Re:publica 2017

Der Neoliberalismus des Berliner Medien-Prekariats braucht keine Feinde von rechts, sondern erledigt sich in seinem evangelikalen Biedersinn von selbst. Texte von Margarete Stokowski, seit Jahren im Tone des Predigers Sermon unterwegs, wie sonst nur Xavier Naidoo selig christliches Erbauungsgut singt, führen dies dem Leser regelmäßig vor: Wie überflüssig jene kulturalistische Linke inzwischen ist, in ihren Echokammern.

„Mit Liebe gegen rechts Mal ein guter Trend aus Berlin. Liebe und Solidarität: Das sind genuin linke Formen der Gemeinschaftsbildung. Alle Rechten sind herzlich eingeladen, dabei mitzumachen – nur müssen sie dann eben mit Rechtssein aufhören.“

So titelt’s im Internet-Spiegel. Evangelische Kirchentage sind eine intellektuelle Herausforderung dagegen. Statt einer Verheißung lauert hinter jedem Satz ein Verhängnis. Aber darf man das – so für die Berliner SPD zur Seite gesprochen – noch sagen: „Es lauert“? Oder ist das nicht bereits Hate Speech  und damit abmahnungswürdig?

Den Ort, wo  und bei welcher Tätigkeit Stokowski die Ideen kommen – Ausweis intellektueller Redlichkeit immerhin –, nennt sie. Stokowskis Ideen kommen ihr beim Scheißen: „Denn während wir auf unseren Unisex-Klos saßen, haben wir uns Gedanken gemacht …“

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
Dieser Beitrag wurde unter Gesellschaft abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

13 Antworten zu Re:publica 2017

  1. Herwig Finkeldey schreibt:

    Nach dem Braten von Schweinenieren setzt sich Leopold Bloom auf eine Unisex-Toilette und lässt unter sich, während er Zeitung liest. Diese Zeitung endet dann wohl dort, wo auch sein Auswurf gelandet ist. So wird bekanntlich die Hauptfigur im „Ulysses“ eingeführt: Mit dem Faktum der Exkremente.
    Und bei mir liegt aktuell Karl Kraus „Die Sprache“ dort, wo Muße und biologische Notwendigkeit sich treffen.
    Also das Scheißhaus an sich spricht nicht gegen das Erkennen. Man darf halt Erkenntnis und Exkremente nicht verwechseln.

  2. Bersarin schreibt:

    Für bestimmte Gedanken mag das Scheißhaus gut sein. Meist merkt man aber, woher sie kommen. Schon am Geruch. Biologischer Auswurf ist vielleicht eine ganz gute Metapher für diese Art des Stokowski-Schreibens. Wobei vom Biologischen manche Genderista so gerne nichts hört.

  3. Dieter Kief schreibt:

    Zufallsfund – the almighty internet… Marx – Der Islam will, dass die Welt ihm Feind sei
    http://www.mlwerke.de/me/me10/me10_168.htm

    Der Koran und die auf ihm fußende muselmanische Gesetzgebung reduzieren Geographie und Ethnographie der verschiedenen Völker auf die einfache und bequeme Zweiteilung in Gläubige und Ungläubige. Der Ungläubige ist „harby“, d.h. der Feind. Der Islam ächtet die Nation der Ungläubigen und schafft einen Zustand permanenter Feindschaft zwischen Muselmanen und Ungläubigen. In diesem Sinne waren die Seeräuberschiffe der Berberstaaten die heilige Flotte des Islam. Wie läßt sich nun das Vorhandensein christlicher Untertanen im Reiche der Pforte mit dem Koran vereinbaren?

