„Der tote Gott“ – Curzio Malaparte „Die Haut“

„Heute wird in Europa alles verkauft: Ehre Vaterland,
Freiheit, Gerechtigkeit. Sie müssen zugeben, daß es dann recht
nebensächlich ist, seine eigenen Kinder zu verkaufen.“
(C. Malaparte, Die Haut)

Sich mehr den alten Texten widmen. Die Ich-Sucht der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur ist schwierig auszuhalten. Als Leser weiß ich nicht recht, wie dies zu deuten ist. Die Starre des Kaninchens Schriftsteller vor der flinken Schlange Realität? Das gäbe eine possierliche Tierfabel. Auch der Fall Ferrante ist zu nennen.

Malaparte_05368_MR2.inddAber wenn schon Erzähltes vom Ichkammerton und aus Neapel, dann zunächst in seiner Hard-Boiled-Form, in aller Drastik, die uns Geschichte bietet. Als Vorspiel zur Lektüre von Elena Ferrante las ich Curzio Malapartes „Die Haut“. Es ist ein realistisch surreales Buch, so surreal wie die Realität der Massenvernichtung nur sein kann. Ein böses Buch, ein bitteres Buch, das von den Siegern und von den Besiegten handelt und vom clash of cultures. Ein altes, uraltes Europa, darin sich die Schlacken der Geschichte lagerten, darunter wucherte eine ewig-alte Zerstörung, der Gott Mars, und eine relative junge neue Welt, die sich mit der Landung in Sizilien anschickte, Europa vom Faschismus zu befreien. Die naive und freundliche Unbekümmertheit und die Lockerheit der amerikanischen Offiziere, aber auch ihr Bild, das sie von einem alten, bildungssatten Europa herumtragen: die Illias und wenn in Hexametern die Leichenspiele zu Ehren des Patroklos deklamiert werden, Winckelmanns Idee vom Schönen und von der Hellenistischen Klassik. Die Grand Tours, die mancher Amerikaner durch Europa unternahm und „Paris, ein Fest fürs Leben“. Die Illusion von einem schönen, einem kultivierten Europa. Die Wut der Mannschaftsränge auf die mitkämpfenden Italiener. Der Haß der Partisanen auf die Faschisten, die blutige Rache der Partisanen, wenn vor einer Kirche eine Gruppe Faschisten erschossen werden soll. Was der Erzähler als Offiziersrang und im Rücken eine Schar Kanadier sowie ein Priester gerade noch verhindern. Gewalt gegen Gewalt. Wut gegen Wut. Pragmatisch-besonnen, wenngleich oft naiv, erscheinen einzig die Offiziere der US-Army.

Die letzten Tage der Menschheit liegen lange schon hinter ihr. Und nach dem letzten Menschen erschien nicht, wie Nietzsche es sich dachte, der höhere Mensch. Das Danach ist das Inferno. Jene Hölle, die Malaparte in seinem ersten Roman „Kaputt“ illustrierte. Zugleich stellt dieser Roman aber auch die Frage nach einer Identitätspolitik. Wer sind „wir“, wer sind die anderen?:

„‚Um Europa zu verstehen‘, sagte ich, ‚ist cartesianische Vernunft zu nichts nütze. Europa ist ein mysteriöses Land, voll undurchdringlicher Geheimnisse.‘
‚Ach Europa! Was für ein erstaunliches Land!‘, rief Jack, ‚ich brauche Europa, um mich als Amerikaner zu fühlen.‘“

Neapel ist von der Pest befallen, heißt es zu Beginn. Doch ist die Seuche eine Metapher, darin Camus‘ Roman „Die Pest“ verwandt und zugleich dessen Kritik – „Die Pest“ erschien zwei Jahre zuvor im Jahr 1947. Die wohlfeile Moralität der Existenzphilosophie sowie das Pathos bloßer Individualität samt dem Spiel von solitaire und solidaire ist Malapartes Sache nicht. Die Seuche ist Ausdruck für die Verkommenheit dieser widerlichen und zugleich leidenden Stadt, Ausdruck der Verkommenheit ihrer Bewohner, wie auch der übrigen Landsleute. Malaparte schreibt,

„es ist weit schwieriger einen Krieg zu verlieren, als ihn zu gewinnen. Einen Krieg gewinnen – das können alle, aber nicht alle sind fähig, ihn zu verlieren.“

Die Italiener sind beides: Sieger und Besiegte. Besiegt von den Alliierten und Sieger gegen ihre eigenen Landsleute wie die Deutschen, die für die Republik von Salò kämpfen, einem faschistischen Satellitenstaat im Norden Italiens. Jene Pest ist ein Bild für den Zustand des Mezzogiorno nach der Landung der Alliierten. Diese Pest steht ebenso für den Opportunismus wie auch real für die sich ausbreitende Geschlechtskrankheiten, für Wendehälse, fürs Elend der Menschen, die verhungern oder ihren Körper verkaufen müssen, um nicht zu verhungern.

