Beim Betrachten der Photographien – ein kurzer Reflex auf Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“

„Wo gehn wir denn hin? Immer nach Hause.“
(Novalis, Heinrich von Ofterdingen)

Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“ gestaltet sich bereits auf den ersten Seiten als ein ausnehmend spannendes Schreib-Projekt. Nicht nur, weil es schon zum Beginn von Photographien handelt, sondern dieses Buch ist ein wunderbares, erinnerungstolles Hybridwesen, geschrieben zwischen Theorie und Literatur bzw. autobiographischem Schreiben (als Form von Literatur), zwischen Soziologie und Recherche. Hinab in die Heimat. Wir lesen eine Suche nach der eigenen Herkunft. Eine Reise nach Hause, denn von dorther kommen wir trivialerweise, und das, was war, nehmen wir unweigerlich als Gepäck mit – ob wir es wollen oder nicht. Diese Heimat ist bei Didier Eribon die französische Provinz. Eribon entstammt dem französischen Arbeitermilieu, für einen Akademiker in Frankreich eine eher untypische Herkunft angesichts der Klassenschranken und den Zugängen zur den Grandes écoles. Eribon ist Soziologe und er ist schwul. In der BRD wurde er durch seine Foucault-Biographie bekannt.

Jahrelang war Eribon vom Zuhause, bzw. von dem Ort, der in der Kinderzeit einmal das Zuhause war, abwesend. Nach dem Tod des ungeliebten, ja gehaßten Vaters reist Eribon zwar nicht zu dessen Begräbnis, wohl aber zur Mutter, zurück in die Provinz. Sie reden miteinander, sie kramen Photographien aus einem Schuhkarton, die die Zeit zeigen, als Eribon noch ein Junge war:

„Ich hatte plötzlich wieder – aber war es nicht die ganze Zeit in meinem Kopf und in meinem Leib eingeschrieben gewesen? – dieses Arbeitermilieu vor Augen, dieses Arbeiterelend, das aus den Physiognomien der Häuser im Hintergrund spricht, aus den Inneneinrichtungen, aus den Klamotten, aus den Körpern selbst. Es ist immer wieder bestürzend, wie unmittelbar fotografierte Körper aus der Vergangenheit, viel mehr noch als bewegte oder leibhaftig vor uns stehende, einen sozialen Körper darstellen, den Körper einer Klasse. Und wie sehr die fotografische Erinnerung jeden Einzelnen, indem sie ihn (in diesem Falle mich) an seine Klassenherkunft erinnert, in seiner sozialen Vergangenheit verankert. Das Private und Intime, wie es aus diesen alten Bildern spricht, schreibt uns wieder in unsere ursprüngliche gesellschaftliche Kategorie ein, in Orte der Klassenzugehörigkeit, in eine Topografie, die unsere scheinbar persönlichsten Erfahrungen und Beziehungen innerhalb einer kollektiven Geschichte und Geografie verortet, ganz so, als hinge jede individuelle Genealogie von einer sozialen Archäologie oder Topologie ab, die ein jeder als eine seiner tiefsten Wahrheiten, vielleicht als die bewusste, überhaupt in sich trägt.“ (Didier Eribon, Rückkehr nach Reims)

Wie mit einem Male, wenn wir eine alte Photographie betrachten, uns die abgelebte Phase eines Lebens in den Kopf schießt. Verdrängtes, schamvoll zur Seite Geschobenes. Bilder, die einmal da waren, denn das auf der Photographie sind ja wir oder sind es zumindest einmal gewesen, dieses Wesen da auf dem Photo: das bin ich, das war ich, so kreist es uns beim Anschauen im Kopfe herum. Beim Betrachten alter Photos realisieren wir die Zeit, insbesondere die Zeit, die verging. Bilder, die eindringen und wie Madeleine-Gebäck, das wir in eine Tasse mit Tee tauchen, blitzartig etwas hervortreten lassen: ein Gefühl, eine Regung, einen Reflex, manchmal auch der Schreck und Erschüttern. Diese besondere Bedeutung, die die Photographie fürs Erinnern besitzt, hatte bereits Roland Barthes in „Die helle Kammer“ in einer Art Semiotik und Phänomenologie der Photographie entfaltet. Eribon schreibt die Geschichte einer Herkunft als (biographische) Literatur, die zugleich eine Sozialstudie über Habitus und Milieu ist.

Photographien bannen, sie fesseln – in mehrfachem Wortsinn. Das Private und Individuelle, das was wir als unser einmaliges Eigentum betrachten, unser Selbst, ruht auf einer Ordnung. Photographien zeichnen die Klassen – ob bei Proust die Kreise des Adels und das alte französische Bürgertum oder das französischen Arbeitermilieu bei Eribon. Aber die Authentizität des Augenblicks in der Photographie – gibt es die überhaupt? Können die in einer Photographie festgehaltenen Momente authentisch sein, echt also, mit Aura versehen, ganz entgegen Benjamins Konzept der Photographie? Bilden Photographien wirklich ein So-Sein ab, oder kontaminieren wir sie nicht vielmehr nachträglich mit den Erinnerungen und sie dienen uns als Muster und Ressonanz-Verstärker? Was bleibt, sind die sozialen Bedingungen, die sich durch die Kleidung und die Räumlichkeiten oder die Umgebung ablesen lassen.

