Mein Plädoyer für Helene Fischer und eine Tonspur zum Nobelpreis für Literatur

Lyrik unter modernen Bedingungen hat sich dem Pop anverwandt. Wir sehen das an Helene Fischer, die eine seit Jahren für den Literaturnobelpreis heiß gehandelte Kandidatin ist. Man nehme ihr Gedicht „Atemlos“, das in einer interpretatorischen Parataxe bereits vom Titel her nicht nur als Anspielung, sondern als Reaktion auf Paul Celans Gedicht „Atemwende“ hermeneutisch deutbar ist. Nicht mehr jene als Metanoia konzipierte Wende, nach dem Zivilisationsbruch bildet den Gehalt des Gedichtes, sondern das Los des Atems weist nachgerade generalisierend auf den flatus vocis neuzeitlichen Nominalismus in der europäischen Lyrik. Paradigmatisch verdichten sich hier Metaphernstrukturen hyperbolischer Sensitivität mit der klandestinen Aversion gegen das Paradigma lyrischer Identität, um in einer Geste der Verkehrung in der Coda doch die Vermittlung des Mittleren zu zelebrieren. Das Pneuma, der Hauch, gar das, was wir abendländisch als den Spiritus reminiszieren, liquidiert die Opazität des Subjekts, und in der Formatierung aushebelnder Nachtgänge des postmodernen Anopheles – Nachtgänge, die sich insbesondere im Plural der Loki zeigen („die Straßen“ und „die Clubs“) – begegnen wir der schizoiden Figur einer radialen diakritischen Existenz urbaner Delimitierung, so daß sich bereits in dieser ersten Strophe mit einigem Fug von einer Deleuzschen Rhizomisierung lyrischer Subjektivität sprechen läßt.

„Wir zieh’n durch die Straßen und die Clubs dieser Stadt,
Das ist unsre‘ Nacht, wie für uns beide gemacht, oho oho
Ich schließe meine Augen, lösche jedes Tabu
Küsse auf der Haut, so wie ein Liebes-Tattoo, oho, oho.
Was das zwischen uns auch ist, Bilder die man nie vergisst
Und dein Blick hat mir gezeigt, das ist unsre‘ Zeit“

Aber nicht nur das: Die Iteration des o im oho oho, das lyrische Wir, das auf ein Du und ein Ich weist, ist in der zweiten Verszeile bereits deiktisches Zeichen auflösender Individualsubjektiviät und in diesem Nexus temporär bereits Teil einer kommunikativen Schichtung pluralindivudualer Ich-Diffusion. Trotz des Fehlens lunarischer Zeichen im Text schreibt sich in diese Dichtung eine Hymnus an die Nacht ein, in Novalisʼ Geist und aus Liebe geschweißt: die Partei, die Partei sind wir zwei. Miasmen anderer Existenz. Kommunikation als Sentenz lyrischer Dualität, bedichtet von einem Ich, das sich jenseits der normativen Ordnung stellt, worauf bereits einige Zeilen weiter das Liebes-Tattoo weist, das als Destruktion performativer Bürgerlichkeit die Ordnung der Dinge kontaminiert und als Zeichen auf der Haut zugleich Dinghaftes wie auch Strafformen dupliziert, was als Akt subversiver Transgression zu lesen ist. Doch zugleich kommt im „wie ein“ der simulatorische und vielleicht sogar halluzinatorische Aspekt dieser Szene ins Rezeptionsbewußtsein.

