„immer wieder die kleinen Häuschen und vereisten Fensterscheiben und Schnee und Menschenleere“ – Neuhaus am Rennweg (Thüringen)

Wenn ich am Morgen durch die Landschaften aus Schnee spaziere, wie an jenem Wochenende im Thüringer Schiefergebirge, wenn ich in einer freundlichen Höhe von 766 Meter über Normalnull tief durchatme, kommt mir Kafkas später Roman „Das Schloß“ in den Sinn. Auf einer zweiten eingezogenen Ebene handelt dieser Roman vom Schnee; er zieht sich als Motiv durch das Buch. Immer wieder eingestreut finden sich die Bilder von einer Kältelandschaft. Sie bestimmen die Szenerie, determinieren das Leben im Dorf. Eine Welt, von Schwere getragen. Ich denke dabei unwillkürlich an van Goghs Bild von den Bauernstiefeln  – auch wenn ich übers von Schnee bedeckte Feld blicke. Erdschwer, wie Heidegger diese Schuhe beschrieb. Dabei stammte das Schuhwerk von einem Pariser Trödelmarkt und es waren van Goghs eigenen Schuhe. Nicht der auf die Scholle geeichte Bauer, sondern der vagabundierende Künstler, der durch die moderne Großstadt stolpert, das Paris des XIX. Jahrhunderts, im postbaudelaireschen Zeitalter. Die Ware  – zur Höchstform entfaltet, in den Passagen und Schaufenstern ausgestellt und illuminiert.

„Es war spät abends, als K. ankam. Das Dorf lag in tiefem Schnee. Vom Schloßberg war nichts zu sehen, Nebel und Finsternis umgaben ihn, auch nicht der schwächste Lichtschein deutete das große Schloß an. Lange stand K. auf der Holzbrücke, die von der Landstraße zum Dorf führte, und blickte in die scheinbare Leere empor.“

„Nun sah er oben das Schloß deutlich umrissen in der klaren Luft und noch verdeutlicht durch den alle Formen nachbildenden, in dünner Schicht überall liegenden Schnee. Übrigens schien oben auf dem Berg viel weniger Schnee zu sein als hier im Dorf, wo sich K. nicht weniger mühsam vorwärts brachte als gestern auf der Landstraße. Hier reichte der Schnee bis zu den Fenstern der Hütten und lastete gleich wieder auf dem niedrigen Dach, aber oben auf dem Berg ragte alles frei und leicht empor, wenigstens schien es so von hier aus.“

„‚Wie lange haben wir noch bis zum Frühjahr?‘ fragte K. ‚Bis zum Frühjahr?‘ wiederholte Pepi. ‚Der Winter ist bei uns lang, ein sehr langer Winter und einförmig. Darüber aber klagen wir unten nicht, gegen den Winter sind wir gesichert. Nun, einmal kommt auch das Frühjahr und der Sommer, und es hat wohl auch seine Zeit; aber in der Erinnerung, jetzt, scheint Frühjahr und Sommer so kurz, als wären es nicht viel mehr als zwei Tage, und selbst an diesen Tagen, auch durch den allerschönsten Tag, fällt dann noch manchmal Schnee.‘“

In bezug auf die Blog-Serie zur Gemeinschaft, deren zweiter Teil diese Woche folgt, fällt im Kontext zu Kafkas „Schloß“ auf, daß mit dem Begriff der Gemeinschaft zugleich der von Identität und von Heimat verbunden ist. An jenem Ort seßhaft sein, so strebt es K. an, zu den Bewohnern des Dorfes zu gehören. In diesem Sinne vermißt jener, der sich als Landvermesser des Dorfes ausgibt, zugleich eine innere Landschaft. Und genau dieses Bodenhafte dachte sich Heidegger, als er in seinem Kunstwerkaufsatz das Bild van Goghs deutete. Man kann das in einem dummen und nationalen Sinne nehmen, wie es die kulturalistische Linke gerne denunziert – heimlich die Zeitschrift „Landlust“ lesend –, genauso aber im Sinne einer Zugehörigkeit zu etwas: daß wir alle bestimmten Orten und Landschaften verbunden sind. Heimat und Identität mögen insofern zufällig sein, als sich niemand aussuchen kann, wohinein er geboren wird. Nicht zufällig ist jedoch der Bezug zur Ortschaft, zu bestimmten Regionen der Kindheit. Adorno zeigte dieses wie von Zauberhand gewirkte Verhältnis zur eigenen Geschichte auf wunderbare Weise in seinen „Meditationen zur Metaphysik“ und in seiner Philosophie-Miniatur „Amorbach“ – jene Ortschaften im Odenwald, die bereits beim Klang des Namens so etwas wie eine glückliche Kindheit wieder heraufbeschwören. Aber ebenso illuminiert der Reiz des Verbotenen jenen Ort, der im Blochschen Sinne eine Heimat ist. Ein Ort, an dem wir bisher noch gar nicht sind.

