Unendliche Schönheit

„4. Wir erklären, daß sich die Herrlichkeit der Welt um eine neue Schönheit bereichert hat: die Schönheit der Geschwindigkeit. Ein Rennwagen, dessen Karosserie große Rohre schmücken, die Schlangen mit explosivem Atem gleichen . .. ein aufheulendes Auto, das auf Kartätschen zu laufen scheint, ist schöner als die Nike von Samothrake.“ (Filippo Tommaso Marinetti)

(Die beiden Photographie von der Mille Miglia wurde dem Twitteraccount von Don Alphonso entnommen.)

Wenn bei den Futuristen aus dem Rausch des Neuen der alte Funken Schönheit aufblitzt. Der Gesang des Futuristen Marinetti, 1909 in seinem futuristischen Manifest propagiert, bleibt freilich in manchen Passagen problematisch, wenn wir diesen Text als politisches Pamphlet verstehen. Das wäre jener sattsam bekannte Fehler, die Kunst mit der Politik zu verwechseln oder gar sie im unmittelbaren Modus zu verkoppeln. Was im Umkehrschluß nicht heißt, die Kunst sei nicht politisch. Sie ist es. Aber in anderem Sinne als die Futuristen oder die Engagierten es sich ausmalen und träumen. Ebensowenig aber – und damit sind wir beim schönen Widerspruch – lassen sich diese und insbesondere die folgenden Passagen mit dem Einwurf entschärfen, es habe Marinetti dies gar nicht politisch und schon gar nicht wörtlich gemeint.

Ähnlich wie bei Bretons surrealistische Tathandlung  des Revolver-Ichs im zweiten surrealistenschen Manifest von 1930 ist zugleich auf dem Wortsinn zu beharrren, denn sonst wären diese Sätze keine Provokation und keine Revolte, sondern bereits ästhetisch enschärft als Pamphlet und Propaganda der Kunst: eines Souveränitätsanspruchs, der sich am Ende aufs Reich des schönen Scheins beschränkt:

„die einfachste surrealistische Handlung besteht darin, mit Revolvern in den Fäusten auf die Straße zu gehen und blindlings soviel wie möglich in die Menge zu schießen. Wer nicht wenigstens einmal im Leben Lust gehabt hat, auf diese Weise mit dem derzeit bestehenden elenden Prinzip der Erniedrigung und Verdummung aufzuräumen, der gehört eindeutig selbst in diese Menge und hat den Wanst ständig in Schußhöhe.“

Breton meint es genau so, wie er es schreibt. Rennwagen und Schußwaffen. Was damals freilich als Rausch der Geschwindigkeit bzw. als antibourgeoiser Exzeß auftrat, das erscheint heute, im Rücklick als die gemächliche Bewegung der alten Zeit. Manchmal konnte man annehmen, einer steinalten klassischen Moderne, der grauen, alten Vorzeit entsprungen und dennoch gegenwärtig, nur daß niemand mehr in einer solchen naiven Unmittelbarkeit in dieser Form proklamierte – wobei, wenn ich an Jonathan Meese denke, ich mir andererseits nicht ganz sicher bin. Und obgleich man mit solchen Sätzen gewiß eine bestimmte Mainstream-Ästhetik sowie die politisch gestimmten Produzenten von Kunst wie auch die moralisch Hochnotrechtschaffenen, die bei jedem Negerwort bleich vor Angst erzittern, als käme der Gottseibeiuns demnächst um die Ecke geschwänzelt, erneut verschrecken kann und damit eine hochmoralisch aufgeladene Debatte losträte, in der wieder einmal der anschwellende Gesang der politisch Korrekten ins Ästhetische einfällt wie die Hunnen in Europa:

„9. Wir wollen den Krieg verherrlichen – diese einzige Hygiene der Welt -, den Militarismus, den Patriotismus, die Vernichtungstat der Anarchisten, die schönen Ideen, für die man stirbt, und die Verachtung des Weibes.

10. Wir wollen die Museen, die Bibliotheken und die Akademien jeder Art zerstören und gegen den Moralismus, den Feminismus und gegen jede Feigheit kämpfen, die auf Zweckmäßigkeit und Eigennutz beruht.

11. Wir werden die großen Menschenmengen besingen, die die Arbeit, das Vergnügen oder der Aufruhr erregt; besingen werden wir die vielfarbige, vielstimmige Flut der Revolutionen in den modernen Hauptstädten; besingen werden wir die nächtliche, vibrierende Glut der Arsenale und Werften, die von grellen elektrischen Monden erleuchtet werden; die gefräßigen Bahnhöfe, die rauchende Schlangen verzehren; die Fabriken, die mit ihren sich hochwindenden Rauchfäden an den Wolken hängen; die Brücken, die wie gigantische Athleten Flüsse überspannen, die in der Sonne wie Messer aufblitzen; die abenteuersuchenden Dampfer, die den Horizont wittern; die breitbrüstigen Lokomotiven, die auf den Schienen wie riesige, mit Rohren gezäumte Stahlrosse einherstampfen, und den gleitenden Flug der Flugzeuge, deren Propeller wie eine Fahne im Winde knattert und Beifall zu klatschen scheint wie eine begeisterte Menge.“