    „Wenn sich eine Stadt durch Kapitulation ergibt“, sagt die muselmanische Gesetzgebung, „und ihre Bewohner einwilligen, Rajahs zu werden, das heißt Untertanen eines muselmanischen Herrschers, ohne ihren Glauben aufzugeben, so zahlen sie den Charadsch“ (die Kopfsteuer); „damit erlangen sie einen Waffenstillstand mit den Gläubigen, und niemand mehr darf ihre Güter konfiszieren oder ihnen ihre Häuser wegnehmen … In diesem Falle sind ihre alten Kirchen Bestandteil ihres Besitzes; sie dürfen darin Andachten verrichten. Es ist ihnen jedoch nicht erlaubt, neue Kirchen zu bauen. Sie haben nur das Recht, sie wiederherzustellen und verfallende Teile der Gebäude wiederaufzubauen. Zu bestimmten Zeiten sollen von den Gouverneuren der Provinzen abgesandte Kommissare die Kirchen und Heiligtümer der Christen überprüfen, um festzustellen, ob nicht unter dem Vorwand von Ausbesserungsarbeiten neue Gebäude errichtet wurden. Wird eine Stadt gewaltsam erobert, so können die Bewohner ihre Kirchen weiterhin benutzen, jedoch nur als Wohnstätten oder Zufluchtsorte, nicht aber zur Verrichtung von Andachten.“

    Da Konstantinopel sich durch Kapitulation ergab, wie überhaupt der größte Teil der Europäischen Türkei, so genießen die Christen daselbst das Privileg, als Rajahs unter der türkischen Regierung zu leben. Sie besitzen dieses Privileg ausschließlich deshalb, weil sie einwilligten, sich unter muselmanischen Schutz zu stellen. Nur aus diesem Grunde lassen sich die Christen von den Muselmanen nach muselmanischem Gesetz regieren, so daß ihr kirchliches Oberhaupt, der Patriarch von Konstantinopel, gleichzeitig ihr politischer Vertreter und ihr höchster Gerichtsherr ist. Wo wir auch im Ottomanischen Reich eine Ansammlung griechisch-orthodoxer Rajahs fänden, sind die Erzbischöfe und Bischöfe gesetzlich auch Mitglieder der Munizipalräte und regeln unter der Leitung des Patriarchen die Verteilung der Steuern, die den Griechisch-Orthodoxen auferlegt werden. Der Patriarch ist der Pforte für das Betragen seiner Glaubensgenossen verantwortlich. Er hat das Recht, über die Rajahs seiner Kirche zu richten, und überträgt dieses Recht den Metropoliten und Bischöfen innerhalb ihrer Diözesen; deren Rechtsprüche müssen von den Exekutivbeamten der Pforte, den Kadis etc., ausgeführt werden. Sie haben das Recht, Strafen zu verhängen, und zwar Geldstrafen, Gefängnisstrafen, Bastonaden und Verbannung. Außerdem verleiht ihnen ihre eigene Kirche die Macht der Exkommunikation. Unabhängig von dem Betrag der Geldstrafen erheben sie noch verschiedene Gebühren für Zivil- und Handelsprozesse. Jede Stufe der geistlichen Hierarchie hat ihren Kaufpreis. Der Patriarch zahlt an den Diwan einen hohen Tribut, um seine Investitur zu erlangen; seinerseits aber verkauft er wieder die Erzbischofs- und Bischofswürde an die Geistlichkeit seines Glaubens. Diese letztere hält sich durch den Verkauf von subalternen Stellen und durch den von den Popen eingetriebenen Tribut schadlos. Diese wiederum verkaufen stückweis die Macht, die sie von ihren Vorgesetzten erkauft haben, und treiben Handel mit jedem Akt ihres geistlichen Amtes, so mit Taufen, Heiraten, Ehescheidungen und Testamenten.

