Die neue Weinerlichkeit oder das kleine Einmaleins der Warenkunde

Wenn in der Konsumgüter produzierenden Wirtschaft ein Produkt bei den Verbrauchern sich nicht gut verkauft, dann gibt es, sobald sich Marktforscher daran machen, die Ursachen dafür zu ergründen, kein einziges Unternehmen, das hinterher dem Verbraucher die Schuld zuschiebt und flugs behauptet, der Kunde wäre nur zu dumm für das Produkt gewesen oder er sei ein Arschloch. Sondern das Unternehmen versucht, entweder das Marketing zu verändern und die Vorzüge der Ware herauszustreichen, oder wenn das nicht funktioniert, rät der Marktforscher dem Produzenten, die Ware so zu verändern, daß der Kunde mit ihr etwas anfangen kann und sie gerne kauft. Was nicht überzeugt, wird nicht gekauft. Dieser Grundsatz gilt im Kapitalismus übrigens nicht nur für alle Waren, die sich irgendwie auf dem Markt anbieten.

Ansonsten verweise ich nicht nur auf meine Rezension von Didier Eribons Buch  „Rückkehr nach Reims“ (und auch hier ein Teaser dazu), sondern ich empfehle aus der „Berliner Zeitung“ das Interview mit Didier Eribon:

Eribon: „Der Begriff Klasse gilt als altmodisch und marxistisch. Klassen gibt es gar nicht mehr, heißt es jetzt. In den 80ern hat vor allem die sozialistische Partei in Frankreich versucht, die Existenz einer Sozialstruktur nach Klassen zu verleugnen. Stattdessen sprach man von der Selbstbestimmtheit des Individuums und dessen Verantwortung für sich selbst. Man sagte den Leuten: ‚Wenn du arbeitslos bist und keinen Schulabschluss hast, ist das deine schuld.‘

Wozu führte das?

Eribon: Damit nahm man den Arbeitern ihre Identität. Das Problem ist: Klassen existieren, auch wenn keiner darüber sprechen möchte. Und in dieses Vakuum stieß der FN. Marine Le Pen hat vor einigen Tagen noch in einer Rede gesagt: „Wir sind diejenigen, die für die Arbeiterklasse kämpfen.“ Die AfD in Deutschland und Ukip in Großbritannien machen das Gleiche.

In Deutschland ist Rechtspopulismus noch ein recht neues Thema. Haben Sie hier ähnliche Entwicklungen beobachtet wie in Frankreich.

Eribon: In Deutschland hat es in den vergangenen Jahrzehnten eine Prekarisierung der Arbeit gegeben. Und wie in Frankreich waren es auch in Deutschland die linken Parteien unter Kanzler Schröder, die das politisch durchgesetzt haben. In Großbritannien hat die Labour-Regierung sich ebenfalls nicht um die Arbeiterklasse gekümmert, obwohl das eigentlich ihr Klientel sein müsste. Wenn man sich anschaut, wer für den Brexit gestimmt hat, dann deckt sich das mit den Gebieten, die von der Deindustrialisierung am stärksten betroffen waren.“

(Quelle: http://www.berliner-zeitung.de/25198024 ©2016)

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
Dieser Beitrag wurde unter Gesellschaft, Konsumsphären abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

18 Antworten zu Die neue Weinerlichkeit oder das kleine Einmaleins der Warenkunde

  1. ziggev schreibt:

    niemand redet mehr vom Proletariat (und bei denen, die es jetzt tun, frage ich mich, ob sie es meinen).

    Ebenso, wie es auch in Deutschland verpönt war, von Klassen zu sprechen, war auch das Wort „Elite“ eine Art Unwort. Jetzt redet man aber wieder überall über „die Elite“, meistens So-und-so-Eliten. Meint damit aber diejenigen, die Einfluss auf die Gesellschaft – von je Teilbereichen aus – haben, und wissen, wie sie diese Position sichern können, d.h.. ihren ökonomischen Vorteil.

