Der Fall Ferrante oder Neapel ist ein Text

Die Instanz des Autors ist wesentlicher Teil des Literaturbetriebs – Foucault deklinierte dies in seinem Essay zum Autor durch –, und es gehört zur Literatur das Authentische des Textes wie’s Täßlein Espresso zum Bücherphoto auf Blogs mit dazu. Gerade in der Prosa, die dem Prinzip des Realismus folgt, erwarten viele Leser, daß es sich doch irgendwie so zugetragen haben müsse. (Die böse Zunge des Avantgardisten könnte hier feixen: „Das habt ihr realistischen Erzähler nun davon!“) Schon Platon wußte im „Staat“ und ahnte: Die Dichter lügen. Weshalb er die nachahmende Dichtkunst ablehnte und mit ihr kurzerhand die Dichter aus dem Staatswesen verbannte oder ihnen zumindest einen Platz am Katzentisch reservierte –  knapp hinter der Galeerenbank.

Nun also auch hier im Blog, der Fall Ferrante. Wenn das jedoch, was der Journalist Claudio Gatti in der SZ in einem Interview behauptet, tatsächlich der Fall ist, dann scheinen die Enthüllungen Gattis über die Person hinter Elena Ferrante in einem anderen Licht. Was zunächst in der Literaturszene einigen Ärger und sogar Wut auslösten, könnte einige Berechtigung haben:

Claudio Gatti: Die allererste Person, die Elena Ferrantes Privatsphäre verletzt hat, war Elena Ferrante selbst. Sie schrieb das Buch, das in diesem November mit dem Titel ‚Fragments‘ in den USA erscheint. Es enthält Interviews mit ihr und einen vermeintlich autobiografischen Essay: dass sie die Tochter eines Schneiders ist und drei Geschwister hat, dass sie ihre Jugend in Neapel verbrachte, dass sie den lokalen Dialekt gesprochen hat und Ähnliches. Nichts davon ist wahr. Man kann nicht absoluten Schutz der eigenen Privatsphäre verlangen und zugleich mit Falschinformationen Spekulationen über die eigene Biografie Nahrung geben.“

Sofern Ferrante den Modus Biographie umpflügt und das, was zunächst als Faktum auftritt, literarisch fiktionalisiert, indem sie eine neue Form der Biographie erfindet, die spielerisch, sozusagen als Literatur, ein Leben konstruiert, ist alles das kein Problem. Sowas trägt jedoch in der Regel die Gattungsbezeichnung Roman. Wenn es aber so ist, wie Gatti schreibt, daß Ferrante ein Leben fingiert, scheint das, was er als Journalist tat, berechtigt und die anfängliche Aufregung von Feuilleton und Lesern hat etwas Problematisches. Jeder hat zwar das Recht, anonym zu leben und kein Schriftsteller muß sich ans Kreuz der Identität nageln lassen. Wer, wie Thomas Pynchon, sich auf keiner Bühne spreizt und nichts über sich preisgibt, muß unbehelligt bleiben dürfen. Auch wer als Autor behauptet, er sei aus Prag und kommt aber in Wahrheit aus Karlsbad, hat ein Recht dazu, sich zu maskieren. Problematisch ist es aber (Postmoderne hin, Postmoderne her), wenn solcher Autor eine Biographie schreibt, in der er das, was er erfunden hat, als wahr behauptet. Wie etwa Bruno Dössekker as known as Binjamin Wilkomirski. Der umgekehrte Fall sozusagen: wo eine Fiktion als Realität behauptet wurde. Wer schon in dieser Weise vortäuscht, muß es besser machen als im Falle Wilkomirski/Dösseker. Niemand, der als Ich-Erzähler sich als Jude beschreibt, muß als reale Person Jude sein und er kann als Autor gerne sagen „Call me Ishmael Scholem!“, solange er nicht in Talkshows auftritt und Behauptungen aufstellt.

Dieses Spiel mit den Ebenen Realität/Fiktion reicht weit über jenes Konzept der Metafiktionalität hinaus, das ja beileibe keine postmoderne Erfindung ist, sondern seit Beginn des Romans, mit dem Don Quichote, zur Literatur gehört. Das Spiel mit dem Leser, dem Autor, dem Romanpersonal, das ein literarisches Feld eigener Art konstituiert: Vom Leser, über den Dichter, bis hin zum hermeneutischen oder dekonstruktiven Dechiffrierer oder dem Universitätspersonal. Auch bei Jean Paul finden wir dieses Spiel der Ich-Identität. Und flugs ist man in diesem Falle, was die deutsche Literatur der Gegenwart anbelangt, bei der Prosa von Aléa Torik oder bei Juli Zehs neuem Roman „Unterleuten“. Nur: deren Bücher sind eben keine Biographien, wie auch Elena Ferrantes „Meine geniale Freundin“ Literatur und damit zunächst eine Fiktion ist, egal wieviel Realität in den Geschichten steckt. Literatur mag aus der Realität borgen, soviel sie will. Das tat auch Thomas Mann und nach der Lektüre der „Buddenbrooks“ und des „Zauberbergs“ gab es Menschen, die erbost waren, weil sie sich gut und allzugut getroffen sahen.

Ein Text ist ästhetisch gelungen, in Stil und Sprache gekonnt und vielleicht sogar innovativ, wenn er es vermag, eine Realität sui generis zu schaffen. Der Text zeigt uns eine Welt, wie wir sie bisher nie sahen: Das ist – unter anderem – ein Kriterium für gelungene Literatur. Wer diese Prosa schrieb und was die Motive des Schreibers sind, ist zunächst akzidentiell. Was nicht bedeutet, wir müßten nichts über den Autor und seine Zeit wissen. Wer aber rein gar nichts von Kafka weiß und rein immanent liest, wird die Sprengkraft seiner Texte nur unzureichend wahrnehmen. Dennoch wird in einer klugen Hermeneutik und erst recht in einer subtilen Dekonstruktion des Textes die Person des Autors nur am Rande eine Rolle spielen. Der Autor ist, wie auch die Wirkung eines Textes auf den Leser, ein abgeleitetes Phänomen.