    Aus diesem Exposé ist klar ersichtlich, daß Dreh- und Angelpunkt des Systems der Priesterherrschaft über die griechisch-orthodoxen Christen in der Türkei und der gesamten Struktur der türkischen Gesellschaft die Unterwerfung der Rajahs unter den Koran ist, der seinerseits, indem er diese als Ungläubige behandelt – das heißt als eine Nation nur im religiösen Sinne -, die vereinigte geistliche und weltliche Macht ihrer Priester sanktioniert. Schafft man also ihre Unterwerfung unter den Koran durch eine zivile Emanzipation ab, so hebt man gleichzeitig ihre Unterwerfung unter die Geistlichkeit auf und ruft eine Revolution in ihren sozialen, politischen und religiösen Verhältnissen hervor, die sie zunächst unvermeidlich an Rußland ausliefern muß. Wer den Koran durch einen code civil ersetzt, der muß die ganze Struktur der byzantinischen Gesellschaft nach abendländischem Muster verändern.

    Nach der Schilderung der Beziehungen zwischen den Muselmanen und ihren christlichen Untertanen taucht die Frage auf nach den Beziehungen zwischen Muselmanen und ungläubigen Ausländern.

    Da der Koran jeden Ausländer zum Feind erklärt, so wird niemand wagen, in einem muselmanischen Land aufzutreten, ohne seine Vorsichtsmaßregeln getroffen zu haben. Die ersten europäischen Kaufleute, die das Risiko des Handels mit solch einem Volk auf sich nahmen, gedachten deshalb, sich anfänglich für ihre Person Ausnahmebedingungen und Privilegien zu sichern, die sich aber später auf ihre ganze Nation ausdehnten. Daher rührt der Ursprung der Kapitulationen. Kapitulationen sind kaiserliche Diplome, Privilegiumsurkunden, die von der Pforte an verschiedene europäische Nationen verliehen werden und deren Untertanen berechtigen, ungehindert mohammedanische Länder zu betreten, in Ruhe dort ihre Geschäfte zu betreiben und ihren Gottesdienst abzuhalten. Von Verträgen unterscheiden sie sich durch den wichtigen Umstand, daß sie nicht auf Gegenseitigkeit beruhen, von den abschließenden Parteien nicht gemeinsam debattiert werden und nicht auf der Grundlage gegenseitiger Vorteile und Konzessionen von ihnen angenommen sind. Die Kapitulationen sind im Gegenteil einseitige Konzessionen von seiten der Regierung, die sie gewährt, weshalb sie auch von dieser nach Belieben wieder zurückgenommen werden können. Die Pforte hat tatsächlich zu verschiedenen Zeiten die Privilegien, die sie einer Nation zugestand, dadurch aufgehoben, daß sie sie auch anderen verlieh oder sie gänzlich zurückzog, indem sie deren ferneren Gebrauch untersagte. Dieser unsichere Charakter der Kapitulationen machte sie zu einer nie versiegenden Quelle von Streitigkeiten, von Klagen seitens der Gesandten und von einem endlosen Austausch sich widersprechender Noten und Fermane, die bei jedem Regierungswechsel erneuert wurden.

    Diese Kapitulationen sind es, aus denen sich das Recht eines Protektorats ausländischer Mächte herleitet, nicht über die christlichen Untertanen der Pforte – die Rajahs -, sondern über deren Glaubensgenossen, die die Türkei besuchen oder dort als Ausländer wohnen. Die erste Macht, die ein solches Protektorat erlangte, war Frankreich. Die Kapitulationen, abgeschlossen zwischen Frankreich und der Ottomanischen Pforte 1535 unter Suleiman dem Großen und Franz I., 1604 unter Achmed I. und Heinrich IV. und 1673 unter Mechmed IV. und Ludwig XIV., wurden 1740 in einer Sammlung erneuert, bestätigt, rekapituliert und vermehrt, die den Titel trug „Alte und neue Kapitulationen und Verträge zwischen dem Hofe von Frankreich und der Ottomanischen Pforte, erneuert und vermehrt im Jahre 1740 A.D. und 1153 der Hedschra, übersetzt“ (die erste offizielle, von der Pforte sanktionierte Übersetzung) „zu Konstantinopel durch Herrn Deval, Sekretär-Dolmetsch des Königs und dessen erster Dragoman bei der Ottomanischen Pforte“. Artikel 32 dieses Übereinkommens legt das Recht Frankreichs zu einem Protektorat über alle Klöster fest, in denen man sich zur fränkischen Religion bekennt, welcher Nation sie auch angehören mögen, und über alle fränkischen Besucher der Heiligen Stätten.

