„Kannst du dir Hegel vor dem Fernseher vorstellen?“ – Peter Sloterdijk zum 70. Geburtstag

Als Intellektueller streitbar – in dieser Formulierung klingt die Skepsis bereits an: Streitbar meint in solchem Kontext oft soviel wie: fragwürdige Thesen, die ein Philosoph verbreitet, wenn nicht gar der Philosophie unwürdig. Manchem ist das, was Sloterdijk denkt, in schwungvollen Metaphern geschrieben und ausgreifenden Sprachbögen formuliert, reaktionärer Graus. Aber es schlägt in solchem Verdikt – oft ohne profunde Kenntnis des Textes – die Vorverurteilung sich nieder. Brocken und Stückwerk werden extrahiert und in eine gängige, einleuchtende Thesengestalt gebracht, amalgamiert mit dem üblichen Alarmismus der Moralisierenden. So aber funktioniert es bei der Lektüre von Peter Sloterdijks Büchern nicht, der moraline Steinbrecher, der bloß Versatzstücke herausreißt, verfehlt den Text. Sloterdijks Bücher muß man als Philosophie und als Literatur lesen. Immer findet sich darin eine Hyperbel, manche Allusion und Metapher. Sloterdijk assoziiert, fabuliert. Manchmal denkt er übers Ziel hinaus. Denken, das sich aussetzt. Daß Sloterdijk mit dem „Zauberbaum“ und seinem „Schelling-Projekt“ – neben seinen zahlreichen, kaum noch zählbaren philosophischen Projekten, ebenfalls zwei romanartige Gebilde schuf, ist nur konsequent. Denn gerade die Literatur stellt den semantischen Raum für Fabeln bereit. (Wobei das Schelling-Projekt als Roman-Buch nur bedingt gelang. Weshalb kann man an dieser Stelle nachlesen.)

Es mag in Sloterdijks Text manche These auftauchen, die für fragwürdig gilt. Fragwürdig aber heißt auch: eine Frage stellen, etwas für würdig befinden, befragt zu werden, so sah es Nietzsche – was nichts anderes bedeutet, als in der Tradition der Kritik, des kritischen Denkens zu stehen und damit wiederum nahe an Kant, dem Chinesen aus Königsberg, wie Nietzsche ihn halb spöttisch, halb anerkennend nannte. Ein kritischer und vor allem unorthodoxer Denker zu sein, der sich auf keine Position vereidigen läßt, trifft insbesondere auf Peter Sloterdijk zu. Ideenreich vor allem.

Unschön in letzter Zeit die Hysterie, mit der mancher Kritiker auf Sloterdijks Denken reagierte. Eine enthemmte kulturalistische Linke, die sich in ihrer evangelikalen Moral viel auf Carolin Emcke einbildet, aber selbst sich nicht scheut, genau jenes Hatespeech zu betreiben, das sie beim Gegner kritisiert. Entsetzliche Doppelstandards und Bigotterie. Nein, Sloterdijk ist kein Rechtsradikaler, und er ist kein Vordenker der AfD. Wer dies behauptet, muß es konkret mit Textstellen belegen. Dazu reicht es nicht aus, Sloterdijks (berechtigte) Skepsis gegenüber der Flüchtlingspolitik in Dauerschleife zu wiederholen.

Aber eigentlich war dieses Lesen nach Gesinnung seit den 90er Jahre nicht viel anders strukturiert, spätestens mit Sloterdijks berühmter Elmauer Rede im August 1999, „Regeln für den Menschenpark. Ein Antwortschreiben zu Heideggers Brief über den Humanismus“, mit der Kritiker wie Manfred Frank, Ernst Tugendhat und Jürgen Habermas ihn in eine bedenklich rechte Ecke zu rücken trachteten. Reinhard Mohr bezichtigte Sloterdijk, sein Text trage faschistische Züge, oder, wie Thomas Assheuer in der „Zeit“ behauptete, Sloterdijk fordere eine gentechnische Revision der Menschheit.

Jene, die Sloterdijk in seiner Schrift Antihumanismus sowie die Nähe zu NS-Gedanken vorwarfen, haben seinen Text augenscheinlich nicht oder nur unzureichend gelesen, sondern sich vielmehr vom Titel leiten lassen. Jene, die Sloterdijk Antihumanismus vorwerfen und sich über eine vorgebliche von Nietzsche inspirierte Übersteigerungsrhetorik erregten – was wollen sie erst bei Foucault und Derrida mit ihrem Ressentiments anfangen? Zu denken ist nämlich, weshalb das Projekt eines Humanismus im Sinne abendländischer Dualmetaphysik zugleich ein fragwürdiges Projekt ist. Genau dieser Frage ging Heidegger in seinem legendären Humanismusbrief von 1946 nach. Und Sloterdijk greift diesen Gedanken Heideggers auf und überführt ihn – teils philosophisch, teils literarisch – in die Spätmoderne unter den Bedingungen des Medienwandels.

„Durch die mediale Etablierung der Massenkultur in der Ersten Welt nach 1918 (Rundfunk) und nach 1945 (Fernsehen) und mehr noch durch die aktuellen Vernetzungsrevolutionen ist die Koexistenz der Menschen in den aktuellen Gesellschaften auf neue Grundlagen gestellt. Diese sind, wie sich ohne Aufwand zeigen läßt, entschieden post-literarisch, post-epistolographisch und folglich post-humanistisch. Wer die Vorsilbe post in diesen Formulierungen für zu dramatisch hält, könnte sie durch das Adverb marginal ersetzen – so daß unsere These lautet: moderne Großgesellschaften können ihre politische und kulturelle Synthesis nur noch marginal über literarische, briefliche, humanistische Medien produzieren. Keineswegs ist deswegen die Literatur am Ende, aber sie hat sich zu einer Subkultur sui generis ausdifferenziert und die Tage ihrer Überschätzung als Träger der Nationalgeister sind vorüber.“ (Sloterdijk, Regeln für den Menschenpark)

Unter anderem an Begriffen wie „anthropogenetische Revolution“ störte sich ein Teil der Leserschaft. Jürgen Habermas brachte eilig-erregt seine Jünger in Stellung und jene Sonderdrucke der Rede als Raubkopie unter seine Gefolgsleute und forderte Stellungnahme. Am besten in der Art, daß sein eigener Name in dieser Sache nicht laut fiele. Sloterdijk konterte kühl:

„Jede Gesellschaft braucht semantische und physische Alarmsysteme, um sich gegen Angriffe auf ihren Bestand, moralisch oder politisch, von innen oder von außen, zu wehren. Denken Sie, um klassisch zu argumentieren, an die kapitolinischen Gänse, die einst das alte Rom mit ihrem rechtzeitigen Schnattern zu nächtlicher Stunde vor den Galliern gerettet haben. Damit fängt schon alteuropäisch der Alarmismus an. Die Hüter der res publica haben den Gänsen diesen Dienst nicht vergessen. Das kapitolinische Geflügel, das funktional in unserer Presse und unserer Ideologiekritik weiterlebt, hat von da an auch das Recht, Fehlalarme auszulösen, ohne geschlachtet zu werden. Das ist schon gut so.“

Vom September 1999 und aktuell nach wie vor. Diese lesenswerte Antwort an den „Zeit“-Kritiker Thomas Assheuer und anschließend an Jürgen Habermas ist fein formuliert. Heute, fast 18 Jahre nach Sloterdijks Rede haben wir inzwischen den aufgesteigerten Alarmismus, den Sloterdijk bereits in jenem offenen Brief prophezeite:

„Nicht wenige Journalisten, darunter auch Sie, haben die Zeichen der Zeit erfasst: den Tod der Kritik und ihre Transformation in Erregungsproduktionen auf dem eng gewordenen Markt der Aufmerksamkeitsquoten.“

Ein schrilles Journalisten-Kreischen in Mainstreammedien, im Dauerton und zu jedem beliebigen Anlaß fährt die Erregungsmaschine hoch, um in wenigen Monaten das Thema wieder vergessen zu haben. Wird 2019 noch jemand an Sieferle denken? Vermutlich nicht, nicht einmal die schnatternde Moral-Gans oder der aufgeregteste Pastoral-Ganter im Diskursstall.

Bei allem Erregungston, der von einigen Kritikern in der Sache „Menschenpark“ (Fürst Pückler oder Lenné drängt sich mir da als Frage nach der Parkform zugleich auf) künstlich hochgefahren wurde, haben sie eines übersehen: Sloterdijk begleitet seinen Abgesang auf die Ära des Buches, die Epoche des gedruckten Wortes, mit dem der Renaissance-Humanismus strikt verbunden war, mit einem melancholischen Ton. Auch das darf nicht überlesen werden. Sloterdijk lieferte mit seiner Elmauer Rede eine Analyse des ausgehenden kurzen 20. Jahrhunderts – von dem viele sagen, es ginge lediglich von 1917 bis 2001. Wer diese melancholische Eloge in Form und Darstellung nicht zu lesen vermochte – ausgerechnet als Journalist!, wie Assheuer und Mohr es sind, also im Umgang mit Texten doch geübt –, da steigert sich bei mir der Verdacht auf, daß hier ganz bewußt ein Eklat provoziert werden sollte. Jener unangenehme Gestus, unliebsame Gedanken nicht in ihrem Inhalt zu kritisieren, sondern mit Moral zu diskreditieren. Vom Umschalten des Moraldiskurses auf Agitation ist es ein kleiner Schritt, wie Sloterdijk bemerkte.

Bereits 1999 über den Medienswitch nachzudenken – jenem Jahr, als die modernen Medien zum Tigersprung ansetzen und die Welt umkrempelten –, darüber 1999 nachgedacht zu haben und mit Gespür am Puls der Zeit zu sein, ist Sloterdijks Verdienst. Sein Sensorium für Krisen und Konstellationen war immer schon gut ausgeprägt, und er fand für diese Krisen oft witzige und kluge Formulierungen: angefangen bei seinem Buchtitel „Kritik der zynischen Vernunft“, das 1983 seinem Denken zum Durchbruch verhalf. Wenige Philosophen, deren Bücher sich lesen ließen, ohne den Werkzeugkasten Philosophie und das gesamte Gepäck der Tradition mitschleppen zu müssen – was nichts gegen die Tradition sagen soll, ganz im Gegenteil, sehr wohl aber ein Plädoyer ist, Philosophie in einer Form darzubieten, die auch für Laien gut verständlich ist. Davon gibt es in Deutschland nur wenige Philosophen. Martin Seel gehört mit einigen seiner Bücher dazu, ebenfalls Michael Hampe mit „Das vollkommene Leben“ und „Tunguska oder das Ende der Natur“.

Ja, Sloterdijk ist unterhaltsam, insbesondere, wenn man ihn live auf Sendung oder im Literaturhaus erlebt. Ein „Denker auf der Bühne“ – jener Buchtitel, den er für Nietzsche und seinen Materialismus konzipierte, trifft ebenfalls auf ihn selber zu. Wer sich treibend in Sloterdijks Philosophie auf unterhaltsame und zugleich geistreiche Art einlesen möchte, der greife sich seine Tagebuchnotizen „Zeilen und Tage“. Allein ein im Grunde simpler Eintrag wie dieser ist köstlich beobachtet, weil er eine Essenz der Spätmoderne trifft wie auch ihre spezifische Differenz zum Vergangenen klar zeichnet:

„Kannst du dir Hegel vor dem Fernseher vorstellen? Mit der Fernsteuerung in der Hand, wie er beim Umschalten erstarrt, sobald er nach Mitternacht auf einen Schmuddelsender gerät, in dem für Anrufe bei extremfeuchten Girls geworben wird, die keuchend Telefonnummern nennen? Was für Fragen in ihm aufkommen würden? Wie er seinen Begriff vom ‚Wesen‘ modifizieren müßte, um mit einem solchen Zuwachs an ‚Erscheinung‘ zurechtzukommen?“

Dem Zeitgeist zumindest war Sloterdijk stets auf der Spur, und insofern gehört er zu den ganz und gar gegenwärtigen Philosophen, die immer wieder Debatten anstoßen. Selbst 2009 in jenem Text von der Revolution der gebenden Hand. Ärger zumindest verstand er zu erregen, insbesondere mit seinen Thesen zur Ökonomie und Fiskalpolitik. Das hielt ich damals für unangemessen und lese es auch heute noch mit argem Stirnrunzeln. Andererseits kann man dieses Konzept von Geben philosophisch auf eine andere Ebene bringen und wäre womöglich schnell bei Derridas Ethik der Gabe – insbesondere in meinen poststruktural-kritisch-theoretischen Kreisen eine beliebte Denkfigur. Wie immer stellt sich bei solchen Positionen des Denkens die Frage nach der Perspektive: Von welchem Platz aus schaue ich auf die Lage? Dies soll kein Plädoyer für einen ungezügelten Relativismus sein, jedoch durchaus eines dafür, unseren Horizont der Reflexion mitzudenken.

Sicherlich läßt sich Sloterdijks Skizzierungen zum Menschenthema im Rahmen einer Anthropologie kritisieren: Nämlich als eine Art Ontologisierung des Mängelwesens Mensch, das die konkreten sozialen Umstände mißachtet. Darin hat Sloterdijk, der sich einst von der Kritischen Theorie her der Gesellschaft näherte, die Geschichtsphilosophie über Bord geworfen. Mit der Kritischen Theorie brach Sloterdijk und erklärte sie 1999 für tot – nicht ganz unberechtigt und darin mit ideologisch so unterschiedlich denkenden Kollegen wie Christoph Türcke und Gerhard Bolte durchaus übereinstimmend:

„Darf ich notieren, was ich jetzt sehe? In ihrer älteren Version (Adorno) war die Frankfurter Schule ein gnostischer George-Kreis von links; sie lancierte die wunderbar hochmütige Initiative, eine ganze Generation in verfeinernder Absicht zu verführen. Sie löste eine tiefe Wirkung aus, die wir unter der Formel vom Eingedenken der Natur im Subjekt zusammenfassen können. In ihrer jüngeren Version (Habermas) war sie ein in Latenz gehaltener Jakobinismus – eine sozialliberale Version der Tugenddiktatur (in Verbindung mit journalistischem und akademischem Karrierismus).

Hegel hatte das Wesen der terreur darin erkannt, dass in ihrem Dunstkreis der Verdacht unmittelbar in die Verurteilung übergeht.“

Dem ist nicht viel hinzuzufügen. Solche wie Sloterdijk waren und sind unabhängig genug, um diesem Schicksal zu entgehen. Und wir Nietzscheaner tun uns sowieso mit Seilschaften schwer, die lediglich den eigenen Karrierismus samt Karriere befördern sollen. Deutschland besitzt nur wenige inspirierende Philosophien, die frei denken und manchmal auch übers Ziel hinausschießend. Und gehört nicht dieses überstürzte Denken, wie Marcus Steinweg es in Anlehnung an Nietzsche nennt, zur Philosophie unabdingbar dazu? Eine Philosophie, die wagt, sich aussetzt, manchmal auch dem Scheitern eines Gedankens sich exponiert. Was wiederum ihren melancholischen Anteil begründet. Alles Gute, Peter Sloterdijk, zum 70. Geburtstag, in kämpferischer, kritischer Entschlossenheit: Peter, der Kampf geht weiter!

PS: Eine schöne Würdigung in der „Berliner Zeitung“ schrieb heute Dirk Pilz.

59 Gedanken zu „„Kannst du dir Hegel vor dem Fernseher vorstellen?“ – Peter Sloterdijk zum 70. Geburtstag

  1. Himmel – Sieferle ist eine anerkannte Größe als Historiker – würde nichts von ihm bleiben, als sein Lesebuch Natur über die Geschichte der kulturellen Naturaneignung, so wäre er bereits haltbar bis 2099. Dieses Piper-Lesebuch gibt’s zur Zeit online für paar Fennje.

    Zu Sieferle noch Rüdiger Safranski kucken unter Deutschlandfunk. Beim himmel hoch zwei. (Und das ist nicht weit weg von Sloterdijk – beim veritablen Schwarzn Wald!

