Heiner Müller auf Speed. Christian Kracht „Die Toten“

„Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.“
(Joseph Freiherr von Eichendorff)

Das Adjektiv ist ein Wortbegleiter, der mit Bedacht eingesetzt werden will. Zuletzt wies Sieglinde Geisel bei tell darauf hin. Die Verdammung des Adjektivs in Handbüchern ist Legion – ob in Ludwig Reinersʼ Stilfibel oder Wolf Schneiders Deutsch für Profis. Häuft ein Autor die Adjektive, erzeugt das beim Leser Verdruß. Nur selten stellt sich die gewünschte Wirkung ein. Indem der Autor intensiviert und eines zum anderen hinzubuttert, muß es deshalb nicht intensiver zugehen und keineswegs steigert das Adjektiv die Kraft eines Satzes. Viel hilft nicht immer viel.

„Asphalt, in dessen Vertiefungen voller Wasser sich abends die hellbunten Leuchtschilder und Lampions der Restaurants beharrlich spiegelten, künstliches Licht, zerbrochen und portioniert von arrhythmisch prasselnden, ewigen Schauern.

Ein junger, gutaussehender Offizier hatte diese oder jene Verfehlung begangen, weshalb er sich nun im Wohnzimmer eines ganz und gar unscheinbaren Hauses im Westen der Stadt bestrafen wollte.“

In Christian Krachts neuem Roman „Die Toten“ erleben wir solch ein Trommelfeuer. Bereits auf den ersten zwei Seiten finden sich rund 40 Adjektive. Das macht den Auftakt in Tokio bei Dauerregen, wo ein japanischer Offizier Seppuko begeht, schal und die Szene verkommt zur Beschreibungsorgie. Zumal es für den Verlauf des Romans gleichgültig ist, ob in Tokio Regen fällt oder die Sonne Kirschblüten und des Kaisers Bart bescheint. Es ist bei Kracht nicht mehr wohlfeil das Wort gesetzt, sondern eine wesentliche Szene, die auf den clash of cultures, auf Gewalt, Selbstdestruktion und Voyeurismus weist – uns Leser eingeschlossen –, verfranst sich und erstickt in parfümierter Sprache.

9783462045543Was schade ist, denn der neue Roman von Kracht ist komplex konstruiert und hält eine spannende Geschichte bereit – wie so oft bei Kracht und was in anderen Romanen des Autors gut funktioniert, wenn Ausdruck und Konstruktion sich binden. Eine interessante Idee, die sich Schritt für Schritt entfaltet und im dritten Akt des Buches in furiosem Sprint voranschreitet, wird bereits am Anfang durch die Sprache sabotiert. Eine „zelluloidene Achse“ nämlich zwischen den faschistischen Mächten Deutschland und Japan wird angestrebt, um gegen den „US-amerikanischen Kulturimperialismus“ und das Hollywoodkino der großen Studios sowie das Aufkommen des Tonfilms etwas entgegenzusetzen. Deutsche Innerlichkeit zwischen Romantik, Eichendorff und Hölderlin, die der Roman anzitiert, und die verfeinerte und zugleich asketisch reduzierte Kultur Nippons. Dagegen steht die Kälte Hollywoods: Wesenlosigkeit, Seinsvergessen.

Um diese Kulturachse zu bewerkstelligen, schickt der japanische Kulturfunktionär Masahiko Amakasu eine Filmrolle, die jenen Selbstmord zeigt, ins Deutsche Reich. Der Regisseur Emil Nägeli soll für ein Filmprojekt gewonnen werden. Nägeli ist Schweizer, also neutral, und ein begnadeter Regisseur, so zumindest legt der Roman es nahe. Sein Hauptwerk heißt Die Windmühle. Ein Film, der „den Versuch einer Definition des Transzendentalen [Kracht meinte sicherlich des Transzendenten], des Spirituellen darstellte – Nägli war es ganz offensichtlich gelungen, mit den Mitteln der Filmkunst innerhalb der Ereignislosigkeit das Heilige und Unausprechbare zu zeigen.“ Nun gut, das Numinose und das Rätsel waren zentraler Bestand von Kunst, wenngleich einer wie Hegel es schon 1830 lange wußte und nicht müde wurde zu betonen, daß dieser dunkle Grund der Kunst mit der Säkularisierung und der Entzauberung von Welt verschwindet und als antiquiert sich erweist, weil die gesellschaftliche Funktion von Kunst wie auch die sozialen Verhältnisse sich wandelten und so das Geheimnis kein Geheimnis mehr ist, sondern lediglich inszenatorische Qualitäten besitzt. Wie beim Gruselfilm.

Protagonisten dieses Romans sind die fiktiven Figuren Amakasu und Nägli sowie dessen Freundin Ida. (Man muß dieses Moment der Fiktion nennen, weil in dem Roman auch reale Personen eine Rolle spielen.) In Parallelführung und Schuß auf Gegenschuß werden beide Figuren zusammengeführt. Ida ist eine Art Bindeglied. Nägli reist nach Japan, von dem UFA-Chef Alfred Hugenberg mit einer erklecklichen Summe Geld ausgestattet, um dort einen Vampirfilm zu drehen. Näglis Freundin Ida weilt bereits als Sekretärin in Japan.