  4. Bersarin schreibt:

    Ähm, Dieter Kief, der Kommentar ist nun aber doch ein bißchen verrutscht und im falschen Beitrag gelandet? Ich meine, nicht daß er in direkt nicht zu Stokowski paßte, was die falschen Sentimentalitäten der Genderistas betrifft, aber ganz direkt genommen eben doch nicht.

    Guter Marx-Fund allerdings. Insbesondere, weil Marx ein hervorragender Stilist ist Dies sind dann wieder mal wunderbare Sätze, in fein boshafter Manier, wie ich es mag. In der bösen Sentenz blitzt die Wahrheit auf

    „Um das Maß der Leiden dieser Juden voll zu machen, ernannten England und Preußen 1840 einen anglikanischen Bischof in Jerusalem, dessen offen zugegebene Aufgabe ihre Bekehrung ist. 1845 wurde er fürchterlich durchgeprügelt und von Juden, Christen und Türken gleicherweise verhöhnt. Von ihm kann man tatsächlich sagen, er habe den ersten und einzigen Anlaß zu einer Einigung zwischen sämtlichen Religionen in Jerusalem gegeben.
    Man wird nun begreifen, weshalb der gemeinsame Gottesdienst der Christen an den Heiligen Stätten sich auflöst in eine Folge wüster Prügeleien zwischen den verschiedenen Sekten der Gläubigen; daß sich andrerseits hinter diesen religiösen Prügeleien nur ein weltlicher Kampf nicht nur von Nationen, sondern von Völkerschaften verbirgt, und daß das Protektorat über die Heiligen Stätten, das dem Westeuropäer so lächerlich, dem Orientalen aber so überaus wichtig erscheint, nur eine der Phasen der orientalischen Frage ist, die sich unaufhörlich erneuert, die stets vertuscht, aber nie gelöst wird.“

  5. Dieter Kief schreibt:

    Ja Bersarin, bissle verwackelt.

    Teilnahmeberechtige an der öffentlichen Sinnproduktion i s t Frau Stokowski, und dass das – auch – durchökonomisiert ist, keiner wollte es bestreiten. Sie ähnelt deshalb der Priesterschaft in den „subalternen Stellen“ bei Marx weiter oben, bzw. doch hier nochmal:

    „Der Patriarch zahlt an den Diwan einen hohen Tribut, um seine Investitur zu erlangen; seinerseits aber verkauft er wieder die Erzbischofs- und Bischofswürde an die Geistlichkeit seines Glaubens. Diese letztere hält sich durch den Verkauf von subalternen Stellen und durch den von den Popen eingetriebenen Tribut schadlos. Diese wiederum verkaufen stückweis die Macht, die sie von ihren Vorgesetzten erkauft haben, und treiben Handel mit jedem Akt ihres geistlichen Amtes, so mit Taufen, Heiraten, Ehescheidungen und Testamenten.“

    – Alles – auch – Akte der öffentlichen Sinnproduktion = Formen der Machtausübung – hehe.
    (Bißchen z u steil, klar… – das ist das paranoische Grundschema bei Marx. Durchaus mit Lust an der Provokation – er reduziert den konsensuellen und wenn man so will gedeihlichen Teil an der öffentlichen Sinnproduktion allenfalls, wie die SchweizerInnen zu disputieren belieben, auf seine Eigenschaft als Handelsware.

