„Klassengesellschaft der billigen Arbeit“ und was das mit den Migrationsbewegungen zu schaffen hat. Ein Abschweif zum Pauperismus

Der sogenannten Merkel-Linken wird das Interview mit Prof. Albrecht Goeschel, das er im Magazin „Tumult“ gab und was auf LabourNet nachzulesen ist, nicht so gut gefallen, insbesondere seine Sätze zur Flüchtlingskrise werden auf Unmut stoßen. Aber endlich einmal entzaubert jemand die Legende der Heiligen Angela, die aus Nächstenliebe und qua christlicher Richtlinienkompetenz der Kanzlerin die Grenzen öffnete. Und nebenbei, im Sinne einer Fußnote zur Geschichte: Als es um die Griechenlandkrise ging, war Merkel das Schicksal der Griechen herzlich egal, als Stichwort suche man bei Google „Gesundheitspolitik“ oder „Privatisierung“. Als 2009 und dann nach dem arabischen Frühling 2011 Tausende Flüchtlinge aus Afrika und den arabischen Ländern in Griechenland und auf Lampedusa strandeten, gab es für Italien einige Hungerhappen Logistik samt Geld und für Griechenland kaum Unterstützung, sondern vielmehr wurden von Schäuble und Merkel gegenüber den Griechen das Spardiktat sowie die Mittel neoliberaler Wirtschaftspolitik forciert. Es scheint also das christliche Mitleid eine eher selektive Angelegenheit. Und wenn dann einer wie Ulf Poschardt von Springers „Welt“ forderte, nun müsse man mit den neuwillkommenen Flüchtlingen flugs auch die Arbeitsmarktgesetze ändern und flexibler gestalten, um die armen Menschen in die Berufe zu bringen, da hätte eigentlich auch die Merkel-Linke wissen können, aus welcher Richtung der Wind nun weht.

Aber wessen Blick von Moralismus verstellt ist, der ist nicht mehr gewillt analysierend und kühl zu verfahren, der mag nicht genau hinsehen und betrachtet lediglich nach den ersten Reflexen. Natürlich ist es richtig, Menschen, die aus schlimmer Lage fliehen, zunächst aufzunehmen, anstatt Rassismus und Haßparolen zu schüren, bis am Ende, wie in Lichtenhagen, Häuser brennen. (Wobei man auch dort mutmaßen kann, daß in Rostock von Seiten der CDU-Politik durch Absenz der Polizei bewußt eskaliert wurde, um dann Ende 1992 ein verschärftes Asylgesetz durchzuboxen und die SPD zu bewegen, diesem Gesetz zuzustimmen. Anderes Spiel und anderes Feld jedoch.)

Nach den Moralisierungen und den ersten Reflexen aber sollte man zugleich die Frage nach den Motiven anschließen, die solchen Handlungen zugrunde liegen:  Weshalb fliehen Menschen und was sind die tatsächlichen Ursachen? Weshalb öffnen da Leute die Grenzen? Zumal wenn das von einer Partei wie der CDU kommt, die bisher nicht durch übertriebene Sozialpolitik auffiel. Mich verwundert immer wieder, mit welcher ungeheuren Naivität einer Politikerin Bewunderung oder Anerkennung entgegengebracht wird. Von Menschen vor allem, denen Begriffe wie Ideologiekritik und Kritik der Politischen Ökonomie eigentlich vertraut sein sollten. Lediglich einige wenige wie Sahra Wagenknecht bewahren ihren kühlen Kopf und weisen auf die Ursachen von Flucht hin, drängen darauf, insbesondere im globalen Maßstab zu denken, zu schauen, wem man eigentlich zu welcher Zeit Waffen verkaufte. Ebenso aber konservative Mahner wie Safranski und Sloterdijk, der hier entgegen dem neoliberalen Wirtschaftspragmatiker Herfried Münkler die richtige Intuition zur Sprache brachten – freilich in Gestalt des falschen Bewußtseins, so müßte man melancholisch scherzend hinzufügen.

Ein weiterer interessanter Aspekt in diesem Interview ist Goeschels Kritik des Sozialstaates, und zwar primär unter dem Gesichtspunkt der Ideologie, die dahinter steckt und nicht um ihn von hinten herum auszuhebeln. Der Sozialstaat kontinentaleuropäischer Prägung dient der Befriedung und ist lediglich die freundliche Kehrseite kapitalistischer Produktion. Mit anderen Worten: Sozialdemokratismus. Hier wird ein schöner Topos der Kritik der 60er und 70er Jahre aufgegriffen. Solange es einen starken Gegner wie die UdSSR gab, war man gewillt, die eigene Sache schmackhaft zu machen und es gab etwas zum Verteilen. Geld ist ein ganz besonderes Elixier. Und dann doch wieder nicht, denn in seiner Funktion bleibt es simpel. Sich einmal wieder die Schriften von Marx zur Hand zu nehmen und gegen den Strich – auch gegen den des sogenannten linken Common Sense – zu denken, wäre an der Zeit. Und das eben bedeutet zunächst, eine historische Situation nach ihren Strukturen zu untersuchen. Die Frage „Cui bono?“ spendiert sicherlich keine Welterklärungsformel und was sich aus ihr in zunächst simpler Antwort ableiten läßt, erscheint oft vielschichtiger und differenzierter als man anfangs meinte, insofern ist für Verschwörungstheorien in einer Analyse wenig Platz. Heuristisch und im Sinne einer Perspektivierung der politisch-ökonomischen Kritik kann diese Frage jedoch Brauchbares liefern, um weiter und in die Tiefe gehend zu forschen.

Daß in diesem Interview jemand auf das hinweist, was bei Marx Pauperismus genannt wird und mit kühlem Kopf die Sache beim Namen nennt, ist höchste Zeit. Die „Klassengesellschaft der billigen Arbeit“ – genau darum geht es. Und genau das verunsichert die Menschen, die mit den Neuangekommenen um die billige Arbeit konkurrieren müssen. Vorwärts und nie vergessen, linke Freunde: Konkurrenz ist die Devise. Das wußte übrigens schon in den 90ern im Pop die Band „Lassie Singers“ zu berichten: „Was hält uns noch zusammen? Vielleicht nur Konkurrenz.“ Zumindest gilt diese als stiftendes, treibendes Prinzip im Kapitalismus.

„Der Pauperismus bildet das Invalidenhaus der aktiven Arbeiterarmee und das tote Gewicht der industriellen Reservearmee. Seine Produktion ist eingeschlossen in der Produktion der relativen Übervölkerung, seine Notwendigkeit in ihrer Notwendigkeit, mit ihr bildet er eine Existenzbedingung der kapitalistischen Produktion und Entwicklung des Reichtums. Er gehört zu den faux frais der kapitalistischen Produktion, die das Kapital jedoch großenteils von sich selbst ab auf die Schultern der Arbeiterklasse und der kleinen Mittelklasse zu wälzen weiß.“ (Karl Marx: Das Kapital)

Es mögen Äußerungen Goeschels wie die vom Merkel-Regime überspitzt sein – und damit nimmt die Rhetorik dem Sachgehalt leider den Stachel – und Begriffe wie Umvolkung sind problematisch, wenn man diesen Begriff unmittelbar auffaßt. Dennoch trifft er in seiner Provokation einen Kern und enthält ein Moment der Wahrheit. Was zunächst unter einer ethnischen Perspektive erscheinen mag, reicht sehr viel tiefer und betrifft grundsätzliche Arbeitsverhältnisse, die genau damit zu tun haben, daß ganze Bevölkerungsgruppen umgesiedelt werden. Kriege, die auf Dauer gestellt werden, sind ein probates Mittel:

Frage: Das mit der „Umvolkung“ ist Ihnen jetzt aber nur so herausgerutscht ?

Goe.:Das ist mir keineswegs „nur so herausgerutscht“.  Dieser Begriff beschreibt in treffender Bildhaftigkeit eine dritte Funktion des Sozialstaats-Prozesses: Die Zerstörung sozialer Formationen durch Individualisierung, die Ausgrenzung ganzer Gruppen durch Stigmatisierung; die Importation und Deportation von zunächst Arbeitsbevölkerungen etc.  Der nationale Diskurs konzentriert sich bei seinem Gebrauch von „Umvolkung“ auf den ethnischen Aspekt, ich sehe die Sache eigentlich noch düsterer:  Wenn man den sozialen Aspekt hervorhebt, dann fällt einem sofort wieder ein, wie das Merkel-Regime mit dem Diktat von „Strukturreformen“, d.h. Sozialstaatsreformen die nationalen Sozialordnungen der europäischen Nachbarländer regelrecht zerstört, deren Volkswirtschaften als Konkurrenten fast ausgeschaltet und diese Völker in weiten Teilen in schlimmste Not getrieben hat. Der „Willkommensputsch“  des Regimes stellt sich in diesem Zusammenhang als weitere Etappe in der Realisierung eines „Masterplans“  (Gertrud Höhler) zur Herstellung einer, wie ich es nenne, „Klassengesellschaft der billigen Arbeit“ in der EU dar. Diesmal unter Einsatz der „Migrationswaffe“ gegen die Grenzen der Nachbarländer und gegen die Rechte der Leute in Deutschland.“

Im Detail kann man an diesem Interview Aspekte kritisieren. Aber Goeschel weist implizit auf eine Tendenz, die der merkelbesoffenen Linken Anlaß zum (Nach)Denken geben sollte und Gründe, die Waffen der Kritik wieder zu wetzen. Nehmt endlich die Universalmoral aus dem Denken heraus, solange sie nur als fungible Spielmarke marktliberaler Politik gesetzt wird!

Über Bersarin

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33 Antworten zu „Klassengesellschaft der billigen Arbeit“ und was das mit den Migrationsbewegungen zu schaffen hat. Ein Abschweif zum Pauperismus

  1. Herwig Finkeldey schreibt:

    Ich glaube nicht, dass man sich Feinde alleine dadurch macht, dass man einige Unvermeidbarkeiten beim Namen nennt. Nicht die Bewohner der ererbt-erworbenen Dachgeschosse in Berlin Prenschelberg sind es, die die Zeche zu zahlen haben. Und das wissen auch alle. Und vor allem: Es gibt eine Zeche!

    Was Merkels historische Leistung werden könnte, ist vielleicht folgendes: Der Versuch, die unbequeme Wahrheit der Globalisierung gesellschaftsfähig zu machen. Wahrscheinlich ist sie nicht mehr lange Kanzlerin. Aber wenigstens hat sie dann den Leuten gesagt, sagen müssen, dass man sich auf gewaltige Veränderungen einzustellen hat. In 100 Jahren wird die Bevölkerung in Mitteleuropa anders zusammen gesetzt sein als heute (und heute ist sie schon anders als vor 60 Jahren z.B.). Wenn es einen bemerkenswerten Satz Merkels gibt, dann nicht das „Wir schaffen das“ sondern ihre Aussage, dass auch sie sich zu lange auf Dublin verlassen hat.

