Heinz Keßler ist tot

Ich hatte schon immer einen ästhetizistischen Fimmel, überhaupt für Uniformen und insbesondere für die Paraden der NVA. Zum ersten Mal 1982 in Ostberlin gesehen, am 6. Oktober, also einen Tag vor dem Jahrestag der Republik. Da marschierten sie auf und probten ihr Jubiläum: die Kampftruppen, die NVA-Verbände der DDR. Raketenwerfer, Panzer, Jeeps, Russenautos. Die Karl-Marx-Allee war in den Nebel gehüllt, das Musikkorps marschierte auf, spielte einen flotten Marsch, die Soldaten defilierten in ihren Uniformen. Besonders liebte ich die Marineverbände, ihre weißen Hosen, die weißen Oberteile, das blau-weiß geringelte Shirt darunter.

Schon 1975 in London war ich, als Kind noch, von den Truppenparaden der Tommys begeistert. Dudelsackpfeifer und Regimenter im Schottenrock, dazu ein wendiger kleiner Panzer. Nun also ein Aufmarsch der NVA, in den meine Begleiterin und ich hineingeraten waren. Ich stellte mir vor, sie würden durchs Brandenburger Tor ziehen. Ich wollte bleiben, aber die Freundin zog mich vom Platze, zur Friedrichstraße hin, in Richtung des Tränenpalasts. „Du mußt wieder heim! Auch bei uns gibt es Aufgaben.“ Wir witzelten, wie es wäre hier uns einzubürgern, als gute Sozialisten, was würden unsere Eltern sagen, wenn wir blieben, und was würden wir ihnen für eine Ausrede auftischen? Wir gaben das letzte Ostgeld aus, viel zu viel hatten wir in den Taschen, man wurde es nicht los. Ihre Tante hatte uns noch dazu Geld geschenkt, wir kauften und kauften und es wurde das Zahlungsmittel aus Buntmetall nicht weniger. Wir kehrten dann zum krönenden sozialistischen Abschluß in ein sozusagen Wilhelm Pieck feines Restaurant in der Friedrichstraße ein, um das letzte Geld der DDR loszuwerden. Nach West-Berlin durfte man es nicht mitnehmen. Wegwerfen wollten wir es nicht.

Diskret im Hintergrund des Salons musizierten Männer in roten Westen, schwarzen Anzughosen und weißen Hemden auf einer Hammond-Orgel und einer Art Baß-Gitarre. Wir schmausten und tranken. Hübsch war es hier, ein wenig skurril vielleicht, aber das war es in anderen Orten in West-Berlin ebenfalls. Ich stellte mir die junge Frau in einer NVA-Uniform vor und wie sie sich langsam entkleidete. Ihren Frotteeschlüpfer kannte ich bereits. Ich hätte es gerne, daß sie sich in dieser Kampfmontur auf mich setzte, während ich lag. Der vom Kellner gereichte Alkohol beflügelte meine Jungsphantasie. „Würden Sie bitte Ihre Lederjacke an unserer Garderobe abgeben?!“, fragte der Mann beim Einlaß, nicht unfreundlich oder böse, aber doch bestimmt. Ich trug unter der schwarzen Lederjacke bloß ein dünnes T-Shirt. Meinen mausgrauen Pullover, den ich liebte, hatten sie mir in jener ostszenigen Ostbar am Alex gestohlen, weil ich das Stück nachlässig auf einer Stuhllehne parkte. Und weg war er. „Hey ihr beiden, ihr seid doch aus dem Westen?“ „Woran sieht man‘s?“ fragte ich dumm. „Na woran wohl? Haben hier alle solche modischen Lederjacken?“ Nein, nicht, dachte ich. Und auch nicht so einen schönen grauen Pullover. Viel weniger mausgrau als eure Häuser hier, eher so mausgrau wie die Uniformen der NVA-Männer. Wir trafen die Männer auf dem Fernsehturm. Im Drehrestaurant, was immer die da zu suchen hatten. Am Alex hatten Vopos zuvor einen Punk im Griff abgeführt, Polizei mit ihren über die Hüften hängenden Hemden. In hellblau. Ich kannte solchen Szenen ja von den westdeutschen Demos, an denen ich mich damals noch beteiligte. „Habt ihr Lust mit uns was zu trinken? Nicht so eine FDJ-Kaschemme, sondern Szene. Punks, Jazzer, Musiker, Künstler undso.“ Ja, da gingen wir gerne mit. Wilde Melange dort. Schön rauchgeschwängert, dazu paßten meine Selbstgedrehten. Gut daß ich nicht meine Schnöselluckystrikes mithatte, die damals noch keine Modemarke waren und die es nur ohne Filter gab. Meinetwegen hatten die Männer sicherlich nicht gefragt. Sie waren ein paar Jahre älter als wir, Bärte, sie erzählten, wir erzählten von uns. Das Bier fließt, kostete wenig, einander auszugeben war selbstverständlich, alles ist günstig hier zu haben.

