Es geht durch das Ich ein Geflüster – Thomas Melle: „Die Welt im Rücken“

„Säufst du, weil du krank bist,
oder bist du krank, weil du säufst?“ (Th. Melle)

„Die Welt der Kunst & Fantasie ist die wahre,
the rest is a nightmare.“ (Arno Schmidt)

U1_978-3-87134-170-0.inddEin Buch in aller Munde, alle mögen‘s. Ich nicht. Oder nur bedingt. Ohne Frage ist die Prosa vom Thema interessant: Depression. Und zum Glück ist sie von Deleuzeschen Schizo-Glorifizierungen frei und nimmt ihr Phänomen ernst. Das Thema ist wichtig, wir wissen wenig darüber. Aber wenn es nur auf Relevanz und Reichweite ankäme, täte es für den interessierten Laien ein Medizinbuch aus der Rubrik „Darm mit Charme“. Auf unterhaltsame Weise verschaffte es Aufklärung, in diesem Fall über die Tücken der manisch-depressiven oder genauer der bipolaren Störung. Aber darum geht es Melle nicht. Die Depression ist Melle Anlaß für eine radikale und leider auch ausufernde Introspektion. Insofern ist dieses Buch von der Konstruktion her ein Stück Literatur, auch wenn der Text das bestreitet und nicht als Roman konzipiert sein will. Der Text funktioniert zudem, weil er mit dem Ehrlichkeitsbonus wirbt. Das Wort „authentisch“ ruft trotz jahrzehntelanger Dekonstruktionsarbeit aus Paris und Yale immer noch ein Glitzern in den Äuglein hervor. Selbstbefreiung durchs Schreiben, das Ich auf dem Punkt – wir kennen das. Das kann ebenfalls eine Therapie sein, da wollen wir nicht lange drum herumreden, weshalb das Kritteln über dieses Buch sicherlich etwas Heikles hat. Denn der Autor will es ja gar nicht als Literatur behandelt wissen.

Melle liefert Episoden, schreibt die Geschichte seiner Schübe, er schildert Absurdes, ich lache, wenn ich es lese, denn Irre sind auf ihre Weise witzig, wenn man es im Abstand des Textes faßt. Wie das tosende Meer.

„Fahrt nach Hamburg. Enzensberger, als Frau verkleidet im Nebenabteil. Soll das schlau sein? So enzensbergerschlau, immer eine Wendung weiter? Dieser ‚Pfiffikus‘! Er regt mich auf: dabei morgens noch Kluge vor dem Kanzleramt gesehen, drehend lächelnd. Von ihm ging eine Ruhe aus, die seinen ‚dctp‘-Sendungen fehlt.“

Genauso gibt es die traurigen Momente. Die Welt der Kliniken, Selbstmordversuche, Alkohol,  Zwangseinweisungen, der Verkauf der eigenen Bibliothek, was in dem Buch einen zentralen Platz einnimmt und die Rahmenhandlung bildet – insofern finden wir hier ebenfalls einen Verweis auf‘s Poetisierung. Literatur und Lesen sind für Melle essentiell, zahlreich sind die Referenzen auf Autoren. Ob Novalis oder Bernhard – Melle ist vom Lesen besessen. Kistenweise werden die Gesamtausgaben zum Antiquar geschafft. Lektüre war Lebenselixier. Aber die Welt der Phantasie erwies sich in ihrer unendlichen Referentialität genauso als tückisch.

Traurig ebenso der Verlust von Freunden, wenn Melle dem besten Kumpel einen Faustschlag ins Gesicht versetzt. Freunde und Bekannte, die hinterm Rücken tuscheln, Nachbarn, die von Melles Rasereien und der lauten Musik genervt sind. Als Melle am Tag des Auszugs einer Mieterin beim Tragen der Kisten helfen will, brüllt sie ihn an, daß sie seinetwegen ausgezogen sei. „Wie unheimlich ich ihr gewesen sein muß.“ Szenen, die komisch sind, obwohl sie es eigentlich nicht sind. Denn alles ist echt. Solche Darbietungen veranschaulichen ganz gut das Wesen dieser bipolaren Krankheit. Fremdes und eigenes Wahrnehmen klaffen auseinander. Und überall diese Botschaften, die auf diesen Hypernervösen eindringen. Immer wenn ein Schub kommt. Wenn die Neuronen zu stark feuern, „Neuronenschwemme“, „Überspanntheit“, „Gefühlsüberschusss“. In einer Liedpassage von Madonna kann verschlüsselt eine Botschaft stecken. „Sie hatte ein Leben lang über mich gesungen.“ Man selbst ist gemeint, ist immer mitgemeint, wie eine der häufigsten Redewendungen bei Melle lautet.

