Jan Wagner und der Georg-Büchner-Preis

Die einen sagen so, die anderen meinen es seien die „Regentonnenvariatonen“ eine allzuseichte und gefällige Lyrik – eher den gediegenen Publikumsgeschmack des typischen „Landlust“-Lesers treffend. Ich habe mir in der Causa Grünzeug kein abschließendes Urteil gebildet. Ob ich freilich die „Epiphanie eines Rosmarins im schwäbischen Garten“ – so angekündigt bei Hanser für Wagners im März erschienenen Essay-Band „Der verschlossene Raum“ – tatsächlich goutiere und für relevant erachte, mag es sprachlich noch so flirren: auch das weiß ich nicht. Ich wittere hinter solchen Epiphanien eher die theologischen Mucken der Ware. Und rilkesches Wortklingeln und Huberei der Bedeutsamkeiten sind ein zweischneidiges Schwert, das manchem Dichter schon entglitt und ihm auf den eigenen Fuß fiel.

Gut sicherlich, daß nicht nur die älteren Damen und ältere Herren diesen wichtigen Preis bekommen, ein Preis, der fürs Renommee eines Dichters bedeutsam ist. In der FAZ lobt der geschätzte Andreas Platthaus Jan Wagners Lyrik. Jedoch: Ich verstehe solche Art von Kritik nicht:

„Er versteht es meisterhaft, anschaulich zu dichten, in einer allgemein zugängliche Sprache, die aber auf einer vollendeten Kenntnis der lyrischen Formen beruht. Kaum ein klassisches Reimschema, das Wagner nicht schon benutzt, bisweilen auch kreativ variiert hätte. Seine besondere Sympathie gilt dem Sonett.“

Weshalb kann man diese Aussagen nicht mit einem guten Beispiel illustrieren? Ohne Beleg bleiben die Sätze leer und reichen übers bloße Behaupten nicht hinaus. Wenigstens ein klitzekleines Zitat hätte es geben und wir Leser hätten uns ein Urteil bilden können, weshalb dieses Dichten meisterhaft sei. Nun werde ich morgen in meine Buchhandlung stapfen und schauen, was auf den Auslagetischen von Jan Wagner zu finden ist. Ich werde mir das eine oder andere Buch greifen. Besonders an Debüts bin ich interessiert. „Probebohrung im Himmel“ – das klingt für den materialistischen Metaphysiker im Grandhotel Abgrund verlockend. Aber vielleicht ist Jan Wagner genau als das zu begreifen: Lyrik in luftigen Höhen. Doch diese Luftschifferei ist nur bedingt meine Sache, und meist interessiert sie mich als Prosa, wenn der Kontext stärker gefaltet und dann wieder ausgefahren wird. Schachtelprinzip. „Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch“. Luftgeist statt Erdgeist. Und wenn schon Erdgeist, dann einer, der seine Sache auf Sand oder dicht am Meer baut. Verspieltheit in Sprache, immerhin, funktioniert in vielen Varianten. Für jeden was dabei. Ein Vivat auf Jean Paul! Und auf Jan Wagner bin ich dann mal gespannt. Ich habe mich, das sei zugegeben, vor seiner Lyrik bisher herumgedrückt.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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13 Antworten zu Jan Wagner und der Georg-Büchner-Preis

  1. Herwig Finkeldey schreibt:

    Die Nachricht des Büchnerpreises ist nun wirklich erst ein paar Stunden on the net – schon kommt der notdürftig mit Ästhetik zugedeckte pawlowsche Futterneid daher und fällt Urteile. Sehe ich das richtig, dass es dieselben sind, die Lyriker staatlich alimentiert sehen wollten?

  2. Bersarin schreibt:

    Na ja, online in den Zeitungen habe ich bisher eher lobende Stimmen gelesen. Was nun die lieben Lyrikerkollegen so äußern: Ich glaube ja immer noch daran, daß Dichter nicht gehalten sind Lyrik zu verstehen. Sie müssen sie machen. Was womöglich ein noch viel schwierigeres Unterfangen ist. Vielleicht gilt für heute noch viel mehr das Hölderlinwort von den Dichtern in dürftiger Zeit.

  3. Herwig Finkeldey schreibt:

    Es war ja v.a. das produzierende, nicht das reproduzierende Gewerbe, das ich meinte.

