It’s the economy, stupid!

Was mich bei den damals auf Politische Ökonomie eingestimmten gesellschaftskritischen linken Bewegungen und auch bei  links  sich  nennenden Journalisten verwundert, ist der Umstand, wie sehr diese wirtschaftlich basalen Fakten einfach ausgeblendet oder als marginal abgetan werden. Wie intensiv wurde damals Marx‘ „Kapital“ in Studiengruppen geradezu gebüffelt. Zu recht, weil diese Texte von Marx samt seinen Polemiken immer noch zentral sind, um diese Gesellschaft in ihren Ausprägungen sowie in ihrer Struktur zu begreifen. Heute liest man Judith Butler und debattiert über die Mehrfachdiskriminierung von Minderheiten und über Gender-Toiletten in Kindergärten. Für manche mag das wichtig sein. Aber in den Filterblasenmilieus sollte man sich gelegentlich über die Relevanz von solchen Themen Gedanken machen. Ob es sich hier nicht vielmehr um einen Nebenwiderspruch handelt. Sicher wird es dem Schwulen und der Lesbe nicht egal sein, wenn sie diskriminiert werden. Darüber muß es Öffentlichkeit geben.

Wie sehr aber in solchen Diskursen die gesamtgesellschaftlichen Bedingungen ausgeblendet werden und die Debatten nur noch auf Partialmoralen abzielen und zudem die politischen Diskurse vehement moralisiert werden, ist erschreckend. Vor einem Jahr zeigte diese der Fall der Journalistin Barbara Eggert, die für einen unklugen Rat in einem Provinzblatt von Volker Beck dafür als homophob denunziert wurde. Sie verlor ihren Job. Und um jenen Tugendterror auch auf Herrn Beck anzuwenden: Von einem Politiker, der nachweislich eine Droge wie Crystal Meth konsumiert und beim Kauf dieser Droge erwischt wurde, möchte ich mir keine moralischen Belehrungen anhören. Schon gar kein Mobbing – um an dieser Stelle die Moralisierung von Diskursen zu spiegeln.

Nicht mehr die kritische Analyse und Ideologiekritik werden geübt, sondern heute überwiegt die Moralisierung von gesellschaftlichen Fragen: Labels wie Rassist, Homophober usw. werden bei abweichender Meinung geklebt, ohne daß irgendwie eine Begründung dafür gezeigt würde, außer daß sich einer abweichend oder eben auch problematisch äußerte. Statt über soziale Verwerfungen und eine zunehmende Kluft zwischen Armen und Reichen debattiert man mit Verve über Blackfacing im Theater von Dieter Hallervorden, inszeniert einen Quatsch wie den Blog Münklerwatsch, um unliebsame Professoren nicht mehr immanent mit Wissen im Seminar kritisieren zu müssen – wozu es vermutlich von der gelernten politischen Theorie nicht mehr ausreicht -, sondern um zu überwachen und zu strafen.

Linke Bewegungen entwickeln eine Tugendhaltung, wie man sie früher bei den Evangelikalen oder überhaupt bei religiösen Bewegungen wahrnehmen konnte, die auf dem alleinseligmachenden Wahrheitsanspruch der Kirche pochten. Gefühlslinks kann man diese neuen Positionen nennen. Sie sowie die Partialmoralisierung sind leider auch im Journalismus anzutreffen. Über die Gründe kann man spekulieren. In einer globalisierten Welt ist der flexible und von jedem Ort aus operierende Journalist sicherlich ein Gewinner. Gut vernetzt, in einer Welt, in der allenfalls in Gestalt seiner Eltern oder der Verwandten die alte Angestellten- und Arbeiterklasse noch Bestand hat. Da mag genügend Zeit zur Verfügung sein, über Spezialprobleme nachzudenken, die die urbanen Eliten haben, jedoch nicht die Bevölkerung am Stadtrand, in den Mietskasernen, den Wohnbetonsiedlungen, jenen „Fickzellen mit Fernheizung“, wie Heiner Müller die Blocks in Friedrichsfelde nannte oder aber jene Menschen, die in den Provinzen leben und die wahrlich andere Fragen und Probleme umtreiben als die gendergerechte Toilette oder sexfreie Werbung in ganz Berlin. Diese Fragen mögen nicht irrelevant sein. Es geht mir lediglich um deren Gewicht. Hier werden Mücken  zu Elephanten aufgeblasen. Als ob dies die zentralen Probleme der Gesellschaft wären und nicht vielmehr die soziale Ungleichheit. Und da sind wir dann wieder bei der Ökonomie, bei Trump und damit auch bei den nächsten Bundestagswahlen.