Der Roman spielt Anfang der 30er Jahre. Wir erfahren etwas über Amakasus Aufenthalt im Internat und über seine außergewöhnliche Begabung. Die ihm freilich am Ende des Romans nichts nützen wird. Halbwegs unbeschadet und mit einem Film im Gepäck kommt aus dieser Geschichte lediglich Nägli heraus. In Japan drehte er mit der Handkamera Szenen des Alltags. Unter anderem durch ein Spionageloch versteckt, als Amakasu und Ida miteinander schliefen. Filmen ist Voyeurismus. Aber diese Anspielung zwischen einer Theorie des Voyeurismus und Kunstmetaphysik versandet bei Kracht – wie viele weitere Referenzen, die sein Text bereithält – und die Geschichte treibt in eine andere Richtung. Prinzip dieses Romans ist es, kein Prinzip zu haben und keinen Strang irgendwie konzentriert zu verfolgen. Das einzig sich Perennierende ist eine oft lausig gebrauchte Sprache: Wenn es „belanglos leuchtet“ oder „ungezählte Hakenkreuzfahnen (…), wie geistlose Schwalben hängen sie dort.“

Die spannende Geschichte wird immer wieder durch solche Sätze sabotiert. Wenn Kracht über Amakasu, schreibt, wie dieser „in einem dostojewskischem Anflug von Selbstvergessenheit“ sich die Ohren mit Watte reinigt, dann spuckt (oder sollte man bei einem Vampirroman, für den Denis Scheck das Buch hält, besser spukt schreiben?) an dieser Stelle der Autor in den Text und kommentiert das, was er eigentlich erzählen sollte. Wer mag, kann solche Literatur-Witze komisch finden. Mich lassen sie kalt, sie bedeuten mir nichts und sie bedeuten auch an sich nichts. Die Assoziation von Kamera und Maschinengewehr ist ebenfalls nur mäßig originell. Daß im Roman der Buchstabe H eine besondere Rolle spielt, von Hitler über Hölderlin, mag zum Verrätseln von Text beitragen, und die Sterbeszene, wo der Vater von Nägli dem Sohn ein H ins Ohr flüstert, um dann sein Leben auszuhauchen, mag eine nette Reminiszenz an jenes zunächst rätselhafte „Rosebud“ liefern. Auch ein Crayon taucht immer mal wieder auf, und so mag das „H“ auch für homosexuell stehen. Wer weiß das schon? Kracht füllt das Dargebotene nicht aus und verwässert, indem er es beim Anteasern beläßt. Die Vielzahl der Schnitzer macht den Text suspekt.

Ich insistiere hier auf der Sprache und ihrem Beitrag zur Konstruktion nicht so sehr aus Bosheit gegen Kracht – wie etwa der unsägliche Georg Diez seinerzeit bei Imperium –, sondern um der Sache willen. Und ich gestehe: ich schätze ansonsten die Prosa von Kracht: Faserland, 1979 und Imperium sind gute Romane. Der Grund liegt vielmehr darin, daß die Sprache eine komplexe Handlung und eine interessante Story, die mit Winkelzügen und Tricks gebaut ist und kompositorisch virtuos die Themen anspielt, kaputtmacht.

Kracht bedient sich einer Sprache, die die 30er Jahre anklingen lassen soll. Fast hört man beim Lesen im Hintergrund Max Raabe, der mit näselnder Stimme singt und als Conférencier  spricht. Aber in Raabes Shows paßt das zum Sujet, bei Kracht nicht. Vielleicht läuft die ganze Chose – Schose würde Kracht schreiben, so wie er Schoffeur textet – darauf hinaus, daß es bei Kracht eine Diskrepanz zwischen einer Sprache, die nicht trifft, und einer guten Story gibt. Deutlich zeigt sich dies an einer zentralen Stelle des Romans, wo tatsächlich der Verdacht aufkeimt, hier begegneten wir zwei Varianten von Vampiren oder aber zwei Wiedergängern des Prinzipiellen:

„Amakasu und Nägli haben sich eben im Flur sozusagen im Traum anamnetisch beschnuppert und sich ihres wahren Seins vergewissert; üblicherweise ist dies unter ihrer Sorte Menschen in Sekundenbruchteilen erledigt und man ignoriert sich fortan; der Weg von Wiedergeburt zu Wiedergeburt ist viel zu anstrengend und grausam, um ihn mit anderen Eingeweihten teilen zu müssen. Die Toten sind unendlich einsame Geschöpfe, es gibt keinen Zusammenhalt unter ihnen, sie werden alleine geboren, sterben und werden auch alleine wiedergeboren.“

Insofern ist es – ceterum censeo – um der Geschichte willen und der anspielungsreichen Konstruktion ärgerlich, daß Kracht ein interessantes Thema – nämlich Film und Bild, Gewalt und die Grenzen des Darstellbaren: was darf die Kamera, was kann ein Autor abbilden? – so fahrlässig behandelt. Auch die Verweise auf Thomas Mann, wie sie das Feuilleton heranzieht, so Denis Scheck, stimmen nicht. Denn Mann weiß, was er tut, wenn er im Stil ironisch distanziert, und er tut es virtuos. Kracht ahmt lediglich einen Stil nach, versucht diesem Stil eine eigene Note zu verpassen, aber hierin scheitert er. Sätze wie „in einem dostojewskischen Anflug von Selbstvergessenheit“ sind nicht nur von der Anmutung schlimm, sondern sie kommentieren und suggerieren, um qua Begriff beim Leser ein Gefühl hervorzukitzeln. Dabei dienen die Wörter lediglich als Spielmarken für den wohlfeilen Effekt.  „zwinker, zwinker“ wie Kracht an zwei Stellen des Romans zum Leser herüberplinkert. Mit Herbert Grönemeyer zurückgesungen: Was soll das?

