Good Morning, America!

Ladys and Gentlemen: The president of the United States!

Und jetzt mal nicht so antiamerikanisch, Freunde von SpOn und von anderen Medien, die ihr bei jedem Krieg, bei jedem Regime Change, bei jeder neoliberalistischen Regung und bei jedem TTIP jahrzehntelang im Arschloch von Bush und Obama gehockt habt und euch in der hohen Kunst des Schweigens übtet. Ich freue mich zwar nicht über Trumps Wahl, aber eines gewissen Witzes entbehrt diese Wahl und die gestrige Antrittsrede nicht. Allein deshalb, weil das versteinerte Gesicht des Transatlanikers Claus Kleber im heute journal Bände sprach.

Nun sind freilich Trump und seine Politik deshalb noch lange nicht gut, weil wir uns über die belämmerten Gesichter der Bidders und Klebers freuen. Auch in diesen Umkehrschluß sollte niemand verfallen. Die Kritik sowohl an Trump wie auch an einem Journalismus, der sich blind gegenüber bestimmten Phänomenen stellt, sollte das Ziel einer pluralen Berichterstattung sein. Zumindest in der Variante, die man in der Jurisprudenz „Die überwiegend herrschende Meinung“ nennt, war diese Pluralität bisher nicht so häufig anzutreffen. Ich denke an die Berichte zu Syrien und Aleppo, zum Yemen, zur Ukraine, zur Griechenlandkrise. Merkels und Kai Dieckmanns sowie Ulf Poschardts Mitleid mit den Griechen hielt sich arg in Grenzen.

Erstaunlich bleibt jedoch, wie kritisch Journalisten, die man vorher bei ihrer Kritik zum Jagen tragen mußte, mit einem Male berichten können, wenn sie denn wollen. Honi soit qui mal y pense! Insofern hat die Wahl Trumps zumindest ein gutes, und allein in diesem Sinne war gestern ein gelungener Tag, der uns zeigt: Es geht. Früher in den Zeiten des journalistischen PR-Sprechs wurden solche Berichte freilich in anderen Kontexten immer als Antiamerikanismus gelabelt. Aber jetzt rede ich schon wie so ein Journalist aus alten Zeiten.

Ja, es ist lustig, gestern und heute morgen bei SpOn (und auch in anderen Medien) zu lesen. Große Beruhiger, die sonst und in allen anderen Zusammenhängen in schöner Konstanz vor Hysterie warnten, hyperventilieren plötzlich. Große Schweiger bei der US-Politik verwandeln sich zu wagemutigen Kritikern und spreizen sich zu Meistern der Rhetorik. Was für wundersame Metamorphosen. Erinnert sich noch jemand an Herta Däubler-Gmelin und ihre Kritik an Bush und wie man mit Däuber-Gemlin umsprang, als sie in ein paar harmlosen Sätzen Bush kritisierte? Ja?

Bei SpOn-Journalisten muß ich immer an den Satz aus Schillers „Die Räuber“ denken: Kerls, die in Ohnmacht fallen, wenn sie einen Buben gemacht haben, kritteln über die Taktik Hannibals.

Im Trump-Kontext interessant sind zudem die Aussagen des philantrophischen Oligarchen George Soros in Davos. Die „Zeit“ titelte: „George Soros warnt vor ‚Hochstapler und Möchtegerndiktator‘ Trump“.  Einmal davon abgesehen,  daß Trump (bisher) ein demokratisch gewählter Präsident ist und es in den USA immer noch so etwas wie checks and balances gibt: Da geht wohl denen, die Obamas und Clintons Politik der Konfrontation und des Regime Change mit Hedge-Fonds und dubiosen Spekulationsgeschäften finanzierten, kräftig der Köttel in der Hose. Wie auch dem oben genannten Herrn Kleber. Andere Herren, anderer Einfluß. Es ist wie in Brechts Lied von der Moldau. Eine gewisse Schadenfreude angesichts von Soros‘ Verdienstausfalls kann ich nicht verhehlen. Ärgerlich allerdings, daß der Artikel zu erwähnen vergißt, inwiefern George Soros den blutigen Putsch in der Ukraine finanzierte und dort massiv eine Politik der Konfrontation schürte.

Ja, wir, die BRD, die Welt: wir werden mit Donald Trump und möglicherweise auch mit einer veränderten Weltordnung leben müssen. Für eine kluge Europapolitik bietet das eine Chance. Insbesondere, um eine andere Politik in den arabischen Großräumen und in bezug auf die Ukraine zu fahren. All diese Dinge sollten wir mit kühlem Blick betrachten und nicht in der Hysterie aufgescheuchter SpON-Journalisten. Benjamin Bidder wird sich eine neue Tafel suchen müssen, wo ein paar Happen für ihn abbröseln. Aber ich bin mir sicher, er wird, findig wie er ist, einen neuen und bequemen Platz ergattern. Die heute noch so aufgeregten Journalisten werden sich schnell arrangieren. Das Press-Wesen ist ein eigen Ding und solche Transformationen in Blitzeseile gehören zu seinem Metier:

„Der Journalismus ist ein Terminhandel, bei dem das Getreide auch in der Idee nicht vorhanden ist, aber effektives Stroh gedroschen wird.“ (Karl Kraus)

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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102 Antworten zu Good Morning, America!

  1. Herwig Finkeldey schreibt:

    Meine Meinung zu Trump ist ja bekannt: Er ist kein Nazi, sondern ein Businessman, der einen Staat leiten will wie einen Großkonzern. Das könnte daneben gehen.
    Darüber hinaus hat er eine mangelhafte Impulskontrolle, wirkt auf mich psychopathologisch (Cave: Ferndiagnose, deswegen nur mit Vorbehalt). Schlecht für den Job.

    Aber er hat nach den dortigen Spielregeln die demokratische Wahl gewonnen. Dafür gibt es Gründe und sie sind keineswegs misteriös (und liegen nichtin Moskau). Ein entscheidender Grund ist Hillary Clintons Verachtung der Abgehängten aus dem sog. rust belt. Nicht Trump hat mobilisiert – die traditionell demokratischen Wähler dort blieben zu Hause und wählten nicht Clinton. Das waren die entscheidenden Niederlagen in den swing states.
    Und die demokratischen Wähler gingen nicht zur Wahl, weil die demokratische Kandidatin über sie unglaublich verächtlich sprach. Weil sie es nicht für nötig hielt, ein paar Mal auch in Wisconsin vorbeizuschauen. Kann man ihnen die Wahlenthaltung verdenken?

    Auch unsere tapferen Vorkämpfer gegen den Populismus machen weiter schön die Fehler, die die Populisten zur Bestätigung ihrer einfachen Antworten auf komplexe Fragen brauchen. Da ist – ich hielt das erst für eine Satire – in Berlin tatsächlich eine Scheißhaustür wichtig gewesen. Mein Gott. Und Gendergerechter Straßenverkehr, war es nicht so etwas? Oder anderes Gender-gedussel?
    Insofern ist meine Hoffnung begrenzt. „Die Dinge müssen den Weg nehmen, den sie eingeschlagen haben…Ich sehe mich nicht in der Lage, sie aufzuhalten. Fassen Sie sich und suchen Sie Trost und Kraft bei Gott.“ So Johann Buddenbrook zum Bankroteur Bendix Grünlich. Viel mehr bleibt mir auch nicht. Wer mit Genderquatschquatsch Populisten aufhalten will, wird von Höcke schneller zusammengefaltet, als Trump twittern kann.

  2. Dieter Kief schreibt:

    Bersarin – Sie machen ja auch Journalismus, insofern ist Kraus nur bedingt witzsch.
    Marginalie. Apropos – die Groß-Wasserverdränger der FAZ waren wg. Trump heute Morgen durchaus aufgeräumt und gar nicht unbesonnen.

    Sonst – freu‘ mich über Ihren Artikel – und auch über Herrn Finkeldeys frische Worte.
    Komisch, bei Trump stört Sie die Einwanderungskritik offenbar nicht. Anderesmal waren sie da nigglig – – – . Aber von mir aus könne wir dieses Fass erst mal zusaleen 8obwohl es für trump ein große Fass ist – ok, ich lass mal gut sein.

    Zu Trump noch – zwei Sachen: 1) Weil es jetzt wieder allenthalben Hitler heißt. Mir fällt zu Hitler das da ein: 1) Trump ist blond – und 2) Hitler hatte keine Deutsche Verwandtschaft.

    Zum Chrakter Trumps. Er ist zielstrebig, extrem nervenstark und erstaunlich belastbar für einen älteren Herrn. Soviel ist klar. Psychopathologisches via Ferndiagnose durchzunehmen hat wenig Kraft. Spannend ist die Sache aber schon 8und für mich jetzt ganz privat – es ist keine rein positiv aufgeladene Spannung).

    Ok und bisschen ernster noch die Sache mit den Nationalen Interessen und dem US- (!) Vorrecht (!) der US-citizens***** – die jetzt landauf landab skandalisiert wird:

    Die Zahlen schwanken, aber es ist unter Experten davon die Rede, dass das Zählwerk jedenfalls fünfstellig ist, wenn es um diejenigen Fabriken geht, die in den USA geschlossen wurden im Rahmen der großen Freihandelsinitiative, die von Bush Senior gestartet und über Clinton, Busch den Jüngeren bis zu Obama exekutiert wurde.

    Und natürlich getrieben von der US-Funktionselite (= Wall St., die großen Unis, Hedge Fonds, New York Times usw.) – die großen vier: Geld, Geist, Medien und Politik stets traut vereint in Richtung Freihandel und Globalisierung, no matter what (egal auch, welche Partei! – Trump hat die Freihandelskritik gegen seine eigene Partei durchgekämpft, – er sollte gar nicht nominiert werden, deswegen).

    Die Folge: Die Amerikanische Oberschicht wurde reich und reicher. Das ist richtig. Die USA haben etliche der teuersten Firmen der Welt. Auch das stimmt. Aber wenn man dann Apple z. B. als die werthaltigste Firma überhaupt weltweit anschaut, dann beschäftigen die in (!) den (!) USA (!) weniger Leute in der Produktion als manche Firma in Deutschland z. b., die selbst hier kaum eine auch nur dem Namen nach kennt,nämlich weniger als eine Mittelstadt (weniger als 35 000 Leute (die Zählung ist nicht so einfach, aber die Dimension bleibt, egal wie man zählt: Weniger als eine Mittelstadt Einwohner hat).

    Ich weiß natürlich nicht für fünf Cent besser als Arno Widmann in der Fankfurter Rundschau, was Trump wirklich tun wird. Aber ich finde es nicht sinnvoll, am Tag 1 nach der Amtseinführung bereits zu reden, als hätte Trump in Sachen Freihandelskritik und Arbeitsplatzangebot in den USA Dinge gesagt, die er nie und nimmer wird einlösen wollen. Warten wir mal – gerne mit kritischem Blick – was er tut. Und kritisieren evendöll (seufz) dann.

    ***** Dass man das Bürgerrecht als ein auch materielles Teilhaberecht der Eingeborenen (a l l e r Eingeborenen, egal welcher Rasse usw.) – eben gegen die Ansprüche der Migranten – verteidigen solle, dass man also nach dem altbewährten Motto first things first (cf. Enzensberger, Versuche über den Unfrieden, suhrkamp taschenbuch 2015) auch die materielle Teilhabe der Unterschicht am Gemeinwesen im Blick behalten solle, wenn man darüber entscheidet, wie die Migration zu regeln sei, das haargenau ist das __citizenship-principle__, das Steve Sailer (isteve.com), der nebenbei gesagt durch reine Geisteskraft nicht unerheblich zum Trump-Wahlsieg beigetragen haben dürfte – – äh, was wollte ich jetzt noch – ok, das Verb: hochhält, dass steve Sailer also die bedeutung der US-Citizenship als genuine und absolut unchauvinistisches (=vornehmes, haargenau mit den US-Bürgerrechten überinstimmendes) und deshalb überaus achtenswertes Privileg begreift.
    (Für Sailer war das, wenn ich recht sehe, der entscheidende Grund, den Anti-Freihändler und Anti-ImmigrationistenTrump zu unterstützen).

  3. Partyschreck schreibt:

    Wo du gerade von der Spiegel-Berichterstattung geschrieben hast, würde ich dich und deine Leser gerne mal fragen, was Ihr von diesem Foto im Rahmen der SPON-Berichterstattung zu den Präsidenten-Ernennungsfeierlichkeiten haltet:
    http://www.spiegel.de/fotostrecke/donald-trump-die-ersten-stunden-als-praesident-fotostrecke-144443-14.html
    (Da ich mir gut vorstellen könnte, dass es nachträglich gelöscht werden könnte, sage ich mal lieber dazu: Es müssten 4 Damen in Sternenbanner-Kleidung zu sehen sein – Ich habe es ansonsten aber auch abgespeichert!)
    …Ich halte mich jetzt mal ganz bewußt mit einer Beurteilung zurück und wäre gespannt, ob Andere die gleiche Enschätzung teilen, wie ich!)

  4. che2001 schreibt:

    Das wird noch lustig. Inzwischen gibt es die ersten riots.

    https://che2001.blogger.de/stories/2625975

  5. Partyschreck schreibt:

    @Che
    Bezüglich des Themas „Mexikanische Mauer“ verstehe ich nicht ganz den plötzlichen Massenaufschrei der jungen, hippen DemonstrantInnen… Wo waren denn die überschäumenden Massen mit stylischen, pinken Beanies, als in Obamas Amtsperiode bereits ganz real Menschen an der Grenze erschossen wurden??? Soll das heißen:
    Mauer = inhuman, aber 8 Meter hohe Todesfalle inklusive Grenzschützen finden wir supi und so soll es bitteschön gerne bleiben???

    http://www.fr-online.de/panorama/grenze-usa-mexiko-us-grenzschuetzer-schiessen-schnell,1472782,31078962.html

    „Bereits unter Bill Clinton verschärfte die USA die Überwachung an der Grenze. Seitdem werden Ortschaften und leicht erreichbare Gebiete scharf gesichert und der Strom der Flüchtlinge in eine tödliche Falle geleitet: die Wüste. Nach dem 11. September 2001 wurden über 100 Milliarden Dollar in technische Infrastruktur wie Wärmesensoren und Überwachungskameras investiert. In zwanzig Jahren hat sich die Zahl der Grenzschützer auf mittlerweile 21 000 Mann vervierfacht, sie haben mehr Flugapparate zur Verfügung als die brasilianische Luftwaffe.

    Aus den Geländewagen starren die Beamten weiter auf den Zaun. Mit Zöllnern wollen sie wenig zu tun haben – die Truppe steht für sich, sie hat ein militärisches Training, eine straffe Befehlskette. In Washington nennt man sie „das grüne Monster“. Der Tucson Sektor, zu dem auch der Grenzübergang Nogales gehört, hat die höchsten Zahlen von Flüchtlingen, die der CBP in die Arme laufen. Und die höchste Zahl der Deportationen. 2013 und 2014 fand man in der Wüste von Arizona über 750 Leichen.“

  6. Bersarin schreibt:

    @ Herwig: Unsere Einschätzungen sind da sehr ähnlich. Was Trumps Impulsivcharakter betrifft, denke oder hoffe ich, daß da noch einige Zwischenstufen eingeschaltet sind. Mir sind im Augenblick noch schmutzige Atombomben aus Pakistan in der Hand von Terroristen unangenehmer.

    @ Dieter Kief: Ich mache keinen Journalismus, und wenn mache ich ihn ganz im Geiste von Kraus. Ich kann da immer wieder über ihn lachen. weil er zuspitzt und trifft. Man sollte ihn nicht eins-zu-eins nehmen (obwohl, weshalb eigentlich nicht?), aber ihn doch als heuristisches Mittel gegen das Geschlampe von SpOn und Co KG parat haben. Vermutlich werden wir uns eher über Kraus als wegen Trump in die Haare kriegen. Weil ich den Karl so liebe, und wer was sagt kriegt Hiebe.

    Was Trump innenpolitisch veranstaltet – da bin ich zurückhaltend. Es ist die Politik der USA, die USA sind nicht wie die Polen, die Holländer oder die Franzosen unsere nächsten Nachbarn.

    Von Ferndiagnosen halte ich ebenfalls nichts und auch nichts von dieser entsetzlichen Hysterie. Ich möchte endlich mal eine kühle sachliche Kritik an Trump: der Blick des kalten Analytikers.

    „Ich weiß natürlich nicht für fünf Cent besser als Arno Widmann in der Fankfurter Rundschau, was Trump wirklich tun wird. Aber ich finde es nicht sinnvoll, am Tag 1 nach der Amtseinführung bereits zu reden, als hätte Trump in Sachen Freihandelskritik und Arbeitsplatzangebot in den USA Dinge gesagt, die er nie und nimmer wird einlösen wollen. Warten wir mal – gerne mit kritischem Blick – was er tut. Und kritisieren evendöll (seufz) dann.“ So ist es: sehe ich genauso.

    @Partyschreck: Ganz dünnes Eis. Es kann sein, daß da Behinderte abgelichtet wurden. Aber ich bin mir nicht sicher. Wenn es so ist, dann hat „Spiegel“ endgültig ein Niveau erreicht, das unterirdisch ist und das uns eigentlich aus anderen Zusammenhängen der Geschichte bekannt ist.

    Die Protestes zur mexikanischen Mauer hätten in der Tat, wenn sie ernst gemeint gewesen wären, deutlich früher erfolgen dürfen. So muten sie nach einer Clownsnummer an. Bißchen spät vor allem

    @che: Ja, es wird natürlich und zu recht Revolten gegen Trump geben. Die in der BRD haben allerdings etwas Lächerliches. Denn die Politik der USA wird immer noch in den USA gemacht. Allenfalls taumelt das Land in einen Bürgerkrieg, wenn es nicht Seiten gibt, die zur Entspannung mahnen. Denn wie es Trump-Kritiker gibt, so existieren ebenfalls zahlreiche Rednecks. An soziale Revolution glaube ich nicht wirklich. Und auch nicht daran, daß sich aus den Protesten gegen Trump irgendwie eine längerfristig sich haltende linke Bewegung etabliert. Wäre sicherlich schön, wenn es so käme. Aber selbst da rechne ich mit dem menschlichen Makel.

  7. neumondschein schreibt:

    Das hier finde ich nicht sehr einsichtsvoll:
    http://charleseisenstein.net/so-beginnt-krieg/
    Aber zumindestens nimmt der Autor die Krise wahr. Das ist schon mal was!

    Die von che genannten „riots“ sind gut organisiert und weltweit gut vernetzt. Die wurden schon wochenlang angekuendigt. Unterstützt werden sie durch alle Arten von Massenmedien. Sie alle sind extrem vorurteilsbeladen, übergriffig, aggressiv, ignorant, dumm, wie man es von transatlantisch-genderistischen Pfaffen so kennt. Es macht ja direkt mehr Freude mit jemanden zu diskutieren, der an die Existenz von UFOs glaubt, als mit dieser Sippschaft. Vor allen Dingen fügen sie der demokratischen Öffentlichkeit mehr Schaden zu als viele der sogenannten Neurechten, der Chemtrail-Spinner, der Wagenknecht, Ken Jensen, der Markus und weiss der Geier noch welche.

    Warum schreibe ich das? Vor genau drei Jahren (18. Januar) begann der ukrainische Bürgerkrieg.

  8. neumondschein schreibt:

    Das soll jetzt nicht heißen, dass alle hier fremd gesteuerte Zombies wären. Sie sollten nur bedenken, dass Trump seinen Erfolg nicht irgendwelchen Rednecks, altrights, den Russen, dem kukluxklan, fakenews usw. Verdanken sondern irgendwelchen Afroamerikanern und Latinos, die aufgehört haben, Clinton zu unterstützen. Demzufolge bringt es nix, angeblichen Faschisten in die Fresse zu schlagen. Man müsste sich schon mit eben diesen Afroamerikanern und Hispanics, also genau jenen auseinandersetzen, die die diese uebertoleranten Trump-Gegner angeblich vertreten.