  4. Bersarin schreibt:

    Wie es so unter Kapellmeistern zugeht. (Vermutlich nicht anders als unter Kesselflickern.) Ich hatte bisher von Clemens Setz auf Twitter gelesen.

  5. Dieter Kief schreibt:

    Hier sind Wagner-Gedichte

    https://www.lyrikline.org/de/gedichte/stoertebeker-1068#.WUlemGjyiUn

    Die besten sind wie Schnappschüsse. Es gibt ein sehr schönes Günter-Eich Zitat in Sachen Störtebeker.

    Mit Johannes Kühn wird das nichts mehr, mit Buselmeier auch nicht, ist aber weniger schade. Walle Sayer? – Vielleicht Stuttgarter Literaturpreis oder so. Peter Salomon? F. W. Bernstein kriegt auch nix.

    Henscheid – liabs Hergöttle, noch lebta; fast keiner der in den letzten zwanzig Jahren ausgezeichneten hält den Vergleich mit dem aus. Piwitt wg. Gärten im März und Rothschilds.

  6. Bersarin schreibt:

    Ich bin mal gespannt, bin kritisch-offen. Die neue Frankfurter Schule, die wenigen Alten, das, was davon noch übrig ist und nicht schon gestorben: die kriegen nichts, Bernstein, der bei mir um die Ecke wohnt, keine zehn Minuten Fußweg, und Henscheid – sie hätten es verdient.

  7. Dieter Kief schreibt:

    Wulf Kirsten; Wolf Wondratschek – ichab nochmal geguckt – hat auch nix jekricht. Unglaublich! – Nunja, Schicksal is blind.

    Die Prinzessin im Krautgarten über Kirstens Kindheit in der DDR auffm Land – bettelarm!, entbehrungs- und erfahrungsreich – ist eines dieser Bücher, für die ich trommle! Ausserdem hab ich noch Sachen im Ohr von vor zwanzig Jahren, Zeilen aus Gedichten Kirstens, die ich seitdem nicht mehr gelesen habe – über Tilken, und versteckte Gründel. Sollte mal wieder.
    Und wondratschek flacker immer mal wieder auf. Über münchner mannequins. Oder über den selfmademan mit der Garage voller Westernstiefel, der Rock’n’Roll Hero: „Was soll ein Typ wie du schon machen, außer weitermachen? The Ticket, That Exploded. Solche Sachen. Seine Verbeugung vor Dylan, dei aufhört mit den unsterblichen Worten: Thank you Du – superschöne Sentimentalitäten…

    Oder Felix Huby für Heimatjahre und Lehrjahre – zwei Bücher, so treffsicher und uneitel, dass man sie als Wunderwerke bezeichnen kann. Zen-Bücher in ihrer scheinbaren (scheinbaren) Kunstlosigkeit.

    Oder, wenn ich an Büchner denke, wie der hätte rauskommen können: So wie Klonovsky heute? Dass der mal eine Preis krächte – nie int Leben, jaja. Obwohl der mich Sonntag nacht so laut zum lachen brachte. Ausserdem ist sien land der wunder schon toll.

    Und ausserdem ist schulz größer als jan wagner. – Ich schätze: Fünfmal würde Wagner, wenn er sich nicht künstlich aufspreizte, in Frank Schulz hineinpassen: Morbus Fontikuli ist schon ein dolles Werk. Die ganze Hagener Trilogie eigentlich. Die ersten beiden Onno Fietze nicht schlecht.

    Nun ja, Hauptsache, Seel kricht jetzt den Freud-Preis, und nicht wieder so eine blindgeborene Mickymaus aus irgendem Feuilleton oder woher.

    Peter Sloterdijk für sein Tagebuch: Büchnerpreis hoch zwei! Büchner redivivus / Und Schluss!

  8. Bersarin schreibt:

    Gerecht ist die Welt sicherlich nicht. Irgendeiner fehlt immer. Sloterdijk ist aber doch eher ein philosophischer Autor und das „Schelling-Projekt“ hielt ich nicht gerade für preisverdächtig, hingegen Tagebuch, das ist halt keine Prosa. Martin Seel hätte den Freud-Preis ganz sicher verdient. Peter von Matt ist nun leider Schweizer und kann ihn nicht kriegen. Auch schade.

    Wie wäre es eigentlich mit Alban Nikolai Herbst für den Büchnerpreis?