Gut, diese Fragen zum „Wesen“ der Photographie will Eribon nicht beantworten. Vielmehr geht es ihm darum, daß sich in der Photographie der soziale Status verdichtet und festgeschrieben hat, geronnen und als Bild fixiert. Daß die gesellschaftliche und die symbolische Ordnung jenes sich ausbildende Ich maßgeblich strukturieren und daß es uns zuweilen dennoch gelingt, gegenüber einer übermächtigen Umwelt Formen des Widerstands auszubilden und anders zu werden. Oder mit Nietzsches Schrift „Ecce homo“ gesagt: wie man wird, was man ist. Aber in dieser Sozialübung steckt mir wiederum zu viel Ontologie. Mehr noch kann man es bei der Selbstwerdung mit jenem Diktum des – manchmal freilich seichten – Ernst Bloch aus seiner „Tübinger Einleitung in die Philosophie“ halten: „Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst.“ Vielleicht müßte man Bloch ein Stück weit wiederentdecken – als poetische, fabulierende Form der Philosophie und gegen deren restaurative Tendenzen. Denn das immerhin können Leser und Denker von Bloch lernen: Philosophie ist mehr als nur eine akademische Übung in Logik. Sie geht aufs Ganze, sie geht aufs Leben. So vom Hölzchen aufs Stöckchen, von Eribon zu Bloch. Und immerhin finden sich in dieser blochschen „Einleitung“ ein paar Zeilen weiter Passagen, die unbedingt mit Didier Eribons anregendem Buch korrespondieren, auch wenn beide aus ganz anderen Traditionen des Denkens kommen. Denken ist immer eine Weise der Entäußerung, ein Ritt hinaus, große Fahrt, manchmal mit Schiffbruch und Zuschauern. [Hinter Hegel führt kein Weg zurück, Baby, so könnte mein neuer Diskurspopsong gehen.]

„Vom puren Innen ist kein einziges Wortbild gekommen, das uns übers innerste sprachlose Ansich hinaus sprechen läßt und eben äußert. (…) So merkt sich alles Innen erst über das Außen; gewiß nicht, um sich dadurch zu veräußerlichen, wohl aber, um sich überhaupt zu äußern.“ (Ernst Bloch,  Tübinger Einleitung in die Philosophie)

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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21 Antworten zu Beim Betrachten der Photographien – ein kurzer Reflex auf Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“

  1. MBe schreibt:

    Das klingt nach einem sehr französischen Text. Barthes wird erwähnt. Bourdieu ist sicher auch nicht allzu fern. Die Rückkehr in die Provinz (und den Ort der Kindheit) — stets im Kontrast zu Paris und dem Blick der Theorie, der aber dabei autobiographisch und literarisch reflektiert und dadurch geschärft wird.

  2. neumondschein schreibt:

    Bei meiner Bibliothek liegt eine ellenlange Liste aus zum Vormerkenlassen. Wenn ich Deine Rezension lese, uerlege ich mir, ob ich nicht doch davon Abstand nehmen sollte, meinen Namen darauf zu setzen. So viel Foucaultismus, nur um zu erfahren, warum ehemals sozialistische Arbeiter und Intellektuelle der Madame le Pen auf den Leim kriechen!

  3. Bersarin schreibt:

    @ MBe: Das Buch ist von der Atmosphäre her zwar Französisch, aber es könnte genauso in der BRD sich abspielen, zumindest was die gläserne Wand der sogenannten nivellierten Mittelstandsgesellschaft, die alles andere als das ist, betrifft. Ich kann es nur dringend empfehlen.

  4. Bersarin schreibt:

    @ neumondschein: Dieses Buch von Eribon hat rein gar nichts mit Foucault, viel aber mit sozialer Herkunft zu tun, weil Eribon von diesen Leuten und ihrem Alltag samt seinem Werdegang, seinem Schwulsein und dem Ausstieg aus diesem Milieu erzählt. Aber seiner Herkunft entrinnt man nicht. Das wird diejenigen, die um ihre kleinkarierten Partialinteressen, um Profx, um IrgendwasmitMedieninBerlin kreisen, nicht groß interessieren. Ebensowenig jene Mitte der Gesellschaft, die sich zwar links nennt, aber nur, weil es schick ist und weil es irgendwie uncool ist, zu sagen: Ich wähle FDP. Jene Sabbellinke will von den Ursachen, weshalb in France die kleinen Leut scharenweise zu Le Pen überlaufen nichts wissen. Und deshalb wird die Zahl derer, die rechts wählen, kontinuierlich steigern.

    Zudem: was ich schrieb, ist keine Rezension, sondern nur ein Blick ins Buch, ich luge sozusagen ein wenig um die Ecke und schaue, was da ist.

  5. ziggev schreibt:

    Bloch nimmt ja einen Ehrenplatz ein in meinem IKEA-Regal (Neuerwerbung und immer noch besser als Bücherstapel neben Nachttischlampe, Glotze, nicht unter 75 cm, eigentlich überall …) ein, in erster Linie, weil ich einfach seinen Stil unendlich bewundere, seinetwegen hätte ich sogar mal fast Marx zuendegelesen (es blieb dann doch bei den ersten 15 S.).

    Denn aus Bloch scheint kein Geringener denn Shiva Himself zu sprechen. Durch Shivas Selbtsbegrenzung entstand erst das Außen (welches mit ihm identisch bleibt),
    „das uns übers innerste sprachlose Ansich hinaus sprechen läßt und eben äußert“. Selbsterkenntnis wird nicht offenbart, sondern ist Erkenntnis der Identität mit dem Offenbarer. Wir finden keine „Entäußerung“, wohl aber sein Sich-Äußern. Es gibt die Shiva Sutras.

    Hegel jedoch machte in Abgrenzung zur fernöstlichen Religion/Philosophie das Zu-sich-selbst-Kommen des Geistes ausgerechnet im nachlutherischen Deutschland aus. Das ist mir an – selbst shivaistischer- Selbstbegrenzung zuviel.

  6. Bersarin schreibt:

    Na ja, Bloch. Sagen wir es mal so: es ist nicht gerade die erste Liga der Kritischen Theorie, die da spielt. Aber seine Leipziger Vorlesungen zur Philosophie etwa sind eine gute materialistische Einführung in die Philosophie, die ich jeder und jedem nur ans Herz lege – zusammen am besten mit Adornos „Philosophischer Terminologie“. Ebenso Blochs Buch zu Thomas Münzer, die Spuren, Atheismus im Christentum, und auch seine Literarischen Aufsätze sind inspirierend, weil sie eine andere Sicht auf Welt zeigen.