Auf seinem FAZ-Blog Stützen der Gesellschaft erklärt Don Alphonso anhand der US-Firma Cannondale in Bedford den Wahlsieg Trumps: Respekt, gut gemacht und es trifft den Kern:

„Und jetzt stellen Sie sich vor, Sie gehörten zu den 300 Leuten in Bedford und ihren Angehörigen. Sie haben jahrelang mit das Beste gemacht, was es weltweit gab. Sie haben geholfen, das Exportdefizit des Landes klein zu halten. Auf Ihren Rädern siegten die Besten. Handmade in USA stand auf Ihren Rädern unter der Flagge Ihres Landes. Sie haben erlebt, wie Entscheidungen nach den Wünschen der Wall Street Elite die Firma in den Bankrott trieben, zum Spielball der Investoren machte und Sie arbeitslos werden liess. Sie haben erlebt, wie ein Staatsgeschenk genutzt wurde, um nach der Produktion auch die verbliebenen Bereiche abzuziehen. Jetzt sitzen Sie in Bedford, irgendwo in Pennsylvania, wohin nie ein Journalist reist, und haben die Wahl. Zwischen Hillary Clinton und Stronger Together, ihren Unterstützern in den Medien, die meinen, man müsste sie wählen, weil sie mit dem System gut kann, eine Frau ist und ganz wunderbare Ideen für transsexuelle Kinder und ihren Toilettenbesuch in Schulen hat, und für Black lives matter und Handelsbeziehungen im pazifischen Raum.“

„Ich bin zigtausend Höhenmeter mit solchen Coda-Kurbeln hochgefahren. Sie sind einfach gut. Da kann man sagen, was man will. Gut und leicht und überhaupt nicht schlampig gefertigt, wie man das sonst oft amerikanischen Produkten wie Autos, Software oder Judith Butlers Genderesoterik zurecht nachsagt.“

 

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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30 Antworten zu It’s the economy, stupid!

  1. Brasch & Buch schreibt:

    Eine Frage, die ich mir vor kurzem stellte und nicht beantworten konnte, da ich das Kapital nicht gelesen habe: War Marx ein Anti-Kapitalist? Ich dachte immer, er wäre nur ein kritischer Analyst, jedoch das es ein kapitalistisches System (begriffsneutral) bedarf, um wachsenden Wohlstand zu schaffen, bestätige er.

  2. Bersarin schreibt:

    Der Kapitalismus war für Marx gegenüber dem Feudalismus ein Fortschritt. Insofern war er in der Analyse nicht antikapitalistisch. Er zeigte aber zugleich, woran das kapitalistische System kollabiert und insofern es in sich und aus sich selber heraus beständig Krisen produziert.

  3. Brasch & Buch schreibt:

    Danke, das deckt sich mit meinem Verständnis.

  4. Herwig Finkeldey schreibt:

    drei Dinge nur, Dich zusammenfassend:
    1. Linke Diskurse verwechseln in der Tat schon lange Analyse und Anklage. Diskusthemen werden nicht als Fragen sondern als Anklagen formuliert.
    2. Die Gewichtung der Fragen ist fast ebenso lange aus dem Lot. Die Ablehnung von Rassismus ist eine Conditio humana. Der Wunsch nach einer dritten Scheißhaustür ist es nicht. Unsere Debattenhengste tun aber nachgerade so, als sei es umgekehrt. Und labeln jeden, der diese Gewichtung in Frage stellt, zum Homophoben.
    Was folglich
    3. dazu führt, dass man eine Mitverantwortung dieser Debattierer am Hochkommen der Neuen Rechten ernsthaft zu diskutieren hat. Was die Vorwurfsdebattierer gerne wieder so darstellen, als spreche man nur sie „schuldig“. Schuld ist aber gar nicht nicht meine Kategorie.
    Nur die linken Debattenhengste scheinen von diesem Begriff gar nicht mehr los zu kommen. Die Ähnlichkeit zur heiligen Inquisition respektive zum protestantischen Gemeindehaus ist evident.

