Auschwitz in Bildern. Peter Trawny „Was ist deutsch?“ (2)

Eine Gestalt der Gesellschaft scheint alt geworden zu sein. Kritische Theorie der ersten Generation, so hallte es allerorten, ist nur noch gut für die Philosophiegeschichte und historisch geworden. Aber stimmt das tatsächlich? Weil etwas behauptet wird, muß es nicht wahr sein. Ganz zu recht schreibt Peter Trawny über Adornos Begriff des Nichtidentischen, daß dieses späte Projekt bis heute eine philosophische Herausforderung bedeutet. Insbesondere, so möchte ich ergänzen, wenn man diesen Begriff mit der Differánce-Philosophie Derridas zusammenliest, die inzwischen ebensowenig noch à la mode ist, und mit dem Konzept des radikal Anderen von Emanuel Levinas korrespondieren läßt, so scheint es mir, daß sich neue und anregende Perspektiven bzw. im Adornoschen Sinne Konstellationen kritischen Philosophierens auftun könnten.

Interessant ist Trawnys Essay zu Adorno, weil er diese Leerstelle einerseits richtig benennt. Kritische Theorie steht nicht mehr primär auf der Tagesordnung und doch bedürfen wir ihrer. (Ich zeigte dies in meinem ersten Teil des Rezensionsessays und auch gelegentlich hier im Blog.) Mit Adornos Anfang der Negativen Dialektik könnte man schreiben: Kritische Theorie hält sich am Leben, weil der Augenblick ihrer Verwirklichung versäumt ward – was vielleicht sogar ein gutes Motiv abgibt, die Zeit niemals stillzustellen und die Verwirklichung hinauszuschieben. Um der Kritik willen, ein kritisches Korrektiv.

Andererseits eignet sich die Philosophie Adornos zur Selbstbesinnung. Zumal aktuell, wo die Frage, was eigentlich deutsch sei, durch Wahlerfolge der AfD augenblicklich wieder virulent wurde und weil in ganz Europa ein neuer Nationalismus erstarkt. Adorno selbst stellte diese Frage, was deutsch sei, explizit in seinem gleichnamigen Essay in den Stichworten. Vielleicht würde er heute fragen, was europäisch sei. So unterschiedliche Denker wie Habermas und Derrida bemühten sich 2003 in einem gemeinsamen Aufruf in der FAZ: „Unsere Erneuerung. Nach dem Krieg: Die Wiedergeburt Europas“.

Trawnys Essay liefert auf jene Frage, was deutsch sei, einen Blick, und zwar im Kontext von Begriffen wie Heimat, Deutschland, Auschwitz als Konstellation von Geschichte und individueller Biographie. In diesem Sinne muß man Adorno (auch) als deutschen Denker verstehen. Seine Ausführungen zum geliebten Odenwald und zu Amorbach, die ihm Imago der Kindheit waren, sind bekannt. Ebenso seine Gebirgsaufstiege in Theorie: seine Essays zu Goethe, Hölderlin, Heine und Eichendorff. Was also ist deutsch? Mit Adorno gedacht.

Nach einem der furchtbarsten Verbrechen – der Historiker Dan Diner sprach vom Zivilisationsbruch nach Auschwitz – führt für Adorno kein Weg in die Normalität zurück. Ebensowenig aber reichen Bußübungen aus, die zum leeren Ritual verkommen – eine moderne Variante des Ablaßhandels. 1998 hat Martin Walser in seiner angefeindeten Rede zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels zu recht auf diese sinnentleerten Rituale hingewiesen: Auschwitz als Kranzabwurfstelle. Auschwitz jedoch eignet sich nicht zur negativen Theologie, ebensowenig aber zum Bekenntniszwang der politisch aufrichtigen Gesinnung. Botho Strauß schrieb kürzlich in der „Zeit“ vom „Ideenkitsch – weitläufiges Flachrelief aus Gedankenpolyester“. Bei aller Kritik, die man an Strauß‘ Text äußern mag, trifft das und noch ein paar andere Sätze einiges am Ton auch des heutigen Zeitgeistes. Man mag ansonsten von dem Text, der fürs Sprachformat von Strauß an der Oberfläche dümpelt, halten, was man will.

Diese Debatten unserer Gegenwart sind einerseits zwar weit entfernt von den Disputen, mit denen Adorno konfrontiert war – angefangen bei den restaurativen Tendenzen und daß Straftäter nicht oder erst viel zu spät bestraft wurden, daß Mitläufer wie Globke ungehindert im Staatsdienst weitermachen konnten, daß 1966 Mörder wie Filbinger Ministerpräsident wurden, bis hin zum verdeckten Faschismus, der nun in Gestalt des gewandelten des Demokraten auftrat. Vielfach haben sich inzwischen die Koordinaten verschoben, andererseits aber besteht eine geschichtliche Kontinuität. Die bittere, aber eben auch produktive Geschichte der BRD. Trotz allem Beschweigen und aller Versuche, kleinzureden: Kaum ein Land hat derart seine Verbrechen mit Reflexion bedacht und sich in den Steinbruch der Geschichte begeben. Für China oder Rußland bis heute unvorstellbar. Und auch die ehemaligen Kolonialmächte sowie die USA tun sich schwer. Die Frankfurter Schule um Adorno und Horkheimer als zurückgekehrte Exilanten hatte in den 50er Jahren wesentlichen Anteil an diesen Debatten. Diese Frage nach Identität und Gemeinschaft (auch qua Schuld und Sühnezeichen samt einer daran anschließenden Reflexion auch auf die Modi der Aufarbeitung) bestimmt bis heute die gesellschaftlichen Debatten. Jedoch hat sich in den politischen Diskursen sowie in den gesellschaftlich relevanten Fragen ein weiteres Mal eine Art Strukturwandel der Öffentlichkeit eingestellt. Trawny schreibt:

„Was untergeht, was nach einer langen Zeit der Erosion verschwindet, ist eine spezifische Gestaltung der politischen Öffentlichkeit.“

Diese spezifische öffentliche Sphäre war zu Adornos Zeit noch gegeben. Man kann mutmaßen, woran dieses Erodieren liegt: am Verfasern der Diskurse durch die neuen Medien, einer Tendenz zur Zerfransung von Themen und des unbezüglichen Geschwätzes aller über alles und jedes, das sich auf sämtlichen Kanälen viral verbreitet und auf das von überall her geantwortet und geliket wird. Unendlicher Verbrauch von Ressourcen. Die politisch und akademisch interessierte Öffentlichkeit zu Adornos Zeiten war auf andere Medien bezogen und die Fragen nach einem verlorenen Krieg, der den entsetzlichen Massenmord in seinem ganzen Ausmaß erst ans Licht brachte, waren ebenfalls andere. In diese Lücke stieß das Denken Adornos.

Zentral im Denken Adornos ist die Bedeutung von Auschwitz, auch als „Modell für die Kälte der Technokratie“ (Trawny). Daß Auschwitz sich nicht wiederholen dürfe, so nennt Adorno den neuen Kategorischen Imperativ in seiner „Negativen Dialektik“. Er liefert das Leitmotiv seiner Philosophie. Wesentlich ist dabei, daß Auschwitz auch theoretisch ins Denken aufgenommen werden müsse. Gleichzeitig besteht die oben genannte Gefahr, der Habitualisierung von Auschwitz, Trawny beschreibt diese Gefahr und nennt hier insbesondere Celans bekannten Unwillen dagegen, daß sein Gedichts Todesfuge in Schulbüchern verwertet wurde und so zum konsumierbaren Gedicht geriet. Aber es herrscht in solchen Verhältnissen eine interessante Dialektik: Erst durch solche Habitualisierung und durch die Rituale im Umgang konnte sich ein öffentlicher Diskurs an Auschwitz überhaupt erst einstellen. Söhne befragten ihre Väter, Enkel ihre Großväter. Gleichzeitig wurde der Umgang mit Auschwitz seit den späten 70er Jahren zum Normalton und hielt selbst in die Populärkultur Einzug.

Das begann für die BRD 1978 mit der Serie „Holocaust“, die millionenfach ins deutsche Wohnzimmer ausgestrahlt wurde. Was bisher nur als eine Art kollektives und zugleich beschwiegenes Narrativ irgendwie diffus die verbotenen Zonen berührte, ein „kollektives Unterbewußtes“, wurde mit einem Male anschaulich und konnte sich reifizieren. Adorno hätte die Serie vermutlich mit Entsetzen betrachtet. Auswuchs von Kulturindustrie, konsumistische Funktionalisierung, wo noch aus dem äußersten Schrecken so etwas sie ästhetischer Genuß herausgepreßt wurde. Für viele ist solche Rigorosität heute kaum noch vermittelbar, aber vielleicht sollten wir versuchen, zu begreifen, was eigentlich genau Adornos Ablehnung motivierte. Solcher Nachvollzug ist meist sinnvoller als die reflexhafte Abwehr eines unbequemen Gedankens.

Dennoch ist die Funktion solcher Serien für den öffentlichen Diskurs nicht per se abzulehnen. Trawny schreibt:

„Die Serie jedenfalls wurde deshalb so wichtig, weil die deutsche Gesellschaft bisher noch nicht über bewegte Bilder vom Holocaust verfügte, die ins kollektive Gedächtnis übergehen konnten.“

Was Trawny hier kurz anspricht, ist brisant, und nebenbei bemerkt und abseits der Pfade, die Trawny in seiner Frage beschreitet, was deutsch ist: Kann und darf es von Auschwitz überhaupt Bilder geben? Gilt nicht insbesondere hier das Bilderverbot? Eine Frage, die insbesondere bei Adorno besondere Relevanz besitzt. Die Frage des Bilderverbotes spart Trawny leider aus – was nicht als Vorwurf gemeint ist, sondern eher als ein „Ach, schade“. Denn auch darüber hätte ich von Trawny gerne mehr gelesen.

Claude Lanzmann brachte 1985 seinen Dokumentarfilm „Shoah“ ohne ein einziges Bild von Leichen. Vielmehr ließ er Menschen sprechen. Überhaupt harrt da diese Frage, die sich bis zum Ikonoklasmus zuspitzt: Was dürfen Bilder zeigen?

Ein Aspekt, der diesen Disput des Bilderzeigens steuert und der bis zum byzantinischen Bilderstreit im 8./9. Jhd reicht und weiter noch bis hinein in Platons Höhle weist, ist die Frage nach dem Wesen des Bildes. Wenn Gott nicht darstellbar ist, wenn das Wesen der Dinge sich nicht in Nachbildern erschöpft, besitzen Bilder einen defizitären Status. Diese Kontroverse zieht sich bis in die Gegenwart, und sie umfaßt insbesondere auch die Bilder aus den Vernichtungslagern der deutschen Faschisten: Ist dieses Grauen und darf es überhaupt in Photographien festgehalten werden, wenn die Shoah das Undarstellbare ist, das sich jeglicher Kommunikation entzieht? Für die Gegenwart und angesichts der Flut von Bildern, die Tote und Gewalt zeigen, besitzen solche Debatten heute lediglich noch akademische Relevanz.

Ein Plädoyer für die Photographie, für die Darstellbarkeit und dafür Bilder als Dokumente einzusetzen liefert Georges Didi-Huberman in seinem Buch „Bilder trotz allem“ (Fink Verlag, 2007). Darin geht es um vier Photographien, die im August 1944 aus dem Inneren von Auschwitz aufgenommen wurden. Sie zeigen etwas, das es bisher nicht zu sehen gab. Wir sehen auf diesen Photographien nämlich unmittelbare Szenen der Vernichtung. Häftlinge eines Sonderkommandos machten von dem Krematorium V und dem Gelände dort herum unter großen Schwierigkeiten vier Bilder: die ersten beiden Negative zeigen, wie Vergaste in sogenannten Verbrennungsgräben eingeäschert wurden. Auf dem anderen Negativ sind unbekleidete Frauen zu sehen, die auf dem Weg in die Gaskammern sind. Das vierte Negativ ist fast abstrakt, kaum etwas ist zu erkennen. Zu sehen sind darauf Schatten und Baumwipfel. Ein Kunstphoto, könnte man meinen, wenn hier, an diesem Ort nicht jegliche Kunst versagen würde. Diese Bilder wurden unter schwierigsten Bedingungen aufgenommen. Die Negative ließen die Häftlinge aus dem Lager schmuggeln, und sie gelangten in die Hände des polnischen Widerstands. Daß diese Photos dann im Jahre 2000 in Paris in einer Ausstellung gezeigt wurden, rief teils empörte Reaktionen hervor. Insbesondere Claude Lanzmann opponierte scharf. (Auf jene negativ-metaphysische Erfahrung von Auschwitz komme ich im dritten Teil zu sprechen.)

Um jedoch etwas zu wissen, so schreibt der Kunsthistoriker Didi-Huberman, müssen wir uns ein Bild machen – nicht anders im Grunde als Celans „Todesfuge“ im Schulunterreicht. Diese Fotos sind an einem Ort der radikalen Vernichtung entstanden, der nichts als Leichen, Asche, Gaskammern, Baracken und Verbrennungsöfen übrigließ, und es sind diese Bilder-Fetzen beunruhigender und kostbarer für uns als alle Kunstwerke. Es sind, schreibt Didi-Huberman,

„Bilder trotz allem: trotz unserer eigenen Unfähigkeit, sie so anschauen zu können wie sie es verdienen, trotz unserer übersättigten und vom Markt der Bilder beinahe erstickten Welt.“

Es wurden der Wirklichkeit Bilder entrissen, die bezeugen. Bilder, die nicht das Hinterher zeigen, die Leichenberge nach der Befreiung, nicht die gemütlich schmausenden oder Akkordeon spielenden SS-Schergen mit ihren Frauen. Diese Bilder zeigen das Unvorstellbare, und sie widerlegen zugleich den Begriff des Unvorstellbaren. Diese Bilder bezeugen das, was die deutschen Faschisten niemals irgendwo zeigen und dokumentiert sehen wollten. Es war strikt verboten, diese Lagerszenen zu photographieren. Hielte man diese Bilder zurück und setzte das Bilderverbot absolut, hätten die Faschisten genau das erreicht, was sie erreichen wollten. Auszulöschen.