    Wenn ihr wollt, könnt ihr folgenden Kommentar studieren:
    https://metalust.wordpress.com/2016/11/12/zizek-kretschmann-christina-schroeder-und-der-rest/#comment-22592

  9. Pingback: form7

  10. che2001 schreibt:

    Den kennen freilich einige der hier Kommentierenden schon, und wie bei Momorulez so üblich, wirft er richtige Schlüsse und Feststellungen mit rein assoziierten Querverbindungen die es nicht gibt und falschen Unterstellungen durcheinander. Da er zwischen persönlichen Ängsten, politischen Zusammenhängen und früheren Konflikten mit anderen Bloggern nicht zu trennen vermag hat das keinerlei Wert. Fakt ist zumindestmal, dass es seit dem Vietnamkrieg keine solche Massenmobilisierung auf der Straße in den USA mehr gegeben hat.

  11. neumondschein schreibt:

    Mrs. Mops Beitrag hat Wert.

  12. che2001 schreibt:

    Sorry, ja, insbesondere das Video mit Herrn Black ist großartig!

  13. Bersarin schreibt:

    Der Kommentar von Mrs Mop ist nicht nur ok, sondern sogar sehr treffend bringt er das Verlogene auf den Punkt. Allerdings sollten die Trumpprotestierer dankbar sein, daß Trump nicht seine Stammwähler mobilisiert. Da hat es sich dann flugs ausrevoltiert. Die Gegner der Revolte kommen nämlich nicht mit dämlichen rosafarbenen Häkelmützen, sondern mit ihrer Winchester. Handfeste Rednecks. Die USA sind ein tiefgespaltenes Land. Aber seien wir mal ehrlich: Irgendwer dort muß Trump ja gewählt haben. Sonst wäre er nicht Präsident.

    Was die US-Bürger machen können, ist sicherlich, den Protest gegen Trump zu intensivieren. Das allerdings ist eben Sache der USA und das geschieht nicht auf dem Kolumnistensessel von SpOn oder in den nettgemeinten Facebook-Postings von all den guten Menschen. Was passiert eigentlich, wenn Trumps Politik es schafft, die verödeten Regionen im mittleren Westen wieder aufzubauen und Arbeitsplätze in den USA zu belassen?

  14. gkazakou schreibt:

    Besonders pikant finde ich, dass im Bemühen der Presse, Risse im Republikanischen Establishment ausfindig zu machen, ausgerechnet der Scharfmacher McCain als Alternative zu Trump aufgebaut wird.

  15. Jumid schreibt:

    Meine Verlegenheit bei den Gegendemonstrationen ist, dass ich nicht sehe, auf was man sich da unterhalb von Banalitäten und Selbstverständlichen eigentlich einigen könnte. Sanders als wahrscheinlich profiliert andere Gegenposition zu Trump ist abgewehrt worden. Ob das tragisch ist, weiß ich nicht, wenn ich mir einen Präsidenten Sanders vorstelle bei den realexistierenden Mehrheiten in Senat und Kongress – er wäre noch ohnmächtiger als Obama war. Die besonders starke Polarität zu Trump liegt mehr im kulturellen und popkulturellen als in wirklich anderen Positionen. Hier vermute ich, dass wir in neuer Rhetorik überwiegend mehr vom Gleichen bekommen werden. Selbst das, was ihn scharf von Obama trennt, ist rhetorisch deutlicher aufzuzeigen als in der realen Politik. Unter Obama sind die Spaltungen tiefer geworden, die Rassenkonflikte bitterer, die soziale Lage wurde abgesehen von kulturellen Schwankungen und den Reparaturen der unmittelbarsten Krisenfolgen eher zementiert als verändert, die Militarisierung der Außenpolitik hat entgegen dem öffentlichen Eindruck nicht abgenommen, sondern wurde klandestiner, so dass wir inzwischen Mühe haben, zwischen Krieg und Nichtkrieg überhaupt noch zu unterscheiden (sind die USA in Syrien, Irak, Somalia, Afghanistan, Pakistan im Krieg oder nicht?), kaum eine Regierung hat in diesem Ausmaß Journalisten und Kritiker bespitzelt, Guantanamo wurde nicht abgeschafft, unter keinem Präsidenten wurden mehr Illegale abgeschoben (sagenhafte 3 Millionen Menschen), TTIP wurde massiv vorangetrieben, von der Gesundheitsreform, mit der er aus europäischer Sicht vom 19-ten ins 20-te Jhrdt vor robbt, wird nichts bleiben. Demgegenüber steht das Image einer zweifellos schrecklich netten Familie, die man sympathisch finden muss (ganz ohne iIronie bitte). Obama wird es ähnlich ergehen wie Kennedy: er wird zum Mythos, werden ohne dass jemand eigentlich ganz genau sagen kann, wofür eigentlich. Am ehesten als Symbol (erster nichtweißer Präsident) und als Hoffnung. Aber seine Realpolitik muss man sich fast schön lügen, rhetorisch und popkulturell allerdings brillant. Bleiben vielleicht Kuba und eventuell Iran (bin ich eher skeptisch) – aber das sind Nebenpunkte.
    Eventuelle linke Teilsympathien mit Trump wie mit Rechtspopulisten (mag das Wort nicht, es ist Teil des Problems, ohne jeden analytischen Gehalt) überhaupt beruhen auf einem Missverständnis, dass aus der Tatsache rührt, dass eine lange geübte Kritik in einer Art Begriffswegelagerertum entwunden wird. Damit werden diese Positionen (etwa Globalisierungskritik) diskreditiert ohne durchgesetzt zu werden. Ich bin insgesamt nicht sehr optimistisch.
    Am ehesten und am tiefsten wird m.E. die weitere Entpolitisierung auf maximalem Erregungsniveau steigen, weil jetzt Politik für eine Zeit endgültig zur Show verkommt. Statt mit Politik werden wir uns zunehmend mit der neuen amerikanischen Royal Family, realen oder vermeintlichen Skandalen und verbalen Rüpeleien beschäftigen. Das steht zu befürchten. Die extensive Beschäftigung mit Trump und die neuen inhaltsleeren Floskeln, die sich gerade etablieren (etwa „Unberechenbarkeit“, als sei das ein politischer Inhalt, in diesem Falle negativ – zumal er bis jetzt sich eher treu bleibt, von Unberechenbarkeit sehr ich weniger als sich die kritischen Verwender dieses Attributs selbst wünschen würden). Und in Europa Anflüge purer Panik (huch, jetzt müssen wir Politik machen …. Sind wir doch gar nicht mehr gewöhnt außerhalb vorgegebener Bahnen.) Hoch verdächtig ist auch wie schon beim Brexit die reflexionslose Feier des Althergebrachten aus bisher kritischen Mündern: plötzlich werden EU und Globalisierung geradezu idealisiert. Auch Diagnosen wie „Postfaktisch“ stimmen die Diagnoseschärfe der Trumpkritiker betreffend nicht gerade optimistisch, muss doch, wer so spricht, von einem gerüttelt Maß an schwerer Amnesie leiden. Das alles stimmt wenig optimistisch. Zumal man sich ja die Frage stellen muss, was eigentlich nach Trump käme, wenn er – wie zur Selbstberuhigung behauptet, krachend scheitert. Jedenfalls nicht die Rückkehr zum Althergebrachten.
    Aber es könnte immerhin sein, dass demnächst einer mal entdeckt, dass ohne diese Rhetorik genau diese nationalistische Politik in China gefeierte Praxis ist, in vielem erfolgreich, aber auch hier natürlich, wie der Auftritt des chinesischen Präsidenten in Davos zeigt, mit einer Rhetorik, die kaum Berührung zur Realität hat. Leisen Zweifel höre ich schon, einen Aufschrei oder lebensgefährdendes Schenkelklopfen über die Frechheit, sich nun als Verteidiger der freien Märkte zu gerieren, aber nicht. Es sind spannende Zeiten ….

  16. Bersarin schreibt:

    @ jumid: Eine weitgehend gute Analyse, die ich teile. Es wird nicht mehr Trumps Politik kritisiert, seine Verwicklungen und Verbandelungen mit der Wirtschaft, sondern sein Narzißmus oder wahlweise irgendeine andere Auffälligkeit. Ein solcher Journalismus der Äußerlichkeiten ist gefährlich, denn er bleibt an der Oberfläche und vermutlich will er es auch.

  17. Achim Spengler schreibt:

    Journalistendresche anstelle kritischer Theorie. Im Hotel Abgrund speist man neuerlich fastfood.

  18. Bersarin schreibt:

    Auf die zu wenig erfolgte Kritik an Hillary Clinton hinzuweisen, ist kein Fastfood. Das bedeutet ja im Umkehrschluß nicht, daß Trump deshalb gut. Ist. Was den Syrienkonflikt betrifft, halte ich Clinton für gefährlich, in Libyien hat sie großen Schaden angerichtet.

  19. Achim Spengler schreibt:

    Klingt mir nur sehr nach Kritik an den fremden Boten des Desasters, Hauptsache die eigene Botengängerei ist die kritisch relevanteste und besteht ergo vor dem Urteil der Geschichte.

  20. neumondschein schreibt:

    Achim! Ich habe mich mal auf Deiner Site umgesehen. Im Gegensatz zu Dir halte ich die Clintons für gefährlicher als Trump. Dieser sogenannte Weiberumzug sieht einer faschistischen Massenbewegung naemlich aehnlicher als Trump. Trump wurde nämlich einfach nur gewählt. Unter zwei beschissenen Alternativen haben die Amerikaner einfach nur das kleinere Übel gewählt. Er zieht kein potentiell totalitäres Gefolge hinter sich her. So etwas wie Trumpismus gibt es ueberhaupt nicht. Dazu müsste ja wenigstens eine Weltanschauung existieren. Trump ist einfach nur ein ordinaerer Amerikaner, dem das, was sein Volk denkt, herzlich gleichgültig ist.

  21. che2001 schreibt:

    Was an einer Demo für Frauen- und Bürgerrechte faschistisch sein soll bleibt das Geheimnis des Verfassers…

  22. che2001 schreibt:

    Der niederländische Beitrag ist natürlich great!

  23. Herwig Finkeldey schreibt:

    Wie so häufig treffen sich bei neumondschein Richtiges und falsches (nach meinem subjektiven Dafürhalten natürlich nur).
    Trump installiert keine SA oder SS. Das muß man klar sehen. Und da hat neumondschein auch recht, wie ich finde. Keine durchgestylte Ideologie, kein ideologischer, “ nur“ ressentimentgeleiteter Rassismus. Wir haben keine Nürnberger Gesetze zu erwarten. Alles schlimm wie er denkt, aber Hitler? Eher doch wohl nicht.
    Clinton schlimmer als Trump? Das weiß ich nicht.
    Und Demonstrierende als Faschos titulieren, das haben in den 80 er Jahren auch die westdeutschen Konservativen getan. Den ubiquitären Faschvorwurf gab und gibt es nämlich nicht nur von links; und von rechts scheint er mir derzeit gefährlicher.
    So das war mein Senf.

  24. Achim Spengler schreibt:

    Dazumal hatte man das Oberlippenbärtchen auch nicht auf der Hindenburg’schen Rechnung. Weltanschauung kann sich auch von konkreten Handlungsschritten ableiten lassen. Er hat noch keine Wannseekonferenz einberufen, klar. Wenn man sich aber anschaut, wie Trump Mauern bauen lässt, Obamacare auf der Müllhalde der Geschichte entsorgt, Umweltschutz zu Grabe trägt, Presse boykottiert, Einwanderungspolitik als obsolet erklärt, alternative Fakten schafft etc., dann liegt eine Tendenz so bloß wie der Knochen, der aus dem Fleisch herausschaut. Mich beschleicht der Verdacht, dass insbesondere auf hiesigem Blog, aber auch bei denen ähnlicher Gesinnung, ein Elitismus um sich greift, der Empörung und Kritik als naiv und niedlich brandmarkt, nur weil er den eigenen Stallgeruch nicht wiederstinkt. Da kommt es dann zu semantischen Spreizungen, wo man Rassismus als kleinere Gefahr observiert, wenn er „nur“ ressentimentgeleitet daherkommt, anstatt ideologisch verbrämt. Es schmoren mir einige Salonauguren des linken Biotops zu sehr im Saft der Herrenvariante von Hermeneutik (bersarin nennt das nur anders: „Ich möchte endlich mal eine kühle sachliche Kritik an Trump: der Blick des kalten Analytikers.“). Das postmoderne, orakelnde Motto: Die Augen sind geschlossen, insofern wird schon alles nicht so schlimm. Wollen wir hoffen, dass man in einigen Jahren nicht zu Voodoopuppen greifen muss.

  25. Bersarin schreibt:

    Wenn Du, Achim Spengler, meinen Artikel genau gelesen hättest, dürfte Dir nicht entgangen sein, daß es mir darin keineswegs um eine Relativierung Trumps ging, sondern um die unterschiedlichen Varianten von Kritik an Clinton und Trump, die wir insbesondere bei SpOn fanden. Das halte ich für problematisch. Insbesondere als Bernie Sanders noch kandidierte, wurde er von vielen Kommentatoren (etwa Josef Joffe in „Die Zeit“) als Spinner, Außenseiter und Linksradikaler abgetan. Die Wahrheit jedoch war, daß Sander nur knapp hinter Clinton lag.

    Klar, es gab immer einmal wieder auch Stimmen, die sich kritisch zu Clinton äußerten. Etwa Jakob Augstein. Aber das ging nach meiner Lektüre von „Zeit“ und „Spiegel“ eher unter – wobei ich zugeben, daß es meinem subjektiven Lektüreblick geschuldet ist. Das, was man in der Jurisprudenz die „überwiegend herrschende Meinung“ in bezug auf Gesetzesauslegungen bezeichnet, war für Clinton. Deren Außenpolitik ich für mehr als problematisch halte.

    Clinton verheerend zu finden, bedeutet übrigens nicht, Trump gut zu finden. Das schrieb ich hier nirgends. Und ebensowenig schrieb ich von irgendwelchen geschlossenen Augen, sondern forderte im Gegenteil rationale Kritik ein. Auch und insbesondere an Trump. Wer allerdings über Clinton und Obama nicht reden will, sollte sich bei Trump nicht plötzlich zum mutigen Kritiker aufspreizen. Trump ist nicht der Anfang der Probleme, sondern das Resultat einer Kette von Problemen in den USA.

    Zudem, lieber Achim Spenger, in der BRD sitzen wir, was die Entscheidungen der USA betrifft, im 2. Rang in der 9 oder 10 Reihe. Das ist ganz hinten. Um Trump zu verstehen, muß man zunächst einmal begreifen, daß die Mentalität der USA eine ganz andere ist. Vielleicht täte einmal wieder die Lektüre von Alexis de Tocquevilles Amerikabuch gut. Ich will ansonsten niemandem seine Ängste ausreden, das muß jeder mit sich abmachen. Der eine so, der andere anders. Sie kann gesellschaftlich gesehen ein Indikator für eine bestimmte Tendenz sein. Denken wir nur an die Angst vor ökologischen Katastrophen in den 80er Jahren oder

  26. Pit schreibt:

    Ich will die Bedeutung der amerikanischen Geschichte fuer die amerikansiche Mentalitaet nun wirklich nicht abstreiten, aber die heutigen Amerikaner zu verstehen, ist Tocqueville wohl etwas zu lange her, oder?

  27. Achim Spengler schreibt:

    Vielleicht hilft da ein Blick auf die Tagesaktualität weiter, lieber Bersarin. Aus der Clinton’schen Flugverbotszone in Syrien, die Sie zu Recht als gefährlich qualifizierten, wird eine reale. Setzen Sie jetzt keine Schadenfreude bei mir voraus. Aber so etwas hätte man sehen kommen können. Und ob wir weiter auf dem 9 oder 10ten Rang der Nichtpartizipation verweilen dürfen, steht zu bezweifeln.

  28. Herwig Finkeldey schreibt:

    Achims Kritik trifft mich auch. Ich hoffe doch in all meinen Äußerungen deutlich gemacht zu haben, dass ich Trump in der Tat verheerend finde. Für sein Hochkommen gibt es aber Gründe und die sind keines falls mysteriös.

  29. Bersarin schreibt:

    Trump ist verheerend, ohne Frage. Insofern, weil er unberechenbar ist. Andererseits denke ich, daß wir in Europa zunächst einmal abwarten müssen. Ändern können wir (die Betrachter, die Staaten der EU, die BRD, wir Blogger, wir Bürger [schöner Beitragstitel fürs nächste Mal] sowieso wenig, allenfalls auf der diplomatischen Ebene, können Regierungen etwas ausrichten. Was wir in den USA momentan erleben, ist ein Austausch der Eliten. Erzkonservative, extreme Nationalisten lösen die bisherige wirtschaftsliberale Crew ab. Das schmerzte in der BRD in den Medien auch einige der transatlantisch verbandelten Journalisten. (Stichwort Claus Kleber. Hier kann ich mir eine gewissen Schadenfreude nicht verhehlen. Selbst wenn es sich am Ende als eine billige Freude zeigen wird.) Vielleicht ist das, was wir in den USA erleben, das, was man eine konservative Revolution nennt. Worum es mir ging und was ich immer wieder anmahne, ob das die Ukrainekrise ist oder der Krieg in Syrien: eine ausgewogene Berichterstattung, die in die Tiefe geht und die Schuld nicht bloß auf der einen Seite sucht.