„Unbewußtes Wissen flüstert den Kindern zu, was da von der zivilisatorischen Erziehung verdrängt wird, darum ginge es: die armselige physische Existenz zündet ins oberste Interesse, das kaum weniger verdrängt wird, ins Was ist das und Wohin geht es. Wem gelänge, auf das sich zu besinnen, was ihn einmal aus den Worten Luderbach und Schweinstiege ansprang, wäre wohl näher am absoluten Wissen als das Hegelsche Kapitel, das es dem Leser verspricht, um es ihm überlegen zu versagen.“ (Th. W. Adorno, Negative Dialektik)

Interessant in diesem Zusammenhang scheint mir die Lektüre von Peter Trawnys bei Matthes & Seitz erschienenem Bändchen „Was ist deutsch? Adornos verratenes Vermächtnis“. (Übrigens keine deutschtümelnde Renationalisierung Adornos, wie mancher jetzt auf die schnelle mutmaßen mag.) Eine Rezension des Buches folgt hier demnächst.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
Dieser Beitrag wurde unter Photographie, Reisen veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

9 Antworten zu „immer wieder die kleinen Häuschen und vereisten Fensterscheiben und Schnee und Menschenleere“ – Neuhaus am Rennweg (Thüringen)

  1. nhasenoehrl schreibt:

    Danke für diese assoziative Berichterstattung aus einer Gegend, die ich überhaupt nicht kenne. Daher schätze ich auch die Photos, die zum Teil sehr gelungen sind. Man könnte ja nun einwenden, dass Sie eigentlich kaum über die Gegend reden, sondern über Heidegger, Van Gogh, Kafka und Adorno. Aber auch das malt eine Landschaft. Ich muss bei Schnee immer an den viel zu unbekannten Leo Perutz denken, der einige unvergessliche Bilder in meine Erinnerung gemalt hat mit seinen Romanen.

  2. Bersarin schreibt:

    Photographien und Text ergänzen sich oder spiegeln verschiedene Aspekte einer Sache – oder sollten das zumindest im Idealfall. An Leo Perutz ist in der Tat immer wieder zu erinnern. So richtig präsent ist er eigentlich nicht mehr – was schade ist. Wir verlieren vor lauter Aktualitätswahn die guten Dinge aus den Augen.

  3. nhasenoehrl schreibt:

    Stimmt. Bei mir war’s immer umgekehrt, ich habe mich sehr lang NUR an manche der guten Dinge geklammert und muss jetzt lernen, mich zu öffnen. Sozusagen die andere Seite des Problems. Jedenfalls schätze ich Ihren Blog, das kann man nicht oft genug sagen.

  4. nhasenoehrl schreibt:

    Wie sind Sie eigentlich auf den Namen „Bersarin“ gekommen? Ist da wirklich Nikolai Erastowitsch Bersarin gemeint, der erste sowjetische Stadtkommandant von Berlin ab 1945? Und wenn ja, warum? Geht mich nichts an, aber ich bin eben von Natur aus neugierig.

  5. Uwe schreibt:

    Herrn Bersarins Gespür für Schnee;-)
    Eine Portion Fremdheit gehört schon dazu, die Bildwürdigkeit eines solchen Ortes zu erkennen. Wer sonst als der Besucher mit geschultem Auge sieht die lineare Dynamik von Stromleitungen oder die grafischen Strukturen von Ästen im Schnee und die rhythmischen Formmuster von Holzstapeln?! Der Einheimische gibt sich eher selten Rechenschaft darüber, welche ästhetischen, jahreszeitlich bedingten Attribute seine ihm vertraute Landschaft besitzt. Ihm ist sie weder fremd noch bietet sie ihm Anlass zur quasi künstlerischen (hier: fotografischen) Erkundung.
    Zudem sind das ja alles andere als gewöhnliche Souvenirmotive, die Du hier festgehalten hast. Es handelt sich hier – meiner Einschätzung nach – um sachliche Bestands- und Momentaufnahmen, im dokumentarischen Habitus aufgenommen und mit Sinn für Komposition ins Bild gesetzt. Für Dich durchaus mit Erinnerungen, aber für den Betrachter eher neutral und deskriptiv, es sei denn, eine persönliche Geschichte wird zu den Motiven assoziiert, gerne auch aus der eigenen Kindheit.
    Gruß, Uwe

  6. Bersarin schreibt:

    Es ist der Bezug zu Berlin, der Klang des Namens und das Interesse des Stadtkommandanten für Kultur. Eine interessante und leider in Berlin etwas vergessene Person – man mag nun zu den Sowjets stehen wie man will.

  7. nhasenoehrl schreibt:

    Damit kann ich leben. Danke für die Auskunft.

  8. Bersarin schreibt:

    Lieber Uwe, leider ist Dein Kommentar im Spam gelandet, frage mich nicht wieso.

    In der Tat „lesen“ sich diese Photographien für den normalen Betrachter eher wie Dokumente. Die Geschichten macht sich jeder selbst dazu. Mich erinnern solche ausgestorbenen Dorflandschaften unwillkürlich an Kafkas Schloß. Überhaupt ans Böhmische. Obwohl diese Orte im Thüringischen, an der Grenze zum Fränkischen liegen.

  9. Bersarin schreibt:

    Im übrigen rate ich allen Leserinnen und Lesern, sich auf Uwes Blog umzusehen. Da sind im Augenblick gerade wieder phantastische Photographien zu sehen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s