Auch diese Bilder gehören zu jener Frage mit dazu, was deutsch eigentlich sei. Weit entfernt im besetzten Polen.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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80 Antworten zu Auschwitz in Bildern. Peter Trawny „Was ist deutsch?“ (2)

  1. Herwig Finkeldey schreibt:

    „Kaum ein Land hat derart seine Verbrechen mit Reflexion bedacht und sich in den Steinbruch der Geschichte begeben.“
    Viele sehen ja gerade darin – neben tagesaktuellen Anlässen, die unbestreitbar sind – eine der Ursachen für Das Aufkommen der neurechten Bewegung in Deutschland. Man will, so das Argument, nicht mehr als besonders verantwortlich wahrgenommen werden, nicht die Rolle der roten Morallaterne spielen. Und diesen Unwillen drücken Höcke und die AfD aus.
    Einer der ersten, der das schon vor 20 Jahren seinen Unbehagen an der deutschen, angeblich aufgezwungenen Büßerrolle erklärte, war ja Martin Walser. Seine gesamte Rede spiegelt aus der Vergangenheit eigentlich schon unsere Debatten in nuce. Nicht verwunderlich, dass die AfD sich auf Walser beruft. Leider hatte seine Rede denselben Webfehler wie die heutigen AfD-Eingeschnappten. Sie behauptet die Unfreiheit im Angesicht der Vergangenheit: Wir Deutsche seien gezwungen zum Kranzabwurf, würden mit „vorgehaltener Maschinenpistole“ in den „Meinungsdienst“, in das Meinungtsjoch gezwungen. Und müssten uns folglich von diesem Joch befreien.

    Aber die deutsche Befreiung von den Gespenstern der Vergangenheit konnte nur über den „Steinbruch der Geschichte“ laufen. Walser und die AfD hingegen stellten und stellen es so dar, als dass dieser Steinbruch unser Moral-GULAG sei. Für Walser gilt hierbei das Präteritum: Längst hat er ein wenig Abbitte geleistet, sich gewissermaßen beim toten Ignatz Bubis entschuldigt. Was ich eine große Geste fand. Diesen letzten Teil der Geschichte, die Walsersche Selbstrevision kennen die sich auf Walser beziehenden AfDler offenbar nicht. Ist halt ganz schön kompliziert mit so einem Steinbruch…

  2. Dieter Kief schreibt:

    @ Herwig Finkeldey

    Es ist wirklich ein wenig kompliziert – auch mit dem Historikerstreit und mit Walser.
    Das Walser-Problem fasst man am besten, wenn man sieht, dass Walser sowohl die Paulskirchen-Rede als auch den Aufsatz „Unser Auschwitz“ geschrieben hat – und dass die beiden Texte sich – – n i c h t ins Gehege kommen.
    Es hilft auch, sich zu vergegenwärtigen, dass Walser nun in der Tat etliche Verhandlungstage in Frankfurt in den Auschwitz-Prozessen gesessen ist. Das haben nicht allzuviele Leute getan.

    An diesem Punkt der Erörterung angelangt, erlebte ich es verschiedene Male, dass (u. a. in den USA) gesagt wurde, ja, aber Walsers Auschwitz-Aufsatz sei in den Sechzigern erschienen und daher abgelegt. Aber das stimmt nicht mit den Tatsachen überein: Dieser Aufsatz war immer greifbar und am Markt. Er hat auch den Verlagswechsel überstanden und ist bei Rowohlt erneut greifbar, derzeit in einem Band zur Politik.
    Zum Historikerstreit hat Wehler so eine Art Summe im Spiegel geschrieben – das ist zum Teil schon erheblich, was er da an Korrekturen vornimmt. Diese fünf oder so Druckseiten ersetzen/ übertreffen so manchen Tausendseiter.

    Ansonsten ist die Einzigartigkeit von Auschwitz in einer Hinsicht sozusagen selbstverständlich: Alle historischen Ereignisse sind in der Tat einzigartig. Schon die Behauptung, Auschwitz sei der Zivilisationsbruch schlechthin gewesen, ist ein Tick zuviel. Sie impliziert nämlich, dass alle vorherigen und nachfolgenden Massentötungen in einem nicht-zivilisierten Rahmen stattgefunden hätten. Das aber ist in der Tat irreführend.

    Die Scham vor den KZ-Fotos überfällt mich stets aufs Neue.
    Das muss, denke ich, so sein.

  3. Herwig Finkeldey schreibt:

    Walsers „Unser Auschwitz“ entstand zum Auschwitzprozeß und somit bevor Betroffenheit zum Kult wurde, zum kultischen Akt, ohne den angeblich keine Gedenkstunde auskommen konnte. Unter anderem gegen diesen Kult wendet sich seine Paulskirchenrede.

    Allerdings behaupete er dort auch, man (wer? Das Faktotum „Gutmensch“? Er nennt den Zwänger „Meinungspolizisten“) würde ihn in den „Meinungsdienst“ zwingen, spricht von der „Dauerpräsentation unserer Schande“. Da ist in der Tat Genauigkeit wichtig. Diesen Teil scheint er ein wenig zurückgenommen zu haben. Und auf diesen zurückgenommenen Teil beruft sich ständig die AfD.

  4. Dieter Kief schreibt:

    @ Herwig Finkeldey
    Ein Einwand gegen Walser, den ich teile, lautet: Es gehe nicht, wie er glaube, um unsere Schande, weil das bereits mit Jaspers‘ Hinweis kollidiert, dass es keine Kollektivschuld gebe, dass es jedenfalls in Sachen Nazi-Deutschland falsch sei, von einer Kollektivschuld aller Deutschen zu sprechen.
    Ich fände es gut, wenn man das dem Teil der AfD-Klientel, der das – warum auch immer (DDR-Schulbildung…) nicht sortiert kriegt, in aller Ruhe auseinandersetzt. Ich tue das auch hie und da.
    Ich setzte das auch irschendwie linksparteiortientierten und bürgerlichen Überleistern auseinander.

    Im Übrigen – es ist es gut, wenn man das allen andern irgendwie Interessierten wo nötig auch auseinandersetzt. Mein Eindruck ist, da habe man viel zu tun. Ich kapituliere manchmal, wenn Fremdstämmige ins Schleudern kommen. Selbst Gutwillige solche gehen in den feinen Verästelungen zwischen Wehler, Fest Senior, Fest Junior, Busche, Nolte, Schirrmacher, Dohnanyi, dem in diesen Dingen gern mit extra-Schwung (=persönlicher Betroffenheit) irre redenden ex-Vorsitzenden, Sarrazin usw. schnell verloren. Und da sind Leute wie Elsässer und Gremliza mit ihren speziellen Wendungen noch nicht berücksichtigt. – Man würde, an solchen Wegkreuzungen des Diskurses angelangt, vielleicht nicht gerade „vor lauter Angst, das Falsche zu sagen“, aber doch aus einem erfahrungsgesättigten Missverständnisüberschuss – manchmal wenigstens – „am liebsten gar nichts mehr sagen“, und erinnert sich prompt an das Dichterwort, das lautet: – – „aber das wäre falsch“. – Sagt womöglich, so noch einmal der Dichter, die „Fehlerlinguistik“ – – – aber ganz genau weiß man das noch nicht – die Erforschung dieses „vollkommen neuen Feldes“ nahm nämlich in der DDR ihren Lauf, und wie das alles ausgeht werden w i r jedenfalls nicht mehr erleben…Die Menschheit mag dereinst – lange nach uns – mit Glück auf diese Probleme zurückblicken und sagen: Diese bedrängten sie aktuell nicht mehr. Und obwohl es dann auf mich nicht mehr ankommen wird, sage ich doch: alles Roger: Wegen mir gerne – es ist dann: Alles easy gewesen/ Hinterm Zukunftstresen: Nothing but blue skies – from then on…(verklingt mit leisem Fingerschnippen, Schnalzlauten, fernem Hundegebell und schwachem Hall).

  5. Bersarin schreibt:

    Ich habe mit Walsers Friedenspreis-Rede durchgelesen: Der Skandal, den man dort seinerzeit hineinhermeneutisierte, kann ich so nicht lesen und sehen. Ein wenig war dies vielleicht dem rotgrünhysterischen Geist der Zeit geschuldet. Es ging Walser in dieser Rede, wie ich auch in meinem zweiten Teil zu Trawny schrieb, um genau das, was auch Broder zu recht kritisiert: Auschwitz als Kranzabwurfstelle. Erinnern als eine Art Ablaßhandel. „Meinungsdienst“ trifft es in diesem Sinne übrigens sehr gut. Zumal eben verordnetes Gedenken kein tatsächliches Gedenken oder Eingedenken ist oder in vielen Fällen zumindest nicht ist – ich will das allen keinesfalls absprechen –, sondern zumeist ein (notwendiges) symbolisches Ritual. Das freilich für die Politik ein wichtiges Medium der Repräsentation ist. Es gehört zu den Amtshandlungen wie der Große Zapfenstreich zur Vereidigung der Rekruten am 20 Juli.

    Ich zitiere hier mal aus Walsers Rede:

    „Kein ernstzunehmender Mensch leugnet Auschwitz; kein noch zurechnungsfähiger Mensch deutelt an der Grauenhaftigkeit von Auschwitz herum; wenn mir aber jeden Tag in den Medien diese Vergangenheit vorgehalten wird, merke ich, daß sich in mir etwas gegen diese Dauerpräsentation unserer Schande wehrt. Anstatt dankbar zu sein für die unaufhörliche Präsentation unserer Schande, fange ich an wegzuschauen. Wenn ich merke, daß sich in mir etwas dagegen wehrt, versuche ich, die Vorhaltung unserer Schande auf Motive hin abzuhören und bin fast froh, wenn ich glaube, entdecken zu können, daß öfter nicht mehr das Gedenken, das Nichtvergessendürfen das Motiv ist, sondern die Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen Zwecken. Immer guten Zwecken, ehrenwerten. Aber doch Instrumentalisierung. Jemand findet die Art, wie wir die Folgen der deutschen Teilung überwinden wollen, nicht gut und sagt, so ermöglichten wir ein neues Auschwitz. Schon die Teilung selbst, solange sie dauerte, wurde von maßgeblichen Intellektuellen gerechtfertigt mit dem Hinweis auf Auschwitz.“

    Problematisch halte ich in der Tat den Begriff der Schande, weil er so etwas wie Kollektivschuld suggeriert. Gerade kürzlich übrigens hat sich Walser in einem Interview (Zeit oder BLZ) zu dieser Rede noch einmal geäußert und auf jene Fehlinterpretation verwiesen.

    Richtig liegt Walser mit seiner impliziten Kritik an Günter Grass, der Auschwitz in Fragen der Deutschen Einheit grob instrumentalisierte. GEGEN diese Einheit sprachen damals eher andere Dinge als ausgerechnet Auschwitz. Aber wie es mit dem Sozialismus mit menschli-chem Antlitz so ist: Wenn ihn keiner will, ist er schwierig durchzusetzen. Am Ende hätten die Menschen mit den Füßen abgestimmt. (Anderes Thema aber.)

    Walsers Rede kann ich jedem nur anraten. Rhetorisch immer noch großartig und auch inhaltlich kann ich sie in vielem teilen. Was das Mahnmal anbelangt, sehe ich es anders.

    „Auschwitz eignet sich nicht, dafür Drohroutine zu werden, jederzeit einsetzbares Einschüchterungsmittel oder Moralkeule oder auch nur Pflichtübung. Was durch Ritualisierung zustande kommt, ist von der Qualität des Lippengebets. Aber in welchen Verdacht gerät man, wenn man sagt, die Deutschen seien jetzt ein ganz normales Volk, eine ganz gewöhnliche Gesellschaft?“

    Die Dialektik des Fragezeichens, die im letzten Satz steckt, gilt es zu denken. Und auszuhalten.

  6. Herwig Finkeldey schreibt:

    Zunächst: Broder hat Walser damals heftig kritisiert.

    Viele sahen und hörten in der Rede eine „Befreiung“. Von was? Vom Dauervorwurf, den die bösen Gutmenschen erhoben?
    Was auffällt ist die Aktualität der Diskussion: Walser nahm da schon einen Teil der sich vom Dauervorwurf befreien wollenden Neuen Rechten vorweg. Wie gesagt: Das Berufen der AfD auf Walser ist da kein Zufall. Aber hat es diesen eingebildeten Dauervorwurf wirklich gegeben. Oder liegt nicht doch etwas anderes vor? Das Wissen um die bösen Taten der eigenen Vorfahren als unträgliche, narzisstische Kränkung? Dann hätte der Betroffenheitskult, der „Anne Frank Rummel“ (Hannah Arendt), 68 UND die Höcke-Refde dieselbe Motivation: Die Vergangenheit los zu werden. Dafür spricht schon einiges. .

    Bedenklich ist es allerdings, wenn man Debatten über die Deutsche Vergangenheit nur als Vorwurfs- und Verteidigungsdiskurs versteht. Eigentlich ist dann ein Sprechen sinnlos. Genauso aber sehe ich Walser wie auch seine Gegner. Eine Zeigefingerdiskussion, mal weg mal hinzeigend. Die einzige gangbare Methode dagegen sehe ich im Hannah Arendtschen „Ich will verstehen“.
    Das kann dann aber auch sehr schmerzhaft sein, das ist dann Opa auf einmal doch ein Nazi (Google jeder „Opa war kein Nazi“ – über die deutsche Familienüberlieferung nach dem zweiten Weltkrieg).