  30. che2001 schreibt:

    Diese Ansage hier trifft es m.E. ziemlich gut:

    http://netbitch1.twoday.net/stories/1022603773/

  31. Partyschreck schreibt:

    @Bersarin
    „Wenn Du, Achim Spengler, meinen Artikel genau gelesen hättest, dürfte Dir nicht entgangen sein, daß es mir darin keineswegs um eine Relativierung Trumps ging, sondern um die unterschiedlichen Varianten von Kritik an Clinton und Trump, die wir insbesondere bei SpOn fanden. Das halte ich für problematisch. Insbesondere als Bernie Sanders noch kandidierte, wurde er von vielen Kommentatoren (etwa Josef Joffe in „Die Zeit“) als Spinner, Außenseiter und Linksradikaler abgetan. Die Wahrheit jedoch war, daß Sander nur knapp hinter Clinton lag.“
    …Und die Samthandschuh-Behandlung von Frau Clinton innerhalb unserer Medien geht meiner Meinung nach offenbar weiter. Im Raum steht, dass diese unmittelbar nach der velorenen Wahl ihre Clinton-Clinton Global Initiative geschlossen haben soll. Entweder ist das eine Fake-News, oder es wäre ein Umstand über den meiner Meinung nach unbedingt prominent berichtet werden müsste! Ich habe hierzu aber komischer Weise nur zwei Artikel gefunden: Einen auf Heise.de und einen bei Kenfm, wo ein RT-Deutsch Artikel gepostet wurde:
    https://www.heise.de/tp/features/Clinton-Global-Initiative-geschlossen-3601600.html
    https://kenfm.de/clintons-schliessen-initiative/
    …Wie soll ich als vorbildliche, der reinen Wahrheit verschriebene, Leserin im Sinne der zukünftigen Correctiv-Doktrin denn aber nun bloß weiter vorgehen, wenn doch laut denen Kenfm angeblich als „neu rechts“ verbucht wird und bei Heise weiß ich ja auch nicht so richtig….?
    Wie soll ich vorgehen, wenn alternativ zu Alternativ-Medien nur das Schweigen im Walde zur Wahl steht?
    http://www.nachdenkseiten.de/?p=36631

  32. Jumid schreibt:

    @Achim Spengler
    „Mich beschleicht der Verdacht, dass insbesondere auf hiesigem Blog, aber auch bei denen ähnlicher Gesinnung, ein Elitismus um sich greift, der Empörung und Kritik als naiv und niedlich brandmarkt, nur weil er den eigenen Stallgeruch nicht wiederstinkt.“
    Es geht hier ja nicht um eine olfaktorische Kritik der Lage. Sondern ich verstehe die Diskussionen hier so, dass es um eine Bestandsaufnahme geht. Und da geht es um die Frage: was wäre denn eigentlich die Alternative? Und bei vielen (nicht unbedingt hier), hört man heraus, weiter so wäre besser. Aber bei der Wahl Clintons wäre kein Einziges der Probleme, die zur Wahl Trumps geführt haben, gelöst gewesen. Dann beschleicht mich sogar der Eindruck, dass es überhaupt keine Probleme waren, die zur Wahl Trumps geführt haben, sondern Ressentiments, diffuse Gefühle, Dummheit, Egoismus etc., während auf der anderen Seite die Lichtgestalten der demokratischen, liberalen Politik stehen. Das ist doch die Konstellation. Deswegen die Frage: was fordert denn die Opposition gegen Trump? Oder anders herum gefragt: was macht denn Trump eigentlich so anders? So klar finde ich das nicht wie Sie, Herr Spengler.
    Sie schreiben vom Verdacht, dass die „Empörung und Kritik als naiv und niedlich brandmarkt“ werden. Den Verdacht muss ich leider bestätigen, ich hege diesen Verdacht. Ja, vieles von dem, was gerade unter Druck kommt, ist auch deshalb unter Druck, weil für es gilt: Was den Interessierten Gewinn bringt, propagieren die Naiven. Ich muss sogar sehen, dass sich dieser Verdacht gerade bei vielen bestätigt, die sich öffentlich melden. Wo wir vorher allzu häufig Emphase statt Analyse bekamen, sehe ich jetzt pure Empörung statt Analyse. Manche Demonstration bietet dafür reiches Anschauungsmaterial, die Teilnahmer sind sich – kulturell verpoppt – nicht zu schade, Madonna als eine ihrer Widerstandsikonen auf ihren Schild zu heben. Herrje! Also diese Frau ist Teil des Problems, nicht aber einer eventuellen Lösung. Wenn sie die Verdreifachung ihrer Steuern gefordert hätte, hätte sie mich beeindruckt. Wer in England lebt, dann in den USA sein Kind zur Welt bringt, weil da die privaten Krankenhäuser besser sind, handelt subjektiv verständlich. Nur sollte man bei dem kein Interesse an der Verbesserung des Gesundheitssystems einer der beiden Länder vermuten. Hollywood und Gesangscelebrities waren schon immer gut, wenn es darum ging, die Probleme anderer zur konsequenzlosen, aber lukrativen Selbstfeier zu instrumentalisieren. Wo viele Menschen sind, sind sie immer, egal um was es geht, pünktlich zur Stelle. Das beeindruckt doch niemanden.
    Ihr Hinweis auf einen drohenden Faschismus darf da selbstredend nicht fehlen. Es gibt in der Tat seit langem autoritäre Tendenzen, die musste Trump nicht erfinden. Ich glaube aber, anders als Sie, nicht, dass uns ein Blick in den Rückspiegel da aufklärt. Der Blick nach Nürnberg und an den Wannsee hilft da wenig weiter, ich würde an ihrer Stelle (zumindest in der westlichen Welt) eher ins Silicon Valley, an die Wall Street und ins Hauptquartier der NSA schauen. Wenn sich ein neuer Faschismus vorstellt, ist sein Vorname wahrscheinlich nicht Adolf, sondern eher Marc oder Larry (das Beste für jeden). Sie arbeiten mit alten Vorstellungen, Herr Spengler. Auch der Weltgeist kommt nicht mehr zu Pferde geritten ….
    Und in diesem Statement spricht nichts für Trump, gar nichts. Der Mann ist gefährlich, noch offener als die, die er ablöst, weil er als Grobholz vielfach nur ausspricht, was die anderen doch eher klandestin taten. Und festzustellen bleibt: die Welt hat sich über die Kriegsverbrechen (bitte nicht verniedlichend wie Frau Clinton: Fehler!) nicht halb so intensiv aufgeregt wie über Trumps Tweeds, und auch bei der Begründung des Irakkrieges mit dem sagenhaften Auftritt Powells war kein Anlass, ein postfaktisches Zeitalter auszurufen. Sinn für Proportionen kann ich darin noch nicht erkennen, tut mir leid. Der eine hat massenhaft Töten lassen, der andere verbreitet massenhaft Tweeds und Statements – bis jetzt. Das kann sich ändern, sehe ich auch so. Aber selbst dann ist es bis zu substantiellen Neuigkeiten noch ein weiter Weg zu Bush. Trumpfan werde ich nicht werden, ganz sicher nicht, Gefahren sehe ich auch, aber die sich jetzt bildende Gemeinde muss auf meine Gebete verzichten.

  33. h.z. schreibt:

    Die USA hatten 2015 mit Deutschland ein Handelsbilanzdefizit von rd. €60.000 Mio – Tendenz 2016: gleichbleibend. Damit ist Deutschland die Nummer zwei hinter China. Mit China hatten die USA ein Handelsbilanzdefizit von rd €300.000 Mio. In der gleichen Größenordnung des Handelsbilanzdefizits der USA mit Deutschland liegen Japan und Mexiko. Trump sprach bislang von Strafzöllen chinesische Warenimporte betreffend; Mexiko wurde auch schon erwähnt. Was noch nicht laut gesprochen, aber bereits deutlich geschrieben wird: „Germany is next“.

    Deutschland beschäftigt rd. 10 Mio Erwerbstätige im Exportsektor. Wenn die USA durch Zollschranken auch nur eine ausgeglichene Handelsbilanz mit Deutschland erzwingt, geht die deutsche Wirtschaft (auf Basis 2015) in eine lang anhaltende Rezession. Außerdem verliert Deutschland als direkte Auswirkung rd. 1 Mio. (nota bene: in der Regel gut bezahlte) Arbeitsplätze im Exportsektor. Das aber praktisch über Nacht.

    Wenn Trump mit dem Abbau des Handelsbilanzdefizits Ernst macht, schrumpft die Weltwirtschaft ganz erheblich. Über die Jahre bedeutet das für Deutschland wegen seiner vollkommen irren Wirtschaftsstruktur einen Verlust von weiteren 2-3 Mio. Arbeitsplätzen im Exportsektor. Deutschland ist dann wirtschaftlich ziemlich heftig „redimensioniert“. Man überlege sich, welche Konsequenzen das in Deutschland selbst nach sich ziehen wird. Dass Trump sein Vorhaben durchsetzen wird, daran hege ich keinen bedeutenden Zweifel. Er wird das wohl auch um den Preis eines Währungskrieges tun.

    Bevor sich nun jemand zum Einwand sammelt, dass die USA vor der Welthandelsorganisation wegen regelwidrigen Protektionismus geklagt werden könnten, sei er auf die geltenden GATT-Bestimmungen hingewiesen. Danach ist die Verhängung von Schutzzöllen zur Schadensabwehr für die inländische Wirtschaft unter bestimmten Bedingungen zulässig. Am Verlust von Arbeitsplätzen in Deutschland änderte dies übrigens rein gar nichts.

    Vor diesem Hintergrund sitzt Deutschland mE neben China erste Reihe Parkett. Was in deutschsprachigen Leitmedien über Trump verkündet wird, darf getrost unter „ignorante Geschwätzigkeit“ subsumiert werden.

  34. Dieter Kief schreibt:

    @h. z.
    „Was in deutschsprachigen Leitmedien über Trump verkündet wird, darf getrost unter „ignorante Geschwätzigkeit“ subsumiert werden.“

    Ganz toll wie immer Herr und Frau Wagenknecht, die sich zu allererst Sorgen machen wegen der ruinösen Seite der deutschen Exporte im Hinblick auf z. B. Griechenland (Griechenland kauft in erheblichem Umfang deutsches Olivenöl – (kein Witz (cf. Hans-Werner Sinn)).

    Esherrscht eine gewisse Unruhe in D-Land, und die ist schelcht für’ss denken.

    Ich empfehle Bob Dylan als Gegengabe: Time passes slowly up here in the mountains – und winke alsbald hinter der Jungfrau vor.

  35. che2001 schreibt:

    @Dieter Kief, das ist schön, mein nächstes Ziel ist der Campanile Basso in der Brenta – reine Klettertour, 4-5 Grad.

    @ H.Z., man kann die Rechnung auch ganz anders aufmachen: Die USA schulden China 800 Milliarden Dollar. Wenn die US and A jetzt mit Schutzzöllen kommen, was passiert dann, wenn China sagt: „Wir wollen unsere Schulden zurück – jetzt!“ Oder milder: „Ihr bekommt ab jetzt von uns keinen Cent mehr.“? Da sind die USA dann das, was ausgerechnet Mao Zedong sagte: Ein Papiertiger.

    Eine Zollmauer (ich meine jetzt nicht die physische Mauer) nach Lateinamerika ist auch keine gute Idee. So ziemlich alle Vor- und Halbprodukte oder Einzelteilproduktionen, die in der US-Produktion zur Verarbeitung kommen werden importiert. In den USA werden keine Spulen gewickelt oder Drähte gezogen. Der Großteil dieser Produktion kommt aus Lateinamerika oder Südost/Südasien. Bei einer Schutzzollpolitik wird das alles 20-30% teurer. Jeder Draht, jede Spule, jeder Getriebefinger, jede Schraube, jede Niete. Dementsprechend werden die Preise für US-Automobile ansteigen. Außerhalb der USA werden diese Benzinschluckmonster mit starrer Hinterachse und ohne Heckstoßdämpfer (ideal für die Schlaglöcher der schlechten US-Straßen) unverkäuflich sein. Und in den USA werden deren Preise halt genauso steigen wie die für die technisch besseren Autos aus Europa, Japan und selbst Südkorea. Wenn Trump das Außenhandelsbilanzdefizit der USA durch protektionistische Maßnahmen bekämpfen will beschleunigt er nur den Abstieg der US-Ökonomie im Weltmaßstab.

    Was bleibt ist der Versuch, durch Erhöhung der Zinsen das Recycling des Petrodollars wieder anzukurbeln. Wir erinnern uns: In den 1980ern führte eine staatlich verordnete Hochzinspolitik in den USA dazu, dass die öligen Emire und Konsorten ihr Geld bei US-Banken und in US-Fonds investierten und damit die in Dollar gerechneten Öleinnahmen die US-Hochfinanz stützten. Die Börsencrashs und Zinsabwertungen seid Ende der 1980er, der 1991er Golfkrieg, Basel 2 und die allmähliche Umorientierung der öligen Emire zu nachhaltigeren Investments brachten dieses System zum Zusammenbruch. So ziemlich der einzige rationale Punkt der Trump-Politik ist der, dass man von der augenblicklichen Null-Zins-Politik zumindest ein Stück weit in diese Richtung zurückzukommen versucht. Aber das ist nach der Subprime-Krise nicht mehr zu erwarten. Die Krise, die etwa Griechenland kollabieren ließ, ging von den USA aus, die die gesamte Welt in Geiselhaft für ihr Handelsbilanzdefizit genommen haben (und zwar schon seit der Dollarabwertung in Folge des Vietnamkriegs und der Aufgabe des festen Wechselkurssystems von Bretton Woods) und fällt zwangsläufig auf die USA zurück. Um mit Marx zu sprechen: Der tendenzielle Fall der Profitrate gebiert Gesetzmäßigkeiten, die sich nicht voluntaristisch steuern lassen.

  36. Bersarin schreibt:

    Ich war einige Tage ncht im Hause und konnte erst jetzt zwei weitere Kommentare freischalten, die in der Spamschleife hingen. Einmal Partyscheck wg der Links und weiter oben von Pit. Was Tocqueville betrifft, so ist der natürlich lange her. Aber manchmal kann weit entfern liegendes den Blick schärfen, um das Heute vor dieser Folie zu verstehen und vielleicht sogar anders zu verstehen als die üblichen Klischees.

    @ h.z.: „Vor diesem Hintergrund sitzt Deutschland mE neben China erste Reihe Parkett. Was in deutschsprachigen Leitmedien über Trump verkündet wird, darf getrost unter „ignorante Geschwätzigkeit“ subsumiert werden.“ In diesem Sinne meinte ich es auch – da sind wir uns einig. Beim zweiten Rang dachte ich auch vielmehr an jene Meinungsäußerungen und Einschätzungen, die wir hier in der BRD so treffen.

  37. che2001 schreibt:

    Was Trump versucht ist eine Rückkehr zum Merkantilismus, eine Wirtschaftspolitik, die von Colbert begründet wurde und eine der Ursachen der Französischen Revolution war. Das wird so dermaßen gründlich scheitern dass ich Trump nicht zutraue, 2 Jahre durchzuhalten. Der versucht, eine weltwirtschaftliche Entwicklung umzukehren, die 1972 in Gang gesetzt wurde und seither über diverse Sekundärprozesse ein Stadium der Unausweichlichkeit erreicht hat. Die Vernichtung des gesamten angehäuften Weltkapitals und die Rückkehr zur ursprünglichen Akkumulation erscheint mir wahrscheinlicher als ein Erfolg von Trump. Viel wahrscheinlicher als Beides allerdings ein Ausscheiden der USA aus den globalen Wertschöpfungsprozessen und der Niedergang der US-Ökonomie insgesamt, es sei denn, er wird gestoppt. Mordgedanken gegen Trump haben in der US-Linken ja schon Konjunktur.

  38. Jumid schreibt:

    @che – wie ich grad sehe noch ein aktuelles Posting von eben, ich beziehe mich auf jenes vom 28.01.:
    Du überschätzt m.E. das Druckmittel der chinesischen Devisenreserven. Das wird immer mal wieder so gesagt, dass es ein Drohmittel sei, aber wie das denn konkret aussehen sollte, steht dort meistens nicht zu lesen. Das sind Schulden der USA in ihrer eigenen Währung, die Weltleitwährung ist. Wenn tatsächlich diese Schulden von China eingefordert werden, gibt es ja grob zwei Fälle, wie das geschehen könnte. Etwas vereinfacht zwar, aber der erste wäre: sie fordern es direkt von den USA, dann fragt Frau Yellen: in großen oder in kleinen Scheinen? – und geht in den Keller und druckt das Geld. Gemessen am Bruttosozialprodukt der USA und der Bruttoschulden der öffentlichen und privaten (häufig vergessen!) Haushalte, ist das keine Unsumme. Aber das ist schon sehr vereinfacht gedacht, denn Rentenpapiere werden zum Termin fällig und nicht bei Gelegenheit politischer Opportunität. Oder zweitens: sie verkaufen über die Märkte. Dann müssten sie Rentenpapiere (denn um diese geht es überwiegend) verkaufen, der Dollar fiele, der Yuan stiege, zumindest in einem Währungskorb, die amerikanischen Zinsen steigen, die FED wird intervenieren, also landet das Zeugs wieder bei ihr. Und die Chinesen selbst bekommen wenig dafür, entweder Yuan (haben sie selbst im Keller in beliebiger Menge) oder aber Rentenpapiere in anderen Währungen, die müssten schon hart sein und aufnahmefähig für diese Summe, also im Wesentlichen in Yen und Euro, geringer in Pfund, noch geringer in S-Franken, marginal in skandinavischen Währungen. Dies entspricht aber nicht den chinesischen Interessen, damit haben sie kein einziges Problem gelöst. Letztlich rufen sie damit aber überall die jeweiligen Zentralbanken in einer ihnen nicht genehmen Großkoalition auf den Plan, und verschärfen damit das Spiel, das eh schon läuft (bitte nicht zuviel Präzision erwarten, aber ich las, die FED halte bereits 23 % der Staatsschulden, bei der EZB sind es ca. 40 %, die SNB hatte sich auch schon vollgesogen, die BOJ ebenfalls des längeren). Die Chinesen hatten Gründe, warum sie Unmengen an Dollar gekauft haben, primär eine Zollschranke durch Währungsmanipulation zu ersetzen. Das entfiele – eigentlich für sie schlecht. Das brauchen sie immer noch.
    M.E. ist man längst dabei, diese Reserven abzubauen, nur nicht so wie das wahrgenommen wird, über Dollarverkäufe im Devisen- und Rentengeschäft, sondern über Investitionen in Firmen, Now-How und internationaler Infrastruktur (Häfen, weiterer Kanal in Mittelamerika, Rohstoffresourcen in Afrika und Australien, Flächen für Landwirtschaft in aller Welt etc.), die langfristig die Position Chinas stärken sollen. Mit Trump hat das aber wenig zu tun, das läuft schon deutlich länger. Kurz: großes politisches Drohpotential im von @che befürchteten Sinne sehe ich da nicht. Das liefe auf Selbstschädigung hinaus.
    Man kann sich unendlich lange in diesen „Schaltkreisen“ ergehen, nur eines wird man kaum andauernd schaffen: Währungsrelationen zu prognostizieren, schon gar nicht in Umbruchzeiten. Da haben sich schon viele Profis böse verhauen. Dass die chinesische Rechnung aufging, liegt hauptsächlich daran, dass alle anderen nicht in adäquater Weise reagiert haben, weil sie glaubten, sie profitierten davon. Kurzfristig wahrscheinlich richtig, langfristig ist das aber fatal. Der politische Rutsch in den USA hat hier eine – bitte: eine! – seiner Ursachen. Ökonomisch stirbt es sich eben im Ganzen langsam und im Detail schichtspezifisch. Zur Duldung verleiten ließ man sich aussenpolitisch durch das chinesische Halbmärchen von der Größe des chinesischen Marktes, was immer nur sehr selektiv gestimmt hat, nämlich in Branchen, in denen China die Technologien fehlten. In allen übrigen Sektoren und in denen, wo es nach chinesischer Definition um politische Macht ging, war der Markt immer verdammt klein: vor allem Software, Internet und Finanzen sowie allen Arten von einfachen Konsumgütern. Weder Google noch Microsoft noch Amazon, aber auch nicht Textilhersteller und Dienstleister, haben eine adäquate Chance, auf dem Markt dauerhaft Fuß zu fassen. Insofern ist der chinesische Fokus Trumps in gewisser Weise folgerichtig, das Bilanzdefizit beträgt 300 Mrd $! Das ist kein Kleingeld. Innenpolitisch war der Schmierstoff, wir profitierten alle und es sei alternativlos. Nach Außen und nach Innen sind beide Begründungen langfristig Quatsch. Inzwischen merken es auch beide: Industrie und Arbeitnehmer.
    Dennoch können sich die USA deutlich mehr leisten als andere – ökonomisch und politisch – solange der Dollar die Leitwährung ist, und solange die amerikanische Wirtschaft so überwiegend eine Binnenwirtschaft ist wie heute. Gilt das nicht mehr, haben wir ab dem Moment ein gigantisches Griechenland. Daher auch immer das zwiegespaltene Verhältnis der USA zur EU: bündnis- und wirtschaftspolitisch erwünscht, währungspolitisch aber eine echte Gefahr für amerikanische Währungsdominanz, sollte der Euro je funktionieren. In der machtpolitisch von ihnen als einzigartige Chance wahrgenommenen Bankenkrise sah man diese Interessen deutlich, so gesehen war die Lehmanpleite geradezu ein brillanter Schachzug (nicht übermäßig groß, aber eines der international verflochtensten Geldhäuser – und siehe da: alle hatten ein massives Problem), und auch das Agieren der Ratingagenturen war sehr gut für die USA (als jedes Verhalten der Staaten in der EU zur Ratingverschlechterung genutzt wurde – so böse, da an Absicht und Strategie zu glauben, sind nur Antiamerikaner!!!!)
    Die Krise des Handelsbilanzdefizits fällt sicher auf die USA zurück, aber nicht ausschließlich. Die Kehrseite des Problems sind die Handelsbilanzüberschüsse, China, Deutschland, relativ noch viel höher, absolut aber unauffälliger wegen fehlender Größe aber auch einige kleinere Ökonomien, etwa die Schweiz. Ich stimme @h.z. zu: Hier werden sich einige, wenn man Trump beim Wort nehmen muss, wofür alles spricht im Moment, warm anziehen müssen. Der Handelsüberschluss Deutschlands wird schon lange moniert, allerdings ohne Konsequenzen bisher. Das wird sich wahrscheinlich ändern, und wir werden wenige Verbündete haben, weil dieser Überschuss auch in Europa ein massives Problem darstellt, der gleichzeitig sowohl die Krise der EU befördert wie auch den deutschen Überschuss durch einen niedrigen Euro geradezu befeuert. Man liest immer mal wieder, dass führende Figuren der deutschen Wirtschaft beim Gedanken einer Lösung dieser Krise nichtöffentlich eher blass werden, denn öffentlich kann man ein andauerndes Schwelen der Krise ja nicht wünschen. Sie ist nämlich via Exportsubvention und via Zinsersparnis für Deutschlands Staatshaushalt und Unternehmen eine Labsal ohnegleichen, und hat auch dazu geführt, dass wir vergleichsweise gut durch die Krise gekommen sind, weil wir einen erheblichen Teil der wegbrechenden Nachfrage in der EU jenseits der EU kompensieren konnten. Für Deutschlands dadurch wegen fehlenden politischen Einflusses außerhalb der EU noch fragiler als ohnehin gewordenes Geschäftsmodell ist Trump also jenseits aller demokratietheoretischen Fragen ein erhebliches Problem, das werden raue Zeiten.
    @Dieter Kief
    So wie ich Frau Wagenknecht verstehe, macht sie sich eher Sorgen wegen der Instabilität des Systems als wegen einer internationalen Gesinnung, die zuerst mal ans Ausland denke. So sehe ich das nicht. Sie sieht halt – anders als z.B. Politiker wie Gabriel und Schäuble – dass unsere Überschüsse die Kehrseite der Schulden anderer ist – so einfach. Wer also nur die Defizite beklagt, hat eine skotomisierte Sicht auf die Zusammenhänge. Der Bilanzsaldo im Weltmarkt ist immer Null.

