Jener jungen Körper – Die Photographien Ren Hangs

Heute am Vormittag sollte eigentlich ein wenig noch zu den Fragen der Kunst gehegelt und geschlegelt werden, aber gestern abend las ich in der „Welt“, daß der chinesische Photograph Ren Hang sich mit nur 29 Jahren das Leben nahm. Ich habe im Juni 2016 anläßlich der f/stop in Leipzig im Kunstkraftwerk Hangs Photographien gesehen. Dort gab es eine Sammelausstellung chinesischer Photographen, vom Konfuzius-Institut mitorganisiert. Das bot eine interessante und durchaus auch kritische Perspektive auf China. Natürlich kann man von einem komplexen Land und seinen Lebenswelten nur einen Ausschnitt in Kunst liefern. Das Ganze gibt es nicht – nicht einmal im Gesamtkunstwerk, das heute wohl eher einer Parodie gliche. Zu wünschen wäre dennoch, wenn eine solche Ausstellung zu den Positionen chinesischer Photographie auch in einem größeren Rahmen stattfände. Daß Ren Hangs Photographien in China nicht ganz unproblematisch gewesen sind und ihm manchen Ärger einbrachten, steht zu vermuten – insbesondere, wenn man Hangs gewitzten, frechen, aber immer feinsinnigen Umgang mit dem nackten Körper nimmt.

Die Photographien Hangs blieben mir sofort im Kopf haften oder weniger pathetisch: ich hatte seine Bilder nicht vergessen. Vielleicht gerade deshalb setzten sie sich im Gedächtnis fest, weil sie so gar nicht zu meiner Art des Photographierens paßten, die sich am Dokumentarischen ausrichtet. Auch innerhalb der oft sozialkritischen Reportage-Aufnahmen in der Ausstellung fiel Hang heraus. Es kaprizierte sich nicht auf das Zerstörerische, auf ruinierte Landschaften, auf die Lebensverhältnisse Chinas, sondern seine Bilder zeigten eine artifizielle Welt. Fast könnte man es Pop nennen. Menschen stehen und liegen in Posen, die sie ansonsten nie einnehmen wurden, umgeben sich mit Objekten, die sie vermutlich nie in direkter Nähe zulassen. Die Photos weisen abbildrealistisch auf die organische Form des Körpers. Eines Körpers, der mit einer Landschaft oder mit anderem Organischen wie Blättern, Tierkörpern oder mit anorganischem Material wie Federn, Steinen und Wasser in Korrespondenz tritt. Körperformen, die sich fügen, einschmiegen ans Material und dabei doch so scharf den Gegensatz zwischen Leib und Artifiziellem hervorkehren. Wodurch die schmalen Körper noch viel fragiler wirken.

Ebenso zeigt Hang den sexualisierte Körper, wie man insbesondere auf seiner Homepage sehen kann. Das weibliche Geschlecht, manchmal mit Seltsamem drapiert, z.B. einer Zigarette in der Scheide, als ob diese rauchte, das männliche Geschlecht, in erregtem Zustand, daran eine Krawatte hängt. Das Sexualisierte, oft auch Brutalisierte, wird dabei immer mal wieder spielerisch gebrochen, so daß der Betrachter lächeln muß. Messer an Muschi sind nicht jedermanns Sache, doch in der Weise, wie Hang es arrangiert, schaue ich gerne zu.

2010-39

Diese geschmiegte, geschmeidige Form des menschlichen Körpers in seinen späteren Arbeiten nimmt sicherlich untergründig (oder auch offen) Bezug auf Edward Westons Schwarz/weiß-Körperformen, Was bei Weston aber fast in die Abstraktion des Körpers gleitet und diesen zugunsten eines anorganischen Materials, mineralischer Natur fast, dekomponiert und in einen anderen Zusammenhang versetzt, wird bei Hang wieder auf den Körper des Menschen zurückgeführt. Gleichsam eine Verfremdung, ohne zu fremd zu werden. Hang nähert sich insofern dem klassischen Akt wieder an, überzieht ihn jedoch unter der Optik der Schönheit mit Farben. Farben, so klar und satt wie aus einem Glamour-Magazin.

000019Anders noch seine frühen Photographien von 2008. Schnappschüsse von jungen Menschen, oft wirken sie experimentell, man denke Nan Goldins Photographien. Eine Jugend, des Augenblicks Beute, eine Zigarette mit Frau im gelben Oberteil und einer Spaßbrille. Manches Bild scheint fast eine unmittelbare Referenz an Goldin zu sein, der Junge in der Badewanne, vielleicht um zu sehen, wieviel in China geht. Hier, in dieser früheren Phase sind die Photographien roher. Im Sinne einer Körperskulptur könnte man meinen: Unbehauener. Fleisch als Fleisch, Körper als Körper. Später wird das dann technisch ausgefeilter.