    Gegen die neue Migrationsbewegung (die nicht neu ist, sie wurde bisher nur von den nordafrikanischen Despoten unterdrückt – daher auch das jahrelange Zaudern des Westens gegen diese) gegen diese Bewegung also hilft kein Zaun der Welt. Wie weit ist die deutsche Gesellschaft, mit diesem ebenfalls unvermeidbaren Teil der Wahrheit umzugehen?

  2. Bersarin schreibt:

    Nein, es hilft da kein Zaun. Aber es gibt ein Recht eines jeden Menschen auf Heimat und Bleibe. Ich glaube ganz einfach nicht, daß Menschen freiwillig ihre Region verlassen, weil es bei uns in Europa hübscher ist. Sie machen sich auf eine Wanderung über Tausende von Kilometern, durch größte Gefahren – es verrecken übrigens in der Sahara noch viel mehr Menschen als im Mittelmeer, aber die Sahara liefert keine Bilder, da kommen auch die Reporter nicht mehr hin –, um ein besseres Leben zu fristen, um hier in Europa ein wenig billige Arbeit zu bekommen. Verständliche Motive. Dennoch sollten wir die ökonomischen Gründe im Blick behalten, die solchen Wanderungen zugrunde liegen. Und es muß mit allen Mitteln versucht werden, in den Ländern selber etwas zu verändern. Das sind sicherlich komplexe Prozesse, die wir nicht hier im Blog und auch nicht in den Illustrierten und Online-Foren dieser Welt lösen werden.

    Die Menschen auf unvermeidliche Völkerwanderungen einzuschwören, ohne die Ursachen zu nennen, halte ich für Betrug. Und in einem rein staatspragmatischen Sinne, wie das auch Sloterdijk und Safranski sehen: Es ist die Pflicht von Staaten und Gemeinschaften zu regeln und zu schauen, wer herkommt. Und vor allem: dort die Ursachen von Not und Flucht zu bekämpfen, wo es möglich ist. Dazu gehört wesentlich die Wirtschaftspolitik der EU, die ihre Agrarprodukte subventioniert, um sie dann in Marokko oder anderswo billig auf den Markt zu werfen und die lokale Versorgung auszuhebeln. Es sind viele Details und einzelne Aspekte, die zusammenkommen. Eben auch auf lokaler Ebene, wenn korrupte afrikanische Regime regieren. Und das hat nur sehr bedingt etwas mit dem Kolonialismus und dem bösen weißen Mann zu tun, sondern es handelt sich leider ebenso um hausgemachte Probleme von Despoten.

  3. Herwig Finkeldey schreibt:

    Solange die nordafrikanischen Despoten und – als diese erste Bastion geschleift war – Südeuropa die Drecksarbeit übernahm, war bei uns alles in Butter (im wahrsten Sinn: Der europäische Butterberg). Nun wird klar, dass die Globalisierung, deren eine Hauptgewinner Deutschland heißt, auch uns negativ treffen kann. Das könnte den nötigen politischen Druck hin zu einer veränderten Wirtschaftspolitik geben.
    Was abzulehnen ist, sind die politischen Rattenfänger. Die LePens und Petrys dieser Welt wollen von solchen Zusammenhöängen natürlich nichts wissen. Für die kommt halt minderwertiges Material nach Europa, so einfach ist das. Und für die ist Merkel auch eine Verräterin am Volksgedanke, eine gefallene Konservative. Deswegen diese über alles Maß hinaus gehende Radikalität im Ton gegen sie bis hin zur Todesandrohung, Töne, die mich zu Recht an die Töne gegen die Konservativen Rathenau, Erzberger und Stresemann vor 90 Jahren erinnern („knallt ab den Walter Rathenau, die gottverdammte Judensau“ oder „Stresemann verwese man!“).

  4. Bersarin schreibt:

    Den Rattenfängern, den simplen Analysen und Schuldzuweisungen sollte man natürlich nicht auf den Leim gehen. Aber Petry ist uninteressant und unwichtig. Ich halte diese ganzen Mediendiskurse für ein nettes Ablenkungsmanöver. Genauer betrachten sollte man sich freilich Le Pen, da die Situation in Frankreich eine andere ist und dort der politische Islamismus fest den Fuß in der Tür hat. Für die BRD kann ich nur immer wiederholen: Wehret den Anfängen. Allerdings sind nicht die Petrys hier Ursache, sondern das ist nur ein Abgeleitetes.

    Wenn ich allerdings das Interview lese, das Jürgen Todenhöfer mit islamistischen Terroristen führte – Rebellen nennen es euphemistisch die Nachrichtensendungen -, dann frage ich mich ernsthaft, von welchen westlichen Werten noch die Rede ist, die Merkel im Namen auch der USA im Munde führt und was diese sogenannten Menschenrechte eigentlich bedeuten sollen, außer das sie ein Macht-Instrument sind.

    http://www.ksta.de/politik/interview-mit-al-nusra-kommandeur–die-amerikaner-stehen-auf-unserer-seite–24802176

    http://www.ksta.de/politik/interview-mit-al-nusra-kommandeur–die-amerikaner-stehen-auf-unserer-seite–24802176-seite2

  5. Herwig Finkeldey schreibt:

    Der Schlaf der vernunft gebiert Ungeheuer – mehr als Goya ist dazu nicht mehr zu sagen.

  6. Bersarin schreibt:

    So ist es, man kann diesen Manipulationen – egal von welcher Seite sie stammen – eigentlich nur die Fakten entgegenhalten. Wobei man diese eben auch zu deuten und zu lesen lernen muß.

  7. Jumid schreibt:

    @Bersarin
    Nein, das glaube ich nicht, dass man vielen nur Fakten vorhalten kann . So sehr ich mich freute, in Deinem Artikel die unterdiskutierten sozialen und ökonomischen Zusammenhänge von einem ganz und gar nicht konservativen Menschen angesprochen zu sehen in Zeiten, in denen diese Zusammenhänge in verzerrender Weise von CSU bis AFD ins Spiel gebracht, so enttäuscht war ich, als ich das Interview von Goeschel las. Die Wege von links nach rechts sind dann kurz, wenn man sich diese Dichotomie von Ökonomismus und moralischen Universalimus aufzwängen lässt. Das war der Gedanke, den ich – in anderem Zusammenhang gegen hANNESwURST in der Burkadebatte vorgetragen habe. Hier, bei Goeschel, scheint mir nur das Vorzeichen gewechselt, Politik erscheint als bloßer Sklave der Ökonomie, Politik kann sich Goeschel nur als Hörigkeitsverhältnis vorstellen, so dass er direkt im verschwörungstheoretischen Umfeld landet. Frau Merkel ist als Befehlsempfängerin interessierter Kreise eher nicht zu begreifen, obwohl sie deren Interesse häufig bedient – keine Frage. Aber damit unterstellt man ihr in der Frage der Flüchtlinge eine strategische Rationalität, die sie m.E weder hat, wenn man ihre Entscheidung im Nachhinein als moralische hochjubelt, noch wenn man sie als direkte Erfüllungsgehilfin der von Goeschel dargestellten Interessen darstellt. Im zweiten Falle fühlt man sich auch offensichtlich ermuntert, Dinge mit „Umvolkung“ und „Blitzkrieg“ anzusprechen, was Dich ja auch stören: Mit dieser Haltung kompletter Amoralität verdampfen offensichtlich sowohl ein Minimalanstand wie auch, in der Simplizität seiner mechanischen Vorstellung von Realität, das Niveau seiner Äußerungen. Es gibt durchaus eine Form von Zuspitzung, die sich selbst auch dann ins Unrecht setzt, wenn sie einen richtigen Punkt trifft. Solche Polemik kann ich nur als unhistorisches Umsichschlagen wahrnehmen, dass auch noch in Haltung eines merkwürdig zu lesenden Triumpfes vorgetragen wird. Damit stellt er sich zumindest suggestiv in die Reihe derer, die keinen Unterschied zwischen Faschismus und vom bürgerlichen Erbe zehrenden Systemen mehr sehen. Einen Raum für eine irgendwie noch sinnvolle politische Bewegung lässt das im Grunde nicht mehr, jede Opposition wird dann zur systemerhaltenden, illusionären Vergeblichkeit. Ich scheue mich, beider Namen wegen des Niveauunterschiedes in diesem Zusammenhang überhaupt zu nennen, aber: dieses war auch die Intuition von Habermas gegenüber Adorno, die ich nachvollziehen kann, auch wenn ich die Resultate von Habermas` theoretischen Bemühungen in vielem nicht teilen kann. Auch Adorno ist nicht frei davon, wenn er direkt, er würde vielleicht sagen: doch allzu handfest, von der Logik des transzendentalen Subjekt Kant´s bei der gesellschaftlichen Struktur des Kapitalismus landet in einem Buch, in dem er der Erfahrung des Faschismus tief erschrocken und verzweifelt zu Leibe rückt: der „Dialektik der Aufklärung“. Aber nochmals: zwischen beider Niveau klaffen Abgründe. Und Adorno scheint hier durchaus bisweilen unentschieden, gebrochen, in sich widersprüchlich – widersprüchlich auf eine Art, die nicht aus seiner Theorie hervorgeht, sondern ihr widerspricht. Ich meine nicht dialektisch widersprüchlich. Einen sinnvollen Handlungsspielraum sehe ich in vielen Passagen nicht. Ich wäre auch vorsichtiger als Du mit Sätzen wie: Moral gibt es nicht. Diese Annahme reicht tiefer als die Behauptung, sie sei in den Bewegungen eines Systems nicht der bestimmende Faktor. Wer so spricht, widerspricht der Autonomie- und Freiheitsmöglichkeit von Menschen überhaupt. Das macht, konsequent gedacht, im Grunde jede Diskussion völlig sinnlos.

  8. Bersarin schreibt:

    Mir geht es insbesondere um jene Kritik an Merkel und um den Merkel-Kult, der teils von links betrieben wird, auf den Goeschel aufmerksam macht. Anstatt daß man sie, wie es Sahra Wagenknecht tut, von links her kritisiert, schmiert man einem durch und durch fragwürdigen Konzept Honig um den Mund. Daß Goschel in seinem Interview auch eigenartige Positionen vertritt, steht außer Frage. (Gertrud Höhler zu zitieren, ist wenig vertrauenseinflößend. Und simple Erklärungen, daß Merkel eine Befehlsempfängerin ist und den USA die Drecksarbeit mit den Flüchtlingen in Europa abnimmt – so zumindest kann man Goeschel implizit lesen –, müßte man schon belegen können. Ansonsten bleibt sowas Spekulation. Kann sein, kann genausogut nicht sein.)

    Begriffe wie Blitzkrieg sollte man als problematisch lesen – aber wir alle wissen schließlich, woher das Wort herrührt –, und ich bin da weniger empfindsam. Goeschel braucht den Begriff als rhetorisches Element und in polemischer Absicht. Das kann manchmal notwendig sein.

