Oculi mei semper ad Dominum – das Besinnungsbild zum 3. Fastensonntag

Noch ganz benommen und begeistert, ganz aufgesteigert und geläutert, gestimmt und der Welt wohlgesonnen, wird nun das Tageswerk begonnen. Hingerissen von Castorfs Faust-Inszenierung mit knapp sieben Stunden Spieldauer, was naturgemäß wenig Schlaf bedeutet, da ich grundsätzlich gegen sieben Uhr erwache, lasse ich diese Inszenierung einwirken, setze mich morgens an den Schreibtisch, skizziere die ersten Entwürfe für eine Kritik, trainiere später dann für den Osterspaziergang im trüben Berlin. Überlege schon einmal, welcher Wein gut zum Abendessen passen könnte. Ich finde, man sollte zum Lammcurry Rotwein reichen. Goethes Farbenlehre. [Wer heute Nacht Zeit hat, sollte ab 23 Uhr in der Volksbühne  auftauchen. Es wird gespielt, nachdem die wunderbare Valery Tscheplanowa – sie gibt das Gretchen und die Helena – den Kunstpreis der Akademie erhalten hat. Tscheplanowa trat gestern trotz eines Kreuzbandrisses auf, was also das Rennen, Retten, Flüchten schwieriger machte und für ein wenig weniger Akzeleration sorgte. Gelungen aber war das Gaukelspiel Theater in  Castorfs Manier allemal. Ein Hoch schon mal auf den Meister und auf einen gelungen Abend im Theater.]

[Nachtrag: Jenes Goethezitat vom Golde aus dem „Faust“ habe ich nicht mit Photoshop da ins Holz geschrieben. Es stand dies so, wie ich es photographierte. Photographien werden von mir grundsätzlich nicht neu montiert. Sie sind Dokumente. Kein So-ist-es. Vielmehr ein So im Moment als er von mir beim Vorbeispazieren festgehalten wurde.]

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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2 Antworten zu Oculi mei semper ad Dominum – das Besinnungsbild zum 3. Fastensonntag

  1. Uwe schreibt:

    Mitten im Aufgalopp des Grüns zeigst Du uns ein schneebedecktes Abseits, das uns lehrt, wie viel durch Verhüllung sichtbar wird von dem, was üblicherweise unbesehen bleibt -, Alltagskulisse, für die wir allzuoft blind bleiben.

    Aber der Kontrast zum Frühlingserwachen draußen ist Dir gelungen, zumal der kalte Blick seine Berechtigung hat, gerade im März, diesem Intermezzo aus Nicht-mehr-Winter und Noch-nicht-Frühling, ein Monat wie ein „Muster ohne Wert“, wie es Sandor Marai einmal formulierte.

    Angeregt durch den Theaterabend erinnertest Du Dich sicher an das in goldenen Lettern geschriebene Faust-Zitat und dachtest: Warum nicht noch einmal den Winter in Bildern imaginieren: das Dämmerlicht, die Windstille, die Abgeschiedenheit … und wie so oft bei Dir menschenleere Straßen, die aber nicht ausgestorben wirken, sondern eher wie Habitate, in denen sich die Bewohner eingenistet haben.

    Für mich, der ich gerade aus Le grand bleu zurückgekehrt bin, wirken die Fotos wie eine optische Fastenkur: azurblaue méditerrranée versus schneegraue ostdeutsche Provinz. Und die Regentristesse hier in HaHa nüchtert mich von Stunde zu Stunde noch mehr aus. Aber wenn man genau hinschaut und das Licht und die Kamera mitspielt, zeigt sich hier und da im beschatteten Schnee ein Fitzelchen Blau ;-)

    Gruß, Uwe

  2. Bersarin schreibt:

    Ja, ein denkbar starker Kontrast. Ich mag aber solche Kontraste. Insbesondere fand ich es reizvoll, diese Schneelandschaften zu photographieren und zu zeigen, weil ich vom Nordosten her so selten in den Genuß von Schnee komme. Regentristesse freilich ist nicht schön. Grauer Himmel schon, da läßt es sich gut Bilder schießen. Obwohl man ja auch bei diesem grellen Sonnelicht herrliches Licht/Schatten-Spiel erzeugen kann wie in den neorealistischen italienischen Filmen.

    Beste Grüße von Regenstadt zu Regenstadt.

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