  39. Jumid schreibt:

    Nochmals @che
    Auch da wäre ich mir nicht so sicher. Du unterschätzt die findige Biegsamkeit des Kapitalismus. Wo wir uns wahrscheinlich einig sind, ist: dass für die Trumpwähler bei Trumps Politik wohl nicht heraus kommt, was sie sich davon erhoffen. Stattdessen werden wir neue, oder präziser: offensichtlich im Politischen und möglicherweise auch Militärischen offen ausbrechende Konflikte bekommen, die nackte Verteilungskonflikte sind. Das alte Vorurteil, Gewalt entspringe immer einer Ideologie, halte ich für nicht besonders überzeugend. Das nackte Interesse genügt völlig, der Überbau findet sich dann schon fast beliebig. Wäre es anders, sollten nach Absterben der totalitären Großideologien und der Depotenzierung der Nationalstaaten friedlichere Zeiten anbrechen. Ich halte das für einen wohlmeinenden Irrtum.
    Hier gibt es m.E. auch subkutane Verbindungen zu Migration und Wanderung. Im Kern handelt es sich um einen Verteilungskonflikt, der sich mit lokalen Krisen vermischt, aber der auch ohne sie fortbestehen wird. Deswegen sind auch einige, ich glaube zu Recht, mit vielen der offiziellen demokratietheoretischen und historischen Diagnosen und den Versuchen ihrer volkspädagogischen Behandlung nicht zufrieden. Auch hier im Forum wurden ja beispielsweise dem Islam Reformation und Aufklärung empfohlen, zumindest begrüßt, soweit ich erinnere vor einiger Zeit auch von @Bersarin und @Dieter Kief. Ich teile diesen Befund nicht, obwohl ich die beruhigende Wirkung sehe, wenn man hier via nachholenden Prozess eine Möglichkeit der Krisenbewältigung in der Vergangenheit findet. Die substantielle Beunruhigung des grassierenden Bauchgrummeln ist aber, ohne dass es laut gesagt wird, nicht das Gefühl, dass wir beim Blick auf afrikanische und arabische Konflikte in die hier weitgehend überwundene Vergangenheit schauen, sondern die Befürchtung, es könnte die Zukunft sein.

  40. che2001 schreibt:

    @Jumid: Zu den makroökonomischen Fragen müssten wir uns gesondert unterhalten. Was den Faktor Krieg als Verteilungskampf angeht, so trifft das auch, ganz ohne Ideologie und unter innerkapitalistischen Sachzwängen betrachtet auf beide Weltkriege zu, nicht umsonst hat Engels den ersten vorausgesehen und sogar die Zahl der Opfer halbwegs exakt berechnet. Auch Verbrechen wie die Shoah ergeben sich zwar nicht nur, aber durchaus zum Teil aus der innerkapitalistischen Verwertungslogik der Vernichtung der überflüssigen Esser, die bis heute in nahezu allen militärischen Konflikten als Unterströmung am Wirken ist. Was Die Flüchtlinge angeht: Da gibt es Analogien zur Spätphase des Imperium Romanum und der Völkerwanderung, die stattfand, weil die Barbaren Römer werden oder zumindest wie diese leben wollten.

  41. Jumid schreibt:

    @che @Bersarin
    Ich glaube, Trump schießt zurzeit erst einmal Versuchsballons los, und zwar ganz in dem Sinne, in dem er Wahlkampf geführt hat. Bersarin, die Unberechenbarkeit Trumps sehe ich nicht so sehr im Moment, wenn man nicht die Erfolgsoffenheit von Handlungen als unberechenbar sieht. Das sind sie immer. Aber Trump ist sichtlich bemüht, seine Wahlversprechen einzuhalten, egal, ob uns das nun passt oder nicht. Er wird die Mauer in irgendeiner Form einer erweiterten Grenzsicherung bauen, er wendet sich gegen internationale Handelsabkommen, er hat mehrfach angekündigt, massiv Steuern zu senken, er droht mit Schutzzöllen. Ich habe keinen Zweifel, dass der Mann meint und zu tun gedenkt, was er sagt. Inwieweit ihm die Umsetzung gelingt, ist eine andere Frage. Zunächst einmal scheint er am Beispiel Mexikos ein Exempel statuieren zu wollen, das sollten wir uns aufmerksam anschauen.
    Aber ganz allgemein gesprochen, hat Trump ein Problem am Hals, dass jeder, der Veränderungen anstrebt, ebenso hätte: die unglaublichen Beharrungskräfte des Bestehenden, das nicht bestünden, hätte es nicht auch für Viele Vorteile. Mit denen wird er es zu tun bekommen, und zwar massiv. Je fester verfugt ein System auf allen Ebenen ist, desto irrationaler erscheinen Alternativen jeglicher Art. Man kann das auch am Brexit studieren, dessen Ausgang ich für völlig offen halte. Glaubt man den Systempropheten, handelt es sich hier allerdings um den Untergang Großbritanniens. Sehe ich nicht so, zumindest nicht zwangsläufig.
    Eine echte Überraschung wäre allerdings, auch im Sinne von Unberechenbarkeit, wenn Trump plötzlich die soziale Ader in sich entdecken würde. Meine Vermutung ist, dass es letztlich in einer autoritären Scheinalternative enden wird, bei denen sich für jene, die ihn gewählt haben, im günstigen Fall nichts ändert, im ungünstigen Fall sich die Dinge massiv zum schlechteren wenden. Er wird die USA seinem erklärten Gegner China ähnlicher machen, womit ich meine: sozial weitere ungünstige Spreizung der Ungleichheiten zugunsten einer beschleunigten kapitalistischen Dynamik und politisch autoritärer Strukturen inklusive kompensatorischer Rhetorik: Make America great again! Und ich fürchte, eine eventuelle Opposition hat dem im Moment nicht viel entgegen zu setzen. Ich freue mich wenn´s anders kommt, allein glauben kann ich es nicht. Hier handelt es sich schon um einen machtvollen Angriff auf das Bestehende, und ich sehe keine linke oder linksliberale Kraft, die das zustande bringen könnte in seiner Massivität. Daraus speist sich sicher auch die heimliche, sich selbst nicht geheure Bewunderung vieler Linker. Auf Trumps Machoniveau gesprochen: der Typ hat Eier in der Hose, während die Linke nicht theoretisch gesichert hat, wo sie die ihren suchen könnte. Da ist sie noch im unabgeschlossenenen Diskurs, wie man Eier in der Hose wohl gendert …. Das sind wenig ermutigende Aussichten.

  42. neumondschein schreibt:

    Er wird die USA seinem erklärten Gegner China ähnlicher machen, womit ich meine: sozial weitere ungünstige Spreizung der Ungleichheiten zugunsten einer beschleunigten kapitalistischen Dynamik und politisch autoritärer Strukturen inklusive kompensatorischer Rhetorik: Make America great again!

    Wie geht das? Ich dachte, Amerika sei ein föderaler Rechtsstaat mit Gewaltenteilung. Trump ist Aussenseiter im System. Föderalismus und Gewaltenteilung beschränken seine Macht. Er müsste schon auf irgendeine Art einen Kriegszustand hingenommen, damit er das Kriegsrecht und einen Ausnahmezustand installieren kann. Sieht es danach aus? Seinen Gegnern hingegen stehen ganz andere Möglichkeiten zu Gebote. Die haben beste Beziehungen zu den amerikanischen Geheimdiensten. Verfügen über beträchtliche Macht im Medienbereich etc. Sie koennen in kuerzester Frist Massendemonstrationen aus dem Boden stampfen, die genau zu den Zustaenden gefuehrt werden koennen, autoritaere Massnahmen notwendig machen zu koennen. Die Clintons, Obamas, McCains haben die ausserdemokratischen Mächte beständig begünstigt. Sie haben die elektronische Totalueberwachung eingefuehrt, und dabei Internetmonopolisten zur Mitwirkung gezwungen. Sie sind drauf und dran, mit ihrer Hilfe die Rechte der Bürger auszuhebeln, politische Zensur einzuführen, sie auszuspionieren etc. Sie schaffen bestaendig Feindbilder, erfinden Bedrohungen, Bedrohung durch fakenews, durch Russen, durch Terror etc., denen man jetzt nur durch Aufgabe demokratisch-rechtstaatlicher Grundsaetze entgegenwirken kann. So kann man dann auch Guantanamo rechtfertigen. Das, was Hillary so treibt, dürfte weit mehr Schäden am demokratischen System anrichten, als alle dummen Schnellschuesse von Trump. Chinesische Verhältnisse wären unter Hillary wahrscheinlicher als unter Trump.

  43. Jumid schreibt:

    @neumondschein
    Das geht durchaus überein. Ich sehe in Deinen Äußerungen keinen zwangsläufigen Widerspruch, da sind wir einander näher als es scheint. Was mich im Moment beschäftigt, ist die Frage, was eigentlich beide Fraktionen unterhalb des rhetorischen Geklingels unterscheidet. Es wird immer geradezu panisch von einem Bruch mit allem Bestehenden gesprochen, als seien wir nun in einer neuen Zeit. Dafür, dass man damit deutlich vorsichtiger sein sollte, bringst Du viele Argumente. Deine Beschreibung der autoritären Tendenzen unter Clinton und Obama teile ich, nur hast Du vergessen zu beschreiben, was denn nun der Unterschied zu Trump sein könnte, außer, dass dieser vielfach nur auf den offenen Meinungsmarkt trägt, was jene eher abseits der Öffentlichkeit tun. Sieht man´s positiv, könnte man in dieser Doppelmoral von Clinton und Obama ein schlechtes Gewissen vermuten, während Trump kein´s hat, dass ihm schlecht werden könnte.
    Die eigentliche Crux Deiner Argumentation ist jedoch, wie sehr Du China als monolithischen Block wahrnimmst, der von oben gesteuert wird. Damit gehst Du in gewisser Weise sowohl der ideologischen Selbstbeschreibung der KP Chinas auf den Leim wie auch der gängigen Kritik daran, die diese Voraussetzungen umstandslos teilt. Sicher ist China völlig anders verfasst als die USA, nur gibt es auch dort eine große Eigenmacht der Provinzen, Machtcliquen innerhalb und außerhalb der Partei, große regionale und ethnische Differenzen einschließlich Unabhängigkeitsbestrebungen, Machtkonkurrenz durch Religionen, erhebliche Interessenkonflikte in der Ökonomie, aber auch eine Vielzahl regionaler Proteste und Aufstände im Volk, wenn rabiate Modernisierungsbestrebungen zu erheblichen Opfern führen. Hier machen wir den gleichen Fehler wie damals gegenüber der Sowjetunion, wo man sich auch in Kremlastrologie erschöpfte. Wenig bis nichts erfuhr man über nationale Konflikte und religiöse Auseinandersetzungen. Diese kamen ja nach dem Zerbrechen der SU geradezu überraschend ans Licht, als wären diese Probleme neu. Man kann auch diskutieren, solange man nicht die System- und Machtfrage stellt. Ähnlich wie im heutigen Russland. Autoritäre Systeme gehen sehr viel selektiver und gezielter vor als noch die brutalen totalitären Regime des 20 Jhrdts. Das erhöht ganz unzweifelhaft die Freiräume der Menschen, macht sie aber noch lange nicht zu Demokratien. Zumindest wenn wir unter Demokratie verstehen, herrschende Politiken abzuwählen zu können. Auf die Ablösung des Machthabers und seiner Politik kommt´s an, gewählt ist heute irgendwie jeder Westentaschendiktator. Und die spannende Frage bei Trump wird sein, ob eine herrschende Politik wirklich abgewählt wurde. Ich bin da nicht so sicher, dass dieses über Detailfragen, Rhetorik, Symbolik und inszeniertes, aber folgenloses Gezänk weit hinausgeht. Das bleibt erst abzuwarten.
    Aber weiter zu China: dort sehe ich eine kapitalistische, industrielle Modernisierung, die einen westlichen Weg im Kern nachkopiert, insofern eine wirtschaftsliberale Entwicklungsdiktatur. Dieses ist der zweite große Versuch nach den gewaltsamen Industrialisierungsverheerungen der SU im 20.Jhrdt. Und hier muss ich einmal Dahrendorf sinngemäß zitieren, der fragte, ob die Gleichung liberale Demokratie gleich Kapitalismus im 21. Jhrdt noch gelte, oder ob ein autoritärer Kapitalismus den Sieg davon trage. Dem würde ich zustimmen, das ist im Moment die Frage. Trump zeigt in allem, dass er ein letztlich taktisches Verhältnis zur Demokratie hat. Wenn er gewinnt, akzeptiert er das. Wenn nicht, eben nicht. Beschwerden der chinesischen KP über Zustimmung aus dem Volk habe ich bis jetzt noch nicht vernommen. Ich beschränke diese Frage, auch wenn China hier im Fokus steht, nicht allein auf China. Diese Frage stellt sich auch in Russland, in Vietnam, in Saudi-Arabien, historisch stellte sie sich auch in Chile unter Pinochet. Das finde ich nicht eben abwegig, und schon gar nicht vor dem Hintergrund der Tendenzen, die wir beide sehen auch schon unter Obama und Clinton, unter Bush. Und ich beziehe mich auf den Kern ökonomischer und machtpolitischer Konstellation und nicht um das folkloristische Geklingel, das drumherum gemacht wird: wie amerikanischer Patriotismus, chinesischer Weg, christliche und islamische Fundamentalismen, Konservatismen aller Art etc etc.
    Soweit bis hierher, ich muss jetzt leider weg, fiele mir noch manches zu ein….

  44. h.z. schreibt:

    @Dieter Kief
    Ihre Anmerkung steht in keinerlei Zusammenhang mit der vorausgehenden Begründung für meine von Ihnen zitierte Aussage. Die Begründung sorgt sich nämlich um die von den deutschsprachigen Medien vollständig ausgeblendete ruinöse Seite der deutschen Exporte im Hinblick auf Deutschland selbst. Ohne weitere Erläuterung Ihrerseits darf ich auf Ihre Anmerkung vernünftigerweise nicht eingehen.

  45. workingclasshero schreibt:

    @ h.z. : Lässt sich das auch weniger kariert ausdrücken?

  46. h.z. schreibt:

    @workingclasshero: Ihr Anliegen ist jetzt genau was? Krawall provozieren?

  47. workingclasshero schreibt:

    Zu verstehen, was Du überhaupt sagen willst. Rein semantisch verstehe ich das nicht. Ging mir auch schon beim Lesen Deiner Beiträge beim Che so. Ich habe sowohl den als auch meine Liebste, Netbitch, konsultiert, die können das ebensowenig nachvollziehen.

  48. h.z. schreibt:

    @workingclasshero: Daraus folgt zwingend, dass ganz offensichtlich keine Basis zur Verständigung gegeben ist, Sie eine solche jedoch suchen. Sonst würden Sie nämlich nicht in der Weise nachfragen.

    Bleibt die Frage zu klären, worüber Sie Verständigung suchen. Die Sache selbst kann’s nicht sein, sonst hätten Sie bereits angeführt, was konkret sich Ihrem Verständnis entzieht. Stattdessen führen Sie Zeugen an dafür, dass meinen Beiträgen semantische Mängel anhaften müssen, da auch Ihre Zeugen die Beiträge nicht verstehen. Was wiederum die Vermutung nahelegt, dass Sie sich damit begnügen wollen, Ihr Nichtverstehen zu untermauern mit dem Nichtverstehen Ihnen glaubwürdig erscheinender Zeitgenossen.

    Was kann dann als mögliches Ziel der von Ihnen angestrebten Verständigung übrig bleiben? Ich komme zu dem Ergebnis, dass Sie von mir das Zugeständnis erwarten, Ihr Nichtverstehen sei berechtigt. Kann ich Ihnen nicht geben. Und damit soll’s sein Bewenden haben.

  49. workingclasshero schreibt:

    Ich habe lediglich die Bitte geäußert Dich verständlicher auszudrücken. Fast alles was Du schreibst hinterlässt bei mir einen kryptischen Nebel, in dem ich nichts erkennen kann, und ständige „what the fuck“-Reaktionen. Die Antwort auf Dieter Kief etwa verursachte bei mir genau das. „Was will mir der jetzt sagen?“ ist meine fast permanente Reaktion auf Deine Beiträge. Und da das nicht nur mir so geht erscheint mir die Bitte, an der eigenen Performance zu arbeiten berechtigt. Wenns um „die Sache“ selber geht: Ich weiß zum Beispiel nicht, warum Du die deutsche Wirtschaftsweise insgesamt als irre betrachtest oder um was Du Dir hinsichtlich der deutschen Exportorientierung Sorgen machst, Du bringst da immer nur sehr vage Andeutungen und scheinst vorauszusetzen, dass andere wissen was Du meinst. Expliziere das doch mal.