    Weiterhin geht es mir um eine ökonomische Kritik, insbesondere, was die Begriffe Kapital, Arbeit und Lohn angeht. Dabei stehen die Fakten keineswegs unbezüglich im Raum, sondern sie sind in den Zusammenhang gebettet. Das z.B. zeigt Goeschel ja auch im Kontext von billiger Arbeit durch eine Masse Ungelernter und die Auswirkungen auf die Nachbarländer der BRD – in diesem Sinne ist auch der Begriff Blitzkrieg motiviert. Primär geht es denen aus der CDUFDPSPDGRÜNEN, die nun das Hohelied auf den Migranten singen, keineswegs um die humanitäre Maßnahme. Das Gesicht der Menschlichkeit hätte die CDU unter Federführung von Merkel gut und gerne auch zu anderen Anlässen uns zeigen können – etwa in der Sache Griechenland. Dort aber wurde, wie bereits damals im Falle Portugal mit neoliberaler Härte vorgegangen. Insofern mein Plädoyer, die Ökonomie nicht aus dem Blick zu verlieren, insbesondere wie im Fall der Flüchtlingskrise, wo dann von christlicher Moral gerne gesprochen wird. Ich will die nicht abstreiten, aber bei Politikern, die ansonsten nicht gerade für Sozialpolitik berühmt sind, scheint es mir fragwürdig. Politik hat in etwa soviel mit Moral zu tun wie eine Papstwahl mit dem Urchristentum.

    Ich sagte übrigens nicht, daß es Moral nicht gibt. Sie existiert natürlich. Aber sie steht in Funktionszusammenhängen, und sie ist selten so rein und universal, wie sie sich gerne geriert. Im Philosophieseminar mag das so sein. Im Pragmatischen und im Alltag in der Regel nicht. Das transzendentale Subjekt und damit auch das Faktum der reinen Vernunft, aus dem sich der Kategorische Imperativ ableiten läßt, und das Warengesetz in Analogie zu bringen, ist von der frühen Kritischen Theorie und insbesondere von Sohn-Rethel nicht dumm gewesen – und sicherlich klüger und interessanter als Foucaults strukturale Ableitungen von Wissen, Wahrheit und Subjekt, weil in der Kritischen Theorie die Ökonomie berücksichtigt wurde, die bei Foucault eher am Rande ihren Platz hat – als Teil der Humanwissenschaften, wie in der „Ordnung der DInge“ (müßte ich jedoch nochmal genauer nachlesen). Foucault und die Kritische Theorie wären an solchen Stellen zusammenzubringen und ließen sich gut ergänzen. Was das Relationale von Moral und von Werten betrifft, so nehme man nur die Menschenrechte und die sogenannten Menschenwürde: ein Land, das sich, wie die USA, darauf beruft und in gleichem Maße in Syrien Terroristen unterstützt, die auch Europa in Schutt und Asche zu legen gewillt sind – da scheinen mir solche hehren Begriffe doch fragwürdig. Vielleicht nicht an sich fragwürdig in ihren möglichen Gehalten (Aktualität und Potentialität spielen hier mir), sondern insbesondere in ihren Funktionen: es sind Begriffe des Imperiums. Herrschaftsbegriffe, die, wie der der Freiheit, fein klingen. Aber wer an Hegel geschult ist, wird Bedeutung, Gehalt und Realisation des Begriffs in den Blick nehmen. Immer wenn jemand von Moral spricht und sie posaunt, sollte man gut schauen, was er damit meine. Ich bin da ganz bei Nietzsches Genealogie. Sowieso: Marx und Nietzsche!

    Adornos Wissen von der völligen Aporie halte ich für mehr als angebracht. Man wird allenfalls im kleinen die Stellschrauben ein wenig hier und da lockern und so treidelt es von Sozialdemokratismus zu Sozialdemokratismus. Aber das System als solches paßt sich in seinen Ausprägungen und Möglichkeiten immer wieder selbsterhaltend an die neuen Bedingungen an. Geradezu reflexhaft. Und aus diesem Grunde gehöre ich eher zu den Freunden der Systemtheorie und nicht zu denen von Habermas, der es sicherlich gut meint.

  9. Dieter Kief schreibt:

    @ 14:22 Uhr – Grad reden Sie noch für Adorno, schon sind Sie 2 Zeilen weiter für die Systemtheorie. Und is‘ es Wahnwitz auch – so folgt‘ es doch der Mode?!

  10. che2001 schreibt:

    Mich wundert es, wenn hier von einer Pro-Merkel-Linken die Rede ist. Die Linken, die ich kenne, sind nicht pro Merkel, sondern regen sich über die Verlogenheit der deutschen Flüchtlingspolitik auf. Im Übrigen ist die Grundlage der Kriege in Syrien, Kongo, Libyen, Jemen und Mali immer die Gleiche: Modernisierung des Kapitalismus durch negative Bevölkerungspolitik, Entscheidung von Verteilungskämpfen durch Vernichtung der überflüssigen Esser. Auschwitz als Role Model der sogenannten Entwicklungspolitik haben wir schon seit den Siebzigern, nur geschieht diese Umsetzung inzwischen nicht mehr per IWF, sondern schon runtergebrochen auf Stammeskonflikte. Der Jugoslawienkrieg lieferte dazu die Blaupause. Eine Linke, die sich mit PC- und CW-Fragen beschäftigt nimmt das Alles aber gar nicht mehr wahr. Dieser Kontext wäre aber DER Ansatzpunkt zu aktueller Systemkritik.

  11. Dieter Kief schreibt:

    Sehe grade, dass sich che für Mali interessiert –

    http://www.srf.ch/sendungen/kontext/ohr-zurueck-ein-kultursonntag-in-bamako

    informative Reportage – und informatives Gespräch darüber mit dem Afrika-Kenner Ruedi Küng.

  12. „Der Sozialstaat kontinentaleuropäischer Prägung dient der Befriedung und ist lediglich die freundliche Kehrseite kapitalistischer Produktion. Mit anderen Worten: Sozialdemokratismus.“

    Das klingt, als sei der Sozialstaat eine Erfindung der Kapitalisten, um die Ausbutung zu steigern, aber das glaube ich nicht.

    Historisch gesehen ist der Sozialstaat von der Arbeiterbewegung erstritten worden, gegen den Wiederstand von Kapitalisten und Staat, die sich mit Zähnen und Klauen gegen kürzere Arbeitszeiten und aus Steuern finanzierte Sozialprogramme gewehrt haben. Der Hinweis auf Bismarck zeigt natürlich, dass seine Einführung auch dem Interesse der Kapitalisten entgegen kam, aber es war sicher nicht umsonst der Staat (und nicht die Kapitalisten selber), der ihn einführte.

    Die Massenflucht sehe ich dementsprechend auch eher als einen Versuch, den Sozialstaat zu zerstören, indem man ihm möglichst viele Leistungsempfänger zuführt, ohne die Zahl der Beitragszahler entsprechend zu erhöhen. Forderungen nach z.B einer Aufhebung des Mindestlohnes für Flüchtlinge hat es ja auch schon gegeben. Passt alles ins Bild.

    Eine entscheidende Fluchtursache dürfte sein, dass es in den Herkunftsländern der Flüchtlinge eben keinen Sozialstaat gibt; da musst du Kinder haben, damit sich im Alter jemand um dich kümmert, denn es gibt keine Rentenversicherung. Und du musst viele Kinder haben, weil sie u.U. frühzeitig sterben, denn es gibt auch keine Krankenversicherung. usw. Und ihre Einführung würde schon daran scheitern, dass niemand einsieht, warum er Geld für anderer Leute Krankheiten bezahlen sollte.

    Ich frage mich auch, welche Alternativen denn die Verächter des Sozialstaates zu bieten haben? Goeschel spricht am Ende des Interviews von einem „Grundeinkommen für alle“; als wenn es das nicht schon gäbe in Gestalt von Hartz IV. Dass Hartz IV zu wenig für ein anständiges Leben ist.ist natürlich klar, aber das ist kein Fehler des Sozialstaates als solchem.

  13. @Che: ich halt die These von der Schuld des Kapitalismus an den kriegen in der III. Welt für vorgeschoben. Sie dient nur dazu, die Verantwortung der Leute selber für ihre schlimme Situation aus dem Blick zu drängen. Niemand zwingt sie dazu, ständig Kriege Stamm gegen Stamm und Clan gegen Clan zu führen.

    Musterbeispiel ist Südsudan: „Der Südsudan verfügt über Bodenschätze, insbesondere Erdöl, und wurde seit dem Friedensabkommen auch an den Gewinnen hieraus beteiligt. Eine Studie der Weltbank gelangte zu dem Ergebnis, dass die Beteiligung an den Erdöleinnahmen, die der Autonomieregierung zufloss, ausreichen würde, um die Armut zu bekämpfen und die Lebensbedingungen der Bevölkerung zu verbessern. …Korruption gilt als bedeutendes Entwicklungshindernis. … Am 15. Dezember 2013 brachen innerhalb der SPLA Feindseligkeiten zwischen Anhängern des zu den Dinka gehörenden südsudanischen Präsidenten Salva Kiir Mayardit und des von Mayardit am 23. Juli 2013 entlassenen Vizepräsidenten Riek Machar, der Angehöriger der Nuer ist, aus. … Auf Druck der Afrikanischen Union erklärten sich beide Konfliktparteien zu Friedensgesprächen bereit. Delegationen der Regierung und der Rebellen kamen am 3. Januar 2014 in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba mit Vermittlern des ostafrikanischen Staatenbundes IGAD zusammen. Am 23. Januar 2014 unterzeichneten beide Seiten einen Waffenstillstand. Die Nuer setzten ihre Angriffe allerdings fort.“

    https://de.wikipedia.org/wiki/S%C3%BCdsudan

  14. Bersarin schreibt:

    @ Dieter Kief: Marx und Nietzsche, Adorno und Heidegger, Kritische Theorie und Systemtheorie. Habermas und Derrida. Widersprüche denken, Gegensätze in der Montage auf die Spitze treiben. Neu anordnen.

    Mode ist es übrigens nicht unbedingt, Systemtheorie und Kritische Theorie zusammenzubringen. Zumal wenn man vom Hegelschen Holismus aus denkt, hat die Systemtheorie dialektische Züge, die aufs Ganze gehen. Bereits in den 70er und 80ern gab es ja diese Front, von denen, die mit den Habermaschen Vermittlungsleistungen des Kommunikativen und im folgenden dann mit der Diskursethik sowie mit „Faktizität und Geltung“ nicht viel anzufangen wußten. Später dann kam noch der sogenannte Poststrukturalismus mit hinzu, dem sich der eine oder andere Kritische Theoretiker zuwandte So auch der Betreiber dieses Blogs.

    @ El_Mocho: Das bedingungslose Grundeinkommen ist leider eine komplexe Sache. Sie hat etwas für sich, aber im falschen System und unter falschen Prämissen kann sie genauso Falsches bewirken. Hartz IV allerdings ist die schlechteste Variante und hat nichts von BGE. Wenn Du mal Dir anschaust, wie da Menschen auf Ämtern geschurigelt werden und niedergemacht werden, schikaniert und drangsaliert, dann kriegst Du die reine Wut. Zudem gibt es Menschen, die da niemals mehr herauskommen und die immer im Hartz IV bleiben. Diese Schikanen verfolgen eigentlich nur einen Zweck: Den Niedriglohnsektor zu etablieren, damit für den herabgesunkenen Mittelstand alle Arbeitsbedingungen, noch die schlechtesten, erträglicher sind als Hartz IV.

