Charlie Hebdo – 7.1.2015

Paris, diese so leichtlebige, elegante, teure Stadt hat sich innerhalb von wenigen Jahren nicht ein Stück geändert und sie ist doch eine ganz andere geworden. Zwei Jahre ist der Anschlag auf das Satiremagazin Charlie Hebdo nun her. Doch der Begriff Anschlag ist nicht ganz korrekt – richtig muß es heißen: das Massaker, das Islamisten anrichteten. Man muß nicht alle Karikaturen dieses Magazin mögen – das tun viele Menschen auch bei der Titanic nicht; Martin Mosebach wird über das Bild vom Papst Benedikt mit den Fantaflecken auf der Soutane nicht gelacht haben –, aber es muß möglich sein, solche Karikaturen zu zeigen. Das müssen auch Muslime aushalten, wenn sie im Westen leben möchten. Ob diese Zeichnungen ihnen gefallen oder nicht. Wer hier nach Religionen und Gehalten differenziert und das große „Ja, aaaaaber“ anstimmt, sollte dann besser generell und mit offenem Visier für ein Verbot der Satire eintreten, die Religionen zu karikieren. Und vielleicht überhaupt für ein Verbot der Kritik an der Obrigkeit optieren. Das Prinzip einer säkularen Moderne jedoch wird damit verraten.

Doch mit Kant gesprochen bleibt allein der kritische Weg offen. Dieser Weg kann vielfältig ausfallen und er ist oft, wie Kant schreibt, ein „dornichter Pfad“. Zu diesem Pfad gehört ebenso die alberne oder sogar die beißende Satire und manchmal auch der Holzweg. Auch solche Satire kann in einem Kantischen Sinne Aufklärung bedeuten. Sicherlich hat die Verletzung von Religion ihre Grenzen – das gilt dann übrigens auch für die Satire auf christlichen Religionen – und man sollte sich bei einer guten Karikatur immer fragen, ob die Provokation Selbstzweck ist, um Mohammed zu beleidigen, oder ob sie ein politisches Problem aufspießt. Ein Mohammed, der Ziegen fickt, ist in den meisten Konstellationen nicht besonders witzig. Aber eine solche Zeichnung muß in einem Heft gedruckt möglich sein. Und ebenso muß die Kritik an solchen Karikaturen möglich sein: man muß sie dumm nennen dürfen, sofern eine solche Karikatur einfach nur anti-islamische Ressentiments bedient. Und ebenso muß wiederum eine Kritik an dieser Kritik möglich sein. Dieses Verfahren nennt sich öffentlicher Diskurs, auch wenn es häufig ad infinitum läuft und häufig leider nur der Bestätigung des eigenen kleinen Weltbildes dient. Dennoch: von diesem Modus der Kritik kann mancher Muslime und auch mancher militante Katholik etwas lernen und sich abschauen. Im übrigen bleibt Kritikern einer Karikatur immer noch der Rechtsweg offen.

Ich fürchte jedoch für die nächsten Jahre, daß die Kämpfe härter werden und immer ein Stückchen weiter tröpfelt der Extremismus ein, auch aufgrund der unendlichen Feigheit der Linken, sich Problemen zu stellen, Probleme zu benennen, aus Furcht zu verletzen. Aber wo schon ein Text von Houellebecq einer bestimmten Gruppe der Linken Anathema ist und vor Lehrveranstaltungen an der Uni Triggerwarnungen herausgegeben werden müssen, ist nicht allzuviel an Widerstand zu erwarten: Weder gegen den Kapitalismus in toto noch gegen religiöse Bevormundung.

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Ein bewegendes und instruktives Interview mit der Illustratorin und Comic-Zeichnerin Catherine Meurisse gibt es auf dem Blog intellectures. Sie kam bei dem Massaker in den Räumen von Charlie Hebdo mit dem Leben davon.

Einen schönen Text zu meinem geliebten Paris und ein feines Gedenken auch an die Opfer dieses Anschlags und ebenso an die Opfer auf den jüdischen Supermarkt – das wollen wir ebensowenig vergessen – schreibt Melusine Barbey auf ihrem Blog „Gleisbauarbeiten“. Zu Paris, zu Frankreich heißt es dort:

„Die Grande Nation feiert ihre Siege. (Trotz vieler Besuche in Paris zuvor: Ich war zuvor noch niemals in Versailles. Aus Gründen. Die sich in diesem neuen Jahr als richtige erwiesen. Die Galerie der Schlachten und den Spiegelsaal – ich kann sie nicht anders betrachten als  mit dem schaurig-bösen Triumphgefühl der eingefleischten Republikanerin, die Köpfe rollen lassen wollte, wenn Köpfe noch zu haben wären. … Winterkorn. Ach nein, wir fordern keine Laternen. Mehr.) Auch das Frankreich von heute gibt sich wehrhaft, gewaltig, gewalttätig, prächtig und schön. Der Laizismus immerhin – anders als die deutsche Linke in ihrer relativistischen Pseudo-Toleranz – erkennt seine Feinde und stellt sich ihnen entgegen, stolz, herrisch auch. Die Geschichte des Kolonialismus, zum Beispiel, unaufgearbeitet.“

Da ist etwas dran. Allerdings hat Frankreich jenes Problem mit bestimmten Ausprägungen des Islams zu großen Teilen selber herbeigeführt. Durch organisierte Gleichgültigkeit, durch Ghettosierung, durch Benachteiligung bestimmter Gruppen. Wer sieht, daß er niemals mehr eine Chance haben wird, strengt sich irgendwann nicht mehr an, sondern läuft aus dem Ruder. Zumal dann, wenn das Abziehen und Beklauen von Menschen einträglicher ist als die Arbeit und wenn das sowieso niemand sanktioniert. Zumal die Medien, von der Werbung bis zu den Auslagen, das Besitzen und Konsumieren als die neue Religion der Waren ausstellen. Jede Auslage ist eine Aufforderung. Die Riots in London 2011 haben das gezeigt. Die Menschen haben sich genau das genommen, was die Werbung ihnen versprach. Was bedeutet das? Es bedeutet, daß Werbung funktioniert.

In der BRD kann man von dem, was sich in Frankreich abspielt, nur lernen und es besser machen. Keinen Fußbreit den Intoleranten und denen, die eine totalitäre Variante ihrer Religion peu à peu einträufeln wollen. Dieses Sickern fängt bereits in den ganz kleinen Dingen an. Als alte Sozialdemokraten sollten sich manche noch an das schlechte alte Lied des Stasi-Spitzels Diether Dehm erinnern: „Das weiche Wasser bricht den Stein“. Im guten, im schlechten. Von der Abschaffung oder meinetwegen auch von der evolutionären Umpolung des Kapitalismus, wie sie uns Armen Avanessian, Nick Srnicek und Alex Williams in ihrem „Manifest für eine akzelerationistische Politik“ empfehlen, sind wir noch Lichtjahre entfernt. Die kommende Revolution wird eine religiöse sein. Der erwachte Trikont hat sich seiner politischen Ideen entledigt. So zumindest scheint es. Diese Einschläge spürte die letzten zwei Jahre Paris, und die Ausläufer bemerkt nun auch die BRD.

 

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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