Die Sucht nach dem Biographischen ist problematisch – das zeigt auch der Fall Ferrante. Es handelt sich um das unendliche Spiel des Literaturzirkus: Die Gier des Publikums nach dem Autor als Autorität sowie die Sucht nach dem authentischen Text. Der Autor als Instanz. Abgesehen davon, daß der Begriff Authentizität ein Trug ist und Ideologie, weil er heute eher dem Vokabular des Neoliberalismus angehört, spielt es für einen gelungenen Text jedoch keinerlei Rolle, ob das Geschilderte persönlich gelebt oder persönlich und authentisch erfunden wurde. Zumal, so bei Ferrante keine Persönlichkeitsrechte verletzt wurden, wie in den Fällen Maxim Biller und Alban Nikolai Herbst – zumindest wenn man den Argumenten des Gerichts folgt.

Zu Anfang von Godards Le Mépris wird ein Satz des Filmtheoretiker André Bazin zitiert: „Das Kino schafft für unseren Blick eine Welt, die auf unser Begehren zugeschnitten ist.“ Und weiter hießt es dann im Film:  „Die Verachtung ist die Geschichte dieser Welt.“ Nicht viel anders ist es in der Literatur. Freilich schöpft die Literatur diese Welt mit anderen Mitteln. In beiden Fällen aber kommt es auf die Konsistenz dieser Welt an. Wie sie ästhetisch und in der Konstruktion gemacht ist, was in welcher Form erzählt wird.  Mag der Autor auch eine Instanz sein, die sich  doublierte und aufspaltet, so löst sich im Prozeß der Kunst diese Dyade doch wieder zu einer höheren Gestalt auf, und es wirkt und webt im Text, wie überhaupt im Kunstwerk jener unsichtbare Dritte. Texte verschwören sich sowohl gegen Autor wie auch Leser. Und im Falle Ferrantes bleiben ihre Romane. Egal welche gedoubelten Séancen wir ansonsten in den Boulevards beiwohnen.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
Dieser Beitrag wurde unter Literatur abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

25 Antworten zu Der Fall Ferrante oder Neapel ist ein Text

  1. Uwe schreibt:

    Mich würde interessieren, ob und wenn welche Parallelen oder Unterschiede Du zwischen Ferrantes autorfikionalen Strategien und dem „Fall“ Aléa Torik siehst?

    Ansonsten stimme ich Dir zu, dass biographische Fakten eines Autors kaum (oder gar nicht) von Belang sind, um zu ermessen, was ein Kunstwerk von ihm wert ist. Dieses allein zeugt für oder gegen sich, sonst nichts. Wo bliebe die Kategorie der Autonomie, wenn dem Werkstück biographische Umstände entweder als Bonus oder Malus zugeschrieben würden. Sie haben nur dann eine Relevanz, wenn sie durch die verwendeten künstlerischen Mittel getragen werden und im Werk – vermittelt durch die Form – zur Anschauung kommen.

    In Hermann Peter Piwitts „Notate(n) zur Nacht 1989 bis 2002“ las ich einmal: „Das Ideal wäre, sich jedem neuen Werk so zu nähern, als hätten wir von seinem Urheber noch nie gehört.“ Ein Ideal, von dem der Literaturbetriebszirkus jedoch weit entfernt ist und wahrscheinlich auch bleiben wird.

    Gruß, Uwe

  2. ziggev schreibt:

    kluge Analyse anhand unterschiedlicher Autoren des Spiels mit der Ich-Identität. Nur: der Ertrag an Erkenntnis scheint mir doch nicht sehr neu oder groß. Es ist, als versicherten wir uns andauernd der Tatsache, dass Autor und Erzähler nicht automatisch identisch sind (das sind exakt die 20 Min. Deutschunterricht im Gymnasium, in denen uns tatsächlich zu lernende Inhalte vermittelt wurden u. in denen ich zufällig aufpasste).

    Ich glaube – oder vermute – auch, dass jetzt hier theoretische Einlassungen, um Uwe zu entgegnen, dass die Kategorie der Autonomie „des Werks“ möglicherweise lediglich eine an eine solche künstlerische Hervorbringung, die wir „Werk“ zu nennen lieben, herangetragene Kategorie ist, in diesen Fällen weit über deren Relevanz – auch oder insonders in theoretischer Hinsicht – hinausschießen würden. (Nicht dass ich auf interessante Weise ein Kritik des Werkbegriffs zu leisten in der Lage wäre – 1925 hoffte Curtius noch, Proust würde sein „Werk“ doch noch zuende gebracht haben, heute wissen wir´s besser.)

    Andere (Verweise auf etwa R. Barthes oder den Strukturalismus können nur andere bringen und ihnen nachgehen) Gründe sind es, die mich veranlassen, zu bezweifeln, dass uns hier der Hinweis auf die Autonomie des Kunstwerkes als Kriterium für irgendeine Argumentation hilfreich sein könnte. Denn zumindest in den Fällen Alea Torik und Zeh haben wir es mit einer beabsichtigten, gezielten „Entautonomisierung“ des „Werkes“ zu tun. Die Rezeption des Organismus des „Literaturbetriebs“, den wir uns als ein Netzwerk von einer Vielzahl von Teilnehmern vorstellen müssen, im Gegensatz zu der des einsamen Lesers, sind antizipiert worden, auf eine Weise, dass diese Reaktionen – komme, was wolle – konstitutiv für diese „Werk“, oder sollen wir ein Wort erfinden wie „Werkereignis“?, sind, unvermeidlich sein werden. Aus meiner Sicht befinden wir uns in der Sphäre der Performance-Kunst, oder kurz, es handelt sich um einen billigen Trick. Es ist Cross-over. Schön und gut, und hier bin ich bei Hartmut Finkeldey, dann aber mit „Intertextualität“ oder dergl. zu kommen, ist nicht mehr redlich. Ich meine also, wir sollten uns darüber klar sein, dass, wenn wir über diese Fälle theoretisieren wollen, wir über Performance-Kunst theoretisieren, nicht aber über Literatur uns unterhalten. Es zählt nur der Text – auch ohne „Autonomie“.

    Ein Gemeinplatz. Sind wir wirklich schon soweit, uns genötigt zu sehen, solche unablässig zu wiederholen? Ich konstatiere deshalb, da dem so scheint, eine gewisse Ratlosigkeit.