    In pragmatischer Sicht mag es richtig sein, auf eine evolutionäre Veränderung im Sozialen zu setzen. Ich bin aber nur bedingt Pragmatiker und wechsele die Perspektiven.

    @ che: Das globale Denken und eine umfassende Kritik bei Teilen der Linken fehlt in der Tat. Sei übrigens froh, daß Du andere Linke noch kennst, als die Pro-Merkel. In der Berliner Medienblasenwelt ist diese „Linke“ leider zahlreich vertreten. Kritik geht lange nicht mehr aufs Ganze und wagt das, was für Marx eigentlich eine Selbstverständlichkeit war.

  15. Jumid schreibt:

    @Bersarin
    Die kleine Kontroverse dreht sich glaube ich nicht so sehr um Frau Merkel: da sind wir uns wohl mehr oder weniger einig. Eigentlich nicht ganz so wichtig. Und Frau Höhler ist natürlich das, was man liberal-konservativ nennt. In der „Patin“ beschreibt sie Frau Merkel als inhaltlose, nur machtversessene Funktionärin. Frau Höhler würde dieser Kanzlerin ganz sicher keinen ethischen Impuls zutrauen. Sie beschreibt eigentlich den völlig systemindifferenten Typus des Funktionärs, für dessen Karrierefortschritte DDR und BRD keinen Unterschied machen. Er ist als Typus mangels eigener, über Macht hinausgehender Impulse an keinem Inhalt interessiert, und gerade das macht die Stärke Merkels aus. Es gibt ja wenig, was sie nicht schon gesagt – oder bei der wolkig unkonkreten Art zu sprechen muss man wohl eher sagen: suggeriert – hätte, um anschließend das blanke Gegenteil zu tun. „Teflongemüt“ beschreibt es treffend, alles perlt irgendwie ab, nichts haftet, kein Widerspruch wird mhr als solcher wahrgeniommen. So auch in der Flüchtlingsfrage. Ihr das als Haltung zuzuschreiben, erstaunt uns beide maßlos. Frau Merkel kennt nur Meinungen ohne Inhalt, Leidenschaften ohne Gegenstand, Parteien als Mehrheitsbeschaffer, Standpunkte nur als Pose einer Augenblickserleuchtung. Was sie aber begriffen hat wie kaum jemand sonst ist, dass Macht in der Blockade anderer besteht, am Abprallen lassen von Menschen, die wenigstens mal einen Standpunkt haben. Das braucht sie, um sich zu bewegen, eine Vorgaben, deren Urheber sie dann auflaufen lässt, oft um sich ihren Standpunkt formal anzueignen, damit sie ihn innerlich aushöhlen kann. Das ist immer systemkonform, deshalb muss sie gar nichts wollen, um das System zu repräsentieren. Das wäre ihrer Macht geradezu abträglich, weil sie sich in die Gefahr begibt, bei politischen Differenzen innerhalb des Systems mal eben auf der falschen Seite, der Minderheitenseite, zu landen. Das ist ihr nu passiert. Dumm gelaufen!
    Die Beschreibung ökonomischen Zusammenhänge teile ich im Großenganzen, zumindest wenn man sie nicht so reduktionistisch sieht wie sich das bei Goeschel darstellt. Ich denke, sie sind im Wesentlichen richtig gesehen, wenn auch zu einseitig, auch viel zu wenig angesprochen. Dass es zu einseitig ist, indem nur eine Seite des natürlich widersprüchlichen Sozialstaatsgedankens stark gemacht wird von Goeschel, hebt m.E. zu Recht @El_Mocho hervor. Helmut Schmidt hat neben vielem Altersunsinn einmal etwas sehr Entscheidendes hervorgehoben: Der Sozialstaat sei die kulturelle Errungenschaft Europas im 20-ten Jahrhundert. Dieses Pathos teile ich trotz der Widersprüchlichkeit des Sozialstaates, und trotz der großen Unterschiede, die es in seiner Ausgestaltung politisch gibt. Meinetwegen nenn´ das Sozialdemokratismus (wenn damit nicht die aktuelle SPD gemeint ist). Das Wort „Sozialdemokratismus“ entstammt ja einem Zusammenhang, der nur die Alternative kannte: Umwälzung oder Bestätigung des Ganzen, in Frankreich: Sozialismus oder Barbarei.
    Sprachlich bin ich weniger großzügig als Du: ich erwarte vom einem Professor an der Universität durchaus, dass er sich bei dem großen, und durch Kreativität jederzeit zu vergrößernden, Repertoire an sprachlich polemischen Möglichkeiten, das es gibt, nicht derartige Missgriffe leistet. Mir erschließt sich nicht der Erkenntnisgewinn, der in der Mottenkiste rechtsemotioneller Begriffe schlummern und durch Hervorkramen des Gerümpels erwachen könnte. Polemik sehe ich halt nicht neutral, obwohl sie Zusammenhänge schlagartig beleuchten kann (wie Du es wahrscheinlich hier siehst) oder aber verdunkeln, indem man sich schlicht mal Analysen und Begründungen durch Intensitätssteigerung erspart (so sehe ich diesen Fall). Das Gleiche gilt für Verschwörungstheorien. Wie man sich polemisch Begründungszusammenhänge durch Ausweichen ins Rhetorisch-Derbe ersparen kann, nimmt man´s aus gleichen Gründen in der Verschwörungstheorie (Frau Merkel als platte Agentin des Kapitals –huuh ) gerne persönlich. Aber da mögen wir unterschiedliche Empfindlichkeiten und Maßstäbe (Unterschiede horizontal, nicht vertikal lesen bitte) haben, darauf kommt es vielleicht auch nicht so an. Soweit also die mildere Version Dir gegenüber.
    Die strengere Goeschel gegenüber lautet folgendermaßen: er setzt die widersprüchlichen, sozialdemokratischen Gesellschaften der Nachkriegszeit dem Faschismus in polemischer Verkürzung gleich. Das geht gar nicht, es erhellt auch nichts in der Sache. Begründe ich bei Bedarf gerne. Und auch, warum ich meine, dass man so in die unappetitliche Nähe faschistischer Schmierlappe gerät.
    Zu Adorno, den ich in meinem letzten Beitrag erwähnte: Wer eine Aporie, nicht nur im Denken, sondern als Realabstraktion, für total hält, bei dem Drehen auch die kleinen Stellschrauben im Leeren, im Unsinnigen, im Nichts, oder noch pointierter ausgedrückt: ich drehe an ihnen in der Illusion, im Gesamten, oder bescheidener: im Detail, ein wenig zum Besseren zu wenden, während ich in Wirklichkeit den in der Aporie sich zeigenden Gesamtzusammenhangen mit der Bewegung des Einzelnen nur fester verschraube, in etwas merkwürdig klingender, unmöglicher Steigerung die Aporie nur aporetischer mache. Mir ist nicht einsichtig, wie man mit einem bisschen Drehen der Totale entkommen sollte. Das ist gemeint. Die Frage ist nun, ob Adorno hier eine Handlungsoption aus seiner Theorie, hier innerhalb einer falschen Totalität, heraus begründen kann und für möglich hält oder nicht. Aus seiner Theorie heißt: nicht einfach so als Mensch, als netter Nachbar, Bruder, christlicher Nächster des Nächsten, der jetzt mal Theorie Theorie sein lässt, um die Ärmel mal kräftig fürs Gute aufzukrempeln, sondern systematisch als historisches Subjekt innerhalb des Zusammenhangs des Ganzen. Das wäre die Frage. Wir müssen sie nicht beantworten, aber sie ist nicht ganz sinnlos. Auf metaphysische Art träfe diese Kritik auch Nietzsche, für den Moral ein Schritt ins Verderben ist.
    Meine Bemerkung zur Moral bezog sich auf Sätze von Dir wie diese: „Sie wissen doch ganz genau, dass ich Moral für eine Maskerade halte.“ – ähnliche Sätze ohne einschränkenden, erläuternden Zusatz fand ich häufiger. Ich messe ihnen Gewicht bei, weil sie eben so gut zu Nietzsche passen, der in Fragen der Moral nur strategisches Denken kennt. Eine etwaige Einschränkung hingegen würde nicht zu Nietzsche passen. Und hier sind wir natürlich beim Theorienpotpourri, innerhalb dessen Du Dich bewegen möchtest. Und fürchten muss man, dass eine Diskussion deswegen schwierig wird, weil dann ein Theoriengehopse begänne, das einem Hase- und Igelspiel gleicht: eine Flucht ins Ungreifbare. @Dieter Kief deutet das an, wenn er nach Mode fragt. Mode deshalb, weil Du – korrigier´ mich, wenn ich´s falsch sehe – Dich um ihre Widersprüchlichkeit eigentlich nicht weiter kümmern musst, übrig bliebe eine Zitierfähigkeit der einzelnen Gewährsmänner nach gefühlter Brauchbarkeit für den Augenblick: ein Zitatenschatz, ein recht großer, zugegeben. Und ich ahne schon: es folgt der Aphorismus, der etwas Aufsprengen möchte. Ein Zusammenhang verschiedener Denker begegnet einem so eben auch in aller Konsequenz nur im Konjunktiv, wie etwa: hier wären Adorno und Foucault zusammenzudenken. Ach, wat wär dat schön, sacht Tante Erna, während Onkel Friedrich Wilhelm dazwischen ruft: Ernaspatz, Mensch, weiste doch, der Geist muss erscheinen, sonst ist er ein Ungeist.
    Aber etwas ernster: Was das mit dem Erbe etwa der Philosophie eines Kant oder Hegel und ihrer Nachfolger, zu denen ich Adorno zähle, zu tun haben könnte, ist mir rätselhaft. Nachfolger sind sie dann, wenn sie mit dem Anspruch antreten, das dort erreichte Reflexionsniveau, auch in der Kritik an ihnen, nicht zu unterbieten. Das ist mit einem solchen Eklektizismus (bei Hegel: Epigonentum), der von Beliebigkeit kaum zu unterscheiden ist, aber m.E. nicht zu erreichen. Wenn Hegel glücklich gestorben sein sollte, dann eventuell auch deshalb, weil ihm Wörter wie „Theoriedesign“ erspart blieben. Widersprüche lösen sich aber nicht durch Pluralisierung in Luft auf. So etwa erscheint der Funktionalismus Luhmanns in keiner Weise mit dem Denken Adornos vereinbar, der eben die Reflexionshöhe der klassischen deutschen Philosophie verbunden bleibt, sei es auch nur in der Bewahrung ihres Anspruchs. Das nimmt, auch bei mancher Kritik, für Adorno ein, dass er Begriffe wie „Ganzheit“, „Metaphysik“, „Subjekt“, „Einheit der Vernunft“ nicht kampflos preiszugeben bereit ist und als negative bewahren möchte. Das meint ein Wort wie das von Dir aus der „Negativen Dialekt“ zitierte von der Solidarität mit der Metaphysik im Augenblick ihres Falls. Du schreibst: „Zumal wenn man vom Hegelschen Holismus aus denkt, hat die Systemtheorie dialektische Züge, die aufs Ganze gehen“. Sehe ich nicht so. Luhmann gehört in diesen Zusammengang auch dann nicht, wenn man in seiner differenzierten und weit ausholenden Theorie immer wieder auf erhellende Abschnitte, Bemerkungen, Zusammenhänge trifft. Darin ist er zum Teil blendend. Und faszinieren kann auch die Geste, mit der er als Anti-Hegel auftritt, in dem er gewissermaßen den Anspruch einer Theorie über Alles funktionalistisch einzulösen versucht. Natürlich kann auch eine Theorie einleuchtende Resultate zeigen, wenn sie als Ganze mangelhaft begründet ist. Und mangelhaft begründet heißt unter dem Primat innerer Kohärenz: gar nicht begründet. Das, nur zur Erinnerung, war auch eine Kritik Schellings, wenn er sagt, Kant habe die Resultate gegeben, die Prämissen allerdings sei er schuldig geblieben. Die Prämisse, sprich: das Prinzip, wäre die Einheit der Vernunft, ohne die die Resultate, wie sie in theoretischer, praktischer und teleologischer Vernunft (in den drei Kritiken also) gegeben sind, auseinanderfallen (was ja auch Habermas passiert). Ein Schelling sieht das nicht ausschließlich als einen Riss im Denken, sondern als einen Riss in der Wirklichkeit, ihrem inneren Zusammenhang als Eine. Er nennt das All-Einheit. Dieser Kohärenz fühlt sich auch noch Marx verpflichtet. Aber das Luhmannsche System und seine Elemente sind etwas völlig anderes als der Hegelsche Zusammenhang vom Ganzen und seiner Teile. Ein dafür empfindlicher Mensch wie Habermas sieht das natürlich: deshalb auch das Auseinandertreten von funktionalistischen Systemen und der Lebenswelt. Bei ihm ist die Lebenswelt dem verwandt, was die Romantiker eine Neue Mythologie genannt hätten. Um diese in sich noch darstellen zu können als ideale Sprachgemeinschaft, verabschiedet er das, was er Produktionsparadigma nennt, unter dessen Primat Marx und auch Adorno dachten (wenn auch sicher nicht als Paradigma im Kuhnschen Sinne). So weit so kurz, ich breche hier einmal etwas willkürlich ab, sonst endet es nie. Interessant wäre durchaus noch, was das wohl alles mit Populismus zu tun hätte, zu dem es im Blog „Begleitschreiben“ sehr gute Beiträge gibt.

