„… und die Welt ist eine kalte Welt“ – zum 60. Todestag von Bert Brecht

Ihr wollt ein Liebeslied? Es gibt kein Liebeslied. Nicht jetzt, nicht heute. Nein, wir brauchen nicht die schönen, alten Liebeslieder. Denke ich mir. Poetisiert Euch nicht, das ist Marketing für Buchverlage. Und glotzt nicht so romantisch. Aber die Kampflieder gehen ebensowenig: Vorwärts und nicht vergessen. Unbeweglichkeitsposen. Dem Morgenrot entgegen. Gute alte Zeit, „altes Linnen!“ (S. Beckett). „Dich behalte ich.“ Er nähert das Taschentuch seinem Gesicht, bedeckt sein Gesicht mit dem Taschentuch, läßt die Hände auf die Armlehnen sinken und bewegt sich nicht mehr. Obwohl das unmittelbar Politische schon lange ins Affirmative gekippt ist, bleibt ein Stück wie „Die Maßnahme“ insofern interessant, weil es die Verheerungen des Stalinismus wie auch die Möglichkeiten der Propaganda zeigt, wenn man es in der Inszenierung zuspitzt. Jener Klassenkampf, der einst bitter notwendig war. Nur näherte sich der Prolet im Gang des Kampfes der Sozialdemokratie an. Auch der Haß gegen die Niedrigkeit verzerrt die Züge und der verzerrte Zug gerinnt als das Gesicht des Feindes und die, die den Boden für Freundlichkeit bereiten wollten, konnten selbst nicht freundlich sein. Tücke der Geschichte. Vielleicht aber haben gegenüber dem unmittelbar Engagierten „Vorwärts -nieder“ solche Zeilen Bestand, die ins Grundsätzliche gehen, sozusagen historischer Ontologismus mit liquider Tendenz

Am Grunde der Moldau wandern die Steine
Es liegen drei Kaiser begraben in Prag.
Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine.
Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.

Es wechseln die Zeiten. Die riesigen Pläne
Der Mächtigen kommen am Ende zum Halt.
Und gehn sie einher auch wie blutige Hähne
Es wechseln die Zeiten, da hilft kein Gewalt.

Am Grunde der Moldau wandern die Steine
Es liegen drei Kaiser begraben in Prag.
Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine.
Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.

Ich weiß es nicht. Ich glaube nicht ans Lehrgedicht. Wirken solche politischen Parabeln heute noch? Und vor allem: bestehen sie in ihrer Konstruktion? Der politische Brecht ist genau in den Passagen gut, wo er den historischen Materialismus nicht bloß vulgär nimmt – Adorno hielt ihm dieses Simplifizieren des Komplexen vor; insbesondere in seiner Kritik an Benjamins Baudelaire-Text warnte er davor, das Basis-Überbau-Phänomen unidirektional einfach zu fassen. Denn der Weltgeist ist ein Trickser. Das eben ist die „List der Vernunft“. Brecht ist dort gut und wirkt ästhetisch, wo er im epischen Theater unsere Rezeptionsweisen befragt, wo er unsere Auffassungen erschüttert und die Art, wie wir Welt wahrnehmen, bei den Hörnern packt: Als Schock. Was freilich nicht bloß auf die Seite der Wirkung zu buchen ist, sondern zunächst als ästhetische Konstruktion und als Arbeit am Material im Text selbst auszuloten ist.

Alle jene Theater-Inszenierungen, bis heute hin, die postmodernistisch die vierte Wand aufbrechen, – sei das als Publikumsbeschimpfung oder in anderen Varianten des Bezugs -sind insofern Ahnen von Brecht, als sie mit einer Verfremdung arbeiten, die den Zuschauer direkt anspricht. Insbesondere ist Frank Castorf Brechts großer Erbe. Er allerdings brach diese Wand manchmal bloß durch ganz simple, aber geniale Effekte: der Einsatz von Kartoffelsalat genügte, und eine Rutschbühne mit Gleitgel reichte aus, was Zurufe provozierte. Oder gedehntes Sprechen, daß es die Zuschauer veranlasste, in den Saal zu rufen, wann dieses Zeitgeschiebe endlich aufhöre. So in „Die Frau vom Meer“, in der Szene als Hauslehrer Arnholm der Bolette einen Heiratsantrag machte. Was in fünf Minuten gesagt und getan wäre, zog sich eine halbe Stunde.