Die Formulierungssucht verfehlt in dieser dargebotenen Intensität ihre Wirkung. Sie nervt, weil sie auf Dauerton gestellt ist. So wie Kracht es baut, wirkt die Prosa schal. Ein Dandy, dem man den Dandy als gewollte Pose ansieht, ist ein schlechter Dandy, die Differenz zwischen Kennen und Können eben, und wir hören, wie die Preziosen klimpern: Sie sind aus Plastik. Und doch hat der Roman etwas – wie alle Bücher von Kracht. Ich laviere da hin und her, Sie merken es, liebe Leserinnen. Ich will den dicken Verriß und ich kann es nicht übers Herz bringen. Nach mehreren Seiten Lektüre gewinne ich einen Zugang. Und verliere ihn wieder. Manchmal paßt es doch, was er schreibt, denke ich, und die Form wirkt, weil sie jene Atmosphäre der 30er Jahre einfängt und seltene oder seltsame Begriffe aufliest und in Sätze baut. Zumindest funktioniert seine Konstruktion besser als all die Berlinromane mit den Problemzonen der verwahrlosten Sommerhausspäter-Spätjugendlichen, deren Adoleszenz sich in die schlechte Unendlichkeit hinausschob und all der Blasmusikpop.

Wenn Kracht zwischen der historischen Wirklichkeit und der Fiktion wechselt und mit den Elementen spielt, beides mischt, indem er (einen ausnehmend unsympathischen) Charlie Chaplin, Alfred Hugenberg als Kraftmenschen, Heinz Rühmann als einen deutschen Popanz mit Kleinwuchs sowie die Filmtheoretiker Siegfried Kracauer und Lotte Eisner als subtile Exilierte auftreten läßt, dann funktioniert der Roman. Das Berlin der 30er Jahre, eine Taxifahrt, bei der Kracauer und Eisner dem Nägli einreden, Hugenberg als Akt des Widerstandes möglichst viel Geld aus der Schatulle zu leiern. Das hat Komik. Ich bekomme einen Eindruck von dem, was Kracht möchte. Zumindest in den Andeutungen funktioniert es, diese Melange aus Spaß und Ernst, Tragödie und Komödie.

Obgleich es in der Konsequenz schal bleibt, wenn ich mir die Zusammenhänge, die eigentlich der Erzähler (oder der Autor? – wer weiß das schon?) aufbauen sollte, als Leser selber zusammenreimen muß, weil Kracht von Anspielung zu Anspielung tippelt. Deutsches Wesen, Wahn und Vampire. Klar, der Kracauer, schrieb er nicht sein Standardwerk „Von Caligari zu Hitler“? Das zudem in der ersten Ausgabe falsch übersetzt wurde: Von Caligari bis Hitler und dann seine Studien zu Massenmedien und Propaganda. All das will mitgedacht sein. Es funktioniert bei Kracht über das Prinzip der Assoziation: Eichendorff, Kunst und deutsches Wesen, das zugleich eine Art düstere Parodie ist, eine „hölderlinsche Zone“ und „dieser Hallraum sei ganz und gar deutsch, aber eben auch universell“. „Die Toten“ ist ein deutsches Splattermovie. Den Nationalgeist im Film darlegend. Kracht zerlegt den deutschen Mythos nicht, sondern er schreibt sich in „Die Toten“ flüchtig an ihm entlang, liefert lediglich (parodistische) Skizzen, folgt wie ein Knabe den Launen, um sie dann wieder aufzugeben und sich anderem zu widmen.

Wenn der Erzähler uns die Gedanken Amakasus schildert, so sind es zwar einerseits Proklamationen, doch zeigt sich in jenem Satz etwas von jener Linie, die der Roman zeichnet:

„Wir leben nicht nur in einer Gedankenwelt, dachte er, sondern auch in einer Welt der Dinge. Und die Vergangenheit, sie war immer interessanter als die Gegenwart.“

Womit der erste Teil des Romans endet, der, so Kracht im Interview mit Scheck, am japanischen Nō-Theater ausgerichtet ist, das vom Assistenten Charlie Chaplins in einer solchen Theatervorführung wie folgt beschrieben wird:

„das Essentielle am Nō-Theater sei das Konzept des jo-ha-kiū, welches besagt, das Tempo der Ereignisse soll im ersten Akt, dem jo, langsam und verheißungsvoll beginnen, sich dann im nächsten Akt, dem ha, beschleunigen, um am Ende, im kiū, kurzerhand und möglichst zügig zum Höhepunkt zu kommen.“

Kleine Form der Selbstreferenz, im Blick auf den Bau des Romans. Man muß sowas nicht unbedingt goutieren, aber mir gefällt solches Spiel im Spiel. Zumal wenn es dann zum Ende des Romans tatsächlich so flink und furios zugeht, wie in dem Film „Peking Opera Blues“.

