Wiener Blut – keine aktionistische Komödie, aber ein Mysterienspiel

Ich lungerte gestern nacht – ebenso wie Foucault seinerzeit – in jenen Darkrooms herum. Ich suchte und trieb meine Begrifflichkeiten durch Suchmaschinen. Ich habe dabei ein schönes Buch entdeckt und sofort erstanden, ein kleiner Zufallsfund beim Recherchieren zu Hegel: „Nervenkunst: Literatur und Psychoanalyse im Wien der Jahrhundertwende“, von Michael Worbs. Paßt, dachte ich mir, paßt wunderbar.

Städte. Denke ich an Wien und sehe die Bilder, will ich da immer wieder hin. Merkwürdig, wie manche Städte in Bann ziehen und andere am Arsch vorbeigehen. Ganz sicher liegt meine Liebe zu Wien darin, daß diese Stadt meiner Lebensform nahekommt. Gute Weine, herrliches Essen, vom Tafelspitz bis zum Gulasch, süße Mehlspeisen, Kaffeehäuser, in denen unaufgeregt gesessen und Kuchen gegessen wird. Oder wie es Alfred Polgar schrieb: „Im Kaffeehaus sitzen Leute, die allein sein wollen, aber dazu Gesellschaft brauchen.“ Es ist ein morbider Charme in den Bezirken, selbst noch dort, wo es geleckt wirkt wie im 1. Bezirk innerhalb des Rings. Die unendliche Ruhe des 3. Bezirks, da wo Ingeborg Bachmann wohnte und Karl Kraus mit seiner Fackel leuchtete, und vom Kahlenberg einen Blick auf die Stadt zu werfen ist herrlich, um dann beim Gang hinab in eine der Heurigenwirtschaften in Grinzing einzukehren. Selbst das Touristische in Wien ist schön und bei der Rückfahrt, kurz bevor ich in die U-Bahn steige noch durch die Karl-Marx-Höfe zu spazieren. Die Stadt Freuds natürlich, was den Besucher einladen sollte, sich auch mit seinen eigenen Ticks zu befassen. Und natürlich ist es die Stadt für den Voyeur, der gerne betrachtet, aber nicht agiert, überall die Frauen: die Wienerinnen sind Schönheiten, sie besitzen einen herben Charme, und sie sind von den Frauen die erhabensten aller Hysterikerinnen. (Um einen kleinen Lacan-Zizek-Scherz zu wagen.)

Schöne Wienphotographien gibt es heute auch: vom letzten Sommerferientag. Allerdings im Jahr 2014. Wien – eine Stadt, wo man nie weiß, ob das da an der Mauer Kunst ist oder nur eine Schliere des Alltags.

2 Gedanken zu „Wiener Blut – keine aktionistische Komödie, aber ein Mysterienspiel

  1. Tu mir nicht dieses Danke, dieser Bildlichkeit, nicht dieses Panoptikum.

    von Pausenzeit. nur so zu zwischendurch kurz lang, gern gesehen, Danke!

  2. @ JG Vielen Dank.

    @ Uwe: Du bist einer der wenigen, die tatsächlich meine Bildserien und die darin enthaltenen Geschichten begreifen und verstehen. Feine Deutung und genial der Bezug zu den Modells in Blow up und den Bildern. Ich hoffte, es bekommt keiner heraus. (Mein verborgenes Begehren.) Die Ausstellung war natürlich großartig. Überhaupt, das Flanieren und Photographieren in Wien macht einen solch großen Spaß!

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