    Alea Torik entschleiert, Zeh gibt zu … damit hat sich aber nichts verändert – es sei denn, wir wollten an einer Performance teilnehmen, wobei unser vermeintlich literarisches Theoretisieren eben nur ein Aspekt dieser Performance wäre. Ich habe natürlich, weil die Person des Autors mich lediglich aus Gründen der Anhänglichkeit zu einem Werk und einer Art detektivischen Neugier, wer das verbrochen hat, interessiert, volle Sympathie dafür, wenn ein Autor oder eine Autorin, den Job, eben jenen Autor oder jene Autorin erst zu erfinden, dem Publikum überlässt – und hierbei Finten legt, Leichtgläubige in die Irre führt und dergl. mehr, denn, so frage ich, warum eigentlich verlangen wir von einem Autor, einer Autorin, dass ausgerechnet er/sie qua Autorenschaft auf einmal weiß, um wen es sich eigentlich bei der eigenen Person handelt ?

    Denn inwiefern ist es für irgendjemanden interessant, was der Autor von sich als Autor denkt ? Ich persönlich bilde da mir lieber meine eigenen Fiktionen und schreibe, wenn mir ein Werk zusagt, gewissermaßen im Kopfkino das Werk fort. Manchen gefällt es vielleicht, den Seifenblasen, die hie oder dort aus der einen oder anderen Schreibstube aufsteigen, nachzuschauen. So what?

    Ich glaube, hier liegt ein grundsätzliches Missverständnis vor. Pynchon, z.B., hat es fast zum Mythos geschafft, weil er es fast geschafft hat, sein Antlitz dem Publikum zu verbergen. In Wirklichkeit hat er Buggs-Bunny-Häschenzähne. Deshalb. (Es ist aber die letzte Übersetzung ins Deutsche, die ich kenne, gewesen, die jeden Pynchon-Mythos wg. Unlesbarkeit unwiederbringlich im deutschen Sprachraum zufall gebracht hat). Das Publikum – nicht Autoren oder Promotionsstrategien – erschafft sich seine mythischen Helden und Heroinen. Hier aber eine Identität herzustellen, das hat bisher nur der historische Pop zustande gebracht.

    Es ist hier ein Mangel an Kenntnis des historischen Pop, der Autoren auf die Idee gebracht hat, selber qua „Entautnomisierung“ und billige Instrumentalisierung des Publikums (des Literaturbetriebs) mehr oder weniger manipuliert das Publikum dazu zu bringen, ihre eigenen Identität zu konstruieren. Diese Rückbezüglichkeit auf bestehende „Pop“-Rezeptionsweisen hat den sachlich falschen Begriff „Pop-Literatur“ hervorgebracht. „Pop-Literatur“, nur dass jetzt der Literaturbetrieb herhalten muss, das ist es also, was peinlicherweise versucht wird.

    Der Unterschied ist nur, dass Elvis, Prince, Michael Jackson Könige des Pop waren – auch und ganz authentisch im Selbstverständnis. Das wird Literatur nie leisten können. Peinlich.

    Alea Torik hat mich in dem Moment nicht mehr in ihrer nicht uncharmanten Fiktion überzeugt, als sie hier im Blog die typisch-osteuropäisch umständlich-altmodische Höflichkeit nicht mehr überzeugend rüberbrachte. Bis hierhin o.k. Natürlich. Aber wollen wir wirklich darüberhinaus ´drüber reden? Den „Pop-Diskurs“, also die Produktionsbedingungen der Unterhaltungsindustrie zu reflektieren und sich zugleich ihnen zu unterwerfen (was für einige Popunkundige einen gewissen Unterhaltungswert auszumachen scheint) auf die Literatur anzuwenden, bringt leider nur allerhöchst peinliche Aberrationen hervor. – Dass solches allerdings vom“Literaturbetrieb“ aller Ernstes diskutiert wird, zeigt mir einfach nur einen über alle Maßen lieblosen Umgang mit der Materie.

  3. Bersarin schreibt:

    @ Uwe
    Schöner Hinweis auf den in Vergessenheit geratenen Piwitt. Ich kenne ihn allerdings nur aus den frühen 80er Jahren als konkret-Autor. (Da war ich noch sehr jung.)

    Der Unterschied zwischen Ferrante und Aléa Torik ist der, daß diese einen Blog betrieb und sich in dieser Konstellation Literatur und Internet-Realität (oder eben Internet als Fiktion von Identität) mischten und eine neue Form der Darstellung abgaben, während Ferrante rein aufs Medium Roman sich beschränkt. Zudem ist bei Aléa Torik die Frage der Metafiktion, in der das Ich und die Autorin zur Frage werden, ganz klar das Thema: was konstituiert eine Autorin/einen Autor? Gibt es ein weibliches Schreiben? Wer ist Subjekt der Geschichte? Diese Projekt hätte noch weitergehen können und sicherlich hätte es mehr Wirkung entfaltet, wenn vorher keine Enttarnung stattgefunden hätte. Das alles ist bei Ferrante nicht das Thema. Sie erzählt lediglich von ihrem Leben in Neapel, von Kindheit und Gewalt. Das ist legitim und es ist unerheblich, ob die Autorin dieses Textes aus Neapel, aus Rom oder Mailand kommt. Kann auch Madrid sein.

    Problematisch wird es jedoch, wenn jemand eine Biographie auf den Markt wirft, die das, was im Roman steht, beglaubigen und authentisch machen soll. Da wird dann ein Mehrwert eingeheimst, der nicht mehr durchs Ästhetische gedeckt ist. Ich würde sogar das noch goutieren und als ästhetischen Trick hinnehmen wollen, wenn hier in der Konstruktion nochmal ein doppelter Boden eingebaut worden wäre.

  4. Bersarin schreibt:

    @ ziggev:
    Nein, neu ist das Spiel nicht, ziggev. Es ist sogar ein altes Lied. Doch klingt es immer wieder neu, je nachdem, wie es sich inhaltlich und erzählerisch realisiert. Man nehme Borges, Don Quichote, Queneau, Flann O’Brien, Calvino, Alban Nikolai Herbsts kybernetischen Realismus, Zehs Spiel in Unterleuten, Aléa Torik, Jean Paul. Jeder machte es anders, und doch ähnelt es sich manchmal. Oder noch viel einfacher: Thomas Melles neues Buch „Die Welt im Rücken“ über seine manisch-depressiven Zustände. Ein Roman, ein Bericht? All diese unterschiedlichen Varianten sind nicht nur deshalb bedeutsam, weil sie dem Literaturwissenschaftler so schöne Theorien liefern, sondern um ihrer selbst wegen, der Art nämlich, wie diese Romane erzählt und gemacht sind, unter anderem auch die Frage nach der Autorschaft. Wer ist Autor, wer Erzähler, wer beschwört das Imperfekt? Raunend, phantastisch oder realistisch.