    Symptomatisch ist, dass man in den USA gegen den gesellschaftlichen Einfluss der washingtoner Eliten rebelliert (Establishment), und in England ist es bereits zu Selbstvorwürfen der linksliberalen Eliten angesichts des Brexits wegen ihres Versagens gekommen.

    In Deutschland scheint es tatsächlich lediglich darum zu gehen, den eigenen wirtschaftlichen Vorteil zu sichern.

  2. che2001 schreibt:

    Exatacemente, genauso ist das. Das hatte übrigens schon die Wildcat-Redaktion 1992 in ihrem Band „Riots von Rechts?“ festgestellt, der sich mit Pogromen wie Hoyerswerda und Rostock beschäftigte. Die etablierte Arbeiterbewegungslinke hat seitdem kläglich versagt, die analytisch richtigen Positionen bestimmter Fraktionen der extremen Linken werden nicht zur Kenntnis genommen.

  3. Dieter Kief schreibt:

    Ohje Didier Eribon – old school. Und dann sein Verweis auf podemos – überall ist es schöner, wo wir nicht sind.
    Eribons Idee, der Brexit sei an die Deindustrialisierung geknüpft, ist falsch. London ist extrem deindustrialisiert und hat pro EU gestimmt, die höchsten anti-EU-Quoten gab es in Lincolnshire und Wales, zwei Gegenden, die nie industrialisiert waren…
    Hoch waren die pro-Brexit-Stimmen auch um Rotherham herum.

    Das da unten ist der Kern, wie ich finde, einer gründlichen Analyse der Pro-Brexit-Kampagne aus der Sicht von David Camerons Polit-Berater Daniel Korski. Korski half noch die Abschiedsrede schreiben, dann war ihre gemeinsame Zeit in der Downing St. beendet: Der Premier trat wg. Brexit-Niederlage zurück.

    Hier der zentrale Punkt in Korskis Analyse der Verhandlungen mit der EU, darüber wie die EU Cameron als EU-Befürworter in den Rücken fiel:

    We tried using absolute numbers: three million migrants likely to come over the next 10 years, 6 percent of Lithuania’s population living in the U.K. already. We highlighted the pressure on public services like schools and hospitals. And we appealed to European leaders to consider the impact of migratory flows on their own economies.
    These arguments were quickly shot down. Our European counterparts pointed out that the number of immigrants moving to the U.K. was relatively limited, compared to, for example, Germany. Or they called attention to the fact that European migrants paid more tax and used fewer public services than British citizens, which was true.

    Der ganze Artikl steht hier:

    http://www.politico.eu/article/why-we-lost-the-brexit-vote-former-uk-prime-minister-david-cameron/

  4. Bersarin schreibt:

    Na ja, mir ist Old School immer noch lieber als unzureichende Erklärungen.

    Die Spanier haben es in diesem Sinne gut. Sie haben eine unkonventionelle linke Partei. In der BRD gibt es eigentlich nur eine Partei, die noch irgendwie etwas von Sozialpolitik auf dem Schirm hat. Das ist die Linke. Leider auch dort mit viel Gaga dabei. Sahra Wagenknecht ist dort eine der löblichen Ausnahmen. Im Osten hatte die Linke einst eine starke Bindung. Auch das erodiert.

    Sofern die SPD nicht grundsätzlich ihr Agenda-2010-Personal entsorgt, soll sie doch am besten mit der Kanzlerkandidatin Merkel antreten, anstatt sich die Mühe zu machen, irgendeine Kasperpuppe aus den eigenen Reihen hervorzukramen.

    London hat, im Unterschied zu den deindustrialisierten Zonen, Arbeitsplätze für die Menschen geschaffen. Sei es im Bereich Dienstleistung, Finanzwirtschaft oder Kultur. Und da sind wir beim entscheidenden Thema. Arbeit. Wer übrigens in beständiger Angst lebt, seine Arbeit verlieren zu müssen, dem sind Debatten über das fünfte Geschlecht, über sechzehn Toilettenarten und aufgezwungenen Veggie-Days nicht egal, sondern sie erzeugen vielmehr Wut. Eribon zumindest denkt diese Frage und Probleme mit. Einfache Lösungen gibt es dafür nicht, wie man sowohl Minderheiten einbezieht, sich für Special Interests einsetzt und dafür sorgt, daß Menschen in Lohn und Brot stehen. Aber am Ende sind und bleiben alle diese Krisen systemimmanent. Und insofern sind auch die nächsten totalitären Bewegungen lediglich Auswuchs des Neoliberalismus.