Nun ist die Funktion dieser Prosa – soll man sie Literatur nennen?  – eine kathartische. Sich die Seele freischreiben: „Also muß ich erzählen, um es begreifbar zu machen.“ Das eben ist der Trick von Melle: er will wahrsprechen, den Fiktionsmodus ablegen. Confessiones machen zu einer in der Tat schlimmen Krankheit, bei der man auf Tabletten angewiesen bleibt. Das ist keine Literatur. Es ist Leben. Was Melle schildert, ist dramatisch. Sein Umgang mit Menschen, die Phasen der Manie insbesondere. Melle beschönigt nichts, nicht einmal das eigene Milieu, wenn er über den Debütroman von Helene Hegemann schreibt:

„Ja, es war von diesem allgegenwärtigen Polleschsprech durchsetzt, der längst auch die Gespräche meiner Freunde infiltriert hatte, der sich zwar als bescheidwisserische, identitätsleugnende Attitüde ganz gut machte, im Grunde aber nur ein hohles Einverständnis mit den Umständen zum Smartsprech aufmotzt. Im Spiegelkabinett subversiv verbrämter Bürgerlichkeiten versichert man sich gegenseitig der harmlosen Entfremdung und machte danach umso beschwingter und konsolidierter weiter. Und das auch noch augenzwinkernd.“

Immer wieder gibt es in dem Buch solche präzis beobachteten Passagen. Dennoch hat das Buch etwas Prätentiöses. Eitelkeit der Schreibe? Nein. Obwohl. Auch in der Demut und der Selbstentblößung des feurigen, des kranken Herzens liegt etwas Eitles. Ich kann es nicht einmal genau erklären, eher erspüren. Aber sensitive Literaturkritik ist natürlich keine Literaturkritik. Also muß die Sache auf den Begriff gebracht werden. Melle schreibt nicht bloß einen „ehrlichen“ Krankenbericht, sondern er möchte unter dem Gewandt der Authentizitätstexte Literatur machen – was völlig in Ordnung ist. Mir geht es in meiner Sicht auf solche Prosa ähnlich wie bei Strunks Honka-Roman. So eindringlich Strunk diesen Mann und sein Milieu beschreibt, so sehr führt er am Ende doch diesen armen Mann vor und mißbraucht ihn für die eigene Sache, für seine ewig-typischen Strunk-Witze, die man genauso in anderen Büchern von ihm findet. Honka ist bloß ein szeniger Vorwand. Für Leute wie Strunk ist dieses Milieu schick. Sie haben jeden Tag die Möglichkeit, wieder auszusteigen. Für die, die da leben: Die bleiben. In beiden Büchern stimmt etwas nicht. Nun kann man Melle freilich nicht den Strunk-Vorwurf machen. Er hat diese Krankheit.

Dramaturgisch ist das Buch schlicht gebaut. Max Biller nannte diesen Vorwurf im „Literarischen Quartett“. Auf den ersten 100 Seiten passiert nichts, es ist langweilig, dieselben Entsetzungen, Archetypen von Szene, die in immer neuen Variationen durchgespielt werden. Es kreist in der Endlosschleife, bis zum Ende, nicht anders als die Krankheit. Die Ichhaltigkeit und der sich wiederholende Ton jedoch nerven nach der Hälfte. Sicher, das Buch will bewußt „Ich“ sagen und reizt das irre Subjekt dabei in einer sich hochsteigernden Sprache zur Spitze aus, bis am Ende Ichverlust und Sozialabbau das Resultat sind. Welt und Ich – beides hinüber. Doch dieser Psychosen-Narzißmus ist stilistisch stellenweise unerträglich; wirkt ab in diesem Dauerton künstlich und schielt auf den Spracheffekt – zumal mich vieles im Stil an die Goetz -Schreibe und die Bernhardsche Manieprosa erinnert:

„Nun schienen schlagartig auch die anderen Texte mich zu meine, oder mich mitzumeinen, auf eine perfide, ausgeklügelte Art, die nie explizit war, die immer auch geleugnet hätte werden können. Sprach einer beispielsweise über einen sinstren Gast auf einer Party, überlegte ich, ob nicht ich es war, der dort beschrieben wurde, oder ob der Autor des Textes mir über Bande etwas über mich mitteilen wollte.“

Die Prosa ist in den Konstruktionen und in der Sprachwutaufsteigerung durchaus als Roman konzipiert, auch wenn sie versichert, sie sei keine Literatur, sondern wahrhaftig: nicht fiktiv soll erzählt werden. Alter Montauk-Trick. Und da gefällt mir allerdings jenes Zitat von Arno Schmidt, das bei Melle steht, und das auch ich mir Anfang 20 mir ins Notizbuch schrieb. In diesem Sinne dienen solche Zitate als Anker, als Katalysator, und als Produkt kreativer wie auch irrer Phantasie und Einbildungskraft würde ich dennoch die Melle-Prosa lesen. Trotz gegenteiligen Beteuerns. Was sicherlich auch eine gewisse Immunisierung gegen die Literaturkritik bedeutet. Denn realistisches Schreiben läßt sich nur schwierig mit den Mitteln der ästhetischer Kritik fassen.

Doch, doch: es paßt diese Literatur des Selbstbezugs in die heutige Zeit. Dagegen war das, was man in den 70er, 80er Jahren die Neue Subjektivität nannte, mit so fragwürdigen Protagonisten wie Karin Struck oder Svende Merian, aber ebenso mit wunderbaren Autoren wie Handke und Max Frischs „Montauk“ – einem Text, der wahrsprechen wollte und die Realität doch ganz und gar literarisch bannte – fast erholsam. Begreifen muß man aber die Tendenz, die hinter diesem großen Ich steckt, das in die Literatur einzog – beim Knausgård-Kult angefangen. Was bedeutet dieses Wahrsprechen vom Ich her? Es hat gesellschaftliche Ursachen. Angesichts dessen, daß Widerstand als politische Option verbaut ist. Heute ist es nicht anders als in den spätsechziger Nachwehen, die sich dann in jener Neuen Subjektivität entluden und als die revolutionär-politische Praxis sich als zahnlos erwies oder in langen Märschen durch Instanzen verlustig ging. „Kein Ort. Nirgends“.