    Dann zurück schalten auf Normalatmung und – den Spiegel kaufen, wo Roman Leick doch tatsächlich ein überaus interessantes Interview mit Sloterdijk führt, in dem der sich der Goetheschen Maxime erinnert, die Doofen einfach auszureflektieren. – also bloß nicht mit ihnen streiten, das führt zu nix: Man soll sie ausreflektieren, bis ihnen schwwindlig wird. Sie lassens dann irgendwann von selbsst.

    Der Verweis auf Carolin Emcke, aber auch auf Assheuer und, füge ich noch hinzu: Münkler, Seibt und Hammelehle (Spiegel von letzter Woche) und der ebenfalls anders geistesgegenwärtigen Susanne Beyer (auch Spiegel letzte Woche – und jetzt von Safranski original abgewatscht) ist hier einschlägig.

    Noch ein Punkt: Ich meine Sloterdijks Regeln für den Menschenpark wie auch der Humanismusbrief wie auch Sieferles Natur-Lesebuch – insbesondere mit dem eminenten Text von Tobler, Ermatingen, betitelt Die Natur, den man lange fälschlich für einen anonymen Goethe-Text gehalten hat, so gut ist der – ich meine in der Tat, dass das alles ein Amalgam bildet, aus dem man sehr wohl die Zukunft z. B. der Grünen destillieren könnte – wenn man noch Piwitts schwarze Anthropologie mit einbezöge.

    Das ist alles eine wunderbare Arbeit für die Zukunft. mal sehen, wie aisthesis das alles – reflektiert.

    Anfänge wären da. – Anfänge, Exzerpte und ein Koffer voller Notizen, wie es bei – oho – – – HME so schön heißt…

  2. Ja, Safranskis Sätze zu Sieferle habe ich im Deutschlandfunk mir angehört. Schien mir vernünftig, was er dort äußerte. Was mir mal wieder zeigt und wie sich beweist: Zunächst muß man den Text, der da in den öffentlichen Diskurs gezogen wurde, lesen. Ähnlich wie bei Sloterdijks „Menschenpark“: Und liest man es dann, reibt sich der Leser verwundert die Augen, um zu konstatieren: Huch, das was Mohr und Assheuer da insinuieren, steht bei Sloterdijk aber gar nicht. Und zwar ganz und gar nicht Und das, mit Verlaub, ist schon nicht mehr unredlich.

    Was die Grünen betrifft, da mußte ich nun doch ein wenig auflachen. Es ist dies die Partei, die mich bisher am wenigstens interessiert und die ich bei ihrem gegenwärtigen Ansatz kaum wählen werde. Aber wer weiß, the times, they are usw. Zumal ja einer wie Robert Habeck, alter und neuer Umweltminister in SH, in Freiburg intensiv sich mit Heidegger beschäftigt hatte. Und auch ich denke, daß gerade in diesen Fragen zur Technik und zur Natur ein neuer Weg der Grünen aus der Krise heraus sich ergeben könnte. Aber das erfordert ganz sicher mehr Kretschmann, weniger Hofreiter, weniger Roth, weniger Göring-Eckardt und weniger Gendergaga. Insbesondere letzteres ist nämlich nur äußerlich linke Politik.

  3. Oh, Bersarin, man soll sich eben hüten, ohne Kenntnis über Leute zu urteilen, völlig d’accord mit dieser Feststellung, nur nicht mit Ihrer tollkühnen Seibt-Referenz in Sachen Sieferle weiter oben, und auch nicht mit Ihrer nassforschen Sieferle-Abkanzung grad hier. Herrgott.
    Jetzt also gilts Tobler – mit Sieferle, Sloterdijk, Safranski, Henrich, dem eminenten hessischen Querdenker und Jean-Paul u n d Tobler Vereherer Ulrich Holbein usw.!
    Robert Habeck weiß etwas über Heidegger – interessant – sehen Sie, derlei habbich gemeint, solche Sachen mein ich.

    Dann noch die UN-Prognose zur Entwicklung der Weltbevölkerung ankucken. Ist erneut nach oben korrigiert worden. Nigeria wird demnach n ein paar Jahrzehnten die gesamte EU überholen – allein Nigeria.

    Aber Gerd Müller, Bundeminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit von Baizuo-Merkels Gnaden, hat die perfekte Baizuo-Lösung: Wir müssen nur den Klimawandel stoppen u n d 20 Millionen Jobs schaffen in Afrika. Dann ist alles easy Alter, und Sieferle wird in Ruhe weiterschlummern können, ohne sich im Grabe um sich selbst zu drehen.

    Oh, ich vergaß zu sagen, was Müller mit den zwanzig Millionen Jobs in Afrika meinte, die „wir“ (Müller (CSU!)) nun von ihm persönlich aufgerufen sind zu schaffen: Es handelt sich dabei nach Müllers (CSU) Analyse um die Kleinigkeit von 20 Millionen Jobs in Afrika p r o J a h r , die „uns“ zu schaffen nun von Gerd Müller anempfohlen, wo nicht gleich auferlegt wird.

    Wer meint, dass das alles reale Überlegungen seien, der mag auch nur weiterhin die vollkommene Unvergleichbarkeit von Auschwitz unter Verweis auf die Deutsche Kollektivschuld hochhalten, und hoffen mit dieser Position zu beweisen, was für ein völkischer Leuteverderber Rolf Peter Sieferle wieder ist – oder war. Er (bzw. : Sie) hat dann allerdings Aussicht auf einen Platz an der Sonne, bevor sie auch an der Ericus-Spitze in HH endgültig untergeht: Er – oder sie – kann einen Job beim Spiegel bekommen, der die Aussicht auf 10 000 Euro+ im Monat eröffnet. Das ist nicht schlecht.

    Aha. Ein Tick weniger Sci-Fi -mässig als Gerd Müller, CSU, kommt Norbert Röttgen, CDU daher, der immerhin „nur“ der Ansicht anhängt, es sei an „uns“, endlich die Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa abzuschaffen – oder wenigstens zu bekämpfen. – Alles Nähere dazu steht allerdings wieder nicht im Spiegel, sondern haargenau: Bei Thilo Sarrazin, in dessen Standardwerk: Deutschland braucht den Euro nicht.

    Die schlechte Nachricht kommt hinterher: Sarrazin zeigt, dass Leute wie Röttgen nicht wissen, wovon sie sprechen, und er fährt belastbare Zahlen auf, die seine Behauptungen untermauern.

    Deshalb, wer sich ins Getümmel werfen will: Der lese den Artikel, den Sarrazin für den Plinkert (FAZ-Redakteur)-Band mit Merkel-Kritik geschrieben hat. Es ist dieser Artikel eine Blaupause für eine vernünftige Politik in Deutschland, aber auch in Europa, sag ich mal. Er steht in einer Zusammenfassung bei achgut.com gratis online.

    Für den Rest der Welt haben wir Baizuo-Merkel und – – Baizuo-Müller, in, aus Chinesischer Sicht – -perfekter Fremden-Blauäugigkeit (Baizuo) traut vereint.

    Dabei würde ich konzedieren, dass es beide gut meinen, sowohl Merkel, als auch Müller.

    Inwiefern das aber nichts heißt, wird bei Müller vielleicht noch einen Tick deutlicher, als bei Merkel selbst.

  4. Na ja, es ist insgesamt eine aporetische Situation. An vielen Problemen auf dieser Welt trägt der sogenannte Westen (und natürlich seine heheheheren Werte nicht zu vergessen) eine große Portion Schuld. Bei Agrarsubventionen angefangen, wo wir die afrikanischen Märkte fluten. Ebenfalls liegt Verschulden in jenen Ländern, die seit 50 Jahren und länger unabhängig sind. Und das ergibt dann ein übles Konglomerat.

    Im Grunde kann es nur einen weltweiten Marshall-Plan für die armen Regionen der Erde geben. Aber selbst dann wird sich nichts ändern, denn oft fliehen ja nicht einmal die Ärmsten der Armen, die haben nämlich kein Geld, Fluchthelfer zu bezahlen, sondern die Menschen, die es bereits zu etwas gebracht haben. Bauern verkaufen ihre Tiere, damit er Älteste nach Europa gelangt. Das nächste Jahrzehnt wird nicht das der Klimakatastrophe sein, sondern der Flüchtlingsströme.

    Es ist also konkret eine Frage, die sich stellt: Wie wollen wir uns dazu verhalten? Lassen wir Menschen ertrinken, krepieren, verrecken? Wer hier mit „ja“ antwortet, sollte sich dann in Zukunft alles Gerede von der Überlegenheit unserer (westlichen) Zivilisation und von der Würde unserer westlichen Werte ins Sonstwo hinstecken. Denn es ist auf dieser Welt ja nun nicht so, daß es so gar kein Geld gäbe und die Produktivkräfte nicht entfaltet genug wären, um Ideen zu entwickeln, wie armen Ländern geholfen werden kann, sich selbst zu helfen.

    Zu solchen lokalen Projekten auch der Subsistenzwirtschaft wird sicherlich che einges mehr sagen können.

    Aber dies sind freilich Aspekte, die von Sloterdijks Denken doch ein wenig weg- und abführen. Außer vielleicht, wir bewegten uns in den „Weltinnenraum des Kapitals“.

  5. Huch – von Sloterdijk weg? – Gar nicht! Er und Safranski sind in trauter Eintracht der Ansicht, man solle die nationalen Grenzen schützen. Außerdem bedachte Sloterdijk nicht nur Gott – sondern auch die irdischen Grenzen des (erst oft unpolitischen, aber schnell doch politischen) Zorns (cf. Koopmans, Collier etc. (R. Putnam)).

    Tote im Mittelmeer werden durch die offenen Grenzen produziert. Es ist sehr einfach.
    Verwickelt sind jene Gedanken, die dieser Einsicht entgegenstehen.

    Ich empfehle zur Verdeutlichung den Artikel von Alain Pichard zu diesem Thema vor ca. vier Wochen – er ist mit einem persönlichen Erfahrungsbericht dieses Grün-Liberalen Schweizerischen Hauptsschullehrers und Gemeinderats aus der Arbeiterstadt Biel verknüpft, der eine derbe Szene in Lanzarote an Weihnachten mit vielen Toten wiedergibt. Findet sich bei achgut.com.

    Zu der Frage „Auf Kosten der dritten Welt?“ empfehle ich Siegfried Kohlhammers gleichnamiges kleines Büchlein, das bei Steidl erschienen ist, freilich derzeit sehr schwer zu bekommen ist (am besten ausleihen).

    Leichter zu bekommen ist P. J. O’Rourkes Buch „Reisen in die Hölle“ – dort insbesondere der Aufsatz über Tansania („Wie man aus allem nichts macht“), aber durchaus auch die Texte über Albanien, den Libanon und den Krieg in Ex-Jugoslawien.

    Ich meine, man könne so wie Gerd Müller nur reden in einer besonderen Verfassung. Ich meine weiter, dies sei sozusagen der Deutsche Geist. Wohlmeinend, aber weltfremd. Es ist ein bißchen komisch und ein bisschen zum Fürchten.

    Der Hollywooder Blogger Steve Sailer fordert heute Barrack Obama auf, sich gegen das vollkommen unsinnige Afrikanische Bevölkerungswachstum zu engagieren. Zeit und Geld hätte der, die richtige Hautfarbe für Afrika hätte er auch, sogar die richtige Kinderzahl und die richtige Anzahl Ehen hat er. Schlecht ist, dass auch er sich, wie Hillary, mit dem großen Geld verbandelt. Das große Geld aber ist leider für das unsinnige Bevölkerungswachstum – in trauter Eintracht nicht nur mit muslimischen, sondern auch mit einer erheblichen Anzahl christlicher Autoritäten, darunter Papst Franziskus, der andererseits dieser Tage offenbar ein italienische Abtreibungsbefürworterin mit viel Lob bedacht hat.

  6. Nein, Tote werden nicht durch offene oder geschlossene Grenzen produziert, sondern durch die Fluchtumstände, die ihre Ursachen in den entsprechenden Regionen haben. Wenn man Menschen übers Mittelmeer kostenlos nach Europa übersetzte, gäbe es keine Toten im Mittelmeer. Nur so als Gegenargument, um zu zeigen, daß es in dieser Weise nicht funktioniert. Keine schlechte Idee eigentlich. Doch selbst wenn man das täte, halte ich eine bedingungslose Grenzöffnung nicht für sinnvoll, sondern vielmehr ein Einwanderungsgesetz. Kein Kontinent der Welt wird eine Millionenvölkerwanderung überstehen. Allerdings war ich schon als es mit dem Schengenraum anfing gegen ein Europa der offenen Grenzen. Man befrage heute mal die Menschen in Brandenburg und Sachsen, die in der Nähe der Grenze leben. Diebstahl von Großmaschinen, ganze Viehherden verschwinden. Die Existenz des Landwirtes ist im Arsch.

    Richtig ist allerdings, daß es eine radikale Geburtenkontrolle geben muß. Über die Form ist nachzudenken. Weiterhin ist Bildung ein wesentlicher Faktor, Ausbildung der Führungseliten, Kampf gegen Korruption und Selbstbereicherung. Aber das alles geschieht nur peu a peu. Wir werden es nicht mehr erleben, und wie lange hat Europa gebraucht, um zu dem zu werden, was es nach dem WWII wurde.

    Empfehlenswerter übrigens als Sieferle, mit dem ich zu lesen anfing, und der in seinen Argumenten völlig unbefriediegend ist, da sitzt leider vieles schief und ist von einem Ressentiment getragen, das die korrekt geschilderte Problemlage überdeckt, ist Nida-Rümelins neues Buch „Über Grenzen denken“. Auch er optiert nicht für eine Grenzöffnung. Sehr wohl aber für eine umfassende Änderung der Politik. Sieferles Buch hätte es gutgetan, seinen ideologischen Ballast über Bord zu werfen und sich mehr auf die tatsächlichen Probleme zu fokussieren statt auf Mutmaßungen, was in zehn Jahren wie sein könnte. Glaskugeln sind für Sachliches kein gutes Werkzeug, der Verstand ist da geeigneter. Wichtiger ist es, darüber nachzudenken, was jetzt ist. Und in diesem Sinne sind dann ja auch wieder die Überlegungen von Sahra Wagenknecht interessant und richtig. Da kommen wir dann schon eher zusammen.

  7. Ok, Sie lesen Sieferle – wie ich annehme das (viel wichtigere…) „Das Migrationsproblem“.

    Zehn Jahre liegen innerhalb des Horizonts, wo sinnvolle Prognosen möglich sind. Zehn Jahre sind gut.

    Ich sage nochmal: Wer es schafft, das im achgut.com Gewirr z lesen, der lese Alain Pichards Artikel über die Mittelmeertoten. Er ist überragend (früher hätte sowas stantepede im Spiegel gestanden – früher haben die kapiert, dass sie von solchen Gedanken-provozierenden Texten leben).
    Heute schreiben da Leute wie Sebastian Hammelehle und Susanne Beyer und – auch sehr uninspiriert, Klaus Brinkbäumer. Nun gut, wird das Spiegel-Schiff halt untergehn.
    War schön, früher. Fuhr gut, das Schiff,als Augstein noch Großtaten riss, wie die Besprechung von Eisslers 1500 seitiger Biographie – nein – nicht von Goehtes Leben, sondern von zwanzig jahren von goehtes Leben. Ok – sowas kann man nicht bestellen und dann abholen, sowas müsste man pflegen,und wenns nicht gepflegt wird, geht das ein. Auch Augstein kann man ja nicht backen, das geb ich zu.

    Verflixt: Hier geht’s weiter: Man kann versuchen, die Fluchtursachen zu bekämpfen. Nichts dagegen. Auch nichts gegen ein Einwanderungsgesetz. Überhaupt nicht. Kurt Becks Vorschlag von Montag dieser Woche ist doch als Dskussionsvorschlag gut: Betrachten wir mal, wie das die Kanadier machen. Ich füge hinzu: Betrachten wir doch auch in aller ruhe, wie das die Japaner, die Koreaner, die Chinesen, die Singapurerinnen machen. Und was sie erleben mit ihren Einwanderern und so weiter. D’accord – ! – – ? – –

    Was aber „follgomn valsch“ wäre: Zu glauben, dass z. B. ein nationales Einwanderungsgesetz hier bei uns oder auch in der EU auch nur ein Prozent des Migrationsdrucks abwettern würde.