    Wer vom Kapitalismus nicht reden will, soll auch vom Faschismus schweigen. Der Satz ist noch immer brandaktuell.

  5. Dieter Kief schreibt:

    Faschismus -?
    Theresa May, Boris Johnson, demnächst Francois Fillon oder Norbert Hofer?

    Eribon macht halt auch in Identitätspolitik – das ist der Kern seiner Reims-Erzählungen, mit einem Dreh ins sozusagen Proletarische; gut, dass er über Maman und Le Pen spricht, das ehrt ihn. Insgesamt ist er zu vage – zumal er als Soziologe firmiert, liebs Herrgöttle.

  6. Bersarin schreibt:

    Erbion verfaßte mit „Rückkehr nach Reims“ nun aber keine soziologische Analyse oder betrieb empirische Sozialforschung, sondern er schrieb eine Biographie mit essayistisch-erzählerischem Charakter. Und dafür hat er dieses Thema vorzüglich analysiert. Anschaulicher hätte dies keine Studie vermocht. Es sind nämlich genau jene Wählerschichten, die sich nicht mehr von der Linken (und auch nicht von den Konservativen) vertreten fühlen, die nach extrem rechts abwandern. Und das hat nicht einmal primär etwas mit dem Einkommen zu tun und mit Arbeitslosigkeit, sondern mit einem Bündel an Faktoren. Konservative und Sozialdemokraten haben sich in der Mitte getroffen und da bleibt Platz an den Rändern. Die Linke kann diese nicht ausfüllen – auch weil sie die Identitätspolitik nicht gut besetzt hält. Eine der wenigen, die sich adäquat zu den Flüchtlingsströmen äußerte, war Sahra Wagenknecht, die Ursachenforschung anmahnte. Da kommen nämlich keine revolutionären Widerstandskämpfer aus Syrien, dem Irak und Afghanistan die morgen den Kapitalismus abschaffen wollen – wie auch immer das gehen mag -, sondern höchst traditionalistische Muslime aus einem völlig anderen Kulturkreis. (Und das ist noch der harmlose Fall.) Das Grauen, das viele davor befällt, läßt sich durch kein Argument der Welt wegdebattieren. Und wenn man das nicht irgendwie ernst nimmt oder darauf reagiert, wird man am Wahltag die Quittung erhalten. Für morgen sehe ich Herrn Hofer bereits als Österreichischen Bundespräsidenten.

  7. ziggev schreibt:

    „…Grauen, das viele davor befällt, läßt sich durch kein Argument der Welt wegdebattieren.“ Aber durch Fakten und Erfahrung. Wie ich schon bei Hartmut erläuterte, sind die Unterschiede unter „denen“ (Syrier und Afghanen) und größer als die zw. „denen“ und „uns“. How? Ich lerne die Flüchtlinge durch ehrenamtliche Arbeit als Deutschlehrer kennen. Bitte beachten: ich lese da nicht Bücher aus einem anderen Land, oder stelle mir irgendetwas vor. Ich bin dann einfach mal vor Ort. Und denke nur: ich fühle mich bei „denen“ recht wohl. Was ist das überhaupt für eine abstruse Alternative: „revolutionären Widerstandskämpfer aus Syrien ..“ – „höchst traditionalistische Muslime aus einem völlig anderen Kulturkreis“? Welcher Popanz soll da eigentlich aufgebaut werden? Ewigwährende linke Selbsttäuschung, die an irgendeiner verirrten Revolutionsromantik feshält ? Gibt´s vielleicht; gab es jedenfalls zur Zeit der arab. Revoulution. Ich nenne keine Namen. Die dürfte aber eines Besseren belehrt worden sein. Und wenn. Kümmert sowas, was hier allerdings, realistisch betrachtet, als ein Gespenst auftritt?

