Karl Heinz Bohrers „Granatsplitter“ – Ohne Kindheitsmuster: die Exzesse des Augenblicks

Zum Ende von Bohrers großartig geschriebenem Erinnerungsbuch „Granatsplitter“ möchte ich am liebsten nach England reisen. Eindringlich fängt Bohrer die Atmosphäre der Nachkriegszeit ein: Merry old England, in der Grafschaft Kent. The White Cliffs of Dover, London, das Zentrum des alten Empire. Der Zauber des Neuen, der Reiz, den England auf den jungen Mann ausübte, kurz nachdem er sein Abitur bestand. Davor der Bann der Internatszeit nach dem Krieg und auch davor zur NS-Zeit, die Bombennächte, die Spiele der Kinder in Köln, in den Trümmern. Und wie der Vater den Sohn aufs Land zu den Großeltern schickte, um ihn vor den Bomben zu schützen. Daß Theoretiker zu solcher Prosa fähig sind und flüssig zu erzählen verstehen, erstaunt. Andererseits auch wieder nicht: Bohrer schildert aus seiner Leidenschaft heraus, greift sich die Momente, die ihn fesseln. Lust und Erkenntnis sind bei Bohrer dem Leben verschwistert. Und manchmal gesellt sich dem die Melancholie bei, jedoch ohne zur Attitüde zu gerinnen. All das wird später auch Bohrers theoretisches Schreiben bestimmen. Am Schluß der Erzählung heißt es:

„Was endgültig verschwand, waren seine englischen Tage. Daran änderte die Erinnerung nichts. Nein, die Erinnerung änderte das Verschwinden nicht. Dass etwas für immer endgültig verschwindet, nicht als Ort, aber als Zeit, das empfand er in diesem Augenblick zum ersten Mal.“

Bohrers unkonventionelles Denken – als Theoretiker des Augenblicks schätzte ich schon während des Studiums. „Granatsplitter“ zeigt eine Form von Subjektivität, die man vielleicht mit dem Begriff der Idiosynkrasie als Erkenntnismedium fassen kann. Oder aber – positiv gewendet – die Kraft subjektiver Phantasie erst beleuchtet die Phänomene in neuem Licht. Im Augenblick ihrer ersten Erkenntnis, wenn die Dinge ihre Augen aufschlagen, weil sie angeblickt werden.

Bohrer, eigentlich Theoretiker und Literaturwissenschaftler, einst in Bielefeld, veröffentlichte 2012 eine Autobiographie, schildert die Jahre seiner Kindheit. Doch Bohrer erzählt in einer solch souveränen und fesselnden Weise, daß man dieses Buch genauso als einen Roman lesen könnte. Nicht bloß die kruden Fakten eines Kinderlebens und später dann das des Jugendlichen packt Bohrer auf den Tisch, sondern er lädt die Ereignisse mit Bedeutung auf. Wenn er als Kind in Köln, einige Jahre nach der Machtergreifung der Nazis in die Auslage des Schaufensters blickt und dort im Spielzeuggeschäft die Soldaten betrachtet, dann schafft Bohrer es, Erinnerungen auch an die eigene Kindheit heraufzubeschwören: Wie gefesselt der Blick auch bei uns war, all das bunte Spielzeug, Sachen aus Plastik. Für Bohrer sind es die bemalten Soldaten, mit Pickelhauben, MGs, Gewehre, die so anders sind als die bleichen Zinnsoldaten, die ihm die Großtante schenkte. Und dann erst, gleich in den ersten Kriegsjahren, jenes funkelnde Objekt, das zur Erde regnete, gefährlich, unberechenbar: die Granatsplitter von den Flak-Geschossen, die ihr Ziel nicht trafen, dann in der Luft explodierten und als messerscharfe große Kristalle zur Erde fielen.