  16. Dieter Kief schreibt:

    @ alle – & bersarin 11:05 & jumid

    Ja Wahnsinn: Faktizität & Geltung — mir tränt das Auge!!

    Jetzt noch das da in ganz kleiner Schrift: Diejenigen, die bereits in den Achtzigern wg. Faktizität & Geltung mit Habermas über Kreuz waren, wie bersarin wähnt, haben die eminenten Probleme, die das Werk für einen veritablen Haufen von DemokratietheoretikerInnen bald einmal darstellen würde, emt vorausgeahnt. Das war „an sich“ (A. Leopold) nicht so schwer, weil man wusste, oder jedenfalls damals schon wissen konnte, dass Habermas seine Lektionen so gut beherrscht, dass man ihm nur sehr schwer beikäme, wenn man wirklich nicht einverstanden wäre – und das sollte sich dann ja auch in Sachen Faktizität u Geltung wieder bewahrheiten allüberall – – bewahrheiten bis hinauf in den Hindukusch und hinten runter noch weit, sehr weit darüber hinaus! – ’s ist eben ein so eminentes Werk, dass man auch heute noch hie und da „Felle vermärkn“ kann, wo sein Inhalt gut täte – etwan unlängst wieder in der NZZ, wo ein akademsicher Großprojekts-Präses sich dahingehend ausließ: Das Recht stünde über den Werten. In der Hoffnung, den „Flüchtlingen“ damit eine Ruh‘ verschafft zu haben im hiesigen trubeligen, gleichwie diskursverlärmten „Gebiet“ (Houellebecq).
    In Wirklichkeit ist es freilich so, dass eine Rechtsbefolgung, die sich allein auf Gewalt stützt, noch nirgends lange funktioniert hat. Man muss das, was im Recht hingeschrieben ist, ok finden, sonst befolgt man es nicht.
    Sagt Habermas!
    Das aber heißt nun mal genau das: Kein formales und demokratisches u n d soziales Recht ohne Werte. Recht und Werte bedingen einander, das ist der Clou an der Sache, den die NZZ leider verfehlt hat, dieser Tage. Hier genau wirkt das – du lieber Gott, jetzt weine ich wirklich bald, dass der auch noch hier erwähnt wurde und also weiterlebt – Schellingsche Erbe des romantischen All-Einheitswesens, der hie und da, wie wir heutigen Kaltschnäuzigen wissen, ja – geichwohl – wissen sollten, Entsprechungen und Zuneiungen und Zugeneigtheiten und Ströme und funkelnden Akkordfolgen und Farbharmonien, und Proportionsballungen und Ein- und Ausklänge usw.
    Aber das ist es eben, was die Leute bis hinterm Hindukusch so an der Sache fasziniert: In solchen habermas’schen Sätzen wie dem von der Interdependenz zwischen Recht und Demokratie spiegelt sich eine ganze Tradition – und nicht zuletzt – please bitte – es ist für heut‘ der letzte edle Vorfahr: – eine Lebensform, wie das Arno Borst mit Blick auf das Mittelalter in Mittleuropa bereits spezifizierte. D A S macht unsere Tradition so attraktiv: Dass sich da so viel so plausibel und so produktiv entwickelt (hat) (cf. – – – ) – – – aber halt: ich halt‘ mein Versprechen, ich halt hier ein. Es kommt heut‘ kein toter Vorfahr mehr. Bon.
    In Faktizität & Geltung (mir tränt vor lauter Dankbarkeit und Rührung noch immer das Auge – man muss schon Karten für abgelegene Gebiete (Houellebecq) in dem ja sowieso weitgehend aus Elmentarteilchen (H.) bestehenden Internet haben – im übertragenen Sinne jetzt, um Fährtenleserinnen zu treffen, die sich, wie tastend auch immer, auf den Spuren solcher Werke bewegen – –
    – – wo bin ich jetzt wieder stehengeblieben, weiß ich nicht: Moment, Moment! – Danke, herzlichen Dank allerseits, mein ganz spezieller Dank gilt aber den Diskotanten von früher – ich liebe euch natürlich durch die Bank immer weiter bis ans Ende unserer Tage (zumindestens) – und hoffe zugleich: Weit darüber hinaus. Und unser ex/kstatisch in die Nacht hinausgeschleuderter Wahlspruch bleibt – so offenbar, wie geheim, auf alle Zeit: – – – – ::: Yeah, yaeh, yeah…immer leiser werdend, zum Schluß bloß noch ge – h a u c h t – – – und ganz zum Schuß verschmelzend mit dem statischen Rauschen, das wie Nebel aus den Boxen dringt / und endlich „noch“ den Unterschied zwischen Tag und Nacht verschlingt.

  17. Bersarin schreibt:

    @ Jumid: Der Begriff Populismus ist interessant und wird leider, wenn etwas politisch nicht genehm ist, sofort als netter Totschläger gebraucht – moralisch genommen versteht sich. (Womit wir sofort bei Nietzsche sind: und um genau und ganz konkret genommen diesen Funktionszusammenhang von Moral als Spielmarke geht es mir, wenn ich auf Nietzsche verweise. Mittlerweile sind das übrigens Texte, die mich sehr viel mehr interessieren als die Überlegungen, ob die Welt wohl demnächst eine bessere wird: Nein, sie wird es nicht.) Im Begriff Populismus steckt übrigens populus: Das Volk. Darauf zu schauen, was das Volk – oder die unterschiedlichen Partien daraus, denn das Volk als Kollektivsingular gibt es nicht – sagt und denkt, halte ich für nicht ganz unwichtig. Das freilich bedeutet nicht, alles das für gut zu befinden. Keiner erkannte die Gefahren des Populismus übrigens gründlicher und genauer als Nietzsche und im soziologischen Kontext eben auch Adorno, der zu genau diesen Dingen und zu den Mechanismen der popular culture und ihrem Warencharakter in den USA geforscht hat.

    Bei Goeschels Beitrag geht es mir nicht um die Details, sondern um eine generelle Stoßrichtung: die Kritik an der Merkel-Linken. Genausogut und was die Ökonomie betrifft, sogar besser, kann man Sahra Wagenknecht nehmen. Allerdings habe ich meine Probleme mit der Parteiendemokratie und halte sie für wenig geeignet. Insofern sehe ich auch bei der Linken am Ende kein Potential. Sie gehen den Weg der GRÜNEN, sie werden wie die SPD ihr 1914 haben. Ich würde Goeschel übrigens nicht in allen Ecken als rechtsnational abtun, diese Schematisierungen sind mir zu einfach. Er benennt Dinge, über die es sich lohnt nachzudenken. Mich interessieren mittlerweile diese Schematisierungen rechts/links nicht mehr. Und wenn man sich anschaut, wer mittlerweile alles Merkel und den Grünen zustimmt, dann zweifle ich, ob das noch unter dem Label links läuft. Gleiches gilt für die Radikalausprägungen aus den Reihen des Tugendwächterrates und dem sauer gespritzten Moralin in den PC-Diskursen. Richtig ist allerdings von Dir beobachtet, daß Goeschel reduktionistisch denkt. Insofern ist er aufgrund von unterkomplexen Komponenten ein schlechter Gewährsmann. Sei es drum: es ging mir hier im Blog schließlich nicht um eine Goeschel-Werbeveranstaltung und um eine Kaffeefahrt, damit wir Goeschel-Einheizdecken verkaufen, sondern um die wahren Momente, die in seiner Kritik am Sozialstaat stecken.

    „Der Sozialstaat sei die kulturelle Errungenschaft Europas im 20-ten Jahrhundert. Dieses Pathos teile ich trotz der Widersprüchlichkeit des Sozialstaates, und trotz der großen Unterschiede, die es in seiner Ausgestaltung politisch gibt.“ Tja, leider möchte man sagen. Dazu müßte man mal wieder Marxʼ „Kritik des Gothaer Programms“ lesen. Rein pragmatisch, als Befriedung, im Sinne eines Funktionierens von Gesellschaft genommen ist der Sozialstaat natürlich eine Errungenschaft. Man kann das von verschiedenen Perspektiven sehen. Zugleich wurde, wenn man die Sache geschichtlich faßt, mit dem Marshall-Plan eine Menge Geld, Infrastruktur und Know How in die BRD gepumpt, um einen starken Machtblock aufzubauen. Wir, die Verlierer des WW II haben – Ironie oder Dialektik der Geschichte – am Ende am meisten vom Verlieren profitiert. Deutlich mehr als die Briten, die nicht nur ein paar Jahre später ein Empire verloren, sondern was den Sozialstaat betrifft, weit abgehängt und ausgebombt dalagen.