    Blochs Schreiben hängt sehr an einem bestimmten Geist von Zeit, weshalb es heute womöglich ein wenig aus dem Rahmen gefallen wirkt. Zumal Bloch oft mehr proklamiert als analysiert – die Geste Expressionismus, die ihm noch im Blute steckt. Die Mittel und Möglichkeiten Gesellschaft zu analysieren, holt man sich dann am besten immer noch bei Marx und das System dazu, sozusagen die Software von Hegel. Und wer sehen will, wie kritische Sozialforschung als Text und Literatur geht, der liest von Engels „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ Empirische Sozialforschung at its best.

    Das Zu-sich-selbst-kommen des Geistes bei Hegel ist ein komplizierter und vertrackter Prozeß: es dauert. Oder wie Hegel in seiner Phänomenologie (gegen Schelling) schreibt: Das Absolute kommt nicht aus der Pistole geschossen. (Sinngemäß und aus dem Kopf zitiert.)

    Zum lutherischen Pfarrhaus und zur Zeit nach Luther gab es im DHM eine gelungene Ausstellung: „Leben nach Luther. Eine kulturgeschichte des evangelischen Pfarrhauses“ http://www.dhm.de/archiv/ausstellungen/pfarrhaus/begleitpublikation.html

    Ansonsten gibt es zu diesem Thema auch auch Buch im Sieder Verlag, auf das ich gerade gestern gestoßen bin.

    Hegel aus dem Geist des Luthertums zu lesen oder zumindest diese Gedanken im Hinterkopf zu haben, ist in der Tat nicht falsch. Sage ich mal so. Als alter Inquisitor, Jesuit und Mann der Gegenreformation. (Und auch als zauberbergscher Freund Naphtas.)

  7. Dieter Kief schreibt:

    Zicke-zacke/ Zicke-zacke /
    Om-om-om

    Die grauen Katzen machen im letzten Abendlicht bis zum Steinerweichen die Babies nach, wenn man ihnen zu bedenken gibt, dass es leicht fünf oder sechs Bücher von Bloch sein sollten, die man gelesen haben könnte, ohne damit aber an die erste Liga der kritischen Theorie heranzureichen.
    Ah ja: Blochs Hegel-Buch ist auch gut, sag ich.
    So schön es manchem deucht – ich plädiere im Sinne vielleicht nicht allein Ziggev/ Shivas, sondern noch im Sinne Karl Valentins und und: – Helmut Salzingers und – verflixt, warum fällt mir der jetzt nicht sofort wieder ein, an den ich gerade gedacht habe: Lao Tses (nun doch) dafür, diese „der da ist höher als der da“ Einteilung eher ruhen zu lassen, sobald man sich auf derlei Höhen hinaufgeschwungen hat: Sie sind im letzten vollkommen irrelevant und ein wenig fürcht‘ ich irreführend und daher irreparabel deplorabel. Ein Fall wie Kein & Abel. Gedanken aus Babel – all in all: – – Eher nicht degustabel –

  8. Bersarin schreibt:

    Nein, es geht nicht primär um höher oder niedriger im Sinne bloßen Quantifizierens, da bin ich ebenfalls ostasiatischer Weisheitsdialektiker (Hegel: Das ist Zen-Buddhismus für Preußen), sondern um den Gegenstandbereich, und darum, in welcher Weise dieser Bereich erfaßt wird –hier handelt es sich wesentlich um die kapitalistisch organisierte Gesellschaft. Es geht darum, was in welcher Weise und in welcher philosophischen Form ausgedrückt wird, was untersucht wird und welche Mittel dafür angemessen sind. Da Blochs Werk wesentlich von Utopien und einem Prinzip Hoffnung handelt, das wohl jeder Mensch, selbst der düsterste irgendwo in sich trägt, sonst würde man auch im Grandhotel Abgrund nicht weitermachen, bleibt für Bloch eine Weise des eher freien Schreibens und Philosophierens. Sozusagen das spekulative Moment, was von dieser Warte geschrieben auch bedeuten kann: Exaltiert zu schreiben, um zu neuen Ufern zu gelangen. Ein solches aphoristisch-treibendes Schreiben kann man ja insbesondere auch beim wunderbaren Nietzsche bewundern und lesen.

    Aber es gibt andererseits – und da sind wir beim Aspekt der Qualität – gelungenere Formen und nicht so gut gelungene. Das ist in der Kunst so, das ist in der Philosophie nicht anders. In diesem Sinne sind für mich Adornos „Negative Dialektik“ und die „Ästhetische Theorie“ die vom Stand der Zeit her avanciertesten und schlausten Formen des philosophischen Ausdrucks. Zumindest für den Gegenstandsbereich Gesellschaft und für die Kunst. Daß Adorno insbesondere in bezug auf die Ästhetik nicht ganz unbedeutend war, zeigen die bis heute hin getätigten zahlreichen Publikationen, in denen auf Adorno immer wieder referenziert wird. Sie merken schon, Dieter Kief, ich bin wieder mal am Steckenpferdreiten und sondiere das Spielfeld samt Liga.

  9. Dieter Kief schreibt:

    Jaja Bersarin, merk‘ ich schon; und weil das sowas Tiefunschuldiges Samtkindliches ist, kann man sich auch mit Leichtigkeit aufteilen: Nein, keine Hierarchie und ja: Aber emt doch Hierarchie, weil: Hat alles seinen Grund.
    Adorno wird ewig halten, weil er eine ewige Frage,nämlich die nach dem Deus absconditus beackert, von früh bis spat: Ja, die Welt ist da, und ja die Tonkunst ist da und Bach war, da und Reger und Bruckner waren da und vorher Beethoven und Schumann und hinterher emt Schönberg und Berg und die Realität kann einmal damit in eins gesetzt oder wenigstens in Beziehung gebracht und ein andermal dagegen zum langsamen Verschwinden gebracht und – ohhho: Endlich ganz negiert werden: Sie bleibt eben immer die Welt: Ein verworfener, weil erbsündiger Ort – vergessen wir nicht: Adono war Konfirmant…
    Wie gesagt: Ad usum delfini et in profundam aeternitatem…
    Wer immer Angst hat, vor lauter Begeisterung über die Gegenwart oder vor lauter Vernarrtheit in sich selbst all die vergangenen, stattgehabten Schrecken zu vergessen, ist selbstverständlich bestens beraten, eine Adorno-Kur einzulegen. Wenn’s ihm dann immer noch zu wohl ist, empfehle ich, das überrascht vielleicht, die Lektüre von Hillarys e-mails. Ihre Grundstruktur erinnert an Vorläufer von Bach – also z. b. Claudio Merulo.
    Obwohl Adorno diesen Zusammenhang gar nicht beleuchtet hat.
    Seufz. Da bin ich jetzt ganz allein auf mich selbst angewiesen.
    Wird schon. Ich muss mich nur vom Tiefunschuldigen Samtkindlichen Insgesamt des mich momentan grad sonntäglich Umfangenden nicht beirren lassen. Das wird auch schon – zumal draußen die Sonne wartet. Hehe –