„Mit den Granatsplittern hatte das nichts mehr zu tun. Sie waren wie farbige Sterne vom Himmel gefallen, und ihre leuchtende Schönheit gehörte zu den ersten blendenden Erscheinungen, aus denen für ihn das Leben bestand. Erscheinungen, deren tieferen Sinn er erst allmählich verstand.“

Solche vom Himmel fallenden Geschoßfetzen haben etwas von einer Apparition. Himmelserscheinung oder Feuerwerk. Ein Feuerwerk, das nicht bloß zündet, sondern in seinem Erscheinen etwas bewegt, wenn wir es betrachten. Adorno brachte dieses Himmelsfeuerwerk in seiner „Ästhetischen Theorie“ mit den Kunstwerken in Zusammenhang:

„Sie überflügeln die Dingwelt durch ihr eigenes Dinghaftes, ihre artifizielle Objektivation. Beredt werden sie kraft der Zündung von Ding und Erscheinung. Sie sind Dinge, in denen es liegt zu erscheinen. Ihr immanenter Prozeß tritt nach außen als ihr eigenes Tun, nicht als das, was Menschen an ihnen getan haben und nicht bloß für die Menschen.
Prototypisch für die Kunstwerke ist das Phänomen des Feuerwerks, das um seiner Flüchtigkeit willen und als leere Unterhaltung kaum des theoretischen Blicks gewürdigt wurde; …“ (Th. W. Adorno, Ästhetische Theorie)

Im Bohrerschen Sinne hat dieses Erscheinen zugleich etwas mit dem Ingenium gemeinsam: Das Objekt löst sich von seiner ursprünglichen Funktion, gerät außer Kontext und dient zum Spiel der Einbildungskraft. Ähnlich geschieht dieses Aufladen bei Bohrer mit den Details des Lebens, jenen Szenen und Augenblicken, die wir als unser eigenes Leben zu empfinden glauben. Kann man sein Leben umfassend erzählen? Allein das involviert bereits ästhetische Fragen – solche einer Poetik autobiographischer Literatur nämlich. Das Ephemere zu fassen, bedeutet für Bohrer nämlich, eine Stimmung zu erzeugen, eine Atmosphäre, die auf den Leser überspringt:

„Das ist nicht Teil einer Autobiographie, sondern Phantasie einer Jugend. Der Erzähler sagt nicht das, was er über seinen Helden weiß, sondern das, was sein Held selbst wissen und denken kann – je nach seinen Jahren. Die Neugier des Lesens wird auch nicht durch eine biographische Identifizierung der übrigen Charaktere und Schauplätze befriedigt, sondern ausschließlich durch die Darstellung der Atmosphäre und der Gedanken einer vergangenen Zeit.“

Phantasie ist für Bohrer das Stichwort und in diesem Sinne bis heute das Mantra seiner ästhetischen wie theoretischen Existenz. Diese Phantasie ist zugleich ein Schlüssel, mit dem Bohrer später dann die Texte abklopft. Nicht daß er sie aufschlösse, sondern vielmehr liest er aus ihnen ihr expressives Moment heraus. Nicht um Deutung geht es ihm, sondern im Sinne Barthes um eine „Lust am Text“, wenngleich sich Bohrer vermutlich gegen solche Phrasen sperren würde. Am „Michael Kohlhaas“ interessiert ihn nicht die Frage der Moral, sondern die bis zum Exzeß aufgesteigerte wilde Geste. Das Eruptive, das Ereignis. In diesem Sinne versuchte Karl Heinz Bohrer immer wieder, der akademischen Theorie in den Literaturwissenschaften ein sinnliches Moment beizugeben. „Granatsplitter“ erzählt wie es dazu kam.

Im März diesen Jahres ist nun der zweite Teil von Bohrers Autobiographie erschienen, sie trägt den Titel „Jetzt“ und führt uns in die wilden, aber eben auch, wie Bohrer es empfindet, provinziell-langweiligen Gründerjahre der BRD und darüber hinaus in die Gegenwart hinein. Was die Lektüre von „Jetzt“ so fesselnd macht: Er schwimmt gegen den linken Mainstream politischer Korrektheiten, die heutzutage alles daran mißt, wie marginalisiert jemand ist, anstatt wieder auf die Sache zu kommen. Gesellschaftskritik freilich ist nur bedingt Bohrers Angelegenheit. Und wenn er sich in diese Gefilden begibt, dann aus einer bürgerlich-konservativen Warte heraus. Besser daß alles bleibt, wie es ist, damit sich besser und schöner phantasieren läßt. Die von ihm als langweilig konstatierte bürgerliche Gesellschaft dient Bohrer lediglich zum Schutz der eigenen Phantasie, wie er es an einer Stelle des Buches schön formuliert. Das mag mancher als Eskapismus werten. Im Sinne eines konsequent verstandenen Ästhetischen ist dieses Lebensmotiv Bohrers jedoch berechtigt, weil der Sache gemäß: adaequatio rei et intellectus. Etwas böse gemeint, könnte man Bohrer als einen Adorniten lesen, dem die Utopie schwarz verhüllt ist. Aber das würde ihm vermutlich die Zornesröte ins Gesicht treiben.