Aber es scheinen diese abgelichteten Körper junger Menschen nie ganz von dieser Welt. Funktionslos in fremden Kontexten. Und doch schiebt sich über die Körperform – zumindest bei den späteren Photographien – immer die Schönheit ins Bild. Wie unvergänglich und wie ewig erscheinen diese schmalen Leiber. Junge Menschen, oft in Posen, die alles Reale der Welt transzendieren. Verträumt, spielerisch, oft mit Witz.

Im März wird im Taschen Verlag ein Photoband von diesem ganz und gar ungewöhnlichen Photographen erscheinen. Traurig, daß Hang sich das Leben nahm. Wie wenig doch von uns Menschen am Ende bleibt.

Wer sich auf Ren Hangs Website umschaut, kann einen Eindruck von der Art seiner Photographie erhalten. Es lohnt sich!

Photo 1 u. 4: Bersarin, Photo 2 und 4 Ren Hang, der Homepage entnommen.

 

 

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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7 Antworten zu Jener jungen Körper – Die Photographien Ren Hangs

  1. Dieter Kief schreibt:

    Ja, Hang ist gut. Oops – er war suizidal?!

    In Japan haben sie keine Wetten darauf gemacht, dass der junge Moriyama alt werden würde. Weil keiner damit rechnete. Der junge Gursky war eine Weile down.

    Hoffentlich ok: Eylül Aslan – vor einiger Zeit jedenfalls in Berlin. – Die ist nah an Hang, wie auch Wolfgang Tillmans.

  2. Bersarin schreibt:

    Von Moriyama wußte ich es nicht. Ich hatte ihn zuletzt in Paris gesehen, bin extra deshalb dorthin gereist.

    Bei Tillmans sehe ich diese Nähe eher in seinen Bildern aus den 90ern. Ansonsten ist er sehr wandelbar. In London läuft gerade eine Retrospektive. Da frage ich mich, ob ich hinreise. Andererseits ist dieses Jahr schon die documenta. Und nach Wien wollte ich ebenfalls. Das wird mir ein wenig zu viel Herumreisen.

  3. Dieter Kief schreibt:

    Naa, wg. Tillmans nie nach London, ich auch nicht.
    Kassel ja, Münster wird sicher super. Ansonsten – ein eschtä Hammä: Dillis, Schweinfurt.
    Wenn ich irschndein Hebel in der Hand hätte: Nagut, e Hebele: Johann Georg Dillis, Schweinfurt
    . Ein wirklicher Dokumentar der flüchtign Wolken-Natur. Der erste seiner Art, soviel ich sah.
    Von Daido Moriyama gibts immer wieder fantastische Bücher, und es gibt die Handabzüge. Paris habbich nich‘ gesehen, aber – momentemal: Basel, Kunstmesse, 2014 – – da rum – – irrsinnsgroß aufgepustete Moriyama-Abzüge von seiner Osloer Galerie. Die hatten auch einen topp-Katalog.
    Die riesen-Abzüge machen kaum mehr Eindruck als die 20X30 Abzüge in den weißen Holzrahmen, die ich vorher in Winterthur sah. Wirken schon, aber halt auch ein bißchen leer. Zudem hingen sie z. t. in drei-vier Meter Höhe… Die kleinen Bilder erfüllen voll ihren Zweck.
    Er hat übrigens eine tolle web-Seite.

  4. Uwe schreibt:

    @Bersarin: Danke für den Hinweis.
    Sehr aparte Aktfotografie, mit einer starken Präsenz des Körperlichen.
    Obgleich in erotischen und erotisierenden Posen gezeigt, wirken sie nie pornografisch, sondern durch die formale Strenge und Künstlichkeit des Ambientes gewissermaßen in eine eigene Sphäre gehoben: Körperplastiken, im Licht modelliert und bisweilen durch das kompositorische Arrangement zu einem Konglomerat aus Gliedmaßen umgewandelt. (Hierbei wurde ich an Daisuke Yokota erinnert: https://www.google.de/search?q=daisuke+yokota&biw=1366&bih=673&tbm=isch&tbo=u&source=univ&sa=X&sqi=2&ved=0ahUKEwjPlrHatrfSAhUkJMAKHQseCiIQsAQIJw )
    Erstaunlich auch, wie variabel und motivreich ein fotografisches Werk sein kann, obwohl es – soweit ich das anhand seiner Website überblicke – eher monothematisch ausgerichtet ist. Aber vielleicht liegt gerade in der Konzentration auf das, was ihn angeht / anmacht, die Kraft seiner Bildfindungen.
    Nicht zuletzt werden diese Fotos innerhalb der chinesischen Gesellschaft und den dortigen politischen Verhältnissen ihre oppositionelle und moralische Standards und traditionelle Rollenbilder unterlaufende Wirkung gehabt haben. Du deutest das ja auch an. (Hier fand ich den Hinweis von Dieter Kief auf Aslan sehr treffend)

