl nigglich jetzt – die MoPo hat keine belastbaren Hinweise auf Nazis in Hamburg. Sie hat vom Hörensagen (!), dass am Donnerstag Parolen gerufen worden sein sollen (!), die man auch von Rechten kenne. Die Hannoveraner Antisalafisten aber, von denen dann noch die Rede geht, haben HH wohl nicht erreicht?!

    Und jetzt denken Sie mal an die vielen Rechten, die Sie hier schon in aller Herzensgüte zustimmend bemüht haben, und malen sich aus, als was dann Ihre Baseballschläger und Japanmesser von der MoPo – oder gar von Augstein… – gelesen werden könnten. Oder nein, lieber nicht.
    Friede auf Erden, und im Mond hochdroben ein Wohlgefalle – ehe – wie rechts war eigentlich der HHler Matthias Claudius genau – so rechts wie Luther (= Hitler, oh Gott…)?

  7. Bersarin schreibt:

    So habe ich den Artikel auch gelesen und schrieb deshalb von der Orgie des Möglichkeitssinns. Daß sich unter die Randalierer auch solche mischen, die nicht explizit politisch sind, kennt man von vielen Riots. Der destruktive Mensch eben.

  8. che2001 schreibt:

    Sehr lesenswertes Posting zu dem Thema hier:

    https://vert.blogger.de/stories/2649591/

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