    Dasselbe mit der Warnung vor GedervertreterInnen und dergl mehr. Die Grünen haben Merkel, da, wo sie weise und vorrausschauend gehandelt hat, unterstützt. Und jetzt kommt der Untergang des Abendlandes wegen einer dritten Tür? Entweder die haben das jetzt erst gemeint – dann haben die aber anderes zu tun, als sich um sowas zu kümmern. Kaum wird´s schwierig, sind die eigenen Widersprüche nicht mehr auszuhalten. Komplexttätsreduktion via Feindbild irgendwo „links“ – diesmal nicht vorzüglich gegen Flüchtlinge, Unterkünfte anzünden schickt sich ja nicht, sondern willkürlich gegen welche, die schon da sind. Beide Vorwürfe sind völlig aus der Luft gegriffen. Und wenn an ihnen etwas dran sein sollte. Warum wird dann nicht von etwa den Grünen eingefordert, dass sie zu ihrer Unterstützung Merkels bitte schön, in der Konsequenz, stehen sollten.

    Das würde aber bedeuten, prinzipiell sich der Sachlage ,wie sie nun mal ist, sich angemessen verhalten zu können. Das darf aber nicht zugestanden werden. Es würde ja bedeuten, selber sich mit der wahren Situation, vor Ort etwa, auseinanderzusetzten. Sich einfach rauszuhalten, ichhabe überhaupt gegen das „Hotel Abgrund“. Hier wird die Haltung aber inkonsistent. Wir haben es nicht selten mit wirklich tragischen Schicksalen zu tun, wie mir berichtet wurde. Und Problemfälle, von Leuten, die einfach überfordert sind, alterbedingte. Und siehe, der 17-jahrige Syrer mit Punkerfrisur und Lederjacke ist manchmal echt renitent. „… höchst traditionalistische Muslime aus einem völlig anderen Kulturkreis.“ – Wenn Du damit zu tun hättest, wüsstest Du, dass das das Randproblem ist. Ich wundere mich selber.

    Ja, der Lustgewinn ist sicherlich nicht unerheblich entgegen verirrter, linker Haltungen, oder, sagen wir Pseudohaltungen, sich reaktionär aufzuspielen. Das mag in Frankreich funktionieren, siehe Burka-Diskussion, mit der Situation hier hat das aber rein gar nichts zu tun.

    Ich fürchte, so, wie es da oben steht, spricht das Vorurteil in Reinstform. Die Erfahrung spricht eine andere Sprache.

  8. ziggev schreibt:

    das Goethe-Istitut bietet übrigens „Einführungskurse in die Spracharbeit mit Geflüchteten“ – die durch Betreiben von Ehrenamtlichen ins Leben gerufen wurden – an.

    https://www.goethe.de/de/spr/flu/esd.html?wt_sc=feels

    Ein Großteil des Kurses widmet sich aber nicht der Sprache, sondern eben Themen wie Umgang mit Traumatisierten, Verhalten gegenüber einer anderen Kultur, wenn Sprachschwierigkeiten bestehen, die ganze Struktur von Flüchtlingshilfe, Behörden, Kursen usw. Mit anderen Worten, es handelt sich um eine komplexe Situation mit einer Vielfalt an Problemen, mit der man sich ersteinmal auseinandersetzten sollte, bevor pauschale Urteile gefällt werden. Genau hier eine etwas schärfere Sicht zu bekommen, dazu soll so ein Kurs, bei dem dann auch die Erfahrungen von Ehrenamtlichen eine wesentliche Rolle spielen (sind also in die Kursgestaltung eingegangen), dienen.

    Verheiratete Paare werden z.B. konsequent getrennt unterrichtet (um die Demütigung des meist weniger schnellen männlichen Teil etwas einzudämmen und diese Strukturen, die unterschwellig manchmal existieren, manchmal, wie gesagt).

    Die Vorstellung, dass da jetzt Revolutionsromatiker oder Dritte-Tür-VertreterInnen ihr Süppchen kochen, ist einfach absurd und lächerlich.