Dennoch muß man an Melles Buch die Trick-Technik loben. Denn diese Melle-Geschichte ist auch so ein Identifikations- und Zeitding. Ein Buch in Berlin, Herr Lehmann, nur diesmal als Intellektueller im Neuronenrausch. Die 90er Jahre, die ausklingenden, die 00er Jahre, wir kennen das, denn wir waren dabei, die letzten bleichen Foucault-Jünger, mit Tocotronic im Ohr, die Schlagermusik Blumfelds, Rainald Goetz, auf der Höhe seines Nachtruhms: Loslabern. Es begann die Zeit des Digitalen, die Zeit der Fiktionen, Filme wie „23“ um den Hacker Karl Koch, der abdreht – Melle nennt diesen Film zu recht: als Phasenphänomen. Das Internet, das gut dazu angetan war, Menschen noch paranoider zu machen, auch Melle bloggte, und in das Internetforum „Am Pool“ hackte er sich ein und postete unter dem Namen von Kracht und anderen. Mit dem Melle-Text lesen wir uns jene gemütliche Vergangenheit herbei, als Berlin noch ein Stück weit die alte BRD verkörperte, erweitert nur um den Osten als Beitrittsgebiet, für erwerbsfaule Literaten. Melle schreibt das sehr ehrlich, oft ist es traurig. Aber es ist mir zu dicht dran. Ich wittere bei solcher Prosa den Effekt. Etwas fehlt.

ICH HABE NICHT MIT DIR GELEBT ALS LITERARISCHES MATERIAL, ICH VERBIETE ES, DASS DU ÜBER MICH SCHREIBST.

So heißt es in Max Frischs Erzählung „Montauk“. Nun wird man freilich Melle nicht verbieten wollen, über ihn selbst zu schreiben, allein deshalb nicht, weil lediglich er das Sujet dieses Berichts ist. Auf einer Textlänge von 348 Seiten jedoch ist es ermüdend. Trotz Komik, trotz Tragik. Und wegen der Loups. Dem Autor freilich bleibt zu wünschen, daß er jenes innere Wüten diesmal in den Griff bekommt. Allein wenn dieses Buch dazu diente, hat es seinen Zweck erfüllt. Unabhängig von seiner Qualität. Und daß einer bei einer Therapie Geld einnimmt statt zu bezahlen, ist sicherlich ebenfalls eine ungewöhnliche Geschichte.

Thomas Melle: Die Welt im Rücken, Rowohlt Berlin, 348 Seiten, 19,95 EUR

 

 

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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21 Antworten zu Es geht durch das Ich ein Geflüster – Thomas Melle: „Die Welt im Rücken“

  1. Iris schreibt:

    Es gibt ja diesen schmalen Grat zwischen Privatem und Persönlichen. Vielleicht geht, was dich stört, auch in diese Richtung? Es klingt an in deiner Kritik. Mir jedenfalls ist Melles Buch teils zu privat. Da ist es dann für mich keine Literatur mehr. Auch nicht mehr wirklich wahrhaftig, denn wie will man dieses Versprechen einlösen, wenn man so unglaublich nah dran ist? Es geht nicht ohne Fiktion, meinetwegen ist es dann Autofiktion.
    Eugen Ruge hat seinem Buch Cobo de Nato den Satz vorangestellt: „Diese Geschichte habe ich erfunden, um zu erzählen, wie es war.“ Nur so funktioniert es, meine ich.

  2. Günther Quast schreibt:

    Prima! Die bislang für mich
    beste Besprechung, die ich gelesen habe!G.Q.

  3. Iris schreibt:

    Ruges Buch heißt entgegen der Meinung der Autokorrektur natürlich Cabo de Gata.

  4. Bersarin schreibt:

    Ein triftiger Einwand. Und auch ein gutes Zitat. Danke für den Hinweis auf Ruge. Das lese ich. Ich bin ja – ein Satz, der mit Ich anfängt vom Ich-Kritiker, der von seiner Geliebten als Supernarzißt bezeichnet wird – in der Literatur an dieser Schreibweise vom Ich her interessiert, insbesondere, wenn die Bezüge ins Schwimmen kommen. Mich hat Malina fasziniert, beim Todesartenzyklus allerdings glitt es mir zu sehr in die Betroffenheit, und Auschwitz und Liebestod zu analogisieren: Schwierig.

    Auch glaube mich stören auch die Wiederholungen. Wenn ich fünf Woody Allen-Filme hintereinander sah, am besten aus einer Zeitspanne, in der er Ähnliches produzierte, dann ist es mir zu viel. Mögen auch die Filme im einzelnen genommen, gelungen sein. Melles Buch hätte eine Strukturierung und Straffung gutgetan. Dennoch: Ich begegne Melle mit Respekt. Aber Leiden als solches ist kein Ausweis für gute Texte.

    Wie man übrigens mit jedem Zipfelchen Ich schreiben kann und trotzdem in der Konstruktion einen guten Text macht, zeigen uns Dunlop und Cortázar mit „Die Autonauten auf der Kosmobahn“. Freilich geht es hier um unterschiedliche Sujets. Cortázars/Dunlops Buch ist grundsätzlich heiter. Am Ende immer eine Frage, wie Dichtung und Wahrheit gewichtet sind.