  5. Partyschreck schreibt:

    Sehr gut beobachtet (Auch von Don Alphonso) und deckt sich mit meiner Vermutung, dass diese derzeitig auffällige Hinwendung zu sehr speziellen und äußerst seltenen Problemfällen innerhalb unserer Gesellschaften wie der Frage, ob es nicht auch noch spezielle Toiletten für Männer geben sollen, die sich einerseits zwar schon wie Frauen fühlen, allerdings noch nicht Geschlechtsumgewandelt sind, ganz gezielt und hochtrabend der falschen Anschein erweckt werden soll, dass man sich quasi mittlerweile im Zenit der gelebten „christlich westwertigen Übermenschlichkeit“ befände…
    Wer allerdings einerseits in diesen Fragen fast schon „päpstlicher als der Papst“ agiert und gleichzeitig innerhalb geopolitischer Kriege offenbar nicht einmal annähernd so zimperlich mit Menschen am anderen Ende des Globus umgeht, der macht sich mitnichten glaubwürdig!
    Sehr empfehlenswert ist zum Thema „dunkle Kapitel hinter dramatisch vor sich hergetragener, herer Moralvorstellungen zu verbergen“ auch Uli Gellermanns bezüglich der Organistation Campact, welcher heute in der „Rationalgalerie“ erschienen ist.
    http://www.rationalgalerie.de/home/wem-gehoert-campact.html
    Hierin beschreibt er sehr treffend, wie schnell man selbst bei Anti-
    Ceta-Demonstrationen als „Antiamerikanist“ gebrandmarkt werden kann und wie verquer die dahinterliegende Logik ist:
    „Antiamerikanismus war bisher vor allem ein ideologischer Kampfbegriff der Atlantiker – ein Keulen-Wort der jeweiligen deutschen Regierung und ihrer angeschlossenen Medien – mit dem Kritiker der diversen US-Regierungen gern und kräftig gekeult wurden. Als ob die Gegner des Irakkrieges oder des TTIP-Diktates gegen „die“ Amerikaner wären. Als ob sie Anti-Steven Spielberg wären, Steve Jobs hassen oder Muhammad Ali verachten würden, kurz: Als wären ausgerechnet jene, die mit den besten humanistischen Anliegen auf die Straße gehen, jene, die der dunklen Macht der US-Brutalo-Maschine Einhalt gebieten wollen, als wären ausgerechnet die gegen alle Amerikaner, also Rassisten. Guter Trick. „

  6. che2001 schreibt:

    Den echten Antiamerkanismus haben die Meisten von Euch gar nicht mehr erlebt. Das war eine Haltung, die deutsche Kultur und Bildung dünkelhaft über die scheinbare Schlichtheit der „Plastikamis“ erhob, weil man sauer war dass man den 2. Weltkrieg verloren hatte, was man so aber nicht sagen konnte. Man sehe mal einen alten Heinz-Ehrhardt-Film, in dem reife Herren sich verunsichert über rockende und beatende Jugendliche äußern. Das war der letzte Antiamerikanismus den es in Deutschland gegeben hat. Die Folgegeneration war so proamerikanisch wie nur irgendeine. Sie ging gegen den Vietnamkrieg auf die Straße in Solidarität mit US-Kriegsdienstverweigerern, der Bürgerechtsbewegung, den Yippies und den Black Panthers, begeistert für Bob Dylan, Joan Baez, Jimi Hendrix und die Doors. Und Antiimperialismus kennt keine Rassen oder Nationalismen.

  7. Dieter Kief schreibt:

    Lieber Herwig Finkeldey –
    – übel angemacht wurde ich schon oft (und nicht durchweg unverdient, hehe) in linken Zirkeln.
    Das protestantische Gemeidehaus habe ich dagegen bisher als zivilen Ort des überaus kultivierten Umgangs mit abweichenden Meinungen erlebt. Durchgängig. Komme gerade von einer eineinhalbstündigen sehr lockeren und interessanten Debatte zurück mit einer Frau, die nicht nur ein paar Jahrzehnte in France gelebt hat, sondern auch derzeit ein evangelisches Gemeidenhaus leitet -absolument chic et charmant, Monsieur.
    Wir haben uns u. a. über Hollandes Hochsteuerabenteuer unterhalten (Reichensteuer hoch mit Gebrüll – Steuereinnahmen zwei Jahre später bilanziert: Niedriger als zuvor…). Resultat von solchen und anderen Aktionen (Monatsgehalt seines Freundes und langjährigen Genossen, des Privat-Friseurs (!) von M. le Président, ist kürzlich durchgesickert…was noch nicht bekannt gegeben wurde, ist die tatsächliche Arbeitszeit – das kann M. le Président einstweilen noch verborgen halten, mal sehen wie lange. Egal, wir hatten sowieso einen Tipp – ca. 3-4 Stunden/ Monat, alles in allem – dafür 10.000 Euro – das ist mal ein fairer Lohn -…. Und so weiter und so fort. Alles in der/ eine Blase. Hollandes Zustimmungsrate soll – das wäre Rekord in einer Demokratie, unter zehn Prozent liegen derzeit. – Let’s drink to the hard-working people, who needed leaders ’n‘ get gamblers instead…(M. Jäger und die Blue Stars).

