Von den Statuen oder die herbe Schönheit fränkischer Frauen

 „Je näher wir dem Park kommen, wo das Unbewußte der Stadt nistet,
desto bedrohlichere Formen nehmen die großen Faktoren des städtischen Lebens an, erheben sich über das Ödland und seinen Lumpensammler-
und Schrebergärtnerhütten mit der stereotypen Majestät und der erstarrten Geste von Statuen.“ (Louis Aragon, Le Paysan de Paris)

„Die Menschheit wird an der Statuomanie zugrunde gehen. Der Gott
der Juden, der die Konkurrenz fürchtete, wußte, was er tat als er die Bildnisse verbot. Wenn große, seltsame Symbole ihre spürbare Macht auf die Welt ausüben, werden die Statuen euch Passanten die Haare vom Kopf fressen.“ (Aragon, Le Paysan de Paris)

Bayreuth – es ist bald 20 Jahre her, daß ich dort wirkte, kaum noch erinnerbar. Einige Reste im Denken, Schlacken in der Phantasie. War es der Orchestergraben, aus dem heraus ich im Rausch der Nacht dirigierte, wie sich unter den Klängen der Walkürenmusik die Rotorblätter aus dem Ventilator entwanden und wir in den Lüften so geschmeidig uns erhoben wie der Luftschiffer des fränkischen Dichters, mit der Luftkavallerie Kilgores, the surfin bird, am Strand landeten? Nicht der Strand knapp unter dem Pflaster, sondern wasserwärts, mit Wolken übers Meer? Roter Main und lauschiges Gebüsch, Gestrüpp, im Sommer die Hitze. Oder bloß der kleine Bayreuther Flugplatz mit dem Blick über die Ebene, auf dem Bindlacher Berg, an den ich mich noch gut erinnere. Oder war es nur die Busfahrt und später dann die tägliche Passage mit dem Auto von Bayreuth nach Auswärts oder der Besuch auf dem Festspielhügel oder ins Fichtelgebirge hineinvagabundierend? Jean Paul natürlich! Und die Geheimnisse der Freimaurerei. Der herbfränkische Charme (Scharrrm müßte man in der Aussprache fränkeln) dieser Stadt am Fichtelgebirge, durch das Siebenkäs und Leibgeber wandelten – eine der berührendsten Abschiedsszenen der Literatur, die Jean Paul im „Siebenkäs“ schilderte, sentiment, mitten in der Natur und Jean Pauls Blick fürs Vergängliche und den Lauf der Zeit, ein Abschied unter Freunden für immer. So geht jeder in seine Richtung.

In der Bayreuther Friedrichstraße findet man die beiden letzten Domizile Jean Pauls, zunächst von 1808 bis 1811 in der Hausnummer 10, und sein Sterbehaus, wo er von 1811 bis 1825 die Tage verbrachte, sehen wir in der Friedrichstraße 5. Wie oft bin ich daran achtlos vorbeigegangen. Vor 20 Jahren. Von der Friedrichstraße führt mein Spaziergang heute in die Ludwigstraße und dort, wo die Friedrichstraße in die Ludwigstraße abzweigt, auf einem kleinen Platz findet sich das Denkmal des großen Digresseurs, des Humoristen, Satirikers, des Humanisten, des Menschenbeobachters mit der ausschweifenden, wie Hegel es nennt, barocken Phantasie und seinem Hang zu Schwarzbier, das man im Fränkischen trefflich trinken kann. Ich denke an Maisels Brauerei und das jährliche Weißbierfest dort, wo ich mit Kolleginnen hinging, eher lustlos, denn ich mag Feste und Menschenmengen nicht. Es spielte die „Spider Murphy Gang“ den Song „Mir san a Bayrische Band“. Aber bei den Oberfranken in Feierlaune löste dieser Refrain keinen Protest aus. Von der Ludwigstraße gelangte ich in den Hofgarten, zu meinen Statuen, die im Verschlag des Gärtners harrten und ich dachte an jenen Spaziergang des Surrealisten und Kommunisten Louis Aragon 1924 durch den Parc des Buttes-Chaumont in Paris, wo er in seinem Roman „Le Paysan de Paris“ – ist dieses Buch überhaupt noch in dieser Gattung faßbar? – die Statuen zum Reden brachte.

Die Frauen in Stein. Der Charme der dunklen fränkischen Frauen sei herb, so sagte man mir damals, manchmal ein wenig bissig auch sei ihr Wesen. Nach eineinhalb Jahren war meine Zeit an diesem wunderbaren Ort, in dieser kleinen und schönen Stadt vorbei.

„Alle Weiber, sogar die ohne Geist, sind über Dinge, die sie näher angehen, die feinsten Zeichendeuterinnen und prophetischen Hellseherinnen.“ (Jean Paul, Siebenkäs)

„Ich denke immer noch, irgendwann einmal sitzen wir alle in Bayreuth zusammen und begreifen gar nicht mehr, wie man es anderswo aushalten konnte.“ (Friedrich Nietzsche, Brief an Malwida von Meysenbug, Februar 1873.

 

 

 

 

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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6 Antworten zu Von den Statuen oder die herbe Schönheit fränkischer Frauen

  1. Uwe schreibt:

    „Bayreuth (hat) den Fehler, daß zu viele Bayreuther darin wohnen.“ (Jean Paul, Ideen-Gewimmel Nr. 836) Wie passend, dass Du sie, die Menschen, aus Deinen Fotos ausgespart hast. Außer Statuen keine Menschenseele (oder vielleicht eine, die aber nur am Rande). Stattdessen: Fassaden und (mythologische) Figuren. Da kann einem schon mal beim Wandeln „in der ewigen Glyptothek“ der Sinn für seine Nächsten verloren gehen. Doch „Fleisch schlägt Stein“ (Durs Grünbein), und so hätte ich gerne einmal eine herbe Schönheit gesehen oder wenigstens von ihr gelesen. Aber Dein Prinzip der Auslassung verweist mich in die (eigene) Phantasie …
    Gruß, Uwe

  2. Bersarin schreibt:

    Sehr fein auf den Punkt gebracht – vor allem die letzten beiden Sätze. Und schön natürlich das andere Jean Paul-Zitat. (Aber ich muß sagen, ich mochte die Franken im allgmeinen und die Bayreuther im speziellen.)

  3. Nirmalo schreibt:

    „Ich denke immer noch, irgendwann einmal sitzen wir alle in Bayreuth zusammen und begreifen gar nicht mehr, wie man es anderswo aushalten konnte.“ — Friedrich Nietzsche
    .
    Auch das…
    geht vorüber.

  4. Dieter Kief schreibt:

    Die Moos-Madonna und das erste Schwarzweiss-Bild haben mir sehr zugesagt.

  5. Bersarin schreibt:

    Oh ja, auch mir gefällt diese Photographie sehr gut. Ich bereue es, daß ich kein gutes Teleobjektiv dabeihatte und noch ein wenig mehr mit den Perspektiven experimentierte.

  6. Bersarin schreibt:

    Aber auch die Statuen, wo neben den weißen Wänden noch ein Rest von Pflanzlichem ragt, gefallen mir. Und dann der Pferdekopf und dazu der knallrote Feuermelder!

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