All you need is love – Klaus Theweleit zum 75. Geburtstag

Alles Gute zum Geburtstag, ins schöne Freiburg gegrüßt, und es dankt der Philosoph in Berlin für all diese überbordenden Bücher, unendlich dick und nicht etwa nur ein Band, ein Teil geschrieben, sondern gleich in vielfacher Form geliefert, so daß der Text als unendlich wuchernder Zusammenhang auftritt. Für solchen Fall muß der Zuschauer keine Sorgen haben, daß Lesen je zu einem Ende findet: Die Schrift als Grundbaß, dazu eingesprengt Zeichnungen, Illustrationen, Comic-Szenen, Photographien, Zitate, Bildfetzen. Text ist Sex – das zumindest bewies Theweleit. Darkroom der Theorie; das, was unter den Schichten wuchert und lagert, freizulegen. Andocken an die Tradition und sie in diesem Akt des Hermeneutischen zugleich sprengen. Mit Marx, Lacan, Freud, und überhaupt der ganzen Philosophen-Gang, von Plato bis Hegel einen neuen Dreh (er)finden. Theweleit ordnete einerseits die Elemente, dekomponierte sie jedoch zugleich wieder, indem er sie in der Montage unterbrach. Nicht nur im Stil des Schreibens, sondern bereits beim Text-Material geschah das. Auch Bilder sind in dieser Variante eine Weise von Text. So kann man bei Theweleit qua Prinzip der Komposition wohl mit Recht von jener „Lust am Text“ sprechen.

klaus_theweleit_w74Heute erinnerte zudem Jens Balzer in der BLZ an jenen legendären Theweleit-Abend, im Oktober 2003 in der Volksbühne, wo Theweleit mit dem Dramaturgen Carl Hegemann diskutierte und beide sich von wildem Gedankenspiel über den Status der Realität treiben ließen; dann musizierte er mit seiner Band. Ein merkwürdiger Free Jazz-Sound mit dem ich nichts anzufangen wußte. Später traf Diedrich Diederichsen ein und weiter ging es mit dem Sprechen. Abfeuern von Gedankenblitzen und Assoziationen, so könnte man diesen Abend bezeichnen, der zu einer überbordenden, wuchtigen Nacht dann geriet. Mit einer Freundin lauschte ich in der Volksbühne, wir hörten, staunten, ließen uns treiben, überraschen und anregen. Hinterher betranken wir uns auf die übliche feine Art im alten „White Trash“ in der Torstraße. Schöne Wolfgangzeiten. Wenn ich denn da war, artete es immer wieder mal aus. Mit jenem grundsympathischen Barbetreiber. Genau in der Weise, wie philosophisch inspirierte Nächte sein müssen. Keine Kontrolle über das Resultat.

In der Philosophie (besonders in der akademischen) ist dieser Assoziationsraum, wie Theweleit ihn eröffnet und wie man ihn eben in solchen Nächten findet, leider zu oft versperrt, andererseits kommt bei solchen Assoziationen, die mit Plan auftreten oder gewollt-bemüht originell sich outrieren, meist nur der übliche Müll heraus. Gestelzte Originalität, mit einem Schuß Postmoderne, Lacan und Zeichenlesen angereichert. Das Ingenium aber fehlt, weil die Sache nun konstruiert wirkt und auf den Effekt schielt. Nicht so in diesem Fall. Einer jener wunderbaren Abende mit einer guten Freundin und hinterher in der Bar.