Die Stärke des Romans liegt in jenen Episoden, wo er dezent Bilder setzt oder auf die Kunst reflektiert: Wenn Emil Nägeli während seiner Fahrt durch Tokio darauf sinniert, „eine Metaphysik der Gegenwart zu gestalten, in all ihren Facetten, vom Inneren der Zeit heraus“. Am Ende des Romans wird ihm dies, anders als dem Autor desselben, gelingen. Er ist der einzige, der unbeschädigt diesem Reigen aus Moderne und Regression entkommt. Zumindest bleibt Nägeli am Leben. Ebenso schimmert – im Zitat – das Spiel mit den romantischen Erlösungsvisionen der Kunst:

„und in diesem Augenblick empfindet er es so, als könne er sich die Pein der Welt und ihre Grausamkeit für kurze Zeit borgen und sie umkehren, sie in etwas anderes, etwas Gutes verwandeln, als könne er durch sein Kunst heilen.“

Nein, Kracht tümelt nicht deutsch – bereits die ironisch-distanzierte Haltung des Erzählers ist gefeit vor unsinnigen Identifikationen in irgendeine Richtung hin. Aber in solchen Sätzen – über die man freilich wird streiten können – scheint so etwas wie die Metaphysik der Kunst auf. Kracht ist solch ein Ding- und Kunstmetaphysiker, Tiefe aus Oberflächlichkeit könnte man mit Nietzsche höhnen – und Kracauers letztes Werk heißt Geschichte – Vor den letzten Dingen. Doch hinter die Dinge dringt Kracht nicht und vermutlich will er es in seinem übertrieb ironischen Spiel auch gar nicht, sondern vielmehr die Haltlosigkeit solcher Radikalphänomenologie uns demonstrieren.

Das große Dennoch hängt im Raume und die Frage: Was macht Kracht? Ein interessantes Konzept strauchelt in letzter Konsequenz an einer outrierten Sprache. Da nützt dann auch als Final und als Fanal angesichts des dramatischen Todes von Ida, die sich vom H des Hollywoodschriftzuges auf dem Mount Lee hinabstürzt, ein so feiner ziselierter, zitierter Schlußsatz nichts, der aus Hölderlins Briefroman „Hyperion“ stammt und einem Magazin zugeschrieben wird, das sich auf spektakuläre Todesfälle spezialisiert hat: „Es wird heißen in diesen Schriften, sie sei wie ein Feuer gewesen, das im Kiesel schläft.“ Das Patchwork der Kulturen sowie ihre Dissonanzen – in Prosa dargeboten – funktionieren nicht, und Krachts Roman vermag dieses Feuer nicht zu entfachen. Es bleibt bloß ein Zündeln und im letzten Satz ein hoher Ton, der schlecht geborgt klingt. Kracht bleibt einem doch konventionellen Konzept von Kunst als Mystik verhaftet. Daran scheitert der Roman am Ende. Daran vermag auch die Ironie nichts zu retten. Im Gegenteil. Was erlauben Kracht?

Christian Kracht: Die Toten, Verlag Kiepenheuer&Witsch, 2016, 212 Seiten, ISBN: 978-3-462-04554-3, 20,00 € gebunden

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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21 Antworten zu Heiner Müller auf Speed. Christian Kracht „Die Toten“

  1. che2001 schreibt:

    Es erstaunt mich, dass Du „Faserland“ für einen guten Roman hältst. Für mich ist alles was ich von Kracht kenne Müll. Zeitgeist-Autor der zweiten Yuppie-Generation, für die deutschsprachige Literatur vor allem anders zu sein hat als das, was die Gruppe 47/Gruppe 62, also Grass, Böll, Bamm bis Peter Paul Zahl so geschrieben haben. Der Bruch mit der antifaschistischen/gesellschaftlich engagierten Literatur. Kracht ist Florian Illies in Romanform.

  2. Bersarin schreibt:

    Kracht ironisiert in Faserland, und er dekonstruiert seinen Helden (einerseits) als einen eitlen Spinner und auch als eine traurige Gestalt. Kracht zeigt ungeniert das, was ist und er gibt keinerlei Anweisungen mehr, wie zu handeln sei oder was zu tun. Faserland kann man übrigens mehrdeutig lesen: Fatherland, Vaterland, zerfasertes Land. Und es ist dieses Buch ja eine Reise quer durch die Republik, von Nord nach Süd und dann in die Schweiz zum Grab von Thomas und Katia Mann. Gut paßt dieser Roman übrigens zu dem großartigen Deutschlandfilm „Finsterworld“, den seine Frau Frauke Finsterwalder drehte. Kracht schrieb am Drehbuch mit. Ein bitterer Blick. Nicht anders als Faserland. Man lasse sich in diesem Roman nicht von der Yuppiehaltung täuschen. Sie ist ein Trick.

    Von engagierter antifaschistischer Literatur halte ich gar nichts, wenn sie bloße Proklamation bleibt. Was literarisch zählt, sind die ästhetischen Maßstäbe und die Konstruktion eines Romans, die auf so etwas wie eine ästhetische Wahrheit zu deuten vermögen. Politprop-Parolen und Zeigefinger-Literatur wie teils bei Sartre oder auch bei Brecht, wirkt insbesondere deshalb ermüdend, weil sie mir eine Botschaft vermittelt, die ich eh schon weiß. Und daß Kapitalismus in einer so simplen Weise funktionierte, wie Brecht dies in seinem Lehrstück von der heiligen Johanna insinuiert, halte ich für eine literarische Fehlleistung. (Wobei ich beim Brecht-Theater immer denke, daß es zugleich auf die Inszenierung ankommt, da läßt sich einiges retten. Man siehe das an Heiner Müllers Ui am BE.)