  9. Bersarin schreibt:

    Alles sehr löblich und nett-naiv, ziggev. Ich habe allerdings eher den Verdacht, daß Ihr den Amis und den Saudis die Arbeit abnehmt und die schön mit Euch rechnen. Ist ein bißchen so wie die privaten Suppenküchen und die Armenspeisungen. Besser wäre es, wenn sich die Politik dafür einsetzt, daß in Syrien Frieden geschaffen wird, damit die Menschen in ihre Heimat zurückkehren und diese wieder aufbauen können.

    Du magst Dich mit den Leuten wohlfühlen. Andere tun das nicht. Aus Gründen, die Dir unverständlich sein mögen. Aber am Ende werden die nächsten Wahlen diese Fragen entscheiden. Insofern stellst Du Dich besser auf den Marktplatz und erzählst den Menschen, weshalb es sinnvoll sein kann, Flüchtlinge aufzunehmen. In meinen Augen einzig aus humanitären Gründen. Und zwar am besten in der Nähe ihrer Heimat, in der Türkei und in Saudi-Arabien oder Jordanien in entsprechenden von der UN finanzierten Lagern, gut ausgestatteten Unterkünften. Die Türkei leistet da übrigens Vorbildliches. Die USA als große Verfechter der Humanität, auf die sie sich so gerne berufen, dürfen dazu gerne ihren Beitrag leisten Die Russen, die in Syrien bomben, ebenfalls.

    Beim Genderschwachsinn geht es nicht um den Untergang des Abendlandes, sondern um die Relevanz von bestimmten Themen. Und in der Tat tun da manche so, als hinge die Welt davon ab, wo man scheißen geht. Wer sich mit seinen 17 Geschlechtern unsicher ist, scheint mir mit 2 Türen gut bedient. Entweder die eine. Oder die andere. Die Entscheidung wird meist durch die Frage nach der Dringlichkeit des Dranges gelöst und nicht durch 4 verschiedene Toilettentüren. Wem solche Umbauten im eigenen Umfeld ansonsten wichtig sind: einfach selber machen oder Geld dafür bereitstellen.

  10. ziggev schreibt:

    war klar, die Unterstellung der Naivität, In-Die Ecke-Stellen. Man gibt sich offenbar ein Blöße. So lässt sich nur schlecht für die Aufnahme v. Flüchtlingen vordringlich aus humanitären Gründen argumentieren, wenn humanitäre Hilfe als die von Naivlingen diffamiert wird. Es handelt sich um für die internationalen politischen Konstellation blindes Weltverbesserungsengagement. Das sind alles harmoniesüchtige Weltverbesserer, die geradezu danach gelechzt haben, dass sie einen neuen Fetisch bekommen, auf den sie ihr Gutmenschentum projizieren können, damit sie ihr kleines, verletztes Ego ein wenig streicheln können. Naiv, denn diese psychischen Prozesse sind diesen labilen hilflosen Helfern natürlich nicht bewusst. Und solche Naivität ist natürlich die Folge davon, dass man „die Relevanz bestimmter Themen“ aus den Augen verloren hat. Allenthalben ist ein fehlendes selbstkritisches aufgeklärtes Bewusstsein zu konstatieren, bei Leuten, die sich ausschließlich selbstzufrieden in ihrem selbstgeköchten Süppchen suhlen. Denen man nur mit den „harten Fakten“ die Köpfe zu waschen braucht, damit sie ihnen aufgeht, dass sie lediglich Erfüllungsgehilfen einer Weltverschwörung aus Saudi-Arabien und USA sind, die nichts geringeres anstreben, als Deutschland qua Flüchtlingsschwemme zu destabilisieren. Diesen armen Tröpfchen, die zu „großen“ Gedanken einfach nicht fähig sind, ihre Naivität vorzuhalten, damit sie sich schamesrot ihn ihre Ecken zurückziehen, ist so dringlich, dass die himmelschreiende Naivität angesichts der derzeitigen Entwicklung der Forderung, man müsste „die Ursachen bekämpfen“, vor lauter wilder Entschlossenheit, diese Naivlinge, die in Wahrheit Opfer ihrer good-will-Verfasstheit ihres Bewusstseins und ihnen unbekannter anonymer Kräfte sind, über ihre in Wahrheit leeren Überzeugungen aufzuklären.