  50. Jumid schreibt:

    @workingclassgero
    Ja, da gebe ich Dir insofern Recht, als h.z. ein schwieriges Problem nur andeutungsweise benannt hat. Vielleicht noch einmal kurz in anderen Worten nicht eine Interpretation h.z (muss er selbst machen), aber zum Zusammenhang:
    Wie auch immer man den deutschen Handelsbilanzüberschuss bewertet, die deutsche Wirtschaft ist zu erheblichen Teilen strukturell darauf ausgerichtet. Das Bilanzungleichgewicht ist immer größer geworden, damit natürlich Deutschland für eine Änderung der internationalen Handelsagenda immer anfälliger, das Geschäftsmodell wird in diesem Punkt immer fragiler. Wenn jetzt Trump – inklusive wahrscheinlich folgender Kettenwirkungen – dieses Modell schnell ändern will, dann wird das Deutschland sicher kaum nützen, wenn das schockartig kommt, drohen hohe Arbeitsplatzverluste. Und eventuell tatsächlich eine Rezession oder zumindest eine Wachstumsschwäche. Und das sollte man Ernst nehmen, weil Trump offensichtlich tut, was er sagt. Viel mehr steht da erst einmal nicht drin.
    Ich glaube, dass dieses Argument zu Recht seit langem angeführt wird. Die Überschüsse Deutschlands sind die Kehrseite der Probleme anderer Länder, die eben Dauerdefizite haben, und diese auch noch über Kredite auf den internationalen Kreditmärkten finanzieren. Das Paradebeispiel dafür ist Griechenland. Für die USA ist das auch ein Problem, aber ein viel kleineres, solange die Kreditmärkte das ohne Murren finanzieren, was sie bis jetzt tun. Das liegt an der Leitwährung, ich habe dazu weiter oben ein paar Zeilen geschrieben. Die riesigen Schulden Japans (mehr als Griechenland, viel mehr!) sind auch ein minderes Problem, solange sich der japanische Staat bei seinen Bürgern und bei der eigenen Zentralbank verschuldet, was er bis jetzt tut.
    Deutschland, und diese Kritik wird kommen (auch das oben in einem meiner anderen Beitrage kurz angerissen), macht sich die Euro- und Schuldenkrise zunutze, weil der niedrige Euro eine gigantische Exportsubvention sind. Deshalb schrieb ich, in der deutschen Wirtschaft werden schon manche ganz blass bei dem Gedanken, die Eurokrise könnte gelöst werden. Mit einer eigenen Währung, die frei flottiert auf Kapitalmärkten, gäbe es weder diese Überschüsse noch wäre überhaupt die ganze Agendapolitik möglich gewesen. Deshalb sagen kluge Beobachter (etwa Attali) aus Frankreich schon lange, der kranke Mann Europas der 2020-er Jahre werde Deutschland sein, weil dieses Geschäftsmodell fragil sei und ständig fragiler werde, und auf die Dauer nicht tragen könne. Vielleicht so weit.

  51. Jumid schreibt:

    Aber noch etwas ganz anderes: wer jetzt sieht, wie sich der Widerstand der Techfirmen mit Jeff Bezos an der Spitze formiert, realisiert vielleicht auch, dass der Weg vom aufrechten Verfechter der Bürgerrechte und Trumpgegner zum nützlichen Idioten von Jeff Bezos u.U. ziemlich kurz ist. Und manche sind in ihrer popkulturellen Biedermeierseligkeit schon stramm auf Kurs. Das stimmt nur jene optimistisch, die ihre Bürgerrechte bei Jeff Bezos besser aufgehoben glauben als bei Trump.

  52. che2001 schreibt:

    So allzu berechtigt diese Warnung ist, Zizek hatte das ja deutlich auf den Punkt gebracht, so eine Kulturkampf Ebene „Die Rainbow-Coalition zusammen mit den Yuppies und Yetties gegen die Rednecks, Cowboys und den White Scum“ hat die aktuelle Auseinandersetzung jetzt schon. Mal nicht sozioökonomisch sondern popkulturell gesehen.

  53. h.z. schreibt:

    @workingclasshero: Jetzt machen wir aber einen Punkt, gelt? Von einer geäußerten Bitte kann nicht im Entferntesten die Rede sein. Ich darf mich wohl Ihrer Reaktion bedienen: „what the fuck“? Wie war das nochmal mit der Semantik?

    Die jüngsten Ausführungen Jumids unterstreiche ich, insbesondere die Aussage zur Exportsubvention durch einen für deutsche Verhältnisse viel zu niedrig (je nach Sichtweise zwischen 15-20%, nennt sich realer Wechselkurs) bewerteten Euro. Ich mag höchstens ergänzen, dass der deutsche Exportanteil am BIP fast 50% beträgt mit einem Exportüberschuss von knapp 9% am BIP, während eine robuste Volkswirtschaft einen Exportanteil von lediglich 25-30% aufweist mit einem über die Jahre ausgeglichenen Leistungsbilanzsaldo. Daraus ergibt sich für Deutschland eine Fallhöhe, welche mit einer eigenständigen deutschen Währung undenkbar wäre. Kann alles nachgelesen werden, unter anderem in der Datenbank der Europäischen Kommission mit der Bezeichnung AMECO.

    Unter dem Beitrag Bersarins, der sich doch auf journalistische Besonderheiten in Deutschland bezieht, führt gewiss zu weit, den Exportüberschuss als einen Entzug von Steuerbasis für andere Länder zu erklären. Staatshaushaltslücken in den [Leistungsbilanz]Defizitländern rühren nämlich auch daher, dass auf Importe weder Lohn- und Einkommenssteuern, noch Kapitalertragsteuern geleistet werden. Von Sozialabgaben mal ganz zu schweigen. Das Gegenteil ist in den Überschussländern der Fall. Für Deutschland bedeutet dies der Größenordnung nach einen Betrag von jährlich rd. €80-90 Mia., der allein beim Verschwinden des Exportüberschusses im Staatshaushalt dauerhaft wegfällt. Die Möglichkeiten sind dann lediglich: Steuern ‚rauf oder Leistungen ‚runter. Wer’s ausbaden wird, darüber kann man trefflich spekulieren. Ich tippe mal auf die Werktätigen, die sich dann in vernichtend lange dauernder Arbeitslosigkeit wiederfinden und ihr redlich erworbenes kleines Vermögen aufzuzehren haben werden. Bei nachfolgender Armutsrente.

    Während ich vor einigen Tagen noch schrieb, „Germany is next“ würde noch nicht laut gesprochen, ist Deutschland in dieser Angelegenheit von der Trump-Administration mittlerweile derart deutlich aufgerufen, dass sich Merkel bereits zu einer abwehrenden Stellungnahme veranlasst sah. Dass der besagte Exportüberschuss ihr, ihrem Finanzminister, ihrem Wirtschaftsminister und den meisten ihrer Mitbürger ganz offensichtlich keine Sorgen bereitet, muss genauso unter Ignoranz verbucht werden – um nicht zu sagen: gefährliche Dummheit – , wie die Geschwätzigkeit der deutschsprachigen Leitmedien.

    Eine kleine Anmerkung noch. Einer Ihrer Zeugen, Che nämlich, vermutet bei Trump die Absicht, zum Merkantilismus zurückkehren zu wollen. Dies unternimmt Ihr Zeuge in einem Land, dessen Finanzminister sich damit brüstet, nun endlich auch das vierte der fünf Konten der volkswirtschaftlichen Finanzierungsrechnung dauerhaft ins Plus gedreht zu haben. Den vier positiven Salden steht ein einziges negatives Konto gegenüber: das Ausland. D A S ist Merkantilismus, noch dazu der allerübelsten Ausprägung.

    Und [fast] niemand hat ein Problem mit der allerorts zu vernehmenden irrwitzigen Ermunterung, Defizitländer mögen sich Deutschland angleichen. Erstaunlicherweise hätten gleichzeitig aber alle ein Problem mit der Forderung, dass in einem Fußballturnier alle Mannschaften gewinnen sollen. Ignorante Geschwätzigkeit eben.

  54. Bersarin schreibt:

    Jumids Hinweis auf Bezos ist da nochmal ganz interessant, insbesondere deshalb, wer sich plötzlich alles als Widerständler camoufliert. Und auch der Rosamützenverteiler und Ukraine-Investor Soros ist da noch zu nennen. Aber vermutlich kann man bei solchen wie Trump in der Wahl seiner Koalitionspartner nicht so wählerisch sein. Es zeigt zumindest auch hier sich, wie in der Tat sich das Pop-Pastiche von den tatsächlich ökonomischen Kategorien peu à peu abkoppelt. Sollten wir auch für die BRD mal im Auge behalten. Die Linke hier wird, wenn sie so dumm wie in Berlin weitermacht, eine Riesenwatsche bekommen. Den Leuten ist es übrigens scheißegal, liebe Irgendwasmitmedien-Linke und solche wie Anne Roth, ob sie vom NSA auf dem Klo beim Scheißen abgehört werden, wenn Papa ohne Arbeit ist und Muttern mit drei Putzjobs sich über Wasser hält. ich will nicht sagen, daß das Thema NSA unwichtig ist, im Gegenteil. ich stelle lediglich eine Frage zur Themenrelevanz.

  55. h.z. schreibt:

    @workingclasshero: Und noch etwas: Der Aussage „Und da das nicht nur mir so geht erscheint mir die Bitte, an der eigenen Performance zu arbeiten berechtigt“ widerspreche ich mit Nachdruck. Jumid falsifiziert Ihre Annahme mit der korrekt zusammenfassenden Verwertung meiner Ausführungen eindrücklich.

    Ich moniere zudem, dass Sie eine Umkehrung der Verhältnisse vornehmen, indem Sie sich mit Ihrer an sich nicht vorwerfbaren Unwissenheit ins Anspruchrecht setzen. Sie „erbitten“ (großartig!) eine Verbesserung meiner Performance. Im Gegensatz zum berühmten first_dr.dean bei Che erwarte ich keinerlei Dankbarkeit für meine Aufklärungen. Aber mit einer derart verrückten Haltung, wie Sie sie an den Tag legen, können Sie mich sprichwörtlich am Arsch lecken.

  56. che2001 schreibt:

    Na, h.z., zumindest hinsichtlich sozialer Kompetenz war das jetzt „Setzen. 6“.

  57. h.z. schreibt:

    @Che, Ihre Benotung interessiert mich nicht.
    Mich interessiert vielmehr, ob die mir abgeforderte Explikation in der Sache hilfreich war. Und da Sie ebenfalls unter den semantischen Mängeln meiner Einlassungen litten, wäre nun wohl eine Aussage Ihrerseits dazu angebracht. Sie könnten auch bei workingclasshero bzw. netbitch nachfragen und deren neue Verständnislage einbringen. Aber mit Hand und Fuß, wenn ich bitten darf. Semantische Kontorsionen, wie von workingclasshero vorgeführt, biege ich rücksichtslos gerade, auch wenn’s dabei kracht. Diese Freiheit lasse ich mir von niemandem nehmen.

  58. h.z. schreibt:

    Eine andere Überlegung, die im öffentlichen Diskurs meiner Wahrnehmung nach bislang nicht breitgetreten wird, will ich auch noch einbringen. Trumps Unvorhersehbarkeit bildet dessen – wie es derzeit scheint, einzige – Konstante (oder ist’s gar wohlüberlegte Taktik?). Daraus folgt, dass sein zu erwartendes Wellenschlagen von der Weltgemeinschaft mit höchster Vigilanz austariert werden muss und wohl auch werden wird. Einen masochistischen Hang zur Selbstbeschädigung qua Beharrungsanspruch würde ich, zynisch wie ich bin, höchstens dem deutschsprachigen Raum attestieren.
    Wie also reagieren die Chinesen wirtschaftspolitisch tatsächlich? Und wie die Russen, machtpolitisch beispielsweise? Für beide Mächte bietet Trump die seit dem zweiten Weltkrieg einzigartige Gelegenheit, sich in der weltöffentlichen Wahrnehmung als weitblickende und um Stabilität bemühte Führungsinstanzen zu profilieren, wie ich das sehe. Die EU wird eher keine konstruktive Rolle spielen können. Das ergibt sich vernichtend aus dem Krisenmanagement der letzten siebenacht Jahre. Daran wird sich, mit Blick auf die Bundestagswahlen, auch in naher Zukunft wohl nicht viel ändern. Beklagenswert. Denn Bersarin weist in seinem Beitrag mE vollkommen zurecht auf die Chance einer klugen Europapolitik hin.
    Im Ergebnis könnten die USA unbeabsichtigt beträchtlich an [imperialistischer] Relevanz verloren haben. Kann und soll man das wollen? Könnte gar ein Kapitalismus asiatischer Prägung die „Weltherrschaft“ übernehmen? Oder schickt sich Trump an, eben diese Umformung selbst durchzusetzen? Letzteres halte ich für wahrscheinlich (wie ich auch dessen Scheitern für gewiss halte). Dafür spricht nämlich die irrationale Vorstellung nicht nur breiter Bevölkerungsschichten, sondern auch großer Teile der Politikerklasse, dass der Staat wie ein Unternehmen zu führen sei. Trump verkörpert diese Vorstellung perfekt.

    Unterdessen wird bereits begonnen, von der deutschen Atombombe zu phantasieren (Sendung Panorama von gestern). Nach 14 Tagen Trump-Präsidentschaft! Da bleibt einem Nicht-Deutschen die Spucke weg. Wird in Deutschland eine bevorstehende europäische Wiedervereinzelung antizipiert, fragt sich der kritische Beobachter. Denn am Ende des Beitrages gibt es die Aufforderung, auf der Sendungshomepage darüber zu diskutieren. Dort wird verdeckte Meinungsforschung betrieben, könnte man versucht sein zu argwöhnen.
    In jedem Fall sehr interessante Zeiten, die wir gerade erleben dürfen.

  59. Jumid schreibt:

    Die Benimmregeln mal beiseite, muss ich hier im Forum mal eine Frage stellen. Und zwar, ob es hier einige gibt, denen es geht wie mir: Ich fühle mich von der Rechten in gewisser Weise enteignet. Ist es nicht so, dass hier Argumente, die aus einer langen, linken Kritik und Diskussion stammen, enteignet werden? Argumente werden genommen und ins Nationalistische verdreht. Das hinterlässt doch diese Mischung aus ärgerlicher, wütender Sympathie, dass überhaupt mal bestimmte Tendenzen wieder politisiert werden, und dem Erschrecken, was da so mit hochspült. Das erinnert tatsächlich an die 1920-er Jahre, ohne dass ich die rechten Protagonisten in ihrer Mehrheit für Faschisten hielte. Ich selbst hege nicht die Illusion, dass man den Lauf der Dinge ändern kann, ohne Dinge zu zerstören. Insofern werden sicher einige Lieferketten der Konzerne dran glauben müssen, wenn Globalisierung anders gestalten werden soll als bisher. Es werden auch Preise steigen, wenn man Produktion wieder teils regionalisiert, was ja letztlich ein Kern ist. Und noch schwieriger als für Industrieländer wird das für einige Entwicklungsländer, für die teils auch Chancen aus dieser Globalisierung entstanden. Darum geht es u.a. auch beim Streit mit Mexiko. Und sicher auch, wenn Chinas bisheriger Kurs einmal etwas deutlicher in Frage gestellt wird, als das bisher geschah. Und die „neuen“ Konflikte bewegen sich entlang der alten Konfliktlinien:
    A) ein unbestreitbar größerer Anteil an der Weltwirtschaft von Ländern, die keine klassischen Industrieländer sind inklusive neuer Mittelschichten und großem inneren Druck durch zunehmende Spreizung der Ungleichheit auch dort.
    B) Ein weiterer Zerfall von Ländern, die von der Globalisierung, aus welchen Gründen immer, gar nichts hatten.
    C) Eine größere Spreizung der Ungleichheit in klassischen Industrieländern bei zunehmend von Abstieg betroffenen Mittelschichten (m.E. der Hauptgrund für den Rechtspopulismus, dass man auch in den Mittelschichten inzwischen begreift, dass Umverteilung von Unten nach Oben auch sie betrifft, wenn bei den üblichen Verdächtigen im Grunde nichts mehr zu holen ist, und sich hier der politische Konflikt darauf beschränkt, die Alimentierung möglichst gering zu halten ohne dass es in Gewalt mündet. Rechtspopulismus ist dort, wo er Stoßkraft entfaltet, im Kern ein Mittelschichtsphänomen, von dem die Unterschicht weniger profitieren wird als sie hier und da träumt. In Berlin hatte die AfD in allen gutbürgerlichen Stadtteilen um die 10 % – wir werden da noch erstaunliche, wenn auch eher verschämte Bündnisse etwa zwischen Grünen und AfD sehen! Da tut sich eine ganze Menge, wie das Brennglas der Flüchtlingskrise zeigt. Auch da hat die Mittelschicht begriffen, dass dieses Problem nicht mehr in die Unterschicht nach Neukölln zu entsorgen ist, zumal diese ja auch bitte inzwischen dort in weiten Teilen auszuziehen hat. So schöne Altbausubstanz und Hartz IV – das kann nicht ewig gut gehen.) sowie ein Zurückdrängen der demokratischen Einflussmöglichkeiten der Wähler (etwa TTIP).

  60. Jumid schreibt:

    @h.z.
    Gut schreibst Du noch einmal eine Klarstellung Deiner Position. Ich teile Deine Einschätzung, dass eine schockartige Anpassung des Handelsüberschusses Deutschlands ans international Verträgliche hier zu politischen Veränderungen führen würde, die auch die Kritiker dieses Überschusses (zu denen ich zähle) sich nicht wünschen können – weder in der Sozialpolitik, noch in der Steuerpolitik und schon gar nicht in der Migrationspolitik. Und dass die unkritische Einseitigkeit, mit der die Überschüsse begrüßt und politisch stabilisiert worden sind, in eine Sackgasse führen wird oder schon geführt hat. Nicht das geringste Problem ist, ähnlich wie in der Flüchtlingsfrage oder von Schuldenbremsen, dass nach jahrelangem Bestreiten, dass es sich hier um ein gemeinsames europäisches Problem handelt, man plötzlich zur Kenntnis nehmen muss, dass es offensichtlich doch ein gemeinsames Problem ist. Die Anzahl der internationalen Verbündeten wird überschaubar sein, trotz aller Lippenbekenntnisse. Nach der Merkel-Schäuble-Politik mit einer Opposition, die in allen kritischen Fragen zustimmt und anschließend maximal noch in Steinmeierart ein paar schlechte B-Noten verteilt, wenn die Messe mit Hilfe ihrer Ministranz gelesen ist, warten viele in Europa nur auf den Moment der Machtverschiebung. Denen kann man nicht damit kommen, dass man sagt, es brauche aber noch viel Zeit, für sie ist viel Zeit vergangen: für sie wird es Zeit! Soviel zu einer einheitlichen europäischen Stimme, auf diese Premiere bin ich ja gespannt.
    Im Moment überwiegt das Maß der Scheinheiligkeit gegenüber Trump die Gewichtigkeit der Argumente noch immer deutlich. Darin sehe ich keine realistische Politik. Es ist noch immer so, dass der Gebrauch des Hirns sich im Kopfschütteln über die Lümmeleien eines Trump erschöpft. Mittwoch habe ich eine Diskussion im Deutschlandfunk gehört, die dem üblichen Muster ganz überwiegend folgt: eine gepflegte behauptete Weltläufigkeit überdeckte mit vermeintlichen Evidenzen und moralisierender Empörung die soziale Provinzialität der Diskutanten. Kritiklos werden Positionen der amerikanischen Großunternehmen übernommen. Das nenne ich mal gelungenen Lobbyismus der Industrie. Man könnte die meisten Sätze zusammenfassen mit: Kann ja sein dass …. (hier Ende der Analyse), aber …. (hier das, was ich als Biedermeier des Hergebrachten bezeichne, als handele es sich um Naturgesetzlichkeiten). In dieser Hinsicht stimme ich auch h.z.´s Befund von der „ignoranten Geschwätzigkeit“ der Medien zu.