  10. Bersarin schreibt:

    Hillary Clinton und ihre Mails sind uninteressant. Sie fällt unter die Rubrik Charaktermasken. Clinton ist eine Stellvertreterin, genauso könnte da Zwerg Nase sitzen. Der Gesamtzusammenhang bzw. die Struktur der verwalteten Welt hat sich ja von den Zeiten Adornos bis zum Heute hin wenig verändert. Man muß nur ein wenig die Umpolungen und einige Drehbewegungen an den Stellschrauben in den Blick nehmen und die Subtilitäten qua Pop und Kunst, die uns Formen von Widerständigkeit vorgaukeln, realisieren und diese Phänomene analysiern und in Essays beschreiben. Was der Kritischen Theorie bleibt, ist: Kritische Phänomenologie zu betreiben und den Blick nicht abzuwenden. Wobei das immergleiche Mantra von der Schlechtigkeit der Welt auf Dauer ebenso langweilig wird wie das von der Güte Gottes. Wenn man will, kann man auch über Adorno hinaus gehen und den Heidegger nehmen. Aber da wird es bloß noch verhängnisvoller und schwärzer („Nur ein Gott kann uns retten“, diese Annahme hätte der Adorno nie gemacht, das ist ja schon fast wieder Ontotheologie), und diese von Heidegger konstatierte generelle Seinsvergessenheit ist mir wiederum zu wenig welthaltig. Zumal Adorno die schönen Dinge der Welt gut und gerne zu schätzen wußte: von den Frauen, dem guten Wein (Erbe väterlicherseits) sowie dem Rehrücken Baden Baden, das Engadin und Bergwandern. Eine eigentlich sinnvolle Haltung: Kritisch und schmausend. Sozusagen Kritischer Hedonismus samt Versenkung ins Kunstwerk, das, wenn es gelungen ist, sowieso die Welt noch einmal und in nuce enthält. Was wir an Hölderlin, Jean Paul Goethe oder auch Beckett sehen können. (Müßte man mal schauen, was D. Henrich in seinem neuen Buch dazu schreibt.) Welche Gegenwartsautoren von Rang gibt es eigentlich, die das heute leisten? Bolaño (tot), Don DeLilo?

    Auf uns selbst sind wir nie verwiesen. Da sprechen und klingen immer schon mehrere, andere Stimmen, die sich in unseren Diskurs – wie sagt man so nett poststrukturalistisch? – eingeschrieben haben. Wir reden nicht alleine, wir sind viele, wie es Derrida in seiner „Postkarte“ schrieb. Auch eine Variante, sich der Welt schreibend zu nähern. Theorie und Beobachtung. Und beides bedingt sich. „Guter alter Hegel, dich behalte ich!“ Tritt vom Bühnenrand zu Seite und schreitet in die Mitte des Raumes.

  11. ziggev schreibt:

    bevor ich die beiden letzten Kommentare lese, jetzt nur noch „schnell“ das hier:

    Wobei Hegel ja gerade in seine Geschichtsphilosophie eine Hierachisierung vornimmt, wie ich gerade zum Erscheinen Deines Positings las, in Abgrenzung zu Schlegel. Dort, von einem jungen Burschen aus Cambridge, wird argumentiert, dass Hegels Beschäftigung mit dem Orient zuförderst verstanden werden sollte und ertragreich besonders dann verstanden wird, wenn sie als Abgrenzung zu Schlegel und gegen deutsche Versuche zu lesen sei, die orientalische Vergangenheit mit Christentum und klassischer Antike zu verbinden, um eine neue Mythologie des deutschen Volkes als finalen Erbe alter östlicher Weisheit hinzubiegen.

    Indien sollte – im Gegensatz zu Schlegel und anderen – von der Entwicklung abgekoppelt werden. Lediglich Elemente sollten erhalten bleiben. Eigenständige Entwicklungen seien insbesondere im antiken Griechenland auszumachen, während indische Vorgaben erst in Persien und Ägypten fruchtbar gemacht werden konnten. Diese orientalischen Einflüsse hätten auch auf Griechenland gewirkt, jedoch nur am Rande. Während also das Erbe griechischer Kultur und Christliche Offenbarung im deutschen, protestantischen Zeitalter verfeinert (refined) wurden, hatte der Orient kein Model zur Verfügung gestellt, dem zu folgen gewesen sei.

    Vor diesem Hintergrund muss mal dann wohl auch Hegels etwas abschätzige Bewertung der indischen Kultur und Kunst sehen (abgesehen natürlich davon, dass ihm nur wenig bis keine Quellen zur Verfügung standen).

    Während jedoch Griechenland den ersten Schritt wahrer Philosophie in Unterscheidung zur Religion markiere, da mit Individualität Introspektion einhergehen konnte, lesen sich zumindest die oben zitierten Passagen von Bloch, als ob Bergiffe wie „das Innen“, „das Außen“ (hier auch grammatikalisch als Substantive auftretend) als etwas wie „Prinzipen“ verstanden werden sollen/oder auch können. Und hier liegt es eben nahe, eine gewisse Nähe zu Formulierungen auszumachen, wie wir sie in Auskünften z.B. über den (monistischen) Shivaismus finden.