    @Dieter Kief: Apropos Wolken & Schäfer
    „Fume lag auf dem Dach, rauchte und schaute den Wolken zu. Sandfarbene Vorhänge, hinter denen ein geheimnisvolles Theater gegeben wurde. Im Osten blutende Rosensträucher, im Westen dünn verschmierter Taubenkot. Seit einiger Zeit kroch ein Berg über ihn hinweg, ein Cumulus mediocris voller Schluchten, Kamine und Korridore. Ohne Seil und Haken würde er dort oben sofort abrutschen. Wenn es einen Mann im Mond gab, dachte Monsieur, mußte es auch einen Mann in den Wolken geben, der über die flaumigen Wattebäuche kletterte. Entschlossen machte sich Monsieur auf den Weg, zuerst auf die Höhe der Stratocumuli, dann weiter zu den locker gruppierten Cirrocumuli, bis er auf einer Cumulonimbus Tritt faßte und noch höher stieg. Eines Tages, das wußte er, würde er nicht mehr zurückfinden.“ (Martin R. Dean, Monsieur Fume oder Das Glück der Vergeßlichkeit, 1998)
    Ich konnte Ihrem Kommentar nicht ganz entnehmen, ob Sie schon da waren. Aber falls nicht, wäre Dean vielleicht ein schöner belletristischer Begleiter für eine eventuelle Reise nach Schweinfurt. Die Sammlung Schäfer lohnt sich ohnehin immer, und Dillis‘ Auge fürs Flüchtige und wie er dieses dann mit einer äußerst differenzierten Strichtechnik ins Bild bringt, ist phänomenal. Ich selbst werde es nicht schaffen, kenne ihn aber aus anderen Ausstellungen. Ich wünsche Ihnen, dass Sie das „Hebele“ umlegen und hinreisen können. Und hinsichtlich Ihrer Formatfrage bei Moriyama, kann man bei Dillis u. a. auch lernen, wie groß die Bildwirkung gerade im kleinen Format ist.

    Gruß, Uwe

  5. Bersarin schreibt:

    @ Dieter Kief: Stimmt, Münster-Skulptur ist und Biennale Venedig. Oha, oha. Danke auch für die Empfehlung Johann Georg Dillis. Da müßte man dann das passende Buch hinzunehmen: Klaus Reichert: „Wolkendienst. Figuren des Flüchtigen“: Bekam gute Kritiken und ist für den Leipziger Buchpreis nominiert. Steht auch auf meiner Leseliste. Aber im Moment Lorenz Jägers neue Benjamin-Biographie. (Wobei ich seine Adorno-Biographie stellenweise problematisch fand. Aber das ist ein anderes Thema)

    @ Uwe: Danke für den Hinweis auf Daisuke Yokota, den ich nur vom Namen auf meiner Liste hatte. Gerade was die Rollenbilder betrifft, die bei Hang unterlaufen werden: das ist ein wichtiger Hinweis. Ich denke, daß diese Photos gerade deshalb und von ihrer Position aus, von China her betrachtet und nicht nur mit unserem westlichen Auge, so interessant sind.

  6. Uwe schreibt:

    Apropos Yokota:
    Jenseits des „Looks“ der unterschiedlichen fotografischen Verfahren fand ich vor allem vergleichbar, wie das Arrangement der Körperteile neue und andere Weisen des Zusammenseins kreieren. Die Gliedmaßen werden fragmentisiert und dadurch zu Bildelementen einer Komposition, die zugleich abbilldhaft und abstrakt, körperlich und formal interpretiert werden kann. Bei Yokota freilich mehr als bei Hang. Dies nur noch zur Erläuterung.

    Gruß aus dem windumtosten Haha,
    Uwe

  7. Bersarin schreibt:

    In diesem Sinne kommen mir Yokotas Bilder sehr entgegen, weil darin so eruptiv die Brüche eingebaut sind.

    Beste Grüße aus dem sonnigen Berlin

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