Doch die Wildheit dieser Art von Moderne weist bereits implizit aufs Grauen auch wenn diese Deutung ex post factum geschieht. Und es klingen arg noch die Wehen Nietzsches an und werden im identifikatorischen Duktus nachgesprochen. Die Moderne ist ein Projekt, das sich aus Traditionen und wilden Träumen speiste.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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5 Antworten zu Unendliche Schönheit

  1. Dieter Kief schreibt:

    Rennwagen sind nicht antibourgois. Revolver auch nicht. Nicht einmal, dass einer die Kontrolle verliert und in die Menge ballert, ist antibourgois. Das eben war ja die Krux der Avantgarden: Dass sich die bürgerliche Welt mit ihren eigenen Mittel nicht schlagen lässt.
    M. a. Worten: Das eben sind „Die Aporien der Avantgarde“***.

    *** Das aber ist nun auch schon wieder eine Einsicht mit Patina – by: Guess, who!?

    Nietzsche, der Übermann, hehe, als kleines, oft schmerzgebeugtes Männle in den Kurgärten und Promenadenkonzerten der Gründerzeit an der Seite von ältlichen adligen Damen, immer ist ihm schwindlig, ständig brütet er, aber er ist so gebrechlich und spricht so h i n r e i s s e n d ! , dass die Damen Mitleid mit ihm haben und ihm auch ihrerseits gut zureden, schließlich ist er ein leibhaftiger Basler Professor.
    Wenn auch das nichts mehr nützt, geht er auf sein Zimmer und phantasiert über seine prinzipielle Überlegenheit, bis er sich endlich ein halbes Gramm alles begütigenden Trost gönnt.
    Dann ist plötzlich, was wunder… – wieder gut drauf und phantasiert erneut. Aber diesmal über den Amor fati und die gay science (hehe, kleiner Scherz) und überhaupt über das Helle in der Welt. Und siehe da: Auch das geht ihm flott von der Hand!
    Nietzsche ist sozusagen Ödipus als modernes Dauerprogramm. Und auch insofern unsterblich. Mit dem Kapitalismus ist er via Merkur innerlich verbandelt, weil er Hierarchie und Überbietungsphantasien (und dirty tricks, hehe) im Repertoire hat: Und zwar stärkere als alle anderen: Er ist Spider – & Superman und Mr. Bright in Personalunion = Total-mega-Man!

    Nietzsche heute: Stärker noch als Putin & Trump!

  2. Bersarin schreibt:

    Dieter Kief, es schreibt niemand, daß der Rennwagen an sich oder der Revolver an sich antibourgois seien. Sehr wohl aber im Sinne von Breton und von Marinetti. Genau darum ging es. Und es ist beim Konzept des Übermenschen nicht die Frage, ob Nietzsche gut am Turnreck war und einen prima Aufschwung konnte, sondern was er in seinem Texte konzipierte. Da ich Herrn Nietzsche und seine Zipperlein nicht persönlich kennenlernen durfte, kann ich zu ihm als Menschen nicht viel sagen.

  3. Dieter Kief schreibt:

    @ Bersrin

    Klar, Revolver an sich und Rennwagen an sich – das hat keinen Sinn.
    Die Avantgarde nutzte derlei als Schockmomente – und biss sich am bourgoisen Status quo wie zu erwarten die Zähne aus. – Mit etwas anderen Worten erläutert das HM Enzensberger in dem o. a. Aufsatz des Titels Die Aporien der Avantgarde – – – : Und dieser Aufsatz ist ein zukünftiger Klassiker, würde ich meinen (= wir sind noch lange nicht mit dem fertig (wir= wir alle= auch Sie, Bersarin)).

    PS – das ist jetzt marginal – ich tendiere zum Sie – es erleichtert den gesellschaftlichen Verkehr; es ist eine Errungenschaft…aber ich bestehe nicht darauf: Insofern bin ich flexibel).

  4. Bersarin schreibt:

    Daß die Avantgarde oder die Avantgarden sich in Aporien verstricken, ist unbestreitbar. Andererseits sind Aporien per se nichts Schlechtes, und manchmal erweisen sie sich insofern als unlösbar, weil sich in ihnen objektive Widersprüche anschaulich manifestieren. Widersprüche, die sich zu nächst nicht auflösen lassen.

  5. Bersarin schreibt:

    Und hinzufügen muß man vielleicht, daß gerade darin das Glück und die Erkenntnis der Kunst liegen, diese Aporien im Material zu vergegenständlichen und anschaulich zu machen. (Man muß das freilich gar nicht so sehr in die schillerschen idealistischen Höhen der Kunst deuten. Wobei man mit diesen Festschreibungen andererseits wiederum Schiller gegen seine Schillerdeuter in Schutz nehmen muß. Sozusagen mit Adorno gedacht, Schiller gegen seine Liebhaber verteidigt.

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