  61. che2001 schreibt:

    @Jumid: Wenn man Schlangens Who voted for Hitler?, Seymour Martin Lipset und Nicos Poulantzas gelesen hat wird die Ähnlichkeit der aktuellen Situation mit den Dreißigern noch viel deutlicher. Eine in ihrer Gesamtheit verarmte Mittelschicht war der Humus, in dem die braune Saat aufging.

    @“Im Ergebnis könnten die USA unbeabsichtigt beträchtlich an [imperialistischer] Relevanz verloren haben. Kann und soll man das wollen? Könnte gar ein Kapitalismus asiatischer Prägung die „Weltherrschaft“ übernehmen? “ —– Ja, er könnte, das fängt auch schon an. Die Chinesen kaufen systematisch weltweit Firmen auf, sie kaufen sich u.a. als Minderheitsgesellschafter in deutsche GmbHs ein, das Eisenbahnnetz des subsaharischen Afrika gehört ihnen schon fast komplett. Und da man in Ostasien nicht bis zur nächsten Wahl plant, sondern über Jahrhunderte ist da noch einiges zu erwarten. Und zwar sehr nachhaltig.

  62. neumondschein schreibt:

    Che2001, uebertreibe mal nicht! Trump verfügt über keine Massenbasis. Genaugenommen stellt er lediglich einen Verlegenheitskandidat dar. Drittens war Hitler zu seiner Zeit längst nicht der einzige, der Demokraten und Juden ablehnte. Hugenberg, einer derjenigen, die Hitler im Kabinett besänftigen sollte, war ja nun wirklich kein Demokrat. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Selbst das identitaere nationale Getöse von Hoecke und Gauland nützt niemanden etwas. Für die Durchsetzung imperialistischer Interessen wäre ein abgeschottes Deutschland nur von geringem Nutzen. Wenn ich ganz frech werden wollte, müsste ich behaupten, Hitler strebte ein geeintes Europa an. Martin Schulz und Angela Merkel kommen Hitlers Vorstellungen über die Zukunft Europas weit aus näher, umso mehr, wenn man Hitlers Drang nach Osten in die Betrachtung einbezieht. Wenn man sich also um die Freiheit der Bürger in Europa Sorgen macht, sollte man also die etablierten Eliten nicht vergessen.

  63. neumondschein schreibt:

    Damit wir uns nicht falsch verstehen: Natürlich sind AfD und ihre Schwestern in Europa Parteien, die jede Art reaktionaere Scheisse verbreiten. Damit sich jedoch jede Art reaktionäre Scheisse in Europa durchsetzt, reicht es, SPD zu wählen. Das wollte ich sagen. Auf der anderen Seite muss Deutschland sich erst militärische Kapazitäten aufbauen und verhindern, dass das, was Clinton-Anhaenger in Amerika sich am sehnlichsten wünschen: eine Frau als Präsidentin, aber in Frankreich. Ob das Europa der Bankenkrise sich die deutschen Anpassungen auf die Dauer gefallen lässt, ist auch eher ungewiss. Also: gewisse Unterschiede zwischen Hitler und Merkel gibt es durchaus.

  64. Jumid schreibt:

    @Neumondschein
    Lass es mich überspitzt ausdrücken: ich selbst würde gerne Hitlervergleiche in politischen Diskussionen mal für mindestens 10 Jahre verbieten. Das würde wahrscheinlich das Nachdenken fördern. Und ebenso könnte ich mir vorstellen, dass sich heraus stellt, dass mehr als 0 & dieser Vergleiche nicht erkenntnisfördern sind, um es mal zurückhaltend zu sagen.
    Es gibt zunehmend Begriffe und Vergleiche, die inflationär in einem moralischen Überbietungswettbewerb benutzt werden, was sie ihres Inhaltes fast zur Gänze beraubt. Da gibt es auch noch andere Kandidaten: pervers und narzisstisch (wenn man sich einmal ihres analytischen Gehaltes erinnert), Sklaverei, Faschismus etc. etc. Begriffe wie Rassismus und frauenfeindlich sind auch auf diesem Weg. Oder: Trauma. Da gibt es viele Kandidaten. Meist kommt dabei Unsinn heraus, es sei denn, jemand sagt mal präziser, was er darunter versteht. Das ist eher selten.

  65. Jumid schreibt:

    es soll heißen: mehr als 90 %, nicht 0%

  66. Bersarin schreibt:

    Man kann alles mit Hitler vergleichen. Nur führt das zu nichts. Und vor allem beraubt man sich damit der Analysemittel und unterschlägt die Differenzen. Das ist historisch genommen grob fahrlässig. Zudem ist es naiv anzunehmen, daß Geschichte sich wiederholt. Das kann man allenfalls machen, um im Marxschen Sinne Karrikaturen zu zeichnen. Ich glaube aber nicht, daß Trump und das, was in den USA geschieht. eine Komödie ist, wenn man Marxens Diktum aus dem 18. Brumaire nimmt. Wir stehen hier an einer Scheidelinie, dagegen ist Bush ein netter Friedensbote gewesen.

    Vor allem aber ist, was die Mentalitätsgeschichte und die Denksysteme betrifft, die USA nicht annäherend mit Europ bzw. Deutschland zu vergleichen.

    @che: Das, was Du über China schreibst, scheint mir bedenkenswert und hier sehe ich das größte Konfliktpotential.

  67. neumondschein schreibt:

    Nun ja, die Daemonisierung Trumps nimmt schon recht absurde Formen an. Daher müsste man sich über die Zivilgesellschaft Sorgen machen, die derartig unreflektierten Unfug ohne Kritik zulässt. Trump ist an die Macht gekommen, weil Clinton abgewählt wurde. Nicht weil irgendein Lumpenproletariat mobilisiert werden konnte, sondern weil ein Teil von Clintons Klientel rechtzeitig vor der Wahl abgesprungen ist. Die Stimmen von solchen Gestalten wie Assange waeren vor 20 Jahren noch sicher im Sack gewesen. Heute unterstützen sie Trump oder verweigern Clinton die Gefolgschaft wie viele Schwarze und Latinos. Insofern passt auch der Vergleich mit dem 18. Brumaire nicht.

  68. Bersarin schreibt:

    Da stimme ich Dir in allem zu, Neumondschein. Die Dämonisierung Trumps nimmt absurde Züge an, in der Tat. Das neue Spiegel-Cover zeigt es, und damit beraubt man sich der Mittel sachhaltiger Analyse, die in die Tiefe geht und den Blick aufs Ganze richtet. Trump ist, wie mehrfach geschrieben, nicht der Beginn des Verhängnisses, sondern das Ende einer Kette von Verhängnissen. Nun steigert es sich zu einer neuen Qualität.

    Trump ist auch wegen einer Kandidatin wie Clinton gewählt worden. Viele blieben einfach zu Hause – so ist es. Der Hinweis auf Marx sollte zeigen, wie absurd es ist, Trump mit Hitler gleichzusetzen. Jener Satz, daß alle weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich, nach einem Diktum von Hegels, wiederholen: einmal als Tragöde, einmal als lumpige Farce, so fügt Marx hinzu. Für die USA gilt das nicht oder es würde, schlüge man über den Leisten, die spezifischen Differenzen beider Ereignisse einebnen.

    Sehr wohl aber gilt dieser Satz von Marx, einen Absatz weiter, immer noch:

    „Die Menschen machen ihre Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken unter selbstgewählten, sondern unmittelbar vorhandenen, gegebenen und überlieferten Umständen. Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden.“

  69. che2001 schreibt:

    @“ Der Hinweis auf Marx sollte zeigen, wie absurd es ist, Trump mit Hitler gleichzusetzen.“ —- Im Gegenteil. Die Bonapartismustheorien, die alle Hitler aus Napoleon III. erklären (Bauer, Thalheimer, Gramsci, Trotzki, Poulantzas) machen genau das auf sehr plausible Weise, hatte ich oben auch schon skizziert, wobei die Skizze Rechtspopulismus im globalen Maßstab, also auch FPÖ, Front National und AFD einbezog.

  70. neumondschein schreibt:

    Was brauchen wir denn für einen kompletten Bonapartismus? Wenn es nach Marx ginge.

    Zunächst eine Bedrohung der bürgerlichen Gesellschaft durch die proletarische Revolution, einer Situation, in dem das Proletariat noch nicht, die Bourgeoisie nicht mehr die politische Macht, weswegen letztere die bürgerliche Verfassung aufgibt und sich unter den Schutz der sich verselbständigten Exekutive stellt. Sieht es in Amerika danach aus? Seht ihr irgendeine Arbeiterbewegung, eine proletarische Revolution heraufziehen? Ich nicht.

    Des weiteren benötigen wir das Lumpenproletariat. Das ist der Auswurf der gesamten Gesellschaft aller Klassen, das an der Produktion nicht unmittelbar beteiligt ist, eine prekäre, parasitäre Existenz fristen, und sich von jedermann kaufen lässt. Gibt es so etwas heute? Ganz bestimmt! Das sind Literaten, Künstler, Intellektuelle, Bankrotteure, Abenteurer, Paupers, Studenten. Zu jener Zeit in Frankreich trieb sich dieses Volk im Militär herum, um Sold abzulassen, um davon zu existieren, jedoch nicht, um zu sterben, weshalb 1871 Napoleon Nr. 3 gegen Bismarck den Kürzeren zog. Typisch war damals die allgegenwärtige Korruption. Heutzutage treibt sich dasselbe Volk auf Astroturfing-Veranstaltungen herum, wie den womansmarch, fristet von irgendwas mit Medien eine triste Existenz. Dieses Lumpenproletariat mobilisiert der künftige Diktator und sammelt es in Bewegungen. So gesehen, sind eher McCain und Clinton die wahren Bonapartisten und nicht Trump.

    Drittes brauchen wir Klassen, die nicht imstande sind, sich politisch zu organisieren, und daher eine Autorität unterstützten, die alles bekämpft, das ihre unmittelbaren wirtschaftliuchern Interessen bekämpft. Damals in Frankreich waren das armselige Parzellenbauern. Heute vielleicht die abstiegsbedrohte Mittelschicht, wie populäre Analysen uns das weiß machen wollen.

    Kurz: Marx‘ 18. Brumaire taugt nicht als Schablone, um heutige politische Zustände zu verstehen.

  71. neumondschein schreibt:

    Achja! Verselbständigung der Exekutive. Was brauchen wir dazu? Wir brauchen den Ochlos dazu, den Pöbel. Armee und Polizei werden durch demokratische Kontrollinstanzen in Schach gehalten, die vielen Geheimdienste, die sich jeder Staat auf der Welt leistet, jedoch nicht. Und die unterstützen Clinton, die Farbenrevolutionen, die Islamisten, Genderfeminismus und aehnliche Pöbelveranstaltungen. Also: Von wem geht dies grössere Gefahr für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit aus?

  72. che2001 schreibt:

    Na ja, wenn wir von Karl Heinz Roths These von der internationalen permanenten Neuzusammensetzung der Klasse ausgehen so sind die Flüchtlingen und überhaupt die Unterschichten des Trikont, wegen mit auch der „Dritten Welt“ das Proletariat von heute und die Einwanderungswellen so etwas wie globalisierter Klassenkampf unter veränderten Vorzeichen. Die Verarmungsprozesse der Mittelschichten in den Staaten der Metropole sind mit der Verarmung des Weimarer Bürgertums (verarmt auch noch DURCH PATRIOTISMUS: Kriegsanleihen gezeichnet und dadurch arm geworden, die Mittelschicht hat dem Kaiser einen Krieg finanziert den er verloren hat) durchaus vergleichbar, weniger mit dem Abstieg des französischen Adels und des Parisers Patriziats in Relation zum Aufstieg der Industriebourgeoisie. Wobei, auch hier gibt es Parallelen: Old Economy und Rohstoffbranche, „Die Cowboys“, wie in den USA die reichen Unternehmer aus dem Westen und Mittelwesten genannt werden vs. Dotcombranche und den gesamten Consulting-PR-Werbebereich.

  73. Dieter Kief schreibt:

    Stichwort performativer Selbstwiderspruch: Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden.

    MaW: Der größte Unterschied zwischen Hitler und Trump ist der geliche wie der zwischen Marx und Trump: Trump lebt – und entzieht sich damit einer mit historischem Abstand gewonnenen Einordnung. (Das war einer der Gründe, weshalb Patrick Bahners wg. Trump kurz nach dessen Amtseinführung vorgenommener New York City- Expedition zu einer Versammlung linker HistorikerInnen im Zeichen der Aufklärung – so komisch war (cf. Bahners Bericht in der FAZ).

  74. che2001 schreibt:

    Es geht hier auch gar nicht darum, Personen miteinander zu vergleichen, sondern historische Situationen: Die soziökonomischen und formalpolitischen Umstände, die zum Aufstieg Louis Napoleons, Mussolinis oder Hitlers führten, nicht die Personen selbst.

  75. neumondschein schreibt:

    Marx‘ Analyse trifft zwar ins Schwarze. Immerhin hat er angeblich die Pariser Kommune vorausgeahnt. Wenn man seine Schrift in einen anderen historischen Kontext setzt, wird die Interpretation aber etwas problematisch. Ausser dem sogenannten Lumpenproletariat hat jede der in dieser Schrift genannten sozialen Schichten ihren Geist aufgegeben. Die Parzellenbauern, die Arbeiterklasse. Inwiefern eignet sich denn ausgerechnet er diese Schrift, um Trump irgendeinen Faschismus anzuhängen. Zumal er ja im Gegensatz zu Clinton nicht den Ochlos mobilisieren kann und der grössere Teil der Medien sich gegen ihn stellt.

  76. Bersarin schreibt:

    Vergleichen kann man vieles, man sollte es nur nicht identisch setzen. Und das rutscht bei dem ultimativen Kick Hitler leider zu leicht von der Hand. Hitler böse, Trump böse: Schlußfolgerung: Trump gleich Hitler. Nur ist das kein logisch korrekter Schluß und es führt zu nichts. Was sollte sich aus dieser Gleichsetzung ableiten lassen? Im übrigen kann man dann natürlich auch Marx und Stalin vergleichen – wir hatten diese Debatte ja bereits. Nur stellt sich eben die Frage, ob das wirklich sinnvoll ist. Wie sich damals zeigte, war es das in diesem allgemeinen Kontext nicht.

    Was Trump/Hitler bzw. die historischen Situationen angeht: Die wirtschaftliche Lage ist eine andere als zu Zeiten der Weimarer Rebublik, der Stand der Produktivkräfte ein ganz anderer, die USA waren nie durch etwas wie den Versailler Vertrag gebunden, die von Trump (vorgeblich) beklagte Globalisierung ist unter anderem auch ein Produkt der USA selbst. Ich denke, es lassen sich am Ende mehr Differenzenen aufzeigen als Gemeinsamkeiten. Vergleichbar ist vielleicht das herabgesunkene Proletariat, diese Tendenz des Verarmens, ich weiß nicht, wieweit die Menschen in den USA politisch organisiert sind. Es scheint mir eher auf der akademischen Linken Organisationsformen zu geben. Aber die verachten diese Armen wohl eher als White trash.

    Am Ende aber haben alle diese Überlegungen, die Kolumnisten, Blogger, Journalisten anstellen, die Qualität einer Pferdewette. (Wobei da, wenn man sich mit den Galoppern auskennt, die Chancen doch ungleich höher sind, einen richtigen Tip abzugeben.)

  77. che2001 schreibt:

    Deshalb bezog ich mich ja auch auf Bauer, Thalheimer, Trotzki, Gramsci und Poulantzas, auch noch Franz Neumann und Tim Mason, die die Schlussfolgerungen aus dem 18. Brumaire auf die Verhältnisse der Jahre 1922 und 1933, bei Poulantzas auch noch auf den Putsch der Obristen in Griechenland extrapolierten.

  78. Bersarin schreibt:

    Kannst Du mal in vier bis fünf Sätzen auf den Punkt bringen, was das mit Trump zu tun hat? Die Links und die Textverweise sagen zunächst nichts.

  79. Partyschreck schreibt:

    Ist nicht wenn man den zweiten Weltkrieg betrachtet verglichen mit heute viel eher die Konstante eine Eliteschicht, die jede Partei und jeden noch so unberechenbaren Despoten lieber großwerden lassen würde, als zuzulassen, dass eine Regierung etabliert werden könnte, die ein bisschen mehr für soziale Gerechtigkeit stehen könnte?
    Warum schaffen es diese Leute immer einen Bernie Sanders oder eine Sahra Wagenknecht zu verhindern (bzw. deren Verhinderung zu goutieren und lautstark zu proklamieren) aber schauen einem Trump oder einer AFD ohnmächtig beim Wachsen zu, indem sie alles auf die Karte „Alternativlose Hillary Clinton“ oder „Alternativlose Merkel“ setzen? Warum hat die hiesige Presse größtenteils geschwiegen als deutlich wurde, mit welchen Mitteln Bernie Sanders verhindert wurde und den Amerikanern die Wahl eines unbeschädigten Kandidaten genommen wurde und hat sich statt dessen in verstörender Weise einer Frau Clinton angedient, die von den Amerikanern ja bereits bei der vorangegangenen Wahl deutlich abgelehnt wurde? Hat man ernsthaft geglaubt: „Wenn wir Euch das gleiche, abgelehnte Gericht einfach mit einer sehr unattraktiven Alternative ein zweites Mal auf die Karte setzen, dann können wir Euch dazu zwingen nun doch zu wählen, was Ihr schonmal abgelehnt habt?“
    Warum wird einer Sahra Wagenknecht eine absurde und vollkommen haltlose Nähe zur AFD angedichtet? Meint irgendjemand, dass enttäuschte, verlorene Wähler so zurück zu Mutti wandern?

  80. neumondschein schreibt:

    Ein Kommentar zu einem der bloedsinnigsten, alle Vorurteile der Luegenpresse zusammenfassenden Artikel im Heise-Telepolis-Portal:

    https://www.heise.de/forum/Telepolis/Kommentare/Trump-und-die-Zukunft-des-Westens/Waldsterben-Klimawandel-Atomtod-Fluechtlingsinvasion-Trump-Weltuntergang/posting-29899527/show/

    Und: Sahra Wagenknecht wird abgeschossen. Das wird das Ende der Linkspartei sein. Wenn ich mich nicht irre.