  9. Dieter Kief schreibt:

    Kurzeck haben sie übergangen. Stattdessen ein paar absolute Krachnüsse. Je länger ich überlege, desto fadenscheiniger kommt mir die Wahl Wagners vor. Ich tröste mich mit seinen gelungenen Schnappschüssen. Und mit seiner Unaufgeregtheit. Das allein ist freilich keine Kunst. Dennoch.
    Herbst eher nicht. Schweizer gehen, Österreicher auch. Hier ist der Link zu von Matts ganz guter Merck-Preis-Rede:
    https://www.deutscheakademie.de/de/auszeichnungen/johann-heinrich-merck-preis/peter-von-matt/dankrede

    Naja – Sloterdijks Tagebücher erzählen schon auch. Den Schelling habe ich nicht gelesen – höchstens zwanzig Seiten mal eben. Will aber nochmal reinlesen.

  10. Dieter Kief schreibt:

    OT Brüssel, Paris, London, Manchester, – als ich das gerade las mit Brüssel, dachte ich: Aha, ok. – Sonst – fast – nichts.

  11. chairborne schreibt:

    Ich habe gerade noch einmal ein bißchen in Regentonnenvariationen gelesen, das ich mir 2015 zugelegt hatte, als es dafür den Leipziger Buchpreis gab. Heute wie damals bin ich eher ratlos, weil mir vieles so belanglos daherkommt, vielleicht erkenne ich aber auch die Genialität nicht, die angeblich darin steckt.

    Ich denke an Jürgen Kross oder Paulus Böhmer, das wär mal was gewesen. ANH? Der hat sich wohl mit zuvielen Leuten aus dem Betrieb angelegt, das wird wohl nix mehr, leider.

    Der Preis ist im Übrigen ja ein Preis für deutschsprachige Literatur, so dass es nicht ausgeschlossen ist, ihn auch dorthin, also in die Schweiz oder nach Österreich zu vergeben (siehe Dürrenmatt z.B. oder Handke usw.).

    Nächstes Jahr Ann Cotten dann.

  12. Bersarin schreibt:

    Ja, das wäre eine gute Wahl, Ann Cotton. Für Monika Rinck ist es irgendwie noch zu früh? Ich weiß es nicht genau. „Risiko und Idiotie“ fand ich ein starkes Buch, die Honigprotokolle auch. Aber Humor ist vermutlich nicht so die Sache der Büchner-Akademie – dabei schrieb Büchner doch ein Lustspiel. Da hätten dann Henscheid oder Gernhard schon lange den Büchern-Preis erhalten müssen.

    Paulus Böhmer wäre ebenso ein deutliches Statement. (Aber gut, man weiß eben nichts über die Hintergründe, weshalb und zu welchem Behuf der Preis an wen verliehen wird.)

    Daß es eine Rolle spielen könnte, wenn sich jemand mit dem Betrieb anlegt, wie bei ANH, das ist ebenfalls eine traurige Sache. Und wer in solchen Fragen der Qualität unfähig ist, Person und Werk zu trennen, sollte sich vielleicht nicht in einer solch wichtigen Akademie tummeln. Ich darf das sagen. Ich werde vermutlich niemals Kandidat für solch einen Preis werden.

  13. Dieter Kief schreibt:

    Böhmer eher nicht. Ichab einiges von ihm gelesen, und könnte jetzt keine Zeile wiederholen. Etliches von ihm ist forciert – nicht von der Mus geküsst, sondern Auswirf der einsamkeit – und der Langeweile, wie ich fürchte. Das ist übrigens ein wichtiges Argument gegen die Alimentierung von Kunst: Die aus dieser künstlichen Untätigkeit sich ergebende Langeweile, wenn die Musenritter n i c h t von der Muse geküsst sind. Von Rutschky gibts dazu einen hervorragenden Text. Salomon, den ich oben ansprach, geht eigentlich auch nicht, obwohl ich von dem Zeilen erinnere, oh. Querköpfe gehen an sich. Ich war bei etlichen Tagungen in Darmstadt und auch bei ein paar Frühjahrstagungen und kannte etliche der Büchner-Besatzung. Wo sie Muffe haben das sind die Fälle, wo sie Angst haben, dass die FAZ und die SZ und die Zeit nicht folgen, würde ich mal tippen. Sie sind ja auch auf Resonanz angewiesen. Aber sie sollten sich mehr trauen.

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