    Christian Kracht unterläuft dieses Schema und bringt in die Literatur einen neuen Ton. Eines der großen Mißverständnisse ist es übrigens, ihn für einen Pop-Literaten zu halten.

  3. Georg schreibt:

    Da in der Rezension ja schon Nietzsche erwähnt wird, sei eine Randbermerkung erlaubt: Amakasu ist lateinisch und bedeutet, wenn man die Deklination variiert: „liebe den Untergang (oder auch den Tod)“, als imperative oder ethische Aufforderung. Das verweist m. E. klar auf Nietzsches Pessimismus der Stärke, wie er im Zarathustra formuliert wird: „Was geliebt werden kann am Menschen, das ist, dass er ein Übergang und ein Untergang ist.“
    Ob das mehr als ein literarisches Rätselspiel ist, kann ich nicht beurteilen, da ich das Buch nicht gelesen habe.

  4. Bersarin schreibt:

    @ Georg und El_Mocho

    Vielen Dank für die Hinweise. Ganz kann ich Deine Ableitung zwar nicht nachvollziehen, Georg, aber sie klingt so schön und passend, daß sie einfach wahr sein muß. Selbst wenn sie nicht ganz korrekt ist. Die Referenz auf Nietzsche ist sicherlich nicht falsch. Wenngleich er im Roman auf der ersten und ersichtlichen Ebene keine Rolle zu spielen scheint. Zumindest fällt mir keine direkte Stelle ein.

    Dieter Kühn sagt mir was, doch las ich ihn bisher nicht. Was ist daran faszinierend? Würde mich interessieren. Und mit welchem Buch am besten den Einstieg wagen? Die Idee eines autobiographischen Schreibens, das die Konventionen des Erzählens aufbricht, wie die FAZ schreibt, klingt zumindest interessant.

  5. che2001 schreibt:

    Es kann gut sein, dass ich Kracht bislang durch die Brille seiner Fans gesehen habe, die neoliberale bzw. neokonservative Yuppies waren.

  6. Bersarin schreibt:

    Es ist ein wenig wie mit den italienischen Sportwagen: es werden die meist von Idioten gefahren, dennoch sind das hübsche Autos. Ich will jetzt auch gar nicht alles an Kracht verteidigen und ich müßte mir „Faserland“ nochmal vornehmen. Aber damals hielt ich es für gut. Ein abgebrühter, widerlicher Typ. Das Buch schildert Menschen, die einem nicht unbedingt sympathisch sind, weil dieser Typus von Mensch meint, das Geld fällt in den Schoß und kommt durch irgendwas ins Portemonnaie. Angeber, Geldsäcke. Markenprodukte als Fetische. Die Popper haben das Buch, dumm wie sie sind, als eine Hymne auf sich gelesen. Dabei ist es alles andere als das.

  7. ziggev schreibt:

    … ich bin sogar eine Generation später (als che), und frage mich eigentlich nur, soll ich jetzt lachen oder nicht? Lachhaft?, Ja. Aber lachen tue ich nicht.

  8. Bersarin schreibt:

    Ich weiß nicht, was Du mit Deinem Kommentar meinst, ziggev. Kannst Du es genauer ausführen?

  9. Ich bin mal zufällig auf „Ich Wolkenstein“ gestoßen (https://www.amazon.de/Ich-Wolkenstein-Biographie-Dieter-K%C3%BChn/dp/3596133343) und war sofort fasziniert. So eine Biographie hatte ich noch nie gelesen. Kühn beschreibt nicht nur das Leben Wolkensteines, sondern auch den Prozess wie er es erforscht, z.B. wie er nach Südtirol reist, um die Burg Wolkenstein zu besuchen, und wie man das Leben eines Menschen aus dem 15. Jahrhundert in alltäglichen Details rekonstruieren kann.

    Seine vielen Biographien gefallen mir am besten. Wenn er über Clara Schuhmann schreibt, versucht er z.B. zu rekonstruieren, wie wohl die Wohnung ausgesehen hat, in der sie als Kind lebte, oder wie man im 19. Jahrhundert einen Konzertflügel durch Europa transportierte usw.

    Auch die wenigen Romane Kühns sind ähnlich konstruiert. In „N“ (https://www.amazon.de/N-Dieter-K%C3%BChn/dp/3596165466) spekuliert er z.B., wie wohl das Leben Napoleons verlaufen wäre, wenn er sich an bestimmten Stellen anders entschieden hätte. Etwa wenn er auf Korsika geblieben wäre, oder wenn er sich 1795 den radikalen Revolutionären angeschlossen hätte anstatt den Konstitutionalisten. Usw.

    Außerdem ist sein Stil klar und einfach, ohne viele Metaphern und Abschweifungen, was mir auch sehr gefällt.

  10. Dieter Kief schreibt:

    Sie haben da mit der Ida aber nicht einen wichtigen Plot-Point verraten- oder?

    arhythmisch

  11. Bersarin schreibt:

    Doch, habe ich. Aber da bei Kracht alles das so schnell und am Ende bloß äußerlich angespielt wird, ist es dann auch wieder egal. Und zudem habe ich ja ein paar weitere Schmankerl noch ausgespart. Zum Beispiel, daß in im zweiten Akt Charlie Chaplin … Aber ach, lesen Sie doch alle selbst nach.

