Karl Kraus – „ein ehrliches ‚Was wir umbringen‘ …“

„Der wahre Weltuntergang ist die Vernichtung des Geistes,
der andere hängt von dem gleichgiltigen Versuch ab,
ob nach Vernichtung des Geistes noch eine Welt bestehen kann.“
(Karl Kraus)

Mit der „Fackel“ machte Karl Kraus die Kritik der Zeitungsphrasen zu seiner Sache: Sprachkritik als Ideologiekritik. Er entlarvte einen Jargon, der dem Publikum einen Bären aufbindet und unterm Wortsalat eine bestimmte Sache schmackhaft servieren will. Das ist heute nicht viel anders als vor 100 Jahren, und es scheint dem Wesen der Presse als Kategorie der Öffentlichkeit inhärent. „Strukturwandel der Öffentlichkeit“. Insbesondere im Wien des Fin de Siècle herrschte in der Wirtschaft Korruption. Statt daß Zeitungen jedoch darüber berichteten, schwiegen sie. Dagegen gingen verschiedene Seiten an – von den Konservativen bis zu den Sozialdemokraten. Zunächst versuchte auch Kraus, korrupte Absichten bei der liberalen Zeitung „Neue Freie Press“ offenzulegen. Schnell aber verlagerte er seine Strategie in eine andere Richtung. Nicht mehr auf die direkte Enthüllung kam es ihm an, sondern er zielte auf die Sprache dieser Zeitungen – „eine Trockenlegung des weiten Phrasensumpfes“. Damit literarisierte sich Karl Krausʼ Projekt. Diese Umpolung von Journalismus zeigte sich bereits im Vorwort für die erste Ausgabe der „Fackel“, so daß der Begriff „Journalist“ bei Kraus fortan eher ein Schimpfwort und wenig schmeichelhaft gemeint war. Auf die Idee, sich gar hochtrabend als Kulturjournalist zu bezeichnen, käme Kraus nicht:

„In einer Zeit, da Österreich noch vor der von radicaler Seite gewünschten Lösung an acuter Langeweile zugrunde zu gehen droht, in Tagen, die diesem Lande politische und sociale Wirrungen aller Art gebracht haben, einer Öffentlichkeit gegenüber, die zwischen Unentwegtheit und Apathie ihr phrasenreiches oder völlig gedankenloses Auskommen findet, unternimmt es der Herausgeber dieser Blätter, der glossierend bisher und an wenig sichtbarer Stelle abseits gestanden, einen Kampfruf auszustoßen. Der ihn wagt, ist zur Abwechslung einmal kein parteimäßig Verschnittener, vielmehr ein Publicist, der auch in Fragen der Politik die ‚Wilden‘ für die besseren Menschen hält und von seinem Beobachterposten sich durch keine der im Reichsrath vertretenen Meinungen locken ließ. Freudig trägt er das Odium der politischen ‚Gesinnungslosigkeit‘ auf der Stirne, die er, ‚unentwegt‘ wie nur irgendeiner von den ihren, den Clubfanatikern und Fractionsidealisten bietet.

Das politische Programm dieser Zeitung scheint somit dürftig; kein tönendes ‚Was wir bringen‘, aber ein ehrliches ‚Was wir umbringen‘ hat sie sich als Leitwort gewählt. Was hier geplant wird, ist nichts als eine Trockenlegung des weiten Phrasensumpfes, den andere immerzu national abgrenzen möchten. Mit Feuerzungen – und wäre es auch ein Dutzend verschiedensprachiger – predigen die Verhältnisse das Erkennen socialer Nothwendigkeiten, aber Regierende und Parteien wünschen vorerst – mit hinhaltender Berechnung die einen, in leidenschaftlicher Verblendung die anderen – die Kappenfrage der Prager Studenten erledigt zu wissen.

Diese Erscheinung schmerzlichsten Contrastes, die sich durch unser öffentliches Leben zieht, wird hier den Gesichtspunkt für die Beurtheilung aller politischen Ereignisse bestimmen, und es mag zuweilen glücken, dem dumpfen Ernst des Phrasenthums, wo immer er sein Zerstörungswerk verübe, durch die ihm so unbequeme Heiterkeit rechtzeitig den Credit zu schmälern.

Dem durch keine Parteibrille getrübten Blick muss doppelt deutlich sich das Mene Tekel zeigen, welches dräuend in unserer durch Altarkerzen verstärkten Finsternis zuweilen aufleuchtet. Aber die Sprachgelehrten wissen es nicht zu deuten, und vom alten Hader noch erschöpft, erheben sie sich zu neuem Zanke. Von dem unheimlichen Anblick geblendet, weisen die einen mit einem ängstlichen ‚Zde‘ nach der Erscheinung, dieweil die anderen, völkischen Verrath witternd, als die Verhandlungssprache des jüngsten Gerichtes nur die deutsche gelten lassen wollen…..

Vielleicht ist dem frevlen Treiben gegenüber, das den Wettkampf zwischen der auf ihre Reife nicht wenig stolzen und einer kräftig erst sich emporringenden Cultur auf den rüdesten Wirtshauszank reducieren möchte, ein offenes Wort noch willkommen. Vielleicht darf ich mich aber auch der Hoffnung hingeben, dass der Kampfruf, der Missvergnügte und Bedrängte aus allen Lagern sammeln will, nicht wirkungslos verhalle. Oppositionsgeister, die des trockenen Tons nun endlich satt sind, möge er befeuern, alle jene, die Talent und Lust zu einer beherzten Fronde gegen cliquenmäßige Verkommenheit auf allen Gebieten verspüren, ermuntern und in diesem unakustischen, national verbauten Reiche nicht bloß bei den für jede neue Erscheinung empfänglichen und grundsätzlich hellhörigen Staatsanwälten ein Echo finden.

