Zwischen den Jahren

Aus der Nachträglichkeit heraus getextet: Meinen Leserinnen und Lesern wünsche ich, ein frohes Fest gehabt zu haben. Geraten Sie in den Rauhnächten nicht aus den Fugen. Aber wie es nun einmal ist und wie es Martin Heidegger in seiner Rede zur Selbstbehauptung der deutschen Universitäten 1933 formulierte, steht alles Große im Sturm.

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Wie man diesen beiden Photographien ebenfalls entnehmen kann. „Schwere See“, sangen Element of Crime und wie meine Geliebte, anspielungsreich in ihrer Art, diese Photos kommentierte. Unsere See ist immer die wilde, die schwer zu umsegelnden Meere.

Insbesondere inmitten des Seichten und der Ansprachenrhetorik der Politiker mag dieser Satz von der Größe und dem Sturm sich bewahrheiten. Ebenso ist jenes „Fürchtet Euch nicht“ ein schöner Satz – auch wenn er dem Volk von Politikern, Journalisten und Kommentatoren regelmäßig eingetrichtert wird, damit Ruhe im Karton ist. Ich gehöre jedoch zu denen, die diesen Satz nicht bloß weltlich, sondern vielmehr im strengen Sinne theologisch begreifen und solches nicht ins Gerede der Alltagspolitik umgemünzt wissen wollen. Wobei ich am Soteriologischen meine Zweifel hege. Auch der Gott mag uns nicht mehr retten.

Und um inmitten des Getümmels Klartext zu sprechen: Die Täter vom Breitscheidplatz in Berlin sind nicht das Böse – dies eben ist eine theologische Kategorie, die von Frau Merkel säkularisiert wurde -, sondern es sind Feinde; im Sinne Carl Schmitts könnte man auch, sofern man das Wort Terrorist nicht gebrauchen mag, von Partisanen sprechen. Ihre Ordnung gegen die andere Ordnung. Zu lesen wäre fürs nächste Jahr Schmitts Theorie des Partisanen. Gewiß wird 2017 nicht minder ereignisreich.

Die unseligen Ereignisse in Berlin bringt Stefan Winterbauer gut auf den Punkt:

„Die Politik findet jenseits der eingeübten Betroffenheitsrituale offenbar keine Sprache, dem Terror zu begegnen. Und die meisten Medien greifen dies auf und verstärken den Effekt, statt diese Sprachlosigkeit anzuprangern. Viele Medien sind gegenüber der Politik derzeit im Echo-Modus und sind damit Teil einer großen Beschwichtigungsmaschine. Ist das noch Gelassenheit oder schon Gleichgültigkeit?
(…)
Während ein staatsbekannter „Gefährder“, der mit einem gefälschten Ausweis eingereist ist, sich in einem Netzwerk radikaler Islamisten herumtrieb, eigentlich abgeschoben werden sollte und dessen Telekommunikation schon mal überwacht wurde, mutmaßlich am vergangenen Montag einen Sattelschlepper in einen deutschen Weihnachtsmarkt steuerte und 12 Menschen tötete. Was soll man da machen? Weiter Glühwein trinken? Ganz gelassen?“

Insofern sind die Appelle, keine Angst zu haben oder weiterzumachen wie bisher, von einer grenzenlosen Naivität. Reflex aus Angst. (Zumal Ängste und auch Furcht sich kaum durch Appelle beseitigen lassen.) Wobei es im übrigen interessant ist, daß die, die nun mahnen, Ruhe sei die erste Bürgerpflicht, mit denen deckungsgleich sind, die bei der Wahl Trumps in wilder Angstkommunikation wie die aufgescheuchten Hühner im Stall flatterten und hyperventilierten als stünde uns der Leibhaftige vor der Tür. Aber auch das gehört zum medialen Geschäft der doppelten Standards.

Was wird das nächste, das neue Jahr bringen? Auf alle Fälle setze ich die Serie zu 70 Jahre Dialektik der Aufklärung fort; es wird sicherlich ebenfalls um das Ende der Berliner Volksbühne unter der Intendanz Frank Castorfs gehen; die nächste documenta steht an. Die Ausstellung „Geschlechterkampf“ in Frankfurt am Main reizt mich zum Reisen und Schauen.

 

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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4 Antworten zu Zwischen den Jahren

  1. che2001 schreibt:

    Das ist Büsum, oder?

  2. Bersarin schreibt:

    Gut gesehen, che. Richtig. Eigentümlicher Badeort. Aber ich mag diesen Charme, diese Mischung aus Dithmarscher Tradition und Kurort-Bauten aus den 60er und 70er Jahren.

  3. Uwe schreibt:

    Ich war ohne Leine unterwegs, deshalb erst jetzt und nachträglich:
    Ich wünsche Dir allzeit „gute Sterne“!

    Irgendetwas musst Du ausstrahlen, dass die Straßen in den Städten, in denen Du unterwegs bist, so leergefegt sind. Aber so kommen die Fassaden erst richtig zum Vorschein:
    „Wer das lesen könnt!“

    Möge das Leiden des Sebastian nicht zum Motto dieses Jahres werden. (Ein frommer Wunsch, sicherlich, der sich wahrscheinlich, nimmt man die ersten Tage des neuen Jahres in den Blick, nicht erfüllen wird). Und doch sollten wir die knieende Nymphe mit ihrem kecken Blick und das, wofür sie steht, nicht vergessen ;-)

    Alles Gute und auf ein Neues,

    Uwe.

  4. Bersarin schreibt:

    Dir auch, lieber Uwe, alles Gute für das Neue Jahr. Es wird, was die Welt, die Politik betrifft, ganz sicher kein leichtes. Aber das war es ja eigentlich nie.

    Auch wünsche ich Dir weiterhin ein gutes Händchen mit der Kamera. Aber wenn ich Deine Bilder so betrachte, dann bin ich da ganz ohne Sorge.

    Herzliche Grüße

    Bersarin

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