    Korruption zu bekämpfen scheint desto schwerer zu sein, je näher die Leute verwandt sind, auch in Afrika.

    Wer sich einen aktuellen statistischen Überblick verschaffen möchte über den Migrationsdruck und das Bevölkerungswachstum in Schwarzafrika, der schaue auf isteve. Steve Sailers blog auf der Seite von Ron Unz. Steve Sailer ist sehr auf den Punkt, wie immer, aber diese Woche eben mit Schwerpunkt Afrika.

    PS – es gibt da auch einen interessanten Artikel über Japan. Steve Sailer, isteve, gestern.

    Wer versteht, versteht vielleicht auch, weshalb die Welt ästhestisch zu rechtfertigen nicht per se amoralisch wäre, sondern im Kern mit der Frage nach dem guten Leben verknüpft ist.

  8. Hier ist der Steve Sailer link mit den aktuellen Bevölkerungsentwicklungsdaten von Afrika und dem Japan-Artikel, der darüber geht, wie die im Kern sozialdemokratische japanische Wirtschaftspolitik seit der epochalen Krise in den Neunzigern zu einer Stabilisierung des Wohlstands daselbst geführt hat – ohne die hysterischen Schirrmacher- (und Klonovsky- und BDI-) Ideen, von wegen, „wir“ sterben aus, bzw. implodieren wirtschaftlich, wenn wir die Immigration nicht forcieren).

    Was sie in Japan aber forcieren, sind nach wie vor die STEM-Fächer, die man hier schleifen lässt. Resultat: Japanische Schüler sind den Deutschen in Mathematik z. B. schlappe zehn mal überlegen (die näheren Zahlen hat Heinsohn).

    http://www.unz.com/isteve/

  9. Stimmt. Wie konnte doch der melancholische Ton der Elmauer Rede überhört werden, wo es um den Humanismus der Renaissace geht. Zumal, wenn wir uns den Schluss noch einmal ansehen. „Für die wenigen, die sich noch in den Archiven umsehen, drängt sich die Ansicht auf, unser Leben sei die verworrene Antwort auf Fragen, von denen wir vergessen haben, wo sie gestellt wurden.“ Ein paar Absätze davor: „Was uns an Stelle der Weisen blieb, sind ihre Schriften in ihrem rauhen Glanz und ihrer wachsenden Dunkelheit; noch immer liegen sie in mehr oder weniger zugänglichen Editionen vor, noch immer könnten sie gelesen werden, wenn man nur wüßte, warum man sie noch lesen sollte.“

    Aber jetzt, da ich zum ersten Mal die Rede lese, bin ich fast erstaunt darüber, wie wenig Grund sie eigentlich zur damaligen Aufregung hätte geben dürfen. „Sloto vs. Habermaus“ in einer Gedankenblase Sloterdijks, der auf einem Sofa lag, war in einer Karikatur von Greser & Lenz damals zu lesen. Stellte sich „Sloto“ den Slogan als BILD-Überschrift vor? Ich weiß es nicht mehr (nicht mehr zu verifizieren). Mehr gab es offensichtlich nicht zu sagen. Damals machte ich mir allerdings zu allererst Sorgen um die Rechtschreibreform – und las, wenn das Geld reichte, ausschließlich FAZ. Erasmus, Montaigne (verspätet: Robert Burton) haben mich, gerade als ich Sloterdijk las (damals i.d. frühen bis mittleren 90ern), begleitet.

    Wenn aber nun, wofern wir diese Melancholie Solterdijks uns gegenwärtig halten, Manfred Frank in seiner Antwort im September 1999 schreibt,

    „So bleibt das Dasein im Brief über den ,Humanismus‘ zwar ’nicht der Herr des Seienden‘, wohl aber der ‚Hirt des Seins‘. Diese ontologische ‚Pastorale‘ gilt es nunmehr – meinen Sie – durch Radikalisierung der Absage an den Humanismus zu entharmlosen, aber ebenso, dass keinerlei Moral die Berufung des Hirten zur Wahrung seiner Wahrheit normativ anleitet“,

    so verkennt er, dass Sloterdijk keineswegs Heideggers „Antihumanismus“ – den Frank offenbar Sloterdijk unterstellen will – „radikalisieren“ will, sondern im Gegenteil Heideggers Kritik des Humanismus, wie ihn Sloterdijk – melancholisch – interpretiert, als obsolet betrachtet. Sloterdijk stellt die Frage, was noch den Menschen zähme, wenn der Humanismus als Schule der Menschenzähmung scheitert, nicht als radikalisierende Heideggers Absage an den Humanismus, sondern einfach weil Heidegger sie nicht stellte oder zu stellen vermochte und weil neue Formen der Anthropotechnik diese Frage unvermeidlich mach(t)en.

    Mir scheint hier eine versuchte – implizite – Rückbindung Sloterdijks an Heidegger am Werke zu sein. IMHO vollkommen misslungen:

    „Eine für Sie wesentliche Gemeinsamkeit beider Denker (Sloto u. Nietzsche) liegt in ihrer entschlossenen Abweisung aller normativen Skrupel. Der eine orientiert sich, wie gesagt, an den rational nicht rekonstruierbaren Schickungen/Lichtungen eines unverfüglichen Seins; der andere an, wie er sie nennt, ‚physiologischen Zwängen‘, die ebenso wenig vernünftig hinterfragbar sind.“

    Das lässt sich beim besten Willen nicht aus der Rede rekonstruieren.

    Sloterdijk nimmt Nietzsche ganz einfach radikal biologistisch, indem er an die von dem Biologen Adolf Portmann (mit) angestoßene Philosophische Anthropologie und den Begriff der physiologischen Frühgeburt anschließt: Durch diese Vorverlegung der Geburt finden Entwicklungsprozesse eingebettet in eine soziokulturelle Umgebung statt und durch diese Angewiesenheit des Menschen ist er für soziale Kontakte und Umwelteinflüsse offen. Und diese Offenheit ist für Portmann die Voraussetzung für kulturelles und geistiges Lernen. – Für Nietzsche Grundvoraussetzung zur „Kleinzüchtung“. Sloterdijk zufolge bleibt uns der Trost, dass wir, „domestiziert“, sesshaft geworden, aus dem Fenster hinausschauen können: „Es gibt eine von Heidegger resolut ignorierte Geschichte des Heraustretens des Menschen in die Lichtung – eine Sozialgeschichte der Berührbarkeit des Menschen durch die Seinsfrage und eine historische Bewegtheit im Aufklaffen der ontologischen Differenz. (…) Denn daß der Mensch das Wesen, das in der Welt ist, werden konnte, hat gattungsgeschichtliche Wurzeln, die sich andeuten lassen durch die abgründigen Begriffe der Frühgeburtlichkeit, der Neotenie und der chronischen animalischen Unreife des Menschen. Man könnte so weit gehen, den Menschen zu bezeichnen als das Wesen, das in seinem Tiersein und Tierbleiben gescheitert ist.“

    Ich sehe es also anders, als dass sich „Sloterdijks Skizzierungen zum Menschenthema im Rahmen einer Anthropologie kritisieren“ ließe, und zwar „als eine Art Ontologisierung des Mängelwesens Mensch“, wie es oben im Blog heißt. Mit Nietzsche – und meinetwegen „biologistisch“ – umreißt er eben gerade kontra Heidegger eine Nicht-Onto-Anthropologie.

    „Sloto vs. Habermaus“ – die Lust am Provozieren, ein gewisser Größenwahn, die Fabulierungslust – all sowas kann einen gebildeten Baghwan/Osho-Schüler nicht schockieren. Finden wir alles bereits bei Osho. Osho wollte doch tatsächlich in seinen eher umnachteten letzten Jahren den damaligen Papst zum Disput herausfordern; ja, er phantasierte von einer genetisch optimierten Sannyjasin-Kaste (die können besser meditieren) und so weiter. Sloterdijk ist ein Osho-Schüler. Ich sehe seine „Fabulierungslust“ eher als eine raffinierte der seines indischen Meisters, an die intellektuelle Szene Deutschlands angepasst.

    „Sie machen Religion für die Reichen?“ – „Na und? Die einen machen Religion für die Armen – ich mache Religion für die Reichen!“

  10. Nur kurz, da ich unterwegs bin:
    @ Dieter Kief: Den Spiegel (Online) zu lesen, ist in etwa so wie die Bild zu lesen. Produktion von medialem Mainstream. Solchen „Zeitungen“ kann man nur den langsamen finanziellen Untergang wünschen.

    @ ziggev: Die Skandalisierung dieser Rede ist ja eigentlich nur ein Vorgeschmack auf kommende, für uns nun gegenwärtige Zeiten gewesen. Hysterisierung von Diskursen. Die von Dir aufgeführten Zitate zeigen doch eigentlich ganz gut Sloterdijks Fundamentalanthropologie. Was womöglich nicht ausbleiben kann, wenn man als Denker in den groben Züge skizziert. Interessant ist auf alle Fälle Sloterdijks Gedanke der Menschenzähmung. Und vor allem berechtigt. Denn in uns steckt zugleich die Bestie, von den Schimpansen übernommen und mitgeschleppt. Gestern hörte ich in einem Vortrag von der Grausamkeit der Schimpansenkriege. Wenn verschiedene Clans sich bekämpfen. Das kommt dem Menschlichen sehr nahe. Da werden nicht nur die Kinder der gegnerischen Seite getötet, sondern zudem noch gegen einen Baum geschlagen, daß gut sichtbar das kleine Affen-Gehirn nach allen Seiten hin verspritzt.

  11. @ ziggev und Bersarin

    Ok – ich bin einverstanden mit der Enthysterisierung dieser einen Sloterdijk-Äusserung. Obwohl ich die Seel-Einwände gegen Sloterdijk damals noch gut im Ohr habe. Seel sagte: Er hat sich weit vorgewagt, offenbar zu weit vorgewagt, und soll sich nun nicht wundern.
    Es war die Elmauer eine (späte) Sturm- und Drang Äusserung. Das geheime Motto: Viel Feind, viel Ehr. Marin Walser hat das übrigens sehr gut verstanden. Aber selbst der musste dafür büssen…

    Komisch, dass die Affenverherrlichungen solche Urstände feiern konnten. Es war eine irre Zeit. Jemand könnte eine dolle – rabenschwarze – Komödie machen aus diesen Sachen – einschließlich der sozuagen wissenschaftsoffiziellen Delphin-Verehrung im Namen von Wilhelm Reich usw., ach du lieber Himmel, was ein krudes – und lächerliches (=Komödie) Zeug!

    Und der Baghwan, bei all seiner Frechheit, war ja auch Teil dieser Irrungen – wie könnte es anders sein. Ein Groß-Zyniker – im Grunde auch im Namen Reichs – ach Du lieber Himmel, was ein krudes – und lächerliches (!) Zeug.
    (- Jetzt fällt mir etwas ein wenig Abseitiges ein: Hat sich Reich-Ranicki auch wegen Wilhelm Reich umbenannt? – Das wäre dann der sexualistische Sozialrevolutionär als ehedem stalinistischer Spion. Oh jemine).

    Worauf ich hinaus will: In dem von mir schon gepriesenen Spiegel-Gespräch diese Woche, das ich selbstverständlich analog gelesen habe, wenn auch ambulant, auf der Bodensee-Fähre Hegau, an einem dieser plärrend schönen Sommertage hier am See, die einem die Tränen in die Augen treiben können, führt Sloterdijk seinen anthropologischen Gedanken einer (mir jedenfalls) hochwillkommenen Konkretisierung zu, indem er auf eine Sache zu sprechen kommt, die nun in der Tat deutlich zu kurz kommt heutzutage: Er verweist auf die praktischen Konsequenzen einer sozusagen nicht-delphinistischen und nicht-schimpanzenanbetenden Denkschule, die deshalb versteht, dass gesellschaftliche Ordnung nicht von selbst entsteht und – Foucault-Anhänger und soweiter jetzt ganz tapfer sein: – Ihren guten, ja sogar notwendigen Sinn hat.

    Es ist der raubtier-tingierte Naturzustand ohne staatlichen Ordnungswillen (ich führe das nicht aus – aber ich empfehle noch einmal, zum Kiosk zu marschieren, und den aktuellen Spiegel mit dem Sloterdijk-Gespräch zu kaufen): Also: Man soll vom Staat nicht zu schlecht denken. Er ist, sagt Sloterdijk, in der modernen Welt die beste Versicherung gegen die brutalen (=naturhaften) Kontingenzen, wo nicht sogar Tendenzen, die eben auch eine Rolle spielen. Und keine kleine.

  12. Man muss ihm keinen Faschismus und ähnlichen Unfug andichten, aber Sloterdijk hat sich schon mit der Kritik der zynischen Vernunft 1983 vom Projekt der Emanzipation des Menschen verabschiedet und war genau aus diesem Grund schon damals Kultautor für Alt-68er, die sich damals affirmierend zum System hin wendeten.

  13. Als explizit kritischen Theoretiker (dieser Gesellschaft) würde ich Sloterdijk ebenfalls nicht betrachten wollen. Aber doch als (manchmal instruktiven und originellen) kritischen Denker. Und er legt zudem einen Finger auf die Wunde jener zweiten und dritten Generation der Kritischen Theorie (also wesentlich Habermas, Honneth, Seel, Menke), wenn er sagt, daß die kritische Theorie vom Schlage Adornos tot sei, daß es sich bei dem, was gegenwärtig praktiziert wird, nämlich schon lange nicht mehr um eine Kritische Theorie im emphatischen Sinne handelt. Was also die Ideologien und die Oberflächenspannungen betrifft, hat sich einiges verschoben.

    Dazu auch Peter Trawny in seinm Buch über Adorno: „Was ist deutsch“: „Habermas‘ Projekt, die aktuelle Frankfurter Schule überhaupt, ist ein Diskurs von Professoren, der sich nur insofern ein besonderes Profil verleihen kann, als er in Exzellenz-Initiativen erfolgreich ist. Theorie um ihrer selbst willen wird ausgestattet mit großzügigen Posten. Damit aber erlangt der Diskurs noch keine gesellschaftspolitische Relevanz. Im Gegenteil. Er wird nicht weniger esoterisch als das von Habermas so häufig abgekanzelte Heideggersche Denken. Was universitätspolitisch äußerst effektiv funktioniert, ist ‚lebensweltlich‘ irrelevant geworden.“

  14. Der Alltagshistoriker Alf Lüdtke hat das mit dem Begriff „Mandarintum“ auf den Punkt gebracht: Professoren als selbstreproduzierende Kaste.

  15. Ja und nein. Einerseits gibt es eine merkwürdige Abgewandheit von der Welt, andererseits ist diese Arbeitsteilung, die Freiheit der Forschung eben nötig, um Theorie zu bilden. Zumindest von der Form her gedacht. Ob dabei vom Inhalt immer Gelungenes herauskommt, ist eine zweite Frage. Aber auch hier würde ich sagen, daß die Verwertungslogik nicht das Primat abgeben darf, denn ansonsten macht man genau das, was man bei den gesellschaftlichen Verhältnissen kritisiert, nämlich die zweckrationale, instrumentelle Vernunft zu bedienen. Insofern ist es schon sinnvoll, daß Wissenschaftler die Möglichkeit haben, in dieser Form zu arbeiten. Problematisch sind sicherlich die Seilschaften und die Selbstreproduktion. Das stimmt wohl. Insofern sehe ich es als ein dialektisches Verhältnis. Herbert Marcuse etwa, um in die Antike der BRD zu greifen, gehörte ja durchaus zu diesen engagierten Professoren, die keine Mandarine sein wollten.

  16. Nein, das Professorentum an sich meinte Lüdtke nicht. Sondern die Seilschaften, das Ticketdenken das an Jargon festgemacht wird, die Ausgrenzung von Querdenkern. Das hysterische Gekeife, das heute zum Obertum der Moralischen Linken gehört wäre ohne die Kanonisierung und herrschaftliche Etablierung von Habermas und Co nicht denkbar. Sloterdijk hat eine richtige Kritik daran, trotzdem ist seine Antwort insgesamt gesehen falsch. Das ist etwa so – ich weiß, dass das ein sehr gewagter Vergleich ist – wie die Böhsen Onkelz im Verhältnis zum Diskursrock von Tocotronic.

