„Ist das eine Stimmungsschwankung oder die alte Grunderkrankung?“ Rösingers „Joy of Ageing“ – Die Tonspur zum Sonntag

Bei solchem Lied fühle ich mich arg ertappt. Stimmt es doch einen Ton an, dem ich mich – wie vermutlich auch viele andere in meiner Kohorte der Babyboomer – nicht werde entziehen können. Aber weniger ist es der Ton, sondern vielmehr springt der Text ins Gemüt. Wie dem auch sei. Politisch kommen Christiane Rösinger und ich zwar nicht gut zusammen, weil ich im Protestdenken woanders stehe, eine Aversion gegen das Kreuzberger Biotop hege, doch zum Glück weit, sehr weit entfernt von diesen Gebieten lebe. So kommt man einander nicht ins Gehege. Aber fein und pointiert dichtet sie doch, die Rösinger, sie hat – in Ironie – den Blick für die Gesellschaft, so in ihrem Song Eigentumswohnung (wobei ich nur raten kann, früh Eigentum zu bilden, sofern man irgendwie kann, und schon haben wir die nächste Differenz in Sozialsachen). Rösinger hat den Blick für das Schöne im Schlechten, fürs Absurde im Verfahrenen.

Abgeklärt musiziert sie das Menetekel in ihrem Song Joy of Ageing, aufgespießt mit dem Hauch Zartheit, der spökenkiekerische Sinn für das, was danach kommt, wenn das Beste vorbei ist und der Szenenapplaus nicht einmal mehr nachhallt. Diese Aftershow singt sie zur Gitarre ruhig, sachlich und verschmitzt hinaus, greift mit Musik nach dem, was der süße Vogel Jugend uns an Gaben abwarf oder wie er böse uns traf und hackte, und dann: mit einem Mal der Schlag, der Schuß und die Stille davor. Konziliant betrachten wir: Nervous and Blue. Die Zeit geht so schnell dahin. Das bemerken wir erst, wenn Zeit sich dem Ende neigt. In diesem schönen Verhängnis, im Wissen um den unwiederbringlichen Verlust jener wunderbaren Jahre, die sich an Theorien und Menschen knüpften, Spinnennetze woben, liegt die Melancholie aller Erkenntnis.

In der Jugend sind wir. Sind einfach da. Dort oder woanders. Oder auf dem Sonnendeck. Wild im Trend, im Ton, gierig nach Körpern, oder wie wir Philosophierenden waren, trieb uns die Sucht nach den Texten. Und diese herrliche Langeweile. Jenen einen Abend, diesen einen kriminellen Abend! Dazu rauschen die Gitarren bei „Langeweile“ so im Schlag, im Gleiten durch Hamburger Nächte. Fischmarkt und Evas Zunge tief im Mund. Wir versuchten in der Theorie das Subjekt in allen möglichen Varianten und Ableitungen zu dekonstruieren. Mit Foucault, Derrida, Adorno, Deleuze und Lacan wollten wir es bannen und sperren und führten es doch mit jeder Handlung, mit jedem Satz und mit jeder Geste, die wir in jenen wilden jungen Nächten taten, von hinten her und durch die kalte Küche wieder ein. Immer wieder dieses Subjekt. Wir nannten es dann kühn in der herrschenden Begriffssprache unserer Zeit das „Subjekt des Begehrens“:

Wenn Rösinger in Joy of Ageing von unserer argen Vergänglichkeit berichtet, so ist es fast schon unser Ableben, das sie besingt, unser langsames Ableben versteht sich. Aber nicht bei allen ging es so langsam, daß wir uns beim Prozeß des Alterns zusehen dürfen, manche gingen früher, so wie das andere Urgestein der Lassie Singers, Almut Klotz. Musik bindet sich an Lebensszenen, illustriert sie für den schönen Augenblick und im Rückblick illuminiert sie die Erinnerungen gediegen im Feinschliff. Die Lassie Singers stehen für diese Jugend mit ihren Alben: Sei à gogo. Ich bin alles, was ich habe auf der Welt. Aber es war nie Egomanie, die uns Ewigtwens trieb. Immer ein Schuß Politik mit dabei. Heute wurde uns das zum Verhängnis. Beim Blick zurück. Das Subjekt ist immer noch da, wie jener Igel im Wettlauf mit dem Hasen und wir haben gelernt, uns mit Descartes zu vertragen. „Omnis determinatio est negatio“, immerhin diesen Satz noch trugen wir arg im Hinterkopf und bewahren ihn im Hinterhalt.