  7. Bersarin schreibt:

    Ja, eine Befreiung: Das ist sehr gut – ein anderer Umgang eben als in den schweigsamen 50er Jahren. Leider hat diese Befreiung nicht gefruchtet und die Moralisierungen und Funktionalisierungen solcher Rituale, die zu Leerformeln geronnen sind, haben sich nicht zurückgebildet. Symbolisierungen eben. Aber vielleicht sind sie zugleich nötig. Nicht anders als der Große Zapfenstreich oder der Gedenk-Marsch für Rosa und Karl jeden schönen Januar in Berlin. Menschen benötigen solche Gedenktage. Wogegen sich Walser zu recht wendet, ist die Funktionalisierung und vor allem der Gewissenszwang: Gedenken zu MÜSSEN. Dieses Müssen führt jedoch meist zu nichts Guten. Man sieht es an den Schulen, wenn übereifrige Lehrer im Gestus der verordneten Betroffenheit den Schülern die NS-Zeit und Auschwitz „beibringen“. Sehr schön zeigt das der geniale Film „Finsterworld“, wie solche (inzwischen entleerten) KZ-Rituale ausarten können.

    Aber Befreiung und Gedenken hin oder her: Meiner Meinung nach ist alles Gedenken für die Tonne, wenn die Täter und Mittäter nicht bestraft bzw. zur Verantwortung gezogen werden, wo man nicht gut strafen kann. DAS wäre sehr viel wichtiger als alles Reden. (Wobei die Aufarbeitung in den Schulen in den 70ern schon eine wichtige Sache war: die Frage ist eben nur, wie man das auf eine gute Weise pädagogisch konzeptualisiert.)

    Weil sich die AfD auf Walser beruft, sagt das noch gar nichts aus, außer daß die AfD sich auf Walser beruft. Die Möglichkeit besteht, daß die AfD Martin Walser falsch verstanden hat. Oder sie hat ihn richtig verstanden, in der Weise, ich es oben schilderte und wie es das Zitat nahelegt. Dann hat die AfD recht. Who cares? Wenn die AfD sagt 2 x 2 = 4 hat sie übrigens auch recht.

    Ganz richtig liegt Walser mit diesem Begriff „Meinungsdienst“: wenn einfach nur noch die gute Gesinnung als Monstranz vor sich hergetragen wird und das Erinnern als leeres Ritual funktionalisiert wird. Eine entsetzlich pastorale Moral. (Worum um Himmels willen assoziiere ich bei Strauß Satz: „Ideenkitsch – weitläufiges Flachrelief aus Gedankenpolyester“ eigentlich immer und sofort und wie aus der Pistole geschossen Carolin Emcke?)

    Das Verhältnis zu Auschwitz muß jede Generation neu ausmachen. Deinen Kindern und meinem Neffen liegen diese Dinge derart fern wie uns die deutsche Einheit von 1871. Es sind diese Fragen für viele inzwischen Geschichte. Wir hatten noch Berührung durch unsere Großeltern, jedoch nicht mal mehr meine Eltern könnte man von den Geburtsjahrgängen (in den 40ern) noch irgendwie zur Täter- oder Mitwisser-Generation rechnen. Auch hier war die oral history schon ein Stück weit abgestorben.

  8. Bersarin schreibt:

    Und was Walser zudem von Höcke und von Teilen der AfD trennt: Walser will sich das Erinnern und die Formen des Gedenkens nicht vorschreiben lassen, während Höcke dieses Gedenken am liebsten zugunsten der Leistungen Deutscher Kultur ausscheiden würde. Auch hier also eine bloße Funktionalisierung von Kultur für eine narzißstische Pseudo-Identität. Kultur, das ist für Höcke Goethe und Blockflöte. Bißchen dünne. Zumal für einen Geschichtslehrer.

  9. Herwig Finkeldey schreibt:

    Ja, sie berufen sich auf viele, die Herren und Damen der AfD, auch auf Goethe. Lies dazu „Goethe und Hitler – ein Schulaufsatz“ von Kurt Tucholsky.
    Der Ton des Sprechens wurde übrigens nicht nur bei Walser kritisiert sondern auch bei Hannah Arendt. Vieles dieser Betroffenheitskritik ist uns heute fremd. Wer verstehen will, braucht erst einmal den kalten Blick – auch wenn der bei diesem Thema befremdlich wirken mag. Den kalten Blick hatte übrigens auch Claude Lanzmann.

  10. Bersarin schreibt:

    Ja, für diesen Blick plädiere auch ich.

  11. Dieter Kief schreibt:

    @ herwig Finkeldey u Bersarin

    Es wird keiner einen Satz bei Walser gegen Claude Lanzmann finden.
    Ich finde es auch schön, dass der angebliche Schlussstrich-Walser hier nicht vorkommt, obwohl dieser Pappkamerad ihn mit einiger Wahrscheinlichkeit den Nobelpreis gekostet hat.

    Jetzt ist die Sache aber andersherum: So wie früher (hehe) Auschwitz von Grass gegen die Wiedervereinigung ins Feld geführt wurde, wird Auschwitz heute gegen die Migrationskritik ins Feld geführt. S. o. Hedgehog-Ausatz über das Unbehagen in der Kultur und die sozusagen auf ewig gestellte Schuld des weissen (bzw. s. Walther Benjamin – des jüdischen Mannes als eines Mitglieds eines, nein d e s auserwählten Volkes unter den Völkern…) als lähmendes Moment, wenn es um den vernünftigen (!) Umgang mit dem Phänomen der Migration geht.

    Der Unsinn hat mit Schirrmachers Überalterungsmegaseller einen esten natioanlen Hystrie-Gipfel erklommen, soweit ich sehe, und fand eine seiner schönsten Blüten in der Titanic-Formulierung, jeder Auslänger mache das (nach wie vor nazistische) deutsche Volk besser. Das zumindest sagen sie in Ffm nicht mehr, und ich fürchte, sie tun das aus vor allem einen Grund, der schon auch ein wenig selbstsüchtig ist – nämlich dem Massaker an der Charlie Hébdo Redaktion. Aber gut, ich weiß es nicht. Erst mal Hat Hentschel sich deutlich von diesem Milieu abgewandt und ist Max Goldt verstummt, wie er selbst sagt (ich spekuliere, der edle Goldt leide auch unter den aktuellen linken Denkverboten und Sprechzewängen).

    Marginalie zu Walser – Bubis: Walser hat lediglich darauf hingewiesen, dass Bubis mit der Formel Auschwitz werde instrumentalisiert nicht gemeint war – sondern Wiedervereinigungsgegner wie Grass einer war, der explizit die Rechnung aufgemacht hatte: Auschwitz gebeut die Nicht-Vereinigung!
    Sehr seltsame Rechnung das, in jeder Hinsicht , übrigens – womöglich ein klassischer überkompensatorischer Akt Grassens im Sinne sozusagen einer gewissen, gefühlten (!) moralischen (!) „Organminderwertigkeit“ Alfred Adlerschen Angedenkens wg. SS-Mitgliedschaft. Es herrschte damals noch ein Heiden-Durcheinander in diesen Diskurs-Sphären.

    Die AfD ist eine Notwendigkeit weil und solange sie das Monopol auf zwei sehr wichtige Themen hat: Die objektiven Schwierigkeiten mit der Migration und die Fehler der EU: Partes pro toto: 1) Das defizitäre Grenzregime und 2) Auflösung des Subsidiariätsprinzips (= des Selbstversorgungsgebots (das wäre das viel bessere Wort – – – man sollte es wegen mir ab sofort (hehe) – – flächendeckend (!) verwenden anstatt des enorm unverständlichen (und mit Sicherheit millionenfach nicht verstandenen) Ausdrucks Subsidiarität)).
    Das sind zwei ganz dicke Brocken im nationalen Polit-Register, und die schlichte demokratische Dynamik verlangt, dass diese Dinge in den Parlamenten vorhanden (=repräsentiert) sind.

    Den Mob losrasen sehe ich gerade nicht. Gar nicht. Peter Schneiders Pegida-Reportage empfehle ich als Antidot für alle Furchtsamen.
    Un dann empfehle ich noch Peter Schneiders 68er Bilanz „Rebellion und Wahn“ – ein Land, das eine so fehlgeleitete junge intellektuelle Elite verdauen kann, das hält auch die Spinner in der Afd aus – wobei: Es gibt in der AfD haufenweise vollkommen klare (und mutige!) Leute: Ich würde da bei Alice Weidel anfangen und bei Frauke Petry und ihrem Berater Michael Klonovsky längst nicht aufhören. Praktisch der gesamte liberale Sachverstand der Hajek-Gesellschaft ist zur AfD übergewechselt (der gesamte rechtshegelianische und gleichwohl republikanische Wirtschaftsflügel – und der schließt Luhmann mit ein, weil vielen an sich biederen Marktwirtschaftlern schlecht wird bei der Art und Weise, wie man aktuell am Markt vorbei denkt und handelt (cf. Draghi, Italien, Griechenland, die Sonderrolle Finnlands, die Kritik Disselbloems und Sarrazins und Sinns und – – Rolf Peter Sieferles – in: „Das Migrationsproblem“ – gewichtige, schnelle, sehr erhellende Lektüre!).

    Tucholsky und Goethe ist ein weites Feld. Ich neige zu der Ansicht, Tucholsky hat Goethe weitgehend geschwänzt – wie auch Jean Paul, Hegel, Fichte, Kerner (eine besonders schmerzliche Lücke) und eine Reihe anderer: Buxtehude, Kerl, Rosenzweig, Stieglitz, Frege, Lou Andreas-Salomé, D’Annunzio, Doderer, Canetti. Ausserdem hat der überragende Tucholsky einen (!) Groß-Makel aus heutiger Sicht: Er hat die Chancen Weimars nicht verstanden. Mag sein, als er es dann tat, war es zu spät.
    Wenn ich einen Wunsch frei hätte, so wäre es ein Weimar-Buch von Safranski.

  12. Herwig Finkeldey schreibt:

    Nun, ob die AfD notwendig ist? Ich benötige sie nicht. Sie ist in ihrem Höckeflügel v.a. die neuste Variante der narzisstischen Kränkung, der neuste Versuch, die als unerträglich empfundene Vergangenheit zu entsorgen. Damit steht Höcke in einer illlustren Reihe zusammen mit dem Betroffenheitskult, dem gespenstischen Philosemitismus der 90 er Jahre (wer erinnert sich noch?), 68.
    Der intelligentere Teil dieser Partei wie Pretzell hat das längst erkannt und auch schon öffentlich gesagt. Aber diese innerparteilichen Diskussionen sind nicht mein Bier.

    Zu Walser noch soviel: Er hat nicht nur die Rede 1998 geschrieben, sondern auch etwas später „Tod eines Kritikers“. Nun ja. Das „fliehende Pferd“ und „Brandung“ bleiben davon ja unberührt. Die Rede war ein wenig der Büchsenöffner und vor allem die „Dauerpräsentation unserer Schande“ finde ich schwer begründbar. Brodelt damals: was hindere ihn von Guido Knopp auf Gildo Horn umzuschalten. „Jene Jahre“ waren auch unter größter medialer Anstrengung nie Mainstream. Die „Holocaust“-Reihe wurede 1979/80 in den dritten Programmen ausgestrahlt. Die Mediendaten kenne ich nicht aber an Länderspiele oder „Wettendass“ werden sie annähernd nicht herangereicht haben. Das muss man ganz nüchtern sehen.

  13. Herwig Finkeldey schreibt:

    Broder brodelt zwar manchmal, aber das war mein sch… iPad 😉

  14. Hat jemand von euch dieses Buch gelesen: https://de.wikipedia.org/wiki/Norman_Finkelstein#.E2.80.9EDie_Holocaust-Industrie.E2.80.9C ?

    Ich selber wollte es immer lesen, habe es aber bisher nicht getan. Passt glaube ich in diese Diskussion.

  15. Bersarin schreibt:

    @ El_Mocho: Nein, und ich denke, es lohnt auch nicht, außer man möchte den Finkelstein-Unsinn als Soziologe oder Historiker widerlegen. Altes Prinzip, das Finkelstein anwendet: Den Einzelfall generalisieren. Dieses Buch paßt insofern nicht in die Diskussion, weil wir mit Finkelstein beim Geschichtsrevisionismus der Rechtsradikalen angekommen sind. Um diesen ging es (nimmt man Höcke in der Debatte hier mal aus) aber nicht. Weder Walser noch Grass noch Broder sind – bei allen Unterschieden – in irgendeiner Weise rechtsextrem oder revisionistisch.

    @ Dieter Kief: Da gebe ich Ihnen weitgehend recht. (Bis auf die Pegida-Sache, die ich problematisch sehe, aber zugleich auch nicht überdramatisieren will. Eine Welle, die bereits wieder abschwappt. Lokale Erregungsszenarien eben. Die sich freilich schnell wieder mobilisieren lassen bei entsprechenden Ereignissen. Interessant vor allem Ihr Hinweis auf die „Titanic“. Ich habe sie allerdings nur in den gesamten 80ern zu ihren Hochzeiten gelesen – also von Gründung bis ca. 1990.)

    @ Herwig: „Tod eines Kritikers“ ist eine persönliche und – in großen Teilen mißlungene – literarische Abrechnung mit jenem Kritiker. Tagebuch einer Kränkung, in der Tat. Die Stilisierung von MRR – tja, die kann man als antisemitisches Klischee lesen. Ebenso aber als eine zutreffende Beschreibung dieser Figur, da er nun einmal so aussieht, wie er aussieht und so spricht, wie er spricht. Aber inzwischen ist viel Wasser den Main hinuntergeflossen und der aufgeblasene Skandal erwies sich als um einige Nummern kleiner als es ursprünglich den Anschein hatte. Auch Walser hat sich in dieser Sache zurückgenommen und Fehler eingeräumt.

