Nora Bossongs „Rotlicht“, die Temperatur des menschlichen Körpers und Todestage (Antonio Gramsci)

Nora Bossong taucht in ihrem neuen Buch „Rotlicht“ ins Milieu ein, sie recherchiert und betrachtet die Varianten des käuflichen Sexes. Diesmal also ein Sachbuch. (Eine Kritik zu „Rotlicht“ gibt es bei „tell – Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft“.) Ein Laufhaus auf St Pauli, einer der größten Straßenstriche Europas in Dortmund, wo die bulgarischen Frauen anschaffen, die „Venus“-Erotikmesse, aber ebenso die sanften Varianten wie ein Wohnungsbordell oder ein Tantra-Salon für erotische Massage.

Mich hat dieses Buch nicht überzeugt, zu erwartbar sind Bossongs Eindrücke, ich entdecke keine neuen Perspektiven und sehe nichts, das ich nicht vorher und ohne Bossong auch wußte. Wer einmal eine Erotikmesse wie die „Venus“ besuchte oder in einer Table-Dance-Bar weilte, weiß ungefähr, wie es in diesem Gewerbe vor den Kulissen zugeht. Da wäre es für eine Recherche spannend gewesen, etwas genauer hinter die Kulissen zu blicken und sozusagen tiefer zu recherchieren. Sich nicht nur von den Eindrücken treiben zu lassen und diese zu berichten, wenngleich diese Schreibe aus dem Subjektiven heraus im Moment en vogue ist. Sozusagen die Knausgardisierung der Reportage als Erlebnisbericht.

Bossong kritisiert die Verhältnisse, kritisiert den Trend, Sex als Leistungssport zu nehmen, kritisiert auch, von bürgerlicher Warte (meiner nicht fremd) die Kapitalisierung des Sex. (Das kann man machen, man sollte sich darüber nur nicht erstaunt zeigen, denn das ist naiv.) Sie wappnet sich mit Theorie. Ja, ich habe mir von Nora Bossongs Buch mehr erwartet.

Es ist schade, daß Bossong an ihrem Gegenstand scheitert oder zumindest, wenn man es nicht derart harsch schreiben möchte, da ich Nora Bossongs Literatur schätze, ihn verfehlt. Denn ihr Roman „36,9°“ über den Kommunisten Antonio Gramsci las ich angeregt; mir gefiel das Buch. In der Konstruktion und der gegenstrebigen Geschichte zweier Protagonisten aus zwei verschiedenen Zeiten ist dieser Roman gelungen. (Ich habe den Roman an dieser Stelle besprochen.) Auch dieses Buch handelte vom menschlichen Körper – ein Thema, das Bossong in ihrer Prosa umtreibt. Allerdings ist es im Falle Gramscis ein Körper in seiner verzerrten, deformierten Variante. Es heißt bei Bossong:

„Wenn jemand klein war und ausgerechnet als Mann, wenn er so wenig maß, dass es den anderen wie eine Verwachsenheit, ja wie eine Verzwergung erschien, dann sollte er sich entweder an einem bestimmten Punkt des Lebens von der Sinnlichkeit verabschieden, und je früher, desto besser, desto weniger Quälerei, dann sollte er sich ein Gehäuse aus Gedanken bauen oder vielmehr wachsen lassen, wie es die Schnecken tun und sich dorthinein zurückziehen.

Das war die eine Möglichkeit.

Oder aber er trainierte sich ein solches Übermaß an Sinnlichkeit an, dass sie die Umgebung stutzig machte, dass man nicht mehr aus noch ein wusste und niemand mehr sah, wer er war oder was oder wie groß. Der eigene Körper musste unter steter Spannung stehen.“

Wir finden uns in einer sehr katholischen, kommunistischen Passionsgeschichte wieder. Wir begegneten jenem Leib, der im Gefängnis, in unerträglicher Haft nur noch als Kopf agieren kann, und im Rückblick des Erzählens auch als jener Körper, der er einst war. Der Körper suchte die Liebe. Aber nur schwierig findet er sie und muß die Liebe doch lassen. Um der Sache willen. Parteidisziplin und die Passion zu Italien. Und auf der anderen Seite, Jahrzehnte später, betrachten wir jenen kalten Wissenschaftler Anton Stöver, einem ganz anderen linken Milieu entwachsen und mit diesem abrechnend. Stöver ist Wissenschaftler, er forscht über Gramsci. Ihn treibt die Lust am Körper, aber es ist der fremde Körper, nicht der seiner Frau. Er betrügt sie, noch während der Schwangerschaft. So souverän wie Bossong in „36,9°“ erzählt, so sehr verliert sich dieses Interesse in „Rotlicht“.

Ganz passend zu diesem Roman ist heute der 80. Todestag von Antonio Gramsci. Protokollarisch schreibt Bossong von diesem Tod, krudes Faktum der Geschichte und geborgen wird am Ende eine höchst kostbare Fracht, Frucht des Geistes:

„Um zehn endlich öffnete man ihm die Adern.
In der Nacht lassen die Ärzte einen Priester kommen

Halb schlafend, halb wachend sitzt Tanja an seinem Bett, sie hat die ganzen Stunden bei ihm ausgeharrt.
(…)
Am Morgen des 27. April 1937, um zehn Minuten nach vier, gibt sie auf.

Noch am selben Morgen trägt Tanja Schucht einen Stapel Hefte aus der Klinik, ein Konvolut aus Notizen, das als Gefängnishefte des Antonio Gramsci berühmt werden wird, der vor wenigen Stunden an Entkräftung gestorben ist, an einer vorangegangenen Hirnblutung, an der schlechten Gefängniskost, an den Wärtern, die ihn vom Schlaf abgehalten haben all die Jahre, ihn mehrmals in der Nacht aufweckten, er stirbt am Ausbleiben der Briefe Julias, an Paranoia, an Stalins Führung, an Mussolinis Italien, an sich selbst. Von all dem steht nur wenig im ärztlichen Protokoll.

Erneut ist es allein ihrem Geschick zu verdanken: Dass sie die Schriften jenes Mannes hinausträgt, den das faschistische Regime stimmlos hatte machen wollen.“

Auch hier, in dieser Sterbestunde, in diesem Krankenzimmer, in diesem Roman sind es – wie im Rotlicht – die Frauen als eine Art Passiv, die ihren Teil beitragen, jedoch als läßlicher Rest unter den Tisch fallen, wenn die Legenden erzählt werden. Der Roman von Bossong macht diese seltsame Liebe Gramscis zu den beiden Schwestern, die Passionsgeschichte eines Revolutionärs wieder lesbar. Eine Intimität, die berührt.

Und weil ich mir nach langer Zeit einmal wieder meine Photographien von Hamburg St. Pauli betrachtete, zeige ich auf AISTHESIS einige alte Bilder. Manches davon gab es hier bereits zu sehen, aber diese Wiederholung macht die Photographien kaum schlechter.

 

Ein Gedanke zu „Nora Bossongs „Rotlicht“, die Temperatur des menschlichen Körpers und Todestage (Antonio Gramsci)

  1. Schöne Kommentare und Anmerkungen zu den einzelnen Photographien. Danke, Uwe, vom Blog „Spazierensehen“, und herzliche Grüße ins oft schöne, manchmal raue, aber immer aufregende Hamburg.

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