Frankfurt, du häßliche Schöne

So fängt Lyrik an. Es ist Buchmesse, es ist alles gut, wie es ist. Ich bin nicht da, sondern hier, von wo ich lachend nach Frankfurt blicke. Letztes Jahr war ich dort. Ich habe mich immer noch nicht von der Zugverspätung erholt. Mein Grandhotel Abgrund, das ich inzwischen mit Kork ausgekleidet habe, um dem Lärm und dem Tagestreiben der Außenwelt zu entgehen, bietet mir jedoch Ruhe und Komfort. Meine letzte Erkältung fing ich mir in Frankfurt ein, seitdem hatte ich keine mehr. In den Messehallen ist es meist warm, aber oft dringt Zug ein und in Frankfurt ist es im Oktober kühl. Ich stehe am Stand, ein Hauch Kühle oder Viren zirkulieren im Luftstrom (Luststrom hätte ich fast getippt) und der Infekt ist da. Der Hauptbahnhof und seine Umgebung sind ein Alptraum, ich mag so etwas nicht sehen, außer wenn ich die ausgewählt öden Orte photographiere. Ich könnte auf der Messe sicherlich nette Menschen treffen. Literaturblogger/innen/kollegen. Aber zugleich haben diese Messen etwas Brancheninzestuöses. Und im Grunde ist es doch so: Wer nicht muß, der fährt nicht freiwillig auf eine Messe. Andererseits sind die Messepartys eine feine Sache und auch der Alkohol, der zum Abschluß an den Ständen ausgeschenkt wird. Wiewohl der oft Anlaß für Kopfschmerz sein kann.

Die Literatur-Aufreger kommen und verflüchtigen sich wieder. So schnell wie die Mode wechselt. Bob Dylan – dieser Preis ist eine Variante des Stockholm-Syndroms. Diesmal im Feld der Literatur. Der Betrieb identifiziert sich mit dem Aggressor Pop. Aber Bob Dylan antwortet nicht, geht nicht ans Telephon. Ich habe nicht Bodo Kirchhof gelesen, und ich weiß nicht recht, ob mich diese Novelle wirklich interessiert. Trotz einer, wie gesagt wird, herausragenden Sprache, hört sich die Geschichte altbacken an. „Widerfahrnis“ jedoch ist ein schöner Titel, er klingt fein, nach Schicksal, nach einer großen Sache, aber die Figurenkonstellation liest sich simpel. Ein biederer Ton hallt nach. Andererseits ist es mir zu billig, wenn das von solchen Leuten kritisiert wird, die aus ihrer Berliner Blasenwelt gerade mal herauskommen, wenn sie ins Umland reisen oder wenn das Schriftsteller kritisieren, deren Figuren sich in einem doch überschaubaren, stereotypen Kosmos bewegen. Die Figurenkonstellationen von Jochen Distelmeyer oder Judith Herrmann sind nun auch nicht weltbewegend, und die Besitzerin eines Hutgeschäftes und ein Verleger alten Schlages, sagen wir mal vom Typ Martin Mosebach, werden diese Berlin-Typen, diese zur Entscheidung unfähigen Mittdreißiger ebenfalls als Klischees erscheinen.

Egal wie, dieses Jahr keine Buchmesse. Lieber woanders zu spazieren. Im schönen Herbst.

Der Fliegende Robert

Eskapismus, ruft ihr mir zu,
vorwurfsvoll.
Was denn sonst, antworte ich,
bei diesem Sauwetter! –,
spanne den Regenschirm auf
und erhebe mich in die Lüfte.
Von euch aus gesehen,
werde ich immer kleiner und kleiner,
bis ich verschwunden bin.
Ich hinterlasse nichts weiter
als eine Legende,
mit der ihr Neidhammel,
wenn es draußen stürmt,
euern Kindern in den Ohren liegt,
damit sie euch nicht davonfliegen.
(Hans Magnus Enzensberger)

Ich denke, man muß gegen die Instanzen arbeiten und vor allem: Aus der Adlerperspektive schauen. Deterritorialisierung, wie Gille Deleuze und Felix Guatari in ihrem Kafka-Buch schreiben. Nein, ich bleibe.

 

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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4 Antworten zu Frankfurt, du häßliche Schöne

  1. Herr Hund schreibt:

    Wenn es eine Perspektive ist und es ist die eigene, dann ist’s gut, Adler oder Wurm, egal.
    Der schönste Satz „Lieber woanders zu spazieren“…man muss ja doch, wenn auch nur zeitweilig, zurück.
    Freundlichst Herr Hund

  2. Bersarin schreibt:

    Es ist – natürlich -, es ist nur die eigenen Perspektive. (Irgendwann werde ich gewiß wieder zur Buchmesse müssen und auch wollen.) Und was den Adler betrifft oder allgemeiner, das Fliegen, so steht der Bezug auch eher zum fliegenden Robert. Sei es im Struwwelpeter, sei es bei Enzensberger.

  3. ziggev schreibt:

    aber halt, nur ganz kurz, stop! Die Nachricht von Bob Dylan ging sofort innerhalb ´ner 3/4 Stunde in meinen Kreisen – naturgemäß kommentarlos – rum. Na gut, ich bekam zufällig gleichzeitig den Anruf. Aber wenn Du, also der Anrufer, Ende Juni anfang der Woche aus lauter Anhänglichkeit (und meine Bitte) anfängst, alle, ich sage alle, Strophen von Like a Rolling Stone auswendig zu lernen, nur um das Lied vollständig u. umsonst (außer Freibier) in einem Peace-Konzert vor lauter Punks und krass Unterprivilegierten am WE aber bei Sonnenschein vorzutragen, und dann noch ein älteres Semester sagt, ich habe den ja schon einige (!) Male gesehen, aber als ich mal kurz die Augen zumachte, also das klang eigentlich, also, das war schon eigentlich wie, tscha, das Original, … dann siehst Du das etwas anders ;-) (heute ist mal ein Emicon erlaubt). tradierte Liedtradition.

    (habe übrigens soeben versucht, mir selbst das Enzensberger-Gedicht erstmals im rotzigen Protest-Ton vorzutragen. Hat ganz gut funktioniert.)

  4. Bersarin schreibt:

    Schöne Episode, ziggev. Ich habe auch gar nichts gegen Bob Dylan. Ich frage mich nur, ob diese Wahl die richtige ist. Aber da Dylan nicht ans Telephon geht, wird die Sache spannend.

    Natürlich, absolut richtig aufgefaßt, diesen Text von Enzensberger. Genau in diesem Ton vortragen. Es war der fliegende Robert als Kind schon meine Lieblingsfigur im Struwwelpeter. Und die beiden Katzen Minz und Maunz.

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