Insofern bleibt ob all der Vergänglichkeit und dem Traurigen, das daraus ästhetisch resultiert, für die gerade erschienene Platte Lieder ohne Leiden festzustellen, daß wir darauf manch schaurig- schönes melancholisches Lied finden. Kein Diskurspop, keine Schlagermusik wie die schreckliche Gruppe „Blumenfeld“ seinerzeit, aber auch kein Hau-drauf-Geschrammel mehr, dieser irre, wirre, laute, freche schöne Sound der Lassie Singers, damals, als uns zwar nicht die Welt, aber doch vieles vom Leben noch zu Füßen lag. Stadt Land Fluß. Hamburg, alte Schatzstadt, wo am Hafen, die Schiffe und die Fische schlafen. Skianzüge am Hans-Albers-Platz, und auch Sorgenbrecher. Ach süße Melancholie und süßer Zeit Jugend, oder wie schrieb es Öden von Horvath in seinem so traurigem Ton, und in die Schlußszene von Kasimir und Karoline baute er dieses alte Volkslied hinein:

Erna singt leise – und auch Kasimir singt allmählich mit:

Und blühen einmal die Rosen
Wird das Herz nicht mehr trüb
Denn die Rosenzeit ist ja
Die Zeit für die Lieb

Jedes Jahr kommt der Frühling
Ist der Winter vorbei
Nur der Mensch hat alleinig
Einen einzigen Mai.

In anderer Weise singt diese stille Melancholie auch Christiane Rösinger auf ihrer neuen Platte. Die Dinge ähneln sich furchtbar und sind doch ganz anders:

 

In der schönsten Jugendzeit
warst du voller Traurigkeit.
Loneliness, ein Leben lang,
da wird’s manchem Angst und Bang.
Dabei ist es doch offenbar,
daß es zwischendurch ganz lustig war.
Hast du das erstmal kapiert,
lebst du frei und ungeniert.

Gestern noch ein junger Falter
gehst du gramgebeugt durchs Alter
Das Ende naht, Later or soon,
ach für uns alte Babyboomer
Die Typen sagen „Wir stehn super da“;
die Frauen sagen „Wir sind unsichtbar‘
(…)
Alles Essig, alles Mist,
Wenn Du aus Schwermutforest bist

Wie wahr sie sind, diese geilen Zeilen.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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2 Antworten zu „Ist das eine Stimmungsschwankung oder die alte Grunderkrankung?“ Rösingers „Joy of Ageing“ – Die Tonspur zum Sonntag

  1. Dieter Kief schreibt:

    Sie wirkt un – irgendwas mit un – unlustig, auch ein wenig unsicher – und das überträgt sich auf mich, wenn ich ihr zuzuhören versuche.
    (You gotta know your song well, before you start singin‘ …).

  2. Bersarin schreibt:

    Ja, ein Eindruck, den ich ebenso hatte. Und Sie haben das gut auf den Punkt gebracht. Die Version auf der Platte, also der elektronischen Datei, kommt etwas souveräner herüber. Ich denke, dieses „Un“ liegt an der Situation im Studio und der Probe. Am Schluß sagt sie ja auch: „Diese Version war doch besser, oder?“ Aber im Grunde paßt diese Performance gut zu dem Liedtext. Ja, das hat auch was Trauriges, wenn man die Lassie Singers von früher kennt. Jugend adé. Aber ich finde, daß das auch seine Vorteile hat. Viele sogar!

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