Als wir dann aufbrachen, fehlte der Pullover. Kalt war es. Ostberliner Luft mit Kohle und Ostoktoberherbst. Die Jazzer hatten von ihren Auftritts- und Ausreiseverboten erzählt. Der eine durfte nicht aus Ostberlin, der Hauptstadt der DDR, ausreisen, der andere nicht ins sozialistische Ausland. Eigentlich müßten wir das weitererzählen jetzt. Die Süße stupste mich. Wir passierten den Einlaßbereich, jene rote Linie, die nur dem Westbürger zu übertreten erlaubt war. „Würden Sie bitte Ihre Tasche öffnen!?“, sagte der Posten. Ich machte auf. „Packen Sie mal alles aus!“, meinte er. Es war nicht unhöflich gesprochen, sondern eine schlichte, klare Ansage. Nicht anders als die im noblen Restaurant beim Einlaß. Ich dachte an die absurde Hammondorgel. Nein, es war kein Sächsisch in seiner Stimme. Obwohl ich diesen Dialekt eigentlich schon immer gemocht hatte. Heute sächselt meine Geliebte, leicht nur, in ihrer frechen Art. „Aha, Bücher“, machte der Mann. Eine Biographie über Che Guevara und irgendein sozialistische Zeugs kam zum Vorschein. Ich dachte, der Offizier wäre stolz auf mich. War er aber nicht. Ganz im Gegenteil. Er blickte ernst und skeptisch. Kurz vor Mitternacht, das Tagesvisum war am Auslaufen. Die junge Frau war schon durch die Kontrolle und schaute fragend herüber. Ich zuckte die Schulter. Ob ich von meinem gestohlenen Pullover erzählen sollte, dachte ich. Aber instinktiv hielt ich das für keine gute Idee.

Die Situation wurde angespannt. „Sie haben hier eine russische Kamera dabei. Die haben Sie in der Deutschen Demokratischen Republik gekauft. Können Sie mir bitte die Quittung dafür zeigen?“. Natürlich besaß ich keine Quittung und schon gar nicht hatte ich die Kamera in der Deutschen Demokratischen Republik erstanden. Zumal es sie im Westen für 250 DM und in Ostberlin für 2000 Ostmark gab. Ich hatte das gute Stück, es war eine russische Zenit, noch wenige Stunden zuvor in einem Schaufenster nahe des Alex gesehen und mich über die abweichenden Preise amüsiert. Aber Luxus hat eben seinen Preis sagte ich zu der jungen Frau. Ich mochte es, wenn ihr Zopf und ihre Brüste wippten. Diese unverschämte Differenz im Wert der Ware wollte ich dem Mann schon ins Gesicht schleudern, dachte mir jedoch, daß dies eine unkluge Aktion wäre. Es könnte wohl als Opponieren aufgefaßt werden. Die Sache mit dem in der DDR Bleiben würde sich bewahrheiten, dachte ich mir. Aber auf eine Weise, wie wir es uns nicht, oder besser, wie ich es mir nicht vorgestellt hatte.