    Kann ich freilich nur andeuten: Das „pure Innen“ wäre Shiva als absolutes Beweusstsein, das sich dennoch „äußert“ via Shakti, dem (weiblichen) dynamischen, energetischen Aspekt, den man als von Shiva ausgehende, nicht von im unterschiedene Strahlen oder Wellen sich vorzustellen aufgefordert ist.

    Wo Hegel ohne Teleologie nicht auskommt — denn wie sollte er sonst dazukommen, dass „German nations, under the influence of Christianity, were the first to attain the consciousness, that man, as man, is free“, wie der Bursche aus Camebridge Hegels ‚The Philosophy of History, p. 18‘ zitiert, so dass dann Deutschland den telos allgemeiner („popular“) Freiheit repräsentiert, die zuerst in Hellas emergierte –, so haben wir im Kaschmierischen Shivaismus den Zirkel, dass Shiva der Grund („Ursache“) und zugleich die Folge des (Wieder)Gewahrwerdens des Yogi ist: „Ich bin Shiva“.

    Das quasi religiöse sprechen, vielleicht ein Aspekt, der es so anziehend macht, von Bloch, wenn etwa von „dem Innen“ die Rede ist, das als Prinzip auftritt (ich argwöhne, bei Hegel ist es kaum anders), lässt solche „Prinzipien“ wie im zeitlosen Raum erscheinen. Er lässt Fragen nach Kausalität, von einem Davor und Danach ein wenig offen.

    Ich wage auch, mir zu erlauben, jenes Zu-sich-selbst-Kommen des Geistes in Analogie zum shivaistischen Wiedergewahrwerden Shivas zu setzten. Das kommt natürlich nicht aus der Pistole geschossen. In Indien hat man dazu immer noch im nächsten Leben und den folgenden genug Zeit.

    Mir bleibt noch anzumerken, dass aus shivaistischer Sicht eine oben bemängelte Hierarchisierung vermutlich recht überflüssig bleiben muss. Es wird z.B. recht unbefangen Hegel zitiert, um modernen Lesern hier oder dort einen Aspekt „wie Hegel es ausdrückt“ vor Augen zu führen.

    Und: Ja, auch habe bemerkt, dass Adorno in letzter Zeit oft und gerne angeführt wird. Zumeist jedoch werden seine eher aphoristischen Bemerkungen bemüht, was ja nicht das Schlechteste ist. Instruktiver allerdings z.B. wenn es um das leidige (und insgesamt etwas aus der Mode gekommene) Leib-Seele-Problem geht. Macht Adorno wirklich vorzüglich mit seinem Nietzsche-Verweis und seiner Dialektik.

    man muss sich frech bei academia.org einloggen, Quellen:

    https://cambridge.academia.edu/OliverCrawford (Hegel)

    https://www.academia.edu/10180809/Die_L%C3%BCcke_in_der_Natur._Die_Lehre_der_Anthropologie (Adorno) Merkur, Heft 12, 2014)

  12. Dieter Kief schreibt:

    In Nomine Degli Dei Absconditi

    Sonne bescheint den verschwindenden Tag, der Wind, den Wind habe ich heute Mittag vergessen!
    Wer Kant nicht nennt (achtung: Holperer: Gemeint ist: nicht nennt, nicht: nicht kennt), nimmt halt Derrida, wenn er sich vergewissern will, dass das reine Monologisieren nicht und nicht (E. Henscheid) fruchtet. Früchtet? Fruchtet.
    Bach und Merulo waren schon ernst gemeint. Tjaha. Hillary und Charaktermaske usw. Vasteh‘ ich jetzt etwa so, wie der Hofhund die grauen Katzen verbellt.
    Merulo ist gut, und Hillarys mails (insbesondere die zu Syrien) sind auch gut – ich meine sie seien tatsächlich so ähnlich strukturiert wie Merulos Missa Apostolorum. Kühl, doch klar in der Vorwärtsbewegung. Imposant, aber nicht übermächtig im Hinblick auf ihren Variantenreichtum und ihre orchestrale Fülle, dafür klar. Kristallklar.
    Es ist mir natürlich bekannt, dass Leute wie Sie hie und da erratische Manöver machen, wenn es um die Gegenwart geht. Aber dass ganz Medien-Deutschland, ja die Medien–Welt fast schon sich so verhalten sollte wie – sag ich jetzt nochmal: Sie – das passt doch hinten und vorne nicht.
    Wenigstens die 9/11-Verschwörer müssten ganz hellhörig und begeistert tun wg. Hillary. Wo steckt eigentlich Bröckers?
    Indessen, auf einer anderen Tonspur –
    – Aber das Adorno-Museum liegt völlig verlassen da. Die letzten seiner BesucherInnen haben ihm den Rücken gekehrt und wenden sich der Bühler Höhe zu, von wo sie, während des Abendessens, ihren betäubend schönen Körperchen einen kurzen Blick wie nebenbei über die Rheinebene hinweg ins weich in die feucht-rote Ferne hinein bis hin zum sich scheinbar im sanften Farbenspiel auflösenden Elsass, zu gestatten gedenken, indes…(to be continued)

  13. ziggev schreibt:

    nur kurz: ebenfalls jetzt schnell noch hinaus in die Sonne – die Dämmerung dann ist erst die besondere Zeit.

  14. Bersarin schreibt:

    @ Dieter Kief: Na ja, wer das reine Monologisieren nicht will, nimmt eher Gadamer. Oder Habermas oder den Duzaugust Wittgenstein. Aber der monologisiert, wenn ich’s recht bedenke. Kants Schriften – die erkenntniskritischen insbesondere – sind interessant dahingehend, daß das transzendentale Ich sowie der intelligble Charakter ein feines Bedingungsgefüge bereitstellen. Archimedisches. Aber ist die transzendentale Synthesis der Apperzeption nicht eigentlich die dicke Monade des Ichs?

    Der kommunikative Kant von Ethik und ästhetischer Urteilskraft ist wohl doch eher einer, der den Derridaschen Vielheiten und Gespenstern unhold ist. („Träume eines Geistersehers“ ist freilich eine gar zu köstliche Schrift. Literatur sogar. Aber nichts von Derridas Vielheiten.)