  5. Bersarin schreibt:

    @ Günther Quast: Danke für Ihr Lob.

  6. Dieter Kief schreibt:

    Dass einer bei Therapie Geld einnimmt – – – nujuuu. Ich glaub, ich lass mal wieder die anderen lesen.

    Öhhh: Gar nicht langweilsch: Ed King, David Guterson. Kommt auch New Tech drin vor. Aber am besten ist die – uhuuu – Appropriation der Therapeutenrolle.

    Sonst noch die beiden Silberschädel in einem parkähnlichen Halbrund, die Sie derzeit bissel weiter vorne dankenswerterweise herzeigen!

  7. H. Jordan schreibt:

    „Die Welt der Kunst & Fantasie ist die wahre, the rest is a nightmare.“ (Arno Schmidt)

    Das ist Quatsch. Hat aber wohl niemand bemerkt.

  8. Bersarin schreibt:

    @ Dieter Kief: Ja, das ist selten, bei einer Therapie Geld einzunehmen. Schaffen eben nur Autoren, die sich ihr Leid von der Seele schreiben und dabei proklamieren: ich mache gar keine Literatur. Das mit der Literaturverneinung ist natürlich ein amüsanter Trick, das sei zugegeben.

    Ich sage es mal so: eine Erzählung von 50 bis 100 Seiten wäre ok gewesen. Aber 348 Seiten zu denken: passiert jetzt noch etwas Wesentliches oder gibt es wieder nur eine neue Episode des Irrsinns? Das ist sterbenslangweilig. Dann lieber sowas wie Darm mit Charme oder ein Anekdotenbuch: „Irre, aber nicht kirre“.

    „Schnee, der auf Zedern fällt“ las ich, aber das war doch eine andere Nummer, wenngleich mir bei der Lektüre eben auch unbehaglich war. Mir war in diesem Buch vieles zu glatt. Aber andersglatt als bei Melle natürlich. Ed King klingt sehr interessant. Für so etwas habe ich rein vom Plot her was übrig. Für dieses Melle-Ding eigentlich auch. Aber was ich las, war nicht das, was ich mir vorstellte. Zumal mich die Sprache ungeheuer genervt hat nach 40 Seiten. Ich habe diesen Ton, diesen Stil zu oft schon gelesen gehört. Nee, geht gar nicht.

  9. Bersarin schreibt:

    Habe mir Ed King mal gleich antiquarisch bestellt. Für drei Euro. Hm, darf ich nicht meinem Buchdealer erzählen.

  10. Dieter Kief schreibt:

    Ahh, dem entschlossenen Mann gehört die Welt – – –

    ohh h h Strunk habbich nicht angefasst – – Melle, puhh, jetzt sind Sie direkt! – So ungefähr dachte ich auch, weswegen ich das bisher nicht las. Was Melle rechtfertigt, in a way: Dass er für viele Leute neues bringt: eine andere Weltsicht. Eine Weile habe ich auch junkie- oder Alkoholikerromane gelesen. War eine Weile interessant. Ein (schauspielender und musizierender) Freund berichtete mir kürzlich von Rock-Bios – alle langweilig, sobald die Rehab-stage-Rehab-Holidays-Rehab-Studio-Tour-Rehab..- Mühle zu rattern beginnt – – und gerade egal, wer erzählt. Ist auch bei Keith Richards ab da langweilig. Zumal der noch noch einen ziemlich einfältigen ghostwriter hatte, wie ich bei einer Stichprobe fand. Dylan macht auch das ganz anders.

  11. Uwe schreibt:

    Ein besonderer Dreh besteht ja auch noch darin, dass Melle für sich und sein Buch den Ehrlichkeits- und Wahrhaftigkeitsanspruch reklamiert und nicht müde wird zu betonen, keine Fiktion, sondern eine „Selbstentblößung“ zu verfassen, aber dem derzeitigen „Pin-und-Pop-up-Boy“ eines solchermaßen radikal autobiographischen Schreibens, nämlich Knausgard, „kein einziges Wort glaub[t]“ (S. 279). Bricht sich da Eitelkeit in eigener Schreibsache und ein Distinktionsgebaren Bahn?!

    Übrigens: Er lässt die Fiktion pausieren, um, wie er hervorhebt, sich seine Geschichte zurückzuerobern durch eine möglichst exakte Beschreibung seiner Un- und Anfälle. Das heißt aber nicht, dass er sich jegliche literarische Mittel versagt, vielmehr nutzt er solche (wie etwa Parataxe, Ellipse, Adjektivballungen und dergl, mehr) vor allem dort, wo er seine manischen Phasen zu veranschaulichen versucht: die wild gewordene Semiose, die sprachlich nachgezeichnete „Weltenbildung und Weltvernichtung“. Insofern glaube ich, dass er mit seinem Buch nicht die Literatur verneint, sondern eher die mit dieser üblicherweise einhergehende Technik der Fiktionalisierung. Diese, so meint er, verbiete sich bei DEM Sujet: dem eigenen kranken Ich. Sein „Lebensthema“ soll nicht in einem (fiktiven) Plot dialektisch verhüllt erscheinen, sondern als psychisches Konstruktionsmuster analytisch klar und „unverstellt“ beschrieben werden, um dann – endlich – zu einem souveränen Erzählen zu gelangen, wie er hofft. Eine Art Beschwörung: Ich nenne mein Irresein beim Namen und halte es dadurch auf Distanz. Die Magie des Benennes, ein Abwehrzauber, indem man sich ausdrücklich ein Bildnis macht vom lebensbegleitenden und -bestimmenden Übel. (Ein Kniff, von dem auch andere Betroffene schreiben, etwa Alexander Wendt)