  17. Was das Ticketdenken betrifft und vor allem, daß abweichende Meinungen bzw. Querdenker ausgegrenzt werden, da kann ich nur zustimmen.

    Sloterdijk läßt sich in seiner Philosophie nicht einhegen. Da steht er ganz in der Tradition Nietzsches. Und er ordnet sich ebensowenig in das bekannte Schema recht/links ein – insofern ist dann auch der Musikvergleich eher äußerlich, weil er bereits eine solche Einordnung voraussetzt. Und in diesem Sinne unterläuft auch Sloterdijk das Ticketdenken, ist teils provokant. Aber Provokation fordert eben das Denken heraus. (Leider kommt da sofort der Beißreflex der Linksmoralisierer wie Assheuer oder Schlimmeres, wie die evangelikalistische „Linke“ à la Mädchenmannschaft.) Man kann bei Sloterdijk jedoch antikapitalistische wie auch systemstabilisierende Gedanken finden. Originelles, in viele Metaphern verpackt, und manchmal sicherlich auch Banales. Was ich nicht weiter schlimm finde, denn wer sich im Denken aussetzt und Philosophieren als Experiment begreift, als Versuch nimmt, der faßt halt auch einmal daneben. Ganz im Sinne Adornos: Denken, daß sich aussetzt und zuweilen damit dem Scheitern exponiert.

    Seine Idee zu gebenden Hand bei den Steuern, klingt zunächst nach einem Skandal. Paternalistisch teilt der Gutsherr ein Almosen an die Armen zu. Am System, an den Produktionsverhältnissen ändert sich nichts. Trotzdem, wenn man diesen Gedanken einmal versucht, unter einer anderen Optik zu sehen und ihn ins Generelle wendet, kommt dabei womöglich so etwas wie der Ansatz einer Generösität heraus bzw. es lassen sich gut parallelen zum (doch eher von links her kommenden) derridaschen Denken einer Ethik der Gabe, des Gebens ausmachen.

    Mein Fazit also: Ich finde nicht alles von Sloterdijk gelungen, aber es ist anregend ihn zu lesen. Sein „Roman“ oder Dialogessay „Das Schelling-Projekt“ ist als Roman problematisch, hat stellenweise etwas Altherrenhaftes. Aber das ist gar nicht so schlimm, weil im Text immer wieder gute Einfälle und Ideen eingebaut sind. Witz und Ingenium, Einbildungskraft und Metapherntrieb (in Nietzsches Variante) sind bei Sloterdijk auf eine angenehme Weise ausgeprägt.

  18. ZUm Gekeife gibt es ein gutes Interview mit dem amerikaniscchen Soziapsychologen Jonatahn Haidt in der NZZ vom Samstag. War Samstag online. Da ist aber nicht von Habermas die Rede, sondern von Foucault und Derrida (wenn auch implizit, so doch sehr deutlich). E ist die Idee, der Unschuld: Dass man selber unschuldig sei, die Welt da draussen aber sehr verweflich. Es ist eine adoleszente Weltsicht. Habermas ist denen zu kompliziert. Ironsicherweise war das ein Vorwurf in Habermas‘ Tochters Freundes- bzw. Bekanntenkreis: Habermas sei zu kompliziert.

    Sloterdijk wäre eher das Gegenbild des Mandarins.

    Die Mandarin-Metapher hat übrigens in den USA in den siebzigern eine (aus dortiger Sicht viel kleinere als aus hiesiger Sicht, aber immerhin) Karriere gemacht. Hauptthese: Die Mandarine von Weimar sind schuld an Hitler. Die viel naheliegendere Idee, zu schauen, wie denn damals links und rechts traut vereint die Republik zerstört haben, war noch zu toxisch, also wurde sie links liegen gelassen.

    Also: Sloterdijk spricht zu einem Publikum und er hat (begründete) Ansichten zu drängenden aktuellen Fragen (siehe Spiegel-Interview von letzter Woche) – es gab gerade einen Kongress zu all diesen Dingen über drei Tage in Karlsruhe: Eintritt frei. Jeder kann mitmachen: Wie gesagt: So ziemlich das Gegenteil von Mandarin-Verhalten.

  19. @“ Die viel naheliegendere Idee, zu schauen, wie denn damals links und rechts traut vereint die Republik zerstört haben,“ war nicht toxisch, sondern das, was in den USA wie in der BRD als staatstragende Ideologie, als Kalter-Kriegs-Doktrin von den Fünfziger bis in die Siebziger Jahre Ex Cathedra verkündet bzw. im staatsbürgerlichen Unterricht der Bundeswehr und später im Gemeinschaftskundeunterricht gelehrt wurde. In der Vulgär-Politikwissenschaft der Führungsakademien wurden solch eigentlich völlig unvereinbaren Theoriegebäude wie die von O´Butler, McGovern und Shirer (der Nationalsozialismus als eine deutsche Mentalität, die sich geradlinig von Luther über den Dreißigjährigen Krieg und Friedrich II. bis zu Hitler verfolgen lässt) und Hannah Arendt zusammengerührt, um die Unschuld der demokratischen Mitte gegenüber dem „Extremismus“ zu zementieren. Ein Sebastian Haffner, der die Geburtswehen der Weimarer Republik und die Verstrickung der SPD in den Freikorpsterror analysierte wurde als Nestbeschmutzer denunziert.

  20. @che2001
    Es war Lenins Anweisung an die Weimarer Kommunisten, nicht mit den Sozialdemokraten zu koalieren. Hätten sie koaliert, Hitler wäre Geschichte gewesen.
    Narzissmus der kleinen Differenz (Freud, ehem). Ergebnis: Die Ehre ist wichtiger als das Wohlergehen.

  21. Oh – und hier noch die die unaufhaltsamen Fortschritte der Werktätigen im Kampf gegen die staatliche Unterdrückung ihrer Identität und Einschränkung ihrer inneren Vielfalten (=Terror durch gesellschaftlich determinierte Gewaltstrukturen gegen die Freiheit der Selbstbestimmung in Gender-Fragen) – es wird im Namen des anti-Gewalt-Kampfes und der Antirepressiven Initiativen unter dem Regenbogen alles immer besser – den Freiheitskampf in seinem Lauf/ Hält weder Ochs noch Esel auf… Vive la DifférA/Ence!
    .
    http://www.sacbee.com/latest-news/article159550519.html

  22. Solange Rosa Luxemburg noch lebte hätte sich die KPD niemals auf „Anweisungen“ Lenins eingelassen, sie hatte für das „Zentralkomittee“ in erster Linie Spott übrig. Die moskauhörige KPD war bereits Ergebnis eines Niedergangs, den der Verrat der SPD an der Soldaten- und Matrosenrevolution vom Dezember 1918 eingeleitet hatte.

  23. Was indes die Merkwürdigkeiten queerfeministischer Extremausleger mit der Klassenkampfperspektive der Traditionslinken zu tun haben sollen erschließt sich mir nicht.

  24. Danke für die Hinweise, che. Vor allem dieser Satz: „Ein Sebastian Haffner, der die Geburtswehen der Weimarer Republik und die Verstrickung der SPD in den Freikorpsterror analysierte wurde als Nestbeschmutzer denunziert.“

    Und selbst ein Sozialdemokrat wie Brandt, der ins schwedische Exil fliehen mußte, wurde noch bis tief in die Adenauerzeit hinein und darüber hinaus auf eine widerliche Weise als diffamiert. Es paßte einigen wohl nicht, daß es auch andere Optionen gab als dazubleiben.

  25. Naja, das ist jetzt aber nicht strittig, ich meine Brandt. Der Bluthund Noske – und dann eben die desaströse Moskauhörigkeit. Gründe gibt es immer, klug war das nicht. Die Leninisten haben das falsche Schwein geschlachtet.

    Die Gender-Queer-Dackel sind Fleisch vom sozusagen fundamentalistsich-herrschaftskritischen Schlag, und insofern mit den Zerstörern der Weimarer Republik von links verwandt. Es ist wie ich oben sagte: Es geht um die Ehre oder eine imaginäre Herrschaftsfreiheit eher als um die Einsicht in die Notwendigkeit. Das verbindet die Überlegungen hier mit Sloterdijk und seiner Kritik am sozusagen leerlaufenden Internationalismus – und der ist das ideologische linke Fundament der Migrationsverirrung (=Theorie und Praxis der offfenen Grenzen – ich weiß nicht ob ich das nochmal sagen will, wahrscheinlich noch erinnerlich, aber zwei der Fortschreiber der Kritischen Theorie, die ich schon öfter hier verlinkt habe habe, Menke und Seel, vertreten die offenen Grenzen aus Sicht eines Linkshegelianismus offensiv und ohne Pardon.

    Sloterdijk ist gegen diesen – ich sage jetzt mal salopp – patentierten Frankfurter Internationalsimus und vertritt stattdessen die die rechtshegelianische Idee, die Herrschaftverhältnisse aus praktischen Gründen so zu lassen wie sie sind, sie also nicht im Sinne einer menschenrechtlichen Universalisierung zu reformieren, und sich der gegebenen Herrschaftsverhältnisse auch nicht zu schämen nach dem allerdings und entschieden konservativen Motto: Nur weil etwas funktioniert, ist es weder verwerflich noch schlecht. Und das gilt eben selbst für Staaten (und deren Grenzen).

    Die Gender-Queer Idee ist dagegen so beschaffen, dass man – eben wie das Heranwachsende gerne tun, alle Differenzen (= alle Differenzierungen und Traditionen (Insbesondere diese: Das Hergebrachte) – mit der Unterdrückungs- und Herrschaftsidee verrechnet, sodass zum Schluss die Willkür – auch gegenüber biologischen (seufz) Fakten aus prinzipiellen (=emanzipativen cf. den mittleren Marcuse, wo er komplett deppert ist)) Überlegungen heraus gerechtfertigt ist. Selbst die Willkür.

    Herwanwchsenden-Denke ist das deshalb, weil es die prinzipielle Differenz zwischen dem Ideal und dem Leben (Schiller und Goethe, aber auch Kant und Hegel…) nicht anerkennt. Und das gibt dann eben Irrsinn im Quadrat im Namen der Linken.

  26. Che, das lese ich aber aus dem letzten Post von Dieter Kief nicht heraus. Seine Kritik des Gender-Queer trifft es auf den Punkt: Heranwachsenden-Denke. Nebenbei halte ich, und da würde ich Dieter Kief kritisieren, diese Gender-Dackel-Positionen nicht einmal für links, sondern schlicht für voraufklärerisch und evangelikal. Auch ich denke, daß wir alles, wirklich alles dafür tun müssen, damit solche wie lasersushi, Tugendfurie, Nadine Lantzsch, ein uns beiden bekannter (eher ehemaliger) Blogger, Stokowski und einige andere auch weiterhin marginal und Minderheit bleiben.

    Das, was ist, ist bereits schlimm. Das, was kommen würde mit solchen Leuten, wird um einiges Schlimmer.

  27. Was die von Dieter Kief angeführte Sloterdijk-Position angeht, sehe ich es einerseits unter genau dieser Optik und andererseits mit den Augen Adornos und Benjamins. Insofern auch mein Adorno-Zitat:

    „… in allen Bewegungen, welche die Welt verändern möchten, ist immer etwas Altertümliches, Zurückgebliebenes, Anachronistisches. Das Maß dessen, was ersehnt wird, ist immer bis zu einem gewissen Grade Glück, das durch den Fortschritt der Geschichte verloren gegangen ist. Wer sich ganz auf der Höhe der Zeit befindet, ist immer auch ganz angepaßt, und will es darum nicht anders haben. Durch dies anachronistische Element ist aber zugleich auch der Versuch der Veränderung selber, eben weil er hinter den Verhältnissen eben so viel zurück wie ihnen voraus ist, immer auch aufs Schwerste gefährdet, und setzt sich bei denen, die es am wenigsten nötig haben, dem Vorwurf aus, reaktionär zu sein.“

    That’s it!

  28. PC ist – ehe: „historisch“ (HME) – – – „einwandfrei“ (EH) links. Und bediente sich in seinen Anfängen in den 80igern bereits des Denkens von Herbert Marcuse und Foucault und Derrida und Deleuze Guattari und Lyotard usw.
    Man mag das kritisieren, so wie ich (hehe) oder halt auch andersgelb oder anderswie kritisieren, aber ich denke der Ausgangspunkt der PC Denke ist hundertpro da. Goffman wäre noch zu nennen und die aufkommenden Feministinnen usw.

  29. In der Gegenwart läuft das PC wie folgt ab: Äußert einer – bspw. Michael Kleeberg in der Frankfurter Poetikvorlesung – Kritisches oder will bestimmte Aspekte bedenken, so wird das zunächst mal als bedenklich rechts gelabelt – ein Problem nebenbei mit dem sich auch Safranski und Sloterdijk rumzuschlagen hatten. Beklagt man dann und kritisiert diese Moralisierung von Diskursen und sagt, daß damit eine bestimmte Form von Kritik ins Abseits, in die ideologische Schmuddel-Ecke gerückt würde, heißt es: „Ihr beklagt Zensur, dabei wird doch gar nichts zensiert. Der Mann kann doch frei sprechen und sagen, was er will. Nur muß er sich eben gefallen lassen, kritisiert zu werden.“ Schon richtig, jeder darf alles sagen, und ich beklage auch nicht direkte Zensur. Vielmehr erfolgt diese indirekt: Die Leute sollen im Kopf bereits die Schere ansetzen. Und wer etwas Falsches, nicht Genehmes sagt und nun nachweislich kein Faschist ist, wie Kleeberg, Safranski (und vermutlich sogar Sieferle), der muß dann halt damit rechnen als Nazi oder wahlweise als islamophob gelabelt zu werden. Über diese Mechanismen berichtet immer wieder gut Harald Martenstein. Hier auch in diesem Interview über politische Korrektheit.

    http://www.echo-online.de/vermischtes/leben-und-wissen/harald-martenstein-im-interview-ueber-political-correctness-mainzer-fastnacht-und-feminismus_18002225.htm

  30. @Dieter Kief, da haben wir eine Schnittmenge, aber nur teilweise. Weder ist PC zwangsläufig links, noch ist die Linke zwangsläufig PC. Es gibt auch eine non-pc-Linke, sogar Anti-pc-Linke, zu der ich mich selber zähle und zu der zweifellos die usprüngliche Titanic-Redaktion in den 1980ern zählte. Es gibt politisch korrekte Leute die christlich-konservativ sind (die regen sich über Verstöße gegen Höflichkeits- und Benimmregeln und sexuelle Libertinage auf und hegten in der Vergangenheit eine zum moralischen Grundprinzip erhobene Verbindung aus westlicher Bündnistreue und Pro-Israelismus), es gibt in den USA auch christliche Fundamentalisten, die für sich reklamieren, politisch korrekt behandelt werden zu wollen (Stichwort „Achtung religiöser Gefühle“). Ein Posting bei mir zu letzterem Thema entgleiste einmal so gründlich wie das irgend gehen kann:

    https://che2001.blogger.de/stories/1400267/#1410227

    An sich geht PC in den USA auf die Bürgerrechtsbewegung, nicht auf die Arbeiterlinke zurück un entstand nicht zuletzt im Kontext einer Verbindung aus Multiethnizität und dem Nebeneinander von durchaus auch in der politischen Sphäre agierenden religiösen Minderheiten und Sekten, ist in einem pietistisch bis evangelikal geprägten gesellschaftlichen Klima entstanden und nicht genuin links.

