Auf den Gipfeln der Verzweiflung: Curzio Malapartes Komik

curzio_malaparteEine der wenigen – zunächst – komischen Passagen – es finden sich in seinem düsteren Roman „Die Haut“ kaum Stellen, die Lachen lassen, allenfalls ein bitteres, galliges, schwarzes Lachen, das der Verzweiflung geschuldet ist – möchte ich hier zitieren. Sowieso sei dieser Roman als basso continuo allen empfohlen, die Elena Ferrantes „Meine geniale Freundin“ lesen wollen. Es scheint mir dieses Buch als ein geeignetes Vorspiel. Der Leser übt sich mit Malaparte ins Grauen ein; in die mal mehr, mal weniger subtile Gewalt. Körper geschunden, wie in Dantes Hölle. Das ist die Hintergrundfolie: Neapel, Neapel nach dem Krieg, nach der Befreiung durch die US-Army 1944. Diese eigentümliche Stadt mit dem Vesuv im Nacken ist von der Pest befallen, aber es ist diese Pest eben eine Metapher. Ein düsteres Gemälde dieser Befreiung und der Menschen zeichnet Curzio Malaparte uns. Schwarz und vom Autorennamen her ist es Omen: der schlechte Teil. Von keimender Hoffnung und einem heraufziehenden Frühling nach der Befreiung vom Mussolini-Faschismus ist wenig zu spüren. Dunkel und bitter der Ton, denn Malaparte gibt sich nicht der Hoffnung hin. Einzig einige US-Amerikaner des Offizierscorps, mit ihrem angenehmen Wesen, ihrer Leichtigkeit, stechen heraus. Sieger und Besiegte aber sich gleichermaßen Verlorene. In diesem Roman „Die Haut“ finden sich Szenen wie aus Dantes Inferno. Voll von böser Trauer, von bitterem Zorn. Eine Literatur der Verzweiflung nach jenem ungeheuren Zivilisationsbruch, auf den dieser Roman deutet. Hier also eine der wenigen satirischen Passagen, dieses unbedingt lesenswerten Romans, als die 5. US-Army unter General Cork (eigentlich General Clark) im Juni 1944 sich Rom nähert.

„Während die GIs und die Volksmenge sich mit lautem Jubel umarmten und ein unbeschreibliches Getümmel verursachten, winkte mich General Cork, der bei diesem ganzen Durcheinander sich nicht aus seinem Jeep gerührt hatte, zu sich heran und fragte mich leise, ob es wahr sei, daß der heilige Petrus gerade hier an dieser Stelle Christus begegnet sei

‚Weshalb sollte das nicht wahr sein?‘ antwortete ich, ‚in Rom sind Wunder die natürlichste Sache der Welt.‘

‚Nuts!‘ entschied General Cork. Und nach kurzem Schweigen bat er mich, ihm in allen Einzelheiten zu berichten, wie sich das zugetragen habe. Ich erzählte ihm vom heiligen Petrus, von seiner Begegnung mit Jesus Christus, von der Frage des Petrus: ‚Quo vadis, domine? Wohin gehst du, Herr?‘, und General Cork schien mir sehr angetan von dieser Erzählung, besonders von den Worten des heiligen Petrus.

‚Sind Sie wirklich sicher‘, fragte er mich, ‚daß Sankt Petrus den Herrn gefragt hat, wohin er gehe?‘

‚Was sollte er ihn sonst fragen? Was hätten Sie anstelle des heiligen Petrus denn Jesus gefragt?‘

‚Natürlich‘, antwortete General Cork, ‚ich hätte ihn auch gefragt, wohin er geht.‘ Und er schwieg. Dann den Kopf schüttelnd, sagte er: ‚Das also ist Rom!‘ Und weiter sagte er nichts.“

Wobei auch in dieser Passage am Schluß das Lachen wieder versetzt wird mit dem Schuß Bitternis. Einem Lachen, wie wir es ebenfalls bei Beckett finden.

Quelle Photographie: Wikipedie, CC-Lizenz

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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2 Antworten zu Auf den Gipfeln der Verzweiflung: Curzio Malapartes Komik

  1. Ich kennen nichts von diesem Autor, aber ich war mal auf der Insel Capri und bin da an dem haus vorbei gekommen , dass er sich dort gebaut hat, das „Haus wie ich“: https://de.wikipedia.org/wiki/Villa_Malaparte

    Schon eindrucksvoll, und fantastisch gelegen.

  2. Bersarin schreibt:

    Ja, gute Lage, phantastische Architekut, zudem diente das Haus als Kulisse in Godards „Le Mépris“, mit Brigitte Bardot, Michel Piccoli,Fritz Lang, Jack Palance. Wunderbare Szene, als die Odysse dort filmisch nachgestellt wird und der Blick aufs Meer schweift.

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