    Es ist gut, wenn das Adorno-Museum oder Mausoleum geschlossen hat, denn es gibt da nichts zu sehen: Das Grab ist leer, wie Hegel angesichts der Kreuzfahrer schrieb: er ist nicht her, er ist auferstanden. Denn was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Es existieren in dieser Welt (leider) genug Anlässe, die Aktualität Adornos immer wieder und aufs neue mit Wucht aufs Tablett zu werfen.

    Tja, die Mails. Ich kenne sie nicht, sie interessieren mich auch nicht besonders. Clinton ist Machtpolitikerin, hinter der die Kartelle und Trusts stehen, die gerne ihre Waffen und Ausrüstungen verkauft sehen wollen. Capitalism rules! The show must go on!

    Sie haben den Rhein, ich den Wein. Unser deutsches Elsaß will ich nicht missen: auf nach Straßburg, zum Münster hin, mit Goethe. (Ach, lassen wir es den Franzosen.) Sie kennen meine Photoserien zum Elsaß hoffentlich? https://proteusphotographie.wordpress.com/tag/elsas/

    @ Ziggev: Nein, Hegel nimmt keine Hierarchisierung vor. Das ist einer der großen Irrtümer der Hegeldeutung. Hegel zeigt Entwicklungen auf sowie deren Notwendigkeit. Daß dabei auch einmal die eine oder die andere Sache als Fortschritt erscheint, bedeutet nicht, daß es eine Hierarchie gibt. Weil niemand gerne im frühen 19. Jahrhundert leben will, was die Zahnmedizin und die Möglichkeiten von Narkose betrifft, ist das noch keine Hierarchie. Hegel nennt Strukturen, er zeigt deren historische Notwendigkeit, im jeweiligen gesellschaftlichen Kontext: wie etwas wurde, wie es ist. Hegel zeigt, was in einer bestimmten Epoche geht und was nicht, er analysiert und betrachtet den historischen Stand des Bewußtseins. Das eben macht das Interessante an Hegels Theorie aus: daß Geschichte nicht statisch ist und daß Gesellschaft immer etwas Gewordenes ist. Er liegt in seinen empirischen Beobachtungen nicht immer richtig, und was er in bezug auf Kunst zu Kleist schreibt, halte ich für falsch. Allerdings war Hegel einer der ersten, der die Größe der orientalischen Kunst erkannte. Ganz so einfach ist es also mit den Hierarchien nicht. Und daß er die Kunst der Griechen für die vollendete Form hielt, weil sich hier die Schönheit einzig und adäquat ins Bild setzen konnte, hat nichts mit Klassizismus oder Hierarchie zu tun, sondern diese These gründet sich in einer Korrespondenz und Einheit von Religion, Staat und Kunst, die unter den Bedingungen der Moderne nicht mehr gegeben sein kann. Insofern wandelte sich der Schönheitsbegriff, und zwar aus entwicklungslogischen Gründen. Zwischen den Göttern Griechenlands und dem christlichen Gott liegen Welten.

    Der ist gut: „Ich wage auch, mir zu erlauben, jenes Zu-sich-selbst-Kommen des Geistes in Analogie zum shivaistischen Wiedergewahrwerden Shivas zu setzten. Das kommt natürlich nicht aus der Pistole geschossen. In Indien hat man dazu immer noch im nächsten Leben und den folgenden genug Zeit.“ Aber bei Hegel werden nun einmal der Himmel und die Transzendenz der Ewigkeit, von Ewigkeit zu Ewigkeit, auf die Erde geholt. Den Himmel überlassen wir den Engeln und den Spatzen, wußte etwas später ein deutscher Dichter zu reimen.

    Die Dämmerung, indeed, ist die besondere Zeit, die schöne Zeit. Hinab geht der Weg, Hymnen an die Nacht. Aber mit Baudelaire gesungen, der alten Nachteule und mit dem Lumpensammlern von Paris, die ich beobachte und mit einer Gabe Falschgeld schickaniere. Oder zum Klassenhaß aufstachele.

  15. ziggev schreibt:

    Das Problem bei Hegel ist, dass es bei Hegel durchaus so scheinen kann, als nehme er eine Hierarchisierung vor oder habe bereits eine bestehende Hierarchie im Kopf, bevor er bestimmt Entwicklungen nachzeichnet. „Die Ausleerung und Vernichtung zur absoluten Stumpfheit gilt als der höchste Zustand, der den Menschen zum obersten Gott selber, zu Brahman macht.“ Desh. entspringt auf der anderen Seite (dieser Abstraktion, „die zum härtesten gehört, was der Mensch sich auferlegen kann“) die Maßlosigkeit und Vielgestaltigkeit der Sinnlichkeit in der Kunst. Hegel geht hier allein vom Begriff des Brahman (und nimmt nicht etwa Shakti in den Blick) aus, und spricht an dieser Stelle neben Brahman vom „rein theoretische[n] innerliche[n] Kultus des in sich Verdumpfens und Abtötens“. Nun, genau diese Praxis des Sich-Abtötens einiger Yogi (oder Fakire) ist ja wiederum von indischer Seite kritisiert worden (es gibt eben auch umgekehrte Praxen). Wir sehen bereits hier, wie wenig ein begriffliches Vorgehen taugt, um Entwicklungen aufzuzeigen. Höchstens finden wir Indizien. Stattdessen jedoch Verallgemeinerungen, für die wahrscheinlich Berichte (von Koloniatoren) über das Gebaren von Brahmanen oder Fakire mit Anlass gegeben haben. Indien konnte, Hegel zufolge, nur vielleicht nicht-notwendige Bedingungen für weitere Epochen liefern, nicht jedoch andere wesentlich befruchten. In der Tat, die Idee des Fortschritts, von welchem aus er jedoch lediglich rückblickend bestimmte Entwicklungen mithilfe seiner begrifflichen Methode mehr oder weniger treffend interpretieren kann. Hinter dieser rückwärtsblickenden Vorgehensweise kann man zwar durchaus eine angenommene Hierarchie entdecken, aber ich will hier nicht um Worte streiten.