    Deine Einschätzung, dass der Text nur bedingt gelungen ist, teile ich. Es gibt brillante Passagen (etwa die Skizze seiner Kindheit), es gibt Redundanzen (das Immergleiche der Manien und des Wahnsystems), es gibt Peinlichkeiten (die Promi-Affinität). Den fehlenden Spannungsbogen würde ich eher dem Thema als dem mangelnden Gestaltungswillen des Autors anlasten. Insgesamt zu lang, zu ausschweifend, so dass nicht selten beim Leser der Eindruck entsteht, der Autor wolle mit jedem neuen Absatz seine eigene Heillosigkeit noch treffender, kräftiger zum Ausdruck bringen. Kurz: Weniger wäre mehr gewesen.

    Zum Schluss noch: Grundsätzlich bin ich dem autobiographischen Schreiben zugetan, und besonders schätze ich in dieser Hinsicht die Bücher von Tomas Espedal (hier vor allem: „Gehen oder die Kunst ein wildes und poetisches Leben zu führen“, 2011). Diese Klarnamen-Prosa im Spannungsfeld von Leben und Kunst hat alles: das „Authentische“ des Stoffes und das Spiel der formalen Mittel und Genres, die radikale Schreibhaltung und das Bewusstsein iher Vermitteltheit, Erzählung und reflexive Essayistik, Entblößung und Verhüllung, Bekenntnis und Kritik.

    Gruß, Uwe

  12. Bersarin schreibt:

    @ Dieter Kief: Ich glaube an diese neue Weltsicht nicht wirklich. Zu abgestanzt ist mir die Sprache. Das ist alles erwartbar. Lesen Sie Rainald Goetz und da finden Sie das alles schon vor. Vereinzelte Sentenzen und Passagen sind lustig und gut. Aber das hilft nicht über den Gesamteindruck hinweg. Ich bin ansonsten kein Leser von Autobiographien. Eine Ausnahme habe ich bei der neuen Biermann-Biographie gemacht. Wegen des 80. Geburtstags. Sie ist im typischen Biermann-Ton geschrieben. Aber nicht ganz so eitel, wie er auf der Bühne sich manchmal spreizt.

  13. Bersarin schreibt:

    @ Uwe: Schöner Hinweis auf die Knausgard-Sätze. Da haben wir wohl in der Tat eine Authentizitätskonkurrenz. Insofern begreife ich auch diese Szene als einen literarisch-rhetorischen Trick. Ganz nett, aber mehr auch nicht. Ansonsten sehe ich es ebenfalls so wie Du: Melle setzt zahlreiche literarische Mittel ein. Vor allem aber: er erzählt und er erfindet. Denn ich frage mich, wie man sich derart exakt an all die Schübe, die Manien und die Depressionen erinnern kann. Wer in dieser Weise in Rausch und Rage ist, hat noch Zeit, all das im Detail zu behalten und es dann brav 17 bzw. 10 Jahre später zu Papier zu bringen? Glaube ich nicht für eine Sekunde. Diese Dinge aufzuschreiben und zu rekonstruieren, erfordert einen Akt der Einbildungskraft, setzt Phantasie und Konstruktion voraus und vor allem Notizhefte, in denen das aufgeschrieben wurde. Ich habe gegen dieses Verfahren auch gar nichts. Das ist alles ok. Und insofern begreife ich das, was Melle macht, als einen literarischen Trick, vielleicht sogar ein besonders subtiler: In der Lüge wahrsprechen, in der Wahrheit lügen, wie es in Lacans Seminar zum entwendeten Brief heißt, so wie in dem darin erzählten Jüdischen Witz: „‚Sieh her, was du für ein Lügner bist, wenn du sagst, du fahrst nach Krakau, willst du doch, daß ich glauben soll, du fährst nach Lemberg. Nun weiß ich aber, daß du in Wirklichkeit fahren willst nach Krakau. Also warum lügst du?‘“

    Auch ich schätze das autobiographische Schreiben. Max Frisch ist ein gutes Beispiel dafür, wie es gelingt, nämlich in Montauk. Oder auch Peter Handke, Nachmittag eines Schriftstellers und viele andere Prosa, die sich um die geglückten Momente rankt. Im Grunde auch der Roman „Der Große Fall“, darin unverkennbar Handke flaniert. Espedal ist ebenfalls so ein Autor, wo ich es gekonnt finde. Was mich reizt, ist das Spiel und wenn darin dann noch die Mittel literarisch sind. Aber in einem dauerwiederholungsverschleiften Götzenton, nein Goetzton die Attitüde zu zelebrieren: nee danke.

    Von der Kunst, mit Literatur zu täuschen, davon zeugt auch Eduardo Halfons Der polnische Boxer. Sehr viel trickreicher und mit sehr viel mehr Spiel darin.