    Aber zurück zur Theorie. Daß Habermasʼ Konzept der Lebenswelt mit der Neuen Mythologie und der Romantik verwandt sei, ist ein amüsanter Einfall und klingt interessant, ist aber am Ende eine steile These, für die ich wenig Grundlagen sehe. Als ästhetischer Witz aber eine gute Pointe, die mir gefällt. Müßte man mal nachsehen. Ich als elitär Abgezirkelter sehe jedoch im Konzept der Lebenswelt bei Habermas eher den Pop- und Protestdiskurs, der eingehegt wird. Also gut Grün-Sozialdemokratisch gedacht. Und das ist dann keine literarische Romantik mehr. Schon gar keine politische.

    Schelling und sein Prinzip des Absoluten kann man natürlich – feine Ironie – gut mit Hegel kritisieren. Denn ein Prinzip ist eben nicht statisch gesetzt und schwebt da im Himmel oder kommt aus der Pistole geschossen, wie Hegel es süffisant in der Vorrede der Phänomenologie bemerkte. Insofern ist Hegels Konzept der Geist-Philosophie, des sich entwickelnden Geistes nicht statisch. Es kann die Vermittlungen denken, die Differenz der Einheit, die Einheit der Differenz, und die Dualität von Geist und Natur bleibt nicht als duales System zurück, das dann irgendwie recycelt werden muß. Womit wir was die Komplexion der Vermittlung anbelangt bei Luhmann sind.

    An der Systemtheorie ist ihre Bandbreite interessant und daß sie sich in keiner Weise darauf versteift, Gesellschaft verändern zu wollen. (Darin freilich liegt auch ihr drastischer Unterschied zu Adorno) Solcher Wandel geschieht bei der Systemtheorie eher evolutionär oder im Wandel von System/Umwelt-Differenzen, daß etwas wahrgenommen wird, was früher bloßes Rauschen war. Die neuen sozialen Protestbewegungen in den 80ern sind so eine Sache, auf die Luhmann interessiert, wenn auch nicht unbedingt angemessen reagierte.

    Hegels wie auch Luhmanns Theorie geht es um das Ganze, darin liegt die erste Gemeinsamkeit, beide Theorien sind das, was man holistisch nennen kann. Insofern paßt es, daß mancher Hegelianer eher bei Luhmann statt bei Habermas und seiner ausdifferenzierten Vernunft landet. Daß es trotzdem gewichtige Unterschiede gibt, ist wohl kaum zu leugnen. Das fängt bei metaphysisch aufgeladen Begriffen wie Geist an und ebenso beim Begriff des Subjekts, für das bei Luhmann kein Platz ist. Dennoch eint sie in der Methode einiges. Z.B. das Prinzip der Differenz und der Widerspruch als treibendes Moment in der Entwicklung. Daß Luhmanns Theorie funktionalistisch konzipiert und an der Kybernetik ausgerichtet ist, also das, was Habermas mit bösem Ton Sozialtechnologie nennt, unterscheidet ihn natürlich von der negativen Dialektik eines Adorno. Übrigens unterscheidet dieses Moment des Negativen die Adornosche Dialektik ebenso von der Hegel. Wir erinnern und versonnen an die „Minima Moralia“: „Das Ganze ist das Unwahre.“ Und wir sehen natürlich auch das materialistische Moment bei ihm:

    „Das Negierte ist negativ, bis es verging. Das trennt entscheidend von Hegel. Den dialektischen Widerspruch, Ausdruck des unauflöslich Nichtidentischen, wiederum durch Identität glätten heißt soviel wie ignorieren, was er besagt, in reines Konsequenzdenken sich zurückbegeben. Daß die Negation der Negation die Positivität sei, kann nur verfechten, wer Positivität, als Allbegrifflichkeit, schon im Ausgang präsupponiert. Er heimst die Beute des Primats der Logik über das Metalogische ein, des idealistischen Trugs von Philosophie in ihrer abstrakten Gestalt, Rechtfertigung an sich. Die Negation der Negation wäre wiederum Identität, erneute Verblendung; Projektion der Konsequenzlogik, schließlich des Prinzips von Subjektivität, aufs Absolute. Zwischen der tiefsten Einsicht und ihrem Verderben schillert Hegels Satz: ‚Auch die Wahrheit ist das Positive als das mit dem Objekte übereinstimmende Wissen, aber sie ist nur diese Gleichheit mit sich, insofern das Wissen sich negativ gegen das Andere verhalten, das Objekt durchdrungen und die Negation, die es ist, aufgehoben hat.‘“ (Adorno, Negative Dialektik)

    Das Drehen der kleinen Schrauben im leeren ist ein Satz, der in bezug auf Adorno an Inhalt und Sache vorbeigehen. Adorno wußte, was er schrieb und er ist sicherlich, was die Konsequenzlogik betrifft, noch vor Dir und noch vor mir auf genau diesen Trichter gekommen, daß es aus der Totalität instrumenteller Vernunft und verdinglichter Weltverhältnisse hinaus, kaum den rettenden Schritt mehr gibt. Das, was Du Realabstraktionen nennst, trifft es leider nicht. Es handelt sich vielmehr um reale Widersprüche der Gesellschaft, die solange bestehenbleiben, bis sie sich aufheben. Am Begriff der Freiheit läßt sich dies gut ausführen. Zumal Adorno eben nicht mehr, anders als Lukács, aufs Kollektivsubjekt Proletariat vertraute, das irgend etwas zur Aufhebung leisten könnte. Kein Ort nirgends. Das will auszuhalten sein, das verkraftet nicht jeder. Hier kann die Systemtheorie greifen: Sie beschreibt das, was ist und übersetzt in Funktionsbegriffe. Freilich sollte man dabei nicht stehenbleiben. Andererseits: Wozu weitergehen, wenn es kein „weiter“ gibt? Marx wußte, weshalb er über die klassenlose Gesellschaft im „Kapital“ keine zwei Seiten schrieb.

    Die Crux bei Adornos „Dialektik der Aufklärung“ ist es doch gerade, daß er keine Handlungsoptionen uns anbieten möchte und daß es aus dieser Totale einer instrumentellen Vernunft keinen einfachen Ausweg gibt. Insbesondere wenn man die Epoche nimmt, in der die DA verfaßt wurde, erscheint der Blick Adornos angemessen. Es geht in diesem Buch, das solltest Du dabei mitlesen, um sich nicht in den Aporien zu verheddern, um eine Generalabrechnung mit der Vernunft, aber ohne sie dabei preiszugeben und in Klages‘ oder Spenglers Irrationalismus zu driften, daß da ein rechnender Geist der böse Widersacher der Seele ist. Und ohne zu heideggern und ins Seyn zu raunen. Genau in dieser Dialektik von ratio liegt die Stärke Adornos und deshalb ist seine DA Aufklärung im emphatischen Sinne: mit den Mitteln der Vernunft die Vernunft zu kritisieren. Zudem würde ich bei der DA die Lesart vorschlagen, daß es sich hier, im Gegensatz zur ND, die als Ergänzung zur DA geschrieben wurde, um einen makrologischen Blick handelt: ganz unter dem Bann der drei großen totalitären Ideologien des 20. Jhds. Von der Adlerperspektive aus gesehen. Während sich die ND ins Mikrologische begibt und nach den Aspekten und Möglichkeiten von Erfahrung fragt – freilich nicht mehr im transzendentalen Sinne. Anke Thyen hat diese Koppelung und insbesondere die Bedeutung der ND in ihrer Dissertation hervorragend und maßgeblich herausgearbeitet.

    Was das schlechte Allgemeine betrifft: Ich lasse mich in den Fragen der Theorie nicht gerne festlegen. Wer es statisch braucht – bitte. Man kann das Potpourri nennen oder gerne anders. Und ein Blog ist keine wissenschaftliche Arbeit, sondern ein Notizheft, um Gedanken zu schreiben. Sie mögen sich sogar manchmal widersprechen. Und man schätze mir die Moden nicht zu gering. Wir alle kennen von Baudelaire den Satz zur Mode und noch besser wissen wir von den schlecht gekleideten Professoren. Daß ich im Konjunktiv schreibe, was zusammenzudenken wäre, liegt schlicht daran, daß man es in einem Blog nicht zusammenschreiben kann. Foucault und Adorno nun zusammenzubringen, scheint mir allerdings nicht so abwegig, wie es bei Dir ankommen mag. Zumindest dann, wenn man Foucaults Sätze zur DA kennt – stellen wir mal dahin, daß er sie nicht bloß strategisch äußerte.

    „Natürlich kann auch eine Theorie einleuchtende Resultate zeigen, wenn sie als Ganze mangelhaft begründet ist. Und mangelhaft begründet heißt unter dem Primat innerer Kohärenz: gar nicht begründet.“ Solche Ableitungen langweilen mich mittlerweile, das mag im akademischen Betrieb irgendwie wichtig sein: Für mich ist Theorie einzig als ästhetisches Phänomen gerechtfertigt, um Neues und anderes zu bauen. Insofern will ich Widersprüche nicht vermitteln, sondern sie ausreizen. Zudem funktioniert auch eine nicht konsistente Theorie zuweilen ganz gut. Kants Erkenntnistheorie zeigt dies. Trotz Widersprüchen entsprang daraus eine ganze Richtung der Philosophie: nämlich der Deutsche Idealismus. Das heißt natürlich nicht, im Denken nachlässig zu sein. Aber wer ernsthaft mit der rein logischen Ableitung an Philosophie herangeht, der wird unter diesem Blick nirgends in der Philosophie etwas reißen. Interessanter ist schon die Frage: Wie ist die Theorie strukturell aufgebaut? Und wie kann ich gegensätzliche Aspekte in einem Kaleidoskop oder als Versuchsanordnung kombinierten. Marx und Nietzsche sind solche ein interessantes Paar.

    Bei der Frage zur Kritik der Moral vermengst Du mir für meinen Geschmack etwas zu viel im Topf. Das funktioniert so nicht. Nietzsche und in dieser Ableitung auch mir, geht es um ganz konkrete Zusammenhänge: da nämlich, wo der Begriff der Moral in Anspruch genommen wird, um dann zu zeigen, daß die Motive eben nicht bloß in der Moral selbst liegen. Wenn etwa wie in der Flüchtlingsfrage von Merkel und anderen mit Moral argumentiert wird: daß es geboten sei zu helfen. Das hätten sie an anderer Stelle besser zeigen können. Und so muß man, was die Auskleidung mit Moral betrifft, zu Merkel in der Griechenlandfrage sagen: „Hic Rhodus, hic salta!“

    Und diese Moralkritik muß man immer wieder neu und anhand konkreter Fälle in Anschlag bringen.