    Die Entautonimisierung des Werkes bei Torik oder Zeh sehe ich nicht. Es bleibt ja alles im Rahmen der Literatur. Selbst die Debatten darüber. Und das Werk steht für sich. Wir müssen allenfalls einen erweiterten Werkbegriff setzen. Aber den finden wir im Grunde schon bei dem Spiel, das im Don Quichote getrieben wird. Mit Performance-Kunst hat all das allerdings nichts zu tun – es sei denn, es handelte sich um Poetry Slam. Sondern vielmehr geht es um den Begriff von Literatur. Und eben weil wir deren Fiktionen am Ende doch als Fiktion erkennen, funktioniert bspw. Zehs Spiel mit dem Ratgeber. Wäre da nie jemand drauf gekommen, liefe die Sache doch ins Leere. (Wobei mir im Falle Zehs die Sache zu wenig subtil und eher aufgesetzt als Marketing erscheint. Was bei Aléas ich nicht der Fall war. Ein leichtes wäre es hier gewesen, die Photographie irgendeiner hübschen Frau zu nehmen und auf der Schiene rumänisches Fräuleinwunder zu fahren.)

    Neu, ziggev, ist in der Literatur gar nichts. Im Gegenteil – es ist das alte Spiel: Boy meets Girl. Junger Held zieht aus, um Abenteuer zu suchen, sich selbst oder einen Schatz zu gewinnen – sei es ein materieller oder ein lebendiger –, er lernt sich selber kennen, nimmt Irrwege, kehrt irgendwann heim. Ist das nun Odysseus oder Wilhelm Meister oder Heinrich von Ofterdingen? Ist es Anton Reiser oder der grüne Heinrich? Auch das alles: Nichts als ein billiger Trick. Wir nennen es Illusionskunst. Plato schätzte sie gering. Ich hingegen poche auf der „Wahrheit des Gemachten“ (Adorno), auf dem Wahrheitsgehalt des Werkes, auch wenn es ein Trugbild ist. Insofern ist auch die Ratlosigkeit nicht abgebracht. Denn es handelt sich um Prozesse, die immer wieder in der Prosa neu festzumachen sind: ob sie gelingen oder mißlingen. (Wer übrigens die härtere Variante von Neapel lesen möchte, der nehme von Curzio Malaparte „Die Haut“. Auch dort stellt sich in einer bestimmten Linie die Frage nach der Autorschaft: Was ist Fiktion, was Wahrheit und Bericht eines Journalisten?)

    Den einsamen Leser gibt es doch auch nur bedingt. Seit der Roman zu einer autonomen Kunstform wurde, ist jener Leser an einen umfassenden Vermittlungsbetrieb und an eine Zirkulationssphäre gebunden. Sei es der literarische Salon im 18/19. Jhd., sei es die Literaturkritik als Textvermittlung und als sensus communis einer literarischen Urteilskraft. Nein, den einsamen Leser gibt es in dieser Weise nicht.

    Recht hast Du, ziggev, mit dem Hinweis, daß der Blog von Aléa Torik sich irgendwann (eben qua Enttarnung) totlief, weil der Ton der rumänischen Autorin nicht mehr gefunden und angestimmt werden konnte, der einst die Sache charmant machte.

    Ich weiß allerdings nicht, was an Elvis, M. Jackson et al. authentisch sein soll. Ihre Darbietungen fürs Publikum sind in etwa so authentisch wie Dolly Busters Brüste.

  5. Herwig Finkeldey schreibt:

    Eigentlich wollte ich zu der 753-ten Variante des Metafiktionsspiels gar nichts sagen. Es herrscht offenbar ein riesiges Bedürfnis nach solche „Falschmünzereien“, ein „unendlicher Spass“ offenbar. Ob in diesem Fall die Enttarnung entbehrlich war? Möglichwerweise und mir zugleich egal. Der Weg zumindest war unschön…

    Stören tun mich solche Spielereien nur, wenn sie ganz offenkundig zur Ertragssteigerung, zur Düngung eingesetzt werden. Da will ich dann nicht für dumm verkauft werden. Das ist wohl bei Ferrante noch unentschieden, bei Alea Torik definitiv nicht der Fall. Bei Juli Zeh von Seiten der Autorin auch nicht. Allerdings hat dann der Verlag mit der „Auflösung“ dessen, was ohnehin alle schon wussten, Wasser auf die merkantilen Mühlen gekippt , weil er einen „Skandal“ behauptet hatte, der nie statt fand (Skandal belebt immer das Geschäft – falls irgendwen meine Einschätzung interessiert siehe hier:https://summacumlaudeblog.wordpress.com/2016/05/10/zugabe-2-und-schluss/)

  6. Bersarin schreibt:

    Ja, das ist leider das große Problem: Der Betrieb. Jener Betrieb, der alles aufsaugt und eine Debatte daraus macht, deren Halbwertzeit gering ist. Sie kommt, sie geht. Wißt ihr noch, was letztes Jahr im Feuilleton für ne Debatte war? Nee. Ich auch nicht. Sehr wohl aber erinnern wir uns noch an den Zürcher Literaturstreit zwischen Frisch und Staiger oder an die Christa-Wolf-Dispute damals nach 89, von Greiner unter anderem in der „Zeit“ losgetreten. Selbst eine Serie zur Postmoderne damals in der „Zeit“ oder zu Norbert Elias befeuerte die Debattenkultur des Feuilletons. Heute: Walking dead. Es ist wie mit dem Pantheismus: Wo allüberall der liebe Gott waltet und west, da ist er am Ende nirgendwo und folgt der Fluchtbewegung: nichts mehr da. Säkulare Gesellschaft. Ich bin in dieser Sache ein Katholik der Gegenreformation.

    Ich glaube, das Geschäft wird durch solche „Skandale“ gar nicht mehr so sehr belebt, sondern das alles ruft nur noch Gähnen hervor. Besser sind da solche Beiträge, die ins Inhaltliche gehen. So wie ich es z.T. versuche. Daß bei den Literaturdebatten und so auch in diesem Falle überhaupt noch irgendwie auf Positionen der Ästhetik, ob nun Kant, Hegel oder Derrida, Heidegger und Adorno, rekurriert würde, bleibt die Ausnahme. Ins Detail, in die Tiefe geht’s nimmer mehr. Armer Novalis, arme literarische Romantik, die eins mit den Fiktionen und dem Reigen der Bilder und Illusionen spielte.