    Dazu meine Rezension hier: https://bersarin.wordpress.com/2015/01/28/die-fiktion-des-autors-und-der-doppelte-boden-der-erzahlung-vorblick-auf-eduardo-halfons-der-polnische-boxer/
    sowie hier
    https://bersarin.wordpress.com/2015/02/06/narrator-in-fabula-von-der-kunst-ich-zu-schreiben-zu-tauschen-und-anzutauschen-eduardo-halfons-der-polnische-boxer/

  14. ziggev schreibt:

    ich möchte einmal – etwas anders formuliert – ein Frage einwerfen (um eure durchaus nichttrivialern Erörterungen zur Ichschreibe einmal etwas zu konterkarieren): „dieser Melle, auf welchem Film ist der denn!?“ zur Erklärung zwei Aspekte, die Orwell zu schriftstellerischen Ambitionen nannte in dem Aufsatz, wo er sich dazu äußert: (1) ihm seien bereits in der Jugend „Sätze durch den Kopf gegangen“; als eine Art Selbstkommentierung; vielleicht eine Art Selbstgespräch; und möglicherweise bestand eine gewisse Eitelkeit, die ihm jene Ambition da schon einflüsterte, oder hätte bereits bestanden. (2) jeder (oder fast jeder) hätte möglicherweise nur gerade dieses eine Erlebnis, Schlüsselerlebnis gehabt, das ihm von übergroßer Bedeutung erschienen sei. die These: dass bei einigen oder vielen Schriftstellern möglicherweise das ganze Werk als Bemühung aufzufassen sei, diesen einen Moment wieder einzufangen. Das Sympathische bei Qrwell ist natürlich, dass er durchaus bescheiden auch die eigenen schriftstellerischen Ambitionen auf eine beinahe infantile Eitelkeit zurückführt, denn wer hat „diesen einen Moment“ nicht erlebt und wer hat nicht kindlicherweise quasi in erlebter Rede das eigene Spielen kommentiert? (Ich stelle Orwells Bemerkungen hier nur aus der Erinnerung dar bzw. den zweiten Aspekt wiederum aus der Schilderung von jemandem neulich im TV oder Radio.) diese Stimme (1) möchte ich versuchsweise „erlebte Rede in der ersten Person“ nennen.

    und diesen „Film“, eine Art Selbstfikionalisierung in Echtzeit, wenn man mir denn folgen mag, muss man nicht unbedingt den eines „Verrückten“ nennen. ich schlage diese „erlebte Rede in der ersten Person“ (eRideP) jetzt nur als Gedankenexperiment oder Modell vor, um gewissermaßen psychologisierend die Fragerichtung umzukehren. also nicht nach der Authentizität zu fragen, nicht danach, wie viel Fiktion notw. in einer Autobiographie enthalten ist, ob Melle sich Notizzettel angefertigt hat, nach Wahrheit, usw. Denn all diese Fragen, die wir, in der Annahme, wir hätten es mit einem schriftstellerischen Werk zu tun, gerne stellen; und die wir, wenn wir annehmen, dass es sich um ein Werk, das auch nur um einen Gran mehr im engeren Sinne ein schriftstellerisches ist, natürlich aufgefordert sind, abzuarbeiten, denn Unterforderung gibt es für uns nicht, all diese Fragen ergeben sich auf eine viel weniger dramatische, ich möchte sagen, natürliche Weise, stellen wir uns ein solches Modell vor.

    ich will vermeiden, dass voreilig Prämissen für dieses Gedankenexperiment und Folgerungen aus diesem Gedankenexperiment angenommen oder gezogen werden. mir geht es vor allem darum, den Diskurs etwas herunterzukochen. darum ja die Frage, auf welchem „Film“ Melle wohl sei/gewesen ist. Melle dann: „auf welchem Film bin ich denn da gewesen?“

    oder um den Ball noch flacher zu schießen: das Wesentlich schient mir an diesem Text (nach der Besprechung und Diskussion hier) oder an solchen Texten zu sein, dass sich die Frage Fiktion? authentisch? Biografie? … nur schwer auf interessante Weise stellen lässt. jedenfalls scheint dem mir so – und die „erlebte Rede in der ersten Person“ ist meine Erklärung dafür, warum es mir eben so ergeht.

    es handelt sich mithin um ein Machwerk, bei dem es müßig ist, es einer bestimmten Gattung mit der und der mehr oder weniger genau bestimmten Aussagefähigkeit zuzuordnen. Melle handelt sich jedenfalls mit diesem Vorgehen eine Menge Vorteile ein, indem er vieles nicht zu beachten braucht, was für einen Roman oder Werk der Fiktion unerlässlich ist: z.B. eine gute Konstruktion; meinetwegen auch Dramaturgie. er kann sich sogar deutliche Schwächen leisten, etwa Langatmigkeit oder goetzsches Langweilertum (mit Prominenten rummachen). „Eigentlich ist so ne manische Phase, genau betrachtet, eher langweilig.“

    alles Dinge, die nicht möglich gewesen wären, hätte er den Text „Roman“ genannt.

    es stellen sich vielmehr besorgte therapeutische Fragen: gehört das Schreiben und veröffentlichen des Textes selber zur manischen Phase im Modus der eRideP ? aus diesen Gründen reizen mich solche Texte weniger, verspüre ich einen Hauch von langer Weile, der mich aus dem Literaturbetrieb anweht.