  18. Bersarin schreibt:

    @ Dieter Kief: Werte – ich würde es mit Sittlichkeit übersetzen. So im Hegelschen Sinne. Und diese bedingt das Recht und vice versa. So ist es, so mags wohl sein. Immer eine Frage der Vermittlung. Was Sie ins Yeah Yeah Yeah der Musik bringen, würde ich mit Paul Celan einfach als „singbarer Rest“ übersetzen. Oder aber: Was bleibt. Wir benötigen natürlich und das vergessen wir immer sehr schnell, um solche Diskurse zu führen, entgegenkommende Lebens- oder genauer gesagt: Staatsformen. Aber das ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit und sollte uns nicht von der Kritik abhalten. Beruhigend aber, daß die Dinge an ihrem Widerspruch zu Grunde gehen. (Tun sie das wirklich?)

  19. Bersarin schreibt:

    Was mir an Hegels Phänomenologie am Ende dieses mal heiteren, mal schweren Ganges so viel Freude bereitet, mehr noch als an Schellings dunkler Natur-Romantik-Geist-Kunst-Philosphie ist diese Sache, daß es am Ende des Weges in Champagner ausartet, wenn man es metaphorisch nimmt. In der Literatur und im Bildungsroman geht das, was den meisten im Leben dann doch wieder versagt bleibt. Ein neues Lied, ein besseres Lied …

  20. che2001 schreibt:

    Ein bißchen Bakunin, Kropotkin oder Tronti täte hier helfen. Das System tatsächlich als Feind sehen, den es zu bekämpfen gilt. Klassenkampf als Weltbürgerkrieg.

  21. Bersarin schreibt:

    Die Lektüre dieser Klassiker mag nicht falsch sein. Ich fürchte freilich, daß nach dem Weltbürgerkrieg neue Schweine am Ruder sind. Und zudem: wer sollten die Kombattanten sein? Ich sehe keine revolutionäre Klasse, sondern nur eruptives Brodeln und verblödete Völker. (Ausnahmen mag es geben, nur wo frage ich mich. Mir reicht es schon, wenn ich mich bei den Linken in Berlin umsehe, was sich dort so herumtreibt und ich verzichte dann gerne und dankend zu meinem Beitrag der Solidarität.) Und es gibt Revolutionen, wie die im Iran, wo man mittlerweile sagen muß: Der Schah war besser, zumindest für die Rechte der Frauen. Und was hatten wir vom arabischen Frühling, den ich von Anfang an skeptisch sah? Neue Islamisten und in Ägypten einen Militärdiktatur, in Syrien einen Bürgerkrieg im Dauerzustand, einen Religionskrieg zwische Schiiten und Sunniten, sowie zwischen USA und Rußland, der an den 30jährigen Krieg erinnert.

    Ich teile in diesen Dingen Adornos Skepsis (manche nennen es Resignation). Zur Proklamation der Menschenrechte ließen die Revolutionäre in Frankreich erstmal die Köpfe rollen und es begann eine blutige Zeit. Es reichte eine kleine Denunziation aus, um alles zu verlieren. Nein, ich glaube nicht an eine andere bessere Welt und mir graust es vor dem Weltbürgerkrieg genauso wie vor dem, was ist. Die Gewalt wird sich perpetuieren. Ich nehme mir Henning Ritter „Die Schreie der Verwundeten. Versuch über die Grausamkeit“.

  22. che2001 schreibt:

    Dazu stimme ich zu und widerspreche zugleich. Ohne die Französische Revolution wären Gewaltenteilung, Rechtsstaat, Demokratie nicht in die (europäische) Welt gekommen. Auf die Unrechts- und Gewaltexzesse des Terreur folgte das Directoire, und trotz aller großbürgerlichen Klassenherrschaft wage ich zu behaupten, dass die französische Gesellschaft in dieser Zeit erheblich humaner war als unter dem Ancien Régime. Ansonsten gilt hier Heinrich Heines Aussage, dass jeder Fortschritt in der Menschheitsgeschichte Ströme Blutes kostet. Die iranische Revolution war nur in ihrer Anfangsphase eine soziale Revolution, unter Khomeny und Khameney verkam sie zu einer Art Islamfaschismus. Mit linken Revolutionen lässt sie sich ab diesem Zeitpunkt so wenig vergleichen wie der NS-Staat.

    @“Ich sehe keine revolutionäre Klasse, sondern nur eruptives Brodeln und verblödete Völker.“ —– In Chiapas, in Kurdistan/Rojava, immer mal wieder. In vielen Fällen gilt eher „Knapp daneben ist auch vorbei“, und ich gehe davon aus, dass immer wieder Situationen entstehen in denen sich das Rad der Geschichte wenden ließe, der Verblendungszusammenhang und die den Menschen anerzogenen Verhaltensweisen Selbstbeschränkung, Opportunismus, Feigheit und mangelnde Kreativität aber dazu führen, dass die revolutionären Subjekte ihre Züge nicht mal mehr davonfahren sehen. Das bedeutet aber nicht dass diese Züge nicht fahren. Gerade der Arabische Frühling liefert dafür ein Paradebeispiel.

    Ich bin der Auffassung dass Kommunismus jederzeit möglich ist und Adorno et al die Erklärung dafür liefern wieso die Menschen diese Möglichkeit nicht wahrnehmen.

  23. Bersarin schreibt:

    „Was ist das, was in uns lügt, hurt, stiehlt und mordet?“ fragt der Danton in Büchners gleichnamigem Drama. Eine Frage, bei der über uns Menschenwesen der Nachthimmel der Anthropologie schwärzt. Es ist richtig, daß Revolutionen wie die in Frankreich, gesellschaftlichen Fortschritt bringen. Problematisch dahinter sehe ich das Prinzip, das darin steckt. Der alte Adam in uns, den wir nicht loswerden. Der Geist der Rache, das Prinzip der Gewalt: all die Dinge, die uns in der Unfreiheit halten. Die unendliche Gewalt, die sich perpetuiert. Und ich denke, daß mir hier, wenn ich die „Meditationen zur Metaphysik“ und überhaupt seine Passagen in der ND lese, Adorno vermutlich zustimmen würde. Und insofern verhält sich Adorno gegenüber der Praxis skeptisch. Er sperrt sich sicherlich nicht gegen Veränderungen und weltferner Ästhetizismus ist mit seiner Theorie nicht zu machen, wenngleich der Herr Dr. Krahl sicher fragen würde: Herr Professor, wann werden Sie endlich praktisch?

    Die Gründe und Analysen, weshalb die Menschen die Möglichkeit des Kommunismus – oder zumindest die eines Bessern – nicht wahrnehmen, liefern in der Tat Adorno, Marcuse und eben auch Freud sowie mit Abstrichen vielleicht Fromm. Böse poststrukturalistisch könnte man noch Lacan und Derrida mit hinzunehmen und noch böser, sozusagen fundamentalanthropologisch ebenso Heidegger, wenn Heidegger wie Adorno dem Begriff der Anthropologie nicht mit gehöriger Skepsis begegneten. Bei Adorno sind aber auf alle Fälle konkrete Mechanismen angesprochen, die nicht mit dem Raunen des Seins und dessen Vergessenheit, sondern mit gesellschaftlichen Bedingungen korrespondieren, die sich auf den Nenner Kapitalismus, verwaltete Welt sowie Deformation von Bewußtsein bringen lassen. Old school werden manche sagen und echt voll Subjektphilosophie. Aber es ist nun einmal so und bleibt dabei: Das Negierte bleibt negativ, bis es vergangen sein wird. (Um hier das Zitat Adornos ins futurum exaktum zu stemmen.) Und wer all das nicht glauben mag, der nehme einfach nur den Begriff der Freiheit in den postbürgerlichen Gesellschaften und prüfe, was er als Gedachter unter sich befaßt und was er in der Realität einlöst.

    Was für ein ungeheures Drama und wie aktuell immer noch Büchners Danton ist.

  24. Jumid schreibt:

    Gerade fand ich ein ziemlich lustiges Zitat auf novelero.de, wo ein Roman von Juan Pablo Villalobos „Ich verkaufe dir einen Hund“ kurz besprochen wird.
    Offensichtlich ein Zitat aus dem Roman:
    „Ich hatte es mit angewöhnt, unangenehme Situationen zu beenden, indem ich Absätze aus der Ästhetischen Theorie vorlas. Auf diese Weise hatte ich schon zahlreiche aufdringliche Anrufer, den einen oder anderen Hausierer, Dutzende von Versicherungsvertretern und einen Typ, der mir ein Luxusbegräbnis andrehen wollte, abgewimmelt.“
    Einen passenden Begriff zu dieser Art von Gebrauchswert seiner Bücher von Adorno selbst fällt mir nicht ein. Ich zitiere nur, weil ich so schallend lachen musste, bitte nicht als meinen Kommentar zu irgendetwas nehmen. Lachen, Mund abwischen, weiter! Mehr, etwas seriöser, folgt später.

  25. Bersarin schreibt:

    Ja, ein lustiger Satz. Man muß aber, um Vertreter abzuwimmeln, gar nicht mal so tief in die Trickkiste greifen, zumal die Qualität von Texten nicht verschleudert werden sollte. Man hätte auch Knausgård oder Clemens Setz vorlesen können. Wobei Zitate wie auch das Zitieren von Zitaten in Zitaten immer etwas über die Denke dessen aussagen, der zitiert. Der Begriff Gebrauchswert paßt zwar semantisch nicht und ich verstehe den Satz auch grammatikalisch nicht ganz. Aber ich will Dich da beim Lachsabbern nicht weiter stören. Wisch Dir erst in Ruhe den Mund ab! Paßt schon, wie der Oberfranke sagt.

  26. “ Selbstbeschränkung, Opportunismus, Feigheit und mangelnde Kreativität“ sind nicht anerzogen (von wem denn?) sondern Teil der menschlichen Natur. Die entgegengesetzten Eigenschaften natürlich auch, aber man kann nicht die einen abschaffen und die anderen behalten; hat jedenfalls in 5000 Jahren nicht funktioniert. Man sollte sich auch nicht einbilden, man selber würde Sachen durchschauen (weil man Marx oder Adorno gelesen hat), die die feigen Opportunisten nicht sehen können. Die haben meist eine ganz gesunde Wahrnehmung ihrer eigenen Interessen, ganz unabhängig vom Bildungsniveau und sind durchaus kooperationsbereit, aber eben auch opportunistisch. Deshalb fliehen sie eben nach Europa, womit sie ihre ökonomische Situation mit einem Schlag erheblich verbessern, anstatt sich für die Veränderung der politischen Verhältnisse in ihren Heimatländern einzusetzen.

  27. Bersarin schreibt:

    El Mocho, es sind das, was Du schreibst, simple Erklärungen und zudem ein Naturalismus, den in dieser übersteigerten Form nicht einmal empirisch forschende Biologen teilen. Und wenn wir schon naturalistisch denken wollen: niemand konnte bisher ein Gen für Bosheit oder Verschlagenheit diagnostizieren und auch keines für Feigheit. Daß es genetisch vererbbare Eigenschaften gibt, bedeutet zudem im Umkehrschluß nicht, daß Erziehung und Gesellschaft keinerlei Auswirkungen haben. Ein solcher Dualismus des Entweder/Oder ist sowohl naturwissenschaftlich wie sozialwissenschaftlich unterkomplex. Über die unterschiedliche Sozialisation in verschiedenen Gesellschaften, und zwar solchen, die zeitlich unmittelbar nebeneinander liegen, kann man sich ein gutes Bild machen, wenn wir uns die BRD und die DDR betrachten.