    Daraus, vom Schreibtisch aus freilich, folgt zwingend:

    1. Leuten, die keine Flüchtlinge kennen, ist unbedingt darin Glauben zu schenken, dass sie sich mit „denen“ „nicht wohl fühlen“.

    2. Es muss ohne eigene Anschauung gebetsmühlenhaft die Rede von „… höchst traditionalistische Muslime aus einem völlig anderen Kulturkreis“ eringehämmert werden.

    3. Es muss all all jenen, die nicht ungeprüft an die Mär von der Gefahr „höchst traditionalistische(r) Muslime aus einem völlig anderen Kulturkreis“ glauben wollen, mit dem ungebildeten Mob gedroht werden, der ihnen schon klarmachen werde, wo sie blieben.

    Indem auf vermeintlich blinden Flecken verschiedener sich Engagierender verwiesen wird, muss unbedingt vermieden werden, selber eine Position oder Haltung erkennen zu lassen. Obwohl es Dir ja möglich ist, diskussionstolerante politische Argumente vorzutragen zu der Rolle von Saudi-Arabien, den USA, Türkei, ziehst Du es vor völlig, entleerte Polemiken gegen von Dir aufgebaute Popanze vorzutragen und humanitäre Helfer zu diffamieren. Wie gesagt, ich habe ganz und gar nichts gegen Bewohner des „Hotel Abgrund“. Es sollte einem jedoch klar sein, dass die dort gepflegte Selbstgenügsamkeit aufhören sollte, sobald der Schritt vor die Tür unternommen wird.

    Ich unterstelle Dir eine Lethargie der Bequemlichkeit, beim schritt vor die Tür es ohne erkennbaren plausiblen Grund einfach bei einer Vogelperspektive zu belassen. Man kann sich nicht engagieren und dabei die Welt draußen halten. Castorpsche Tagträumereien. – Um nicht zu dem Schluss zu gelangen, dass es sich bei Deinen Einlassungen um nichts anderes als um „wählt AFD!“ handelt. Implizit sind sie genau das.

  11. ziggev schreibt:

    PS … Halbsatz vergessen:

    „Diesen armen Tröpfchen, die zu „großen“ Gedanken einfach nicht fähig sind, ihre Naivität vorzuhalten, damit sie sich schamesrot ihn ihre Ecken zurückziehen, ist so dringlich, dass die himmelschreiende Naivität angesichts der derzeitigen Entwicklung der Forderung, man müsste „die Ursachen bekämpfen“, vor lauter wilder Entschlossenheit, diese Naivlinge, die in Wahrheit Opfer ihrer good-will-Verfasstheit ihres Bewusstseins und ihnen unbekannter anonymer Kräfte sind, über ihre in Wahrheit leeren Überzeugungen aufzuklären, nicht mehr gesehen wird.

  12. Bersarin schreibt:

    Den Vorwurf des Naivlings bestätigst Du mit Deinen Ausführungen aufs Schönste. Naivität ist übrigens nicht per se eine Tugend, sondern der Mangel an Reflexion. Du solltest Dich nicht nur von der Unmittelbarkeit Deines Helfens treiben lassen und Dich dabei gut fühlen – die guten Gefühle seien Dir jedoch gegönnt -, sondern ebenso auf die Politik blicken. Die Flüchtlinge kommen ja nicht hierher, weil sie alle den guten Menschen ziggev so toll finden. Und es kommen ebenfalls viele aus einem völlig unterschiedlichen Kulturkreis hierher. Schönfärberie, ziggev, ist keine Tugend, sondern Dummheit, und die Wähler glauben solchen naiven Predigten, wie Du sie anstimmst, nicht. Auch solche nicht, die keineswegs AfD wählen.