    Die „Dauerpräsentation unserer Schande“ lese ich in genau diesem Sinne einer Instrumentalisierung der Shoah (wie von Grass und anderen.) Was Walser zu meinen scheint, ist dieser Effekt der Abstumpfung. Er hat das sehr provokant formuliert. Den inszenierten Skandal lese ich da nicht heraus. Es ist ähnlich wie beim Bundestagspräsidenten Philipp Jenninger in seiner Rede zum 50. Jahrestag der Progromnacht. Unglückliche Formulierungen, in der Sache aber richtig. Denn es gab ja genau dieses Faszinosum am Nationalsozialismus bei sehr vielen Deutschen.

  16. Dieter Kief schreibt:

    @ Herwig Finkeldey u. El_Mocho (@ bersarin – Ihrs lese ich jetzt, da ich meins grad einstelle – sehe aber viel Übereinstimmung)

    1)

    „Dauerpräsentation unser Schande“ war – falsch, insbesondere Habermas lag (s. o. DK 5. 4. u 4.4.) richtig in diesem Punkt, in dem auch Augstein Senior und viele andere säumten. Falsch daran war, wie jetzt mehrfach gesagt, Auschwitz via „Schande“ als an sich privates Versagen einzusortieren.

    Ebenfalls falsch an Walsers Dauerpräsentations-Gedanken war die pauschale Verurteilung von Auschwitz-Darstellungen in den Massenmedien, die implizit mitlief. Richtig war, was Finkelstein und viele andere irgendwann bemerkten: Dass das Auschwitz-Gedenken natürlich auch einen kulturindustriellen Aspekt hat, der das Gedenken in seinem Kern bedroht.

    Dass Ulrike Meinhof aber die deutschen Massen zu agitieren trachtete, indem sie Auschwitz nicht als Tat der Massen, sondern die der Eliten im Bewusstsein der Massen zu verankern versuchte, steht wie so vieles andere auf dem 68er Blatt – nicht auf Walsers und Augsteins Blatt. – Und dann mal nachschauen, wie das linke Meinhof-Gedenken mit u. a. dieser ihrem Kopf entsprungenen Monstrosität umging – das fällt für mich freilich alles unter die Enzensbergersche „Fehlerlinguistik“ – das darf man nur mit ganz spitzen Fingern anfassen, sonst erörtert man in hundert Jahren noch – – und hat unter dem Strich nichts in der Hand als eine ziemlich banale Einsicht: Es gibt überall intellektuellles Versagen und Irrereden: Links wie in der Mitte wie rechts.

    Das Gegenteil vom Irrereden ist aber das Wunder – und das fruchtbringende Gebiet. Und es ist ein fundamentaler Irrtum – durch die Therie des Kommukativen Handelns jedenfalls nicht zu rechtfertigender Irrtum, das fruchtbringende Gebiet prinzipiell einer (= der eigenen…) Seite des politischen Spektrums vorzubehalten.

    Auch das Recht auf historischen Irrtum soll man aus grundsätzliche Erwägungen heraus nicht monopolisieren.

    Allüberall gilt nämlich der zwanglose Zwang der Redlichkeit! – Die Früchte richtiger Unterscheidungen soll man deshalb nicht nur Habermas zubilligen, die soll man auch Höcke und vielen anderen zubilligen. Denn das ist die im Prinzip unverhandelbare Natur moralischer Erörterungen unter aufgeklärten Voraussetzungen: Sie gelten für alle.

    Ich empfahl an dieser Stelle oben Wilfred M. McClay im Hedgehog über Nietzsche und Freud und Schuld – The Strange Persistence of Guilt – steht immer noch online

    http://www.iasc-culture.org/THR/THR_article_2017_Spring_McClay.php

    Der Aufsatz ist schon sehr gut!

    Man sollte mit der Lektüre von McClay im Rücken verstehen, dass Habermas‘ Walser-Kritik ohne Teil-Reha Höckes nicht zu haben ist.
    Und man sollte sehen, das Petry-Berater Klonovsky Höcke schrecklich findet – und man sollte nicht in einen schrecklicher-finden Wettbewerb mit Klonovsky wegen Höcke eintreten. Außerdem, nicht vergessen, Höcke hat bereut.

    Wie gesagt, das geht alles noch immer munter Holter die Polter.

    Es war überdies absolut infam, was man im Mainstream, also in der Tat auf Massenbasis, sowohl mit Akif Pirinci als auch mit Frauke Petry gemacht hat: Im einen Fall, indem man insinuierte, Pirincci wolle alle Massenmigrationsgegner in ein KZ stecken, und daraus das Recht, ja sogar die bürgerliche Pflicht ableitete, den Schriftsteller Pirincci aus dem Buchhandel auszuschliessen. Im anderen Fall, indem man Petrys schlichte Rechtsauskunft in Sachen Grenzschutz skandalisierte, und sagte, sie wolle sozusagen Kinderblut sehen. Und das obendrein, indem man etwas veröffentlichte, was Petry ausdrücklich n i c h t öffentlich machen wollte. Man entzog ihr in diesem Moment seitens des Mannheimer Morgen das Recht über ihre Gedanken – übrigens aus Kants Sicht ein Kennzeichen moralischer Irrungen… Interessierte aber keinen: Nachdem es nun mal öffentlich war, gab es in den Großmedien keine Kritik am Mannheimer Morgen, sondern an Frauke Petry- wie gesagt im Grunde dafür, das sie völlig zutreffend das Polizei- und Grenzschutzgesetz zitierte. Im übrigen reklamierte man ihr gegenüber so etwas wie einen übergesetzlichen Notstand. Das war sehr falsch, und ehrverletzend und – hat der AfD in Ba-Wü zu einem Traumergebnis verholfen, weil die wählenden Massen den faulen Braten doch tatsächlich rochen. Ausserdem kostete die Sache höchstwahrscheinlich der SPD, nicht zufällig in Mannheim (!), ihr letztes Direkmandat in Ba-Wü.

    2)

    Man könnte sich das alles weitgehend schenken, wenn es nicht im aktuellen Diskurs jeweilen – – – – d i r e k t verknüpft würde mit der Erörterung von Fragen der Migration und den Schieflagen der EU und dem Grenzregime überhaupt. Sieferles „Das Migrationsproblem“ beackert dieses Terrain mit Hingabe.

    Ich sage nicht, es solle keiner pro EU-Schuldenübernahme, pro offene Grenzen, pro Schengen, pro Migration ohne Grenzen usw. reden – ich sage aber: Dass man immer wieder wg. Holocaust ein Tabu errichtet über den Gegenargumenten – das ist vollkommen falsch – – und insofern haben auch (!) die Pegida-Demonstranten einfach recht.

    Insgesamt möchte ich so schließen: Auf einem Fuß stehend, sei es der linke oder der rechte, funktionieren Diskurse über öffentliche Angelegenheiten nicht, so funktionieren – von mir aus öffentliche Gefühlsgemeinschaften – von mir aus die der guten Deutschen.

    Ich halte die guten Deutschen in diesem Punkt aber für schlecht, weil sie Diskursverweigerer sind, weil sie andauernd Sachfragen moralisieren, weil sie sich in falschen Gewissheiten wiegen: Im großen ganzen also aus den gleichen Gründen, die ich auch gegen Pegida und manche AfDler (z. B. Höcke) in Anschlag bringe…

    Der rationale öffentliche Diskurs ist für eine Demokratie das Lebenselexier, beim Himmel – vorwärts und nicht vergessen!

    3)

    Und Zustimmung, Herwig Finkeldey, zu Ihrem Walser-Lob. Auch deswegen: Romane bilden eine Ressource für den schönen und richtigen öffentlichen Gebrauch der Rede. In unseren Tagen auch die Martin Walsers (Ein springender Brunnen (!!), Muttersohn (!!), Ohne einander (!) – auch Brandung (!!) und Das fliehende Pferd, ich stimme zu, sowie die Aufsätze zur Literatur (!) und die politischen Essays (!)).
    Oh – und gesteh‘ ichs nur ein: Mir hat auch Tod eines Kritkers als Roman gut gefallen. Cum grano salis stimme ich Bersarins Hinweisen dazu zu. Insgesamt gebe ich aber Henscheid recht: MRR hätte von Walser weniger wichtig genommen werden können. Wie auch Schirrmacher.
    Walsers Schirrmacher-Nachruf dann wieder – nobel.

    So – und nun gilts in der Pfalz den Frühling zu bestaunen – lindgrüne Buchenwälder, bitte haltet noch ein wenig ohne mich durch – wir sind gleich da!

    Und auch hier bitte weitermachen – das ist doch alles in allem genommen wirklich
    vorzeigbar, wie ich finde! Und jedenfalls sehr anregend. Grazie an alle – nicht zuletzt an Bersarin!

  17. Herwig Finkeldey schreibt:

    Viel ist nicht mehr zu sagen. Die nun schon berüchtigte „Dauerpräsentation“ gab es aber m.E., so wie Walser sie damals und Höcke sie heute bahauptet, nicht. Diese Behauptung scheint mir doch deutlich Ausdruck einer narzisstischen Kränkung zu sein. Denn unerträglich ist es, mit sich und seinen Vorfahren, seiner Herkunft nicht im Frieden leben zu können.
    Für mich kann es nur eine Antwort geben: Anzuerkennen, dass wir „after the fall“ leben. So ist es nun einmal. Ist das Anerkennen des deutschen Sündenfalls so schwer?

  18. Bersarin schreibt:

    1998 gab es intensive Debatten um das Holocaust-Mahnmal. Ebenso kippte die Metapher Auschwitz immer wieder in die Diskussionen hinein, beim Schmierlappen J. Fischer angefangen: Mit der Bombardierung Serbiens wird ein neues Auschwitz verhindert. Eigentlich kaum eine Diskussion, wo Auschwitz nicht präsent ist. Jenninger, Grass, die deutsche Teilung. Das neue Drittes Reich, jeder Angriff auf ein Asylheim wurde mit 1933 gleichgesetzt.Nach 1999 dann der sogenannten „Aufstand der Anständigen“ gegen Rechts in dessen Schatten dann eines der größten Projekte des Neoliberalismus von rot/grün durchgezogen wurde, nämlich die Hartz IV-Schikanen. Um genau solche moralischen Perfidien ging es Walser (die sich dann ja – siehe Aufstand der Anständigen – bewahrheiteten). Und bis heute in Diskussionen: Du hast nicht bis drei gezählt, da kommt irgendein Hitlervergleich ins Spiel oder irgendwer will irgendwenn ins KZ schicken oder irgendwer ist der neue Jude.

    Angemessen wäre es in der Tat, wenn die Shoah tatsächlich wieder in sinnvolle Reflexion, ins Nachdenken und Andenken überführt werden würde, anstatt bei jedem Höcke und bei jeder Petry ein neues 33 zu wittern. Zumal sich die geschichtliche Tragödie sowieso nicht wiederholt. Oder wenn schon, nach dem Satz Hegels, dann als Komödie. Aber so witzig sind dann AfD, Kubitschek und Elsässer auch wieder nicht.

  19. Herwig Finkeldey schreibt:

    Der aktuelleste Versuch der Instrumentalisierung kommt von… wer weiß es?
    Richtig! Von der AfD. Über das Vehikel antisemitischer Gruselmusel will man sich philosemitisch aufpolieren.

  20. Bersarin schreibt:

    Das ist richtig. Ändert allerdings nichts am Antisemitismus vieler hier lebender Araber und Türken. (Stichwort Friedenauer Schule, Stichwort Al Quds-Demos in Berlin, Stichwort Gaza-Demos hier in Berlin.) Der Philosemitismus der AfD ist allerdings und in der Tat widerlich.

  21. Dieter Kief schreibt:

    Huch, in Sachen Massenmigration nach Schweden hat der sozialdemokratische Premierminister gestern umgedacht:

    http://www.dailymail.co.uk/news/article-4396224/Sweden-never-mass-immigration-PM-says.html

    Die Schnellsten sind sie ja nicht, die Schweden, noch nie gewesen (ok, Björn Waldegaard & Ronnie Peterson), ok, aber eine gewisse Dickschädeligkeit gibt es immer noch. Mal sehen wie diese Sache weitergeht – und was das für Folgen hat für Merkels EU-Perspektive in Sachen Migration.

    Die Lastwagen-Mißbräuche sind übrigens eines der Felder, auf das die Titanic mit einem schon verzweifelt schlechten Titelbild reagierte. Es ist ihnen das Lachen vergangen.

    Heute SWR 2 Diskussion über die offizielle Wahlkampferöffnung in Frankreich (SWR 2 – Forum – podcast im Netz) – und in der Anmoderation ist nicht mit einer Silbe von der Migration die Rede. Auch in der Sendung kaum. Dafür von solchen Dauerbrennern der politischen Analyse wie dem, ob in Frankreich wieder eine Revolution anstehe – als ernsthafte Frage in die Runde. Die geistige Top-Aktualität unserer halbprofessoralen bundesdeutschen scheinidyllischen Öffentlichkeit.

    Da bleibt einem angesichts der Tasache, dass praktisch a l l e in Frage kommenden französischen PräsidentschaftskandidatInnen das EU-Regime der gerechten Flüchtlingsverteilung für Frankreich – a b l e h n e n – allerdings haufenweise Anlass für Grübeleien. Wie lange ist dieser Satz von der anteilsmässigen gerechten „Flüchtlingspoltik“ aus sozusagen allein Luxemburger und Bundesdeutscher Sicht noch für die ganze EU aufrechtzuerhalten?

    Schweden kontrolliert übrigens auch wieder seine Staatsgrenzen. Gerade mit Blick auf die Migranten.

