Vom Sublimierungsdenker in der Theorie

„Ich glaubte aber, das sexuelle Ereignis, ob Tier oder Mensch, sei etwas Ungeheures. Später dachte ich, man könnte sich nichts Verführerisches vorstellen als die Frauen als Stuten. Nie sprach jemand davon, aber viele dachten es, ganz gewiss.“

Dies schreibt Karl Heinz Bohrer in seiner Autobiographie Jetzt. Ich habe jedoch statt der Stuten tatsächlich Statuen gelesen. Man könne sich nichts Verführerisches vorstellen als die Frauen als Statuen. Zweimal. Ich schrieb mir das Zitat ab, ordnete es in meinem Zettelkasten unter der Rubrik Bildende Kunst ein, las es gegen. Erst dann, beim dritten Lesen fiel mir auf, daß jenes Zitat auf dem falschen Zettel gelandet war. Man mag darüber denken, was man will. Wo ich Verdinglichungen lese, ziert Bohrer das Ereignis mit Lust und mit der Wildheit im Augenblick: The sublime is now! Ich hingegen drehe den Pygmalion-Effekt in die andere Richtung. Im Stein.

„Warum gibt es so viele Statuen in den Landschaften der Melancholie? Warum gibt es auf Giorgio de Chiricos 1912 gegebenes Signal hin alle diese großen Melancholieszenen in der Malerei zu Beginn des Jahrhunderts? (…)

Eine Statue auf einem Gemälde, das ist gewiß in der Organisation des Bildes ein Knotenpunkt, ein Reiz, den der betrachtende Blick nicht zu ignorieren vermag: Er muß anhalten, sich dort aufhalten.“ (Jean Starobinski, Der Blick der Statuen)


 
 

Die beiden Statuen wurden von mir im Sommer 2015 in Wien abgelichtet.

6 Gedanken zu „Vom Sublimierungsdenker in der Theorie

  1. Sich eine Frau also Statue vorzustellen ist ungefähr so phantasievoll wie den Kopf aus dem Auto zu strecken und sich einen starken Wind vorzustellen. Aber auch die Frauen als weiblich Pferde zu imaginieren ist nicht wirklich subtil. Ich kann mir daher nur vorstellen, dass ein Gebäck aus Hefeteig gemeint ist.

  2. Sie haben eben keine Phantasie! Solange Sie nicht gerade in der Autowaschstraße den Kopf aus dem Fenster halten, um sich Wind vorzustellen, was der Sturm-Phantasie abhold ist.

  3. Megan Boyle in Metamorphosen 17: „Er sagte mir, ich sähe aus wie eine griechische Statue.“

  4. Wunderbar! Wegen solcher Konstellationen und Einwürfe liebe ich meinen Blog!

  5. Produktives Missverständnis der besonderen Art.
    Wenn das so ist, dann hier noch ein frisches Fundstück für den Zettelkasten, aus einer Leseprobe von Roberto Bolanos gerade erschienenen Gedichten:
    „Und manchmal kehrte ich in mich zurück,
    den Traum besuchen: eine Statue, verewigt
    in flüssigen Gedanken,
    (…)
    in Liebe zuckend.“
    Gruß Uwe

  6. Danke für diesen Hinweis, paßt im Sinne eines Spiels von Innenraum und Außenwelt sehr gut, zumal sich beide im Ästhetischen eben gegenseitig verwandeln.

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