Zum Tod von Gerd-Peter Eigner

Der Schriftsteller Gerd-Peter Eigner ist gestorben – ich muß, es ist traurig, das Berufsfeld wie auch die Tätigkeit dieses Mannes für viele Leser wohl hinzufügen, weil Eigner den wenigsten noch bekannt sein dürfte. Schade, daß die Berliner Zeitung diese Nachricht von seinem Tod nicht einmal im Feuilleton, wo sie eigentlich hingehört, sondern im Berlin-Teil in einer Kurzmitteilung anzeigte. Aber immerhin berichtete sie in der Nebenspalte mit Geringzeichenzahl darüber. Richtig bekannt war Eigner nur den Insidern der Literatur. Etwa mit seinem 1985 immerhin bei Hanser erschienenen Roman „Brandig“. Ich las die Rezension in der Zeit, war angetan und besorgte mir das Buch. Eine neue Form des Erzählens fanden wir da, aber es war eben nicht gängig und marktschreierisch genug und ließ sich im aufkeimenden Literaturagententum schlecht vermitteln. So ganz an den Mann und an die Frau kamen seine Romane nicht, und dabei hätte „Brandig“ ganz gut das Zeug zu einem sogenannten postmodernen Roman, der die identitären Ichbewegungen der Neuen Subjektiv kritisch bricht.

Jenes Frickeln am Ich, was heute als neuer heißer Scheiß uns vertickert wird, wie wir ihn jedoch schon lange aus der Prosa der 70er und der frühen 80er Jahre kannten – von den schlechten Varianten, dem Tod des Märchenprinzen, bis hin zu den genialen in Max Frischs „Montauk“. Eine Ichbefragung und Suchen nach den diffizilen Identität, was in diesem Buch bis ins Politische hineinreicht: was und wie einer ist. (Aber im Jahre 1985 – da wehte die RAF bereits aus, nur wußte es noch keiner so richtig. Den Geist der Zeit oder was  wir den Geist der Zeiten heißen, ist meist der Herren eigener Geist, in dem die Zeiten sich bespiegeln. Nein, auch das ist so nicht korrekt. Wir müßten in den Zeitläuften die Anzeichen zu lesen wissen. Das mißlingt uns meist, die Literatur besitzt da – oft – ein besseres Gespür.)

Eigner paarte dieses Szenario des Erlebens und Erzählens mit der nötigen Komik Auch den Jean Paulschen Humor finden wir bei ihm. Wo aber bereits die Digressionen eines Klassikers wie Jean Paul, die den Fluß des gemütlichen und kommensurablen Lesens stören, als Zumutung der Rezeption empfunden wird, da wird aus einem wie Eigner nichts werden. Der Betrieb und dessen Kundschaft sind selektiv. Leider nicht selektiv aus Anspruch, sondern aus der Nachlässigkeit heraus. Allenfalls für einge Trüffelschweine in den Germanischen Seminaren der Universitäten wird der eine oder der andere Student auf diesen Mann stoßen. Ansonsten bleibt und bricht das weg. Der Betrieb frißt manche seiner Kinder nicht, sondern er vergißt sie schlicht und einfach. Oder übersieht sie. (Mit Absicht oder aus Nachlässigkeit, das ist schwierig zu entscheiden und zu sagen.)

Im Feuilleton kommt der Tod Eigners praktisch nicht vor: Auf der Kulturseite der Welt schreibt statt dessen Ronja Rönne Helene Hegemann über „Fausts“ Osterspaziergang. Dabei ist dieser Ostergang vor den Toren der Stadt für Rönne Hegemann eine Art Loveparade und der „Faust“ ist nicht mehr modern – das reicht bei dem ollen Klassiker nicht aus –, nein, er ist sogar, im Pesthauch der Superlative, hypermodern. Da setzte Dich nieder! Nicht Carl, sondern Helene heißt die Kanaille. In diesem Text ist nicht nur die Interpretation von jeglichem Sinn befreit, sondern der Text auch von Goethes Farbtheorie und von allen metaphysischen Tücken bereinigt auf die Gegenwart verbogen. Auch das Print-Feuilleton der FAZ hält nichts zu Eigner bereit, dafür einiges zu Ostern. Immerhin.

Zuletzt kam Eigner noch einmal kurz  ins Gespräch durch seine Gedichtsammlung „Mammut“ – in einem Kleinverlag erscheinen. Eine intensive Auseinandersetzung mit Gerd-Peter Eigners „Brandig“ findet sich bei Alban Nikolai Herbst. Es steht zu befürchten, daß auch der Tod Eigners nichts weiter dazu beiträgt, daß seine Prosa verbreitet wird, sondern eher wird dieser Tod das Verschwinden dieses Autors anzeigen. Karfreitags- und Osterirrsinn. Des einen Ewigkeit ist des anderen verlöschen.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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4 Antworten zu Zum Tod von Gerd-Peter Eigner

  1. che2001 schreibt:

    Wem ich ja nach wie vor hinterher trauere ist Peter Paul Zahl, für mein Umfeld mal ein Kultautor, heute aber längst vergessen.

  2. Bersarin schreibt:

    Peter Paul Zahl ist mir eher politisch bekannt und durch seinen Text zum Hitler-Attentäter Elser.

  3. Danke für diesen Nachruf, den ich eben erst, Hinweisen zu Goytisolo folgend, hier in Umbrien im Netz fand. Daß iauch ch unterdessen zu Eigner noch mal schrieb, werden Sie gesehen haben, also meinen kleinen, für den PEN verfaßten Nekrolog: http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/nekrolog-auf-gerd-peter-eigner/
    In der nächsten Ausgabe von Volltext wird nun auch ein ausführlicher Nachruf folgen.

    ANH

  4. Bersarin schreibt:

    Danke für den Hinweis auf Ihren Link und auf Volltext, das ich immer wieder gerne lese.

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