Morgens mit Heine, Hegel und Jean Paul

Das ist zwar nicht ganz gerecht gegenüber Jean Paul, was Hegel hier in seiner Ästhetikvorlesung von 1823 sagt, aber ich habe mich beim Lesen dieser Sätze sehr an Thomas Melles „Die Welt im Rücken“ erinnert gefühlt:

„In den Jean Paulschen Darstellungen ist die Verkettung des Heterogensten zu bewundern. Diese Ausschweifung aber in allen Gebieten des Stoffs ermüdet zugleich die Einbildungskraft, so daß diese Einfälle bald langweilig werden.“

Das freilich erging mir beim Lesen Jean Pauls nicht so, bei jedoch Melle schon. (Sollte Dieter Kief doch recht behalten haben?) Aber nun ein wenig Teufelei von Heine noch:

 „Ich rief den Teufel und er kam,
Und ich sah ihn mit Verwundrung an.
Er ist nicht häßlich und ist nicht lahm,
Er ist ein lieber, scharmanter Mann,
Ein Mann in seinen besten Jahren,
Verbindlich und höflich und welterfahren.
Er ist ein gescheiter Diplomat,
Und spricht recht schön über Kirch und Staat.
Blaß ist er etwas, doch ist es kein Wunder,
Sanskrit und Hegel studiert er jetzunder.
Sein Lieblingspoet ist noch immer Fouqué.
Doch will er nicht mehr mit Kritik sich befassen,
Die hat er jetzt gänzlich überlassen
Der teuren Großmutter Hekate.“

Arbeit

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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6 Antworten zu Morgens mit Heine, Hegel und Jean Paul

  1. Uwe schreibt:

    Bei Jean Paul herrschen doppelter Boden, Metaphernseligkeit, ausschweifende Vergleiche, kurz: Sprachspiele, gepaart mit Witz, weshalb die Übermaß der stofflichen Einfälle bei ihm nicht ermüdet, zumindest nicht, wenn man die Lektüre dosiert und Pausen einlegt.
    All das fehlt bei Melle. Doch wird man ihm das nicht anlasten können, wollte er doch explizit keine (fiktionale) Literatur schreiben, sondern einen „unverstellten“ (chronologischen) Krankheitsbericht. Aber warum dann dieser zuweilen arg selbstverliebte Ton einer Prosa, die noch die kühnste Aberration mit den treffendsten Wortschleifen benennen will?
    Es bleibt, bei allem Leiden, das anschaulich wird und spürbar ist, der Eindruck, dass hier versucht wird, der größten Not mit der eigenen Sprachmacht beizukommen und so einen „Triumpf“ des Autors über die Krankheit herbeizuführen, der nun um ihre Determinismen weiß und zukünftig, so die Manien ausbleiben, unverschleiert wird erzählen können, über Gott und die Welt, nur eben nicht mehr durch die Brille des bipolaren (Schreib-)Temperaments (was ihm im übrigen zu wünschen wäre).
    Die durchaus auch bei mir sich eingestellte Langeweile lag dabei nicht nur an den Wiederholungen, sowohl den strukturellen als auch den thematischen, sondern daran, dass Melle mir schon auf den ersten Seiten die Möglichkeit nahm, das Buch anders als ein „authentisches“ Dokument zu lesen. Damit opferte er – für mich – die potentielle Mehrdeutigkeit des Textes einer eindimensionalen Lektüre, die dann aufgrund der Redundanz des biografischen Stoffes und seiner formalen Dar- und Aufarbereitung ermüdete. Soviel als Nachtrag zu Melle.