  81. Jumid schreibt:

    Ein kurzer, komprimierter Versuch:
    Die Analysen kranken mehrheitlich m.E. daran, dass sie sich polemisch an der Anrufung oder Ablehnung vergangener soziologisch beschreibbarer Formationen abarbeiten. Ich finde den wichtigsten Satz bei Neumondschein: „Ausser dem sogenannten Lumpenproletariat hat jede der in dieser Schrift genannten sozialen Schichten ihren Geist aufgegeben.“ Das ist der ganz entscheidende Punkt. Die ideologischen Großformationen Konservatismus, Liberalismus, Sozialismus haben ihre sozialen Träger verloren, die sie in einer bestimmten geschichtlichen Epoche trugen. An das Fortleben dieser Ideologeme kann eigentlich nur glauben, wer meint, sie könnten ihre historischen Träger als gesellschaftsprägende Weltbezüge wie körperlose Geister überleben. Wenn man es ganz schematisch sagt, könnte man sagen, dass das 19 Jhdt. den Konservatismus (der sich auf die alte, als naturgegebene Ordnung angesehene societas civilis bezog und außerhalb dieses Rahmens keinen konsistenten Sinn macht) erledigt hat, im 20 Jhdt. sahen wir den Untergang des Sozialismus (mit dem Verschwinden der Industriearbeit und der Arbeiterschaft als gesellschaftlich relevanter Kraft), und wir selbst erleben gerade die Nachwehen des Untergangs des Liberalismus, der mit dem Bürgertum verschwand, das einem Zeitalter den Namen gab. Das alles heißt nicht, dass es nicht noch immer und auch noch lange Berufungen auf diese Ideen gibt und geben wird, soweit sie in der jeweils aktuellen polemischen Situation nützlich erscheinen. Mit Verschwinden meine ich auch nicht, dass es jedes dieser Elemente nicht mehr gäbe, aber nur in dem Maße, wie es auch noch Bauern gibt ohne dass wir von einer Agrargesellschaft sprechen könnten. Das Bürgertum hat zu Recht einer vergleichsweise kurzen Epoche den Namen gegeben, weil es die gesellschaftliche Dynamik bestimmte, nicht aber, weil es zu irgendeinem Zeitpunkt auch nur annähernd quantitativ die Mehrheit der Bevölkerung gestellt hätte. Der Begriff der bürgerlichen Gesellschaft war immer ein analytischer. Wer sich heute noch konservativ nennt, kann es im althergebrachten Sinne eigentlich nicht tun. Merkel und Schäuble sind keine klassischen Konservativen, so wenig wie ein Gabriel oder Schulz oder eine Sahra Wagenknecht die Arbeiterschaft vertreten. Ebenso wenig ist heute vom klassischen Bürgertum übrig, wenn man nicht so dünne Zuschreibungen wie Mitte der Gesellschaft oder ein mittleres Einkommen für analytisch ausreichend hält.
    Es ist in der Nachfolge dieser drei Denksysteme, die aus der bürgerlichen Revolution des 18. Jhdt´s hervorgingen, eine neue Formation entstanden, für die es m.E. noch keinen guten Begriff gibt. Am ehesten scheint mir der Begriff der Massendemokratie, mit Massenproduktion und Massenkonsum, geeignet. Damit meine ich nicht den immer mit mindestens leichtem Ekel (von Ortega bis Adorno) benutzten Begriff der Masse, wie er in den 20-er Jahren benutzt wurde, der seinen Elitismus niemals ganz ablegen konnte. Sondern einen rein deskriptiven Begriff in Form eines historischen Kompromisses, in dem Elemente aller drei Ideologien des bürgerlichen Zeitalters mit wichtigen Bestandteilen eingingen, ohne aber auch nur eine konsequent weiterzuführen. Es ist merkwürdigerweise, ich muss es paradox formulieren, besser kann ich es im Moment nicht, zu einer ideologischen Entstruktierung gekommen, die wiederum selbst ideologischen Charakter hat. Alle drei, Konservatismus, Liberalismus und Sozialismus, hatten ein Bild vom Ganzen der Gesellschaft, die von einer im Kern analytischen und kombinatorischen Melange von Versatzstücken abgelöst wurde, die in einem Nebeneinander eher sich begreift als in einer in irgendeiner Weise harmonischen und synthetischen oder gar hierarchischen Ordnung des bürgerlichen Zeitalters. Die politische Rhetorik dieser Massendemokratie ist der Populismus, der sich eklektizistisch aller ihm nützlichen Elemente bedient, je nach polemischem Situationsbedürfnis. Trump ist dafür ein gutes Beispiel und eine zur Illustration sehr passende Figur. Andere Figuren wären Grillo und Berlusconi in Italien und Angela Merkel in Deutschland. Bei Frau Le Pen in Frankreich bin ich mir da nicht ganz so sicher: autoritär ja, ausländerfeindlich zu Teilen sicher auch, bei überwiegend linkskeynesianischem Programm weiß ich aber nicht, ob sie diese unglaublich flexible Beliebigkeit der anderen vier Beispielfiguren hat. Kann sein, da bin ich mir nicht sicher.

  82. Bersarin schreibt:

    Daß Liberalismus, Sozialismus, Konservatismus ihre Träger verloren haben, stimmt keineswegs. Sondern es haben sich die „Träger“ verändert. Didier Eribon beschreibt in seinem Buch „Rückkehr nach Reims“, das ich hiermit jedem nochmal ans Herz lege, wie das funktionieren konnte, weshalb ehemalige KP-Wähler nun nicht einmal mehr die Sozialisten wählen sondern Marine Le Pen. (Wobei der Sieg Trumps, denke ich, weniger auf solchen Verschiebungen beruht – in den USA gab es nie eine solch breite Sozialistenbewegung -, sondern darauf, daß Schwarze und Latinos nicht zur Wahl gingen. Also klassisches Demokratenmilieu.)

    Das Verschwinden des klassischen Bürgertum freilich brauchen wir nicht mehr zu bedauern. Das ist in etwa so als beklagten wir das Verschwinden der Spartaner. Jenes Bürgertum verschwand vor 120 Jahren von der Bühne. Als Webersche Idealtypen sind Begriffe wie Liberalismus, Sozialismus, Konservatismus sicherlich brauchbar, um die politischen Lager zu beschreiben und zu strukturieren. Allerdings muß man immer mit dazu sagen, daß die Differenzierungen innerhalb der Kategorien erheblich sind Zwischen einer SPD in Weimar und linksradikalen Anarcho-Syndikalisten liegen Welten. Dennoch würde man grosso mode beide ins sozialistische Lager einordnen.

    Auch der Begriff Populismus, der immer wieder angeführt wird, ist nicht neu. Was anderes war die NSDAP als populistisch? Darin sie sich von der KPD nicht unterschied, nur ging deren populistische Propaganda in die andere Richtung. Ich halte solche Begriffe, wie auch den der Fake News, für wenig hilfreich, wenn man sie einführt, als wären sie neu. Der Überfall auf den Sender Gleiwitz oder der Tonkin-„Zwischenfall“, der den Vietnamkrieg eskalieren ließ, sind doch klassische Beispiele für eine Fake News bzw. für das auch heute zu beobachtende Gemisch aus Propaganda und Nachricht. Hier nur zum Extremfall gesteigert.

    Was wir allerdings beobachten, sind Verschiebungen innerhalb der ideologischen Achsen. Das ist richtig, das müßte man mit soziologischen Feldstudien begleiten und schauen, was konkret sich da ändert. Gut auch zu beobachten in den östlichen Bundesländern, wo die Anzahl der Linksparteiwähler doch überproportional hoch war im Vergleich zum Westen. Nun aber scheint sich im Wahlverhalten etwas zu ändern.

  83. che2001 schreibt:

    Ganz d áccord, wobei ich die Ausstrahlungs- und Beharrungskraft von Millieus noch einmal betonen möchte. Als eine Bekannte auf einer Party mal meinte, ein Proletariat gäbe es doch nicht mehr erwiderte jemand, der, selber Lehrer, Sohn eines Malochers und einer Putzfrau ist: „Das kann auch nur eine Mittelschichtstusse wie Du meinen“ und erntete unter den anwesenden Arbeiterkindern regen Beifall.

  84. Bersarin schreibt:

    @ che: was die Milieus anbelangt, da gebe ich Dir recht. Allerdings haben sich die Arbeitsbedingungen und die Organisationsform geändert. Man kann eine Entsolidarisierung beobachten. Das Feuer der Konkurrenz wurde zudem mächtig-gewaltig geschürt.

    Fehler auch der Gewerkschaften: Hartz IVer und alle aus der üblichen Erwerbsarbeit Ausgeschlossenen haben die viel zu wenig auf dem Programm.

  85. Dieter Kief schreibt:

    Die SP CH ist interessant – könnte die erste SP weltweit ohne Arbeiter sein.

    Und natürlich sind die Arbeiter auch den US-Demokraten verloren gegangen. Irgendwie hat Richard Rorty das kommen sehen – unter dem Beifall Habermas‘, damals. Heute schweigta – wahrscheinlich betreten.

    Und dann noch mit Sarrazin (super Artikel in der FAZ letzte Woche – kann man bei Blendle für paar Fnnje nachlesen) über en systematisch wichtigen (=ökonomisch ausschlaggebenden) Punkt nachdenken, den auch Marx nicht sah – der überhaupt, Neumondschein hat recht, eigentlich sehr wenig sah – er sah ja auch nicht den Aufstieg der Bohèmeviertel in den Metropolen zu ökonomisch hochattraktiven Touristenzielen – er dachte ja noch, das sei alles quantité négligable, sozusagen – nicht voraus.
    Aber Sarrazin hat den Punkt: Die Globalisierungsgewinne haben ihren Horizont überschritten – und die Unkosten in Form von – – auf der Zunge zergehen lassen (!) – – an China usw. (Indonesien, Vietnam…) verlorengegangener Arbeit (=sinnvoller Beschäftigung) treten immer mehr in den Vordergrund.

    Ausserdem das gewichtige Problem der unregulierten Massenmigration: Cf. Brexit & (!) Trump – genau wie Sarrazin das macht.
    Sarrazin lesen.

  86. Jumid schreibt:

    @Dieter Kief
    Ich sehe es nicht so, dass Marx wenig begriffen hat, . Ich kenne niemanden, der die ja keineswegs überall so offensichtlichen Verhältnissse seiner Zeit so systematisch und weitblickend beschrieben hat wie Marx. Vieles was heute als rasende Neuerung der letzten dreißigvierzig Jahre empfunden wird, war ihm als Selbstverständlichkeit eine Fußnote wert. Etwa, dass kapitalistische Wirtschaft sich systematisch nur in einem Weltmarkt bewegen kann, historisch allerdings das nicht in jeder Phase muss und auch nicht getan hat. Insofern ist Globalisierung ein anhaltender, ungebrochener Prozess, der noch lange nicht am Ende ist und seit Beginn der Industrialisierung einen ganz neuen Schwung und heute mit der Digitalisierung einen weiteren, in seiner Dynamik vergleichbaren Schwung erhält, aber mal langsamer, mal rasanter verläuft. Insofern stimmen viele Diagnosen, etwa die als Dienstleistungsökonomie, nicht und haben niemals gestimmt. Länder, die glaubten (oder auch nur faktisch so agierten als ob), auf Industrie verzichten zu können wie Großbritannien und die USA, dass – um es mal platt zu sagen, dass wir uns reihum im Ringelpiez gegenseitig bedienen, stecken in der Tat in großen Schwierigkeiten. Länder, die sich gerade wider Willen deindustrialisieren wie Italien, ebenso. Ebenso Länder, die spät dran sind mit einer durchgehenden Industrialisierung, aber zu klein sind, um das noch national bewerkstelligen zu können wie Spanien, Portugal und Griechenland. Diesen Ländern fehlt die Möglichkeit, sich gegen eine überlegene ausländische Industrie abzuschotten wie das Industriestaaten wie Deutschland und auch die Schweiz selbstverständlich taten. Die Schweiz, heute Hohepriesterin des Freihandels, hatte im 19 Jhdt hohe Zollschranken gegen die britische Industrie, sie wäre ansonsten schlichtweg so weggefegt worden von der überlegenen Konkurrenz wie das heute vielen Staaten ergeht, die nicht die Kraft haben, solche Barrieren und Schutzräume zu errichten. China hat diese Kraft, und es nutzt sie im extensiven Maße. Deshalb reagiert China – und wird es bei Bedarf ohne zu zögern weiterhin tun – auch so allergisch mit roher Gewalt, wenn es auch nur riecht, diese nationale Einheit, die Handlungs- und Handelsfähigkeit erlaubt, könnte in Frage gestellt werden. Und Souveränität wird durch vieles infrage gestellt: durch freie Märkte, durch globalisierte Technologien, die Macht verbürgen (US-Internetkonzerne haben keinen Zutritt in China, Finanzkonzerne nur sehr eingeschränkt), durch Menschenrechte, bei denen man weder die inhaltliche Definitionsmacht hat noch die Macht zu bestimmen, für wen sie denn jetzt gerade okkasionell gelten und für wen nicht, durch regionale Unabhängigkeitsbestrebungen wie in Tibet, durch Religionen, die ihren Glutkern nicht im nationalwirtschaftlichen Interesse Pekings haben etc. etc. . All dieses weist man mit Abscheu und Empörung zurück, ich schrieb dazu schon weiter oben etwas. Deshalb kann eigentlich das, was Trump vorhat, mit wirrer Rhetorik, stocherndem Anfang und polternder Rhetorik, den Chinesen sicher nicht fremd sein: die selektive Nutzung des Weltmarktes, wo er nützt, Abschottung, wo er schadet. Keineswegs ist das Programm Trumps, die Globalisierung komplett zurück zu drehen. Das beabsichtigt er weder im Finanzmarkt noch in der Internetindustrie, keine Rede davon. Sehr wohl aber in klassischen produktiven Sektoren, und dort sehr ruppig und entschieden. Etwas verdreht könnte man sagen: von China lernen heißt siegen lernen.
    Aus dieser selektiven Nutzung des Weltmarktes resultiert, dass China, strategisch geschickt, sich zunehmend industrialisiert hat. Und Sarazin hat Recht, wenn er jetzt einen beginnenden Kipppunkt des Nutzens für die alten Industrieländer identifiziert. Das stimmt, und wird sicher auch in Deutschland noch erkannt werden, wenn es der Autoindustrie an den Kragen geht, wofür es erste Anzeichen gibt. Erpresst mit der bei uns dominanten Autoindustrie haben wir schon erste Erfahrungen gemacht damit, etwa in der Solarindustrie, auch mit dem gepressten Verkauf von Industrieperlen an letztlich den chinesischen Staat, der strategisch investiert zu marktwirtschaftlich nicht darstellbaren Firmenpreisen. So baut man auch seine Devisenüberschüsse sinnvoll ab, nicht durch kleinlichen und verlustreichen Racheverkauf! Und hier wird man noch begreifen, dass vor allem die Verlagerung von Know-How nach China nur etwas ist, was zweidrei Managergenerationen gute Bilanzen beschert, langfristig aber desaströs ist. Beim ICE und im Flugzeugbau hat man das schon alles in vollendeter Form betrachten können ohne dass daraus gravierende Konsequenzen gezogen wurden. Und VW – China gehört nicht VW, sondern ist eine Finanzbeteiligung von 49 % an einem dem chinesischen Staat gehörenden Unternehmen gleichlautenden Namens, so wird sie auch in der Bilanz geführt.
    All dieses ist übrigens mit dem Werk von Marx sehr gut zu beschreiben. Niemals hat er den Anspruch hellseherischer Fähigkeiten in Anspruch genommen, im Gegenteil, sogar eine Theorie entwickelt, warum bestimmte Phänomene nur in den historischen Schranken ihrer Zeit erkannt werden können, alerdings – deswegen auch London, nicht aus Daffke – sein Umzug in den Ort, der für ihn welthistorisch die führende Dynamik entfaltet. Nur dort ist bereits analysierbar, was woanders allenfalls geahnt wird. Ob es diesen einen bevorzugten Hochsitz der Zeit noch gibt, mag man bezweifeln, aber der Grundgedanke, der ihn trägt, stimmt nach wie vor, wenn man es nicht so arg konkretistisch bestimmt wies heute üblich ist. Wären die Matykritiker auf seiner theoretischen Höhe, wären wir ein Stück weiter und würden auch weniger überrascht.
    Was ich hier schreibe, scheint meinem letzten Beitrag zu widersprechen, dazu muss ich mich in einem anderen Beitrag noch äußern.

  87. h.z. schreibt:

    @Jumid: Sie stellen eine höchst brisante Frage. „Ich fühle mich von der Rechten in gewisser Weise enteignet. Ist es nicht so, dass hier Argumente, die aus einer langen, linken Kritik und Diskussion stammen, enteignet werden?“, meinten Sie.

    Meine Antwort lautet: Nein, und zwar aus folgenden Gründen.

    Zum einen ist die Vorstellung von der „Enteignung“ nicht angemessen, da die Standfestigkeit und Berechtigung eines Argumentes nicht davon abhängt, wer es verwendet, sondern allein davon, in welchem Kontext es angebracht wird. Der politischen Linken ist keineswegs verwehrt, z.B. das Argument der volkswirtschaftlich notwendigen Lohnentwicklung weiterhin ins Treffen zu führen, wenn es um die Teilhabe der abhängig Beschäftigten am allgemeinen Produktivitätsfortschritt geht.
    (es gilt der volkswirtschaftliche Grundsatz, dass eine Volkswirtschaft in der Lage sein muss, im Gegenwert der eigenen Produktion zu konsumieren; wenn das nicht der Fall ist, kommt es zu dauerhaften Leistungsbilanzüberschüssen; ohne ausgeglichene Leistungsbilanzen ist ein gedeihlicher Welthandel jedoch undenkbar ((genau dagegen will Trump mit allem Recht vorgehen)); dies wusste schon Marx, der den Freihandel in seiner Brüsseler Rede von 1848 deklariertermaßen einzig deshalb befürwortete, um damit die Revolution des Proletariats gegen die Bourgeoisie zu beschleunigen)

    Zum anderen entspringt die Vorstellung von der „Enteignung“ der [vielleicht unbewussten] Abneigung gegen die berüchtigte Querfront. Was die Rechtspopulisten zutreffend geltend machen, wird zum allgemeinen „Igitt“. Dadurch entsteht eine Blockade der politisch sinnvollen Gestaltungsmöglichkeiten zum Schaden jener, die unter der neoliberal herbeigeführten Schieflage zu leiden haben: der unzureichend bezahlten Werktätigen nämlich.

    Am konkreten Beispiel ausgeführt stellt sich das so dar: Bis vor wenigen Tagen war Fillon aussichtsreicher Gegenkandidat von Le Pen in der Stichwahl zur französischen Präsidentschaft. Fillon führt in seinem Wahlprogramm die Forderung nach Anhebung der gesetzlichen Wochenarbeitszeit ohne Lohnausgleich. Le Pen hingegen hat schon im Parteiprogramm verankert das Beharren auf bestehende arbeitszeitrechtliche Regelungen. Einer punktuellen und ausnahmsweise zu genehmigenden Anhebung der gesetzlichen Wochenarbeitszeit stimmte der FN nur zu unter der Maßgabe des vollen Lohnausgleichs. Fillons Forderung hingegen kommt einer Lohnkürzung von 11% gleich.

    Welche Wahlempfehlung hätte die Linke in diesem Szenario, einer Stichwahl zwischen Fillon und Le Pen, denn zu geben? Wofür kann und soll sich die bedrängte Werktätige entscheiden? Welche stichhaltigen Gründe könnte es für die Werktätige geben, eine doch erhebliche Lohneinbuße zu wählen (mit allen Rückwirkungen auf den EU-Binnenmarkt)?

    Nach meiner Analyse hat die politische Linke (sofern man diesen Begriff überhaupt zutreffend gebrauchen kann) in ganz Europa wenig bis keine Ahnung von volkswirtschaftlich zwingenden, gleichzeitig jedoch leicht zu verstehenden Grundlagen. Das ist u.a. der Grund dafür, auch @Partyschreck, dass die vitalen Interessen der leidenden Werktätigen (ganz zu schweigen von jenen ohne bezahlte Arbeit) nicht vertreten werden können. Was man von der politischen Linken zu hören bekommt, ist in vielen entscheidenden Bereichen aufgeregtes Geschnatter im mittlerweile bereits ausgetrockneten Ententeich. Die innerparteiliche Treibjagd auf Wagenknecht (aber auch auf Lafontaine), die nun wirklich als eine ausgewiesene und volkswirtschaftlich progressive Denkerin gelten darf, ist mE auf diese klägliche Unfähigkeit zurückzuführen.

    Die politische Linke darf meiner Einschätzung nach als intellektuell bankrott bezeichnet werden. Sie versucht gerade noch, sich in empörten Moralismus zu retten. Allein, dort wird sie endgültig und elend verrecken, derweil die Rechtspopulisten allerorts das Ruder übernehmen.