Man kann beide Bücher – „Jetzt“ und „Granatsplitter“ – unabhängig voneinander lesen, man kann mit „Jetzt“ anfangen, ohne „Granatsplitter“ gelesen haben zu müssen. Beide Bücher zumindest sind für sich lesenswert. Das eine aus der Distanz heraus in der Perspektive der dritten Person erzählt. Das Kind, das einer mal war, eine Kindheit, die fern zurückliegt, über siebzig Jahre. „Jetzt“ hingegen, ganz gegenwärtig in der ersten Person singular. Beide Bücher berichten vom Leben eines der letzten Intellektuellen der BRD, der sich selber nie als solcher sah und auch die Theorie nur betrieb, um seiner Sinnlichkeit und der Phantasie zu frönen. Um diese Bedeutung des Phantastischen, der Tragödie, des Pathos für heutige moralingeträufelte Ohren überhaupt noch verständlich zu machen, muß man vielleicht auf Bohrers ganz frühes Theoriewerk verweisen: „Die gefährdete Phantasie, oder Surrealismus und Terror“ sowie daran anschließend seine umfangreiche Habilitation „Die Ästhetik des Schreckens“.

Karl Heinz Bohrer: Granatsplitter, Hanser Verlag 2012, 320 Seiten, 19,90 EUR

 

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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7 Antworten zu Karl Heinz Bohrers „Granatsplitter“ – Ohne Kindheitsmuster: die Exzesse des Augenblicks

  1. Dieter Kief schreibt:

    Das Gespräch zwischen Alexander Kluge und Karl Heinz Bohrer ist sehr bewegend:
    http://www.dctp.tv/filme/was-unter-die-haut-geht-newsstories-25042017/

  2. Dieter Kief schreibt:

    „Nicht um Deutung geht es ihm, sondern um die Lust am Text.“

    Zu immanent. Bohrer kuckt nach dem Ort, an dem der Text und die Wirklichkeit sich – auf lebendige, riskante, anmutige, abenteuerliche.. Weise – begegnen können.
    Bohrers Habermas-Apotheose ist nochmal eine Sache für sich. Die müsste selbst hartnäckigen Habermas-Verächtern wie Klonovsky zu denken geben.

  3. Bersarin schreibt:

    Ja, danke für den Link. Ich hatte den schon auf meinem Programm, aber eben noch nicht gesehen.

    Bohrers Sicht auf Texte ist manchmal eigenwillig, ich teile da nicht alles, manches scheint mir willkürlich und durch wenig Material gedeckt, sozusagen aus dem augenblickhaften Zucken einer Dichtung evoziert. Zwanghaft mutet leider oft seine Abwehr von Geschichtsphilosophie an. Wie es manchmal so ist, wenn man sich auf einen Gegner eingeschossen hat. Das macht blind. Dann werden beim anderen fehlende Differenzierungen beklagt, die man selber nicht einlösen kann. Dennoch: Bohrers zahlreichen Texte bieten eine anregenden, interessanten Blick auf die Literatur und sein Reflex gegen das Moralisieren von allem und jedem ist ein richtiger. Ebenso seine Invektiven gegen die politische Korrekten. (Auch wenn ich inhaltlich nicht alles teile, was Bohrer schreibt.) Ja, in diesem Sinne ist Bohrers Festhalten an Habermas merkwürdig. Andererseits schätzt er vermutlich an Habermas ebenfalls diese Beharrlichkeit und Intensität des Denkens. Auch wenn Bohrer dem guten Habermas in vielem widerspricht und ihn in „Jetzt“ immer wieder kritisch erwähnt. Aber doch nie despektierlich.

  4. Dieter Kief schreibt:

    Der Punkt, den Bohrer auch im Gespräch mit Kluge macht, ist einer, der mir persönlich sehr viel bedeutet. Wenn Sie das Gespräch noch ansehen sollten, achten Sie spaßeshalber mal auf die Stelle besonders, wo er seine FAZ-Anfänge schildert und auf eine Abendeinladung beim suhrkamp-Lektor Busch zu sprechen kommt: Das, was er über den Gast Buschs bei diesem Abendessen sagt, ist zentral. Dieser Mann, den Bohrer dem Namen nach sofort vergessen hat, ist einer von denen, die glauben, es sei in den Büchern sozusagen alles schon gesagt – man müsse es nur noch umsetzen.