  22. Bersarin schreibt:

    Schweden, Schweden. Haha, ja das ging mir vorgestern, also am Sonntag, ebenso, als ich die Tageschau sah: Und huch dachte ich mir, wie war das noch gleich mit denen, die über Trumps Sätze zu Schweden sich wie Bolle amüsierten. Und plötzlich höre ich live in der Tagesschau: Die Polizei in Schweden kommt – anscheinend seit langem – mit der Ausweisung abgelehnter Asylbewerber nicht mehr hinterher und hat überhaupt Probleme mit deren Kontrolle, und es gab in Schweden bereits 2010 einen Anschlagversuch von ähnlichem Kaliber, lese ich in der BLZ, nur sei da nichts Schlimmes passiert. Soso. Und dann höre ich von dem in Leipzig festgenommenen Asylbewerber und lese von den Anschlägen auf koptische Christen in Ägypten und von nicht-muslimischen bzw. atheistischen oder christlichen Flüchtlingen in den Unterkünften hier in der BRD, die dort so schnell es geht heraus wollen, weil sie drangsaliert werden. Aber das hat natürlich alles NICHTS mit dem Islam zu tun.

    Die Kontrolle der Staatsgrenzen, gerade bei Ländern wie der BRD, die von allen Seiten offen sind, ist unerläßlich. Was für eine absurde Vorstellung auch, in diesen Zeiten die Kontrollen nicht wieder einzuführen. Aber das kostet freilich Geld. Das der Staat für andere Projekte ausgibt.

  23. Dieter Kief schreibt:

    Jou – aber es interessierte gestern und heute offenbar keinen, außer hier im stillen Eck, was die Schweden machen: Kommt nix in der FAZ, nix im Südkurier, kein Echo im Perlentaucher, nix auf Spon.
    Dafür eine Studie im Südkurier, wo Schweden erwähnt wird – und der Kontext ist schon erstaunlich: Das „Zentrum für Entwicklung und Migrationspolitik“ in Wien, vertreten durch Yan Matusevich, tut kund und zu wissen: Die Muslime weltweit suchen Arbeit! Er zitiert den Forscherkollegen Noah Tucker, der für die George-Washington-Universität (Achtung!) „die Entwicklung des Islam in Usbekistan und Turkmenistan“ untersucht hat. Demnach ist die Sache eindeutig: „Es gibt keinen zwingenden Zusammenhang, dass die wachsende Religiosität in Zentralasien zu Radikalisierung führt.“

    Zwar wird eingeräumt, dass laut einer anderen Studie des „Zentrums für Strategische Studien der US amerikanischen nationalen Verteidigungsuniversität“ sich 4000 Kämpfer aus Zentralasien dem IS angeschlossen haben. Demnach wären 17% der IS Kämpfer weltweit aus Kasachstan, Kirgisien, Turkmenistan, Usbekistan usw. (Tadschikistan). Bon –

    – aber das ist kein Grund zur Sorge! – Mit explizitem Blick auf die Attentate in Sankt Petersburg und Stockholm zieht der Wiener IS-Forscher Matusevich, der diese Fäden alle in der Hand und zusammenhält folgendes friedliebende Fazit: Im Grunde sind alle Islamgläubigen ungefährlich – sie wollen nur arbeiten! – Kein Witz, sondern Wiener Erkenntnisrealität laut Forschungsstand 2017. Fazit Matusevich:

    „Vieles weist darauf hin, dass die Frustration über die Unterdrückung durch Arbeitgeber, der tägliche Rassismus und die Angst vor Polizeigewalt zu Islamismus führen.“

    Wir müssen uns alle nicht fürchten, vor gar nichts, eigentlich – außer vor unserer groben Polizei und unseren unsensiblen Arbeitgebern.

    Es ist (fast) alles gut auf der Welt!

  24. Bersarin schreibt:

    „Mutmaßlicher IS-Kommandeur in Niederbayern festgenommen. Zugriff in Bayern: Die Polizei hat offenbar einen ranghohen Kämpfer der islamistischen Al-Nusra-Front gefasst. Er soll ab 2015 auch für den IS Anschläge in Europa vorbereitet haben.“

    Sind das die Fachkräfte, die Merkel versprochen hat? Und wie war das noch, was die Bundesregierung der Bevölkerung einzureden versuchte: Terroristen kämen nicht als Flüchtlinge? Na dann …

    http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/is-kommandeur-in-niederbayern-festgenommen-14969213.html

  25. ziggev schreibt:

    ach, wisst ihr, ich bin immer für Entspannung. Also Relaxation. Lass und also einfach mal entspannen, und lass uns einfach mal fragen, wann und wie es zum Untergang des klassischen Athens, das für uns, wie so häufig ausgesprochen, fürs „Abendland“, „die Demokratie“ steht, kam. Was also besiegelte den Untergang des klassischen Griechenlands? Kann man ja, brillant formuliert, bei Thukydides nachlesen: as a matter of fact. es ist eine demokratische Entscheidung gewesen ! — Fürs Heute: Alle ca. 2300 Jahre also schafft sich das schwache (demokratische), abendländische System selber ab. Passiert halt so. Ich sehe mithin wirklich keinen Grund zur Aufregung, sollten wirklich ein paar Araber zu uns sich flüchten. Schließlich gründet der abendländische Selbststolz auf einer Kultur, die sich vor ca. 2300 Jahren selbst abgeschafft hat. Nur logisch, hier nicht allzugroße Befürchtungen zu pflegen. Noch Jahrhunderte lang hielt man sich in Rom gebildete Sklaven aus Griechenland (z.B. für die Verwaltung) , führte dieselben Debatten, z.B. über die Kyniker, weiter. Die abendländische Grunderfahrung. Kulturelle Errungenschaften werden immer wieder reassimiliert. Rom zerstörte Karthargo; es wird aber nie darauf verzichtet haben, dessen know-how dem Vergessen nicht anheim zu geben. Die geradezu aristotelisch-empiristische Kultur der Wissensakkumualtion der Araber führte nicht nur insonders zur Frührenaissance, sondern auch zur nordwestlichen Spätrenaissance, die den Frühkapitalismus hervorbrachte.

    Wir ziehen die Bilanz:

    Für gebildete Europäer sollte der Zuzug von ein paar Arabern keine Bedrohung darstellen. Umgekehrt würde ein solches Empfinden den Mangel an Bildung derselben beweisen.

  26. che2001 schreibt:

    @“dem gespenstischen Philosemitismus der 90 er Jahre (wer erinnert sich noch?“ —– Daran erinnere ich mich tatsächlich nicht. In dieser Zeit war die Linke die ich kannte noch straff antizionistisch, Israel wurde neben den gerade noch existierenden letzten lateinamerikanischen Diktaturen als gegebener Feind aller linksdemanzipatorischen Kräfte und als rassistischer Apartheitsstaat angesehen. Für Israel zu sein galt als politisch unkorrekt. Kam der Philosemitismus nicht erst mit dem Aufleben des Antideutschtums nach 11.09. 2001?

  27. che2001 schreibt:

    Was in den 90ern gespenstisch war die Vergewaltiger-und-Kinderschänder-überall-unter-uns-Stimmung inklusive ihrem hohen Denunziationspotenzial.

  28. Bersarin schreibt:

    Deine letztere Beobachtung, che, deckt sich leider auch mit meiner Erinnerung: als die Zeit der Moralinsäuren begann. Den Philosemitismus als Haupttendenz sehe ich ebensowenig – sieht man mal von den Antideutschen ab.

  29. Bersarin schreibt:

    @ ziggev: Ein Vergleich mit den antiken Griechen kann einem allerdings leicht auf die eigenen Füße fallen. Stichwort Sparta und die Fremden. Und auch Athen ging wenig zimperlich mit seinen Sklaven um. Aber ach was, ich höre mit jetzt Mozarts schöne Oper „Die Entführung aus dem Serail“ an. Als der ferne Orient noch bunt war.

  30. ziggev schreibt:

    es ist mehrfach belegt, dass selbst antike Historiker den Begriff des Barbaren (=heute des Fremden) identifizierten mit dem des Fremdsprachlichen. Wie wir bei Will nachlesen konnten, auf den ich verwies, wurde der Begriff des Barbaios von Herodot bis Thukydides synonym für „fremdsprachlich“ verwendest, wobei, bitte nicht vergessen, Herodot selbst aus einem solchen – fremdsprachlichen – Bezirk stammte.

    Wir finden, wenn wir nur genau hinlesen, bei Herodot und umsomehr bei Thukydides, den Begriff des Barbaren rein technisch verwendet, as a matter of fact. Stichwort Sparta und die „Fremden“ lässt sich schlicht und einfach historisch nicht ausweisen. Wir haben es mit einer Fiktion des bersarin zu tun.

  31. che2001 schreibt:

    @“Aber das hat natürlich alles NICHTS mit dem Islam zu tun.“ —- Das hat insofern mit dem Islam zu tun wie „Schlagt alle Schwulen tot“ bei fundamentalistischen Evangelikalen mit dem Christentum zu tun hat. D.h., es hat damit etwas zu tun, wie Kräfte in der arabischen und persischen Welt, teilweise auch in Südostasien und deren Apologeten hier den Islam zu leben meinen, nicht mit der Religion an sich.

    @ziggev, der Begriff des Barbaren wurde zu verschiedenen Zeiten in der Antike ganz unterschiedlich verwendet. Fremde waren in der griechischen Polis schon Leute, die nicht zur Polis gehörten, also in Athen bereits Thebaner und Spartaner, während die Römer den Begriff Barbaren nicht nur sprachlich, sondern auch wertend im Sinne von weniger weit entwickelt gebrauchten, worauf der westliche Zivilisationsbegriff teilweise basiert und das Recht Leute zu versklaven abgeleitet wurde. Konsequenterweise galten unter Nero die Parther nicht als Barbaren, weil „Kulturvolk“ und Großmacht.

  32. ziggev schreibt:

    @che kein Widerspruch bzw. kurz, um es nachzulesen, W. Will, 2015, meine Quelle, der Link (bei mir eingescannt):

    https://wortanfall.wordpress.com/ziggscann-pics/

    nur kurz ´runterscrollen, nach dem Verweis zu Summa, und Du bist da.

  33. Bersarin schreibt:

    Und dann, ziggev, huben die Spartaner an zu singen: „We are the world“ und alle lagen sich in den Armen und es herrschte in Sparta eine multikulturelle Idylle. Ich habe übrigens das Buch von Will ebenfalls gelesen und Du interpretierst dort Dinge hinein, die da nicht stehen. Es ist wenig hilfreich, zigggev, sich Bücher paßgerecht zur eigenen Ideologie zu meißeln. Der Begriff des Barbaren bedeutet nicht, daß da Unholde auftauchen, sondern es sind die Anderssprechenden und die mit den anderen Göttern. Und natürlich unterschieden die Spartaner zwischen Fremden und den eigenen Leuten, und sie unterschieden auch zwischen Persern und Athenern und den eignen Leuten und machten da dann graduelle Differenzen aus. Während die zu den Persern schon etwas stärker ausfielen. Und keinem Perser wäre es übrigens möglich gewesen, sich mal eben so als Flüchtling in Sparta anzusiedeln. Aber wenn Du meinst, ziggev, daß Sparta das Vorbild für die Willkommenskultur ist, dann will ich Dich in Deiner Meinung nicht stören.

  34. Bersarin schreibt:

    Ja che, sehr richtig und es ist zugleich falsch. Denn wir haben es auf der Welt momentan wenig mit ausgeprägtem Terrorismus von Fundamentalchristen zu tun und mehr mit dem Terrorismus von Leuten, die im Namen des Islam operieren. (Davon ab, daß die meisten Opfer des Islamismus immer noch Moslems sind.)

    Grundlage ist eine bestimmte Lesart des Korans. Nicht anders als in den USA. Die Politik bestimmter Kreise hat sehr wohl etwas mit der christlichen Religion und der evangelikalen Lesart des Christentums zu schaffen. Freilich darf man, da hast Du recht, diese Texte nicht als unver

    Was den Islam betrifft, so ist der keine ontologische Konstante, sondern es handelt sich um eine Lehre und beim Koran um eine Schrift, die immer auch politisch gelesen wird. Nicht anders als die Bibel. Nur haben westliche Gesellschaften sich entwickelt, sich funktional ausdifferenziert und zunehmend etablierte sich die Trennung zwischen Religion und Politik – die ja auch noch nicht so alt ist. Zudem gibt es auch innerhalb des Islam verschiedene Strömungen und Auslegungen des Korans, von den gemäßigten Sufis und den Aleviten bis hin zum strengen Wahhabismus. Allerdings gibt es zugleich auch eine herrschende Tendenz. Und die geht in die konservative Richtung.

    Das, was Constantin Schreiber aus deutschen Moscheen berichtet und was Zana Ramadani beschreibt oder auch der großartige, witzige und mutige Hamed Abdel-Samad, hat allerdings sehr viel mit einer bestimmten Form des Islams zu tun. (Nicht mit <dem Islam, den gibt es nicht, aber sehr wohl mit einer gegenwärtig herrschenden Tendenz.) Deshalb mein Plädoyer für einen aufgeklärten Euro-Islam und eine grundsätzliche Reform – was freilich die intellektuellen Muslime und Religionsgelehrte wie Bassam Tibi und andere bewerkstelligen können. Der Staat kann nur Rahmenbedingungen schaffen: Keine Prediger in Moscheen, die in anderen Staaten als der BRD ausgebildet wurden und die hier mindestens 10 Jahre leben. Es muß sich eine liberale Auslegung des Korans und eine Art Klerus etablieren. Das wird allerdings Zeit brauchen.

  35. Herwig Finkeldey schreibt:

    @ che: Gemeint sind die Konservativen der 90er Jahre, die wohlfeil den Antizionismus der Linken kritisierten und sich als „Vergangenheitsbewältiger unter dem philosemitischen Stern“ anempfahlen, je lauter, desto peinlicher.

    Den Morast der deutschen Vergangenheit nebst den Untiefen ihrer „Bewältigung“ habe ich Hier:
    https://summacumlaudeblog.wordpress.com/2017/04/17/martin-walser-eine-spaete-lobrede/
    noch einmal um eine Facette erweitert. Mit einem verspäteten Teillob Martin Walsers.