    PC in Deutschland entstand im Zusammenhang mit der Ausweitung von politischen Teilbereichbewegungen der Linken bzw. der Alternativbewegung (Anti-AKW- und Friedensbewegung) auf eine millionenstarke Massenbewegung seit 1980 die tief in den bürgerlichen Schichten verwurzelt war. Hier wurde politische Reflexion und poliitische Theorie durch Moral ersetzt, verbunden mit einer in der deutschen Romantik wurzelnden Innerlichkeit und Gefühlsduselei („Die Neue Weinerlichkeit“, wie wir das damals nannten). PC war dann der gruppenstabilisierende Ausfluss dieser Mentalität. Die radikale Linke wurde erst relativ spät, in Zusammenhang mit in der Szene bekannt gewordenen Vergewaltigungen von PC ergriffen, ursprünglich war das eher typisch für das ökogrüne bürgerliche Publikum.

    BTW es würde wohl auch niemand auf die Idee kommen, RAF oder RZ wegen politischer Korrektheit zu kritisieren ;-)

  31. Die 68er-Linke zeichnete sich durch provokantes fapper les bourgeois aus, nicht durch irgendeine Form von tugendhafter Korrektheit. Zwischen Weekend und Themroc einerseits und der Tod des Märchenprinzen und dem Safe-Spaces-Trigger-Warning-coccooning von Mädchenmannschaft & CO KG liegen Lichtjahre.

  32. @che2001

    Es soll Leute auf der Welt geben, die die Linke nicht mit der 68er Linken gleichsetzen. Ich weiß allerdings nicht, ob es bei diesen Aussagen mit rechten Dingen zugeht.

  33. ooops – I did it again – – @che 2001
    Nein, PC ist kein Universalschlüssel. Und naja – der Pietismus ist schon immer defensiv und deswegen kann man ihn auch mit PC in Verbindung bringen, das stimmt. Aber die evangelikalen Rechten in den USA haben Trump gewählt, weil ihnen das PC- u n d Gender-Gewäsch, aber auch das permanente Läuten der Gleichheitsglocke auf die Nerven ging.

    Nicht PC waren viele Presbyter – und wer hat das wirklich gut kapiert: Die Coen Brüder, die mit True Grit einen imposanten anti-PC-Film aus evangelisch/ Presbyterischer Sicht gemacht haben – die perfekte Verfilmung des Portis-Bestsellers aus den 60igern.

    -Tom Wolfe hat Portis geliebt – nicht zuletzt dafür, dass der a) seinen sicheren Redakteursjob in New York gekündigt hat, um einen Roman zu schreiben (nämlich True Grit) – Wolfe hat ihn überdies und vielleicht genauso dafür geliebt, dass es Portis gelungen ist, diesen Roman massenhaft zu verkaufen – das ist derjenige Teil von den USA, den ich übrigens auch sehr liebe – und der von den Leuten mit den hochgezogenen Oberlippen (wg. Massengeschmacksverirrung usw. – : = Kulturindustrie, denkt nur!) weder gesehen, noch je geschätzt wurde. Aber dennoch: Portis und Wolfe waren/ sind großartige Leute: Wir brauchen mehr davon (Carrère, in F, Houellebecq, Jerofejew, solche Leute!).

    Ich geb nochmal den zarten Hinweis auf Herrn Obamas letzte offizielle Pressekonferenz. Weil da der Herr Obama etwas angesprochen hat, was hier noch nicht ganz rum ist: Nämlich HBD – wie gesagt, die Idee, dass sich die Menschen je nach Rasse unterscheiden (Human Biodiversity).

    Nun bin ich nicht nur schon immer sozusagen, also seit den großen Tagen der Volksbeglücker von der DKP bis zum KBW gegen die Volksbeglücker von links außen und ihre Vorväter – Lenin, Trotzki, Stalin, Mao, sondern war entschieden auch gegen die GenossInnen vom bewaffneten Revolutionären Kampf, die hie und da (Brunnengasse 8, Heidelberg – ist aber alles verjährt, hehe) meinen Weg kreuzten.
    Ich finde, man sollte den bewaffneten Kampf auf sich beruhen lassen. Er ist – in seinem ganzen adoleszenten Gebaren – ein sehr trauriger (auch: Deutscher) Irrweg gewesen.

    Um das aber nochmal zu betonen: Die Spezialkonjunktur der Gender- und PC-VertreterInnen alle ist in den Jahren 70 ff. in den USA aufgeblüht. Wenn es einen gab, der das – auch in seinen komischen Dimensionen, (im Prinzip: sofort!) erfasst hat, so war das Tom Wolfe in Man in Full und besonders in Bonfire of the Vanities – und sozusagen als Negativform – in The Right Stufff – und explizit in seinen Mau-Mauing- Essays.

    Das Thema zieht sich bei Wolfe übrigens durch – er beackert den Topos auch in CharlottDeutscher e Simmons und in Back To Blood – welchen Titel der Deutsche Verlag sich nicht getraute zu übersetzen – wg. PC – na, wegen was denn sonst?! – U. a. geschah das wegen solcher Deutscher lose cannons wie che2001 eine verkörpert: Immer auf Hitler ausgerichtet – und immer volle Dröhnung. Keine Handbreit den Faschisten!! – Besonders dann nicht, wenn sie, wie Tom Wolfe, in weißen Tarnanzügen über die Fifth Ave. schlendern, hehe: Die sind die gefährlichsten, weil am besten getarnt. Von denen kommt der tödliche Dolchstoß, wenn man sich nicht vorsieht. Und zwar „ums Umgucke“ – wie man (selbstironisch!) im Badischen sagt.

    Bleibt noch festzuhalten, dass Tom Wolfe schon obertoll ist. Während Franzen besonders in diesen Dingen, auf die wir gerade gekommen sind, irschndwie den Kompass nicht richtig eingestellt kriegt. Vielleicht ist er dafür zu skandinavisch weiß – also zu nett.

    Donna Tartt ist abgezockt, der würde ich zutrauen, dass sie diesen PC-Themenkomplex packt (wie’s der Herrgott im Himmel schon obertoll gefügt hat, hat Donna Tartt doch tatsächlich auch die Portis- und True Grit -Fährte verfolgt und essayhalber beackert).

    Und dann ist da noch die wirklich furchtlose Camille Paglia.

    kuckt ihr da: Sie spricht weise und klar – weiser und furchtloser und klarer kann man über den (linken!) PC-Irrweg nicht sprechen.

    @ bersarin – Sieferle ist kein Faschist, ich habe ihn ein bisschen gekannt. Auch den Dieter Groh, mit dem er in Sankt Gallen zusammengearbeitet hat (Groh hat es übrigens tatsächlich zu einer Henscheid-Erzählungsfigur gebracht in dem ziemlich abgründigen, auch den schon ziemlich angeschlagenen Frank Schirrmacher mit verarztenden Erzählung 10:9 für Stroh von – – Eckhard Henscheid).

    Aber Sieferle ist so eine Art Lackmustest für Geistesgegenwart und Zurechnungsfähigkeit. Wenn ich an die Susanne Beyer und den Sebastian Hammelehle und deren traurigen Chefredakteur Brinkbäumer beim Spiegel denke, wird mir weh ums Herz. Dito. bei den Sieferle-Aberrationen der Herren Cammann, Assheuer und Soboczynski in der Zeit. Früher hätten deren ressentimentgeladene Invektiven Schießereien oder Degenduelle zur Folge gehabt. Heute versendet sich das zunächst mal, aber bei ein paar Leuten hakt sich das fest.

    Und wenn sie nicht komplett blöd sind, die angesprochenen Personen, dann ist da auch die eine oder andere von denen dabei, die ich hier genannt habe, die vielleicht einmal mit einer Entschuldigung in Sachen Sieferle herauskommen, jetzt, wo selbst der reichste bzw. wenigstens der intelligenteste Industrielle der Welt in der Person von Bill Gates, also der Verkörperung des besten industriellen Menschen der Welt, also desjenigen Menschen der Welt, der auf dieser unserer Welt am meisten Menschenleben aller Zeiten im Alleingang mit seiner Frau gerettet und ermöglicht hat, sodass die UN im Juni 2017 zum wiederholten Male die freudige Aufgabe wahrnehmen durfte, die Prognosen für das Bevölkerungswachstum in Scharzafrika nach oben zu korrigieren. Nun: Da wollte ich weiter: Dieser überaus phänomenale überreiche Top-Mann und Afrika-Wohltäter hat doch tatsächlich letzten Sonntag in der gleichnamigen Zeitung Welt am Sonntag osä. gesagt, wörtlich: Die EU kann die vielen Schwarzen, die hierherwollen, nicht aufnehmen. Sie ist zu klein! Bill Gates mit großgrößter mentaler Superpower hat kungetan und zu wissen gegeben: Alle vier Milliarden Schwarzen in Afrika, die die UN nun erwartet bis zum Ende des 21. Jahrhunderts sollen nicht nach Europa gehen, die Schleußerei über das Mittelmeer sei deswegen zu unterbinden!

    Außerdem hat der tollschlaue Bill Gates noch gesagt, dass die wachsende Afrikanische Bevölkerung tolle Chancen für die Wirtschaft böte – nur halt, sagt Bill Gates: In Afrika. Tolle Chancen. Er sieht sogar die vielen Leute in Afrika als Quelle der Hoffnung, dass man dereinst der Anpassung an den Klimawandel wird näherkommen können (an der Stelle des Welt-Interviews bin ich übrigens innerlich deutlich von dem Herrn Gates abgerückt – bzw. habe auch bezweifelt, dass die Welt-Redaktion da einen ganz sauberen Job gemacht hat. Oberschlauer Herr Gates hin oder her – und Groß-Coup der Welt mit weltweiter Resonanz auf das Interview auch hin oder her: Die Gleichung mehr Bevölkerung in Afrika = mehr Chancen zur Adaption an den Klimawandel stimmt nicht. Entweder Denkfehler beim Herrn Gates oder Übersetzungsfehler bei der Welt, tippe ich mal. Allerwahrscheinlichste Lösung: Irgendwie müde gewesen und irgendwie etwas Gutes sagen wollen über mehr Leute in Afrika und mehr Chancen für die Wirtschaft und bessere Chancen für den Umgang mit dem Klimawandel der Herr Gates, und dann vor lauter übervollem Prosperitätswunschherzen zuviel Momentum für die Hürden der Sprache und des Denkens aufgebaut gehabt und einfach aus der Artikulations-Kurve geflogen und dann halt Summa summarum letztenendes blödes, unhaltbares Zeug gesagt. War aber nicht so gemeint, bzw. war mit Sicherheit positiv gemeint. Mit Sicherheit und aller-allergrößter Wahrscheinlichkeit positiv!

    Übrischens: Flurteiler in KN waren nicht nur Sieferle und ich, sondern auch Seibt und ich. Seibt hat in seinem Nachruf auf Sieferle zunächst noch halbwegs achtbar geschrieben, obwohl Sieferle damals schon in Hitler-Nähe gerückt worden war, im September 2016. Dass Seibt nun vollkommen einknickt, kann ich mir nur durch mangelnde sittliche Reife bzw. geistige Spannkraft auf der Seite Seibtens erklären. Er ähnelte früher schon einem Sprechautomat, hie und da. Auch was Seibt im DLF über Sieferle gesagt hat, ist so fehlerhaft (also dass er Dinge über das Büchlein Finis Germania sagt, die nicht wahr sind, so meine ich das hier), dass das bereits für eine erhebliche Blamage reicht.

    Das ist nun in der Tat das exakte Gegenteil von Geistesgegenwart und jener Reflexionstiefe, wie sie, so will es mir heute scheinen, früher gang und gäbe war. Gespenstisch: Wann dieses „Früher“ war, scheint mir langsam zu entgleiten. War es 1990, 80, 70 – – – auf jeden Fall vor 2000. – Das kann nur heißen: Ich werde älter.

  34. Dieter Kief, Du liest mir nicht zu! Ich habe Dir dahingehend geantwortet, dass weder die Linke insgesamt PC noch PC an sich links ist und das an Beispielen exempliziert, die für mich und das Spektrum in dem ich mich bewege zentral sind. Kein direktes Eingehen darauf, stattdessen Nebelkerzen. Wer Sieferle ist, ich muss das gestehen, weiß ich nicht. Mein theoretischer Hintergrund bewegt sich so zwischen Detlef Hartmann, Karl-Heinz Roth, Robert Kurz und den Schriftenreihen Geschichte und Gesellschaft, Autonomie Neue Folge, Materialien für einen neuen Antiimperialismus und ProKla. Wolfe habe ich mit Genuss gelesen – aber mehr als ein Analytiker des Yuppietums der 1980er war der auch nicht und daher auch nur auf diesen Zeithorizont fixiert. Was das Thema Afrika angeht: Demokratische Entwicklungen etwa in Ruanda oder Botswana werden komplett ignoriert. Es lässt sich ja immer leicht sagen, dass die Fluchtursachen in Afrika bekämpft werden müssten – was richtig ist – was dort läuft wird nicht überprüft. Und leider muss ich feststellen, dass auf diesem mir lieben Blog regelmäßig reaktionäre Vorurteile zelebriert werden, nicht zuletzt von Dir.

  35. @ che2001

    Naja, ich bin so reaktionär wie Obama, ok.
    Die linken unter den PClern in den USA sind jenseits – weit jenseits der 50%. Die anderen gibt es, ich bezog mich explizit auf die Presbyter und die Pietisten und die von Dir angesprochenen Evangelikalen. Aber an den hochburgen der PC in den USA gibt es praktisch gar keine rechten mehr. Das bewirkt die Stärke der in dieser Blase sich entwickelnden Ideen.

    Die Idee, es würde ausgerechnet Ruanda ignoriert, scheint mir ein wenig forciert. Die Korrektur der Bevölkerungsprognose für Afrika seitens der UN fand im Juni statt. Soweit ich sah, haben darauf lediglich die Welt am Sonntag mit dem Gates Interview (einem weltweit gesehen, veritablen Coup, Hut ab WamS) und Steve Sailer auf isteve (der mit einer ganzen Anzahl blog-Beiträgen) reagiert.

    Wer den Perlentaucher z. B. durchkämmt, findet dazu nichts. Spiegel nichts, ARD nichts usw., FAZ nichts; dabei würde ich die Perlentaucher weder unter den Zynikern noch unter den Dösköppen verorten. Aber als links schon. Will sagen: Links findet dass Thema nur statt unter dem irreführenden Rubrum Tote im Mittelmeer. Also ich drehs mal so: Eines unserer drängendsten Probleme, wenn ich mal nach der Weltgemeinschaft sehe, findet nicht statt. – Dann nur mal zurücklehnen und sich überlegen, was sattdessen tagtäglich stattfindet. Die daraus sich ergebenden Schwindelgefühle aber nicht überhand nehmen lassen.

    Wolfe ist super, Donna Tartt ist ooch super. Was die Amerikaner uns voraushaben, ist das Zusammenleben von ein paar hundert Jahren in einer „gemischtrasssigen“ (Obama) Gesellschaft. Sie wissen mehr, erheblich mehr als wir hierzulande über diese Dinge, gerade weil sie erheblich mehr Erfahrungen damit gemacht haben. Deshalb finde ich, was da verhandelt wird, so interessant.

    Ich sollte noch einen Punkt erwähnen, der direkt aus christlichen Quellen in die amerikanische Unabhängigkeitserklärung und in das linke Selbstverständnis eingewandert ist und dort tiefe Wurzeln geschlagen hat: Die Idee der Gleichheit. Die wird nämlich, wenn man sie wie in PC Kontexten spielt, ebenfalls zu einem erheblichen Irrlicht. Und das auch deswegen, weil in ihrem namen nicht zuletzt handfeste biologische Fakten wegerklärt werden. Camille Paglia hat das sehr gut kapiert, wie ich finde.