  8. Diese From des Antiamerikanismus findet sich schon vor dem ersten Weltkrieg bei Thomas Mann („Betrachtungen eines Unpolitischen“). Ich muss auch sagen ich habe Amerika und seine Kultur immer faszinierend gefunden, die Rockmusik, den Jazz, die eleganten Autos, die Wüstenlandschaften, Abraham Lincoln und John dos Passos. Eine Abneigung bekam ich erst mit Reagan und Bush, und mit den Amis, die ich in Südamerika getroffen habe. Die waren eigentlich wie Muslime, ohne jede Distanz zur eigenen Kultur und uninteressiert an der Kultur der Latinos. Die suchen ein Macdonalds wenn sie Hunger haben, anstatt mal das köstliche kolumbianische Essen zu probieren, frittierte Kochbananen mit lokalem Käse z.B. Baden lieber im Hotelpool als im warmen, karibischen Meer.

    Aber ich war nie in den USA, und Leute die dort waren, haben in der Regel einen postivien Eindruck.

  9. Jumid schreibt:

    @Dieter Kief
    So ist das mit Politikern, die als Tiger springen und als Bettvorleger landen. Die vermissen als Wähler nicht nur jene, die sie sowieso niemals wählen würden, sondern auch die, die mit ihrer Stimme einmal Hoffnung in sie setzten.
    So mit unserer SPD: Erst mit der Agendapolitik die Amphore zerdeppern, und wenn ihnen Jahre später dämmert, das läuft irgendwie schief (wie, wissen sie aber gar nicht so genau, ein großes Rätsel), versuchen sie die Amphore zu reparieren und kommen mit so´nem notdürftig zusammengeleimten Pott, aus dem das Wasser läuft, um die Ecke …… und wundern sich doch tatsächlich, dass Ihnen das niemand honoriert. Tja ….
    Also: 20 Prozent sind ja der Schrecken der SPD. Welche wie ich meinen eher, 20 Prozent seien überambitioniert in Perspektive, damit seien sie, wenn´s so kommt, noch blendend bedient.

  10. Jumid schreibt:

    @Dieter Kief
    ….. und zweitens: Die Linke hat – also so rein hormonell – protestantische Pfarrerstöchter noch niemals diskriminiert. Da sind Sie etwas ungerecht.

  11. Herwig Finkeldey schreibt:

    Ihr habt alle recht.😀

  12. Verein zur Beförderung des demokratischen Pluralismus (-> Tonne) schreibt:

    >….. und zweitens: Die Linke hat – also so rein hormonell – protestantische Pfarrerstöchter noch > niemals diskriminiert.

    Man stelle sich dem armen Baader wäre die Ensslin erspart geblieben!

  13. MBe schreibt:

    Volle Zustimmung, Bersarin! Und vielen Dank für den Lesehinweis

  14. Bersarin schreibt:

    Es bleibt das zumindest ein Thema, was uns noch lange und nachhaltig beschäftigen wird. Man kann nur auf die zerstrittenen Republikaner hoffen. Vielleicht reicht es bei Trump ja zum Impeachment.

  15. Dieter Kief schreibt:

    Hier lesen – nicht Jammern – –

    https://www.buzzfeed.com/lesterfeder/this-is-how-steve-bannon-sees-the-entire-world?utm_term=.arnRL4AmyL#.yjVG6OAbk6

    Der Trump-Berater Steve Bannon von Breitbart erklärt die schwarzen Löcher der Globalisierung

    Die Perlentaucher-Zusammenfassung – Bannon von Breitbart gehe es vor allem um Galubensfragen osä., zeugt von wenig Interesse an dem ja aber doch und dankenswerterweise veröffentlichten link oben. Ichab dort in der Kommentarspalte die Sache ein wenig vertieft.

  16. Bersarin schreibt:

    Mit jemandem wie Trump können wir uns zumindest auf härtere Zeiten einstellen. Auch wie er sein Kabinett besetzt, gibt nicht gerade Anlaß zur Beruhigung.

    http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/wilbur-ross-wird-ein-bankrottspezialist-trumps-wirtschaftsminister-14530730.html

    Wird lustig werden.