    Die Motive, weshalb Menschen flüchten, sind sehr unterschiedlich. Es gibt Flüchtlinge, die unmittelbar vor Krieg, Folter und Gewalt fliehen und es gibt Wirtschaftsflüchtlinge – und man kann es ihnen nicht einmal verdenken, denn was würden wir machen, wenn unser Land zerstört ist? Übrigens gab es auch in den Deutschen Fürstenstaaten bis hin zum Nationalstaat 1871 und darüber hinaus eine Vielzahl von Wirtschaftsflüchtlingen. Nämlich vom 17. bis ins 20. Jhd hinein waren es die Menschen, die aus Armut in die USA flohen. Wir sollten also, wenn wir uns über andere erheben, den Ball hübsch flachhalten. Zumal es beim gegenwärtigen und dauernden Verhängnis jeden treffen kann.

    Daß es in den Ländern, aus denen Menschen fliehen, besser wird, dazu gehören wohl eine Reihe Faktoren. Zudem solltest Du unterscheiden zwischen Einwanderung und dem Recht auf Asyl, das hier aus gutem Grunde jedem zusteht. Was der BRD fehlt, ist ein Einwanderungsgesetz. Unabhängig vom Recht auf Asyl.

  28. Dass eine Verhaltensweise Teil der menschlichen Natur ist, heißt ja nicht, dass es für sie ein konkretes Gen gibt, dass sie verursacht. Bestimmte Verhaltensweisen halten sich aber so konstant durch die gesamte Weltgeschichte hindurch, dass die Annahme, man könne sie durch eine Änderung der gesellschaftlichen Organisation oder der „Produktionsverhältnisse“ aus der Welt schaffen, gelinde gesagt unwahrscheinlich erscheint. Sie scheinensich vielmehr auch unter veränderten Bedingungen konstant wieder durchzusetzen, man denke etwa an die „Nomenklatura“ in den kommunistischen Ländern, die in etwa einem Clan oder einer Großfamilie entspricht. Und sich nach dem Ende des Kommunismus erneut durchsetzen konnte.

    Ich finde konkrete Politik sollte das berücksichtigen und entsprechend nicht danach streben, alles von Grund auf neu zu beginnen und eine neue Gesellschaft mit den alten Menschen aufzubauen, sondern die Verhältnisse so zu gestalten, dass den Menschen möglichst viele Anreize geboten werden, ihre positiven, prosozialen Verhaltensweisen („the better angels of our nature“ sagte Abraham Lincoln) auszuleben. Der Sozialstaat ist z.B. eine solche Einrichtung. Natürlich gibt es da immer nich sehr viel zu verbessern, aber in die Richtung sollte man weiter arbeiten.

    Was die Motive der Flüchtlinge betrifft bin ich ganz deiner Meinung, sie sind völlig verständlich, ich würde mich wahrscheinlich genauso verhalten wenn ich ein junger Afrikaner oder Araber wäre.
    Aber die Frage ist doch, was das bewirkt? Was gaubst du, wie es in Syrien in zehn Jahren aussieht? Was wird aus einem Land, das von der Hälfte seiner Einwohner verlassen wird, und grade von den jungen? Ich sehe da schwarz. Allein schon deshalb müsste man versuchen, die Fluchtanreize nicht weiter auszusenden.

  29. Bersarin schreibt:

    Daß nicht im Modus eins-zu-eins plötzlich anderer Menschen aus anderen Produktionsverhältnisse entspringen, sollte selbstverständlich sein. All das sind keine monokausalen Prozesse. Und Leute wie Adorno und Marx haben in bezug darauf keine Handlungsanweisungen gegeben und Utopien nicht ausgepinselt. Aus gutem Grunde, denn viele dieser Utopien erwiesen sich am Ende als die Hölle. (Stichwort Stalin, Stichwort Mao.) Aber dort, wo das Prinzip Konkurrenz und die Angst um den Arbeitsplatz und die Sorge um soziale Sicherheit wegfällt, wird es sich gewiß anders leben als in einer Gesellschaft, die mit Bedacht den Druck im Kessel hochhält und Klassen und Gruppen gegeneinander ausspielt. (Nicht personal genommen, weil da nun ein ein Henkel, ein Adenauer oder ein Flick sitzt, sondern als strukturales Phänomen. Insofern spricht Marx ja auch von Charaktermasken.)

    So wie Kinder anders lernen, wenn die schwarze Pädagogik und der autoritäre Gestus wegfallen: Zu bemerken, daß es Spaß machen kann, Wissen zu erwerben. (Daß man auch hier nicht alle erreichen wird, sollte klar sein. Insofern gilt hier das Motto: Jeder nach seinen Fähigkeiten.) Aber das sind so grundsätzliche Fragen mit tausend Pros und Kontras, daß wir sie hier im Blog und anderswo gewiß nicht lösen können. Allenfalls lassen sich so etwas wie Denkmodelle liefern, die zur Orientierung auch für die Praxis dienen könnten. Insofern ist dann wiederum gegen eine Verbesserung der Verhältnisse auf dem sanften Wege, also als eine Form der Sozialdemokratisierung nichts einzuwenden. Nur sollte man eben auch den ideologischen Gehalt, der in diesem sanften SPD-Wandel steckt, mit im Auge haben.

    Was die Flüchtlinge aus Syrien betrifft, sehe ich es nicht so viel anders als Du. Wenn die besten und fähigsten Kräfte aus einem Land geflohen sind, dann bleibt kaum noch jemand, um dieses Land wieder aufzubauen: Woher die Handwerker, Zimmerleute, Ärzte, Ingenieure, Maurer usw. nehmen? Man muß in diesem Land schleunigst Frieden schaffen, ggf. auch mit Assad. Mit den diktatorischen Herrschern in Saudi-Arabien, deren Folterkeller sicherlich nicht weniger grausam sind, uns zu verständigen, fällt dem Westen ja ebenfalls nicht schwer. Es wäre wichtig, den Flüchtlingen hier ein vorübergehendes Bleiberecht zu gewähren. Die Grundoption sollte jedoch die der Rückkehr sein. Zumal ich nicht sonderlich glücklich mit jener Religion bin, die hier aus den Wüsten Arabiens Einzug hält. Es ist ja nun leider nicht so, daß wir damit den Höhepunkt der arabisch-islamischen Aufklärung oder die Weisheiten des persischen Dichters Hafis nach Europa bekommen, sondern wohl eher etwas ganz anderes. Eine tiefreaktionäre Tendenz. (Das gilt sicherlich nicht für alle die kommen. Aber diese Probleme einfach mal unter den Tisch zu kehren, halte ich für fahrlässig. Und dazu gehört eben auch, das Problematische der Religion des Islam zu benennen.) Und auch die jüdischen Gemeinden wird es nicht unbedingt erfreuen, neben dem bisherigen Polizeischutz nun mit vierfachen Polizeiposten zu gehen.

    Um eine irgendwie angemessene Integration der Neuankömmlinge in einen völlig fremden Kulturraum zu leisten, wird es zudem erforderlich sein, nicht nur viel, sondern sehr viel Geld für Bildung, Sozialarbeit kulturelle Angebote in die Hand zu nehmen, damit nicht, wie bei der ersten Generation der Arbeiter aus der Türkei, sich Parallelwelten etablieren. Und es sind klare Ansagen nötig. Wer hier seine Tochter nicht zum Gemeinschaftsunterricht der Schulen schickt, sollte sich überlegen, ob er in der BRD gut aufgehoben ist oder nicht lieber ein Land fürs Asyl sich wählt, das seinen religiösen Vorstellungen besser entspricht. Auch wenn es manche schick zu finden scheinen oder es einfach nur der Reflex gesellschaftlicher Gleichgültigkeit ist: Ich zumindest möchte kein Parallelwelten wie in Kreuzberg oder Neukölln, wo arabische Großfamilien Kieze dominieren. Und ich vermute, daß es vielen ebenso geht. Auch wenn dies nicht alle offen aussprechen, weil es dem guten Sound vorgeblicher Toleranz nicht entspricht.

  30. che2001 schreibt:

    @“Es wäre wichtig, den Flüchtlingen hier ein vorübergehendes Bleiberecht zu gewähren. Die Grundoption sollte jedoch die der Rückkehr sein.“ —- Hat mit den Flüchtlingen aus Ex-Yugoslawien doch ganz unaufgeregt geklappt, so what?

  31. Bersarin schreibt:

    Das ist sicherlich ein richtiger Hinweis, denn man bei solchen Debatten immer wieder anbringen muß. Schlicht um mit Fakten gegen Befürchtungen zu argumentieren.

  32. Aber das gibt es ja aktuell nicht, soweit ich sehe. Entweder man wird als Asylbewerber anerkannt und hat damit praktisch die gleichen Rechte wie ein Deutscher inkl. Recht auf dauerhaften Aufenthalt usw., oder man wird nicht anerkannt und müsste dann eigentlich ins Heimatland zurück bzw. abgeschoben werden. Was aber auch in vielen Fällen unterbleibt wenn Gefahr für Leib un Leben droht. Da bleibt der nichtanerkannte Asylbewerber dann hier, aber ohne volle Rechte und ohne Aussicht auf eine vernünftige Arbeit usw.

    Alles in allem kein akzeptabler Zustand. Ein Einwanderungsgesetz würde sicher Sinn machen, aber was wird mit denen, deren Einwanderungsantrag abgelehnt wird, weil sie über keine Qualifikationen oder Sprachkenntnisse usw. verfügen? Es müsste zumindest sicher gestellt werden, dass Antrag auf Asyl und Antrag auf Einwanderung sich gegenseitg ausschließen.

    Und was ex-Jugoslawien betrifft, so sind diese Lönder inzwischen in der EU oder haben eine mittelfristige Aufnahmeperspektive. Dass wird man mit Syrien oder Eritrea nicht machen können.

  33. che2001 schreibt:

    Nein, das stimmt überhaupt nicht. @“Aber das gibt es ja aktuell nicht, soweit ich sehe. Entweder man wird als Asylbewerber anerkannt und hat damit praktisch die gleichen Rechte wie ein Deutscher inkl. Recht auf dauerhaften Aufenthalt usw., oder man wird nicht anerkannt und müsste dann eigentlich ins Heimatland zurück bzw. abgeschoben werden.“ —– Anerkannte AsylbewerberInnen haben z.B. kein Wahlrecht, und Abgelehnte bekommen meist eine Duldung und dürfen daher nicht abgeschoben werden, haben aber kaum Rechte, dazwischen gibt es noch unterschiedliche Stufen wie Aufenthaltsbefugnis und Aufenthaltsgenehmigung bzw. -Bewährung. Wie Heribert Prantl mal formulierte ist das deutsche Asylrecht die schärfste Erfindung seit der Guillotine.

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