  36. Na ja, Dieter Kief, DIE Linke gibt es so nicht. Das ist und das war immer schon eine heterogene Gruppe. Leider auch mit solchen PC-Tröpfen. Was den politisch-reaktionären Islam betrifft, bin ich wohl Antideutscher ;-) Was den Sinn für Heimat betrifft, bin ich irgendwo zwischen Adorno und Heidegger, mit Gewicht auf Adorno anzusiedeln. Ich selbst denke eigentlich nicht in den Kategorien rechts/links

  37. Das Politische wird ohnehin mit zu wenig Dimensionen erfasst. In der Französischen Revolution etwa gab es auch noch die dritte Dimension, und die Republikaner gliederten sich in eine Sumpf-oder Ebenenpartei (Marais), die Girondisten, eine Hangpartei – Cordelliers – und eine Bergpartei – Jakobiner.´
    BTW Die Linke der ich mich explizit angehörig fühle ist basisdemokratisch, antiautoritär, antirassistisch und internationalistisch, ich beziehe mich in vielem auf Auseinandersetzungen in dr „Dritten“ Welt stärker als auf innerdeutsche Angelegenheiten. Deswegen hat die Flüchtlingsthematik für mich einen besonderen Stellenwert, aber nicht in dem affirmativen und moralisch überheizten Sinne wie in den aktuellen Auseinandersetzungen in der deutschen Öffentlichkeit. Bezogen auf das Verhältnis „zum Westen“, insbesondere den USA bin ich blockfreier Neutralist, in den Zeiten der Blockkonfrontation galt für mich immer die Äquidistanz. Gäbe es die in demokratischer und antifaschistischer Ausführung hätten sogar Reichsbürger bei mir einen Punkt: Die Regelung der deutschen Frage durch einen Friedensvertrag und eine gesamdeutsche neue Verfassung wäre angesagt gewesen.

  38. @ che2001 u Bersarin wg. links und rechts – reaktionär und progressiv usw.

    Nochmal – es geht um eine Selbstbeschreibung – an US-Colleges und Unis bezeichnen sich gerade in den für Gendergerechtigkeit – und Rasssengleichheit usw. eintretenden Gruppen praktisch alle als links und praktisch niemand als rechts. Bei den Lehrstuhlinhabern bei den Lit-Wisslern und den Sozialpsychologen usw – dito. Und die waren diejenigen (und sind es noch), die 80 ff. die Schubkräfte hinter die PC setzten, niemand sonst.
    Das hat der o. a. Sozialpsychologe Jonathan Haidt in der NZZ gemeint. Und in der Tat sind in den Geistes- und Sozialwissenschaften in Nordamerika Foucault und Derrida die Leitfiguren, wann immer ein wenig Theorie gemacht wird, bevor das Regenbogenbanner feierlich entrollt und die LGBQT-Communities euphorisch gefeiert und die nächste komplett verplante Volte des (ehedem…) bürgerrechtlich orientierten Southern Poverty Law Centers ihren unaufhaltsamen Lauf durch die liberalen Medien nimmt, um der hate-speech den endgültigen Garaus zu machen.

    Wer sich für Afrika interessiert, sollte sich bitte auch für die oben angesprochenen UN-Berichte interessieren. Es könnte auch gut sein, zu hören, was Bill und Melinda Gates in dieser Causa zu sagen haben, oder zu schauen, wie Steve Sailer die letzten beiden Wochen auf unz.com diese Infos der UN aufbereitet hat (Sailer ist der wichtigste – weil kenntnis- und faktenreichste von allen, die hier mittun).

    Das ist mir insbesondere deshalb so wichtig, weil es sonst niemand zu interessieren scheint. Ich hab die neuen Afrika-Daten in den letzten Wochen auch ein wenig rumgeschickt. Resonanz: Verlegenheit bis Abwehr. Wenn ich auf Merkels und Gerd Müllers Strategie hinweise, drucksen die Leute, auch ausdrückliche Migrationsbefürworter, herum: Die Müllersche Aussage, „wir“ müssten 20 Millionen Jobs – pro Jahr – in Afrika schaffen, und gleichzeitig den Klimawandel stoppen, sonst kämen hundert Millionen Migranten, ist von A bis Z haltlos.

    Wo sind die Politologen, die Linguisten, die PhilosophInnen, die aufgeweckten Intellektuellen, die Zeitungsleute, die derlei wenigstens auf seinen Bedeutungsgehalt reduzieren, der da lautet: Es ist, was Müller im Namen der Bundesrepublik und auch der Weltgemeinschaft wie auch der EU in Sachen Afrika ausspricht, bestenfalls eine windschiefe Szene. Sie ähnelt in nichts einem Vorhaben, einem Plan usw., und hält auch den Kriterien für eine Zustandsbeschreibung nicht stand. Nicht einmal denen.

    Deshalb rufe ich alle verständigen Frauen (gerne auch emanzipierte) und Männer (gerne auch emanzipierte) auf: Zurück zu Ernst Bloch, und bitte im Hinblick auf die Zukunft seine folgende Mahnung nicht vergessen: „Auch Utopien haben einen Fahrplan!“ – Es ist nämlich, sagt Bloch an die gewandt, die derlei missachten., so: Sie gelangen dank ihrer Ängste und ihrer Ignoranz und ihrer windschiefen Meatphern nicht zu einer besseren Welt, sondern bloß zu einem besseren Gefühl. Das aber hat keinen Wert.

  39. Was die PCs betrifft, so sehen die sich zwar als links, aber objektiv sind sie es nicht. Sie sind den US-evangelikalen Bewegungen sehr viel näher als sie es selbst glauben. Wieviel Encounter-Theorie zudem noch darin steckt, um die linke Szene zu spalten, wäre auch noch einen Frage, die mich interessiert. Aber das reicht natürlich nicht aus, um die Mitläufer zu erklären.

    Was Bloch betrifft, bin ich ganz bei Ihnen. Vielen geht es bloß um das bessere Gefühl. Davor bin ich zum Glück als Negativitätstheoretiker und -ästhetiker gefeit.

  40. @ Bersarin
    Die Evangelikalen sind für plain talk, in aller Regel, und das ist das ist schon sehr nah am Gegenteil von PC. Trump hat die PC-Manie im Wahlkampf so gewendet, dass er sagte: Pahh, PC – ich und nicht PC – ich könnte jemanden mitten auf der Fifth Avenue erschießen, und – – ich würde dennoch gewählt: Eat your PC-words, Bastards, they won’t touch me!

    Aber sehr nah‘ bei Bloch sind Sie auch nicht, weil der wollte, dass die Menschen eine gerechtere und bessere Welt zustande brächten. Er sah es freilich als keinen guten Zwischenschritt an, sich erstmal aufs Wohlfühl-Gefühl zu kaprizieren, und dabei die widerständige Wirklichkeit außer Betracht zu lassen. – Darum dreht sich, wie ich meine, sinnvoller politischer Streit: Wo hilft das Wünschen, aller Voraussicht nach, und wo führt es in die Irre?

  41. (zweitpost ? ggf. löschen, thanx, bersarin)

    auch wenn – oder gerade weil – ich seit bersarins Kommentar am 5. Juli 2017 um 22:52, einschließlich Adorno-Zitat, jetzt erst lesend hier hereinstolpere, also seitdem Geschehenes nur überflogen habe, möchte ich dennoch erneut kommentieren … Es ist doch irgendsolch seltsam: Sloterdijk kommt mit seinen billigen Provokationen, bei denen es sich genaugenommen gar nicht um Provokationen handelt, angeblich gegen die Kritische Theorie gerichtet; und „Vertreter“ der Kritischen Theorie fallen reihenweise ´draruf rein. Irgendetwas mit brutalisierenden Medien – und schon leuchten die Lampen im Schaltzentrum der Verwaltung jener „Neo-Mandarine“ der Kritischen Theorie auf …

    Hier der Link http://www.suhrkamp.de/buecher/der_intellektuelle_im_land_der_mandarine-hauke_brunkhorst_11403.html
    Hauke Brunkhorsts „polemische Skizze der Kontroversen und Kämpfe um die Institutionalisierung der Intellektuellenrolle im westlichen Nachkriegsdeutschland“.

    Was, My dears, frage ich, was treibt euch an, dass eine Diskussion, die bei einem Osho-Schüler ihren Anfang nahm, damit endet, dass alles irgendwie auf eine linke – mehr oder weniger linke – Selbstverständigung hinausläuft ? – Durchaus ambivalente Haltungen zu einer (vermeintlichen) linken Diskurshegemonie, und das verständliche Bedürfnis, hier weiterzudiskutieren. – Aber, ich gehöre zu einer anderen Generation, so richtig interessieren tut mich das nicht.

    Ich habe tausende Seiten Osho gelesen und übernehme gerne hier den Part, entsprechende Erläuterungen abzuliefern, obwohl ich soweit gehe, zu behaupten, das Unkenntnis Baghwan/Oshos ohne große Umstände als Bildungsmanko apostrophiert werden könnte. Nietzsches (Denk)Stil wurde mit Sloterdijk in Zusammenhang gebracht – jeder weiß, das Bhagwan in „Books I have loved“ Nietzsche an spätestens dritter Stelle nennt. Es gibt (für den einigermaßen Gebildeten) eindeutige Verweise. Bhagwans ostentativ spielerischer Umgang mit der Wahrheit („ich bin Inder, Asiaten sind paradox, was willst Du?“) scheint Sloterdijk auf eine Idee gebracht zu haben:

    „Ach, gehen wir mal – irgendein Thema – spielerisch mit zum Beispiel dem Thema Menschenzüchtung um. Mal sehen, was passiert!“ (bhagwanistische Chuzpe)

    – „Mal sehen, wie lange ich das durchhalte.“ Indem er sich bewusst aus allem´raushält, lässt er es einfach geschehen – dass sogar hier, im blog, Diskussionen im Namen einer (phantasierten) Mandarinen-Kaste fortgeführt werden. Der Trixter kann aber nur solange spielen, solange das Publikum mitspielt (das ist mein Vorwurf, dass ihr auf Sloterdijk reinfallt, mitspielt). Und es ist fast tragisch mit anzusehen, wie jemand, der zuendeprovoziert hat, dem Vorbild des bhagwanistischen Skripts des intellektuellen Niedergangs folgend, nur noch Müll absondert. (Auf Nachfragen werde ich die entsprechenden Osho-Stellen alle nachliefern.)

  42. @ Dieter Kief: Na, ich bin nun kein Bloch-Fan, aber seinen Optativ, den Möglichkeitssinn, den halte ich mir schon offen. Auch einige seiner Ideen und das Übersprudelnde haben ihren Reiz. Ist halt immer auch eine Frage der Perspektive und unter welcher Reflexionsoptik man seinen Text sich betrachtet. Das Raunend-erzählende kann bei ihm manchmal nerven, aber das ist in einigen von Heideggers Texten nicht anders. Bei Bloch bin ich jedoch zu leidenschaftslos, um für ihn nun ein emphatisches Plädoyer zu halten. Sie wissen ja, aus welchen Ecken ich komme. Was das PC betrifft: Schon richtig, was ich jedoch damit meinte, ist die quasireligiöse Gläubigkeit dieser Bewegung. (Oder Teile derselben. Denn wie immer gibt es auch dort die unterschiedlichsten Positionen.)

  43. @ ziggev: Der Sloterdijk und auch der Trawny im Zitat haben ein Problem nuanciert und pointiert. Zugespitzt haben sie das, was die Spatzen schon von den Dächern zwitscherten: Daß die Kritische Theorie der alten Zeit vorbei sei. Tot. Aber eben noch nicht begraben. Wieweit man da Habermas noch zuzählen will, ist eine Frage, wie man Kritik definiert und betrachtet. Im Sinne eines Sozialdemokratismus würde man Habermas sicher als kritischen Theoretiker orten. Als Marxologe oder harter Gesellschaftskritiker von Links scheint das anders. Und zwar über die Grenzen hinweg. Eine sehr plurale linke Linke liest Habermas nicht mehr als links. Aber das sind immer auch Standortfragen, die mich wenig interessieren. Wichtiger sollten doch die Inhalte sein: und da muß man dann sowohl Habermas als auch Sloterdijk Gerechtigkeit wiederfahren lassen. Insbesondere wenn man nach dem hermeneutischen principle auf charity liest.

    Die Frage nach der Menschenzüchtung und nach den Möglichkeiten auch von Zähmung und Zucht ist im Jahre 1999 nicht irgendein beliebiges Thema gewesen. Sondern vielmehr hat Sloterdijk, wie bei manchem Thema, ein Gespür dafür, was drängt und was nicht. Das nächste Jahrtausend und Jahrzehnt mit seinen Fragen der Biogenetik gab ihm dann recht. Sloterdijkt stellt oft (nicht immer, aber wer ist schon immer in Präsenz) berechtigte Fragen, zu Aspekten, die sich zu Problemen entwickeln könnten. Und genau das ist – auch, aber nicht nur – die Aufgabe der Philosophie.

    Ansonsten, ziggev, das sind so Pauschalsätze mit denen ich nichts anfangen kann: „Und es ist fast tragisch mit anzusehen, wie jemand, der zuendeprovoziert hat, dem Vorbild des bhagwanistischen Skripts des intellektuellen Niedergangs folgend, nur noch Müll absondert.“

  44. Um einmal mehr Adorno zu zitieren: „Daß ich, vom ersten bis zum letzten Tag, mich als Europäer empfand, habe ich nie verleugnet. An der geistigen Kontinuität festzuhalten, war mir selbstverständlich und artikulierte sich mir in Amerika rasch genug zu vollem Bewusstsein. Ich erinnere mich noch des Schoks, den mir eine Emigrantin wie mir in der New Yorker Anfangszeit bereitete, …“ (zitiert nach H. Brunkhorst, München 1990, viele biografische Motive aufgreifend, „Theodor W. Adorno – Dialektik der Moderne“ – für den Einstieg weniger brauchbar)

    Bitte lass uns noch einmal den ursprünglichen Sinn von „Mandarine“ vergegenwärtigen. Über Jahrhunderte wurden in China über einen strengen Auswahlprozess diejenigen für die höhere Beamtenlaufbahn ausgewählt, die den in China höchstmöglichen Bildungsstand erreicht hatten. Zuerst also die zigtausend Schriftzeichen kennen und, selbstverständlich, die klassische Literatur. Meine Betonung auf dem letzteren Aspekt.

    Deswegen, nicht nur weil ich das Glück hatte, sehr gute Musiklehrer gehabt zu haben, liebe ich Adorno: Diese Flaschenpost, die mich aus Amerika schließlich doch erreichte, Minima Moralia. Wenn selbst Adorno mit seinen Kompositionsversuchen einigermaßen (und eingestandenermaßen) scheiterte, so faszinierte doch den jungen ziggev um so mehr diese Flaschenpost eines erklärten Europäers ! Ja, irgendwie doch, europäische Bildung.

    Und wenn die Reaktionen auf Slotos damaliger Rede uns einen Vorgeschmack gegeben haben auf heutige verbale Entgleisungen, Heimsuchung der Jetztzeit, so ziehe ich mich mit größter Bereitwilligkeit zur Selbstzähmung qua Literatur zurück. z.B. Erasumus´ „Lob der Torheit“.

    Wenn jetzt sich selber als progressiv verstehende Kräfte zu gewalttätigen ober verbal-aggressiven Ausbrüchen neigen, dann habe ich das immer als einen Mangel an Bildung verstanden. – Unverzeihlich, denn die Unbildung Trumps und seiner Unterstützer kann sich wenigstens auf die Restrationalität der „instrumentellen Vernunft“ berufen.

  45. Habermas könnte man in gewisser Weise sogar mit Hegel vergleichen: Der eine startete als Bewunderer der Französischen Revolution und des jungen Napoleon und endete als preußischer Staatsphilosoph, der andere begann als Typisierer und Nomenklator der Kritischen Theorie und wurde zum Staatstheoretiker der Bonner Republik.

  46. @ Che: Also ich halte es da mit Hegel ;-)

    @ziggev: „Wenn jetzt sich selber als progressiv verstehende Kräfte zu gewalttätigen ober verbal-aggressiven Ausbrüchen neigen, …“
    Aggression ist immer eine Ermessensache. Für den einen Polemik, für den anderen bereits zu viel. Ich halte von solchem Labeln nichts. Zumal bei Positionen, über die zu debattieren ist. Da helfen Etiketten nicht viel. Das scheint mir viel mehr eine Beleidung des Denkens und der Vernunft. Mir wird in letzter Zeit zu viel als aggressiv, unangemessen, als polemisch gemeldet, daß da bei mir langsam die Ohren sich aufstellen und ich genauer hinzuhören anfange, um zu sehen, was eigentlich mit solchen Zuschreibungen bezweckt wird. Jemand wie Karl Kraus wäre heute vermutlich ein Verbalterrorist, ein Maskulinist, wenn nicht ein Hater. Ich sage da nur: Gut so! Er macht es also richtig.