  17. ziggev schreibt:

    ach BTW, ich sehe gerade, jemand hat bei mit Klaus Baum angeklickt, also via Notizen aus der Unterwelt: es gibt eine – siehe dort: „Sendereihe über die Aktualität von Marx. Start am 13. 11. 2016 um 9 Uhr 30. Essay und Diskurs – auch nachträglich noch zu hören über das „Archiv“ des Deutschlandfunks.

    http://www.deutschlandfunk.de/re-das-kapital-1-6-aktuelle-brisanz-der-marxschen-kategorie.1184.de.html?dram:article_id=3695012

    Ob wir hierdurch in Deutschland noch so etwas wie eine „linksintellektuelle Elite“ gebacken bekommen, wage ich zu bezweifeln. Dass nun aber jemand, der wie dieser weiterhin vor sich hinbastelt, nun gerade den Mainstream darstellt, ebenso.

    Ich, für meinen Teil, habe meinen Thukydides (wem das zu schwierig ist zum, weglesen – ist schwer -, dem empfehle ich Wolfgang Will, einen Literaturtipp von der FAZ von vor einem Jahr), u. meinen Grimmelshausen gelesen.

    Vor 2300 Jahren überredete ein gewisser Alkibiades die athener Polis mit einer brillanten Rede auf der Agora zu einem riskanten Feldzug, der den Untergang Athens besiegelte (war das nicht eine Demokratie?) ; c.a. 1900 Jahre später starben ein oder zwei Drittel der mitteleuropäischen Bevölkerung im Dreißigjährigen Krieg.

    Den Dreißigjährigen Krieg im Nahen bis Mittleren Osten haben wir bereits. Mal sehen, was Trump jetzt noch macht.

    Seltsam, gerade diese beiden historischen Begebenheiten, mit denen ich mich ausnahmsweise beschäftigt habe – weil sie einfach so gut beschrieben sind! -, scheinen zu genügen, die derzeitigen Ereignisse historisch einzuordnen.

  18. Bersarin schreibt:

    Danke für diese sehr guten Hinweise, ziggev! Das Buch ist auf der Weihnachtswunschliste.

  19. Dieter Kief schreibt:

    @ ziggev (und bersarin)

    Ok, eine ‚“linksintellektuelle Elite“‚ – mit Thukydides und Will – wenns sonst nichts ist!
    Meinen Segen haben Sie.
    Geben Sie Bescheid, wenn es so weit ist, bitte.

    Und danke für die Lacher – ich habe heut morgen das erste mal richtig gelacht, als ich das las!

    Kann ein, das gibt einen doppel-Post, das System hakte beim ersten Mal.

  20. Bersarin schreibt:

    @ ziggev
    Noch etwas zu jenem verlinkten Blog vom Momorulez fällt mir nicht viel mehr ein. Mir persönlich geht dort dieses Gejammere auf den Senkel. Reflexe ohne Reflexion. Aber jeder macht eben seins in der Blogwelt.

    @ Dieter Kief und ziggev:
    Was linksintellektuelle Elite ist, was überhaupt links ist, dazu müßte man zunächst klären, was der einer darunter versteht. Weites Feld, schwieriges Thema.

  21. Wenn wir schon bei Buchempfehlungen sind: Ich habe grade das letzte Buch von Jonathan Sumption über den 100jährigen Krieg zwischen England und Frankreich gelesen: https://de.wikipedia.org/wiki/Jonathan_Sumption

    Die ganze Serie kann ich auch nur wärmstens empfehlen. Wenn man das ließt, wie im 14. Jahrhundert in Frankreich Banden von Warlords durchs Land zogen und plünderten, vergewaltigten, brandschatzten, und die Könige waren unfähig, ihre Untertanen zu schützen, meint man, es wäre von Syrien oder Irak 2016 die Rede. Was natürlich auch ein Licht auf mögliche Lösungen aktueller Konflikte wirft.

  22. ziggev schreibt:

    ich gehe sogar soweit anzunehmen, dass mein obamaistischer Autfklärungesoptimismus (also Merkules schafft alles) sich letztlich nicht auf die Aufklärung à la Diderot und seinen Plaudertäschchen zurückführen lässt, sondern ich bin der Meinung, dass sich das europäische ‚Subjekt‘ erst in Auseinandersetzung mit der mittelalterlichen Averroes-Rezeption seiner Aristoteles-Kommentare sich hat entwickeln können. Ohne diesen emphatischen Aufklärungsschub wäre ein Luther nicht denkbar gewesen. Und ohne Luther wäre auch diese verrückte Idee, dass jede/r verrückterweise seine eigene Meinung hat, nicht denkbar gewesen.

    und, nicht vergessen, das ist ein Spiel, das es nur in Deutschland gibt, dass es nur Deine innere Bildung>/i> ist, die entscheidet.