Dabei ist der iterative Aspekt des oho, oho, das zunächst als dyadische Spiegelung semantisch nur schwach verbürgter Konsenshaltigkeit steht und den abendländischen Liebesdiskurs als restringierten Code unerfüllten Begehrens im Lacanschen Sinne konterkariert, gleichzeitig Propusk augenblickshaften Präsentismus, doch in dieser Form nicht identisch-reflexhaft ausgebildet, wie wir im Fortgang sehen, sondern als Dissoziation semantischer Univozität konzipiert, denn es zerfasert der nunc stans, der sich anfangs in der Eiform des Os darstellt und als circulus unverbrüchlicher Icheinheit fungiert, im melodischen Fließen. Das Melisma des O wird lediglich pneumatisch durch das aspirierende h interruptiert. Dabei wirkt jenes gedehnte oho oho in dieser zusammenziehenden Komplexion in der Performanz zugleich als pausa minor. Während in den Metaphern „unsere Nacht“ sowie „schließe meine Augen“ „Bilder“, „Blick“ sich die Latenz subjektiven Begehrens in den Habitus synchroner Sexualität überführt, müssen wir jene profane Interjektion ebenso als orale Perforation, wenn nicht Defloration stringenter Lustannihilation begreift, in der die Expropriation sentenzhafter Weiblichkeit im Fortschreiben auch von Julia Kristevas symbolischer Heterotopie ihren Ort hat. Im oho oho bewahren Signifikat und Signifikant mittels bruchhafter Interjektion einerseits ihre Differenz, um dann jedoch als jubilatorische Echolalie lautlicher Identitätserfahrung in die personale Einheit zu taxieren oder diese zumindest reflexhaft zu antizipieren.

In dieser Multivalenz dinglicher Augenblickshaftigkeit drängt sich, neben der Anakreontik postbürgerlicher Lebensformen, ebenso Baudelaires Gedicht „A une passante“ aus den „Fleurs du Mal“ auf, eine Sonett-Dichtung, bei der wir als Metaphrase den ins Deutsch übersetzten Text von Friedhelm Kemp heranziehen wollen, um hier in Parallelführung die Zeitlichkeit diachronischer Augenblickshaftigkeit ins Auge zu fassen.

 „Ein Blitz … und dann die Nacht! Flüchtige Schönheit, von deren Blick ich plötzlich neu geboren war, soll ich dich in der Ewigkeit erst wiedersehen.“ (Baudelaire)

Wir sehen, was bei Baudelaire als radikale Individuation dichterischer Subjektivität im Kontext der Moderne diabolisch-urbaner Räume konstatiert wird, kann bei Helene Fischer im Akt lustvoller Freisetzung unter Brechung orthodoxer Ordo als Einholung kommunikativer Lebenswelt im vollumfänglich habermaschen Sinne verstanden werden. Im Liebesakt synthetisiert sich als Passion das rhizomatische Wuchern zur profanen unio mystica. Heteronormative wie auch homonormativer Praktik kommen im Gesang zum Einklang.

Komm wir steigen auf das höchste Dach dieser Welt
Halten einfach fest was uns zusammen hält, oho, oho
Bist du richtig süchtig, Haut an Haut ganz berauscht,
Fall in meine Arme und der Fallschirm geht auf, oho, oho.
Alles was ich will, ist da, große Freiheit pur, ganz nah,
Nein wir wollen hier nicht weg
Alles ist perfekt

Wie nur wenige Lyrikerinnen drückt Helene Fischer das postmoderne Gefühl eines lebensbejahenden, fröhlichen Urbanismus aus. Text und Kontext zirkulieren in der unendlichen Reflexion lyrischer Ichhaltigkeit sowie liebenden Begehrens im status nascendi keimender Lustaggregation. Eine faustische Feier des Moments in schwindelnder Höhe, der qua der Metapher des höchsten Dachs dieser Welt noch die Region Tibet und damit die Spiritualität des Dalai Lama inkludiert, zu schön, um weiterzueilen, geeignet zum Verweilen, in die reine Affirmation des Daseins mündend, wie es nur in den luzidestens Momenten anwesenden Seins sich entfaltet, das einzig in der Lyrik sein letztes und stiftendes Wort haben kann. Seyn ist Sexus. La beauté est une promesse de bonheur.

 

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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10 Antworten zu Mein Plädoyer für Helene Fischer und eine Tonspur zum Nobelpreis für Literatur

  1. Marion schreibt:

    Ich danke für die brillante und sehr unterhaltsame Analyse dieses Stücks moderner Lyrik, das sich mir bisher verschlossen hatte.
    Ich danke nicht für den Ohrwurm, der den Rest des Abends bleiben wird.

