Eisfeld (Thüringen) oder in der Abstraktion

Gewaltige Stille. Alles brach, kein Laut dringt ans Ohr, wenn ich durch die Gassen dieses Ortes schreite. Fast wie eine Ewigkeit, une saison en enfer. Dichterorte, Spielwiese für Photographieflaneure, die das Leben, das für viele schon lange nicht mehr lebt, gerne pointieren. Und doch ist es eine besondere und in Teilen sogar schöne Welt. Eine der schönen Fernen, die schwierig macht. In der realen Ferne der Kleinstadt jedoch tönen nur die vorbeifahrenden Autos, die über die Landstraße 4 brausen.

Es gibt diese Orte, in denen nichts geschieht, keiner rührt sich, keine Bewegung, kein Hauch, nicht einmal eine Gardine bewegt sich, hinter der jemand hervorlugte oder hinter der ich wenigstens ein menschliches Gesicht vermuten könnte. Die Augen blickten verstohlen auf die Straße und betrachteten mit Argwohn, was ich dort treibe. Um gleich die Gardine zurückgleiten zu lassen, sobald der Beobachter bemerkt, daß er von dem Beobachteten mit dem Photoapparat, selber wiederum beobachtet wird. Vetterchens Eckfenster vielleicht. Aber Eisfeld ist nicht Berlin, nicht einmal Bamberg – Orte, an denen sich der Menschenbeobachter E.T.A. Hoffmann aufhielt.

Der vermeintliche Betrachter hinter der Gardine wird kein Luhmann-Leser sein. Beobachtungen höherstufiger Ordnung durchführend. Ein Menschenschauer hinter dem Glas. Ein Eisfeld-Philosoph und der Poet im stillen Ort in der Kammer. Eigentlich ist Eisfeld eine ideale Stadt für Berliner Möchtegern-Dichter oder solche Irgendwasmitmedien-Schreiber, die sich gerne Kulturjournalisten nennen, das Heer der Prekären: Um runterzukommen vom Erlebnisdrang oder einfach, weil es hier günstig ist. Immobilien kosten nicht viel, Mieten sind bezahlbar.  Hier lebt es sich gediegenen und fern jeglicher Aufregung. Nur an den Dialekt muß der Zugereiste sich gewöhnen. Weit ab vom Schuß, höchstens vielleicht der aus einer Gaspistole.

Eisfeld liegt am südlichen Rand des Thüringer Waldes. Es ist der fränkisch geprägte Süden Thüringens, und dies höre ich bereits am Dialekt der wenigen Menschen, die mir hier begegnen werden. Eisfeld sei die drittgrößte Stadt im Landkreis Hildburghausen berichtet mir Wikipedia, als ich im ungemütlichen Pensionszimmer nahe Siegmundsburg im Internet recherchiere. Kleines Kaff im Thüringer Schiefergebirge. Mare crisum.

Einzig auf dem Parkplatz des Orts-Edekas tummelt sich ein wenig Leben. Menschen gehen in dem Markt hinein oder mit vollen Taschen wieder heraus zu ihren Autos. Der Marktplatz mit dem Rathaus und der Apotheke ist menschenleer. Ein PKW mit einem  Riesenlettern-Aufkleber an der abgedunkelten Heckscheibe parkt am Platz: „Division Thüringen“ prangt dort in lässiger Frakturschrift. (Die die Nazis allerdings verobten hatten.)  Ein paar Schritte weiter finde ich das Schloß; darin ein Museum still schlummert und ein griechisches Restaurant. Die Runde durch den Ortskern, sofern diese Bezeichnung zulässig wäre, ist schnell gemacht. Vor dem Edeka eine Bratwurstbude, ein Mann wendet auf dem Rost die Thüringer, wärmt sich an der Elektroglut. Gegenüber dem Parkplatz liegt eine Bäckerei. Dort esse ich zwei Stücke ausgesprochen leckeren Kuchen. Der ist nämlich tatsächlich selber gebacken. Etwas, das ich in Berlin nur in ausgewählten Konditoreien bekomme. Die Kuchen von Havelbäcker oder wie diese Art von Fertigungsstätten für Instantkuchen auch heißen mögen, schmeckten nicht, und auch die der Konditorei Reichert sind nur halb so gut. Heimwärts dann und gestärkt geht es zurück ins Gebirg. Welt aus Schieferstein.