  36. Aber es ist doch schon bemerkenswert; wenn es nach dem Opus Dei oder irgendwelchen evangelikalen Fundamentalisten ginge, wäre Abtreibung zu 100% verboten (wie aktuell etwa in Nicaragua oder El Salvador), ebenso Sterbehilfe oder rechtliche Gleichstellung homosexueller Partnerschaften. Das ist aber aktuell in Europa nicht der Fall,anders als im Iran oder Saudi-Arabien. Woher kommt das?

  37. Bersarin schreibt:

    Also, ziggev: In meinem Wohnzimmer ist kein Platz für Menschen mit Problemen bzw. für solche, die in meinem Blog ihren privaten Probleme mit ihrer Psyche oder anderen Dingen abladen. Ich bitte darum, hier sachgerecht zu diskutieren. Kommentare unter jeglichem Debattenniveau fliegen grundsätzlich heraus.

  38. Bersarin schreibt:

    Deine Frage, El_Mocho, ist berechtigt, man muß sich die politische und gesellschaftliche Entwicklung betrachten. zumal es im Iran und auch im Irak einstmals eine säkulare Gesellschaft gab.

    @ Herwig: Ja, ein interessanter Beitrag zur Walser-Debatte, wobei ich MRRs Kritik nicht ganz nachvollziehen kann. Denn natürlich kann man Namen nennen und es gibt durchaus und gerade heutzutage diesen Meinungsterrorismus, wenn auch nicht von vielen, gut vertreten allerdings im Milieu der Grünen und einer bestimmten kulturalistischen Linken im universitären Milieu: Kritik am Islam und seinen Tendenzen, Kritik an Merkels entsetzlicher Flüchtlingespolitik wird sofort als AdF-kompatibel gelabelt, Kritik an hier lebenden Türken als Rassismus usw. Buschkowsky, Sloterdijk, Safranski werden als Rechtextremisten bezeichnet.

  39. Bersarin schreibt:

    Was den politischen Islam und in diesem Falle speziell Tschetschenien und die Muslime betrifft (sicherlich nicht alle), sind diese Zeilen aus dem Blog „Tapfer im Nirgendwo“ interessant:

    „Es ist jedoch ein Fakt, dass in allen Ländern, in denen Homosexualität mit dem Tod bestraft wird, der Islam herrscht. Alle Umfragen weltweit bestätigen es: Die deutliche Mehrheit aller Muslime findet, dass Homosexualität verboten sein muss. Sogar in aufgeklärten Ländern wie Großbritannien erklären 52% aller Muslime, dass Homosexualität verboten werden soll. Die Verfolgung von Homoexuellen durch muslimische Führer kann somit nicht kritisiert werden, ohne dabei die „religiösen Gefühle“ derer zu verletzen, die im Namen des Islams gegen Schwule zu Felde ziehen. Wer die Religion aus der Gleichung herausnehmen möchte, wird das Problem niemals lösen.“

    Soviel dann auch noch zu den in die BRD strömenden Flüchtlingen aus islamischen Ländern. Das spricht nicht gegen Asyl, denn das Asylrecht ist im Grundgesetz verankert (wenngleich auch immer wieder modifiziert.) Es spricht aber sehr dafür, sich überhaupt mal genauer anzusehen, wenn man so aufnimmt, der nicht unters Asylrecht fällt und in bezug auf Einwanderung und Flucht nicht auf eine Kuschelidylle zu machen und so zu tun, als wäre das alles mühelos zu schaffen. Nein, das ist es nicht!

    https://tapferimnirgendwo.com/2017/04/13/liebe-welt-das-muss-man-erst-mal-schaffen/

  40. che2001 schreibt:

    @ Bassam Tibi ? Den hatte ich als Professor, der hat mit Religion nichts am Hut. Ich habe den als einen sehr kompetenten Vermittler des Wissens über orientalische Kultur und zugleich als ressentimentgeladenen Linken- und Muslimhasser kennengelernt, der mit dem gesamten Lehrkörper seiner Fakultät in Dauerfehde lebte und seine Kollegen in jeder Vorlesung durchbeleidigte.

  41. Bersarin schreibt:

    Na ja, Bassam Tibi schrieb für die Zeitschrift „Religion, Staat, Gesellschaft“, bin nicht sicher, ob er dort nicht sogar Mitherausgeber war. Zudem 1996 sein Buch „Der wahre Imam. Der Islam von Mohammed bis zur Gegenwart.“ Tibi trat also immer auch als Politologe auf, der sich für die Fragen der Religion interessierte und darüber nachdachte. Und bis in die Gegenwart setzte er sich kritisch mit dem Islam auseinander.

    Inzwischen bezweifelt Tibi die Möglichkeiten eines Euro-Islams und sieht diese Religion deutlich skeptischer als früher:

    http://cicero.de/salon/islamologe-bassam-tibi-ich-kapituliere

    Seine Skepsis teile ich, wenn ich mir die gegenwärtigen Tendenzen und die deutschen Freunde der Islamisten betrachte: jene Augenverschließer nach dem Motto, daß nicht sein kann, was nicht sein darf und bloß keine heißen Eisen ansprechen, das könnte ja den Falschen nützen. Also besser: Verdrängen, verdrängen, verschweigen. Verschweigen führt jedoch zu nichts Gutem. Für seine Wachheit schätze ich Bassam Tibi und einige andere Orientalen wie Boualem Sansal, Abdel-Hakim Ourghi, Ahmad Mansour oder auch die bei Dir zitierten Zana Ramadani.

  42. che2001 schreibt:

    Gut, und ich habe Tibi als Person als unerträglichen Querulanten und extremen Narzissten erlebt, der u.a. auch an der Durchsetzung eines Berufsverbots gegen einen linken Hochschulassistenten beteiligt war und dem ich keinerlei Kompetenz in der Lösung politischer oder interkultureller Probleme zutrauen würde.

  43. Bersarin schreibt:

    Das alles spricht allerdings nicht gegen seine Texte. Und was er zu den Ausprägungen des Islam in Europa schreibt, ist gut und treffend beobachtet. Die reformatorischen Tendenzen sind leider eine Minderheit. Es würde mich aber schon interessieren, was in Moscheen tatsächlich gepredigt wird.

  44. Dieter Kief schreibt:

    @ Che2001 über Basam Tibi:
    „Ich habe den als einen sehr kompetenten Vermittler des Wissens über orientalische Kultur und zugleich als ressentimentgeladenen Linken- und Muslimhasser kennengelernt, der mit dem gesamten Lehrkörper seiner Fakultät in Dauerfehde lebte und seine Kollegen in jeder Vorlesung durchbeleidigte.“

    Huch, interessant! – Gelehrtes Haus, aber zugleich deutlich selbstbezogen, verbal übergriffig. Kein Wunder hört man bei Tibi nichts über die anderen. Die stilleren. Doud, Ourghi, Tuba Isik, Seyran Ates…

    Dass er den Reformkräften im Islam den Wind aus den Segeln nimmt, sollte er möglichst bleiben lassen.

  45. che2001 schreibt:

    Ich weiß nur von einem Kurden dass der nicht mehr in die Moschee geht seid da wüst über Israel hergezogen wird.

  46. Dieter Kief schreibt:

    Das da landauf, landab kund und zu wissen.

    Die die sich stets erneuernden Gründe, die im November 2015 zur Verhängung des Ausnahmezustandes über Frankreich geführt haben, der bereits drei Monate danach auf unbestimmte Zeit verlängert wurde, haben sich heute allem Anschein nach in Paris erneut manifestiert.
    Dies geschah, nachdem dieser Tage ein Anschlag auf den Präsidentschaftskandidaten Fillon hat verhindert werden können – wie übrigens ein anderer geplanter Anschlag auf einen nicht genannten Kandidaten (oder eine Kandidatin) in Nizza, von dem die Öffentlichkeit am Dienstag letzter Woche erfuhr.

    Wir haben in Frankreich einhundert Molenbeek ähnelnde Stadtviertel. (Patrick Kanner, Minister für Städtebau in der Regierung Hollande, im April 2016)

  47. Bersarin schreibt:

    Und es ist gut, genau das immer wieder zu betonen und zu benennen. Was in Frankreich passiert, das sollten die BRD nicht wiederholen. Und wenn eine Kanzlerin sagt „Wir schaffen das“, dann möchte ich schon genauer wissen, wie das gemeint ist und wie das zu schaffen sein soll. Die unkontrollierte Öffnung von Grenzen zeigt mir eher, daß da Verantwortungslosigkeit und sträflicher Leichtsinn regieren, anstatt politischer Vernunft.

  48. che2001 schreibt:

    Ein Freund von mir war die Strecke Paris-Dakar gefahren und hatte dabei mit Senegalesen Freundschaft geschlossen, die später nach Frankreich migrierten und in der Banilieu von Marseille lebten. Dorthin wurde er von ihnen eingeladen, der einzige sichtbare Weiße in einem sonst nur von Schwarzen und Arabern/Nordafrikanern bewohnten Stadtteil. Sie gingen zusammen in eine Kneipe, in der er natürlich auch der einzige Weiße war. Zwei weiße Flics kamen herein und zeigten Fahndungsfotos irgendwelcher Gesuchter. Niemand reagierte darauf, die Flics wurden behandelt als seien sie körperlich nicht vorhanden. Als sie die Kneipe verließen war der Streifenwagen aufgebockt und alle vier Reifen abmontiert. Die Flics sicherten mit der MP, bevor ihr Wagen abgeschleppt wurde und Verstärkung kam und zogen sich unverrichteter Dinge zurück. Alltag in Marseille.

  49. Bersarin schreibt:

    Ja, da kann man eigentlich nur lernen drauß, daß es solche Situationen und Ghettos nicht geben sollte und da kann die BRD es nur besser machen als Frankreich, die es nie geschafft haben, ihren Bürgern aus Übersee, aus Afrika eine Lebensperspektive zu vermitteln. Man gut, daß Deutschland den ersten Weltkrieg und dann noch den zweiten verloren und die Auflösung der Kolonien samt Migrationsbewegungen nicht mehr miterleben mußten. Intereressant aber, daß die BRD in den 80er sehr viel mehr muslimischen Bevölkerungsanteil als Frankreich hatte und trotzdem nie diese Probleme, die Frankreich bis heute hat. Auch sehr viel weniger Parallelgesellschaft. Auch das muß man mit dazu sagen. Diese Übel im schönen France werden sich vermutlich ab Sonntag bitter rächen. Viele haben genug von homegrown terrorists und brennenden Banlieus. Wobei man den Eigenanteil der jeweiligen Regierungen und die organisierte Verwahrlosung wie auch das vollkommene Desinteresse der Bewohner dieser Orte am Staat mit in Rechnung stellen muß.

    Es ist, wie immer, kompliziert und die Sache hat viele Seiten.

  50. che2001 schreibt:

    Als Anarchist und Antietatist muss ich gestehen, dass ich vor der Attentatswelle das geschilderte Ereignis bis dahin in erster Linie hochgradig cool gefunden hatte.

  51. Dieter Kief schreibt:

    @ Bersarin und che2001 (wg. Marseille – cool/uncool)
    „Spät kommt Ihr, doch Ihr kommt Graf Isolan, der weite Weg entschuldige euer Säumen!“ (Schiller, „Wallenstein“)

    @ Bersarin – ich bin oft in France, und ich habe, ich möchte sagen, ganz überwiegend, Franzosen getroffen, die bereit waren, den Beurs zu helfen. Der Französische Saat tat eine riesen Menge für die, aber es fruchtete nicht.
    Pacal Bruckner hat zurzeit einen Artikel bei der NZZ online, wo er – in einem ein wenig gewundenen Stil sagt, inwiefern der Islam die Franzosen wehrlos machte gegen seine zumindest in Frankreich verderblichen Eigenschaften.

    (Nebenbei: Die_kalte_Sophie hat Bruckners Gedanken im Perlentaucher-Kommentar auf wie soll ich sagen – geradezu vorbildliche Weise missverstanden: Ich hab’s mir kopiert und abgelegt als Beispiel für eine sozusagen prototypische, im Anarchismus von Deleuze/Guatari wurzelnde Fehllektüre: Insofern ist ihr Kommentar mustergültig).
    Nun -ich meine so: Dei Franzosen haben sicher Fehler gemacht, – es kann gar nicht anders sein, insofern gebe ich Ihrer Kautele, geschätzter Bersarin, nach. Aber – großes aber: Und jetzt kommt Robert Putnam, jetzt kommt Siegfried Kohlhammer (sowohl über die Dritte Welt als auch über den Islam), jetzt kommt Paul Collier und auch Heiner Rindermann usw. (Rolf Peter Sieferle – Das Migrationsproblem): Der Hauptfehler war und ist eine zu große Nachlässigkeit in Sachen Immigration im Hinblick auf die Belastbarkeit der aufnehmenden Gesellschaft.

    Von hier verzweigt sich der Gedankenweg wieder. Ich schaue an diesem Punkt immer in drei Richtungen:
    1) Die Gründe dafür, weshalb der Westen so unaufmerksam (= unvorsichtig, unbedacht) war bei der Immigration.
    2) Die Gründe dafür, dass Immigration kein Selbstläufer (= keine Kleinigkeit) sein k a n n .
    3) Die Frage, weshalb diese Gründe nicht hinreichend erkannt u n d gewürdigt werden.