  7. ziggev schreibt:

    ach. – und ja. bersartin: gut gebrüllt ! Die Romantik wieder in ihr Recht einsetzen, belesen, wie Du bist, noch mehr Namen zu nennen, das „altes Spiel“, natürlich Don Quichote: ja, ich verstehe und bin allzeit bereit, dieses „alte Spiel“ anhand der von Dir genannten Autoren, wie bei Dir im ersten Absatz genannt, irgendwann nocheinmal nachzuvollziehen. Lesebereit
    bei mir z.Z. leider lediglich Jean Paul, E.T.H. Hoffmann zur 2.-Lektüre … ja, das hast Du gut gemacht, klarzumachen, wie das mit der Metafiktion im besten Sinne zu funktionieren hat ! Bei Dir, bersain, treffen wir auf den glücklichen Umstand, dass gute Kenntnis zusammentrifft mit theoretischen Erwägungen (und der Fähigkeit dazu).

    Aber ich sehe einfach nicht, dass bei Zeh „alles im Rahmen der Literatur“ bliebe, geschweige die Debatten darüber. Zeh ist nicht nur eine unglaublich schlechte Schriftstellerin, was die ersten ein bis zwei seiten ihres „Spieltrieb“ beweist, sondern der kurze Austausch zw. Dir und summacumlaude zeigt, dass diese – auf peinlichste Weise klar ersichtliche – versuchte Manipulation des „Literaturbetriebs“ eben zu Diskussionen von ganz und gar nicht-literarischen Topoi führt. –

    Es ist ja wirklich ehrenhaft von Dir, mich auf Don Quichote et al hinzuweisen; aber bleiben wir ehrlich, mit Zeh hat das nun einfach rein gar nichts zu tun. Hier versucht man, den Metadiskurs zu manipulieren, damit die eigene schriftstellerische Unfähigkeit erst gar nicht erst zur Sprache kommt !

    Zuerst auf eine gewisse Rezeptionsweise zu schielen – das meinte ich mit Pop-Literatur. Nur um Deine literarische und literatur-theoretische Kompetenz unter Beweis zu stellen, rechtfertigst Du sogar die größten Langweiler: Alea Torik unf J. Zeh! Was ist los mit Dir ?

    Was ich mit dem Verweis auf Elvis, Prince und Michael Jackson meinte, ist, dass diese Leute es nicht nötig hatten, irgenwie „den Diskurs“ zu manipulieren – um dann, weil irgendwelche „Theoretiker“ es sich einfielen ließen, deren Gebaren „theoretisch “ zu unterfüttern, sich „gerechtfertigt zu sehen.

    Prince hat als Prince den Diskurs erst erschaffen, in dem wir über diesen „Prince“ erst uns unterhalten können. Elvis hat erst den Diskurs geschaffen, in dem er als „King of Rock“ galt. Der Elvis-Diskurs hängt nur an Elvis, der Michael Jackson-Diskurs nur an Michael-Jackson, der Prince-Diskurs nur an Prince. Diese Leute wussten, dass sie Könige sind. Das meine ich mit „Authentizität“. Diese Leute haben eigene Welten erschaffen.

  8. Herwig Finkeldey schreibt:

    @ziggev ja und nein. Ich finde Zeh sooooooo schlecht nicht und ihr Hochkommen ist nicht dem Metafiktionsspiel geschuldet (dann schon eher dem Fräuleinwunder, dem sog.).
    Andererseits: Da es immer zu einem Niveauausgleich kommt spricht ihr Erfolg und die Tatsache, das sie so schlecht nicht ist, vielleicht Bände über das insgesamte, aktuelle Niveau der deutschen Literatur. Das eben auvch nicht sehr hoch ist. Müsste sie und alle anderen gegen Döblin, Mann, Joyce und gegen jenen jüdischen Prager Juristen ins Rennen gehen, nunja, da wären unsere Damen und Herren aber zweiter Sieger, ob Fräuleinwunder oder nicht. Mit mehreren Überrundungen.

  9. Bersarin schreibt:

    Namen von Autoren stehen für bestimmte Textbewegungen oder Formen des Schreibens, Stil genannt, insofern dienen sie halt als Abbreviatur der Theorie, indem sich in bestimmten Namen eine Denkbewegung oder eine Schreibform niederschlägt. Ich gehe davon aus, daß man diese Autoren kennt und gelesen hat, wenn wir über Literatur sprechen.

    Das Spiel bei „Unterleuten“ ist sicherlich eines, das über den Markt funktionierte bzw. die Mechanismen des Marktes aufgreift und persifliert. Der Verlag hat leider etwas ungeschickt reagiert, sofern er bewußt Informationen lancierte und sich als Stichwortgeber an dem Spiel beteiligte. Die Leser wären irgendwann von selbst darauf gekommen, daß Zeh ein Spiel mit doppeltem Boden spielt. Aber daß sich ein Autor hinsetzt und sagt: nun will ich Belletristik mal richtig gut verkaufen und damit noch reicher werden, ist unwahrscheinlich. Solche Autoren schreiben dann in einem anderen Genre: Fantasy oder Historienromane von Wanderhuren usw. Zehs „Spieltrieb“ ist als Geschichte genial konstruiert. Vor allem aber versteht Zeh eines: sie kann spannend und machtvoll erzählen. Subtil steigert sich da ein böses Spiel auf. Diese Perfidie erzählerisch und handwerklich zu gestalten: Dazu gehört technisch und an Können einiges und das macht sich nicht nebenher. In diesem Sinne gehört Juli Zeh zu den großen deutschsprachigen Erzählerinnen, und sie greift immer wieder in ihrer Prosa aktuelle Debatten auf, ohne dabei nun politisch aufdringlich zu sein und simple Botschaften zu befördern.