    Marx war in dieser Hinsicht ein wenig verwildert, eine loose cannon, weil er die väterliche Assimilation an das Luthertum schnöde ablehnte – genau wie die familiale Herkunft aus dem Judentum.
    Dennoch hat die zitierte Stelle sehr viel auch von Luthers Furor – wie von seinen Reform-Ideen.

    Item: Die Klarheit, mit der Marx den Manichäismus im Islam herauspräpariert, ist schon toll:
    „Der Islam ächtet die Nation der Ungläubigen und schafft einen Zustand permanenter Feindschaft zwischen Muselmanen und Ungläubigen. In diesem Sinne waren die Seeräuberschiffe der Berberstaaten die heilige Flotte des Islam.“

    Hmm, hmmm – und wenn man jetzt noch an die hohe See denkt, von Somalia bis Libyen…

  6. Bersarin schreibt:

    Mehr Marx. Weniger Stokowski. Aber ich vermute, mit ersterem werden Sie nicht so zufrieden sein. Und dabei drängt doch in des Bloggers Kopf schon für den Mai unbedingt die Würdigung zu 150 Jahren „Das Kapital“! Die erste Auflage des ersten Bandes erschien im Mai 1867.

  7. Dieter Kief schreibt:

    Marx 1:1 – das wäre, cf. Saint ‚abermas , das, was unter modernen Auspizien nicht mehr ginge.
    Mit Marx: Die Tradition aller toten Geschlechter soll eben nicht wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden lasten. Das aber heißt: Nur solche Traditionen überleben, die es aushalten, transformiert (=kritsch angeeignet/überformt) zu werden.
    In Kürze: Mumifikation ist das Gegenteil von lebendiger Indienstnahme.

  8. Bersarin schreibt:

    Das sollte generell der Sinn von Philosophie und deren Arbeit sein: Nicht ein Werk oder einen Denker ins Museum stellen, sondern ihn befragen. Dazu gehören zwei Bewegungen: einmal das Denken aus seiner Zeit heraus zu verstehen: Weshalb etwas, so wie es gedacht wurde, zu jener Zeit gedacht werden mußte, wo also die historischen Notwendigkeiten liegen. Kants Transzendentalphilosophie mit dem Hinweis zu erledigen, damals gäbe es eben noch keine Sprachphilosophie, Frege und Wittgenstein haben das nun alles viel eleganter gelöst, ist Ausdruck des Aphilosophischen. Ebenso muß man sehen, was von einer Theorie ins Heute zu nehmen ist, sozusagen die Hegelsche Aufhebung, und was nur mit einigen Änderungen an den Stellschrauben noch funktioniert. (Auch Hegelsche Aufhebung.) Für westliche Gesellschaften wird man Marx Begriff des Proletariats anders denken müssen – in Afrika und Asien hingegen sieht das ganz anders aus.

    Mit anderen Worte, mit Kants Worten: es ist für die Philosophie allein der kritische Weg noch offen. Was nicht ausschließt, das Geniale und Einmalige eines Theoriekonzepts herauszustellen: sei das bei Kant, Hegel, Marx, Nietzsche, Husserl, Heidegger oder Adorno.

  9. Dieter Kief schreibt:

    Mit dem ersten Walser zu reden: Es will mir scheinen, dass dem Buchtitel „Zur Rekonstruktion des historischen Materialismus“ eine drolligerweise weithin übersehene Portion Ironie eigne.

    Ich neige auch zu der Ansicht, gesetzt ich läge richtig, dass dies von dem ersten Walser sozusagen modifizierte Ironie-Wissen – oh: Einen eher in die Position des Igels als in die des Hasen gelangen lasse, was das Weltpoletariat und dergleichen mehr angehe.