Der Grenzer wühlte tiefer in der Tasche. Da kam zu allem Überfluß noch ein dreißig Zentimeter langes Teleobjektiv zum Vorschein, das ich zwar bei solchen Reisen meist dabei, aber nie bis selten benutzt hatte. Er nahm es heraus, blickte hindurch, drehte es, stellte scharf, als ob das Teil an einer Kamera befestigt wäre und da gäbe es was zu sehen. Er nickte bestimmt und mit Vopo-Blick. Ich sah meine letzte Stunde Freiheit. „Sie sind ein deutscher Spion!“, kommt es gleich. Oh weh, oh weh. Der Sozialismus kann streng sein und weh tun. Verdammte russische Zenit, verdammtes Teleobjektiv, und jene junge Süße wird sich nie wieder im Frotteschlüpfer oder in NVA-Uniform auf Deinen Körper setzen, direkt über Deinem Gesicht. Nie mehr, oh weh. Es ist schade. Eigentlich weiß ich nicht mehr, was genau ich gedacht habe. Ich wußte nur, ich mußte trotz Alkohols nun Geistesgegenwart beweisen.

„Ach, ein Teleobjektiv also. Ja, das ist ein Dreilinser, dieses Objektiv habe ich auch. Gut für den Urlaub. Eine schöne Heimreise wünsche ich Ihnen noch.“ Es fehlte bloß, daß er noch „Genosse“ gesagt hätte. Die S-Bahn fuhr uns in den Westen, zu ihrem Auto, das beim alten Reichstag parkte und wo wir die Sitze in die Liegestellung brachten.
 
 

 
 

 
 

 
 

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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12 Antworten zu Heinz Keßler ist tot

  1. hANNES wURST schreibt:

    Diesen Text habe ich mit großem Vergnügen gelesen, er ähnelt stilistisch dem Film „Memento“, nur ohne Tattoos. Sehr, sehr gut. Bitte auch einmal etwas über Nordkorea schreiben, es gibt von dort so wenige verlässliche Informationen. Der aktuelle nordkoreanische Verteidigungsminister heißt Pak Yong-sik.

  2. Bersarin schreibt:

    Daß es Sie noch gibt! Ich dachte, Sie wären verschollen, wie all die übrigen alten Gefährten. Genova ist, wie ich hörte, in der Schlacht an der Jaramafront gefallen. (Oder war es beim Gentrifizierungskampf?)

    Pak Yong-siki ist mir allerdings wohlbekannt und erfreut sich einer guten Gesundheit. Kimchi-Küche hält jung.

  3. hANNES wURST schreibt:

    Ich habe eine sehr, sehr schwere Zeit durchgemacht, konnte kaum noch lesen, der Blick morphiumgetrübt, in der Hand den schon völlig abgegriffenen Rosenkranz. Wenn meine Enkelin vielleicht einmal im Quartal zu Besuch kam, bat ich sie, mir aus dem Internet etwas vorzulesen, am liebsten aus dem Blog von diesem feinsinnigen Intellektuellen der sich gerne mit Ästhetik und Literatur beschäftigt, aber sie sagte, da gäbe es ja nur furztrockene Kulturkritiken und sie würde schon beim Vorlesen der sehr langen Überschriften einschlafen. Also hat sie mir stattdessen „On What Matters“ vorgelesen und so wurde ich wieder gesund. Ich nehme an, den übrigen „alten“ Gefährten ist es ähnlich gegangen, nur Genova ist für Ihr Blog wohl verloren, denn er hat sich bitter über die hier vorherrschende elitäre Gesinnung beschwert, wobei ich mich frage, wieso gerade er damit ein Problem hat.

  4. Bersarin schreibt:

    Es war nicht Ihre Enkelin, sondern es war ich, der täglich zu Ihnen kam. In Frauenkleidern. Und ich war es auch, der Ihnen den Rosenkranz reichte, die Gebete mit Ihnen sprach und Ihnen die Geschichten vom Emscher-Neck erzählte. In die ich freilich, List der Vernunft, Adorno-Zitate einbaute. So erwachten Sie, wurden neu geboren und wir sangen und priesen den Herren. Gendergerecht natürlich.