Der umständliche Instanzenzug, den hier der sogenannte ‚Geist der Zeit‘ noch immer durchmachen muss, um nach oben zu gelangen, wird bei jeder sich darbietenden Gelegenheit in seinen vielverschlungenen Wegen zu verfolgen sein. Was an dem unbefangenen Beobachter ist, soll geschehen, um zwischen der Regierung und den Parteien Schuld in gerechter Weise zu vertheilen: Ministern, die nur ein einziges Gesetz nicht verletzen, nämlich das Gesetz der Trägheit, vermöge dessen sich dieser Staat noch aufrechterhält – Volksvertretern, die jede andere, nur nicht die ‚innere Amtssprache‘ des Gewissens beunruhigt und welche unentwegt über die Aufschrift auf ärarischen Spucknäpfen streiten, während das Volk seine ökonomischen Bedürfnisse als Beichtgeheimnis allzuverschwiegenen Priestern anvertraut….. So möge denn die Fackel einem Lande leuchten, in welchem – anders als in jenem Reiche Karls V. – die Sonne niemals aufgeht.“

„Die Fackel“ erschien von 1899 bis 1936, bis kurz vor Krausʼ Tod – freilich in unregelmäßigen Abständen, so daß man auch sein Schweigen zu bestimmten Anlässen als eine Art von Äußerung nehmen konnte.

Auch zu Literaturpreisen, die der Aufmunterung dienen, schrieb Karl Kraus. Angesichts einer Flut an Literaten haben die Sätze bis heute nichts von ihrer Gültigkeit eingebüßt:

„Das Preisrichterkollegium hat sich vor der Fülle konkurrierender Genies nicht anders helfen können als für jedes Gebiet je drei Preise à 1000 Schilling festzusetzen. Sie sollten zwar ursprünglich jener »Aufmunterung« dienen, die auf sämtlichen Gebieten der Kunst schon so viel Unheil angerichtet hat, während Abschreckungspreise, geknüpft an die Bedingung, nichts dergleichen mehr zu tun, sondern einen nützlichen Beruf zu ergreifen, ein wahrer Segen wären.“

9783835314238lViele der Essays von Kraus sind heute lediglich für Literaturwissenschaftler verständlich und werden vom Publikum kaum mehr begriffen, weil mancher Bezug, manche Anspielung weit in der Ferne liegt und nicht mehr Gegenstand des Wissens ist – so etwa Kraus‘ Werfel- und Expressionismusparodie, die er 1921 in seinem Theaterstück „Literatur oder Man wird doch da sehen“ vortrug. Aber auch ein Text wie „Heine und die Folgen“ erklärt sich nicht jedem von selbst. So ist mehr als gut und löblich, daß der feine Wallstein Verlag es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Schriften von Karl Kraus in angenehmen Editionen feilzubieten. Seien es die Briefe Karl Krausʼ an seine große Liebe, die bemerkenswerte Baronin Sidonie Nádherný von Borutín, die eigentümliche Bewunderung des Dichters Detlev von Liliencron durch Karl Kraus. („Detlev von Liliencron entdeckt, gefeiert und gelesen von Karl Kraus“) oder aber jene Aufsätze zur Literatur, die mit dem Titel „Heine und die Folgen“ versehen sind, in welchem Aufsatz sich die schöne Einleitung findet von der „Wehrlosigkeit vor dem Stoff und der Wehrlosigkeit vor der Form“ als die zwei Richtungen der geistigen Unkultur.

„Das literarische Ornament wird nicht zerstampft, sondern in den Wiener Werkstätten des Geistes modernisiert. Feuilleton, Stimmungsbericht, Schmucknotiz – dem Pöbel bringt die Devise ‚Schmücke dein Heim‘ auch die poetischen Schnörkel ins Haus. Und nichts ist dem Journalismus wichtiger, als die Glasur der Korruption immer wieder auf den Glanz herzurichten.“ (Heine und die Folgen)

Schade ist es nebenbei, daß im Suhrkamp Verlag, wo einmal der Kraus in einer mehrteiligen Ausgabe erhältlich war, nur noch einzelne Bände zu bestellen sind. Die frühen Schriften, Sittlichkeit und Kriminalität, die Dritte Walpurgisnacht, die Gedichte, die Dramen – alles bloß antiquarisch erhältlich. Die vielbeschworene Suhrkamp-Kultur ist dahin – oder vielmehr: sie ist wie alle Verkaufskultur bloße Fetischbeschwörung. Fein wäre es, gäbe Suhrkamp eine gute kommentierte Ausgabe heraus. Glücklicherweise aber bemüht sich der Wallstein Verlag um die Prosa Krausʼ.

„Für mein Leben gern wüßtʼ ich: was fangen die vielen Leute nur mit dem erweiterten Horizont an.“

Zu empfehlen bleibt da nur: Karl Kraus lesen!

Karl Kraus: Heine und die Folgen. Schriften zur Literatur, hrsg. und kommentiert von Christian Wagenknecht und Eva Willms, € 32,00, ISBN: 978-3-8353-1423-8, Wallstein Verlag, 2014
Karl Krausʼ ‚Literatur oder Man wird doch da sehn‘. Genetische Ausgabe und Kommentar, hrsg. v. Martin Leubner, € 34,00, ISBN: 978-3-89244-089-5, Wallstein Verlag 1996

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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