„Nunmehr kämpfen wir an der Seite der Alliierten, um mit ihnen zusammen ihren Krieg zu gewinnen, nachdem wir den unseren verloren hatten; es war deshalb nur natürlich, daß wir in die Uniformen der von uns getöteten alliierten Soldaten gekleidet waren.“

Ist das noch die Realität oder bereits ein surreales Spiel? Ein Theater der verdrehten Welt, wo Soldaten in der Schlacht ihre Uniformen tauschen, wie Boris Vian es in seinem bitteren Antikriegsstück „Abdeckerei für alle“ als Obszönität des Krieges zur Schau stellte.

Die Story des Romans ist schnell erzählt. Sie handelt von einem italienischen Verbindungsoffizier namens Malaparte, der die 5. US Army auf ihrem Weg nach Norden begleitet. Die 5. Armee sammelte sich im Oktober 1943 in Neapel und bereitet sich nun auf den Marsch nach Rom vor. Der italienische König und Marschall Badoglio kapitulierten. Sie setzten Mussolini ab. Malaparte verkehrt mit den US-Offizieren, durchstreift mit seinem Freund Jack Hamilton Neapel und blickt zusammen mit den Amerikanern auf eine vom Krieg gezeichnete Stadt, auf ein zerstörtes Land, auf traumatisierte Menschen. Der Roman schildert die Folgen des Krieges wie die der Befreiung. Obwohl Freude und Erleichterung zu spüren sein müßten, daß die Heimat vom Faschismus befreit wurde, herrscht ein dunkler Grundton; über der gesamten Szenerie liegt die Farbe Schwarz. Malaparte zeigt uns das moralische Elend, ein vom Faschismus ausgeblutetes Italien. Gebeutelte Menschen, Kriegsgewinnler. Bitterkeit über ein Europa des Faschismus, das sich selbst in den Abgrund ritt. Frauen, die sich prostituieren, um ihre Kinder zu ernähren, ein Vater, der für Eintrittsgeld den GIs die Jungfräulichkeit seiner Tochter ausstellt. Das Pendino, wo Zwerginnen hausen, die Schauer erregen. Der Ausbruch des Vesuvs. Asche und Tod, die sich über die Stadt legen. Alptraumszenen einer Stadt, die einst den Süden Italiens verhieß. Malaparte war nach diesem Buch in Neapel eine persona non grata. Die Truppen rücken vor bis nach Norditalien, sie erobern Malapartes Geburtsort Prato, wo wir jene wunderbar-traurige Szene lesen, da die „Augen der Madonnen und der Engel Fillipino Lippis“ am Nachthimmel schimmern, während Jack diesen Glanz für banale Nachtfalter nimmt. Wer je die Bilder Lippis sah, wird um die Schönheit dieser Augenblicke mitten im Schrecken wissen und ahnen, was die befreite Phantasie vermag. Vorrücken, immer weiter, bis nach Mailand, wo Mussolini mit den Füßen am Fleischerhaken auf dem Marktplatz schaukelte. Berichte mischen sich mit Fiktionen.

Als Versatzstücke sind in diesen Roman Szenen eingestreut, von denen man nicht weiß, ob sie Fiktion oder Bericht sind, eine Art Vorläufer des New Journalism, wenn Malaparte als Kriegsbeobachter und Begleiter der US-Army schreibt: z.B. von der Schlacht um Monte Cassino. Ist jene Kriegsszene erlebt, ausgedacht oder der Realität entnommen und dann ausgeschmückt, als Malaparte den GIs rät, einen Kameraden, der auf eine Mine trat, sterben zu lassen und ihm die letzten Stunden, damit Sterben nicht weh tut, mit lustigen Geschichten zu vertreiben. Denn die Fahrt ins Krankenhaus würde der Soldat nicht überleben. Die GIs hassen ihn dafür, sie hassen ihn als Italiener, der ihr Feind war. Der Soldat stirbt. Was für eine Struktur hat der Text, so frage ich mich, was stellen diese hartrealistischen Berichte dar? Zumal Autor und Erzähler vom Namen her identisch sind. Wer spricht? Um dieses Verhältnis genauer zu betrachten, müßte man einen intensiveren Blick auf die Konzeption des Ichs bei Malaparte werfen. Wenn er sein legendäres Haus auf Capri, das auch als Filmkulisse für Godards „Die Verachtung“ diente, „Una casa come me: triste, dura, severa“ nennt, weist das zumindest auf eine Korrespondenz von Werk und Ich hin bzw. es zeigen solche Züge, daß sich das Ich ins Kunstwerk aufheben und verfließen kann.