  88. Jumid schreibt:

    @h.z.
    Das Beispiel Fillon ist ein gutes insofern, als es ein Beispiel für das Dilemma ist. Einerseits leuchtet ein, dass Verzicht einen Sinn machen kann unter bestimmten definierten Umständen, in diesem Fall quasi Lohnsenkung durch Mehrarbeit um die Lohstückkosten zu senken. Klar doch! Andererseits ist das genau die spiralenförmige Salamitaktik, mit der die Interessen in Zeiten des Neoliberalismus durchgesetzt werden. Wer nämlich glaubt, er werde durch diesen Akt der Anpassung anschließend besser da stehen, und er sei ein Problem los, der irrt. Dieses politische Verhalten hat einzig den Lerneffekt, dass so etwas ja geht und es nährt nahezu ausschließlich die begründete Hoffnung, dass es ja für die daran Interessierten funktioniert. Gleichzeitig macht man sich offensichtlich nicht klar, dass es nach unten (wie andererseits auch nach oben) eine Grenze gar nicht gibt: der niedrige Lohn ist niemals niedrig genug und der Gewinn niemals hoch genug. Und es gibt auch keinen Punkt, an dem Lohstückkosten nicht zu wären, und wenn sie es einmal für kurze Momente tatsächlich nicht sind, dann doch in naher Zukunft zu hoch zu werden drohen. Das ist eine Fiktion. Ergebnis eines solchen Aktes ist ja nicht Ruhe an der Front, sondern die Überlegung: na, da gehen doch vielleicht noch 10%. Kurz man kommt immer an den Punkt in solchen Debatten, wo man als Werktätiger sich objektiv oder scheinobjektiv erklären lassen muss, dass man nur unter erheblicher Selbstschädigung nicht nachgibt. Da gibt es eine Schnittmenge zu dem, was Sie die „volkswirtschaftlich zwingenden, gleichzeitig jedoch leicht zu verstehenden Grundlagen“ nennen. Diese sind ja tatsächlich innerhalb des existierenden Grundkonsenses völlig rational. Und gleichzeitig können sich auf Basis dieser Grundlagen zunehmend größer werdende Teile der Bevölkerung nur sagen: sei besorgt, es ist alles zu Deinem Nachteil geregelt. Und eigentlich möchte man den Leuten zurufen: wenn ihr dieseen Verzicht für richtig haltet, macht das eben. Ich kann das sozusagen aus Angstgründen verstehen, ja. Aber kommt mir bitte nicht anschließend mit der Beschwerde, dass es Euer Problem nicht löst. Dass hättet Ihr vorher wissen können, dass Ihr mehr vom Gleichen bekommen werdet. Emotional hat es eine hohe Plausibilität, gleichzeitig zeugt es aber von einer ziemlichen Dämlichkeit, denn nach unten gibt es keine Grenze. Glaubt ja nicht, dass Ihr dafür mehr bekommt als die nächste Forderung. Der Dauertausch von Hoffnung gegen Bares führt nicht zu Hochachtung sondern zu Verachtung. Das Schlimme an dieser Verachtung (in diesem Falle neumodisch der Eliten) ist ja nicht, dass sie geäußert wird, sondern dass sie vollkommen berechtigt ist. Was soll ich denn von jemandem halten, der seit Jahrzehnten zunehmend darauf verzichtet, seine Interessen wahrzunehmen? Gibt es irgendeinen Grund, den ernst zu nehmen? Eher nicht! Insofern tragen natürlich gerade die Teile, die doch eher zu kurz kommen seit langer Zeit dazu bei, dass das so ist. Ich glaube, dass dieses vielen auch dämmert, es so etwas wie Scham erzeugt: man verkörpert genau die ökonomische und politische Dumpfbacke, für den die anderen einen – und zwar nicht aus realitätsferner Angehobenheit, sondern zu Recht! – halten. Das erzeugt Scham. Die wachere Anteil der Wähler weiß ganz genau, dass er das, was ihn heute in diesen Schlamassel geführt hat oder zu führen droht, über Jahrzehnte gewählt oder durch Nichtwahl zugelassen hat. Der zu Scham passende Affekt ist Wut – gleichzeitig sowohl die eigene brave Mitarbeit verleugnend wie als Gegenaffekt. Und hier sind wir glaube ich sehr dicht bei einem Teil der Klientel von Trump. Dieser Anteil der Faszination durch Destruktivität hat in diesem Zusammenhang eine gewisse emotionale Ökonomie, irgendetwas stimmt daran – fataler- und tragischerweise. Aber das ist ein Moment der Identifikation mit Trump – und gleichzeitig – hier genau der beschriebene Doppeleffekt von Scham und Wut – verachtet man ihn auch innerhalb nicht unerheblicher Teile der Wählerschaft für seine grobmotorischen Holzfällermanieren. Ich hoffe hier politische Affekte zu beschreiben, nicht eine Pathologie.
    Interessant ist in diesem Zusammenhang auch der Einwand von @che: „Ganz d áccord, wobei ich die Ausstrahlungs- und Beharrungskraft von Millieus noch einmal betonen möchte. Als eine Bekannte auf einer Party mal meinte, ein Proletariat gäbe es doch nicht mehr erwiderte jemand, der, selber Lehrer, Sohn eines Malochers und einer Putzfrau ist: „Das kann auch nur eine Mittelschichtstusse wie Du meinen“ und erntete unter den anwesenden Arbeiterkindern regen Beifall.“ Es sind Arbeiterkinder, aber keine Arbeiter, sondern Lehrer oder sonstige, die sich selbst nur noch in sympathischer Treue zu ihrer Herkunft gegen eine solche Diagnose verwahren. Ihre Welt ist das nicht. Sie widersprechen aber nicht mit sozialen Fakten zur Struktur der gegenwärtigen Gesellschaft, sondern sie empören sich über das Maß an Ignoranz und vielleicht auch subkutaner Verachtung, dass im Nichtbemerken von Einkommens- und Gleichheitsunterschieden liegt. Sie klagen die Idealwerte des atomisierten Einzelnen im massendemokratischen Kapitalismus ein, die ungleichen Chancen an Partizipation am Konsum und Chancenungleichheit in der Teilhabe. Das sind aber Klagen über die Benachteiligung von Menschen, denen die Segnungen und Ansprüche für den atomisierten Einzelnen vorenthalten werden, keine Klagen über die geringe Rolle, die eine sich als Kollektivsubjekt der Arbeiterschaft verstehender erheblicher Anteil der Gesellschaft spielt. Wie fremd eine solche Formulierung uns klingt, zeigt das Maß an Veränderung an. Und schon gar nicht rechnen sie sich selbst zu einem solchen Kollektivsubjekt oder Milieu. Richtig ist ja an dieser Intuition, dass sie selbst, als Arbeiterkinder, in der Gesellschaft, von der ich sage, dass es sie so nicht mehr gibt, traditionell am ehesten selbst Arbeiter geworden wären, keinesfalls aber Lehrer. Ich kenne viele in meinem Freundeskreis, die einer Generation angehören, die genau diesen Bruch repräsentieren. Da gibt es eine alte Verbundenheit mit dem Milieu der Elterngeneration (Arbeiter, Bergmann, Handwerker), gleichzeitig ein Bewußtsein (manchmal inklusive schlechten Gewissens), wie viel sie von dieser Generation trennt, auch das Gefühl, dass es sich um einen möglicherweise subjektiv prekären und irgendwie auch nicht vorgesehenen, gemessen am oligarchischen Bewußstsein des alten Bürgertums illegitimen, gerneratinell keineswegs gesicherten Aufstieg handeln könnte (hier auch die große Anfälligkeit für Statusangst, auch und besonders für die Kinder). Das sind sozusagen Proletarier h.c., die sich aber als gescheitert ansehen würden, wären sie es tatsächlich. In diesem Milieu wird am leidenschaftlichsten darauf beharrt, man sei bürgerlich. Und man weiß sehr genau, dass unter den gegenwärtigen Bedingungen ein Scheitern keinesfalls hieße, ins Elternmilieu „zurückzufallen“, sondern viel schärfer: in gesellschaftliche Nichts. Man wird im Misslingensfall nicht Arbeiter, sondern Ausgeschlossener. Im üngünstigen Fall droht Hartz IV, im weniger ungünstigen, aber auch nicht erstrebenswerten Fall, eine prekärere Beschäftigung weit unterhalb des jetzigen Niveaus. Mit diesem Beispiel belegt @Che eher meine Auffassung als das, was er damit sagen möchte.

  89. Jumid schreibt:

    Ich will es noch einmal politisch sagen. Als sich zu Beginn des letzten Jhrdt´s die Arbeiterbewegung endgültig teilte, in einen revolutionären und in einen reformistischen Teil, verband beide aber das Bewußtsein, dass der politische Fortschritt für die Gesellschaft als Ganzer von der Arbeiterklasse verkörpert werde. Dieses Bewußtsein ist uns heute sonnenfern. Uns fern heißt auch: den noch existierenden Arbeitern fern. Arbeiter stellen nicht in politisch relevantem Maße die bestehende Gesellschaft strukturell in Frage. Und die überwiegenden Wähler von SPD und Linke sind keine Arbeiter. Und die Wähler Trumps sind nicht nur, vermutlich mangels Masse sogar minoritär, Arbeiter, sondern es ist diese Mischung aus Nicht-mehr-dazugehören dieser alten Schicht, die lebensgeschichtlich noch Autos zusammen geschraubt hat und Metallteile gegossen, mit einem zunehmenden Teil des „Kleinbürgertums“ (schwieriges Eiertanzwort, ich meine es nicht als Schimpfwort, aber z:B. Cheé protestierenden Lehrer), das nun deutlich sieht, dass es ihnen in dieses Entwicklung an den Kragen geht und dass begreift, dass diese Bedrohung nicht nur eine rein materielle, sondern auch eine kulturelle ist. Diesen Schichten wurde eigentlich in den letzten Jahrzehnten nicht nur gesagt, sondern ganz handfest vor Augen geführt, dass es ohne sie besser läuft, dass sie überflüssig sind, dass ihr Beitrag zur Gesellschaft verzichtbar ist, und damit sie selbst ein Hemmschuh sind. Hier verfängt auch ganz besonders der inzwischen übliche ideologische Kitt nicht: Bildung. So erstrebenswert das natürlich immer und überall ist, so sehr muss dieser Rat in den Ohren von jemandem, der 35, 40 oder 50 ist und am unteren Ende der Gesellschaft, als blanker Zynismus klingen. In etwa so: tja, wärest Du Softwareingenieur, hättest Du dieses Problem nicht. Wird er aber sicher nicht mehr.
    Gemeint ist in meinen Ausführungen niemals: es gebe keine Ungleichheit und keine ungleichen Chancen. Im Gegenteil: ich bin der Ansicht, dass Verteilungskonflikte sich verschärfen werden und sich in dem Maße brutalisieren, wie ums nackte Haben des Existenzminimums geht ohne noch den in Ideologien wie verzerrt auch immer Bezug aufs Allgemeine und Großeganze. Darin sehe ich auch eine Verbindung zur dieser unglaublichen und schamlosen Enthemmung und Entsublimierung, die Trumps Wahlsieg unverhohlen zeigt. Das repräsentiert er in instinktsicherer Weise, wenn er selbst sogar so weit geht, zu behaupten, wenn er auf offener Strasse in NY jemanden umbringe, kämme er damit durch und werde trotzdem gewählt. Das ist ein (noch?) polemisch übersteigerndes Bild, natürlich. Aber man muss inzwischen befürchten, dass es so ganz unzutreffend nicht gewählt ist.

  90. Jumid schreibt:

    Das in meinen Ohren Gefährlichste bei Trump ist etwas, dass viel zu wenig thematisiert und ausgeleuchtet wurde: er sieht sich als Anführer einer Bewegung. Das ist in der Tat ein Hinweis darauf, dass er Parlamentarismus und Gewaltenteilung nur akzeptiert, wo sie ihm nützen. An diesem Punkt muss sich die Stärke von Institutionen beweisen, die gleichzeitig angeschlagen sind durch einen erheblichen Reformbedarf, den sie mit sich schleppen. Nur ist nicht einsehbar, wie sie ihn bewältigen wollen, schon gar nicht in einer politischen Zeit, in der Frontalangriffe auf diese Institutionen eher ihr Beharrungsvermögen mobilisieren.

  91. Jumid schreibt:

    @h.z.
    Für die guten Ausführungen zur Querfront möchte ich noch einmal ausdrücklich danken. Die helfen mir wirklich weiter. Diesen Aspekt hätte ich so nicht auf den Punkt bringen können. – Jumid

  92. h.z. schreibt:

    @Jumid: Haben Sie vielen Dank für Ihre Überlegungen. Sie lesen sich für mich überaus spannend. Darin tut sich zumindest noch eine weitere Perspektive auf, welche zuletzt auf die von Bersarin im Beitrag [zu Recht und treffend] kritisierte, ich sag’s mal flapsig, journalistische Doppelmoral zurückführt. Lassen Sie mich aber vorerst noch ein wenig über Ihre Darlegungen nachdenken. Die haben’s in sich.

  93. che2001 schreibt:

    @jumid: “ Es sind Arbeiterkinder, aber keine Arbeiter, sondern Lehrer oder sonstige, die sich selbst nur noch in sympathischer Treue zu ihrer Herkunft gegen eine solche Diagnose verwahren. Ihre Welt ist das nicht. Sie widersprechen aber nicht mit sozialen Fakten zur Struktur der gegenwärtigen Gesellschaft, sondern sie empören sich über das Maß an Ignoranz und vielleicht auch subkutaner Verachtung, dass im Nichtbemerken von Einkommens- und Gleichheitsunterschieden liegt. Sie klagen die Idealwerte des atomisierten Einzelnen im massendemokratischen Kapitalismus ein, die ungleichen Chancen an Partizipation am Konsum und Chancenungleichheit in der Teilhabe. Das sind aber Klagen über die Benachteiligung von Menschen, denen die Segnungen und Ansprüche für den atomisierten Einzelnen vorenthalten werden, keine Klagen über die geringe Rolle, die eine sich als Kollektivsubjekt der Arbeiterschaft verstehender erheblicher Anteil der Gesellschaft spielt. Wie fremd eine solche Formulierung uns klingt, zeigt das Maß an Veränderung an. Und schon gar nicht rechnen sie sich selbst zu einem solchen Kollektivsubjekt oder Milieu. Richtig ist ja an dieser Intuition, dass sie selbst, als Arbeiterkinder, in der Gesellschaft, von der ich sage, dass es sie so nicht mehr gibt, traditionell am ehesten selbst Arbeiter geworden wären, keinesfalls aber Lehrer.“ —– Das ist teilweise richtig und teilweise auch nicht. Der konkrete Genosse hat seid der Kindheit darunter gelitten, dass er, subjektiv gefühlt, immer mehr leisten müsse als Leute aus Mittelschichtsfamilien um Anerkennung zu finden, was zu extremen Workaholic-Verhaltensweisen führte. Führ ihn sind Leute die nicht nur aktuell middleclass sind sondern seid Generationen tendenziell Leute in deren Gesellschaft er sich unwohl fühlt, und er hat eine unglaublich Spürnase dafür, wer dazugehört und wer nicht. Leute aus reichen Verhältnissen verursachen ihm Ekel, ja, er gebraucht den Begriff Ekel auch nur für solche Leute. Er betrachtet Klassenfeinde auch als persönliche Feinde, gegen die er persönliche Aggressionen hegt. Die Bloggerin Netbitch, Tochter einer Supermarktverkäuferin und eines Briefträgers, erzählte mir mal dass ihre ganze Neigung zu Extravaganz und ihr Sportwagen eine Art Flucht vor der Schlichtheit ihres Elternhauses sei, und sie verglich das mit der Mercedesprotzerei vieler Türken. Nicht mehr selbst zur Arbeiterklasse zu gehören bedeutet nicht, vom Lebensgefühl her auch in der Mittelschicht angekommen zu sein. Klaus Hoffmann sang einmal:“Der Dreck der Straße klebt wie Pech und Schwefel an Dir, den Dreck der Straße spürst Du immer noch genau.“ —- Für die linke Szene in der ich sozialisiert wurde waren die Menschen mit Arbeiterfamilienhintergrund, damals Studierende, Azubis oder junge Gesellen, von entscheidend prägender Kraft. Die Tatsache, dass linke, zumindest linksradikale Millieus heute in den vom Gastgeber in dem Beitrag „Die letzte Schlacht gewinnen wir“ Filterblasenmikrokosmos angekommen sind liegt entscheidend darin begründet, dass sie sich inzwischen weitestgehend aus jungen Leuten zusammensetzen, die eben nicht mehr aus Arbeiterfamilien kommen, sondern aus moralproduzierenden Haushalten: Lehrer- Pastoren- Juristenfamilien. Das ist schon ein entscheidender Unterschied.

  94. Dieter Kief schreibt:

    @ Che201 und jumid

    „(:::) dass sie sich inzwischen weitestgehend aus jungen Leuten zusammensetzen, die eben nicht mehr aus Arbeiterfamilien kommen, sondern aus moralproduzierenden Haushalten: Lehrer- Pastoren- Juristenfamilien. Das ist schon ein entscheidender Unterschied.“

    Klar, das ist ein Unterschied – .
    Ob der auch dieses neue Phänomen erklärt, dass ein erheblicher Teil der Berliner Feuer- und Pflastersteinwurf-Rebellen laut allerneusten sozialwissenschaftlichen Erkenntnissen – – – noch bei ihren Eltern wohnen?!

    (Die Bild schein so eine Untersuchung letzte Woche zitiert und verschlagzeilt zu haben).

  95. che2001 schreibt:

    Was meine Kenntnis der Feuer- und Pflastersteinwurfrebellen angeht stammen einige davon aus prekären Familien, die durch Luxussanierung aus ihren Häusern in SO36 und Neukölln vertrieben wurden und jetzt die Luxusschlitten der Neubewohner anzünden.

  96. che2001 schreibt:

    Was die Neuzusammensetzung zumindest studentisch geprägter linker Szenen angeht hat natürlich auch damit zu tun, dass die Studienreformen der Ära Kohl BAföG als Vollzuschuss abgeschafft und direkte oder indirekte Studiengebühren eingeführt haben, was den Anteil anm Arbeiterkindern die studieren können drastisch begrenzte. Das Modell „Aufstieg durch Bildung“ der Brandt-Regierung wurde ja in dieser Zeit zurückgedreht.

  97. Dieter Kief schreibt:

    „(:::) aus prekären Familien, die durch Luxussanierung aus ihren Häusern in SO36 und Neukölln vertrieben wurden und jetzt die Luxusschlitten der Neubewohner anzünden.“
    – also: Sie wohnen noch bei ihren Eltern!?
    Ich hab‘ zweimal hingeschaut – ichab das bei Steve Sailer gefunden – der das in LA zitierte – aus der „Bild“ – der ist also auch fast umgefallen vor Staunen: Es soll eine Untersuchung geben, derzufolge gut neunzig Prozent der deutschen Abfackel- und Pflastersteinwurfrebellen noch bei ihren Eltern wohnen – – – Hokokimori-Rebellen – schon wieder etwas, das Marx nicht vorhergesehen hat.

  98. holio schreibt:

    Hikikomori!

  99. Dieter Kief schreibt:

    @ holio – – o ja danke!

  100. che2001 schreibt:

    Wo die wohnen weiß ich nicht, aber dieses Autoanzünden ist eine klassische Form moralischer Ökonomie vergleichbar den Maschinenstürmereien und Hungeremeuten im Vormärz.

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