  12. Bersarin schreibt:

    @ El_Mocho: Danke für die Hinweise. Es klingt das Thema interessant. Wobei es für die ästhetischen Kriterien unmaßgeblich ist, ob die Sprache nun einfach und ohne Metaphern auskommt, sondern das Kriterium ist immer, wie ein Text mit Sprache umgeht und ob de Form dem Inhalt entspricht, ob der Stil bloßer Selbstzweck ist, der dem Autor schmeicheln soll, oder ob er sich in der Sache selbst motiviert. Und auch Abschweifungen können eine sinnvolle Funktion haben, was etwa die großartige Prosa von Jean Paul beweist: Um nämlich auf eine besondere Weise dese Erzählens und eine bestimmte Form von Autorenschaft samt dessen Destruktion zu deuten.

    Was den Napoleontext betrifft, hängt das nun sehr davon ab, wie es in der Konstruktion gemacht ist. Denn der Gedanke als solche, eine Was-wäre-wenn-Maschine ist nicht sonders originell, da prinzipiell alles dann möglich ist und sich dieses anfangs noch witzige Spiel schnell abnutzt, wenn es nicht tricky gemacht ist. Nur eine parallele Biographie zu verfassen reicht mir nicht.

  13. Dieter Kief schreibt:

    Uhhu –

    Übrigens: Heute ist bei Bild wieder Promi-Geburtstag – Eckhard Henscheid wird 75 (praktisch kein Witz, oder sollte ich sagen: Theoretisch – naja – – egal).

  14. Bersarin schreibt:

    Ich hielt’s erst für einen Scherz. Also nicht den Geburtstag, den ich in der Tat nicht wußte, was schade ist, Sie sind böse, Herr Kief, denn Sie erinnern mich in Ihren Kommentaren immer wieder an die Stellen, wo ich versage, sondern den Hinweis, daß die Bild-„Zeitung“ darüber berichtet. Dann googelte ich: und siehe: es stimmt. Das mit der Kneipe in Frankfurt freilich wußte ich gar nicht, daß es da ein Stübchen gibt, das seinen Namen trägt. Ich muß mal wieder für länger nach Frankfurt reisen. Schön den Kettenhofweg entlangschlendern. Ich tat es zuletzt 1990. Schaute bei jener legendären Hausnummer vorbei. Mit einer Freundin, die Adorno genauso mochte wie mich; nein, falsches Pronomen: wie ich. Und wir mochten im Grunde gar nicht Adorno, weil wir ihn schlicht und ergreifend nicht, kannten, sondern wir schätzten seine Texte. Und ich schätze sie immer noch, wie man diesem Blog unschwer entnehmen kann. So war das damals: Wir blickten auf das Namensschild und sahen dort: es prangte immer noch der Name Adorno. Aber mir fiel dann ein, klar, Gretel Adorno lebte zu dieser Zeit ja noch – wenn auch, nach ihren Selbstmordversuch 1971 unter traurigen Umständen. Ja, ein eigentümlicher Moment war das. Da sitzt plötzlich Geschichte in den Knochen.

    Nein, Frankfurt ist nicht schön, aber die Liebe zu dieser Stadt kann sich langsam entwickeln. Gute alte Zeit.

  15. Dieter Kief schreibt:

    Erhalte gerade eine mail, dass ich jetzt e-paper-Abonnent des Nordbayersichen Kuriers bin.Ein Herr Weiser schreibt dort heute einen Geburtstagsartikel – Lokalredaktion Amberg, wie’s aussieht, und da wollte ich dabei sein. Kann man per paypal bezahlen: Ok.
    Die Schaltung hat aber nicht funktioniert. Mail an den Kundenservice, Antwort, sie wüssten leider nicht zu sagen, an was die Sache hakt, aber ok: sie schalten mir heute den gesamten Norbayerischen Kurier frei. Für 39 ct. – fand ich toll.

    Grad‘ in die mails geschaut – und da die frohe Nachricht über meinen Status als neuer e-paper Abonnent des Norbayerischen Kuriers gefunden. Gratulation zum Jahresabo usw.
    Jetzt muss ich nur noch sicherstellen, dass ich die Amberger Ausgabe kriege – ok: Scherz, ich muss schon wieder eine beschwer-mail nach Amberg schicken. Himmel hilf – „In der Bedrängnis“ – das vorvorletzte und irschndwie unglaubliche Buch von E. Henscheid heißt ganz passend so.

    In der Thüringischen Allgemeinen war ich im Sommer „Urlauber der Woche“. Ich war dem Reporter-Duo aufgefallen, weil ich in Bad Frankenhausen fotografierte. Das tue sonst keiner – höchstens mal mit dem handy oder so.

    Ah, Ihre Bemerkung wg. Ihnen – wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden. Alte Schule.
    Öh – da fällt mir glatt der Spruch ein, den sie in Wunsiedel ins Geburtszimmer von Jean Paul gepinselt haben: Dass man doch bittschön den Kindern ermöglichen solle, den Schädel jenes Mannes zu streicheln, der die Ferien erfunden habe. Habbich Jungerziehenden in meinem Freundeskreis geschickt und harre nun gelassen der Aufregung wg. seelischer Grausamkeit.