  52. neumondschein schreibt:

    Schwulen ergeht es im christlichen Georgien auch nicht besser als im mehrheitlich muslimischen Tschetschenien. Kriegerisch sind alle Kaukasier, egal, welchem Glauben sie anhängen. Und: es gibt jede Menge Juden unter ihnen, Berg- und Georgische Juden. Die leben seit Jahrhunderten Tür an Tür mit Vertretern anderer Volksgruppen, ohne sich gegenseitig totzuschlagen. Buurmanns (der vom tapfer-im-nirgendwo-blog) muslimischer Antisemitismus im Kaukasus ist blanke Phantasie.

    http://www.quarteera.de/news/dasanderegeorgien-lgbt-lebeningeorgien

    An und für sich sollte man bzgl. der Behauptungen im Falle Kadyrows Schwulenhatz ein wenig warten, um herausfinden zu koennen, welche Behauptungen sich als korrekt herausstellen. Novaya Gazeta ist nicht gerade als seriös bekannt. Aber ganz unwahrscheinlich sind die Geschichten auch nicht.

  53. neumondschein schreibt:

    wegen Buurmanns Blog noch einmal:

    In Uganda wurde die Schwulenhatz durch amerikanische protestantische Missionare eingeführt. Schwulenhatz veranstaltet nicht nur der ISLAM, wie uns Moslemhasser Buurmann und Novaja Gazeta uns das weiß machen wollen. Das sind auch nicht alles Mörder, die jeden x-beliebigen totschlagen, aus Prinzip Juden hassen, nach aussen hin aber tolerant tun.

  54. Bersarin schreibt:

    Das stimmt Neumondschein, Iran, Saudi-Arabien, Katar, die Vereinigten Arabischen Emirate sind Länder, die ganz normal sind. Das hat alles nichts mit dem Islam zu tun. Wirklich gar nichts. Eine wunderbare Friedensreligion und tolerant. Unternehmen wie Pinktours empfehlen sogar ausdrücklich in diese Länder zu reisen. Unbeschwert und Hand in Hand schlendert man über den Marktplatz oder stromert Mann mit Mann, Arm in Arm durch die malerischen Kashbas. Ein unvergessliches Erlebnis. Nirgends können Frauen ungestörter ihr Intimstes miteinander ausleben als im Iran. Und wer es als Ledergay ganz hart mag, bekommt in der Dark Gay Zone in Saudi-Arabien ganz unverbindlich leckere hundert Peitschenhiebe geschenkt. Das steigert die Lust ungemein. Israel hingegen und Tel Aviv, pfui Teufel, nur fundamentalistische Juden und das einzige Land in der Region, das Schwule und Lesben besser nicht bereisen.

  55. Bersarin schreibt:

    Pacal Bruckner in der NZZ:

    „Doch im Begriff «Islamophobie» verbinden sich zwei ganz verschiedene Bedeutungen: die Verfolgung der Gläubigen, die überall ein Vergehen ist, und das Hinterfragen von Glaubensinhalten, das in jedem zivilisierten Land ein Recht ist. Unter dem Vorwand, die Muslime zu verteidigen, geht es also darum, jene Westler zum Schweigen zu bringen, deren Schuld darin besteht, Geschlechtergleichheit und Glaubensfreiheit zu postulieren. Vor allem aber zielt der Vorwurf der «Islamophobie» darauf ab, die arabischen oder muslimischen Intellektuellen mundtot zu machen, die bestrebt sind, ihren Glauben mit der Moderne zu versöhnen und ihn durch das Feinsieb der Vernunft laufen zu lassen. Sie sind die eigentlichen Feinde, die es durch die Beschuldigung zu diskreditieren gilt, mit den ehemaligen Kolonialmächten zu «kollaborieren».

    Zudem wird mit einem revisionistischen Taschenspielertrick versucht, aus jedem Muslim wesensmässig ein Opfer zu machen, dessen Los jenem der Juden in den 1930er und 1940er Jahren entspricht. Der Begriff «Islamophobie» ist also eine massive Einschüchterungswaffe, um die offene Debatte zu verbieten und das Infragestellen geltender Dogmen zu verhindern. Er fungiert in erster Linie als Werkzeug der internen Unterdrückung jener liberalen Muslime, die es wagen, ihren eigenen Glauben zu kritisieren, und die eine Reform der maghrebinischen Familienkodizes fordern, die Geschlechtergleichheit, das Recht auf Abfall vom Glauben oder auf den Wechsel des Glaubens, die Freiheit, während des Ramadans nicht zu fasten oder Rituale nicht auszuführen.“

    https://www.nzz.ch/feuilleton/islamophobie-imaginaerer-rassismus-ld.1287872

  56. che2001 schreibt:

    Dass Männer Arm in Arm flanieren und Händchen halten ist in muslimischen Ländern tatsächlich die Regel, und bei meinem ersten Aufenthalt in Ägypten dachte ich tatsächlich dieses Land sei ein Schwulenparadies. Tatsache ist allerdings dass dieses Verhalten deshalb stattfindet weil es keine Frauen in der Öffentlichkeit gibt. Flirten unter Männern ist in der ganzen arabischen Welt die Regel, konkreter Sex wird hingegen als „Verbrechen“ geahndet. Ziemlich dychotomisch, das Ganze. Ich bin nirgendwo so direkt von Männern angemacht worden wie in Ägypten und Tunesien.

  57. Bersarin schreibt:

    Ja, berühmt sind die Gay Pride-Paraden im Iran – ein Highlight des Orients. Und für jene, die es gerne peitschiger mit S/M-Einschlag mögen, ist Saudi-Arabien das ideale Reiseland. Da gehen ganz bestimmt Männer gerne Hand in Hand.

    Davon ab, daß auch Europa noch nicht so lange ein Hort der Liberalität ist, was Schwulsein betrifft, graust es mich, wenn ich diesen Wikipedia-Artikel lese; er zeigt mir doch drastisch, wie gemütlich es in Ägypten zugeht, mal unabhängig davon, was es mit den Männern auf sich hat, die Arm in Arm gehen.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Homosexualit%C3%A4t_in_%C3%84gypten

    Gerne auch in der „Zeit“: „Das neue Ägypten fürchtet jeden, der anders ist Verboten ist homosexualität in Ägypten nicht. Doch eine derart systematische Jagd auf Schwule und Lesben wie unter Al-Sissi hat es in dem Land noch nicht gegeben“
    http://www.zeit.de/politik/ausland/2015-03/aegypten-homosexualitaet-homophobie-strafe

    Ansonsten halte ich es, was diese Varianten des Islam betrifft, der auch in Europa sich ausgebreitet hat und sich qua Ghettos wie Molenbeck festzusetzen droht, mit dem guten Pascal Bruckner und mit Hamed Abdel-Samad.

  58. Bersarin schreibt:

    Richtig ist allerdings der Hinweis, daß Homophobie bzw. Schwulenfeindlichkeit nichts ist, das nur für den Islam spezifisch ist. Die strenge Auslegung und insbesondere eine politiche Auslegung des Korans, begünstigt jedoch diese Homophobie extrem. Wobei das Interessante an diesem politischen Islam der Hardcorevariante der Wahhabiten ist, daß er sich gerade nicht als politisch (im westlichen Sinne) vesteht, sondern geradezu darauf aus ist, die Dimension des Politischen im rein Religiösen aufzuheben.

  59. Bersarin schreibt:

    Und es gibt, was den Islam betrifft, eine grandiose Ironie: Michel Houellebecq faltete sie auf hochwitzige Weise in seinem Roman „Unterwerfung“ aus, was die gemäßigte Variante eines Islams anbelangt, der das Recht der Scharia nach gewonnener Wahl in France installiert: Diejenigen, die diesen Islam verfluchen, jene bösen weißen Männer, sind eigentlich die Gewinner, weil sie von dieser Form des Islam am meisten profitieren würden. Frauen wären als lästige Konkurrentin am Arbeitsplatz ausgeschaltet, Frauen wären weitgehend ins Haus verband. An denUniversitäten wäre wieder genügend Platz für männliche Lehrkräfte und nirgends mehr stünde in Ausschreibungen: Bei gleicher Qualifikation werden Frauen bevorzugt. Jene Genderislamistinnen hingegen, die nicht müde werden, sich für den Islam stark zu machen, müßten dessen Herrschaft fürchten: Denn käme es soweit, daß die Dystopie Houellebecqs Wirklichkeit würde, so wäre das erste, was jene Mullahs abschafften, jegliches gendern, und das erste Wort an Anne Wizorek und Margarette Stokowski wäre: „Schluß mit diesem Gerede!“ Artikel auf SpOn und Hashtag Aufschreie schlecht verdienender Irgendwasmitmedienmittelstandfrauen wären Schnee von gestern. Eigentlich eine nette Vorstellung. Sag ich mal mit maliziösem Lächeln.

  60. che2001 schreibt:

    Ich stimme Deinen grundsätzlichen Intentionen vollkommen zu, aber Du hast von der Alltagsrealität zumindest von Ländern wie Ägypten und Tunesien schlicht keinerlei Ahnung. Die bekommt man auch nur, wenn man dagewesen ist.

  61. Es geht ja wohl eher darum, wie diese Leute sich hier bei uns verhalten, und ob es sinnvoll ist, sie in Massen zu uns zu bringen.

  62. Bersarin schreibt:

    Und von dieser Alltagsrealität in diesen Ländern möchte ich anschaulich auch keine Ahnung haben, che.Für ein allgemeines Bild zur politischen und gesellschaftlichen Situation müssen die Berichte in Zeitungen oder die Reiseberichte von Menschen herhalten. Zudem ist für eine Beurteilung der Lage in diesen Ländern die Alltagsrealität kein notwendiges Kriterium. Denn ansonsten müßten wir uns mit der Bewertung des NS-Staates sehr zurückhalten. Keiner von uns hat dort tatsächlich gelebt oder ist dorthin gereist.

  63. che2001 schreibt:

    Das Brett vorm Kopf zur Waffe machen. Amen.

  64. Bersarin schreibt:

    Dann dürftest Du als Sozialwissenschaftlier allerdings bitte keine Aussagen mehr zur NS-Zeit machen, denn von der komplexen Lebensrealität dieses Deutschlands hast Du schließlich keine Ahnung.

  65. Bersarin schreibt:

    Dein Argument des Dabeiseins ist übrigens genau das, was solche wie Heidegger (und aufwärts schlimmer) gegenüber Marcuse und den Emigranten äußerten: Ihr seid ja nicht hiergewesen. Ihr wißt überhaupt nicht, wie das hier war. Ihr könnt in dieser Sache gar nicht mitreden und uns beurteilen.

  66. che2001 schreibt:

    Entschuldige, ich bin aufgrund meines Zorns in einer nervigen Auseinandersetzung die ich anderswo führe etwas übers Ziel hinausgeschossen. Ich schreibe heute nach Feierabend sine ira et studio was ich genau meine.

  67. Bersarin schreibt:

    So wie Du es schriebst, ist es zumindest mißverständlich. Ich habe nichts gegen Reiseerfahrungen und Berichte aus erster Hand. Aber diese Berichte sind in einer Debatte über Kultur und Gesellschaft nicht das entscheidende Kriterium.

  68. Dieter Kief schreibt:

    oh – oben unkorrigierte – hier korrigierte Fassung – bitte oben löschen

    @ che 2001 und Bersarin: Sine ira et studio – etiam insidiosus qumque (Stok-Witz (hehe!))

    Ah, ein Mann, der im linken (!) Magazin Slate Trump gegen die Politically Correct-Denke verteidigt – und die Tea-Party – hier ist das Interview mit dem Lit-Wissler Mark Bauerlein:

    http://www.slate.com/articles/news_and_politics/interrogation/2017/04/mark_bauerlein_of_emory_university_still_defends_donald_trump.html

    Sehr seltsam dabei – wie auch in den Fällen, wo in D-Land über die France-Wahl geschrieben wird: Dass Trump heftiger Kritiker der Massenzuwanderungspolitik ist, kommt selbst in Slate n i c h t wirklich zur Sprache. Nicht einmal aus dem Mund eines seiner Verteidiger. Es ist gespenstisch!

    Ich hab‘ das in den letzten Wochen dutzendfach beobachtet: Die D-Land-Berichterstattung über die France-Wahl kam ohne das Megathema Zuwanderung aus – z. B. in den Artikeln von Jürg Altwegg und Michaela Wiegel in der FAZ, dortsebst bei Kohler auf der Seite 1, in der Regionalpresse komplett, in der SZ, in den großen Rundfunkanstalten usw. – es ist absolut gespenstisch!

    Nur einen Vergleich dazu: Die Bemerkungen über Macrons Ehefrau: Gefühlt 1 Million mal. Und selbst dass er bei Goldman-Sachs gearbeitet hat: Noch 1/2 Million mal. Zuwanderung aktuell und im EU-Kontext aber: Kommt nicht vor!

    Aber sonst ist Bauerlein in Slate sehr gut – er stellt nebenbei der in D-Land bis zum abwinken geschmähten rechten Tea-Party-Bewegung ein viel besseres Zeugnis als der US-Linken aus, was schlicht und einfach die Bereitschaft angeht, die andere Seite ausreden zu lassen:

    Do you think that the left’s response to Trump is different than the way the right reacted to Obama, with the Tea Party and birtherism?

    You are going to get that kind of thing in every populist response to things. I did not see any Tea Party people surrounding a building and preventing others from walking inside to hear an Obama speaker. At the inauguration did you see people lighting cars on fire and smashing windows? I think we have here a whole new level of outrage and indignation. I believe there are deep human motives that are often very dark. I wrote a book about mob violence in Atlanta in 1906—race-based and sex-based riots and killings. And I believe the collective human will can go in bad directions that often the individuals in that collective would not take on their own. I also believe in original sin. [Laughs]. I think these things are related. What is being tapped into here is something quite dark and sinister, and it is getting worse. What we need here is a very strong state response to these activities.

    Such as?

    Such as, when people break the law, you immobilize them, you handcuff them, and you take them away.

    – Das bezieht sich auf die – häufigen – Fälle, in denen ein linker Mob Diskussionen verhindert mit dem Argument, die seien gegen die Menschenwürde. W a s im einzelnen gegen die Menschenwürde gerichtete Aussagen sein sollen, entscheidet der linke Mob – z. B. im Fall Milo Yiannopoulos oder im Fall Charles Murray, dem Co-Autor mit Richard Herrnstein des Buches The Bell-Curve***.

