Post Marx? Postromantischer Belastungsstreß? 150 Jahre „Das Kapital“

„Der Mensch ist im wörtlichsten Sinn ein zoon politikon nicht nur ein geselliges Tier, sondern ein Tier, das nur in der Gesellschaft sich vereinzeln kann. Die Produktion des vereinzelten Einzelnen außerhalb der Gesellschaft – eine Rarität, die einem durch Zufall in die Wildnis verschlagnen Zivilisierten wohl vorkommen kann, der in sich dynamisch schon die Gesellschaftskräfte besitzt – ist ein ebensolches Unding als Sprachentwicklung ohne zusammen lebende und zusammen sprechende Individuen.“
(Karl Marx: Einleitung zur Kritik der politischen Ökonomie)

„Die Arbeit ist zunächst ein Prozeß zwischen Mensch und Natur, ein Prozeß, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigne Tat vermittelt, regelt und kontrolliert. Er tritt dem Naturstoff selbst als eine Naturmacht gegenüber. Die seiner Leiblichkeit angehörigen Naturkräfte, Arme und Beine, Kopf und Hand, setzt er in Bewegung, um sich den Naturstoff in einer für sein eignes Leben brauchbaren Form anzueignen. Indem er durch diese Bewegung auf die Natur außer ihm wirkt und sie verändert, verändert er zugleich seine eigne Natur. Er entwickelt die in ihr schlummernden Potenzen und unterwirft das Spiel ihrer Kräfte seiner eignen Botmäßigkeit.“
(Karl Marx, Das Kapital I)

„Der Revolte garstiger Feuerstank!“
(Bersarin, Dankesrede zur Verleihung der Joseph de Maistre-Medaille)

Was fangen wir mit Marx an? So schalt es, freilich verhalten, im Gewimmel des bürgerlichen Feuilletons und in den öffentlichen Diskursen. 150 Jahre Kapital – im Sommer 1867 erschien der erste Band. Und im nächsten Jahr werden wir Marx‘ 200. Geburtstag begehen. Ob es dazu ebensolchen Rummel gibt wie zu Luthers Thesen, wird man sehen. Gewiß wird mancher, wie schon bei Luther, den vorgeblichen Antisemitismus von Marx hervorkramen. Dumm freilich – insbesondere von Hannah Arendt, aber, so steht zu vermuten, eher ihrem boshaften Beißreflex gegen die Frankfurter Schule geschuldet, als der Sache. [Davon ab, daß diese Kritik insbesondere bei Luther kein völkischer Antisemitismus im modernen Sinne ist, sondern sich aus dem religiösen Antijudaismus speist.]

Wie sich Marx nähern? Am besten sinnlich und konkret vom Text her. Das heißt, die beiden Zitate laut zu lesen. Den Klang der Wörter, den Rhythmus des Satzes beim Vorlesen wirken lassen. Marx schrieb nicht die Revolution, sondern er war Analytiker der Gesellschaft und in seiner Analyse der kapitalistischen wie bürgerlichen Gesellschaft zugleich ein Stilist. Er legte beim Schreiben Wert auf Sorgfalt. Selbst einer wie der Springer-Journalist und der spätere Leiter der Henri Nannen-Schule, Wolf Schneider, der wie sein Namensgeber mehr von einem Wehrmachtssoldaten mit Störkraftfeuer als von einem feinsinnigen Schreiberchen hatte, konzedierte Marx einen hervorragenden Stil. Klar, präzise, deutlich, wie Scheider es sich wünschte, wenn einer schrieb.

Und Marx war stilistisch ein Vorläufer von Karl Kraus, nicht nur, weil er die Sprache zum Tanzen brachte, sie mit Schwung auf die Sache kaprizierte und ihr so zum Ausdruck verhalf, sondern vor allem, was den bösen Ton betraf. Marx‘ Polemiken sind Legion, sie sind scharf, sie treffen den Gegner genau. Ins Gesicht. Gesellschaftskritik läuft (auch) über die Sprache. Marx wußte das, Kraus wußte es und ebenso Adorno und Benjamin, die Kraus‘ „Methode“ schätzten.

Was also tun mit Marx: Ihn nachbeten, ihn rekonstruieren, wie Habermas es in „Zur Rekonstruktion des Historischen Materialismus“ forderte? Geschichte ist Rekonstruktion, Theorie ist dies auch – sicherlich, – und ebenso lassen sich die ökonomischen Prozesse der Vergangenheit wie auch der Gegenwart beschreiben. Marx hat sie in seinem Kapital analysiert. Er lieferte jedoch keine Volkswirtschaftslehre für Linksradikale, wie manche fälschlich annahmen, sondern er spielte der Gesellschaft ihre eigene Melodie vor. Marx schrieb, was ist. Marx „Kapital“ ist im besten Sinne eine kritische Theorie der Gesellschaft, weil er sie bei ihren eigenen Begrifflichkeiten nahm.

Historischer Materialismus ist dabei, wie auch der Begriff der Dialektik, ein Schlagwort. Wie aber füllt man sie mit Inhalt? Auch in diesem Sinne ist der Begriff der Rekonstruktion zu verstehen. Linien bei Marx nachzeichnen. Ob dafür Habermas tatsächlich der richtige Gewährsmann ist, daran wird mancher Kritische Theoretiker zu Recht seine Zweifel hegen. Rekonstruktion von Marx im Sinne Habermas? Er schreibt dazu in der Einleitung seines Buches, 1976 erschienen, die Träume der 60er Jahren waren zu dieser bleiernen Zeit schon lange keine linken Nachwehen mehr, sozusagen postromantischer Belastungsstreß (den es sicherlich auch gab im Vorrausch wie in den Nachwehen und dem Abklang der 60er), sondern nach der großen Misere von 1968 bereite sich die Leere aus, die Theorie der Dogmatiker mit den Ismen gelangte in die objektlose Innerlichkeit marxistischer Exegese-Orthodoxie der unterschiedlichen K-Gruppen. Marx als Säulenheiliger.