  23. Bersarin schreibt:

    Natürlich ist die Aufklärung eine Geschichte, die weit zurückreicht. Im Grunde ist bereits der Mythos eine Variante der Aufklärung, wie wir von Adorno/Horkheimer wissen. Die freilich wieder in Mythologie umschlägt, weshalb ich Deinen Optimismus nicht teile.

  24. Bersarin schreibt:

    @ El_Mocho: Danke für die Buchempfehlung. Es scheinen sich da in der Tat interessante Parallelen aufzutun, wenn man die unterschiedlichen Formen von failed states bzw. von einer nicht mehr funktionierenden Zentrale sich betrachtet.

  25. ziggev schreibt:

    ja, bersárin, was jeder weiß, der oder die mal versuchte, diese hochkomplizierte Sprache zu erlernen (das Buch der Aus-nahem im Buche des Russischen von der Regel übertrifft die Grundgrammatik locker um 5 Bände), Betonung auf der Vorletzten Silbe, aber — gerade weil Horkdorno zu glauben schienen, sich es in deiser (nenne es meinetwegen „Hotel Abgrund“) nur allzu bequemen Situation eben bequem zu machen können, eben indem sie den Begrif der Aufklärung in toto verunmöglichen, obwolh1^^^^^^^^ ich ich aus Analytischer Sicht ihre Kritik am Aufklärungsbegriff für notwendig erachte, halte ich es eben deshalb für notwendig angebracht, deren Aufklärungsbegriff zu
    hinterfragen.

    Ich klage hier nichts Geringeres als wissentschftliches Voregehen ein. Horkdono können ihre Thesen einfach nicht material-schlüssig beweisen.

    ich verstehe, es ist nicht jedem gegeben, das zu verstehen, aber die Aufklärung, also die Ermöglichung für das Subjekt, „selber zu denken“, und die Aufmunterung dazu, wird manchmal von Leuten wie Adorno u. Horkheimer, über verschieden
    e Konzepte wie „Verblendungszusammenhang“, und dergleicnen Ähneiches mehr, durch eine leicht zu durchschauende Phzilisophie, durch

    https://che2001.blogger.de/stories/2613057/#comments

    erklärt und veraharmlost.

  26. Bersarin schreibt:

    Ziggev, ich finde bei Dir ebensowenig ein wissenschaftliches Vorgehen. Etwas zu hinterfragen oder zu behaupten, ist keine Wissenschaft, und was Adorno betrifft, so unterliegt Du einer Verwechselung der Ebenen und mißt etwas mit einem Maßstab, der nicht der der Sache ist. Das wäre in etwa so, als gingest Du zum Bäcker und beklagtest Dich, daß es beim Bäcker keine Rinderfilets gibt.

    Wenn Du die „Dialektik der Aufklärung“ gelesen hättest, würdest Du bemerken, daß Adorno und Horkheimer Aufklärungskritik aus der Perspektive der Aufklärung betreiben. Anders als Klages kritisieren sie die Rationalität gerade nicht zugunsten des Irrationalen oder eines abstrakten Seelenbegriffs als Widersacher des Geistes.

  27. Zum Thema passend dieser Text:

    http://www.nzz.ch/meinung/kommentare/die-untrennbarkeit-von-natur-und-geisteswissenschaften-gemeinsam-fuer-eine-kultur-der-aufklaerung-ld.119443

    „In ihrer kulturkritischen Essaysammlung «Dialektik der Aufklärung» (1939 bis 1944) erheben Horkheimer und Adorno gegen «die moderne Vernunft» den Generalverdacht, sie sei vor allem ein Herrschafts- und die Individuen zerstörendes Instrument. Doch ihre Diagnose ist ungenau und selber nicht aufgeklärt, sondern mythisch. …
    Tatsächlich betreiben die, welche die Vernunft als Geheimagent der Geschichte unter Generalverdacht stellen, eine Geschichtsmythologie, die jenseits empirischer Belege operiert. Im Nachgang zu Galilei waren weder die Ausbreitung mathematisch-empirischer Naturwissenschaft noch die Entwicklung und der Einsatz von Massenvernichtungswaffen eine historische Notwendigkeit. Beides ist das Produkt von wissenschaftlichen Einzelerfolgen und politischen Einzelentscheidungen.“

  28. Bersarin schreibt:

    Hampe verkürzt und entwickelt die Zusammenhänge eindimensional, indem er bei seinen Gegnern monokausale Erklärungen unterschiebt. So wie hier z.B.:

    „Doch von Galilei, Newton, Rousseau, Locke und Montesquieu führt kein direkter Weg zum spanischen oder britischen Kolonialismus, zum Sklavenhandel, zur Ressourcenverschwendung oder zum Maschinengewehr und zur Atombombe.