Brecht scheitert an den Stellen, wie schon Schiller, wo das Theater ins Lehrstück kippt und als Anstalt zur moralischen Erziehung wertvolle Arbeit leisten soll. Historisch mag diese „Prosa des Lebens“ (Hegel) notwendig gewesen sein, und sie ist wieder und wieder nötig: Agitation und „Auf, auf, zum Kampf“. Zumal der Klassenfeind immer noch die Markierungen setzt. Nur das historische Subjekt ist den Dagebliebenen – nicht erst im Akt (post)strukturaler Subjekdekonstruktion und als Anti-Descartesismus – verloren gegangen. In der Romantik von Schubert kam dem Subjekt immerhin nur die Welt abhanden, was als Einstieg für Kritik seinerzeit gut taugte. Für das freilich, was wir den autonomen Kern des Kunstwerkes nennen, für das Gesetz seines Gemachtseins richtete dieses Engagement samt politischer Parole Schaden an. Das reicht bis heute, wo es zu sehr agitpropt. Doch Brecht schrieb auch solche Zeilen, die ironisch ins Mark treffen: für uns Großstadtbewohner, im harten Ich-Ton, und wie das Gewirr und die Annehmlichkeiten der Großstadt mit der Kühle der Modernen nachhallen. Birth of the cool:

Ich, Bertolt Brecht, bin aus den schwarzen Wäldern.
Meine Mutter trug mich in die Städte hinein
Als ich in ihrem Leib lag. Und die Kälte der Wälder
Wird in mir bis zu meinem Absterben sein.

In der Asphaltstadt bin ich daheim. Von allem Anfang
Versehen mit jedem Sterbsakrament:
Mit Zeitungen. Und Tabak. Und Branntwein.
Mißtrauisch und faul und zufrieden am End.

Solche Brecht-Texte funktionieren. Vor allem in ihrer gesungenen Version, also als Lied, weil Rhythmus, Klang und Ton die Lyrik zuspitzen. Auch solche zur Gattung der engagierten Poesie zu rechnenden Stücke wie die „Lied von der belebenden Wirkung des Geldes“ halten und bleiben. Noch im Lauf der Zeit, was aber bedeutet, daß sie ins Refugium des Klassikers rutschen, sich entschärfen zum behäbigen Vortragsabend mit Stimmung, wenn man den Gehalt nicht reaktualisiert. Brecht ist immer wieder neu zu singen – das ist die Herausforderung. Mann bleibt Mann oder von der belebenden Wirkung des Geldes:

Bei mir aber bleibt es dabei, die „Erinnerung an die Marie A“ gehört zu den schönen Gedichten, die das Phänomen „Zeit“ ins private Moment setzen und die Bedeutung von Natur mit dazu. Wie sich ein Augenblick an einen Fetzen Himmel zu knüpfen mag, eine Wolke, die im nächsten Moment schon schwindet, wie all die schönen Augenblicke. Vielleicht vor dem Schinkel-Casino am Jungfernsee, abends beim verbotenen Picknick auf der Wiese. Mit dem Blick durch die Pergola, hinüber auf die Heilandskirche am Port von Sacrow, wo im Jungerfensee die Sonne absinkt. [– auch interessant: Brecht und die Kirche]:

Dann in Kutten Schritten zwei
Trugen ’ne Monstranz vorbei.
Wurd die Kutte hochgerafft
Sah hervor ein Stiefelschaft.

Doch dem Kreuz dort auf dem Laken
Fehlen heute ein paar Haken
Da man mit den Zeiten lebt
Sind die Haken überklebt.

Brauchbar bleibt Brecht auch heute angesichts von Gaucklern und was derer mehr ist. Ich aber will wieder zurück ins Private und in den Reflexionspalast meines Grandhotel Abgrund: „Erinnerung an die Marie A“. Das Private ist politisch. (Manchmal. Eine Frau zu vergessen, käme mir nicht in den Sinn.)

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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