Das Verhältnis der Geschlechter in der Literatur, genauer, beim Akt des Schreibens selbst, ist auch das Thema Kittlers gewesen. Vor allem aber der Gebrauch von Medien. Mann und Frau – unter anderem –, medial verkoppelt. Aufschreibsysteme. Kafkas Schreibakt. Der Beatles-Song gerinnt zum titelgebenden Motto: All you need is love – aber gilt das für die „Objektwahl“ tatsächlich? Die Psychoanalyse ist ein feines Mittel, um verborgene Strukturen freizulegen. Das, was da „wirklich“ arbeitet? Frauen, so scheint es bei Theweleit, eignen sich insbesondere und viel besser noch als männliche Analytiker, um als Medium zu wirken. Von Kittlers „Grammophon Film Typewriter“ und „Aufschreibsysteme“ inspiriert heißt es im „Buch der Könige“:

Hören ist eine der Tätigkeiten, in denen Frauen, dem kulturellen Training nach, Männern überlegen sind. Wo Männer über Jahrhunderte gedrillt wurden, den öffentlichen Raum, den Raum des Handelns, der Gesetze und der Sinnverkündungen mit ihren Reden  und Schriften zu erfüllen, waren Frauen auf Beobachtungs-, Zuhör-, Wahrnehmungstätigkeiten verlegt. IN ihrer ungleich besser entwickelten Fähigkeit des Zuhörens und anteilnehmenden Erinnerns liegt einer der Gründe für ihre Überlegenheit als Analytikerinnen.

Und: gute Analytiker sind in erste Linie gute Aufzeichner; Aufzeichnungsgeräte dessen, was Patienten von sich geben. (Freud verglich nicht umsonst die gleichschwebende Aufmerksamkeit des analytischen Ohrs mit der des Telefonhörers.)

Auf diesen Punkt kommt es mir an: Daß schreibmaschineschreibende Frauen und Psychoanalytikerinnen (zwei Frauenarten, mit denen kunstproduzierenden Männer nach 1900 häufig Liebesbeziehungen unterhalten), eng mit den avanciertesten Aufschreibsystemen, Aufzeichnungstechniken verbunden sind.

(…)

Nietzsche, dreiviertelblind, geht voran: als erster europäischer Philosoph mechanisiert er sich und bestellt eine Schreibmaschine, eine dänische Malling Hansen. Auf der Suche nach einem Mann, der ihm die Maschine bedienen soll – sie ist immer kaputt, ‚dellikat wie ein junger Hund‘ – wird ihm eine Frau vorgestellt (eine Nietzsche-‚Schülerin‘), in die er sich (vergeblich) verliebt: Lou Andreas Salome; später eine der ersten Psychoanalytikerinnen.“ (Klaus Theweleit, Buch der Könige. Band 1 Orpheus und Eurydike)

Eine interessante Assoziation von Aspekten. Ob sie in dieser spekulativen Anordnung faktisch stimmen, scheint fast zweitrangig, denn der Gedanke als solcher ist originell. Er bietet denen, die lesen, Anlaß fürs Debattieren. Auch darauf kommt es beim Akt des Denkens und Aufschreibens an.

Photographie: cc-Lizenz, wikipedia. Klaus Theweleit bei einer Lesung und Vortrag über sein Buch Das Lachen der Täter: Breivik u.a. im Club W71 in Weikersheim.15. April 2016, 21:02:27
Urheber: Schorle

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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Eine Antwort zu All you need is love – Klaus Theweleit zum 75. Geburtstag

  1. ziggev schreibt:

    Indikativsätze im Trommelfeuer. Eben gerade die Sendung auf ehem. BR Alpha-Forum, jetzt ARD-Alpha, gesehen. Ganz wunderbar (PDF zum nachlesen). Er pointiert seine Thesen im Gespräch derart gedrängt und ohne Ähs und ohne noch mehr Ähs, fast rap-mäßig aber ohne jede Atemlosigkeit, dass einem fast schwindelig werden würde, wenn sich nicht mit jedem Satz jedesmal neue Einsichten ergeben würden. Vollumfänglich orientiert über das nicht wenig komplexe System seiner Thesen, immer auf den Punkt, kohärent, konsistent.

    Abschweifungen – ja. Aber nie zu weit. Und immer nur, weil erforderlich. Im norddeutschen Ton, konzis. Klarer Eindruck eines Menschen, der nicht alt wurde über seinem Geschwafel über seine Theorien und Thesen ober umgekehrt. (Ich wusste ja schon immer, ich bin ein Renaissance-Mensch.)

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