    Adorno verstand sich als abendländischer Philosoph, teils auch als Europäer, denn im Zeichen des Faschismus war es schwierig, sich als Deutscher zu bekennen, Adorno wußte um diese Tücke und als Deutscher zudem und allemal. In seiner Liebe zu Orten, wie etwa Armorbach im Odenwald, ist er von Heidegger nicht ganz weit weg. Wenngleich Adorno es nicht in den Sinn käme, den Stand der Produktivkräfte zu leugnen und eine Agrarproduktion vormoderner Provenience anzunehmen. Jenes Glück im Winkel jedoch – Residuum einer Eichendorff-Romantik (man kann dazu seinen Eichendorff-Text in den „Noten zur Literatur“ nachlesen) – war für Adorno immer auch ein Versprechen, im Blochschen Sinne vielleicht ein Vorschein. In diesem Sinne also verstand Adorno sich immer als Deutscher, auch qua Sprache. Adornos Englisch war mäßig und er dachte – als Musiker, als musikalisch Denkender – nicht in diesem ganz anderen Sprachrhythmus.

    Diese Aphorismen aus den „Minima Moralia“ unter dem Titel „Zwergobst“ verdeutlichen vielleicht einiges im Verhältnis zu Europa, Deutschland und den USA:

    „Im neunzehnten Jahrhundert haben die Deutschen ihren Traum gemalt, und es ist allemal Gemüse daraus geworden. Die Franzosen brauchten nur Gemüse zu malen, und es war schon ein Traum.

    In angelsächsischen Ländern sehen die Dirnen aus, als ob sie mit der Sünde zugleich die Höllenstrafe mitlieferten.

    Schönheit der amerikanischen Landschaft: daß noch dem kleinsten ihrer Segmente, als Ausdruck, die unermeßliche Größe des ganzen Landes einbeschrieben ist.

    In der Erinnerung der Emigration schmeckt jeder deutsche Rehbraten, als wäre er vom Freischütz erlegt worden.“

    Eine große Rolle spielt dabei sicherlich die Imago. Schönes Zitat vom Rehbraten. (Die antibürgerlichen Revoluzzer hielten ihm dieses Zitat vor.)

    Zur Einführung in Adorno ist Brunkhorst vielleicht nur mäßig geeignet. Ich würde tatsächlich die rororo-Monographie von Scheible empfehlen und ansonsten für eine längere Lesestrecke natürlich das Standardwerk von Müller-Doohm.

  47. @“Die antibürgerlichen Revoluzzer hielten ihm dieses Zitat vor“ —– Dies ist der Grund, wieso ich, obwohl vom Denkansatz und einem beachtlichen Teil der Vita her Autonomer, nie mit dem Veganismus der linksradikalen Szene auf einen Nenner komme. Es lebe das Steak in der Volksküche;-)

  48. @Dieter Kief: Ein nicht unerheblicher Teil der vehementesten PC-VertreterInnen, z.B. das queerfeministische Spektrum a`la Mädchenmannschaft und Co versteht sich nicht als links. Und wenn ich jetzt die Frage „Was ist links“ dahingehend beantworte, dass dies einen Emanzipationsanspruch mit dem grundsätzlichen Fluchtpunkt einer Überwindung des Widerspruchs Kapital-Arbeit beinhaltet, zusammen mit feministischen, antirassistischen, antiimperialistischen, ökologischen Implikationen die damit untrennbar verbunden sind so ist der Anspruch der Genannten ein anderer. Er bezieht sich sehr partikular auf die Interessen sexueller Minderheiten und von Nichtweißen und artikuliert sich fast nur auf sprachlichen und performativen, nicht auf konkret politischen Ebenen. In meinen und mir nahestehenden Kommunikationen mit diesem Spektrum habe ich vielmehr wahrgenommen, dass zumindest weiße heterosexuelle männliche Linke eher als Feinde oder zumindest im Diskurs zu überwindende, stillzumachende Kontrahenten betrachtet werden und nicht als Verbündete. Bei meiner Rezension des Buchs „Queerfeminismus. Label&Lebensrealität“ von Leah Bretz und Nadine Lantzsch fiel mir auf, dass die Autorinnen von linker Theorie absolut keine Ahnung haben, diese Ahnungslosigkeit bezieht sich auch auf klassische feministische Theorie vor dem Gender Gap. Die eigene sprachfixierte sehr spezielle Form von Dekonstruktivismus wird voraussetzungslos geglaubt, d.h. die ideengeschichtliche Verortung des eigenen Denkansatzes ist schon nicht mehr bekannt. Das alles hat in der Denkstruktur tatsächlich eher religiöse Züge als historisch-materialistische. Und während 1989 noch die Radikalfeministin Ingrid Strobl für ihre Gesinnung in den Knast ging betrachten diese PC-Feministinnen heute Staat und Gesellschaft gar nicht mehr als etwas Feindliches, sondern fordern mit Selbstverständlichkeit für sich selber Dozentinnenstellen, als sei das ein ihnen zustehendes Bürgerrecht. Und behaupten zugleich in einer historischen Situation in der der Genderfeminismus sich an den Unis als Mainstream etabliert hat und die Ansätze in Richtung Akzeptanz von Queersein und Geschlechterdemokratie bei allen Anfeindungen noch nie so strak waren wie heute allen Ernstes eine schlimme Unterdrückung feministischer Positionen in dieser Gesellschaft, bei deren Beschreibung mensch auf die Idee kommen könnten wir lebten in der Ära Adenauer. Entsprechend werden in einer Zeit in der es linke Gruppen ohne feministische Komponente praktisch gar nicht mehr gibt (außer jetzt vielleicht abgebliebene maoistische Sekten) auch linke Männer als tumbe Machos wahrgenommen. Das alles ist eine einzige Filterblase und Echokammer ohne Bezug zu sozioökonomischen Prozessen.

  49. @ che 2001
    Aha – Du akzeptierst, dass die von dir kritisierten Feministinnen sich auf linkes Gedankengut stützen. Da wären wir uns einig.

    Alle säkularen Traditionen laufen Gefahr, früher oder später religiöse Formen anzunehmen. Ich erinnere mich an Erste Mai Feiern mit den 68er Leitfiguren als „Sprachrohr“ der „Arbeiterklasse“, die sich nur in ihrer Formlosigkeit und verbrüllten Rohheit von würdevollen religiösen Feiern unterschieden. Der Fluch all‘ derer, die die Religion überwinden oder ersetzen oder was wollen (=zu ersetzen trachten (…)) ist, dass sie das vermeintlich Überwundene oder „abgesunkene“ Kulturgut hastenichgesehen mit Leichtigkeit „einholt und überholt“.
    cf. – auch die form-und hilflose und begriffslose und selbstbezogene Art und Weise, in der sich hie und da der Feminismus darstellt. Auch da herrscht Einigkeit.

    Der harte Kern, um den es geht, sind Selbstversorgungsimpulse, die das rettende Ufer wittern in Form von Kahane-Paktika, Stellen in den Genderfächern, bei der Regierung usw.; oder linguistische Fachkräfte, die irgendwelchen feministischen Anwältinnen zuarbeiten, die von Abmahnungen leben, die sie wegen nicht gendergerecht verfassten Stellenanzeigen schreiben. Es ist im Grunde die Verwzeiflung selbst, die sich da auf dem Hintergrund einer andauernd kleiner werdenden Mittelschichtskomforzone ziemlich nackt präsentiert.

    Im Grunde sind sie, was aber kaum eine von ihnen kapieren dürfte, „Canaries in the (disappearing) Coalmine“.

    Tajha: Das da ist noch einen Tick näher am materiellen Substrat, um das es hier geht. Der beste FAZ-Artikel seit langem (seit Sarrazins Fremde Federn Beitrag im Frühjahr).

    Interessant ist der scheue Hinweis auf Baberowski an genau der Stelle, an der eigentlich Sieferle hingehört hätte. Jörg Baberowski ist aber auch nicht schlecht.

    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/geisteswissenschaften/tagung-in-jena-ueber-die-soziologie-der-unzufriedenheit-15078777-p2.html

    Es sind zwei wichtige Einsichten, die sich (langsam, klaro) durchsetzen:
    1) Die Vorteile der Welt-Arbeitsteilung werden von den lokalen Nachteilen langsam aber sicher aufgezehrt (cf. die von Industrie freien Krisengebiete in Griechenland (!), Italy(!), France (Pas de Calais), USA (Pennsylvania, Ohio, New Jersey, die Carolinas, weite Teile des Südens (cf. die fast durchweg deprimierdende Reportage des großen alten Paul Theroux über den Süden der USA). Aber im Grunde auch der deutsche Osten, der im Moment von der Slowakei und solchen Weltgegenden in Grund und Boden konkurrenziert wird und allein wegen üppiger Transferzahlungen aus dem Westen keine Zone des expliziten Niedergangs ist, wie sie in Nordfrankreich, Lothringen und Teilen Belgiens, aber eben auch in den USA usw. (gern vergesssen: Das fast völlig entindustrialisierte Griechenland (!)) sich (seufz) zeigen.

    2) Die lokalen Mittelschichten in EU und USA schwinden in ihrer (wirtschaftlichen) Bedeutung.
    (zur Analyse der Gründe für 2), siehe 1)).

    Wie von Sieferle in „Das Migrationsproblem“ sehr schön und knapp belegt, gerät dadurch die Mittelschichts-Komfortzone insbesondere in EU und USA unter erheblichen Druck. Australien, Korea, Japan und Singapur, Taiwan und Schanghai sind robuster.
    Hillary Clinton antwortete darauf im Wahlkampf mit einer entschiedenen Volte für LGBQT und für die Wallstreet und deren Weltarbeitsteilungsprogramm.

    Diese Wendung wurde von den hiesigen Beobachtern in all‘ ihrer nun in der Tat weltverändernden Qualität nicht verstanden. Es ist klar, was das für unsere Diskussion hier bedeutet, denk‘ ich: Wir sind mit dem ganzen hate-spech und Gender-Gewese und der Trans- und Queer-Rechte-Verteidigung und der Befürwortung weiteren Afrikanischen Bevölkerungswachstums und der Forderung nach und Förderung von – weltweiter Arbeitsteilung und Migration im Auge des derzeitigen Hurrikans.

    Einzig der Klimawandel steht hier ein wenig – ehe – quer.

    @ Bersarin – Was Sie bei Bloch gelten lassen, genügt.

  50. Christopher Cladwell erweist sich wieder einmal als zurechnungsfähiger Kopf (es geht um Rolf Peter Sieferle und die Migrationsfrage und „the blogger and novelist Michael Klonovsky“- – und Deutschland und die Welt)

  51. nunja, bersarin (auch Dieter Kief), mit „gewalttätigen ober verbal-aggressiven Ausbrüchen“ wolle ich mich eigentlich auf jene Vorkommnisse in den USA beziehen, über die Du und Dieter Kief sich echauffierten (Link kommt gleich weiter unten). Es handelte sich wohl darum, dass Leute niedergeschrien wurden und dergl. mehr. Und wo Che „eine einzige Filterblase und Echokammer ohne Bezug zu sozioökonomischen Prozessen“ ausmacht, im – ich zitiere, weil mir diese Worte immer noch nicht so leicht in die Tastatur fließen – „queerfeministische[n] Spektrum“ und bei „PC-VertreterInnen“ scheint ebenfalls eine gewisse filterblasengenerierte, „Militanz“ oder, etwas vorsichtiger, Engstirnigkeit am Werke zu sein.

    Eigentlich seltsam, solche Ignoranz (D. Kiefs Link oben zur „genderbefreiten“ Erziehung) wäre eher bei den Identitären zu erwarten, mit ihrer „[k]ollenktiven Überdehnung des auf das Ichbewusstsein gemünzten Begriff der Identität und Behauptung exklusiver Wir-Gefühle – die sich auf ethnische Herkunft, rassische Verbundenheit und oder religiöses Bekenntnis stützen“ (Klaus Leggewie, youtube-link).

    Mit sich progressiv wähnenden Kräften meinte ich jedoch schon Queerfeministinnen und dergl. mehr. Dieter Kief spricht – mit Blick nach Amerika und auf das Interview in der NZZ («Das ist ein normales religiöses Verhalten»)- von einer „adoleszente[n] Weltsicht“, der Habermas zu kompliziert sei, wo „man selber unschuldig sei, die Welt da draussen aber sehr verwerflich“. Eine Diagnose, wie sie netbitch ähnlich lautend auch schon einmal gestellt hat. Nicht weit davon entfernt habe ich als vorsichtige Hypothese all sowas für Anzeichen von mangelnder Bildung gehalten. Wenn also in Canada auf der health card erstmalig kein Geschlecht angegeben werden soll, „until the child can decide for themselves who they are“ (they anstelle von he oder she), dann spricht das gegen die Erkenntnisse des wunderbaren und über jede Zweifel wegen etwaiger Unterdrückungsabsichten erhabenen Wassilios Fthenakis (PDF des Gesprächs im „Alpha-Forum“, ARD Alpha). Über das Wann und Wie Geschlechterrollen angelegt werden: „… das geschieht doch mehr durch soziale Konstruktionen. Es gibt keinen Bereich der menschlichen Entwicklung, in dem wir auf dem Altar der sozialen Erwartungen und der sozialen Konstruktion so viel Kreativität opfern wie bei der Entwicklung des geschlechtsspezifischen Verhaltens von Mädchen und Jungen. Wir konstruieren heute sehr eng.“ Den Kindern aber eine Identität vorzuenthalten, hält er auf Grund seiner Forschungen für schädlich. Da scheint man sich andernorts ziemlich verrannt zu haben (Echokammer). So Lehnt man es auch ab, sich überhaupt zu bilden, und lehnt bestimmte klassische Lektüre ab. siehe auch Münkler-Watch. Münklers Rhetorik mag ja unerträglich sein; seine Analysen in schriftlicher Form sind aber, da beißt die Maus meiner bescheidenen Meinung nach keinen Faden ab, schlicht brillant.

    Die Vehemenz, mit der hier sich progressiv Wähnende manchmal auftreten, kritisch zu beäugen (oder manchmal sich polemisch zu echauffieren), ist also auch nach meinem Dafürhalten nicht zu verurteilen. Vielleicht werden aber doch amerikanische Verhältnisse manchmal etw. vorschnell auf deutsche Übertragen. Es entsteht eine Art Freund-Feind-Schema, welches den Argwohn imho nicht ganz unberechtigt erscheinen lässt, dass im Zuge von tendenzieller Verallgemeinerung und Vereinseitigung demselben flugs und möglw. unbemerkt die Behauptung eines fiktiven Kerns von „Gemeinschaftsgefühlen“ untergeschoben werden könnte.

    Was die „Sprechverbote“ an amerikanischen Universitäten angeht, so könnte man aber auch von den neuerlichen Warnungen, die reaktionäre Rechte in den USA ernstzunehmen, Notiz nehmen.
    http://nymag.com/daily/intelligencer/2017/04/andrew-sullivan-why-the-reactionary-right-must-be-taken-seriously.html

    So hätte Trump eines Autors Überzeugung, die amerikanischen Rechten zu verstehen, Lügen gestraft. Sorgen bestehen drüben also auch darüber, ob man die reaktionäre Rechte richtig einschätzt; es folgen lange und weitausholende Recherchen zum Thema:

    „Trump’s connection to this alternate right-wing genealogy is not just rhetorical. In 1927, 1,000 hooded Klansmen fought police in Queens in what The Times reported as a “free for all.” One of those arrested at the scene was the president’s father, Fred Trump. (Trump’s role in the melee is unclear; the charge — “refusing to disperse” — was later dropped.)“

    Auch gab es einen Fall (1973), wo die Trumps, Vater und Sohn, Schwarze daran hinderten, in einen ihrer Wohnkomplexe Wohnung zu beziehen.