    Was nun Afrika-Video-Dokumentationen im Netz betrifft, hab ich schonmal hier mein ich des Beispiels Erwähnung getan eines Eisenbahnbaus, den – Achtung, da kommt die erste erhebliche „Bodenwelle“ (Horst Thomayer) – chinesische Ingenieure in Afrika vornehmen, denen wiederum die korrupten und ziemlich arbeitsunwilligen und, so will es den Chinesen scheinen, auch ziemlich unfähigen Afrikaner klagen, sie seien einem kolonialen Ausbeutungssystem unterworfen gewesen, und daher rühre all ihr sozusagen Unglück, nun ja: Und wie die chinesischen Kommunisten (=die neuen Herren, hehe) dann aber wirkich extra-dry auf derlei – sag ich mal – postkoloniale Diskursstrategien im Sinne der Marxschen Analyse der internationalisierten Klassenherrschaft reagieren – ich nehme an, das hätte Freud (wg. Rationalisierung, Verschiebung, Spaltung, Leugnung und einem halben Dutzend weiterer psychischer Abwehrmechanismen) und nicht nur Freud, sondern gleich auch noch seine Tochter Anna wohl schon aufmerken lassen.

    Ich meine so: Marx geht heute nicht mehr ohne Habermas (s. o.) und Freud Vater und Freud Tochter und – am allerwichtigsten wahrscheinlich: Die Chinesen.

    Ganz falsch nicht einmal das: Ohne Handkes „Chinese des Schmerzes“.

    Um endlich auf der mit Sicherheit allerfälschesten Note zu schließen: Es ist so: Ohne den ersten Walser, der dann im Appenzell so anmutig verschied, und damit Peter Glotz millimetergenau voranging und schon auch den Appenzeller Weg ins Jenseits wies, geht überhaupt reinweg gar nichts – nicht einmal, wie oben bereits geistig verlinkt, hehe, Marx.

    Ihnen allzeit frohes Schaffen – nur nicht vergessen: beim Schreiben und beim Essen, hehe:

    „Wie schön blüht uns der Maien!“

    Öppä au im Appezöll, – – evendöll… – – –

  10. Bersarin schreibt:

    Ihr Kommentar inspiriert mich zu einem Blogtextbeitrag. Und wenn ich meine, er ist es wert, dann poste ich ihn. Damit diese Gedanken nicht im Kommentarstrang sich strangulieren und absterben.

    Nur soviel: Die Crux Kritischer Theorie der frühen Jahre war gerade die Vermittlung von Freud und Marx und Max Weber sogar samt Nietzsche, wenn man an die „Dialektik der Aufklärung“ denkt. In diesem Sinne reicht da sicherlich ein Strang hin zu Jürgen Habermas als Fortschreibung Kritischer Theorie. Aber die bog dann doch in eine ganz andere Richtung ab, als es jemandem wie Adorno vorschwebte, dem es gerade nicht auf Geltungsansprüche und Kommunikation ankam. In einer hermeneutisch großzügigen Lesart könnte man sagen, es haben beide Varianten ihre Berechtigung, wenngleich ich gegen Habermas‘ Sozialdemokratisches Projekt meine Vorbehalte hege. Als Ästhetiker bevorzuge ich die politische Romantik. Aber sie darf im Sinne einer Sistierung niemals zur Substanz gerinnen und sich festzurren. Da eben liegt das Problem, die Aporie. Lieber in einer langweiligen BRD leben, als in der Französischen Banlieu oder wenn Duisburg-Marxloh überall wäre. (Womit wir wieder bei den pragmatischen Fragen wären, wie man das verhindet. Es bleibt also der Spagat und die Aporie bzw. das unvermittelte Nebeneinanderbestehen zweier Arten von Kritik. Aber diese Aporien sind eben reale und keine bloß des Denkens oder logische Widersprüche.

  11. Dieter Kief schreibt:

    Das gehört zu meinem China-Bezug weiter oben – die Chinesen sind erstaunlich: Sie schreiben was über die „weiße Linke“ – und die erste Person, die als weiße Linke angesehen wurde – – während der Flüchtlingskrise, war tatatataaaaa: Glaubt’s oder lasst es bleiben: Angela Merkel!