    ist er also gesundet? äußert er sich dazu, in welcher Situation, aus gesundheitlicher Perspektive, er diesen Bericht abliefert? – diese Fragen sind aber, aus den genannten Gründen, eigentlich unerheblich dafür, ob es sich nun um einen Roman oder einen autobiografischen Bericht handelt. wer, außer ihm, hat unter seinen Phasen gelitten (denn solche gibt es meistens bei Manisch-Depressiven)? hält er an seiner Krankheit fest – oder wollte er nur das Erlebte festhalten?

    ich befürchte, diese Fragen stellt er nicht und beantwortet er nicht. ein solcher Nicht-Wissensdrang, was Fragen nach Gesundheit, Tod oder Moral betrifft, bedeutet in meinen Augen nicht, dass wir gleich von Kokettiererei sprechen müssten, es sei denn, bei dieser handelt es sich um eine Unterklasse der langen Weile.

    sie hätten nach literarischer Form verlangt (wie ganz wunderbar und bezaubernd gelöst in „Die Autonauten auf der Kosmobahn“), und sei es auch nur eine Einleitung wie bei Lolita.

    und schließlich: wenn nun seine Leser zu dem Ergebnis kommen, dass er, eine bestimmte Form der „erlebten Rede in der ersten Person“ gewählt habend, dies schlecht macht, so bliebe imho die Frage nach Roman oder Autobiografie dennoch eigentlich überflüssig oder wenig interessant.

  15. bersarin schreibt:

    Interessante Überlegungen, schön auch der Hinweis auf „Lolita“. Mein Verdacht immer mehr: daß Melle kokettiert. Am unverschämtesten ist immer noch die Länge des Buches. Eine Dauerverschleifung, die ästhetisch durch nichts als das Irresein motiviert ist und die man, um das Problem bzw. die Sachlage zu schildern, auf 100 Seiten zusammenstreichen hätte müssen. Also eine Erzählung draus machen. Ich weiß nicht, wenn es geritten hat, Melle für einen Buchpreis zu nominieren. Ich sehe die literarische Qualität des Textes nicht. Und als authentisches Dokument ist es ermüdend zu lesen.

  16. Dieter Kief schreibt:

    @ Uwe u ziggev – interessant – Sie kommen aus anderem Blickwinkel auf die nämlichen Fragen wie Bersarin. Die simple praktische Folgerung aus Uwe und Bersarin wäre gewesen, strenger zu lektorieren.
    Die puritanische Gegenposition lautet: Es ist ein authentisches Dokument, wir lassen es wie es ist. Besssenheit ist eben a u c h eine Form der Immunität gegen Wiederholungen. – – – Ob Wiederholungen so etwas Schlechtes seien, wisse er ´nicht genau./ Ohne Zwangsvorstellung/ gebe es keine Liebe und keine Arbeit. – – – Sagt, während er auf seine Stimme hört und darüber sinniert, dass die sich nicht vernehmen lässt, – und dass das ihn von den Irren unterscheide, – – der Dichter.

    @ Bersarin
    Das ist jetzt kurios, weil ich die Rezeptionstasachen verdrehe: Sie, Bersarin, haben Melle gelesen und einiges über ihn geschrieben. Ich habe das – und ein wenig sonst noch, über Melle, aber nichts von Melle gelesen.
    Mir hat etliches von dem, was Sie geschrieben haben eingeleuchtet, und dass Ihre Bmerkungen mit der Zeit immer ungeduldiger und unduldsamer gegenüber Ihrer zurückliegenden Lektüre klang, macht die Sache nochmal anders interessant. Sie treten langsam aus dem Bann der Lektüre heraus und werden wieder Sie selbst.

    Was das alles in Ihnen auslöst lässt mich vermuten, dass die Lektüre beeindruckend war. Also keine blosse Zumutung. Ich würde sogar soweit gehen zu sagen, Sie waren danach ein wenig dezentriert, oder gereizt, beunruhigt, vielleicht erschrocken. Auch das spricht f ü r das Buch.

    Was ich meinte, als ich von der anderen Weltsicht sprach, betrifft die Tatsache, dass mit Melles jemand schreibt, der offenbar zeitweise zumindest schwer psychisch krank ist – oder war.

    Das ist nicht so häufig und schon als Dokument wertvoll.

    In der bildenden Kunst sind die Übergänge womöglich noch fliessender – und auch ästhetisch nicht so deutlich markiert. Am markantesten ist noch der Übergang zum Ornamentalen. Was die Fotographie betrifft, so kenne ich ein paar Sachen von Psychisch schwer Kranken. Sehr vieles ist extrem repetitiv – aber dann, aber dann – man muss nur in sein Archiv gucken – – –
    Diane Arbus wurde kürzlich posthum von ihrem Psychiater als schwer gestört goutet. Der US-Kunstbetrieb hat reagiert wie immer: A(hh), was für ein Schwein, aber B(hhh) – wie interessant!

    Dass literarische Äußerungen immer eine soziale Seite haben, ist nicht anders zu haben. Literatur schreiben heißt in einen Überlieferungszusammenhang eintreten. nach wie vor – und immer weiter fort.

    1 Marginalie: Die Aussage „lesen Sie XXX“ setzt eigentlich voraus, dass man wisse, was das Gegenüber gelesen habe – und was nicht, wie ich meine.