Dann wieder sind da jene absurd-surrealen Episoden, wo das, was wir den italienischen Neorealismus nennen, der auch in diesem Buch sich niederschlägt, ins Surreale gleitet: als eine Amerikanische Charity-Lady aus den USA anreiste und die Generalität ihr zu Ehren ein Dinner im Palast des Herzogs von Toledo gab, wurde nach dem Fleisch der Fischgang serviert und es besaß der Fisch die Gestalt einer Sirene. Ein Mädchen, halb Fisch, halb Mensch wurde den Gästen aufgetischt. Gefischt aus dem Aquarium Neapels, wie es hieß, da aus Angst vor Sabotage an den Liberty-Dampfern, die die Armee mit Mensch und Material versorgen, die Fischerei verboten war. Zehn Jahre später schrieb Tomasi di Lampedusas seine Sehnsuchtserzählung „Die Sirene“. Malapartes Hohnszene parodiert und durchkreuzt ex ante alle Formen von ästhetisch-melancholischer Trauer und von Meereszauber.

„Es war das erstemal, daß ich ein zubereitetes, ein gesottenes Mädchen sah; und ich schwieg, von einem heiligen Schrecken gewürgt. Alle rings an der Tafel bleich vor Entsetzen.“

Es sind diese irrlichternden Szenen des Romans, die sich beim Lesen ins Gemüt fressen. Der Erzähler reitet im Winter 41 durchs Ukrainische, ist auf dem Weg in die Kolchose Dorogow. Ein Abschweif im Text, der auf Malapartes vorhergehendes Werk „Kaputt“ verweist. Der Reiter gerät in die Nacht hinein, irrt umher, ihm fällt der Geruch des Windes auf, und er hört irgendwann menschliche Stimmen. Hoch über seinem Kopf. Es ist eine Reihe Gekreuziger, an der der Erzähler vorbeikommt, während alles mit der Schwärze überzogen ist – für Malaparte steht hier die Metapher des schwarzen Windes, der auch in Neapel alles  mit einer Schicht von Schwarz tränkt. Und es beginnen diese Geschundenen am Kreuz zu sprechen, aus dem Dunkeln heraus. Deutsche, russische, jiddische Worte. Mit schwarzen Kaftanen Bekleidete, manche nackt – lebende Tote.

Die Szenen scheinen wie geträumt, ein Fieberwahn und kurz darauf, als der Erzähler Malaparte das Dorf erreicht fällt er ins Fieber. Aber die Leichen dort, das bemerkt er, nachdem er genesen und auf dem Ritt zurück ist, die Toten, die gekreuzigten Juden: sie sind da, immer noch da, aber sie sprechen nicht, sondern sie schweigen, und auf ihren Schultern sitzen Raben.

Es bleibt für Europa nur die Aporie, eine Tragödie ohne Helden, ohne Pathos als emphatische Regung, es bleibt moralische Ambivalenz und metaphysische Ortlosigkeit, die angeblichen Widerstandskämpfer, jene Opportunisten, die angeblichen Verteidiger der Freiheit, „die Helden von morgen, bleich und zitternd in den Kellern versteckt.“ Das sind wir: das menschliche Fleisch:

„‚Heute leidet man und macht leiden, tötet man und stirbt, vollbringt man wunderbare und entsetzliche Dinge, nicht etwa um die eigene Seele, sondern um die eigene Haut zu retten. Man wähnt, für die eigene Seele zu kämpfen und zu leiden, aber in Wahrheit kämpft und leidet man für die eigene Haut, nur für die eigene Haut.‘“

Ein beklemmender Roman, die Reportage einer Verheerung, drastisch und in der Sprache tiefer gehend, unter dem düsteren Himmel von Anthropologie tiefer schürfend als der saturierte Moralrealismus mancher Nachkriegsliteratur. Vom Unfaßbaren freilich, vom Zivilisationsbruch handeln alle diese Werke in ihrer Weise. In diesem Sinne gehört auch Malapartes Buch zu jener Ästhetik des Widerstands. Heute begehen wir Peter Weiss‘ 100. Geburtstag.

Curzio Malaparte, Die Haut, Hanser Verlag 2006, 448 Seiten, 25,90 EUR, ISBN 978-3-552-05368-7

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