Aber nicht im Text selbst mehr bewegte man sich, diese Immanenz, das, was da buchstäblich stand, tatsächlich zu verstehen, war selten, trotz der Lektürekreise, die in Hochintensität lasen, sondern es steckten die K-Kombattanten – statt im Analysemodus der Theorie zu fahren – in den Revolutionspostulaten, postromantisch ein Revolutionssubjekt imaginierend – sie glaubten die IG-Metall wäre links und auf ihrer Seite. Aber was sie projizierten, das waren in Wahrheit Arbeiter in der BRD, die lange schon keine Arbeiter mehr sein wollten und sich schon gar nichts von jungen Männern mit Bärten sagen lassen mochten, die von der Universität kamen und klug daherredeten. Marx-Exegeten, die vor lauter Tauschwert nicht mehr die Schönheit des Gebrauchswertes sahen. Im Grunde völlig contre Marx, diesen unproduktiv mißverstehend. Und so sahen die Menschen in den Lesekreisen noch bis in meine Studienzeit aus: Unansehnlich. Gleichförmig. Aber wie wir wissen, sind Statuen und Säulen tot, leblos unlebendig, manchmal erschlagen sie ihre Anbeter, kraft ihrer Größe. Es ist das Gegenteil von kritischer Philosophie Idolatrie zu betreiben.

Habermas schreibt in der Einleitung von „Zur Rekonstruktion des Historischen Materialismus“:

Renaissance würde die Erneuerung einer Tradition bedeuten, die inzwischen verschüttet worden ist: das hat der Marxismus nicht nötig. Rekonstruktion bedeutet in unserem Zusammenhang, daß man eine Theorie auseinandernimmt und in neuer Form wieder zusammensetzt, um das Ziel, das sie sich gesetzt hat, besser zu erreichen: das ist der normale (ich meine auch für Marxisten normale) Umgang mit Theorie, die in mancher Hinsicht der Revision bedarf, deren Anregungspotential aber noch (immer) nicht ausgeschöpft ist.“

Ob das so funktioniert, steht auf einem anderen Blatt. Ich denke, daß Kritische Theorie heute lediglich deskriptiv sein kann, mit Foucault sozusagen ein fröhlicher Positivismus, obgleich sich die Dinge eigentlich nicht fröhlich gestalten, denn diese Gesellschaft ist, wie Karl Kraus es bereits für die k.uk.-Monarchie festhielt ein riesiges Versuchslabor für den Weltuntergang. Zu sagen also, was ist. Die Zeichen der Zeit zu deuten:

„Sie zeigen, wie selbst in den herrschenden Klassen die Ahnung aufdämmert, daß die jetzige Gesellschaft kein fester Kristall, sondern ein umwandlungsfähiger und beständig im Prozeß der Umwandlung begriffener Organismus ist.“ (K. Marx, Vorwort zur ersten Auflage des Kapitals)

Die Begriffe an dem zu messen, was sie unter sich befassen, auch das bedeutet, der Dynamik der Gesellschaft nicht nur gerecht zu werden, sondern ebenso den Schwung und die Entwicklung in Bewegung zu bringen. Auf Defekte weisen. Und zwar möglichst in einer ästhetisch ansprechenden Art, wie Karl Kraus es tat – der beileibe kein Marxist war – oder wie aus anderer Ecke immer wieder Wolfgang Pohrt es macht. Mit bösem Biß, wider den Stachel löcken, auch gegen die eigene Gemeinde.

Daß es im 20 Jahrhundert mit Marx allein nicht mehr geht, darauf verwies insbesondere die frühe Kritische Theoriem, die sich ebenso die Einsichten Freuds und Nietzsches zu eigen machte und soweit eine sozialpsychologische Dimension in die Theorie der Gesellschaft einführte – das eben ist deren eigentliche Pointe. Habermas ist da eine Abzweigung, die mit der Kritischen Theorie im eigentlichen Sinne nicht mehr viel zu tun. Die Frage nach Geltungsansprüchen ist ein universalphilosophisches Projekt, im Rahmen der Philosophie als Reflexionsmedium über die Vernunft, mithin eine Reflexion auf ihre eigenen Bedingungen. In dem gleichnamigen Sammelband „Zur Rekonstruktion des Historischen Materialismus“ spricht Habermas von solchen Begründungsfragen. Das aber, diese Fragen nach moralischem Sollen und nach Geltung sind etwas ganz anderes als die Kritische Gesellschaftstheorie von Marx.

Was also tun, mit Marx? Am besten, ihn lesen.

„Der Mensch streift heute nicht mehr mit seinen Hunden und seinem Bogen am Rande der Sümpfe umher: sein Freiheitsdrang hat sich andere Einöden erschlossen. Intellektuelles Brachland, wo der Einzelne dem gesellschaftlichen Zwang entgeht. Dort lebt ein unbekanntes Volk, das sich um seine Legende wenig kümmert. Ich sehe seine Landhäuser, seine Laboratorien der Lust, sein Handgepäck, seine Schliche und Listen, seine Vergnügungen.“ (Louis Aragon, Le Paysant de Paris)

Eine Vorstellung von Arbeit, die nicht entfremdet ist, vermittelt die Kunst. Utopie und Vorschein eines Anderen, von dem wir nicht wissen, was es ist. Auch darauf deutet der Text von Marx.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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