 

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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5 Antworten zu Eisfeld (Thüringen) oder in der Abstraktion

  1. nhasenoehrl schreibt:

    Danke für diesen Beitrag und für die Bilder. Nur so als ein à propos: Mir ist schon vor längerer Zeit aufgefallen, dass ich mich als geborener Wiener in Städten, die einmal zur Habsburgermonarchie gehört haben und denen man das in der Regel auch ansieht, viel mehr zu Hause fühle als in Deutschland. Ist vielleicht kein Wunder: Budapest, Prag, Triest, Bratislava, sogar Orte wie Opatija sehen, in manchen Details, in manchen Straßenzügen, fast genauso aus wie manche Gegenden in Wien (dass es in Wien inzwischen auch Viertel gibt, die für mich wie Mondlandschaften wirken in ihrer gräßlichen, fast stalinistischen Architektur, das ist jetzt wieder eine anderen Geschichte). Ich habe mich beim Betrachten der Photos aus Eisfeld gefragt, ob dieses Prinzip auch auf Dörfer anwendbar ist. Muss nicht sein, ich habe Dörfer in Tschechien gesehen, die ähnlich auf mich gewirkt haben wie dieses Eisfeld. Und auch im Waldviertel, also Österreich an der Grenze zu Tschechien, gibt es sowas. Aber doch ein bisschen anders…

  2. Bersarin schreibt:

    Es hängen solche Bilder von Dörfern und Kleinstädten immer auch mit dem Sozialen zusammen: Keine Arbeit, kein Geld, weit ab vom Schuß. An der deutsch-tschechischen Grenze im Erzgebirge ist es besonders schlimm. Durch einen Ort fuhren wir, der an die Serie The Walking Dead erinnert. Crystal Meth-Zombies, die auf den Straßen hausen.

  3. nhasenoehrl schreibt:

    Ja, das ist zweifellos richtig, allerdings sind das zwei verschiedene Schienen, wenn ich so sagen darf. Es freut mich jedenfalls, Ihren Blog gefunden zu haben, dem ich nun folge.
    Beste Grüße, NH

  4. Frau Einstrich schreibt:

    Hier begab sich soeben ein erstaunlicher Zufall… Ihr Blog wurde mir vorgeschlagen, ich klickte -mehr aus Langeweile, denn aus Interesse- darauf. Und dann… portraitieren Sie Eisfeld. EISFELD! Wo ich in meiner Kindheit hinter dem Friedhofsberg rodelte, mit einem roten Roller durch die Gassen zum Bäcker fuhr und am Löschteich der Fabrik die Fische fütterte. Damals- und das ist ein damals, dass durch Ihre Bilder in eine weitere Ferne rückt, als es müsste- damals war es bunt und lebendig. Wehmut ergriff mich beim Anblick der Ecken, die ich doch so anders in Erinnerung habe. Aber eine Sache kann und will ich nicht glauben, kein auch nur halbwegs anstänger Thüringer grillt Bratwürste auf einer Elektroglut!!! So herunter gekommen das Städtchen nun auch sein mag, aber hier geht es um ein Volksgut… Dennoch Danke für diesen Eindruck- ich weiß, wo ich demnächst mal einen Sonntagsausflug hinmachhe.

    Abgesehen davon hat Südthüringen übrigens sehr niedrige Arbeitslosigkeit, da der „goldene Westen“ ja zum Greifen nah ist. Beste Grüße und Danke für den Ausflug!

  5. Bersarin schreibt:

    Solche Zufälle freuen mich sehr. Photo-Dokumente bei einem Spaziergang von ein oder zwei Stunden sind freilich immer nur Impressionen eines Augenblicks. Zudem war es gegen Nachmittag unter dern Woche, als ich streifte- da kann es auch mal menschenleer sein. Aber in der Tat schien es, als sei im Zentrum von Eisfeld generell nicht viel los. Dennoch ein spezieller und interessanter Ort.

    Was die wirtschaftlichen Daten anbelangt, habe ich mich gar nicht so sehr umgetan. Allerdings standen leider viele Häuser leer. Andere hingegen, die bewohnt waren, wurden von ihren Besitzern liebevoll hergerichtet. Insofern vermute ich eine gewisse Schrumpfung des Ortes, aber eben keinen generellen Verfall.

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