Die Presse

Es ist, es war, es bleibt: leider aktuell. Wie immer und auf den Punkt bringt und singt es Karl Kraus, das Lied von der Presse. Ja, die Welt und wir haben es in der Tat weit, sehr weit gebracht: Zur Zeitung. Hätte Karl Kraus von Twitter und Facebook geahnt: Er nutzte das technisch Neue. Aber in seinem Sinne und in böser Anklage gegen die, die sich heute so unendlich leichfertig User nennen. Seine Aphorismen mögen zum 140-Zeichen-Satz taugen, denn sie pointieren und spießen auf. Seine komplexen Texte jedoch eignen sich nicht dazu, ihren Gehalt auf 140 Zeichen zu reduzieren, und es ist insoofern nachgerade absurd, Kraus bloß auf die flotte Sentenz herunterzubrechen. Was er zur Literatur schrieb, zu Heine und über seinem verehrten Nestroy, zu Sittlichkeit und Kriminalität, wenn es darum ging, daß vor Gericht nicht die Angeklagte, sondern vielmehr ihr sozialer Status verurteilt wurde – das paßt nicht in 140 Zeichen. Verdinglichung pur.

Andererseits heftete sich der Blick von Karl Kraus ans geringste Detail und entzündete sich daran. Er sezierte die Zeitung messerscharf anhand des vermeintlich Nebensächlichen.

„Ich pfeife auf den Text, ich bin imstande, das Antlitz der heutigen Welt mir aus dem hinteren Annoncenteil zusammenzustellen.“

 

 

Im Anfang war die Presse
und dann erschien die Welt.
Im eigenen Interesse
hat sie sich uns gesellt.
Nach unserer Vorbereitung
sieht Gott, daß es gelingt,
und so die Welt zur Zeitung
er bringt.

Die Welt war es zufrieden,
die auf die Presse kam,
weil schließlich doch hienieden
Notiz man von ihr nahm.
Auch was sich nicht ereignet,
zu unserer Kenntnis dringt;
wenns nur fürs Blatt geeignet –
man bringt.

Wenn auch das Blatt die Laus hat,
die Leser gehn nicht aus;
denn was man schwarz auf weiß hat,
trägt man getrost nachhaus.
Was wir der Welt auch rauben,
sie bringt uns unbedingt
dafür doch ihren Glauben;
sie bringt.

Sie lesen, was erschienen,
sie denken, was man meint.
Noch mehr läßt sich verdienen,
wenn etwas nicht erscheint.
Wir schweigen oder schreiben,
ob jener auch zerspringt –
wenn uns nur unser Treiben
was bringt.

Die Welt, soweit sie lebend,
singt unsere Melodie.
Wir bleiben tonangebend
von aller Gottesfrüh.
Nach unsern notigen Noten
die Menschheit tanzt und hinkt,
weil Dank sie für die Toten
uns bringt!

Die Zeit lernt von uns Mores,
der Geist ist uns zur Hand,
denn als Kulturfaktores
sind wir der Welt bekannt.
Kommt her, Gelehrte, Denker,
komm, was da sagt und singt,
daß hoch hinauf der Henker
euch bringt!

Wir bringen, dringen, schlingen
uns in das Leben ein.
Wo wir den Wert bezwingen,
erschaffen wir den Schein.
Schwarz ist’s wie in der Hölle,
die auch von Schwefel stinkt,
wohin an Teufels Stelle
man bringt!

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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5 Antworten zu Die Presse

  1. Dieter Kief schreibt:

    Karl Kopf Kraus

    (Kurzes Wiener-Lied vom schimpferten Kind)

    Der Kraus ist so ein Denker
    Hier macht er einen Schlenker
    Dort sieht er einen Schweif
    Und wähnt, dass er den Teufel selbst begreif‘

    Er fabuliert von Reinheit nur
    Und verliert doch jede Spur
    Die mit der Wirklichkeit verbände

    In Unschuld wäscht er seine Hände
    Hauptsache rein
    Willa sein

  2. Bersarin schreibt:

    Ach, der Kraus hat vieles begriffen und manchen aufgespießt. An der Wirklichkeit – nicht nur der Wienerschen – war er zu seinem Leidwesen allzudicht dran. Ein Logenplatz im Griensteidl oder im Café Central reicht dazu eigentlich aus.

    Und den bösen Blick vom Kraus,
    den halten wenige aus

    „Ich, der Heimat treuer Hasser,
    will aus dieser Gegend weg –
    blau war nie das Donauwasser,
    doch die Spree macht noch mehr Dreck“
    (Karl Kraus in seinem Gedicht Berliner Theater)

  3. Dieter Kief schreibt:

    Die Preisfrage – warum hat Jonathan Franzen sich auf Kraus gestürzt?
    (Weil Kraus so furchtlos gegen eine Medien-Fronde anschrieb/ cf. USA/today)?

    Franzen hat sich auf dieses – slippery when wet!! -Terrain schon einmal hinausgewagt in Freedom, wg. (u. a. …) jüdischer Akteure im Private-public Partnership-Business in Sachen Waffenhandel im Golf-Krieg, wo er sozusagen die Mittelschichts-Seite des in Kriegsgeschäften erblühenden neoliberalen Republikaner-Ethos anhand von Figuren mit Fleisch und Blut ausleuchtete (Joey und – – Jenna!! und deren Bruder Jonathan (!) usw. (und deren Familie, und deren wiederum Vorstand/Patriarch)).
    Klar, hat darüber hierzulande Keine/r was geschrieben – aber auch in den USA kaum eine/r.

    Die andere Frage, von steter Insistenz: Wie konnte Kraus sich auf Heine stürzen?
    Hier wagt Franzen eine von vorneherein unzulängliche Hypothese: Weil Heine (u. a.) so unhonett zu den Damen war… Oh Du Liabs Herrgöttle von Gendershausen/ Mich überfällt ein Grausen!

    Zwei derer, die Kraus heimleuchteten (= zu ihm auf Distanz gingen), nein drei, und denen ich mich allesamt anschließe: Bloch, Canetti (cf. Autobiografie), naja – – und/ – – Wiesengrund.

  4. Bersarin schreibt:

    Man muß nicht alles, was Kraus schrieb, gutheißen etwa seine Einschätzung Heines, der der Sprache das Mieder gelockert hatte, wie es Kraus formulierte, aber als Kulturkritiker und als blitzgescheiter Beobachter der Gesellschaft war er unschlagbar. Insbesondere in seinen bösen Sentenzen. Das eben wußten (und schätzten) alle drei, insbesondere Adorno. In der Methode freilich unterschieden sich Adorno und Kraus. In der Sache aber zielten sie auf Ähnliches: Mit Freud gesprochen auf den Abhub der Erscheinungswelt.

  5. Partyschreck schreibt:

    Ganz kurzes Berliner Lied vom lamentierenden Meinungsmacher:

    Und 80 Jahre später
    nach Krieg und Barberei,
    liest man im Land der Täter:
    „Oh Schreck, wir sind zu frei!
    Skandal, das unser Feindbild
    nicht jederman durchdringt,
    wir brauchen eine Lösung,
    die Deutungshoheit bring!“

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