  17. Bersarin schreibt:

    @ Dieter Kief: Nein, mich hat am Ende dieses Buch von Melle lediglich geärgert. Mehr nicht. Ich hatte eigentlich vorgehabt, bis zur Hälfte zu lesen, abzubrechen und dann eine Rezension zu schreiben. Aber ich dachte mir, es wäre ungerecht. Wenn nämlich der beste Teil erst zum Schluß kommt, was dann? Wie im „Zauberberg“ oder im „Doktor Faustus“ oder bei Proust oder um ein autobiographisches Werk zu nehmen, wie bei „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ von de Waal. Also las ich weiter. Leider. Gut, zum Schluß bekundet Melle, daß ihm seine Bücher fehlen. Ja, interessant.

    Kleiner Nachtrag: ich schreibe und schrieb nirgends: „Lesen Sie!“ Sowas kommt mir nicht in den Sinn, weil es anmaßend ist. Aber ich spreche von Büchern, die ich gelesen habe und ziehe diese Werke im weiten Kanon oder, um es nicht zu werten, im Feld der Literatur heran, um zu zeigen, wie es vom Gemachtsein her auch geht. Ohne dabei freilich die Individualität und die Besonderheit eines Kunstwerkes nun am anderen zu reiben und zu proklamieren: Einzig so macht man es! Nein, so macht MAN oder Künstler es nicht. Es gibt keinen alleinseligmachenden Weg in der Kunst. Aber so hat es bei Halfon und hat es bei Frisch und Handke funktioniert.

    Ich denke, ich werde deshalb immer ungeduldiger, weil das Buch so langweilig war und ich nun mit Langweiligem meine Zeit verbringen muß, um über Langweiliges nachzudenken. Mag sein – vielleicht ist es ein konzeptueller Trick Melles dieses Kreisen in sich, in einer endlosen Dauermonologszenenwiederholungsschleife, als Wesen der Manie und auch der Depression anschaulich zu machen. Aber auch dann handelt es sich um Literatur. Die wesentlich mit dem Begriff der Mimesis arbeitet.

  18. Dieter Kief schreibt:

    Nochmal – alles, was ich sagte, beruht eigentlich auf einer falschen Voraussetzung. Sie haben Melle gelesen, nicht ich.
    Sie sind dann aber hie und da auch nicht schlecht, muss ich sagen: Sie bestreiten Dinge geschrieben zu haben, die Sie geschrieben haben: „Lesen Sie Rainald Goetz und da finden Sie das alles schon vor.“ – Das stammt allem Anschein nach haargenau von Ihnen.
    – Um hier einen meiner Schweizer Scherze anzubringen: Güezi Türken!

    Und ums nochmal summarisch zu versuchen: Ich finde in Ihrem Artikel und in einigen der blog-Beiträge seien interessante Dinge zur Sprache gekommen. Ihre Verärgerung über Melle macht mir gar nicht soviel aus.

    Dann will ich noch einen Fahrrad-Gedanken zu ihrer Melle-Rezension von heute Mittag notieren: Man kann durchaus über Bücher schreiben, die man nicht ganz gelesen hat, aber, so dachte ich weiter, mit dieser Zusatzregel: Man s o l l dann angeben, wieviel Prozent des Textes es waren, die man tatsächlich las.

  19. bersarin schreibt:

    Nein, nein so meinte ich es nicht mit dem Goetz-Satz. Das war von mir mißverständlich gesagt. Es sollte eher heißen: Sehen Sie, so steht es bei Goetz geschrieben. Das war die Denotation. Hätte ich anders schreiben müssen.

    Nein, für eine Rezension muß man ein Buch nicht ganz gelesen haben. Beim Rutschky habe ich es ja auch so gemacht. In der Tat soll man das dann aber angeben. Ich hatte auch meine Melle-Rezension schon nach der Hälfte vorbereitet gehabt. Mußte eigentlich nur wenig ändern.

    Und zum Schluß: Auch Sie mögen es doch, wenn ich zornig bin. Ein zorniger Mann in den besten Jahren sieht rot. (Aber bitte nicht rot/grün oder in Berlin r2g)

  20. Dieter Kief schreibt:

    Ich wandle weiter auf Hippie-Pfoten: Ihre Verärgerung über Melle macht mir nicht soviel aus. Und jetzt stur insistierend wieter: Ich fand, ihr Ärger habe eine produktive Seite gehabt.
    – Tätig sein – dit isse emt – – 1 x Goethe – immer Goethe…
    Goetz ruht.
    Apropos: Wg. Rutschky zogen Sie ja eine Vervollständigung in Betracht.
    Besprechung aufgrund unvollständiger Lektüre war auch kürzlich im Literaturclub von Phillip Tingler in Sachen Kracht. Wie sich rausstellte, war seine Position in der Diskussion mit Gegenübers,die das ganze Buch gelesen haben aber tricky. Er hat das nicht ganz gepackt, weil er nicht realisiert hat, inwiefern er sich durch sein Lektüreverhalten eingeschnürt hatte, was Urteile angeht, die das ganze Buch betreffen. Aber ok, das sind Weiterungen.

  21. bersarin schreibt:

    Ach, ich Armer, mir wächst die Arbeit über den Kopf. Nun noch Rutschky.

    Auf Goethe kann man sich einigen.

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