  2. hANNES wURST schreibt:

    Trotz glühender Dylan-Verehrung schließe ich mich Ihrem Aufruf an. Aber nicht wegen des ganzen komplizierten Zeugs das sie da schreiben, sondern einfach weil die Texte deutsch sind, wie es sich gehört.

  3. Bersarin schreibt:

    @ Marion: Gerne, gerne. Letzteres ahnte ich allerdings, aber das war als Effekt mit eingeplant. Denn weshalb sollte es mir besser als meinen Leserinnen und Lesern gehen?

    @ Hanneswurst: Auch ich bin ein großer und glühender Verehrer von Bob Dylan.

  4. Bersarin schreibt:

    Und das lese ich gerade im Internet, auf Fb:

    „Ich bin ein Dylan-Fan, aber dies ist eine schlecht ausgedachter Nostalgiepreis, der aus den ranzigen Prostatas von senilen, schnatternden Hippies hervorgedrungen wurde“ (Irvine Welsh).

    Es trifft der Satz in etwa meine Ansicht.

  5. Partyschreck schreibt:

    Ich bin erschüttert festzustellen, welch geistreiche Doppelbödigkeit und anspielungsreiche Lyrik mir innerhalb Frau Fischers Werk bislang verborgen geblieben war… Vielen Dank für die wunderbar erhellende Abhandlung, lieber Bersarin.
    Die Kritik an der Dylan-Preisvergabe ist natürlich äußerst nachvollziehbar, aber ich muss zugeben, dass ich mich doch gefreut habe, dass so zumindest wieder einmal ein weiser Zeitgenosse wie Herr Dylan auf diesem Wege Erwähnung in unserer Presselandschaft gefunden hat, in welcher man dieser Tage ansonsten so vollumfänglich zugemüllt wird mit dreckigen Sexskandalen und schmutzigen Unterhosenstories, die sich aktuell schauerlicher Weise zukünftige Amerikanische Präsidenten um die Ohren hauen!
    Nachdem ich mir zu nachtschlafender Zeit das zweite Präsidenten-Fernsehduell live angetan hatte, fühle ich mich leider bis zum heutigen Tage regelrecht beschmutzt – Aus diesem Grunde kann Herr Dylan für mein Dafürhalten sogar liebend gerne gleich Amerikanischer Präsident werden – Meinen Segen hätte er in Anbetracht des grauenhaften Trump-Clinton-Dillemas.
    Die Welt braucht gerade mehr Bob Dylans denn je!

  6. hANNES wURST schreibt:

    Ich bin übrigens gespannt, ob Dylan die Trophäe persönlich in Empfang nehmen wird. Houellebecq wird zum Trost übrigens in die Rock & Roll Hall of Fame aufgenommen. Calmund erhält einen Oskar für sein Lebenswerk.

  7. Bersarin schreibt:

    @ Partyschreck: Ob Dylan Weise ist, weiß ich nicht – er ist Musiker. Ich muß allerdings zugeben, daß ich dreckige Sexskandale bei anderen ziemlich prickelnd finde. Mich amüsieren die USA.

    @Hanneswurst: Ich glaube schon. Das läßt sich keiner entgehen. Sie doch auch nicht! (Aber Sie sind nicht Dylan?! Oder?)

  8. che2001 schreibt:

    Es ist der unerschüttlerliche Schaffensdrang, dem wir die verwegene Stunde danken. Amanuläre Paritäten liften die entiklasmatischen Retikulen, und subtrahell erstrahlen die intravertebralen subsmegmatischen Harikafulas. Oder wie schon Adorno zu Thomas Mann sagte: „ja ja, die Musik.“

  9. Bersarin schreibt:

    Schön geschrieben von Dir, schön gesagt von Adorno.

  10. madge1946 schreibt:

    Super – eine atemlose Freude.

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