    Wer als Vogel-Strauß antritt, wird auf seinen eigenen Eiern landen. Und da geht dann einiges zu Bruch. Im Zweifelsfall ein Gemeinwesen. Aber wie gesagt: Die nächsten Wahlen werden zeigen, wie weit verbreitet Deine Einstellung ist.

  13. Bersarin schreibt:

    Und noch etwas, ziggev. Menschen, die Deine Euphorie nicht teilen und die ggf. auch Probleme thematsieren, weil hier Menchen aus einem fremden Kulturkreis einkehren, deren Lebensbedingungen nicht im geringsten mit denen in der BRD kompatiblel sind – das beginnt mit dem Frauenbild des Islam sowie dem Mangel an Trennung zwischen Staat, Religion und Privatsphäre, AfD-Nähe zu unterstellen, ist in etwa so als würde ich Dein Plädoyer für Flüchtlinge als Parteinahme für den Islamismus lesen. Davon abgesehen, daß weniger gutwillige Menschen als ich nach solchen Sätzen übrigens sagen werden: Jetzt wähle ich erst recht die AfD.

    Im übrigen bleibe ich dabei, daß es sinnvoller ist die Ursachen von Flucht und Vertreibung zu beseitigen als beliebig Menschen in die Sozialsysteme einzulassen. Diese werden nämlich irgendwann kollabieren. Die Folgen werden wenig angenehm sein. Weniger für mich. Aber für viele andere.

  14. Dieter Kief schreibt:

    @ Bersarin und Ziggev – wg. Wohlfühlfaktor

    Ihrer beider Auseinandersetzung markiert schon sehr weit auseinanderliegende Positionen.

    Der harte Kern der Punkte, die hier verhandelt werden, ist die von Bersarin so angesprochene Frage: Gibt es Zuzüger, die für das hiesige Zusammenleben zum Problem werden können.

    Nun ja – wie mir scheint, sind solche Leute selbst in Berlin keine Unbekannten.
    Dann kann man sich vor Augen führen, was der französische Städtebauminister gesagt hat: Dass es allein in Frankreich „fünfzig Molenbeeks“ gebe = fünfzig vom Islamismus durchsäuerte/ dominierte Stadtteile. Das ist keine Kleinigkeit mehr, das ist massiv. Wer das einmal betrachten will: eine Reise ins Elsaß reicht schon hin.
    Nicht vergessen: Der Ausnahmezustand in Frankreich währt nun schon über ein Jahr und er wird weiter aufrechterhalten. Aus gewichtigen Gründen. Die Franzosen werden deshalb den Immigration-Kritiker Francois Fillon zum nächsten Präsidenten wählen, wie mir scheint.

    Und es ist wichtig, sich klarzumachen, dass es nicht um allein subjektive Ding geht. Auch ich habe mich beim Unterricht von Migranten schon überaus wohl gefühlt. Keine Frage. Aber halt auch kein Argument.
    Auch die am hellichten Tag mitten in Freiburg vergewaltigte und getötete Studentin war übrigens Flüchtlingshelferin.

  15. Dieter Kief schreibt:

    Bitte um Nachsicht und korrigiere: Maria Ladenburger wurde nachts zwischen zwei und drei im Freiburger Univiertel vergewaltigt und getötet.

  16. Bersarin schreibt:

    @ Dieter Kief: Dem ist nicht viel hinzuzufügen. Nein, solche Leute sind gerade in Berlin keine Unbekannten. Wer sich hier mal mit den arabischen Clans beschäftigt, teils Flüchtlinge aus dem Libanon, die hier Anfang der 80er Jahre freundlich aufgenommen und dann freundlich sich selber überlassen wurden und inzwischen eine schwerkriminelle Parallelgesellschaft samt Organisierter Kriminalität etablierten. Ohne daß es Möglichkeiten der Abschiebung der Familien als persona non grata und der Zerschlagung solcher Clan-Strukturen gibt. Beileibe nicht alle, nein. Aber genug, daß es auffällt. Es gibt in Berlin in bestimmten Quartieren Einsätze, da rückt die Polizei inzwischen in Mannschaftswagenstärke an. Ich habe das Glück, das große Glück, nicht in einem solchen Viertel wohnen zu müssen. Man kann hier unendlich lange weiterschreiben. Bei arabischen Jugendlichen angefangen.