  5. Bersarin schreibt:

    Wie immer ein feindialektischer Text vom Nörgler, der die Bigotterien gut pointiert und zeigt, daß es gut ist, der DDR keine Träne nachzuweinen.

  6. Bersarin schreibt:

    Aber, Hanneswurst, ich will natürlich nicht meine Possen reißen. Sofern Sie tatsächlich ernstlich krank gewesen sind und nun wieder gesund, so freut mich das und ich wünsche Ihnen weiterhin von Herzen alles Gute und weiterhin dann auch anregende oder aufregende Lektüre hier im Block, nee im Blog.

  7. hANNES wURST schreibt:

    Sind Sie also gerade wieder nüchtern geworden, Herr Bersarin, und jetzt tut es Ihnen leid, was sie gestern Abend im Rausch von sich gegeben haben. Das zeigt, dass der Wahlkampf-Marathon auch Sie nicht kalt lässt. Tatsächlich war ich aber gar nicht krank, sondern hatte wenig Zeit, weil mir eine Frau aus Weißrussland vermittelt wurde, die sich jedoch als mir in jeder Hinsicht überlegen herausgestellt hat, so dass ich sie nach sechs Monaten wieder in Brest abgegeben habe.

  8. Christian schreibt:

    Hallo Bersarin, danke für diesen Text, erinnert ein wenig an die frühen Romane Kunderas, also weniger vom Stil als von der Thematik und (polithistorischen) Lokalisierung her. Sehr fein eingewobene Erotik, vom Allerfeinsten! (Lese grad Sloterdijks letzten Roman, der kommt da vergleichsweise hölzern daher, ob ers nicht besser kann oder will ist schwer zu sagen…)

    Liebe Grüße aus Wien! Sitze grad in einem Cafe, sollte arbeiten, lesen ist jedoch besser. Links und rechts verspiegelte Kastenfenster geben den Blick auf eine gut frequentierte Kreuzung, laufend Fußgänger, Menschen, Typen und rollender Verkehr, wetterbedingt vereinsamter Eissalon, tageszeitbedingt vereinsamtes Laufhaus, jahreszeitbedingt auf ihren großen Moment wartende Brautsträuße im Blumenladen. Die Spiegel im Fenster verwirren und das Fenster in den Spiegeln täuschen. Gut so.

  9. Bersarin schreibt:

    @ HannesWurst: Ich trinke beim Schreiben nicht. Erst hinterher. Und selbst wenn: Ich trinke derart kontrolliert, daß man es mir nicht anmerkt. (Laut Fremdaussage einiger Frauen.) Aber als ich Ihren Kommentar dann morgens las, dachte ich: Was wenn der Spaßmacher gar keinen Spaß macht? Was wenn er nun vor Gram stirbt oder einen Rückfall erleidet? Bin ich dann schuld?

    Können Sie diese Frau aus Weißrußland vielleicht an mich weiterschicken? Ich suche wirklich händeringend eine tippsichere Dame für wenig Geld, die mir die vielfältigen Exzerpte, die sich angesammelt haben, in meine Karteikarten überträgt.

  10. Bersarin schreibt:

    @ Christian. Es freut mich, daß Du auf meinen Blog gestoßen bist. Sloterdijks neuer Roman ist in der Tat hölzern und ein Stück auch Altherrenerotik. Allerdings nicht ganz so schlimm, wie ich dachte, weil Sloterdijk darin doch ein Ideenfeuerwerk zündet. Manch originelle Idee zur Weiblichkeit. Andererseits hört man in der Rollenprosa des Mailwechsel eben doch unverkennbar den originalitätssüchtigen Sloterdijk heraus.

    Viele Grüße auch an Sie zurück. Ich mag und schätze Wien sehr. Eine der wengen Städte, wo ich mir zu wohnen vorstellen könnte.

  11. neumondschein schreibt:

    Das hier passt besser zu Kessler als Pete Seeger:

    (Kleine Typberatung)

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