    Hast Du die beiden Romane von Aléa Torik gelesen und kannst Du zudem mir kurz begründen, was Dir daran nicht gefällt? Bisher lese ich bei Dir Pauschalbehauptungen zu Zeh und Torik heraus. Gut, bei Zeh gefällt die das Marktgängige in „Unterleuten nicht. Auch ich finde es grenzwertig und es gibt sicherlich bessere Formen, um in das Spiel mit der Referenz einzutreten. Aber einen kompletten Ratgeber zu schreiben und das Esoterik-Funktionsgewinsel der sich für den Markt Optimierenden zu karikieren, ist zunächst mal als Idee gut

    Was willst mir damit sagen, mit den eigenen Welten, die Elvis et al. erschaffen haben? Konrad Adenauer, Peter Alexander und Anneliese Rothenberger haben ebenfalls eigene Welten erschaffen.

    @ Herwig
    Vom wenig hohen Niveau deuscher Literatur: Da sprichst Du eine Wahrheit gelassen aus. (Freilich gibt es immer ein paar Ausnahmen, aber was im Hochsegment gehandelt wird, ist oft ein einer geradezu entsetzlichen Banalität.)

  10. che2001 schreibt:

    Ich finde, hier werden Sachen zusammengerührt die jedenfalls SO nicht zusammengehören. Julie Zeh hat um ihren Roman eine fiktive Realität herumgebaut um das Ganze authentischer erscheinen zu lassen, wie sie sagt in durchaus satirischer Absicht. Ähnliches ist in der Literatur gar nicht mal so selten, R.A. Wilson und Umberto Eco haben sich ähnlicher Methoden bedient. Alea Torik hingegen ist eine fiktive Person (mit einem so absurden Namen, dass ich keine Sekunde an die Authenzität der Person glaubte). Das sind schon einmal zwei grundverschiedene Kontexte. Was nun wiederum die Selbstinszenierungen von Popstars oder was Cervantes damit zu tun haben sollen erschließt sich mir nicht.

  11. Herwig Finkeldey schreibt:

    Allen metafiktional arbeitenden Autoren gemeinsam ist der möglicherweise aufkeimende Gedanke, sie hätten es – in welcher Variante auch immer – nur aus Geschäftsgründen getan. Juli Zeh hat genau das bei Alea Torik zumindest als Frage zugelassen: Wars Geschäftsinteresse? Dann ist diese Frage bei allen anderen auch erlaubt und erst recht bei ihr selbst.

    Ich persönlich glaube allerdings weniger an ein reines Geschäftsmodell Metafiktion. Interessanter finde ich die Frage, wieso der Betrieb der Autoreninszenierung so viel Raum gibt. Ist sie nun metafiktional verschleiernd oder exaltiert, das ist dann schon fast egal.
    Und wieso bestimmte biographische Konnotationen beliebter sind als andere. Was erwartet man von der Migrantentochter, was (oder was nicht) vom Sohn eines Bausparkassenspießers? Wieso werden da Unterschiede in der Vorauswahl gemacht? Und sage mir bitte keiner, das sei nicht so…

  12. ziggev schreibt:

    ja, ich finde Herwigs moderierende Intervention treffend. @ che, ich finde, dass das, was wir hier unter „Metafiktion“ diskutieren, at best known von Pop-Stars wie Prince verwirklicht worden ist (ich habe die alten Vinyl-Sachen vor ein paar Tagen ausgepackt und bin seitdem in eine Art Wahnsinnszustand eingetreten).

    @ bersarin. die alle 10 Jahre stattfindenden Zeh-Leseversuche (zum Teil, weil Du die immernoch nicht endlich grundsätzlich, was sie verdient hat, verdammst), ha

  13. ziggev schreibt:

    ben bei mir jedesmal eine wenn nicht 10-jährige so denn doch 10-tägige Katalepsie ausgelöst. Um Zeh aus dem Prokuristen-Bett heraus zu kritisieren, bitte, lass mir noch etwas Zeit. Allein der Gedanke, eine Seite von der aufzuschlagen, löst bei mir Lähmungserscheinungen hervor. Man hätte mich nicht offensiver beleidigen können durch Unwissenheit/ Unfähigkeit denn bei Zeh.

  14. che2001 schreibt:

    Ich weiß überhaupt nicht was gegen Zeh einzuwenden ist, Unterleuten ist doch ein nettes Buch.

  15. Bersarin schreibt:

    Zeh versteht ihr Handwerk. Sie hat etwas zu erzählen. Und sie macht das in der Art, wie sie es schreibt, gut. Anders als mancher deutsche Gegenwartsautor. Klar, kann man ihr eine ausgesprochen realistische Erzählweise vorhalten. Aber Phantastik, Realismus, magischer Realismus, Naturalismus sind zunächst einmal keine Wert an sich, die Frage ist immer auch die nach dem Sujet und nach dem, was in welcher Weise erzählt wird. Form und Inhalt. Ich kann Carlos Fuentes, Gabriel García Márquez und Heinrich Böll gut nebeneinander lesen. Schwierig überhaupt zu bestimmten, was realistisch ist. Man denke nur an das Diktum Georg Lukács‘, nachdem er von seinen Genossen 1956 in Ungarn gefangengenommen wurden; an jenen Satz, der einen Nachhall auf den Expressionismusstreit zwischen ihm, Bloch und Brecht lieferte: „Kafka war doch Realist!“

    Der Verweis auf Prince oder man kann auch Madonna, Bowie oder andere Proteuse des Pop nehmen, ist noch einmal ein anderer Gestaltenwechsel als ihn die Literatur vornimmt. Bei Aléa Torik ist der Fall ja insofern insteressant, weil hier Internet, Roman, Bloggerei in ein Spiel treten.

    Einerseits ging es mir auch so, daß ich bei dem Namen dachte, das ist doch ausgedacht. Aber die Begründung, die sie lieferte und die Art, wie sie es in ihrem Blog erzählte, klang so realistisch-glaubwürdig, daß ich es eben glaubte. Davon abgesehen, daß man im Internet nie alles glauben sollte, schon gar nicht, wenn es im Zusammenhang mit einem literarischen Blog geschieht, wo es eben nicht um Politik und Gesellschaft oder wie hier um Kunstkritik geht. Wir glauben in diesen Dingen gerne das, was wir glauben möchten, weil es uns angenehm ist.

    Ein ähnliches Beispiel wäre Alban Nikolai Herbsts Blog „Die Dschungel/Anderswelt“. Hier berühren sich literarisches Bloggen – es gibt wohl keinen Schriftsteller, der so sehr das Internet nutzt wie ANH -, das literarische Tagebuch, wie wir es eben von Mann, über Musil bis Kafka kennen, in dem sich literarische Skizzen wie auch Erlebnisse finden, und zu guter letzt damit korrespondierend der Roman selber und in all dem die Frage nach der Figur des Autors.