    Daß insofern aufgrund dieser von der Politik und der Zivilgesellschaft organisierten Verwahrlosung nicht alle Menschen über den Zuzug glücklich sind, ist nicht ganz unverständlich. Übrigens auch nicht alle jüdischen Gemeinden. Denn die Judenfreundlichkeit in Syrien ist leider qua Regierung nicht besonders gut gepflegt. Und auch der Philosemitismus vieler Strömungen des Islam ist eher wenig ausgeprägt. Aber das ist nochmal ein anderes Thema – man soll das eine nicht gegen das andere ausspielen.

    Wer es nicht schafft, den Menschen diese Befürchtungen zu nehmen, wird irgendwann dafür abgewählt. Ich habe den bösen Verdacht, daß dies auch heute wieder in Österreich passieren wird. Ein einfaches „Wir schaffen das“ mag als Parole der Solidarität gut gemeint sein – was ich freilich bei Merkel bezweifle -, aber es reicht nicht aus. Denn die Menschen glauben es ganz einfach nicht.

  17. Ich habe auch eine Bekannte, die freiwillig (und unbezahlt) Deutschunterricht für Asylbewerber gibt. Sie ha eine Gruppe von fünf jungen Afrikanern, ihrer Aussage nach alles nette Jungs. Porblem ist, dass sie nicht nur kein Deutsch können, sondern nie im Leben eine Schule von innen gesehen haben. Sie müssen also nicht nur Deutsch lernen, sondern auch Lesen und Schreiben. Und es sind Männer um die 25 Jahre, die lernen nicht mehr so schnell wie KInder.

    Ich denke nicht, dass diese Leute eine gute Perspektive in Deutschland haben; mehr als eine Hilfsarbeitertätigkeit setht wohl nicht in Aussicht. Enttäuschung und Entfremdung in der deutschen Gesellschaft sind vorprogrammiert.

    Es ist ein großer Fehler, solche Leute massenhaft einreisen zu lassen. Wieviele sind es denn, eine Million, zwei? Von sechs Milliarden, die schlechter leben als wir, was soll das bringen?

  18. Dieter Kief schreibt:

    @ el mocho – Ihre Frage: Was soll das bringen?

    Das ist die Mutter aller Fragen. Ich vermute, die Migrationspolitik findet nicht auf dieser diskursiven Höhe statt. Es ist Gewurtschel. Schirrmacher hat dereinst die Deutschen wuschig gemacht, wenn nicht endlich frisches Blut flösse, sterbe man aus. Der BDI fordert den Zuzug, weil man die Kanzlerin in einer Zwangslage sieht und weil man Arbeitskräfte brauchen kann (das gleiche beim Handwerk), die Linkspartei arbeitet alte Kränkungen ab: Früher haben die Genossen die Menschen eingesperrt (wenn auch nur halb freiwillig – aber halt doch im Sinne des Antifaschismus – – cf. Der antifaschistische Schutzwall…)) – also früher hat man sie nolens volens eingesperrt, da wetzt man diese Scharte jetzt aus, indem man sie einlädt: Ihr Migraten, seid willkommen. Dito die noch aus der Nazi-Zeit verbrannten Kirchen. Die Evangelische zudem mit dem Ungeheuer Luther geschlagen, von dem man sich nun von der Giordano bruno Stiftung pünktlich zum Jubiläum sagen lässt, Dass der Faschismus – ach was, der Nazi-Exterminismus ohne Luther gar nicht denkbar wäre – die Katholiken leiden zumindest halbbewusst unter dem nämlichen Umstand der lutherschen Judenfeindschaft, denn nicht wahr: Bevor er evangelisch wurde, war Luther ja doch Katholik, na usw. – ad infinitum.
    Diese deutschen Kellergeister zu sortieren ist nun uns aufgegeben. Like it or not.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s