    Solche unidirektionale Konsequenzlogik ist naiv, und kaum ein ernstzunehmender Philosoph würde solche Folgerungen in dieser Weise ziehen. Nein, der Weg ist kein direkter. Das ist richtig. Einen Zusammenhang jedoch zwischen Denken, Wissen und Praxis bzw. zwischen Basis und Überbau strikt zu leugnen, ist genauso naiv. Nur gestaltet sich dieser Zusammenhang eben komplizierter, als es Hampe annimmt. Das zeigt sich bereits an einem einfachen Beispiel wie den Instrumenten zur Navigation und dem Kompaß. China machte davon einen anderen Gebrauch als Europa. Man sollte hier zwischen notwendigen und hinreichenden Bedingungen unterscheiden. Es führt der Kompaß nicht notwendig zum Sklavenhandel. Aber ohne Kompaß und Navigationstechnik ist keine kontinuierliche Schiffahrt über den Atlantik möglich. Freilich gehört zum Sklavenhandel noch ein wenig mehr als der Kompaß.

    Strukturen der Logik bestimmten ebenso das Denken und erzeugen bestimmte Weisen von Handlungsrationalität: Wer in der Logik das Prinzip der Zweiwertigkeit verabsolutiert und die Ebenen nicht zu trennen vermag, wird vieles nicht anders als im Schema des Binären wahrnehmen und damit auch begreifen können. Aus solchen Äquivalenzprinzipien resultiert am Ende auch das Geld, um einen quantifizierenden Wert zu schaffen, der von den spezifischen Qualitäten absieht. Die Fülle der Qualitäten wird auf eine Zahl reduziert. Daß diese Entwicklung ebenso ein Fortschritt bedeutet, würden Adorno/Horkheimer kaum leugnen. Aber sie begreifen zugleich das Problematische, das in solchem Fortschritt steckt. Und genau darin besteht die Aufklärung über eine Sache

    Adorno/Horkheimer fassen die Vernunft in der DA zunächst einmal instrumentell. Das ist richtig. Als Folie sollte man hier die Rationalitätstypen von Max Weber mitlesen. Der Ort, von dem aus sie kritisieren, bedeutet jedoch, daß es zugleich eine Vernunft geben muß, die nicht instrumentell und rein zweckrational operiert, sondern die im Sinne der Kritik als emphatisch verstandene Aufklärung wirkt, indem sie die Vernunft über ihr eigenes Tun aufklärt.

    Davon abgesehen, scheint mir die Argumentation vom Hampel unausgegoren und eher dem feuilletonistischen Kommentar geschuldet, der simplifiziert. Hampel unterschiebt den Kritikern der Rationalität Verschwörungstheorien, die sie objektiv und in dieser Weise jedoch nie äußern:

    „Nur wer an das Abstraktum Vernunft und daran glaubt, dass diese als Agent der Geschichte Erkenntnisse der Wissenschaft und Entscheidungen von Politikern quasi im Verborgenen steuert, kann dem Irrtum postmoderner und postkolonialer Theoretiker verfallen, Aufklärung selbst sei von Übel, weil sie den europäischen Imperialismus, die moderne Waffentechnik und ein ökologisch problematisches Wirtschaften ermöglicht habe. Wer so kurzschlüssig denkt, spielt indirekt anderen Feinden der Aufklärung in die Hände – jenen nämlich, die sich nach strenger religiöser Führung und autoritärer politischer Herrschaft zurücksehnen.“

    Hampels Kritik an den Kritikern bleibt so abstrakt, wie er es den Kritikern unterschiebt, daß sie einseitig und abstrakt dächten. Was Hampel beschreibt, ist allenfalls eine Postmoderne für Dumme. Solche Vorwürfe treffen jedoch die komplexen Analysen weder von Foucault, noch von Adorno, Lyotard oder Derrida.