    Von sich zu schreiben, um von sich zu schweigen, wäre eine weitere Möglichkeit der Hyperfiktionalität. Neben dem klassischen Erzählen, wie es in der realistischen Tradition etwa Zeh macht. Dieses Spiel, diesen Gestaltenwechsel muß man immer wieder neu betreiben und ausprobieren und das heißt: Literarisch es zu machen, einen Roman zu schreiben. Ob es gelingt, zeigt sich am Einzelfall – das läßt sich als Prinzip kaum abstrakt postulieren. Genauso gibt es ein aufgesetztes Spiel mit dem Realismus, der Fiktion der Phantastik, das nur aufgesetzt wirkt. Die Idee von „Unterleuten“ finde ich brillant, und auf eine intelligente Weise springt Zeh auf den Zug der literarischen Landliebe auf, wo vor dem Fest und bis hin zur Insel Hiddensee oder der Pfaueninsel die Natur und das Leben auf dem Land zum Stoff werden.

    Aber ich werde Dir, ziggev, Zeh vermutlich nicht schmackhaft machen können.

  16. Bersarin schreibt:

    @ Herwig. Besonders in den letzten Sätzen: schöner Hinweis im Grunde auch um die U2-Bachmannpreisposse. Und überhaupt wäre das Genre Autorenportraits in Photos (samt den Inszenierungen) hier zu nennen. Wir alle haben noch 1997 das Bild von Judith Herrmann vor Augen oder die Haargardine der Hegemann-Tochter.

    Bei Aléa Torik z.B. war es ja genau umgekehrt. Eine Person, ohne Person. Ohne Ich, ohne Subjekt. Kein Bild, kein nichts. Hätte man es merkantil ausschlachten wollen, hätte man einfach irgendein Bild von einer Frau Ende 20 mit braunen Haaren nehmen können und das als Autorenphoto an die Presse reichen müssen. Aber darum ging es ja gerade nicht. Das wurde von manchen nicht begriffen, die es für einen Medienhype hielten. Sondern es war zugleich ein Spiel mit bestimmten Klischees, sicherlich auch aus Not an der eigenen Lage geboren, wie Claus Heck im Interview zugab.

  17. Herwig Finkeldey schreibt:

    „Ich weiß überhaupt nicht was gegen Zeh einzuwenden ist, Unterleuten ist doch ein nettes Buch.“ stimmt und das Wort „nett“ ist dabei Lob und Tadel zugleich.
    Ich habe „Unterleuten“ auch gerne gelesen und fand das Metafiktionsspiel dazu mindestens ebenso „nett“.

    Ein bischen geärgert hatte mich seinerzeit hingegen, dass der Verlag nach doch recht frühem Enttarnen ein Skandalding daraus machen wollte („Plagiatsvorwürfe“ – hat niemand erhoben) und weiterhin implizit behauptet hatte, dass fast „alle“ darauf hingefallen sein sollen. Also das stimmte einfach nicht – und DAS war nun wirklich merkantil getriggert und sonst nichts. Die Aufmerksamkeitsspanne wollte man mit solch einer Skandalisierung verlängern – bis das Gespräch über das Buch unvermeidlicherweise vom nächsten Event verschluckt wird (z.B. vom Event über Ferrante).

  18. che2001 schreibt:

    Hegemann – den Namen dieser Schmachgestalt hatte ich schon erfolgreich verdrängt. Copy and paste als neue Literatur. Ist inzwischen ein echtes Problem an Schulen und Unis. Eine alte Genossin von mir gilt das als Furie, weil sie Copy and paste in keiner Masterarbeit durchgehen lässt sondern da immer eine 6 vergibt, während Kollegens meinen, ein gewisser Copy and paste – Anteil sei heutzutage tolerabel, weil das ja jeder so mache. Insofern gilt: Hegemann trifft Guttenberg im Zug der Zeit.

  19. ziggev schreibt:

    ich will nur kurz meinen Zeh-Widerwillen konkretisieren. Zeh ist ohne Zweifel eine hochintelligente Frau, deren Intelligenz die meine vermutlich um Stockwerke überragt, keine Frage. Sie konnte sich aber einfach nicht entscheiden: literarische Unternehmung oder gesellschaftliche / gesellschaftskritische Intervention. Was mir hier missfällt, ist, dass sie, als wollte sie ihr literarisches sowie gesellschaftskritisches offensichtliche Scheitern wiedergutmachen, indem sie eine leider nur fiktive Seilschaft installiert, sich im Grunde, weil sie glaubt, sich auf entsprechende literatur-theoretische Diskussionen rückversichern zu können, aus der Affäre ziehen zu können glaubt.

    Diese hochintelligente Frau, deren Intelligenz die meine vermutlich bei weitem übersteigt, scheitert literarisch. Gut, kein Problem, sie arbeitet weiter, schließlich ist sie ausgebildete Juristin. Selbst Sloterdijk,der Osho-Anhänger (wie ich auch, aber ein anderes Thema), lädt sie ein, politisch in jeder Hinsicht fragwürdig, – es sind aber politisch das nur traurige Äste, was sie von sich zu geben hat. Dürres Geäst !! Da kannst Du doch gleich bei Osho/Sloterdijk bleiben!

    Und jetzt geht sie wieder aus lauter Einfallslosigkeit zurück in die literarische Sphäre !! Ihr einziges Mittel, um auf sich aufmerksam zu machen, ist, einen Kommentar zu ihrem (ungeschriebenen) Diesunddort zu verfassen. Sonst sehr ehrenhaft, Stanislav Lem hat fiktive Vorwörter für fiktive, zukünftige, wissenschaftliche Werke geschrieben, auf keinen Fall werden wir die deutsche Romantik vergessen. Nein.

    Sie erfindet also ihren eigenen Kommentar. Wie praktisch, die eigene Seilschaft miterfinden (ich nenne keine weiteren deutschen Namen).

    Von so einer klugen Frau hätte ich eigentlich mehr erwartet !