    *** Was die schlichten Fakten in diesem Buch angeht, so sind Murray und Herrnstein praktisch keine Fehler unterlaufen (nicht ein einziger, der inhaltlich irgendetwas zu ändern nahelegte).

    Sarrazin hat das hier als einer der ersten gelesen und kapiert – und richtig auf die hiesige Situation angewandt. Erstaunliche Leistung – er ist schließlich fachfremd. FAZ-Herausgeber Kaube z.B: Hat lange nicht kapiert, wie solide diese Befunde von Murray und Herrnstein sind. Es wäre mal an der Zeit, dass er das langsam einräumt.

    Das würde auch die AfD-Verteufelung in sozusagen bürgerliches Fahrwasser zurückbringen – denn in einem Punkt hat (auch…) die AfD einfach recht: Der unregulierte Massenzuzug ist die dümmste politische Maßnahme seit Jahr und Tag – und stifted enormen gesellschaftlichen Schaden.

    Zahlen für 2016: Deutschland 300 000, Frankreich 25 000 (!!)

    Das müsste eigentlich tagtäglich diskutiert werden – in Wirklichkeit wird es aber so gut versteckt – leider auch in der FAZ, dass es praktisch kaum einer weiß.

  69. Dieter Kief schreibt:

    Naja – und wg. Diskurs-Soumission noch das da – es geht wieder Schlag auf Schlag, langweilig wirds mir nicht (aber schön ist anders: Schön ist so wie heute Morgen im Deutsch-schweizerischen GRenzgebiet am Seerhein, im Frühlingswald, Aufhellungen, wanderde Lichtflecken/Teppiche, just bevor die Regenfront hereinkam: Sich überschlagender Erfindungsreichtum der tirlierenden Vögel, Grün-Töne im Mischwald am Hang, die jedes Fassungsvermögen betörten; am Tümpel unter einem Hangabbruch erst Wasserläufer, noch tapsig, wie frisch aufgetaut, dann einzelne Schmetterlinge, suchend, als wüssten sie noch nicht den Weg…eine einäugige schnecke, eine Hummel mit komplett gelbem, unbebändertem Rücken…).

    Aisthesis – in der Reihe Schön und Hässlich, hier der sozusagen zweite Teil, diesmal aus der New-York Times, die der Perlentaucher verlinkt hatte:

    In der New-York Times ist noch einer, der mit Maas und Kahane und den Freudenberg-Autozulieferer-Erben und Thierse für die Netzbeschneidung ist (für das Verschwinden des offenen Wortes im Netz und anderswo (an den Unis, z. B.):

    Also: Das ist sozusagen die höchste Stelle der liberalen Öffentlichkeit weltweit, und die sagt: Man muss die Redeverbote an den Unis und überhaupt in der Öffentlichkeit unbedingt durchhalten. Maßstab dabei – und das ist nun komplett am Ding vorbei – Maßstab sollen die „Schneeflocken“ sein – also die hypersensiblen Verdachtsrhetorikerinnen, verglichen mit denen Stokowski noch eine libertäre Wildsau ist, halten zu Gnaden, aber das ist die Position, die die NYT groß und breit spielt.

    Argument: Die KZs.
    Man muss, so das Argument, alle, die sich irgendwie beleidgt fühlen könnten wegen Transgender und nicht wie Transgender angesprochen worden zu sein usw. behandeln wie ehemalige KZ-Häftlinge, die sich ja auch zu Recht weigern, so die NYT, mit jemandem zu sprechen, der den Holocaust leugnet.

    Ruhig mal durchlesen. Dann durchatmen und dann: Was nur macht man sich für einen Reim auf solche Vorgänge?

    Und nicht vergessen: Diese KZ-Parallele hat auch Oppermann im März in der FAZ gezogen. Und Gabriel macht langsam den Eindruck, als wäre er besessen davon.
    Es ist das alles kein bißchen gut & richtig.

  70. Bersarin schreibt:

    „Zahlen für 2016: Deutschland 300 000, Frankreich 25 000 (!!)“ Da kann man natürlich böse sagen, die Franzosen haben es wg. kolonialer Vergangenheit schon hinter sich. Wir hingegen sind noch mittendrinnen, allerdings nicht wegen der Kolonien.

    Ansonsten: Beobachtungen von Ihnen, bei denen ich lediglich im Detail einige Aspekte in Nuancen anders sehe, etwa bei Sarrazin. Was diese ungeheuerlichen Campus-Proteste und die Redeverbote betrifft, da möchte ich mal erleben, was passierte, wenn die Identitäre Bewegung sich genau das gleiche Recht herausnähme. Wäre mal interessant. Vermutlich käme ein Schwall von Moralin. Denn man selber ist ja per se auf der Seite der Guten.

    Gut zu lesen übrigens auch, und das spiegelt sehr genau gerade meine Position wider, der Text von Verena Friederike Hasel in der „Zeit“ dieser Woche: „Ich bin nicht mehr links“.

    „Manche Form politischer Korrektheit ist für mich die linke Variante von Fake-News“ Wie recht sie hat. Lesenswerter Artikel über den Meinungsmainstream von links, der von kultureller Vielheit und gegen den Haß schwadroniert, aber auf die Palme geht, wenn nur ein Wort der Kritik fällt: Sofort schallt’s als Reflex: AfD, AfD. Wie der Bannspruch kleiner Kinder, die allein im Wald sich verirrten.

  71. che2001 schreibt:

    Wie heißt es nicht so schön zum Thema Diskursdominanz: Wer als erster Auschwitz sagt hat gewonnen. Immer.

  72. che2001 schreibt:

    @“ Da gehen ganz bestimmt Männer gerne Hand in Hand. “ —- Tun sie. Was ich eigentlich sagen wollte: Trotz massiver Homophobie hat man in arabischen Ländern auf den ersten Blick den (völlig falschen) Eindruck, in einem Schwulenparadies zu sein. Das hängt damit zusammen dass Frauen in der Öffentlichkeit an den Rand gedrängt sind und Sexualität völlig ins Private verdrängt ist. Wenn sich ein heterosexuelles Paar in einem öffentlichen Bus küsst müssen sie damit rechnen, von den Mitreisenden gesteinigt zu werden. Umgekehrt zeigen Männer in einer Straßen- und Cafeöffentlichkeit in der Frauen ausgeschlossen sind Verhaltensweisen, die uns schwul anmuten würden wie Hand in Hand gehen oder aneinandergeschmiegt auf dem Diwan zu liegen. Als Homosexualität gilt dort aber nur Geschlechtsverkehr, nicht diese Handlungsweisen.

    Btw
    unter dem Vorbehalt, dass ich Ägypten nur unter Mubarak, nicht unter Al Sisi erlebt habe und Tunesien sowieso ein eigener Schnack ist, nicht vergleichbar mit der Halbinsel.

    Btw

    Völlig absurd fand ich einmal eine Situation in der eine Frau mit Teilschleier (Nase-Mund) mir ihre Urlaubsfotos aus England zeigte wo sie einen Bikini trug.

    Btw

    In Afghanistan nimmt die Öffentlichkeit keinen Anstoß daran, dass Jünglinge zwischen 14 und 17 tuntig zurechtgemacht werden und reifen Männern als Fickknaben dienen, aber Homosexualität auf Augenhöhe unter Erwachsenen kann zur Ermordung führen.

  73. Bersarin schreibt:

    Das sind immer interessante Beobachtungen, so wie es eben in den meisten diktatorischen Regimen Formen des Anderslebens gibt. ob in der DDR die Punks und die Subkulturszene der Jazzer, im Faschismus die Swing-Jugend, die sich subtil wehrte. Und gerade Städte wie Bagdad, Kabul und Teheran hatten einmal ein Zeit, da liefen durch die Straßen keine verschleierten Frauen. Eine Frau berichtete mir vom Kabul der 70er Jahre, kurz bevor sie und ihre Familie vor den Kommunisten flohen. Es gab dort eine gebildete Oberschicht, die nichts mit dem Islam am Hut hatte. Ebenso in Persien zur Zeit des Schahs. Im Rückblick der Geschichte muß man sagen, daß es besser gewesen wäre, wenn die sozialistischen und reformistischen Kräfte im Land mit jenem säkularen Schah kooperiert hätten. Denn die faschistische Diktatur, die darauf folgte, war um vieles Schlimmer. Aber die Geschichte lief anders, zumal ja die vorm Schah amtierende, eher sozialistisch ausgerichtete Regierung dank den USA und den Briten vom Schah weggeputscht wurde. So geht Geschichte. Und in diesem Sinne sollte sich die BRD gut überlegen, wen sich sich ins Land holt und wen nicht.

  74. Bersarin schreibt:

    Um den Kontrast zu sehe, im Irak, sollte man sich auch von Samir den Film Iraqi Odyssey ansehen. Heute ein zerbombtes Land, in den 50er und 60er Jahren jedoch war Bagdad eine moderne Stadt mit westlich gekleideten Männern.

    Zwar mag es in den ländliche unterentwickelten Regionen anders ausgesehen haben. Aber es gab in diesem Ländern zumindest eine Tendenz hin zu einem freien Leben ohne eine repressive Religion, mit einer repressiven Moral. Die Frage freilich wäre auch dort die nach der Rolle der Frau.

  75. Dieter Kief schreibt:

    @ che2001
    „Wie heißt es nicht so schön zum Thema Diskursdominanz: Wer als erster Auschwitz sagt hat gewonnen. Immer.“

    Der ist schonmal gut.

    Naja – und dann scheint es auch noch so zu sein, dass gewinnt, wer als letzter Auschwitz sagt.
    Baer ist schon eine sensationelle dekonstruktivistische Tranfunzel – aber hastenichtgesehen: Schlau isser. Hat eine Festanstellung als Schneeflocke vom Dienst an einer US Uni und heavy rotation in der NYT. – Für einen trödeligen Saarbrücker Hilfswisser nicht schlecht!

    Der Volksmund rafft derlei so zusammen: Der Allerschlauste braucht man nicht zu sein, man muss sich aber zu helfen wissen!

    Was Ihre Beobachtungen in Ägypten usw. angeht, schließe ich mich Bersarin an.

    Unterm Strich läuft es darauf hinaus, dass man das Beobachter/Theoretiker-Problem nicht aus den Augen verliert, das Piwitt immer wieder traktierte, by the way.

    PS

    Ernst Jünger zog aus diesem Problem den Schluß, die Désinvolture sehr weit oben anzusiedeln, Freud neigte, ichglaub auch aus hier irgendwo angesiedelten Gründen, der Ansicht zu, die Stimme der Vernunft spreche – sozusagen von Natur aus… – leise.

    PPS

    In der ARD-Satiresendung „Extra3“ hat man es sich scheints angelegen sein lassen, Alice Weidel eine „Nazi-schlampe“ zu nennen.
    Wie sie heute im Südkurier erklärte, braucht sie schon seit längerem Polizeischutz. Ihre beiden Kinder zieht sie in der sicheren Schweiz auf…

  76. che2001 schreibt:

    Bersarin, zu Deinem letzten Kommentar zwei Anmerkungen: Der Vergleich mit der Swing-Jugend im NS bzw. den Jazzern und Bluesern in der DDR hinkt insofern, als dass es sich bei den händchenhaltenden Männern in Ägypten, Jordanien und Tunesien gerade um keine Subkultur handelt, sondern um das im Straßenbild tagtägliche Normalverhalten von Mainstreammännern, die gar nicht auf die Idee kämen, dass diese Art Körperlichkeit von westlichen Menschen als schwul wahrgenomen würde.

    Was den Schah angeht wäre eine Kooperation progressiver Kräfte mit dem ganz und gar unmöglich gewesen. Da verweise ich mal auf Süverkrüpps Landesvaters Abendlied

    http://lyrics.wikia.com/wiki/Dieter_S%C3%BCverkr%C3%BCp:Landesvaters_Abendlied

    Die iranische Revolution wurde zum großen Teil von progressiven, demokratischen und sozialrevolutionären Kräften getragen, erst nach dem Sturz des Schah griffen die Mullahs nach der Macht. Auch in Khomenei hatte sich die Linke verhängnisvoll getäuscht. Wer sich für die laizistischen Kräfte in der iranischen Revolution interessiert google mal Tudeh-Partei, Nationale Front, Volksfedayin, Komalah und Peykar.

  77. Bersarin schreibt:

    Ja, ein Normalverhalten ist eben ein Normalverhalten. Nur dann verstehe ich Dein Beispiel nicht mehr. Wofür soll es stehen? In der Berlin küssen sich die arabischen Männer die Wangen und gehen, wenn es schlecht läuft, hinterher eben auch mal Schwule kloppen

    Ja, nur am Ende hatten im Iran die Mullahs die Finger drauf. Und das geschah eben nicht aus einem dummen geschichtlichen Unfall heraus. Für die säkularen Kräfte wäre wohl der Schah auch heute noch die bessere Variante, trotz Ausplünderung des Landes und Folter. Und vor allem für die Frauen. Es ist an der Zeit, die alten Schemata anders zu interpretieren. (Und da nimmt es sich schon verwunderlich aus, wenn ein östereichischer Bundespräsident den Frauen rät, aus Solidarität mit Musliminnen ein Kopftuch zu tragen.)

  78. Bersarin schreibt:

    Aber post festum-Deutungen schütteln sich immer leicht aus dem Ärmel.

  79. Bersarin schreibt:

    Und was den (revolutionären) Fortschritt in der Geschichte betrifft, so muß ich beim Gang der Zeit an Walter Benjamins Bild vom Engel der Geschichte denken, das er in seinem letzten Text „Über den Begriff der Geschichte“ anhand von Paul Klees Bild entwickelte.

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