    Und hier passt Habermas in der Tat, weil auch Habermas auf wenig so zuverlässig mit Abwehr reagiert, wie genau auf diese Idee.

    Letzte Bemerkung: Bloch reagierte auf diese Idee, es sei sozusagen alles schon aufgeschrieben, ebenfalls häufig wie von der Tarantel gestochen (Fromm hat das sehr an ihm gemocht!).

    Und sowohl bei Bloch als auch bei Habermas hat diese Einsicht, die Bohrer offenbar wegleitend war, sich a u c h (und explizit!) theoretisch – ehem: Manifestiert.

    Bei Habermas – wenn man jetzt an Bloch denkt… ironischerweise… im Utopie-Tabu, bei Bloch im zentralen Theorem des Noch-Nicht.

  5. Bersarin schreibt:

    Nun habe ich mir das Gespräch angeschaut. Viel Sechzigerjahre – da war ich noch sehr Kind.

    Die Idee, daß in den Büchern alles gesagt sei, man müsse es nur ins Reale umsetzen, besitzt ihren Reiz. Allerdings lediglich als literarisches Modell und im Reich der Phantasie: es imaginieren, sich diese Praxis vorzustellen. Manchmal auch binnenliterarisch tragisch: Ich muß da wieder an Jean Paul denken, wo biographisch die Literatur dem Leben vorauseilte. (Es läßt sich zu diesem Gebiet ein Referenzrahmen der europäischen Literaturgeschichte aufziehen: von Ovids Metamorphosen angefangen und dem Don Quijote.) Man kann es auch kabbalistisch nehmen: Die Zauberkraft der Schrift. Die Magie der Literatur und die des Lebens sollten jedoch nicht in den Kausalnexus gewuchtet werden.

    Als Anweisung fürs Leben ist solch ein Satz schrecklich und nachgerade terroristisch. Ich möchte nichts, das in einem Buch steht, unmittelbar umgesetzt wissen. Dieses Unheil haben eigentlich alle bedeutenden Theoretiker des Marxismus geahnt. Am Ende selbst der Genosse Lukács nachdem er von seinen eigenen Genossen verhaftet wurde: Kafka sei wohl doch Realist gewesen. Ex negativo bestätigte sich der Schrecken einer solchen Annahme. Georg Büchners „Dantons Tod“ sollte uns das Referenzmodell abgeben, Koestlers (von Bohrer auch erwähnte) „Sonnenfinsternis“ und natürlich Manès Sperbers „Wie eine Träne im Ozean“. Wo Geschichte zum machbaren Zweck wird, als eine Art technisches Telos, da lauert per se die Diktatur. Das könnte man nun wieder in die Richtung von Heideggers Technikkritik biegen.

  6. Dieter Kief schreibt:

    Man soll sich Jean Paul als glücklichen Menschen vorstellen – und als die erstaunlichste Zumutung, seit es deutsche Texte gibt.

    Unverzichtbares Jean Paul Buch: Idengewimmel, die andere Bibliothek – wenn möglich die Ausgabe mit dem blau-weißen Blümchenmuster (=die Erstausgabe) kaufen. Nicht so schön ist die gerade jetzt in den Läden befindliche Ausgabe. Die sogenannte Erfolgsausgabe dazwischen ist ok, aber nicht so herzwärmend schön wie eben die Erstausgabe.

    Ideengewimmel sind Sentenzen, Einfälle, Notizen aus dem Nachlass. Die Meherheit der Schriftsteller bringt nicht entfernt das zuwege, was Jean Paul allein in diesem Bändchen hervorzaubert.

    Litratursoziologie für zurechnungsfähige Zeitgenossen: Die Rezeptionsgeschichte dieses o. a. Bändchens beschreiben. Wer mit welchen Argumenten darauf reagierte – und wer nicht. Wer unter all denn, die vorgeben, sich leidenschaftlich für die deutsche Literatur zu interessieren, nicht.

    Mein Tipp: Das Buch wird ein langes leben haben, trotz alledem!

  7. Bersarin schreibt:

    Steht bereits im Schrank, eingereiht in die Jean Paul-Ausgabe. Leider nur in der schlechteren Ausgabe der Anderen Bibliothek. Bücher, deren Ausstattung naturgemäßt traumhaft sind. Allein vom Haptischen ein Sinnenreiz! Taktile Rezeption sozusagen, mit Benjamins Kunstwerkaufsatz gesprochen.

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