  29. ziggev schreibt:

    ja, bersarin, eine Kritik an „der Aufklärung“, muss notwendig unter aufgeklärten Vorzeichen vonstattengehen. Und vielleicht bin ich kein kompetenter Leser der DdA, da ich mich immer nur, wenn ich hineinschaue, gräßlich langweile. Worum es mir geht (ok., der letzte Kommentar wurde etwas unüberlegt losgeschickt), ist, dass möglicherweise ein paar weniger reflektierte Zeitgenossen vermittelst über die DdA die Aufklärung unter einen Generalverdacht stellen, der ihr aber so nicht zugemutet werden sollte. – Jedenfalls dann nicht wenn man sich nicht mit dieser einmal konkret auseinandersetzt.

    Horkheimer/Adornos Kritik, die sich mit einer Ansammlung von Gemeinplätzen, im Ergebnis – und desh. meine lange Weile- , begnügt, sollte doch nicht, im Ergebnis, dazu führen, die unterschiedlichen Phasen der Aufklärung nicht genauer zu untersuchen.

    Wir stoßen dann, wenn wir ein solches vorsichtige Unternehmen nicht unterlassen, auf den „Impact“, den Averroes´ Aristoteles-Kommentar im frühen Mittelalter auf die Intellektuellen jener Zeit ausübte.

    Horkheimer etwa setzt, soweit mir zu lesen vergönnt gewesen ist, in seiner „Kritischen Theorie“ in der – kunsthistorisch betrachtet – Klassik an, also beim Frühkapitalismus, etwa beim hochverehrten Montaigne,

    Was uns jetzt aber zu erlernen möglich ist, dass wir nämlich uns mit der Aufklärung, wie sie innerhalb der so oft zu unrecht verfehmten Scholasik bereits zu wirken begann, beschäftigen werden und sollten, sollte uns doch nicht davon abhalten, sklavistisch verschiedenen Denkverbote im Namen irgendeiner „Dialektik“ zu folgen, i.e. einen Denkfehler „of 1st. degree“ zu begehen.

  30. Bersarin schreibt:

    Ziggev, Langeweile ist kein Kriterium für die Philosophie. Edith Stein ist eine Schlaftablette, aber deshalb würde ich nicht von ihren Texten abraten. Und auch Husserls Texte sind stinklangweilig, dennoch wird man sich mit ihm befassen müssen, wenn man wissen will, wie Phänomenologie geht. Langeweile taugt als Bgriff der Unterhaltungsindustrie. In der Philosophie sagt sie lediglich etwas übers Bewußtsein des Lesenden.

    Wenn man diese Gesellschaft verstehen und kritisieren will, so geht dies ohne Adorno schlichtweg nicht, weil er Gründe nennt, weshalb Gesellschaft so geworden ist, wie sie ist und indem er die Mechanismen aufzeigt, die diese Gesellschaft strukturieren. Insbesondere was die Kulturindustrie und die Kolonisation des Bewußtseins betrifft. Mit dem herkömmlichen Arbeiter- und Herz-Jesu-Marxismus ging es nämlich auf Dauer nicht weiter. Bei Adorno und insgesamt bei der frühen Kritischen Theorie finden wir zum ersten Mal eine Gesellschaftstheorie, die Marx‘ Politische Ökonomie samt dialektischer Kritik, Einsichten der Psychoanalyse, Phänomenologie, hegelsche Dialektik und kantische Kritik in einen Zusammenhang bringt, und zwar in einer nicht-orthodoxen Weise.

    Wenn das, was Adorno schrieb, Gemeinplätze sind, bin ich etwas verwundert, weshalb diese Welt dann nicht schon lange zum Besseren eingerichtet ist, wenn das doch alle wissen. Mir scheint eher das Gegenteil der Fall zu sein und die Philosophie Adornos ist nicht im Ansatz begriffen. Was zahlreiche Beispiele immer wieder beweisen.

    Ich weiß nicht, was Du unter Denkverboten verstehst, ziggev. Die hat niemand ausgesprochen. Außer Dir. Und was die Begriff der Aufklärung betrifft, so reicht der bis zu den Vorsokratikern und den Sophisten zurück. Schon Homer ist Aufklärung. Averroës ist auf alle Fälle bedeutsam. Schade ist es, daß die arabische Welt seit einigen Jahrhunderten den Weg in die Geistesleere bevorzugte und nichts für die Philosophie irgendwie Bedeutsames mehr leistete. Aber so geht die geschichtliche Dialektik, schon Brecht wußte, daß nichts bleibt:

    Am Grunde der Moldau wandern die Steine
    Es liegen drei Kaiser begraben in Prag.
    Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine.
    Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.

    (Wobei ich den letzten Teil des letzten Verses bezweifle.)

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