    Zu Heines Teufel fiel mir ein Zitat von Karl Kraus ein, das ich letzthin in einem kleinen Aufsatz von Joachim Kalka las: „Der Teufel ist ein Optimist, wenn er glaubt, daß er die Menschen schlechter machen kann.“

    Und das Foto mit dem Robert Walser-Zitat ist allerliebst. Nur er kann einen Satz bilden, der mit einem solch gewöhnlichen Beginn dann derart überraschend endet, eine Wendung, die zur Muße aufruft, ohne sie beim Namen zu nennen. Eine Wendung zumal, die dem Pointenwitz eines Alfred Polgar würdig und zugleich purer Robert Walser ist, vor allem in der leicht vertrackten grammatikalischen Konstruktion. Welches Lokal wirbt denn damit, und wofür? Ich ahne Schlimmes, aber auch das kann dem Satz und seinem Urheber nichts anhaben.

    Gruß, Uwe

  2. bersarin schreibt:

    Schöner Kommentar, Uwe, danke! Vor allem für das Zitat von Karl Kraus.

    Das Problem der Werbung: Gut gesehen. Heute ist man vor nichts mehr sicher und noch die schönsten Sentenzen können einem verhunzt werden. Das Schild stand irgendwo in Berlin-Mitte, in zwischen Friedrichstraße und Oranienburger.

  3. Dieter Kief schreibt:

    Es soll nur wenige Vergleiche bei Jean Paul geben, die er wiederholt hat. Ich habe mich immer gewundert, wie er das machte. Ein Teil ist sicher Technik – wenn er die Exzerptzettel mit den Vorlagen für seine Vergleiche abgearbeitet hatte, legte er sie beseite. Gefahr der Wiederholung gebannt.
    Was aber ist mit den Sachen, die er aus dem Kopf aufgeschrieben hat – wie vermeid er hier Wiederholungen?
    Und die Frage nach der vermiedenen wiederholung impliziert ja, dass Jean Paul, anders als – sagen wir Melle – innerlich frei, war, jeweils zu schreiben, was er gerade schreiben wollte – -das würde mit Uwes Beobachtung zusammenstimmen, dss er sich bei der Jean Paul Lektüre n i c h t langweile.

    Ein ähnlicher Fall, wenn auch – aber bitte, das kann fast gar nicht anders sein – auf einer etwas kleineren Skala, ist T. C. Boyle.

  4. Bersarin schreibt:

    Interessante Technik. Das ist ja immer die große Frage, wie bilde ich mir Archive und Merksysteme aus, gar Aufschreibsysteme? Ich halte Wiederholungen für gar nicht so schlimm. Ich begreife sie eher als Konstellationen und als Neuanordnung einer Sache.

    Von T.C. Boyle habe ich zu wenig gelesen und es ist zu lange her. Ach, es wartet so viel Lektüre. Und da muß man sich manchmal zwischen dem Lesen, dem Leben und dem Schreiben entscheiden.

  5. Dieter Kief schreibt:

    Wg. Wiederholungen – setzte ich nochmal heirher, was ich am 3. 11. auf diesem blog geschrieben habe:
    „Ob Wiederholungen so etwas Schlechtes seien, wisse er ´nicht genau./ Ohne Zwangsvorstellung/ gebe es keine Liebe und keine Arbeit. – – – Sagt, während er auf seine Stimme hört und darüber sinniert, dass die sich nicht vernehmen lässt, – und dass das ihn von den Irren unterscheide, – – der Dichter.“

    – see – we’ve come full circle!

  6. Bersarin schreibt:

    Ja, es kommt aufs Gemachtsein an. Wie die Wiederholung in der Konstruktion angeordnet ist. Von Peter Handke heißt gleich ein ganzer Roman „Die Wiederholung“. Bernhard ist ein Meister der musikalischen Wiederholung und auch bei Jean Paul entdecke ich diese Tendenz, wenn er immer wieder um den Autor und Erzähler und ums (literarische) Ich kreist. So auch in den Vorwörtern zum Siebenkäs und den eingeschobenen Passagen, in denen der Autor seinen Text unterbricht. Deshalb mein Plädoyer: Immer ins Detail sehen. Bei Melle kam bei diesem Blick nicht viel Gutes heraus.

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