    Eine Feundin von uns wohnte lange im Kettenhofweg. Einmal bin ich da vollkommen glückstrunken entlanggewankt, weil ich mich zuvor von einer Exkursion ins Senckenbergmuseum abgesetzt und bei 2001 an der Hauptwache mit einer Tasche Bücher und Musik eingedeckt hatte. Einen Band erinnere ich: Sam Haskins, Cowboy Cate & Other Stories. Sehr freundlich-versponnen – ein sozusagen noch ganz anders getöntes Amerika.

    „Time passes slowly up here in the mountains“, und doch – vorhin im Wald war es abends schon dunkel.

  16. Bersarin schreibt:

    Nein, nein, nein, nein, das darf nicht wahr sein: Der gute alte Nordbayerische Kurier. Ich erinnere mich noch und ich erinnere mich gerne, an meine Tage in Bayreuth. Die Zeit der Mittagspause in der kleinen Küchenkantine mit der kleinen Mannschaft, die gar keine Mannschaft war, sondern aus lauter Frauen bestand, nimmt man mich mal aus, mein erster Tag als Volontär – nicht beim Kurier, sondern an einer anderen Stätte. Ich so, in die Küchenkantine hereinstolziernd, erster Arbeitstag, und frage, wo man denn nach dem Essen rauchen könne. Die Müllersche gleich harsch in derbstem fränkischen Dialekt: „Na hier mal sicher nicht!“ Nee, das wolle ich auch gar nicht, sondern einfach nur irgendwo eine Raucherecke. Damals war es noch nicht ganz so arg, es gab diese Plätze in größeren, modernen Funktionsbauten. Eigentlich mag ich dieses Barsche im Fränkischen, nicht gleich anbiedernd, sondern in Distanz, wie ich auch, alter Hanseat aus hohem Norden: nicht Schlüssel der Welt, sondern das Tor und großer Hafen. Hier wußte ich, brauchste nicht auf YoYo und dicke Hose zu machen.

    Und ich vergesse diese Pausenzeit niemals, habe sie immer genossen, um wieder auf den Nordbayerischen Kurier zu kommen, denn die fünf Damen haben den regelmäßig gelesen und das nicht nur leise, sondern laut, immer schön die Meldungen heraus. „Hoast ghöat, wüieda hoats a Obapfölzer sei Famil aschosse. Schlimm soans.“ Und dann wurde weiter in breitem Fränkisch gelesen, was sich auf den Dörfern zutrug. Eigentlich gab es jede Woche irgendeine Schreckenstat in der Oberpfalz, und so kam ich schnell hinter die gute alte Rivalität zwischen Oberfranken und Oberpfälzern. Aber natürlich wurden auch die netten und harmlosen Berichte und das, was in Bayreuth geschah, verlesen. Maisels Brauereifest, wo wir hingingen, und die Spider Murphy Gang spielte da und sang „Mir san a Bayrische Band“. Alle sangen mit. Ich nicht so, bin sowieso Gesangs- und Mitmachskeptiker und dachte dabei, daß Franken und Bayern doch eigentlich nicht so gut können. Egal. Das Bier war schon lecker.

    Auch lasen mir die Frauen manchmal Kontaktanzeigen aus dem Kurier vor, wenn es paßte, und sie hätten mich wohl auch gerne als Kollegen bei sich behalten, aber Bleiben ist nunmal nirgends: „Hier, das wäre doch was für Sie?: ‚Frau sucht philosophierenden Ästhetiker.‘“ Stand da sinngemäß so. Ich traf mich dann tatsächlich mit der Frau. Es war ein Reinfall. Ein netter Abend, nur zu sagen hatten wir uns nichts, da sich die den Ästhetiker Suchende und wie ich dachte ebenfalls Ästhetikerin vom Wesen seiend, sich als Esoterikerin entpuppte.

    Ach, es war eine wundervolle Zeit, die ich nicht vergesse, all diese Tage, die nicht ganz zwei Jahre im Oberfränkischen. Zur Mittagspause. Ich habe selten ein solches Team erlebt. Zwar fühlte ich mich am Anfang von der Sprache wie im Ausland (aweng awaf läßt sich nicht auf Anhieb gut verstehen und ins Hochdeutsch übersetzen), aber irgendwann gab es sich. Was für herzliche und liebenswerte Menschen!

    „Ich denke immer noch, irgendwann einmal sitzen wir alle in Bayreuth zusammen und begreifen gar nicht mehr, wie man es anderswo aushalten konnte.“ Fast ein Satz wie von Thomas Bernhard.

  17. MBe schreibt:

    Vielen Dank für diese ausführliche und erhellende Rezension. Literaturkritik, wie sie sein sollte.

  18. ziggev schreibt:

    hmm, na, das is ja mal was hier im Blog vom Betreiber und Hauptprotaginsten – im Dialog mit Dieter Kief-, dieses seltsame Zusammentreffen in Bayreuth und beim „guten alten“ Nordbayerische Kurier; sowas kenne ich nur von der rhetorisch begabtesten Mitschülerin, die dann – immerhin von Nordhamburg aus – direkt – nach zweifelsohne Super-Abi – nach Bayern abwanderte, zu irgendeinem „schwarzen“ Bayern-Provinzblatt; aber immer – wirklich immer – wenn ich sie nach einer Zigarette fragte, überreichte sie mir eine Benson & Hedges, mich um mindestens c.a. 10 cm überragend und nicht selten, eigentlich Standard, die Gemeinschaftskundestunde allein bestreitend bei gefrustetem Ex-68er-Lehrer, amüsiert, belustigt, aber doch mit einem gewissen Respekt, ob des Außenseitertums auch meinerseits, und Grandezza, denn – tja – schon damals sank mein Stern. Dies gelang mir unterdessen nur noch manchmal in Geschichte, immer jedoch in Kunst, als mir dieser es auch auf „Strukturalismus“ abgesehen habende Lehrer – der, übrigens, tatsächlich dann, wie sich herausstellte, alle Aktionen des einzigen von uns, der freie Künste studieren sollte, mitverfolgte, Plakataktionen und dergleichen mehr – einfach nur das Wort überließ, sodass tatsächlich eine „Unterrichtsstunde“ daraus hatte werden können und, was ich sicherstellte, auch wurde. Erst Benson & Hedges und dann „Bayern Kurier“ ! Damals zweifelte ich, ob ich glauben sollte, heute weiß ich.

    Also Pastiches á la Kracht ? I don´t know, denn den kenne ich nur durch die neulichen kleinen Debatten. Ebenso, wie mich ja bereits Handkes „Nachmittag eines Schriftstellers“ über alle Maßen gelangweilt hatte, denn ich fragte mich, was soll das? wieso beschreibt dieser kontrovers und vieldiskutierte Autor meine, genau die meinen, Spaziergänge – nur noch ein bisschen langweiliger? war es mir wie Schuppen vor den Augen gefallen, als dieser Autor des „Bocksgesanges“ – stand damals viel von im „Spiegel“ – im Interview nur noch Langweilertum verbreitete, – eine lange Weile, die in meinem spätpubertärem Ennui doch bereits längst eingepreist gewesen war!
    ________________________

    Aber diese Lockerungsübungen gefallen mir, die mir selbst jetzt freilich etwas aus den Gelenken geraten. Ob Bayrischer Kurier betreffend, Pastiches Krachts oder nicht. (Aber: Was war da genau in Bayreuth?)

    Und auch das, geschätzter bersarin, gefällt mir, die kleine Lockerungsübung in Deiner Literaturkritik. Eben nicht auf jene sich perpetuierenden Kritiker-Scharmützel einzugehen, auf die, wenn ich es jetzt noch richtig weiß, insonders von Tell aufmerksam gemacht worden ist und welche mich bereits vor über einem Viertel Jahrhundert – Handke und Strauß betreffend – langweilten (wer schreibt den Roman dieser langen Weile?), und die, offenbar als ginge es darum, aus der langen Weile eine selbstzweckhafte Übung zu machen (Sloterdijk/Osho?), einen offenkundigen Langweiler in literarische Würden zu erheben sich letztlich nicht ungelegen sein zu lassen vermögen.

    Selbstreflexivität – und das Eingeständnis der intermittierenden Unentschiedenheit – geben Spielraum. Und aus dem Spiel der Selbstreflexivität ergeben sich momenthafte, kurze Einsichten, die weiterzuverfolgen natürlich anheimgestellt werden sollten – und von Dir auch werden. Von sich selbst zu sprechen in einer Literaturkritik muss also nicht gleich langweilen, sondern beinhaltet eine gewisse Redundanz – eine Redundanz, die zugleich Schreibendem wie dem sowie der Lesenden eine gewisse Atempause verschafft. So – jetzt Achtung! – wird die Redundanz der Selbstreflexivität zur Höflichkeit gegenüber dem Leser !

    Redundanz (der Banalität der Adjektive) kann auch Höflichkeit gegenüber dem Leser bedeuten! Mir scheint indes in der Tat, dass Kracht es hier um etwas anderes gegangen zu haben scheint; dazu vielleicht mehr von mir auf Tell. – Jedenfalls Deine kleine Auseinandersetzung mit dem verehrten Che oben scheint mir hingegen nicht ganz zur Genüge zu reflektieren, dass Kracht offenbar – auch in der sich „literarisch “ dünkenden Szene – oft nur dazu dient, sich irgendwo in einem vor allem durch sich selbst – also durch diese Kritiker – abgemessenen Feld zu „positionieren“.

    Kracht gehört offenbar selber zu diesem popkulturell/poptheoretisch-industriellem Komplex. Ein Ausbruchsversuch. Respekt.

  19. Bersarin schreibt:

    Ja, die Abschweifung belebt die Kritik. Ich rauchte seinerzeit nur Zigaretten ohne Filter. Wenn wenig Geld zur Verfügung stand, die selbstgedrehten Zigaretten und ansonsten Lucky Strike. (Ganz selten auch mal Benson & Hedge.)

    Allerdings sollte man bei einer Kritik vom Autor relative absehen – zumindest zu viel es geht und wie es möglich ist, und auf den Text schauen. Die Debatte auf tell ist insofern interessant, weil es um die Modi und Möglichkeiten der Literaturkritik geht.

    Botho Strauß ist ein hervorragender Stilist und ein genauer Beobachter – mag man von ihm politisch halten, was man will. Handkes „Nachmittag eines Schriftstellers“ hat mich seinerzeit gleichermaßen fasziniert wie abgestoßen. Fortschreibung der neuen deutschen Subjektivität und zugleich doch reflektiert Handke aufs Tun und aufs Leben des Künstlers.

    @ MBe: Vielen Dank.

  20. Kreidler schreibt:

    Danke für diesen Text, Bersarin!

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