    Und, das finde ich in der Tat ebenfalls interessant, Hegel versucht die Dynamik historischer Prozesse zu verstehen. Die Rede vom Gewordensein zeigt aber wieder, dass er hier nur rückblickend vorgehen kann. Und dass Entwicklungen „notwendig“ seien, macht dies umso deutlicher, wenn man sich nicht von diesem so streng klingenden Wort hypnotisieren lässt. Nichts wird notwendiger, wenn auch dieses Wort noch so inflationär und irreleitend auftaucht.

    Wollen wir klar sprechen, so schließen wir notwendig auf Bedingungen sine qua non. Mit dem Zeitpfeil ist das nur unter Idealbedingungen möglich unter kontrollierten (Anfangs)Bedingungen. Dann schließen wir notwendig aber eben auch – und im logisch strikten Sinne – wieder bloß darauf, dass diese gegeben gewesen sind. Oder überprüfen: Lampe leuchtet nicht – ist die Batterie aufgeladen? Gelten die entsprechenden physikalischen Gesetzte noch ? Sind die Drähte auch richtig verschaltet und isoliert? Usw. Bei historischen Prozessen jedoch (strenggenommen sogar bei der ebenerwähnten Glühlampe) würde es, um in diesem Sinne („mit dem Zeitpfeil“) mit Notwendigkeit zu schließen, einen laplas´schen Dämon erfordern.

    Und auf diese Weise können wir uns nur dann ganz klar ausdrücken, wenn wir annehmen, dass Geschichte ein Ziel – oder mehrere unterschiedliche Ziele – hat. Wenn also – um es in Metaphern zu sagen – irgendwo der Keim für eine Entwicklung gelegt worden ist, dann müssen bestimmte Ereignisse eintreten oder Bedingungen gegeben sein (notw. Bed.), damit der Keim sich entwickelt und zur Blüte (um mich mehr blumig-orientalisch auszudrücken) gelangt. Oder, anders herum, wenn ein Begriff, z.B. der eines Gottes i.S. eines Monotheismus, nicht in irgendeiner, vielleicht noch keimenden oder irgendwie „negativen“, Weise gegeben ist, so kann sich daraus auch keine Entwicklung ergeben, in der sich dieser Begriff entfaltet.

    Wenn Hegel es als Fortschritt betrachtet, dass die Philosophie sich von der Religion emanzipiert, dann stellt sich mir die Frage, ob Hegels Philosophie selber einen Fortschritt darstellen kann, oder ob sie nicht notwendig zu einer quasi-religiösenSprache (bei Bloch) zurückkehrt. Während wir in Teilen der indischen Philosophie ein klares Bekenntnis zur Zirkularität finden, fällt es manchem Hegelianer heute immer noch schwer, dessen Zirkularität, wie sie sich an dem (logisch) falschen Gebrauch des Begriffes der Notwendigkeit zeigt, einzusehen. Wie dies nun aber am besten in favor of Hegel ausgelegt werden könnte, ist mir rätselhaft; mir´s zu erklären, wäre Aufgabe von Hegelianern. Dann würde ich mich ja mal an den Hegel heranmachen … So aber sehe ich zuerst immer nur Zirkel (hinter die zurückzugehen etwas müßig wäre).

    Ein solches Eingeständnis entdecke ich auch etwa bei Bergson, in seiner Lebensphilosophie. Vielleicht müssen wie hier Abstriche machen, um z.B. die wirkliche Vielfalt des Lebendigen uns – metaphernreich, interpretatorisch, hermeneutisch … oder wie auch immer – verständlich zumachen oder um taugliche Redeweisen zu entwickeln. Adolf Portmann machte auf augenscheinliche Grenzen der zu seiner Zeit möglichen biologischen Erkenntnis immerhin (in schön phänomenologischer Weise) aufmerksam. (Es lassen sich immer noch nicht für alle biologische Prozesse hinreichend klar die Ursachen benennen.)

    Brahman muss nicht bloß als abstraktes, statisches Konzept aufgefasst werden, bzw. es gibt nicht nur Brahman. Es gibt auch das Sein als Dynamisches Prinzip der Wirkmächtigkeit oder des Potentials hierzu eines Agenten, der somit in Identität in allem aufzufinden sei (nur vage, in etwa). Deshalb die Dämmerung als Prozess des Werdens (morgens wie abends).

  16. Bersarin schreibt:

    Mit oder genauer nach Hegel setzte das Zerfallen der Philosophie ein, und die Einzelwissenschaften traten auf den Plan, die genau jene Zusammenhänge dann im Detail und empirisch erforschten. Hegel war der letzte große Systemphilosoph, und was er betrieb, war eine Form von spekulativer Philosophie, auch dort, wo man heute eher empirisch forscht und eine andere wissenschaftliche Systematik ansetzt. Man muß das nicht alles unkritisch übernehmen, was Hegel schrieb und in mancher Detailanalyse wird man ihn gut wiederlegen. Was er zu Indien schrieb, stellt vermutlich eher eine allgemeine Tendenz dar, als daß Hegel bis auf den Grund und mit dem Blick des Soziologen oder Ethnologen diese soziale Welt durchdringen wollte. Aber wenn man seine Texte in einer metaphorischen Lesart interpretiert und mitdenkt, wie Hegel ein Wissenssystem zu schaffen versuchte, so denke ich, kann man ihn dennoch mit Gewinn lesen. Selbst bei einem heiklen Thema wie den Naturwissenschaften – etwa in den Jenaer Systementwürfen. Dennoch formuliert Hegel teils Prinzipien und Ideen, die auch heute noch diskutiert werden und die möglicherweise wiederum originelle Beiträge zu einer Heuristik abgeben können. Vielleicht muß man diese Texte Hegels in der Weise lesen, wie wir heute die Mythen anderer Völker und Epochen rezipieren: als Bilder und Ausdrucksformen. Philosophie als Reflexionsmedium, das das Ganze, die Welt zu begreifen und zu verstehen trachtet.