    (Das ist bemerkenswert: Mir schwimmen von allen Himmelsrichtungen die Felle zu, wie es aussieht. Ein Grund zur Freude! – alla hopp: Die Chinesen über die „weiße Linke“ aus der Sicht eines amerikanischen Kommentators auf iSteve – es ist die militärgeschichtlich und altphilologisch beschlagene sonyredux):

    The curious rise of the ‘white left’ as a Chinese internet insult

    If you look at any thread about Trump, Islam or immigration on a Chinese social media platform these days, it’s impossible to avoid encountering the term baizuo, or literally, the ‘white left’. It first emerged about two years ago, and yet has quickly become one of the most popular derogatory descriptions for Chinese netizens to discredit their opponents in online debates.

    So what does ‘white left’ mean in the Chinese context, and what’s behind the rise of its (negative) popularity? It might not be an easy task to define the term, for as a social media buzzword and very often an instrument for ad hominem attack, it could mean different things for different people. A thread on “why well-educated elites in the west are seen as naïve “white left” in China” on Zhihu, a question-and-answer website said to have a high percentage of active users who are professionals and intellectuals, might serve as a starting point.

    The question has received more than 400 answers from Zhihu users, which include some of the most representative perceptions of the ‚white left‘. Although the emphasis varies, baizuo is used generally to describe those who “only care about topics such as immigration, minorities, LGBT and the environment” and “have no sense of real problems in the real world”; they are hypocritical humanitarians who advocate for peace and equality only to “satisfy their own feeling of moral superiority”; they are “obsessed with political correctness” to the extent that they “tolerate backwards Islamic values for the sake of multiculturalism”; they believe in the welfare state that “benefits only the idle and the free riders”; they are the “ignorant and arrogant westerners” who “pity the rest of the world and think they are saviours”.

    The term first became influential amidst the European refugee crisis, and Angela Merkel was the first western politician to be labelled as a baizuo for her open-door refugee policy. Hungary, on the other hand, was praised by Chinese netizens for its hard line on refugees, if not for its authoritarian leader. Around the same time another derogatory name that was often used alongside baizuo was shengmu – literally the ‘holy mother’ – which according to its users refers to those who are ‘overemotional’, ‘hypocritical’ and ‘have too much empathy’. The criticisms of baizuo and shengmu soon became an online smear campaign targeted at not only public figures such as J. K. Rowling and Emma Watson, but also volunteers, social workers and all other ordinary citizens, whether in Europe or China, who express any sympathy with international refugees.
    https://www.opendemocracy.net/digitaliberties/chenchen-zhang/curious-rise-of-white-left-as-chinese-internet-insul

  12. Bersarin schreibt:

    Angela Merkel, eine weiße Linke. Ich muß lachen, ja, der ist gut, in einer Epoche der BRD, wo sich alles hin zur Mitte verschiebt und die FAZ schreibt wie konkret. Na gut, ganz so denn doch nicht, aber daß Dietmar Dath dort schriebe: Wäre die FAZ in den 80er so weit gegangen? Ich weiß es nicht.

    Aber die Sache Merkel ist wirklich gut. Im Hegelschen Sinne nachgerade eine List der (weißen) Vernunft. (Was mich in diesem Kontext und den Assoziationsstränge darin erinnert, mir von Achille Mbembe die „Kritik der schwarzen Vernunft“ zu besorgen. Womit wir den Bogen wieder zurück gespannt hätten.)

  13. Dieter Kief schreibt:

    Dass ist der o. angesprochene Dokumentarfilm über die Chinesen als neue Herren in Afrika – – –

    (= das Internet als Wundermaschine/ Wunscherfüllungsmaschine).

    (= chinesischer Staatskapitalismus schlägt afrikanische postkoloniale Souveränität – – um Längen…).

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s