    Sloterdijk nun stellt die Frage nach der Menschen-Zähmung, nennt als Beispiel zeitgenössischer Barbarei jugendliche Amok-Schützen an amerikanischen Schulen (wenn ich mich beim Überfliegen nicht verlesen haben). Wenn aber heute die sog. soziale Netzwerke mit all den Kommentarmöglichkeiten, Chats usw., wo sich schriftlich geäußert wird, zu Enthemmnungen (Hate Speach) beitragen, zu Perspektivverengungen (Echokammern), dann wäre es doch gar nicht so abseitig, wieder auf humanistische Zähmung zu setzen. Wenn die Verrohung im Medium der Sprache einsetzt – wie sollte anders dagegen vorgegangen werden, als durch „re-education“ im selben Medium?

    Ach, da ohnehin schon ein so langer Kommentar und da ich sowieso gerade so viel in Amerika bin, die Flaschenpost der Kritischen Theorie ist dort (wieder) angekommen – oder vielleicht liegengeblieben. Wurde jedenfalls zuletzt vom New Yorker wieder ´rausgebuddelt.

    http://www.newyorker.com/magazine/2014/09/15/naysayers
    http://www.newyorker.com/culture/cultural-comment/the-frankfurt-school-knew-trump-was-coming

  52. @ ziggev: Ja, solche Irrungen, Wirrungen sind immer gut vermeidbar, wenn man mit konkreten Textbeispielen kommt. Dann sieht man, was Aggression ist. (Aggressiv ist es vor allem, wenn im akademischen Betrieb – und auch sonst – Menschen das Wort verboten wird.) Ich habe zu diesem Thema ganze Linksammlungen. Insofern danke für diese Präzisierungen. Doch diese innerlinken Debatten interessieren mich immer weniger.

    „Es gehört zur Signatur der Humanitas, daß Menschen vor Probleme gestellt werden, die für die Menschen zu schwer sind, ohne daß sie sich vornehmen könnten, sie ihrer Schwere wegen unangefaßt zu lassen. Diese Provokation des Menschenwesens durch das Unumgängliche, das zugleich das Nichtbewältigbare ist, hat schon am Anfang der europäischen Philosophie eine unvergeßliche Spur hinterlassen – ja vielleicht ist die Philosophie selbst diese Spur im weitesten Sinne.“ (Sloterdijk, Regeln für den Menschenpark)

    Ja, was die humanistische Zähmung betrifft, das wäre zu überlegen, wie man es anstellte. Pädagogik nannte man das ja früher. Oder die Lehre von der Argumentations. Doch damit allein ist es eben nicht getan. Weil sich unsere Einstellungen, unser Denken noch aus einem ganz anderen Glutkern zusammensetzt. Das sind die Emotionen, die Befürchtungen, Ängste, auch Überzeugungen. Eine komplexe Angelegenheit und ein Feld für die Sozialpsychologie. Aber Sloterdijk formuliert und denkt eben über einen noch viel gefährlicheren Gedanken nach, der sich schon in Platons „Politikos“ befindet, auf den er sich dann bezieht.

    Sloterdijk selbst sagt es in diesem Text ebenfalls: Es sind die Schriften der Alten, die uns bleiben. Hermeneutisch immer neu deutbar oder dekonstruierbar.

    „Kann auch der Archivkeller zur Lichtung werden? Alles deutet darauf hin, daß Archivare und Archivisten die Nachfolge der Humanisten angetreten haben. Für die Wenigen, die sich noch in den Archiven umsehen, drängt sich die Ansicht auf, unser Leben sei die verworrene Antwort auf Fragen, von denen wir vergessen haben, wo sie gestellt wurden.“

    ________________________

    Die Flaschenpost ist eine schöne Metapher, ebenso jene „Gesten aus Begriffen“ wie Adorno in einem Brief an Horkheimer das Projekt der „Dialektik der Aufklärung“ nannte. (Was mich daran erinnert, mit meiner Serie zur DA weiterzumachen.)

  53. Ich bin mal ins Archiv hinunter gestiegen, und worauf stieß ich? Ich stieß auf:
    Erasmus: Vertraute gespräche – Pädagogische Ermahnungen
    Der Erzieher: „Es kommt mir vor, als ob du nicht bei Hof geboren wärest, sondern in einem Stall, so ein bäuerisches Benehmen hast du an dir. Wohlerzogenen Knaben stehen gute Sitten wohl an. So oft dich jemand anredet, dem du Ehre schuldig bist, stell dich gerade hin und zieh den Hut. Deine Miene soll weder mürrisch, noch finster, noch frech, noch unstät sein, sondern heitere Bescheidenheit ausdrücken. Der Blick sei sittsam auf den gerichtet, mit dem du sprichst. Die Füße mußt du beisammen haben und die Hände still halten. Du darfst auch nicht von einem Bein auf das andere treten und mit den Händen reden. Die Lippen darfst du nicht zusammenkneifen, dich nicht am Kopf krätzen und nicht in den Ohren bohren. Dein Anzug soll hübsch zusammenpassen, wie auch das ganze Benehmen, Miene, Gebärde, Körperhaltung natürliche Bescheidenheit und sittsame Zucht ausdrücken soll.“
    Bevor wir uns aber fragen, was wir unter „Zucht“ verstehen sollten, wäre es unanständig, euch folgende Anweisungen zum Tischbetragen des Spötters des Lobs der Dummheit, vorzuenthalten, also weiter Erasmus´ Pädagogische Ermahnungen:
    Der Erzieher:“ Bei Tisch sollst du nicht ausgelassener sein, als daß du dir immer bewußt bleibst, was sich für dein Alter schickt. Du sollst als letzter in die Schüssel greifen. Wenn dir ein besohders schönes Stück angeboten wird, so ffiußt du es bescheiden – ablehnen. Wenn -man darauf besteht, so nimm‘s und bedanke dich. Hast dW ein kleines Stückchen abgeschnitten-, – so gib das übrige dem zurück, der es dir angeboten hat, oder reiche es an deinen Nachbarn weiter. Trinkt dir jemand zu, so sollst du ihm freundlich danken, selbst aber nur ganz mäßig trinken, Hast du keinen Durst, so führe trotzdem den Becher an den Mund.“
    Was ist nun „Zucht“? Wir riskieren einen Blick in:
    Comenius Grosse Didaktik. Originalausgabe in: Opera diclactica omnia, ab anno 1627 (!) ad 1657 continuata, fol. Amsterdam 1657. Vom Nutzen der Lehrkunst, Kapitel 4: Die drei der Stufen der Vorbereitung auf die Ewigkeit: sich selbst (und damit alles andere) erkennen, beherrschen und zu Gott hinlenken.
    (Bemerkung: Bereits hier bemerken wir eine gewisse schwärmerische (beinahe volktümliche) Mystik bei Comenius; von der auch sein „philosophisches“ Werk geprägt ist, – und welches, nie abgeschlossen, wie es scheint, zu Recht, vollkommen vergessen worden ist, geschweige je überhaupt wahrgenommen wurde.)

    In Kapitel 4 kommt er zu einem ersten Resümee, Abschnitt 6:
    Daraus ergeben sich die angestammten Bedürfnisse des Menschen, nämlich daß er 1. aller Dinne kundig sei, 2. die Dinge und sich selbst beherrsche, 3. sich und alles auf Gott als den Ursprung aller Dinge zurückführe. Diese drei Bedürfnisse bezeichnen wir mit aIlgemein bekannten Worten als
    1. gelehrte Bildung (eruditie),
    2. Tugend oder Sittlichkeit (inores),
    3. Frömmigkeit oder Religiosität (religio).
    Dabei verstehen wir unter gelehrter Bildung die Kenntnis allen Dinge, Künste und Sprachen; unter Sittlichkeit nicht nur den äußeren Anstand, sondern das ganze innere und äußere Verhalten; unter Religiosität jene innere Verehrung, durch welche der Geist des Menschen mit der hochsten Gottheit sich verknüpft und vereinigt. 7. In diesen drei Bedürfrnssen liegt die ganze Würde des Menschen beschlossen, sie allein sind die Grundlage des gegenwärtigen und des künftigen Lebens. Alles andere, Gesundheit, Kraft, Schönheit, Reichtum, Würde, Freundschalt, Glückserfeig und langes Leben ist nichts als Zugabe und äußerliche Verschönerung des Lebens, wenn es von Gott kommt, oder aber Nichtigkeit, nutzlose Last und böses Hindernis, wenn man es sich selbst in gierigem Streben anhäuft und sich, unter Vernachlässigung jener höheren Güter, nur damit beschättigt und darein vergräbt.
    (Bemerkung: Wir entdecken bei Comenius einen gewissen „Bhaktismus“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Bhakti), Erlösung durch Frömmigkeit, im Shivaismus, die Vorherrschaft der Brahmanen und das Anhängen an das Wissen um die religiösen Texte (Wicki) hintanstellend, eine sozialkritische Theologie mit egalitären Elementen.)

    Um aber zu erfahren, was wir möglicherweise unter (äußerem) „Anstand“ zu verstehen haben, lesen wir wieder Erasmus´ Pädagogische Gespräche:
    „(…) Red auch nicht albern und unüberlegt daher. Die Gedanken sollen nicht umherschweifen, sondern du sollst aufmerksam darauf hören, was der andere sagt.. Hast du etwas zu antworten, so tue das mit wenigen Worten und recht bescheiden. Du mußt immer seinen Titel anbringen, bisweilen auch einen höheren einfließen lassen. Mitunter mußt du auch das eine Knie ein wenig beugen, vor allem, wenn du ausgeredet hast, du darfst nicht weggehen, bevor du um Erlaubnis gebeten hast oder von ihm selbst entlassen worden bist.
    (…) Wer das Wort an dich richtet, den blicke freundlich an. Selbst sollst du nur sprechen, wenn du gefragt wirst. Wenn etwas Unanständiges erzählt wird, so lache nicht, sondern tue so, als ob du es nicht verstündest. Sprich von niemandem abfällig, und dünke dich nicht besser als einen andern. Du sollst dich selbst nicht herausstreichen und andere nicht herabsetzen. Sei freundlich auch gegen bedürftige Mitschüler. Schwärze keinen Kameraden an und habe kein ungewaschenes Maul.“

    (Bemerkung: Wir lernen, der – angedeutete Knicks – ist nicht etwas, das lediglich Frauenzimmern vorbehalten bleiben muss.)
    Wie stellt sich Comenuis aber seine Reformpädagogik in Kapilel 12, Die Schulen können reformiert werden, 1627, vor? Abschnitt 2. (ich gestatte mir ein paar Hervorhebungen):
    „Wir versprechen, die Schulen so einzurichten, daß 1. die gesamte Jugend — mit Ausnahme höchstens derer, denen Gott den Verstand versagt hat — dort gebildet wird; und zwar II. in allem, was den Menschen weise, gut und heilig machen kann; und III. so, daß dieser Bildungsvorgang (formatura) vor dem Erwachsenenalter, gleichsam als Vorbereitung für das Leben, abgeschlossen ist; und daß IV. dieser Bildungsvorgang ohne Schläge und Härte, ohne den geringsten Zwang (coactio) ganz leicht und wie von selbst (quasi sua sponte) voranschreite; auf solche Weise wächst ja auch der lebende Körper: der Mensch soll als vernünftiges Wesen sich nicht von fremder, sondern nur von der eigenen Vernunft leiten lassen, er soll nicht nur fremde Meinungen über die Dinge in Büchern lesen und verstehen, sich einprägen und wiedergeben, sondern bis zu den Wurzeln der Dinge vordringen und sich ihren ursprünglichen Sinn und Gebrauch aneignen; von der gründlichen Aneignung der Tugend und Frömmigkeit gilt das gleiche; VI. daß dieser Bildungsgang nicht beschwerlich sei, sondern ganz leicht, indem nämlich täglich nur vier Stunden auf die gemeinsamen Übungen verwandt werden sollen und zwar so, daß ein einziger Lehrer für die gleichzeitige Belehrung von hundert Schülern genügt und dabei doch zehnmal weniger Mühe hat, als man heute an jeden einzelnen zu wenden pflegt.“
    Bereits vor knapp 400 Jahren war in von und durch Comenius inspirierten Schulen die Prügelstrafe aufs Strengste verboten!
    Und während Erasmus sich über Sitte und Anstand lustig zu machen scheint (die Gespräche sind als lateinische Übungstexte „lebensnah“ verfasst, einschließlich „Altmännergesprächen“, dem „Jüngling und das Freudenmädchen“, dem „ehescheuen“ sowie „reuigen Mädchen“, usw.), geht es Comenius offenbar um Bildung für die Massen und führt hierzu Plutarch an. In Abschnitt 25 fährt er fort:
    „25. Das Ergebnis des Gesagten führt auf ein Wort Plutarchs:
    „Wie geartet die Kinder geboren werden, liegt in keines Hand. Aber daß sie durch richtige Erziehung (institutio) gute [Menschen] werden, das steht in unsrer Macht“. In unsrer Macht — sagt er! So zieht ja auch der Gärtner aus irgendeinem Setzling einen Baum, indem er überall seine gleiche Pflanzkunst anwendet.
    26. Daß aber mit ein und derselben Methode die gesamte so verschieden die Anlagen auch sind, erzogen und gebildet werden kann, zeigen die folgenden vier Punkte:
    27. Erstens: Alle Menschen sollen den gleichen Zielen der Weisheit, der Sittlichkeit und der Heiligkeit zugeführt werden.
    28. Zweitens: Alle Menschen, so sehr sie sich auch in ihren geistigen Anlagen voneinander unterscheiden, haben doch gleiche Natur und sind mit den gleichen Organen versehen.
    29. Drittens: Jene Verschiedenheit der geistigen Anlagen ist nicht anderes als eine Anomalie und ein Mangel der natürlichen Harmonie, ebenso wie Krankheiten des Körpers … “ (Jetzt kommt die für seit der Antike übliche Somatik, in der Feuchtigkeit, Trockenheit, Wärme, Kälte usw. eine Rolle spielen).
    Finden wir also hier vielleicht die Antwort, warum, um Himmles Willen, wir jene alten Texte lesen sollten? War es also vielleicht doch nur eine schimärenhafte Idee Heideggers, dass der „Humanismus“, bei Comenius vielleicht doch „lediglich“ „Humanität“, vor nunmehr fast 400 Jahren an ein Ende gekommen sei?

  54. Heideggers Humanismusbrief hilft in dieser Richtung vielleicht weiter, weil er zu einem anderen Denken des Menschen auffordert. Im Humanismus ist das, was den Menschen auszeichnet, unzureichend gedacht. In diesem Sinne kann man den Text gegen ihn selbst gedreht auch ein Stück weit als Ideologiekritik und Genealogie lesen. Zumindest aber schärft er das Gespür dafür, wenn der Begriff „Humanismus“ zur Phrase gerinnt.

    Ansonsten müßte man zum Humanismus, seinen Tendenzen, seinen Philosophien und Implikationen, zu der Frage, was die Würde des Menschen ausmacht, wohl auf ein gerade bei Meiner erschienenes Standardwerk zurückgreifen: Thomas Leinkauf: Grundriss Philosophie des Humanismus und der Renaissance (1350- 1600).

  55. Genau, Hegel und Sloterdijk waren und sind, und sie bleiben es, brillante Welt-Philosophieprofessoren, Denkprofis eben, welche, ja, die selbst/selber denken und, ja, solche, “ die frei denken „. Genau das ist so richtig und wichtig, um die Philosophie lebendig zu halten.

    In der Weltliteratur trifft das auf Bertold Brecht und Thomas Bernhard zu.

    P.S.:
    Und deshalb und doch vermisse ich immer noch das “ Profi-Sloterdijk/Safranski-Professorenduo samt Gästen „, im guten TV, ja, beim damaligen “ Philosophischen Quartett “ !
    Schade, dass diese sehr gute Sendung Geschichte wurde, gut aber, dass sie doch immer lebendig bleiben wird.

  56. Ja, ich schätze die beiden auch, selbst wenn bei Sloterdijk manches nicht immer wohlbegründet, sondern aus der Hüfte kommt. Zumindest ist Sloterdijk anregend. Selbst sein „Schelling-Projekt“, Vielleicht nicht als große Literatur, aber doch als Essay.

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