    Manche seiner Urteile über Kunstwerke sind einem allgemeinen, subsumierenden Blick geschuldet. So etwa, was er über Kleist und E.T.A Hoffmann schreibt. Anderes, wie seine Antigone-Lektüre ist noch heute anregend und deutet auf Wesentliches, das uns bis in die Gegenwart beschäftigt: jene „Tragödie im Sittlichen“.

    „Die Rede vom Gewordensein zeigt aber wieder, dass er hier nur rückblickend vorgehen kann.“ Das ist richtig und das schreibt ja auch Hegel selbst – in dieser ausgesprochen poetisch und damit schön formulierten Sentenz in der Vorrede seiner Rechtsphilosophie:

    „Um noch über das Belehren, wie die Welt sein soll, ein Wort zu sagen, so kommt dazu ohnehin die Philosophie immer zu spät. Als der Gedanke der Welt erscheint sie erst in der Zeit, nachdem die Wirklichkeit ihren Bildungsprozeß vollendet und sich fertig gemacht hat. Dies, was der Begriff lehrt, zeigt notwendig ebenso die Geschichte, daß erst in der Reife der Wirklichkeit das Ideale dem Realen gegenüber erscheint und jenes sich dieselbe Welt, in ihrer Substanz erfaßt, in Gestalt eines intellektuellen Reichs erbaut. Wenn die Philosophie ihr Grau in Grau malt, dann ist eine Gestalt des Lebens alt geworden, und mit Grau in Grau läßt sie sich nicht verjüngen, sondern nur erkennen; die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug.“

    Was den Gang und den Fortschritt und die Bedingungsgefüge samt Kausalität, Genesis und Geltung betrifft, so berührst Du wohl die zentrale Frage der Philosophie, und wer dazu das Ei des Kolumbus findet und Heureka rufen kann, der dürfte den Schlüssel zur Welt und zur Weisheit in der Hand halten. Hegel versuchte im Rahmen von Metaphysik darauf eine Antwort zu finden, die das Dynamische und damit die Bewegung favorisierte. Hegel nimmt die Widersprüche beim Wort:
    „Man muß den alten Dialektikern die Widersprüche zugeben, die sie in der Bewegung aufzeigen, aber daraus folgt nicht, daß darum die Bewegung nicht ist, sondern vielmehr, daß die Bewegung der daseiende Widerspruch selbst ist.“

    Zumindest stellt Hegels Philosophie einen Fortschritt gegenüber vorhergehenden Positionen dar, weil er das geschichtliche Moment im Blick hatte. Der Kreis ist für Hegel ein zentrales Bild der Dialektik, man nehme nur den Schluß der WdL II, wo er vom Kreisen der Kreise spricht, von Spiralbewegungen, wo aber die unteren Punkte und Stellen der Spirale nicht nur aufgehoben und negiert, sondern zugleich auch in einer Art Vertikalen immer wieder berührt und mitgenommen werden. Gerade an diesen Stellen ist Hegel und bleibt Hegel interessant. Aber diese allgemeinen Aspekte lassen sich vermutlich am besten an den Details und an konkreten Textstellen festmachen. Also etwa an seiner Vorrede und Einleitung zur „Phänomenologie“.

  17. ziggev schreibt:

    oh, je – ich sehe schon, ich werde die Wiss. der Logik rückwärts lesen müssen ! Aber Scherz beiseite, denn, ja, hiermit lässt sich für mich etwas anfangen.

    Ach, und da jetzt soviel von Abendstimmungen die Rede gewesen ist: Auf jene berühmte Stelle in der Vorrede zur Rechtsphilosophie, dankenswerterweise hier mal ausführlicher zitiert, bezieht sich jetzt gerade Karl-Heinz Ott in der NZZ vom Samstag, wo er z.Z. vernachlässigte „fundamentale Aspekte der Kunst“ zum Thema macht und moniert, dass Literatur offenbar mit journalistischer Eilfertigkeit konkurrieren solle, um wie beim Hase-Igel-Spiel rufen zu können: Ick bin all da! „Dabei hat ihr nie geschadet, was Hegel für die Philosophie reklamiert, nämlich ein Innehalten, das den Abend abwartet, an dem sich das Gewirr des Tages in anderem Licht zeigt als mitten im Gewühl.“

  18. holio schreibt:

    *like*

  19. Bersarin schreibt:

    @ ziggev: Ja,ein guter Artikel von Karl-Heinz Ott, wobei ich das Kunstwerk nicht völlig von Gesellschaft abschotten will – aber das sagt Ott ja auch implizit. Im Grunde vertritt er hier eine durch und durch adornitische Position. Zu recht.

    @ Holio: Like for me, like for ziggev, like for both? Like ice in the sunshine? Like a virgin: Some like ist hot.

    (Aber nicht Deichkind – oder? Da wäre ich dann traurig.)

  20. holio schreibt:

    Ziggevs Aufmerksamkeit auf den Abend bei Ott hatte ich liken wollen. Bei Abend fallen mir immer die Zwerge, die lange Schatten werfen, ein, aber das passt hier an diesem Ort leider nun einmal nicht. Doch spielt er als Land auch ins Sommerlochthema برقع schön herein.

    Kiefs graue Katzen im letzten Abendlicht, seine den verschwindenden Tag bescheinende Sonne, die im Erbfeind untergeht, Ziggevs Dämmerung drauf (mittlerweile hat die Uhr sieben pm geschlagen), Ihr Heine ebendort, Ziggevs nochmalige Dämmerung als Prozess des Werdens, diesmal ergänzt um den Gegenpart vor der Morgenröte im Aufgang (besser, das Deutsche würde die nackte Dämmerung verbieten und nur noch von Auf- oder Ab- sprechen, um die Tendenz, das Vorzeichen der Ableitung zu integrieren), dann Ihre Eule der Minerva … das alles mit Hegels Entschleunigungsaufruf zu beschliessen, hat mir einfach gefallen.

  21. Bersarin schreibt:

    Danke für die Ausführung und die Aufklärung. Wobei ich nicht weiß, ob Hegel wirklich entschleunigt. Ist es nicht vielmehr die Furie des Verschwindens? Arg unruhig.

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