  20. Bersarin schreibt:

    Natürlich muß ein Autor seinen eigenen Kommentar erfinden. Wer auch sollte es sonst angemessen machen? Daß es sicherlich auch bessere Formen der Metafiktionalität und der Frage nach Autorschaft gibt, bleibt unbenommen. Allerdings kann man das alles im Detail und wirklich angemessen nur debattieren, wenn man Zehs „Unterleuten“ liest. Ich kenne es bisher nicht. Und ich vermute, daß die fiktionalen Zusätze, die Wirklichkeit der Literatur generieren sollen, nur halbherzig funktionieren. Bei „Spieltrieb“ hat das Perfide des Verlockens zumindest gut funktioniert, aber da blieb das Spiel immanent, im Buch selbst. Gut und klug gezeichnete Figuren, diabolische Teenager.

  21. ziggev schreibt:

    ok, was „Spieltrieb“ angeht, so muss ich sagen, dass Zeh nur ein blasses Abbild meines LSD-Horrortrips der frühen Jugend abgeliefert hat. Der ungefähr 4 Jahre andauerte. (Nein, ich habe diese Droge keinesfalls damals eingenommen.) Zugleich intellektuelle Unterforderung. Kannst Du Dir einen größeren Horror vorstellen? Dazu Hegel-Nausea ?

    Aber Göthes Schilderungen in Dichtung und Wahrheit an bestimmten Stellen, Anton Reiser. Oh, – und Ach: ich stellte fest, dass ich Freunde hatte, als ich Nietzsche, Adorno (Minima Moralia) las.

    Erst spät. Aber als ich feststellte, wie J. Zeh da mit Vollkaracho und unfähig am Thema vorbeischnellte, fühlte ich mich um meine Jugend doppelt betrogen und dreifach verraten..

    In der Theater-Szene nennt man das „Papier“. – Und das ist dann noch freundlich. Man weiß bei Zeh nie, stellt sie nur abgründige Dummheit dar oder ist es wirklich die eigene und dann noch über Seiten ausgewalzte Halbbildung ?

    Wenn sie wenigstens, was bei uns durchaus üblich war, ihren Lehrer anständig gefickt hätte, dann hätte sie auch etwas farbenfroher berichten können. So aber: eiskalt, unbeteiligt, schriftstellerisch uninteressant. Ein Thesen-Roman. Und damit hat sich tatsächlich das deutsche Publikum abspeisen lassen (fremdschäm!).

  22. Bersarin schreibt:

    Von dem, was wir in der jüngeren deutschsprachigen Literatur haben, gehört Zeh noch mit zum besseren Teil. Sie ist keine fabulierend-phantastische Erzählerin wie Dietmar Dath, sie ist keine Sprachmeisterinnen, wie Botho Strauß oder Peter Handke, darin liegt ihre Virtuosität nicht, aber sie kann mit der Sprache dennoch eine eigene Welt erzeugen, in der eine konsistente Geschichte spielt. Das hat durchaus auch unterhalterische Qualitäten, die ich jedoch zu schätzen weiß, wenn ein Text gut gemacht ist. In „Spieltrieb“ erzählt sie In der guten Tradition der Internats- und Schulgeschichten. Aber noch weit darüber hinaus. Und sie beherrscht darin ebenso das essayistische Erzählen. Es ist ein gutes und solides Stück Prosa. Sicherlich nicht reif für den Nobelpreis. Aber da gibt es, wie wir heute gesehen haben, noch ganz andere Kandidaten, die ihn trotzdem bekommen, obgleich sie sprachlich doch sehr viel Laxeres lieferten.

    Um das Eiskalte, ziggev, geht es in diesem Buch. Nicht ums Ficken, sondern ums Berechnen und ums Manipulieren von Menschen. Ein philosophischer Roman in dem Sinne, daß er moderne und postmoderne Varianten des Spiels durchdekliniert und kritisiert. Es ist eine Literatur, die auf geistreiche Weise unterhalten will. Und das gelingt Zeh. Nicht anders übrigens als Daniel Kehlmann mit „Die Vermessung der Welt“. Zwei köstliche Bücher. Nichts Herausragendes, das die Avantgarde des 21. Jhds einleitete. Aber diese Literatur finden wir selten. Mir geht es in diesem Buch um gut gearbeitetes Handwerk und um eine konstistent und spannend erzählte Geschichte, die zum Nachdenken Anlaß gibt und Reflexionen anstößt, die man dann anderweitig lesend gerne vertiefen kann.

    Der Satz von der Halbbildung, ziggev, ist Schwachsinn und zeugt eher von billigem Ressentiment. Zeh ist ausgebildete Volljuristin, die ihre Examen bestanden hat. Das ist eine etwas andere Nummer, als an der Uni ein paar Semester Philosophie zu schieben und dann abzubrechen.

  23. ziggev schreibt:

    aber langweiliger hättest Du mir nicht kommen können. Weil sie ein Examen hat, ist sie eine gute Schriftstellerin. Danke für die Information.

  24. Bersarin schreibt:

    Du mußt richtig lesen,ziggev: Es ging in diesem Satz nicht darum, ob Zeh eine gute Schriftstellerin ist, sondern um ihre angebliche Halbbildung. Ich schrieb nirgends: Weil sie ausgebildete Volljuristin ist, sei sie eine gute Schriftstellerin. Da Du bereits diese simplen Zusammenhänge übersiehst, überzeugen mich auch Deine Sätze zu Zehs „Spieltrieb“ wenig und ich vermute da ein ebenso ungenaues Lesen.

  25. ziggev schreibt:

    jetzt habe ich das Buch doch verlegt. ich hoffe, dass ich es noch wiederfinde. Damit ich befreit von meinen Idiosynkrasien, was diese Schriftstellerin betrifft, möglichst sachlich-kühl überhaupt noch Argumente nachliefern kann. (Mein Plan also jetzt: Erst die Argumente bringen, und dann erst der vielfältigen Enttäuschung, die für mich mit Zeh verbunden ist, wortreich Ausdruck verleihen. Das alte Dilemma: um Kritik zu üben, muss eins erst seine Waffen am Stein des Anstoßes schärfen. Gerade an jenem Stein, den so weit weg wie möglich von mir zu werfen ich soeben noch zu versuchen im Begriff gewesen bin. Aber das würde tatsächlich Arbeit bedeuten; denn ich befürchte ja, dass mein Messer der Kritik nicht schärfer, sondern abstumpfen wird, ein ohnehin selten benutztes Instrument.)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s